1. Gott zur Sprache bringen
Christen wissen, dass sie Gott nicht ganz erfassen können, zudem wissen sie, dass die Sprache nicht in der Lage ist, wirklich das von Gott vermitteln zu können, was zu vermitteln ist. Kurz: Sie können eigentlich nicht von Gott reden – aber sie wurden von Gott beauftragt, über Gott zu reden, ihn zu verkündigen (Karl Barth). Damit sie angemessen von Gott reden können, muss sich Gott in ihrem Reden von Gott selbst zur Sprache bringen (Offenbarung) – und das tut er, indem er die Sprache verwendet, indem er die Sinne anregt. Menschen versuchen nun die Gotteserfahrungen Sprache werden zu lassen, zu kommunizieren als Individuen als Teil ihrer Kultur und ihrer Zeit – immer in dem Bewusstsein, dass das eigentlich kaum machbar ist. Und so können wir Menschen den Mythos verwenden, wir können vergleichende Sprache verwenden – so hat z.B. Jesus Gleichnisse herangezogen. Mythos wie Gleichnisse – wie auch Lyrik – sprechen Seiten des Menschen an, die er nicht nur rational erfassen kann, sondern die auch in der Lage sind, ihn emotional zu erfassen. Das Sprechen von Gott ist metaphorisch. Manche Formulierungen sind Abhängig von Situationen, von bestimmten Zeiten – manche sind zeitlos gültig. Auch Musik ist eine religiöse Sprache. Die an dieser Stelle jedoch nicht vertieft wird. (Als Beispiel sei auf Spiritual/Gospel hingewiesen: https://gedichte.wolfgangfenske.de/spiritual-gospel/ ).
2. Sprachspiele / Soziolekt:
Der Philosoph Wittgenstein hat „Sprachspiele“ in die Diskussion eingebracht: Menschen sprechen – und dieses Sprechen ist in Kontexten zu Hause. Diese Kontexte werden von bestimmten Gruppen usw. geprägt. Von daher versteht nicht jeder Mensch jedes Sprachspiel, weil er nicht mit dem jeweiligen Kontext vertraut ist. Soziolekt – jede Gruppe einer Gesellschaft hat ihre Sprach-Variation. Jugendsprache unterscheidet sich von der Sprache Erwachsener, die Juristen unterscheiden sich in ihrer Sprache von den Medizinern, Naturwissenschaftler haben ihre ihnen eigene Sprache wie auch die Philosophen – und derjenige, der nicht dazugehört, versteht vielfach gar nichts oder Nuancen nicht, weil er nicht in diesem Sprachspiel bzw. Soziolekt zu Hause ist.
Es sei noch angemerkt, dass in der Zeit, in der zum Beispiel die Schöpfungsgeschichten entstanden sind, Wissenschaft, Religion, Moral, Weisheit zusammengeflossen sind. Welterkenntnis war eine Einheit. In der Neuzeit wurden diese getrennt. Die alte Wissenschaft nennt man Weisheit, die der Neuzeit Wissenschaft. Durch die Trennung haben sich auch die „Sprachspiele“ voneinander entfernt.
Ein kleiner Exkurs zur Mathematik: Mathematiker haben die Mathematik als eine Größe angesehen, mit der nicht Gott selbst zur Sprache gebracht wird (zum Beispiel als „Vater“, sondern Gott als Schöpfer, als logischen Urgrund der Welt erkennbar werden lässt. Sie ist der Versuch, das „Denken“ Gottes nachzuvollziehen. Es geht nicht darum, um eine Beziehung zu Gott herzustellen, sondern um sein Handeln analytisch zu erfassen.
Das Reden von Gott ist ein Versuch, sehr viele Grenzen zu überschreiten. Es scheitert – kann aber als „Sprachspiel“ gelingen, wenn man sich auf die Metaphern, Gleichnisse einlässt und anerkennt. Anders als in der Mathematik. Um dieses exklusive „Sprachspiel“ zu verstehen, ist eine umfassende Kenntnis dieser Sprache notwendig.
