Kaiser und Kunst im christlichen Mittelalter
Im folgenden Abschnitt werden Überlegungen zum Thema vorgelegt:
Aufgaben 1:
a) Gib den folgenden Abschnitten passende Überschriften.
b) Vervollständige sie mit weiteren Informationen.
c) Erstelle eine Mindmap: Welche Bereiche der Gesellschaft hat der christliche Glaube beeinflusst?
d) Vergleiche das Gelesene mit Deinem Wissen aus dem Geschichts-Unterricht.
Anmerkungen zur Entwicklung des Christentums in Mitteleuropa
1.
Das Christentum verfestigte sich in den ersten Jahrhunderten immer stärker. Es war im wesentlichen die einzige Gruppe, die in dem zerfallenden Römischen Reich ein weitreichendes Netzwerk ausgespannt hatte. Zudem waren Bischöfe die noch anerkannten Autoritäten. Im Römischen Reich hatte der Kaiser Konstantin der Große dann im Jahr 313 das Christentum als Religion anerkannt.
In Britannien und Irland waren Christen wohl schon sehr früh in den jeweiligen Stämmen aktiv, an Orten, an denen selbst Römer noch nicht herrschten, wenn man Tertullian (2./3. Jahrhundert) glauben darf. Sie wurden jedoch durch Überfälle anderer Stämme wieder zurückgedrängt. Im 5. Jahrhundert begann es wieder Fuß zu fassen.
Wie sah es sonst in Europa aus? Das Christentum kam unter anderem mit einzelnen Soldaten des römischen Heeres, mit Händlern, mit der Verwaltung, mit Sklaven in den Norden. Irenäus spricht im Jahr 185 davon, dass es in den Provinzen Germaniens Christen geben würde. Und es gab innerhalb weniger Jahrzehnte schon in vielen Gegenden Christen. So soll der Heilige Dionysios in Paris im Zusammenhang einer Christenverfolgung im Jahr 249 geköpft worden sein (Kirche St. Denis). In Trier gab es im 3. Jahrhundert eine größere Gemeinde, so dass kurz nach der Anerkennung des Christentums durch Konstantin schon mit dem Bau einer Bischofskirche begonnen wurde (ca. 315). Die Anlage wurde in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts im Zusammenhang der Völkerwanderungen zerstört, dann aber im 6. Jahrhundert wieder baulich in Angriff genommen. Ob es schon im 2. Jahrhundert in Köln eine christliche Gemeinde gab, wird diskutiert, aber im 4. Jahrhundert wird ein Bischof Maternus bekannt. Wo es Gemeinden gab, dort wurde auch missioniert. So wird von einem Heiligen Lubentius gesprochen, der entlang der Mosel und möglicherweise der Lahn Gemeinden gegründet haben soll.
Neben den an Rom orientierten Christen waren Goten, Vandalen, Burgunden und Langobarden christianisiert, sie hatten eine Form des arianischen Christentums angenommen. Goten waren im 4. Jahrhundert dem Christentum zugekommen (auch durch Wulfila, [+ 383] der im heutigen Bulgarien die gothische Runenschrift durch eine neue Schrift ersetzte, um die Bibel übersetzen zu können), Vandalen sollen 422 in Spanien mit der Bibel als Feldzeichen in den Kampf gezogen sein – ob freilich alle Vandalen eine arianische Form des Glaubens angenommen hatten, ist nicht sicher, da der Herrscher Geiserich vom katholischen zum arianischen Glauben übergetreten sein soll. 413 soll der Burgunder-König Gundahar den katholischen Glauben angenommen haben. Aber wie weit er wirklich katholischen Glauben vertreten hat, oder nicht viel mehr in seinem germanisch-heidnischen Denken stecken blieb, ist nicht mehr so deutlich zu erkennen. Unter seinen Nachfolgern sind dann Burgunder zum Arianismus übergegangen. Chlodwig I., Sugambrer / Merowinger, der Herrscher der Franken, hat sich dann mit über 3000 (?) Adligen zwischen 497-507 (498?) dem römisch geprägten Christentum angeschlossen – seine Frau Chlothilde / Chrodechild aus Burgund war schon katholisch, Bischof Remigius (Apostel der Franken) tat vieles dazu, diese Konversion von den heidnischen Göttern zum Christentum herbeizuführen. Chlodwig hatte vorher das Christentum als Religion der Schwäche abgelehnt. Der Herrscher bestimmte die Religion – von daher wandten sich viele Adlige mit Chlodwig dem Christentum zu – das ist insofern interessant, als seine Frau schon vorher Christin war. (Bereich der Franken im heutigen Westdeutschland: am Rhein entlang, ein wenig weiter ostwärts; Chlodwig hat die Alemannen 506 besiegt: Bereich des heutigen Baden Württemberg) – aber in vielen dieser Städte (Trier, Köln, Mainz usw.) gab es wohl schon vorher Gemeinden. Chlodwig hat den christlichen Glauben wohl aus rein politischen Gründen angenommen, um die Einheit seines Reiches zu festigen.