3. Metaphern: Über Gott reden
Gott wird in der Sprache der jeweiligen Zeit, in den Vorstellungen der jeweiligen Zeit verkündigt: Gott ist im Sturm, im Gewitter (Anbetung von Naturmächten: Psalm 18,8ff. Ps 29; Ps 77,12ff.; Ps 97 usw.), Gott ist wie die Sonne (Psalm 104; Anbetung des Sonnengottes). Gott wird auch als einer erfahren, der eher mit menschlichen-sozialen Bildern ausgesprochen werden konnte: Gott ist ein Hirte, ein Kämpfer/Krieger, ein König. Es gibt zahlreiche Gottesbilder, mit denen Juden ihren Glauben aussprachen. Manche waren nur eine Zeit lang von Relevanz, manche nur für einzelne Individuen, manche gingen durch die Zeiten hindurch bis in die Gegenwart, manche wurden vergessen, doch dann wieder irgendwann bedeutsam.
Das gilt auch für die christliche Zeit. In Zeiten, in denen es Könige gab, wurde Gott bevorzugt als König angesehen – allerdings auch in späteren Zeiten, als Könige politisch keine Rolle mehr spielten – aber der Begriff wurde beibehalten, weil Gott in seiner Herrscherfunktion eher einem König entspricht als einem Bundeskanzler oder einem Bundespräsidenten.
Um den heiligen Namen „JHWH“ nicht auszusprechen, haben fromme Juden die Bezeichnung „Adonai“ – der Herr – gewählt – der dann in der griechischen Bibelübersetzung (Septuaginta) als „Kyrios“ (Herr) wiedergegeben wurde. Im Neuen Testament wurde die Bezeichnung Kyrios mit Jesus Christus verbunden und Theos (Gott) mit dem Gott, den Jesus Christus als Vater anredete. (Heute verwenden Juden die Abkürzung G´´tt – um ihn von den Göttern abzugrenzen.)
Mit „Vater“ greifen Christen eine Anrede auf, die für Jesus Christus von besonderer Relevanz war. Aber der „Vater“ wird interpretiert in Gleichnissen, so im Gleichnis vom Verlorenen Sohn, oder in Gebeten: Er ist derjenige, dessen Wille zählt (dein Wille geschehe im Himmel also auch auf Erden), er ist derjenige, der die Menschheitsgeschichte beendet (dein Reich komme), oder in anderen Texten: Menschen können sich von ihm entfernen und er bestätigt ihnen die selbst gewählte Hölle, er lässt die Sonne scheinen über Böse und Gute, oder in den Wundern Jesu: er ist der Heilende und Vergebende – und die jüdische Tradition, die in alttestamentlichen Schriften ausgesprochen wird, schwingt mit: Schöpfer, Gott der Väter und viele andere Gottesbilder. Es ist also kein „biologischer“ oder „patriarchaler“ Vater, er ist kein reiner „Wohlfühl-Vater“, er enthält immer Aspekte, die uns Menschen fremd vorkommen, an denen wir uns reiben können.
Gott wird also mit verschiedenen Begriffen „erfasst“ – wobei jeder weiß, dass der Begriff stimmt, aber nicht die Fülle Gottes erfassen kann. Kurz: Es kann nicht gesagt werden, dass Gott kein „Vater“ ist, aber er durchbricht das, was wir unter „Vater“ verstehen. Er ist als „irdischer“ Vater nicht zu fassen (er ist nicht begrenzt, enttäuschend wie menschliche Väter es sind) – aber gleichzeitig ist er doch „Vater“, denn diese Bezeichnung erfasst viele Menschen. Er ist als Vater präsent, schenkt Geborgenheit, Wegweisung. Kurz: Eine Metapher ist als solche Wirksam, auch wenn sie nicht rational erfasst wird.
Nicht nur Juden und Christen thematisieren die Frage nach der Sagbarkeit Gottes. Für Muslime ist Allah unvergleichlich – aber dennoch redet er über sich selbst im Koran in menschlichen Metaphern, zum Beispiel: Allah hat eine „Hand“, er ist zornig, barmherzig. Nun hat er nicht in Wirklichkeit eine Hand, somit ist in der Auslegung (Exegese) des Koran zwischen wörtlichem und verborgenem Sinn zu unterscheiden. Der Sufismus geht weiter, indem er erkennt, dass die Unsagbarkeit Allahs / des Koran im Grunde nur durch Symbole und Bilder erfasst werden kann. Auch im Hinduismus gibt es den Gedanken, dass vom absoluten Sein (also Brahman) nur gesagt werden kann, dass er weder dies noch das ist. Alles Reden greift zu kurz. Und so hat die Gottheit die verschiedensten Namen und Erscheinungsformen. Während der Islam dieses „Sprachspiel“ mit dem Koran verbindet, verbindet der Hinduismus es mit dem Wirken des „Urgrundes“ in der Welt. Durch das Wirken des Heiligen Geistes in der Welt und in der Bibel wie auch in der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, sehe ich im christlichen Glauben eher eine Mischung beider. Es handelt sich also auch um Exegese – aber darüber hinaus durch den Geist Gottes auch um Zukunftsoffenheit.