Anmerkung: Wie viele Menschen lebten auf dem Gebiet des heutigen Deutschland? Es werden zwischen 500.000-700.000 geschätzt.
Es wird deutlich: Es war ein buntes Durcheinander. So vielfältig wie die germanischen Stämme waren, so durcheinandergewirbelt sie durch die Hunnen und durch die Völkerwanderungen wurden, so durcheinander war auch das christliche Leben dieser Stämme. Es ist zwar aufgrund mangelnder Überlieferungen zunächst noch nicht besonders greifbar – aber es war da. Wegen all dieser Umbrüche konnte es freilich kulturell noch nicht besonders in Erscheinung treten. Wie man an Trier sieht: Es wurde an einer Basilika gebaut – doch geriet das Ganze durch die gesellschaftlichen Verwerfungen wieder unter die Räder. Verschwunden ist es aber nicht. Und mit den Franken und den iro-schottischen Mönchen kam nun eine Zeit, in der sich christlicher Glaube historisch nachvollziehbarer festigen konnte.
Aufgaben 2:
Male ein modernes abstraktes Bild, das wiedergibt, wie Chaos in eine geordnete Welt einbricht.
Suche auf der Landkarte die im Text genannten Städte und Flüsse.
Kannst Du mit Hilfe des Internets herausfinden, wo die genannten Stämme ihren Raum besaßen?
2.
Warum haben sich Germanen dem Gott der Christen zugewendet? Das ist schwer zu sagen. War es, dass er als der Gott angesehen wurde, der über das Schicksal Macht hat? War es, um politisch die Macht des Römischen Reiches zu kopieren, die mit dem Gott der Christen in Verbindung gebracht worden ist? Hing es damit zusammen, dass die lokalen Stammesgötter aufgrund der Völkerwanderung vor Ort blieben – und der christliche Gott überall anwesend war? War es die “brüderliche Liebe” – die Gemeinschaft, die zum Beispiel auch Gothen zu Märtyrern, die von Heiden ermordet wurden, machten? Sicher ist nur: Der Glaube an Jesus Christus hat Fuß gefasst. Auffällig ist die Hinwendung zum Christentum allemal, weil es eben keine kriegerische Religion war, anders als die germanischen Traditionen. Entsprechend gab es für christliche Begriffe bei den Germanen keine entsprechenden Worte.
Aufgabe 3: Sieh Dir im Internet einmal die „Gotische Schrift“ an. Und auf Wikipideia die „Wulfilabibel“.
Nachträge von wichtigen Daten: 410 eroberte der “christlich-arianische” Gote Alarich Rom – die Stadt, deren Name immer noch einen großen Klang hatte, war die Hauptstadt Westroms. In dem Zusammenhang schrieb der katholische Kirchenvater Augustinus sein Werk: De civitate Dei; und Mitte des 5. Jahrhunderts zogen die Hunnen unter Attila in Mitteleuropa ihre blutige Spur. Es gab zwar Missionierungen unter den Hunnen, die aber wohl die Herrscher nicht wirklich erreicht hatten. Ab der Mitte des 5. Jahrhunderts hatten christliche Goten die Hauptstadt Ravenna unter ihrer Herrschaft: Odoaker und später Theoderich – Ravenna war ein Schmelztiegel der Kulturen: Byzanz-Rom-Germanen; Heidentum-Christentum verschiedenster Couleur. Und die “christlich-arianischen” Vandalen? Als sie in Nordafrika waren, gingen sie zum Teil grausam gegen einzelne Katholiken vor und haben 455 Rom geplündert. Und der Heilige Severin missionierte Mitte des 5. Jahrhunderts unter anderem in der Gegend von Salzburg und Passau und war gleichzeitig in der kollabierenden römischen Grenzregion politisch aktiv.