Aufgabe 1
(a) Das ist eine sehr komplexe und schwer zu verstehende Sicht. Aber stell Dir vor, die Wörter „Herr“, „Vater“, „Hand“, „Haus“ usw. sind wie Fenster. Durch sie kannst Du hinaus schauen in eine Wirklichkeit, die nicht das Fenster selbst ist. Aber das Fenster ist wichtig, um überhaupt hinaussehen zu können. Und wenn Du hinaussiehst durch das Fenster, weißt Du, dass die Aussicht / Welt viel größer ist als der Fensterrahmen. Kannst Du weitere Bilder für das Dargestellte finden?
(b) In dem Text steht, dass Gott als „Vater“ für viele Menschen wichtig ist, weil er als Vater präsent ist, Geborgenheit, Wegweisung schenkt. Manche Menschen sehen das Wort „Vater“ jedoch negativ, weil sie nicht von Gott auf den Vater schließen, sondern von ihren Erfahrungen mit menschlichen Vätern. Sie sehen im Grunde nur das Glas, aber die Aussicht können sie nicht wahrnehmen. Von daher mögen sie den Begriff nicht. Das heißt, das „Sprachspiel“ funktioniert nicht mehr.
α) Was denkst Du: Müssen / können diese Menschen einen neuen Begriff finden oder einen Begriffmix, der das aussagt, was die Bezeichnung „Vater“ beinhaltet?
β) Um im Bild des „Fensters“ zu bleiben: Wenn das Glas ersetzt wird, bedeutet das, dass nicht jeder dasselbe Fenster benutzen muss, um die Aussicht genießen zu können?
(c) Es wurde im Text von der Zukunftsoffenheit des christlichen Glaubens gesprochen, die durch den Geist Gottes gegeben ist. Kannst Du das mit Blick auf Deine Antworten in a) und b) in Verbindung bringen?
(d) Du merkst, dass der christliche Glaube ein lebendigen, dynamischen Prozess ist.
α) Aber denkst Du, dass es Begriffe gibt, die für Gott undenkbar sind, die gefährlich sind, wenn man diese mit dem christlichen Glauben an Gott verbindet? Um im Bild des Fensters zu bleiben: Wenn eine mit Farben lackierte Fensterscheibe als die wahre Aussicht propagiert wird? (Denke zum Beispiel an einen Gott als Nationalgott oder einen Gott, der nur für die eigene Gruppe gilt.)
β) Wer / was ist der Maßstab für eine angemessene Bezeichnung für Gott?
e) Überlege, bevor Du das Folgende liest: Warum sprechen wir von Gott nicht als Flugzeug, Bundeskanzler, Windrad, Smartphone?
f) Kannst Du das nachvollziehen – oder hast Du einen Begriff, der aus der Gegenwart entnommen wurde, um damit Gott zu kennzeichnen?
Die modernen Begriffe bezeichnen eine Funktion. Die alten Begriffe sprechen Existentielles an. Ein Bundeskanzler regiert als Vertreter einer Partei, einer Regierung, eines Landes, es ist der Herr / die Frau XY. Ein Hirte steht für: Schutz, Verantwortung, Fürsorge, selbst dann, wenn er in Lebensgefahr gerät. Die alten Begriffe haben sich in das „Seelenleben“ einer Kultur eingeprägt, wurden von Generation zu Generation als Trost, Hilfe, Stärkung weitergegeben. Modernen Begriffen fehlt diese zauberhafte mythische Tiefe. Weil die alten Begriffe, wie Hirte, frei geworden sind von einem konkreten Hirten, den man im Dorf kennt, mit seiner Funktion, die Schafe zu behüten, kann er von den Menschen umfassender für sich angenommen werden.