Aufgabe 4:
Schau Dir im Internet Mosaiken aus Ravenna an (Kirche San Vitale). Male ein religiöses Bild in Form von Mosaiksteinchen.
3.
Weil die germanischen Stämme noch keine Bücher hinterlassen haben, weiß man nicht viel über diese ersten Jahrhunderte. Das änderte sich langsam mit der Herrschaft der Franken. Die Struktur des römischen Christentums wurde aufgegriffen, aber wie es um die Inhalte des Glaubens stand, der vermittelt wurde, bleibt eher im Dunkeln. Denn der Herrscher besetzte die Stellen mit seinen ihm treu ergebenen Menschen. Und zum anderen blieb die alte germanische Struktur erhalten, laut der das Sippenoberhaupt den Kult bestimmte. Entsprechend bauten Adlige auch ihre Eigenkirchen und setzten ihnen genehme Menschen als Priester ein.
In dieser Zeit begannen iro-schottische Mönche auf dem Festland zu missionieren. Columban (der Jüngere) (540-615) kam mit anderen ins Frankenreich, gründete ein Kloster, Adlige ließen dort ihre Kinder ausbilden. Es wurden weitere Klöster gegründet. Der zuständige Bischof beobachtete alles mit Argwohn, doch stand Columban unter dem Schutz des Herrschers Theuderich II. und seiner Mutter Brunichild. Als Columban sich jedoch weigerte, dessen uneheliche Kinder zu segnen, ging dieser zu Columban auf Distanz. Es folgten unschöne Ereignisse, die Columban nach der Verbannung in die Schweiz, nach Österreich und Italien weiterziehen ließ. Wo er sich auch aufhielt, er bekehrte mit seinem “Bruder” Gallus Heiden – bzw. Menschen, die wieder zum Heidentum zurückgekehrt waren, überzeugte er vom christlichen Glauben. Freilich brachte das – wie kann es anders sein – so manchen Heiden dazu, gegen die neue Religion zu agieren. Dennoch zeigte sein Wirken Erfolg: Von den Klöstern aus verbreitete sich der christliche Glaube; seine Schüler waren darin sehr aktiv (Eustasius – [Missionierung im alemannisch-fränkischen Raum], Gallus [Missionierung Schweiz: Sankt Gallen], Kilian [Missionierung um Würzburg], vermutlich ermordet durch einen Herzog, weil Kilian dessen Ehe mit der Frau des Herzog-Bruders kritisierte).
Im 7. Jahrhundert wurden mit Hilfe des Adels ca. 300 neue Klöster errichtet. Und mit den Klöstern kam Bildung in das fränkische Reich. Im 8. Jahrhundert wurde durch Bonifatius die Mission in Thüringen vorangetrieben und durch Wilibrord in Friesland. Alles freilich im Rahmen der Herrschaft der Franken. Während Willibrord wenig Erfolg bei den Friesen hatte, hatte Bonifatius sehr großen Erfolg im hessisch-thüringischen-bayrischen Raum. Er hatte nicht nur große Fähigkeiten zu missionieren, Klöster zu gründen, sondern auch die Fähigkeiten, die Kirche zu organisieren. Er unterstellte die fränkische Kirche dem Papst in Rom, was sie von den jeweiligen Herrschern unabhängiger machen sollte. Bis er in Friesland 754 ermordet wurde. Bonifatius hatte als berühmte Helferinnen die gebildeten Nonnen Walburga (nach ihr wird die Walpurgisnacht benannt – aber sie hatte mit Hexen nichts zu tun) und Lioba. Lioba war eine Freundin der Ehefrau von Karl dem Großen, Königin Hildegard. Virgil (+784) war ein gelehrter Mönch, der im Salzburger Raum wirkte.
Ich habe Columban intensiver erwähnt, weil an ihm sichtbar wird, dass es kein einheitliches Christentum gab, das sich in Mitteleuropa durchzusetzen begann. Es wurde zwar immer stärker mit der römisch-katholischen Kirche verbunden, hatte jedoch seine Besonderheiten. Auch war es nicht so, dass Menschen Christen wurden – und dabei blieb es dann: Es war eine Patchwork-Religiosität (Synkretismus): Altes Heidentum (Bräuche, Opfer, Magie) hat sich bei den jeweiligen Menschen mehr oder weniger gehalten. Aber es wurde schon vom neuen Glauben durchdrungen. Zum anderen wird deutlich, dass die Klöster einen großen Beitrag leisteten, nicht nur zur Christianisierung Mitteleuropas, sondern auch zur Hebung des Bildungsstandards.
4.
Der christliche Glaube hatte in vielen Stämmen Mitteleuropas Fuß gefasst – mit unterschiedlicher Intention: Manchmal festigte er sich, manchmal fielen Menschen wieder in ihre heidnische Traditionen zurück. Klöster haben im Allgemeinen viel dazu beigetragen, dass die Bildung in breitere Schichten gelangte. Und so wurde auch Karl der Große (747/748-814) möglicherweise in Paris im Umfeld des Klosters St. Denis gebildet – ausgebildet in den sieben freien Künsten (artes liberales): Grammatik, Rhetorik, Logik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie. „Möglicherweise“ darum, weil es heißt, dass er nicht richtig schreiben und lesen konnte. Die Ausbildung verlief im Wesentlichen dadurch, dass Vorträge gehört wurden und Gehörtes auswendig gelernt wurden. Es war insgesamt eine Hör-Kultur. Bücher waren kostbar. Diese Fächer waren die Grundlage für das weitergehende Studium von Theologie, Medizin, Jura. An die Macht gekommen, erweiterte er sein Herrschaftsbereich, bereinigte Grenzen – und sicherte vor allem die Herrschaft dadurch, dass er versuchte, in seinem Herrschaftsbereich eine einheitliche Linie durchzusetzen. Die Verwaltung wurde ausgebaut und reformiert – und die Klöster spielten eine große Rolle in diesem seinem Vorhaben: Sie wurden weiter zu Bildungszentren ausgebaut. Was aber wesentlich ist: Es gab Bestrebungen, die Klosterregeln zu vereinheitlichen (Benediktiner-Regel). Ebenso ordnete er die Bistümer und gab auch hier Regeln vor, um Missstände zu bekämpfen. Auch durch die Klöster vernetzte er das weitläufige Gebiet. Der Bischof Alkuin von York war ihm eine sehr hilfreiche Hand.
In dieser Zeit begann der christliche Glaube sich immer stärker auch als kulturelle Größe zu behaupten. In dieser Zeit versuchte er, seinen germanischen Stämmen die Kunst und Kultur der Antike zu vermitteln. Die verschiedenen Stämme wurden durch den einheitlichen Glauben geeint. Nicht alle waren damit einverstanden. So die Sachsen. Es ging Kaiser Karl freilich nicht allein darum, den christlichen Glauben zu verbreiten: Die Sachsen wollten die Hoheit Karls nicht anerkennen. Und Karl platzte der Kragen, besiegte sie in den Sachsenkriegen (772-804) und setzte auch hier das Christentum durch, weil es eben ein Mosaikstein zur Vereinheitlichung seines Herrschaftsgebietes war. Er ging sehr brutal mit Zwangstaufen und der Zerstörung heidnischer Heiligtümer vor, was manche nationalen Sachsen ihm heute noch übel nehmen.
In dieser Zeit zerfielen auch vielfach die althergebrachten sozialen Strukturen – und da bot das Christentum eine religiöse und soziale Zuflucht: die Unsterblichkeit der Seele, das Mitleiden Gottes in Jesus Christus in der Krankheit des Einzelnen, Vergebung der Sünden und Neuanfang, weil Jesus Christus für den Menschen leidet: Der einzelne Mensch wurde wichtig, auch außerhalb seines Stammesverbandes. Vorher zählten Sippe und die damit verbundene Ehre. Die Klöster usw. waren stammesübergreifend – und auch im Latein lag der Vorzug, überall verstanden zu werden, während die unterschiedlichen Stämme einander nicht immer gut verstehen konnten. Es gab ja noch nicht das so genannte Hochdeutsch. Und viele Begriffe aus dem Griechischen oder Latein wurden eingeführt, weil die Germanen für das jeweilige Phänomen keine Worte hatten, z.B. für das “Kloster” (claustrum). All das förderte die Individualisierung des einzelnen Menschen. Dennoch: Es waren nur Ansätze, die sich aber im Laufe der nächsten Jahrhunderte immer weiter entfalteten.