4. Bildhafte Sprache
Die Sprache ist sehr bildhaft. Schon die alten Griechen kennen den Satz: Achill kämpft wie ein Löwe. Achill kämpft also – aber er ist kein Löwe. Beißt Achill? Kratzt Achill? Sprichwörter leben von der Bildhaftigkeit: Morgenstund hat Gold im Mund. Oder: Er hat ein Herz aus Stein – was natürlich biologisch nicht geht. Aber damit wird der Charakter eines Menschen präzise wiedergegeben. Mit Blick auf Achill: er beißt und kratzt nicht, aber er ist draufgängerisch, mutig. Dass auch wir heute in der rationalisierten Welt nicht auf bildhafte Sprache, auf Geschichten verzichten können, kann hier unter Storytelling nachgelesen werden: https://mini.evangelische-religion.de/wir-tragen-verantwortung/
Es gibt viele Textformen / Gattungen, in denen wir Menschen bildhafte Sprache verwenden. Es sind Texte, in denen wir von der textlichen Bildebene auf die intendierte Sachebene durch Denken kommen müssen. Zum Beispiel das genannte Bildwort: Er hat ein Herz aus Stein. Das ist die Bildebene, die der Text liefert. Nun muss durch Nachdenken eigenständig herausgefunden werden, was das auf der Sachebene bedeutet.
Aufgabe 2:
(a) Du kennst sicher weitere Bildwörter. Schreibe fünf auf.
(b) Sammelt die Bildwörter und versucht Euch auf eine Sachebene zu einigen.
Neben diesen Bildwörtern gibt es kürzere oder längere Texte, die entsprechend Bilder liefern, die dann eigenständig auf eine Sachebene gehoben werden müssen. Bekannt sind Dir aus dem Unterricht sicher Fabeln.
Aufgabe 3:
Kennst Du die Merkmale für Fabeln? Recherchiere, wenn sie Dir entfallen sind.
In Allegorien wird ein abstrakter Gedanke bildhaft wiedergegeben (so das Recht – die Justitia – mit der Waage). Exempel sind kurze Beispiele, die in Texten – zum Beispiel Predigten – eingefügt werden, um etwas eingängiger zu verdeutlichen. Um Menschen zu charakterisieren werden Anekdoten aus ihrem Leben erzählt – also etwas Eingängiges, meistens bildhaft ausgeschmückt. Und natürlich sind hier auch manche Kurzgeschichten zu nennen. Märchen sind nicht ganz hier einzuordnen. Sie vermitteln Werte (gut/böse), warnen vor bestimmten Taten – aber es geht auch unabhängig davon einfach darum, spannend zu erzählen (vermitteln manchmal absurde Hoffnungen: Prinz rettet Prinzessin). Ausgefeilt sind die japanischen Kōan. Berühmt ist: „Was ist der Klang einer klatschenden Hand?“ – der Zenmeister spricht einen solchen Satz, dem der Schüler nachsinnen soll. Hier geht es darum, das Denken an seine Grenzen zu bringen, Denken neu zu erfahren. Das sei nur als Beispiel dafür genannt, dass es solche Textformen / Gattungen auch in anderen Kulturen gibt. Die jedoch ihre eigenen Besonderheiten haben können. So retten auch Helden – um das Beispiel Prinz rettet Prinzessin aufzugreifen – in chinesischen Texten Frauen, aber es geht in diesen Texten darum, dass die Weltordnung / Gerechtigkeit / Menschlichkeit wieder hergestellt wird. oder in modernen TikTok-Filmen sind es CEOs, die bedrängte Frauen retten.
Zu diesen bildhaften Texten gehören auch Parabeln. Das sind Erzählungen, die einen einmaligen und vollkommen ungewöhnlichen Vorgang mitteilen. Hier werden keine Tiere als handelnde und sprechende Wesen genannt, sondern Menschen. Es wird auch keine Moral am Ende formuliert, sondern der Hörer muss selbst erschließen, was der Text ihm mitteilen will. Aus der griechischen Welt ist vor allem das so genannte „Höhlengleichnis“ von Platon bekannt. Obgleich es „Gleichnis“ genannt wird, gehört es eher zu den Parabeln. Diese Verwirrung der Bezeichnung rührt daher, dass das Wort „Gleichnis“ als Oberbegriff verwendet worden war, dem dann die anderen, z.B. Parabeln, untergeordnet wurden.