Die Klöster waren nicht nur die “Schulen”, sondern auch die “Krankenhäuser” der damaligen Zeit. Ein großer Wirtschaftsfaktor (Agrartechnik, Erforschung der Kulturpflanzen), der versuchte, den vielen Hungersnöten zu trotzen. Der Nachfolger von Karl dem Großen, sein Sohn Ludwig der Fromme (778-840), vertiefte die Reformen, deckte Missstände auf, reformierte das Kirchenrecht usw. Das heißt, er hat die moralische Erneuerung und die Verinnerlichung des Glaubens gefördert. Mission in Dänemark und Schweden wurde forciert.
Kurz gesagt: Durch Karl den Großen begann der christliche Glaube, der vielfach schon in den germanischen Stämmen Fuß gefasst hatte, sich zu entwickeln, sich in den Herzen zu verwurzeln.
5.
Auch außerhalb der Herrschaft der Franken tat sich was. So sind Kyrill (Konstantin) und Methodius sehr bekannt geworden. Sie gründeten 863 eine Akademie in Großmähren, in der slawische Priester und Menschen für die Verwaltung ausgebildet wurden – ebenso war sie ein Zentrum der slawischen Literatur. Sie hatten auch eine Schrift entwickelt, die später so genannte kyrillische Schrift. Allerdings wurden Kyrill und Methodius kritisch von den Rom abhängigen Katholiken beäugt, da sie aus Byzanz gekommen waren. Doch sie und ihre Bibelübersetzung wurden vom Papst anerkannt.
Und wie ging es in Ost-Franken weiter? Otto I., der Große, Herzog von Sachsen und späterer Kaiser, (912-973) war eine weitere mächtige Gestalt, die das Reich ordnete, stabilisierte, Elb-Slawenmission vorantrieb – nicht ohne massive Gewalttaten, die auch wegen der Überfälle auf sein Reich notwendig waren (ebenso schlug er die angreifenden Ungarn zurück). Es lässt sich auch hier Politik nicht vom Glauben trennen, Glauben nicht von Politik. Auch er benötigte die Kirche, um die Macht der einzelnen Stämme zu brechen – denn die Kirche war sozusagen eine Macht geworden, die Stämme übergreifend zusammenführen konnte. Immer wieder traten in dieser Zeit Kirchenvertreter als politische Vermittler auf. Er gab der Kirche zahlreiche Privilegien, weil sie den politischen Zielen dienten – und schon unter seinem Nachfolger stellten Christen zwei Drittel des Reiterheeres. Bischöfe wurden im Grunde geistliche und weltliche Herrscher.
Auch in der Kunst machte sich der christliche Glaube immer stärker bemerkbar. Hrotsvit / Roswitha von Gandersheim schrieb Dramen mit christlicher Färbung, die Äbtissin Mathilde II. ließ ein kunstvolles Goldkreuz herstellen, die Buchmalkunst erklomm neue Höhepunkte. Diese Buchmalkunst ist auch schon in einem Werk von ca. 680 sichtbar, den Durrow-Evangelien (Irland).
Vor der christlich geprägten Architektur, die sich so langsam zu bisher unbekannten Höhen aufgeschwungen hat, die Vorromanik, kann man nur staunend stehen. Und Kassia (810-867?), die Äbtissin und Hymnologin, komponierte in Byzanz sehr bekannte Stücke, die bis heute in der orthodoxen Liturgie gesungen werden.
Aufgabe 5:
Schreibe ein ernsthaftes Kurzgedicht (vier Zeilen). Wenn es Dir möglich ist, ein religiöses. Wenn nicht, dann vielleicht eines, das Dein Gefühl wiedergibt, das Du beim Lesen der oben genannten Texte hast.
6.