Aufgabe 4:
Die Parabel des Propheten Nathan ist sehr bekannt geworden. Der Prophet Nathan ist ein Musterexemplar an Mut. Er tritt dem Herrscher frei entgegen und hält ihm einen „Spiegel“ vor. Er war sozusagen der Prototyp für mittelalterliche Herrscherkritik. So genannte „Fürstenspiegel“ kennen wir aus dem Mittelalter: Mit ihnen sollte Herrschern gezeigt werden, wie sich ein guter Herrscher benimmt, wenn er Gottes Willen tun möchte.
a) Lies (in Deiner Bibel oder Deiner BibelApp, im Internet unter Bibleserver) die Parabel im 2. Buch Samuel 12.
b) Wie geht Nathan vor, um dem Herrscher einen Spiegel vorhalten zu können?
c) Wie charakterisierst Du David anhand dieser Geschichte aus 2. Samuel 12 – was für ein Mensch war er?
d) Aus dem Unterricht kennst Du sicher auch die Ringparabel (aus „Nathan der Weise“) von Gotthold Ephraim Lessing (1779). Wenn nicht, lies sie und überlege, was sie bedeuten könnte und recherchiere Interpretationen.
Die wissenschaftliche Diskussion über Gleichnisse ist immens. Die Frage: Was gehört zur Gattung dazu, was nicht, wie sind Untergattungen zu bewerten usw. wird intensiv diskutiert.
Im Unterschied zu Parabeln wird in Gleichnissen eher eine alltägliche Begebenheit erzählt. Die Bildebene ist leichter auf die Sachebene zu heben. Berühmt geworden sind die Gleichnisse Jesu.
Hier wird knapp auf Gleichnisse Jesu eingegangen.
5. Gleichnisse Jesu
Jesus verwendet unterschiedliche Gattungen, um seine Lehre zu formulieren. Er spricht nicht in Form von Göttermythen, auch nicht in der Form, dass er von Gottes Handeln in der Geschichte spricht. Er verwendet zum Teil Gleichnisse und zeigt damit: Gott ist (im Wort) nah. Gleichnisse sind eine kreative, dichterische Gattung (vgl. Kurzgeschichten). In dieser werden Alltagsbilder, Alltagserfahrungen seiner Zeitgenossen aufgegriffen und in neue Kontexte gestellt. Jeder kennt Senfkörner – und auf einmal wird es zu einem Gleichnis für Gottes und des Menschen Handeln. Jeder kennt (zumindest in der Vorstellung) Verletzte am Wegesrand – nun zeigt das Gleichnis auf, wie damit umzugehen ist. Die Bilder und die damit verbundenen Aussagen bleiben gültig, auch wenn sich die Alltagserfahrungen geändert haben (sollten). Sie bleiben gültig, weil grundlegend Menschliches angesprochen wird. Gleichnisse kontrastieren: Welt Gottes – Welt der Menschen; Hierarchien, die Menschen in der Gesellschaft aufrichten, werden umgedreht: Erniedrigtes wird erhöht, Menschlichkeit contra gottloser Frömmigkeit.
Die Gleichniserzählungen setzen etwas voraus, was spannend ist: Menschen müssen in der Lage sein, die Bildebene nicht als die reale Ebene anzusehen. Also im Sinne des Sprichwortes: Er hat ein Herz aus Stein. Kleine Kinder können das noch nicht abstrahieren – manche Erwachsene auch nicht, und sie sagen: Der Mensch hat wirklich ein Herz aus Stein? Manche schauen dann ungläubig… Solche Schwierigkeiten liegen vor allem dann vor, wenn bildhafte, metaphorische (wie auch Ironie und Sarkasmus) Sprache nicht kulturell vermittelt wird. Wenn die jüdischen Zeitgenossen Jesu in der Sprache alttestamentlicher Texte „zu Hause“ waren, konnten sie die Texte gut verstehen – dennoch hatten manche ihre Schwierigkeit damit. So beklagt Jesus an einer Stelle, dass Menschen seine Gleichnisse nicht verstehen.
Mit Blick auf Gleichnisse ist weiter zu beachten, dass es nicht immer auf rationales Verstehen ankommt. Es gehört zu alten Traditionen, in Rätselworten zu sprechen. Das kannten die alten Ägypter, wie auch Buddhisten. Rätselworte – also Texte, die man nicht versteht – dienen dazu, lange über sie nachzudenken, sie damit zu verinnerlichen.
Gleichnisse werden unterteilt in
- Bildworte,
- Gleichnis im engeren Sinn (etwas Alltägliches wird geschildert),
- Parabel (ungewöhnlicher Einzelfall: Ziel der Parabel: Sinnesänderung;
- Beispielerzählung (Schilderung eines Sachverhalts mit dem Ziel der Verhaltensänderung).