Der Reichtum und Einfluss so manchen Klosters erregte den Neid der jeweiligen Fürsten, und sie suchten die Leitung unter ihre Fittiche zu bekommen, was auch überwiegend gelang und sittliche Verwahrlosung zur Folge hatte. Wilhelm I. von Aquitanien stiftete 910 ein Kloster in Cluny, das er aus diesem Grund dem Papst – und nicht den Fürsten – unterstellte: Es sollte von den weltlichen Begierden frei sein. Das hat natürlich mächtige Herrscher, darunter „weltliche“ Bischöfe nicht besonders gut gefallen, entsprechend war das ein revolutionärer Schritt. Vor allem, wenn man bedenkt, dass noch immer die germanischen Traditionen (Herrscher-Untertan) galten. Trotz vieler Rückschläge entwickelte es sich zum Motor für Reformen – und war bis ins 12. Jahrhundert führend. Über 1.200 Niederlassungen wurden in Westeuropa gegründet. Wie die Klöster überhaupt hatte es große Auswirkungen auf die Bildung usw. – aber auch auf den so genannten Gottesfrieden (Treuga Dei). Der Adel, der sich zum Teil bis aufs Blut bekämpfte, nahm die Vermittlungen der Klöster in Anspruch. Aber die Macht wurde zu groß – und der Verfall begann. Das Ideal der Armut kam auf: Glauben und Askese standen nun im Zentrum der Frömmigkeit vieler Christen. Parallel zur tiefen Frömmigkeit gab es zahlreiche Missstände im Klerus (Konkubinen, Ämterkauf), die von so bekannten Menschen wie Petrus Damiani (+ 1072) in Schriften gegeißelt wurden – und der sich auch selbst im wahrsten Sinn des Wortes als Bußübung geißelte. (Freilich kam die eigentliche Flagellanten-Bewegung erst später auf.) Überall in Europa war das Mönchtum aktiv, mit unterschiedlichen Schwerpunkten – aber mit dem Ziel, den christlichen Glauben zu leben und über ihn nachzudenken.
Auch berühmte Lehrer hat der christliche Glaube hervorgebracht. Nennen möchte ich Alkuin (735-804), der unter Karl dem Großen viele Schüler hatte – unter anderem auch den “Lehrer Germaniens” Hrabanus Maurus (780[?]-856). Ein Pfingstlied (von ihm geschrieben? überliefert?) ist selbst noch in unserem Evangelischen Gesangbuch enthalten: Nummer 126. Hrabanus hat auch eine Enzyklopädie des großen Isidor von Sevilla (560-636) erweitert und überarbeitet. Zu nennen ist einer seiner Schüler: Walahfrid Strabo (849 ertrunken): Durch ihn wurde Reichenau ein religiöses Zentrum, und er verfasste – neben anderem – ein bedeutendes botanisches Werk „Hortulus“ (Über den Gartenbau).
Berühmt und bis in die Gegenwart einflussreich wurden manche theologisch-philosophischen Denker, weil sie es wagten, denkend in Bereiche vorzustoßen, die man so vorher nicht gekannt hat. Zu nennen ist Anselm von Canterbury (1033-1109), der auf der Suche war nach Wahrheit und Gotteserfahrung: “Herr, lass mich dich verlangend suchen, suchend verlangen. Lass mich dich liebend finden, findend lieben.” Es entstanden in diesen Jahrhunderten theologische Texte, die mit den in etwa an Erhabenheit und Größe mit den zeitgleich gebauten Kathedralen zu vergleichen sind.
Aufgabe 6:
a) Schlage das genannte Lied im Gesangbuch nach. Wie interpretierst Du es?
b) Genug gedacht. Male ein Vergissmeinnicht, ein Veilchen, eine Rose und eine Blume Deiner eigenen Wahl – wie ein Kirchenfenster.
7. Kleiner Exkurs
Aus dem 8. Jahrhundert stammt der Weißenburger Katechismus. Interessant ist, wie er die Bitte auslegt: Vergib uns unsere Schuld – wie auch wir vergeben unseren Schuldigern! http://www.heinrich-tischner.de/21-th/1quellen/vu/weissenb.htm Denn das Wort „Schuld“ bedeutete ursprünglich, dass man dem anderen etwas materielles schuldet, oder die Ehre gebietet, dem anderen etwas zu tun. Das musste dann mit der christlichen Innerlichkeit, vor Gott schuldig werden, indem man sich gegen Mitmenschen und Gott vergeht, verbunden werden.