Die Gleichnisse Jesu haben überwiegend folgende Themen:
- Reich-Gottes-Gleichnisse,
- ethisch orientierte Gleichnisse,
- Gottes Sein und Handeln,
- Stellung des Menschen zu seinem eigenen Handeln.
Zu (1) Das Reich Gottes – die Gottesherrschaft – kann nicht in Worte gefasst werden. Der Mensch würde das nicht verstehen. Jesus verwendet darum Bilder aus dem Alltag, die der Mensch kennt, und lässt durch diese das Wesen der Gottesherrschaft durchscheinen. Das Reich Gottes ist wie ein wachsendes Senfkorn (Senfkorn, Sauerteig…), es ist wie ein Schatz im Acker, dessentwegen der Mensch alles, was er hat, weggibt, um ihn zu bekommen. Zum anderen: Der Mensch soll bereit sein, wenn Gott seine Herrschaft aufrichtet (10 kluge und törichte Frauen).
Zu (2) Der Herrschaft Gottes entspricht es, sich in einer ganz bestimmten Art und Weise zu benehmen: einander grenzenlos und vergebend zuzuwenden (Barmherziger Samariter; Schalksknecht).
Zu (3) Gott ist anders, als viele Zeitgenossen Jesu dachten. Er nimmt den Sünder wie ein Vater auf (Verlorener Sohn), er wendet sich den Gebeten der Menschen zu (Nächtlicher Nachbar, Bittende Witwe), er ist gerecht (Weinbergbesitzer).
Zu (4) Jesus lebte in Auseinandersetzung mit seinen Gegnern. Darum haben manche auch dieses Thema im Blick (Sohn des Weinbergbesitzers).
Im Laufe der Kirchengeschichte wurden Gleichnisse unterschiedlich ausgelegt:
- Allegorische Auslegung: Jedes Detail eines Gleichnisses wird mit Bedeutung belegt, wird erklärt.
- Zentraler Vergleichspunkt: Es wird der wesentliche Aspekt eines Gleichnisses gesucht.
- Metaphern: Die gegenwärtige Forschung versucht überwiegend, das Gleichnis als Einheit zu verstehen, das als Ganzes den Menschen in das Erzählte hineinziehen möchte. Stichwort: Metaphern sind wirksam. Gleichnisse verstehen, ist ein kreativer Akt.
Anmerkungen zur Gleichnis-Auslegung:
Aufgabe 5:
a) Lies das Gleichnis vom Senfkorn (Markus 4,30-32): Der Text: https://www.bibleserver.com/LUT/Markus4%2C30
b) Versetze dich in die Situation, in der es erzählt werden konnte.
c) Dann lies das Folgende:
Ausgangspunkt des Ansatzes: Jesus greift keine Erinnerungen auf, sondern die ganz konkrete Situation. Er sitzt mit seinen Jüngern an einem ganz heißen Tag im Schatten eines Baumes. Senfpflanzen sind um ihnen her. Die Spatzen sitzen im Baum und zwitschern herum. Sie ruhen sich aus. Da fragt einer: Was ist das Reich Gottes? Jesus reagiert mit dem Gleichnis. Die Zuhörer haben etwas zu denken – aber nicht nur zu denken. Sie fühlen auch gleichzeitig. Das Reich Gottes: Es geht uns gut, die Hitze wird vom Schatten weggehalten, die Vögel zwitschern vergnügt,… Denken wird mit Emotion verbunden. Aber wie nun kann aus einer kleinen Senfpflanze ein Baum werden? Das ist Gottes Werk. Menschen tun das ihre – säen… – das andere ist Gottes Tat. Und so ist es hilfreich, auch andere Gleichnisse auf dieses emotionale Element hin zu untersuchen.
In dem Gleichnis vom Schalksknecht (Matthäus 18,21-35: https://www.bibleserver.com/LUT/Matth%C3%A4us18%2C21 ) heißt es, dass einer von seiner Schuld frei gesprochen wurde, dann aber einen Mitknecht massiv angeht.
Als Hörer freut man sich mit dem frei gesprochenen Knecht – ist dann jedoch empört über ihn, dass er so herzlos ist – und findet zuerst das Verhalten des Herrn gerecht, der dann sein Urteil revidiert – das findet man dann auch gerecht. Man wird auf eine emotionale Achterbahn geschickt, wird als Zeuge mit in die Geschichte einbezogen. Und selbst weiß man nun, dass es gerecht ist, sich anders zu verhalten als der üble Knecht.
Aufgabe 6:
a) Lies das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner (Lukas 18,9-14 https://www.bibleserver.com/LUT/Lukas18%2C9-14 ).
b) Sage mit wenigen Worten, worum es geht.
c) War Jesus gegen die Taten, die der Pharisäer an sich selbst hervorgehoben hat? (Er ist kein Räuber…)
d) Was macht der Pharisäer falsch, was macht der Zöllner richtig?
e) Vorsicht Falle! Was macht man als Hörer des Gleichnisses mit Blick auf den Pharisäer?
9 Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
Wirkung der Gleichnisse:
Die Gleichnisse Jesu waren sehr wirkmächtig. Sie haben das Verhalten in der Gesellschaft geprägt. So waren Gleichnisse wie das vom barmherzigen Samariter (https://www.bibleserver.com/LUT/Lukas10%2C25 ) oder das vom Weltgericht (Mt 25,31ff. https://www.bibleserver.com/LUT/Matth%C3%A4us25%2C31 ) mit Auslöser für die Diakonie/Caritas. Sie wurden Maßstab vieler sozial engagierter Christen und dienten auch als Argument mit Blick auf Missachtung von Menschenrechten. Sie veränderten Individuen wie Gesellschaften. Gleichnisse deuten Wirklichkeit aus einer neuen Perspektive – und versuchen die Wirklichkeit entsprechend zu verändern.
6. Höhlengleichnis des Platon
Das Höhlengleichnis von Platon war mit Blick auf die Philosophie sehr wegweisend. Ihr werdet merken, dass Erklärungen immer länger sind, als die Gleichnisse selbst. In den Gleichnissen Jesu geht es nicht um lange Erklärungen. Es geht darum, sich hineinziehen zu lassen. Jesus hatte auch keine Erkenntnistheorien philosophischer Art und entsprechend auch nicht mit philosophisch denkenden Menschen zu tun. Er hat Menschen vor sich, die sich in ihrem normalen Alltag behaupten müssen: Wie gehen wir miteinander um? Was hat Gott mit meinem Leben zu tun? Das Höhlengleichnis entwickelt in einer Art Dialog einen philosophischen Gedanken.
*
Das Höhlengleichnis des Platon im Kontext der Philosophiegeschichte: https://www.youtube.com/watch?v=ubZO7GlBuCg (überprüft: Juli 2026) (Gert Scobel: Leben wir in der Wirklichkeit? Platons Höhlengleichnis)
Aufgabe 7:
a) Gib das Höhlengleichnis mit eigenen Worten kurz wieder. Als Text findest Du ihn hier: https://www.studium-universale.de/platons-h%C3%B6hlengleichnis-textht. (überprüft: Juli 2026)
b) Was unterscheidet – rein von der Form her – das Höhlengleichnis von den Gleichnissen Jesu?
c) Am Höhlengleichnis und der massiven Rezeption erkennt man: Auch Philosophen lieben bildhafte Sprache auch wenn Abstraktionen ihre Schriften vielfach bestimmen. Wir Menschen sind entsprechend konditioniert. So ist das Schiff des Theseus beliebt: Stell dir vor, die Teile eines Schiffes werden nach und nach ersetzt – ist es noch immer dasselbe Schiff? Oder Einstein sagte: Gott würfelt nicht.
α) Überlege, was mit beiden Texten gemeint ist.
β) Recherchiere Interpretationen und Kontexte, in denen diese bildhaften Wörter einzuordnen sind..
Aufgabe 8:
Nicht nur das Schiff des Theseus wird ersetzt – auch der Mensch wird im Leben fast vollständig „runderneuert“. Und ist er dennoch derselbe? Aber in unserem Zusammenhang geht es um Gott. Darum folgende Fragen:
a) Wenn sich im Laufe der Zeit die Begriffe, die für Gott verwendet werden, ersetzt werden, bleibt der Glaubenskern derselbe? Denke an die Eingangssätze, die darlegen, dass Gott sich selbst in den Wörtern der Menschen offenbart, wodurch sie erst richtiges Reden von Gott sind.
b) Kannst Du mit dem Satz etwas anfangen: Stabilität entsteht durch Wandel?