Otfri(e)d von Weißenburg (790-875) hat wohl erstmals statt des germanischen Stabreims den Endreim verwendet. Er schrieb ein Epos über das Leben Jesu – und unterbrach ihn mit einzelnen Kommentaren. Auch mit der deutschen Sprache kann man kunstvolle und anspruchsvolle Texte schreiben, wollte er zeigen.
Von Walahfrid Strabo: “Leben der Heiligen: Christus, / ihr Weg, ihre Hoffnung, ihr Heil, // du bist der Geber des Guten, / du der Begründer des Friedens, / mit unsern Stimmen und Sinnen / steigt unser Lobgesang auf. // Es ist deine Kraft und Stärke, / die sich in all dem offenbart / was sie, die dich lieben, vermögen, / was sie besitzen, begehren / mit Herz und mit Mund, in der Tat, / glühend im Feuer der Liebe. / Den Zeiten schenk wahren Frieden, / dem Glauben gib Wachstum und Glut, / den Kranken Heil und Gesundheit, / den Strauchelnden deine Gnad´, / allen zusammen gewähre / des seligen Lebens Gab´. … (aus: Magnificat. Das Stundenbuch, November 2006, 186f.)
Von Alkuin: „Lichtquelle und Ursprung des Lichts, / du, der du gnädig bist, erhörst unsere Gebete, / und lass dein Licht, das die Finsternis der Sünde vertreibt, / uns schmücken. // Siehe, die Arbeit des Tages ist vollbracht, / und wir sind durch deine Gnade in Sicherheit; / nimm unseren dankbaren Dank an, wir bitten dich, / in Ewigkeit. // Der Untergang der Sonne hat die Dunkelheit zurückgebracht; / möge diese Sonne auf uns scheinen, strahlend / mit dem goldenen Licht, das / die heilige Schar der Engel erleuchtet. // Möge Christus, barmherzig und gütig, / die Fehler vergeben, die dieser Tag mit sich gebracht hat; / und möge unser Herz mit reinem Glanz / in der Stunde der Nacht erstrahlen. … Amen.“ Übersetzt mit DeepL.com // Nach: Luminis fons; Alkuin, 804.
Dichter wurden, durch die Impulse des christlichen Glaubens und der Bibel, auch in Mittel- und Westeuropa zu Theologen bzw. Theologen wurden zu Dichtern.
Aufgabe 7:
Lerne die Zeilen auswendig, die Dich besonders ansprechen. Wenn Du keines auswendig lernen magst: Male sie.
8.
Nach Otto I. dem Großen kam sein Sohn Otto II. an die Macht. Er hatte viel zu kämpfen. Er starb jung (mit 28 Jahren) und sein Sohn Otto III. war noch zu klein, um herrschen zu können – und so übernahm seine Mutter Theophanu, eine Tochter aus byzantinischem Kaiserhaus die Erziehung und die Herrschaft. Das zu wissen ist nicht unwichtig, denn als Otto III. größer war, hat er die Regentschaft übernommen – und auch Päpste seiner Wahl eingesetzt. Er wollte (in byzantinischer Tradition), dass diese beiden Herrschaften: Kaiser und Papst vereinheitlicht werden, einander durchdringen. (Eine Zusammenführung von Kirche und Staat ist allerdings aus westlicher christlicher Perspektive nicht im Sinne Jesu: Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was Gott gehört, sagte er; allerdings hat die Kirche die Aufgabe, den Staat zu humanisieren, so dachten Christen – und sei es durch den Kaiser, der auch Gott gehört). Doch er starb 1002 im Alter von 21 Jahren. Sein Nachfolger Heinrich II. (der mit seiner Frau, der heiligen Kunigunde, regierte) besetzte die Bischofsstühle mit seinen ihm ergebenen Leuten, die kirchliche Zustimmung war nur noch formal. Über die von mir schon angesprochene Reformbewegung, die vom Kloster Cluny ausging, war er nicht besonders begeistert, weil diese Klöster dem Papst unterstellt waren – was seinen politischen Ambitionen (alles gehört dem Kaiser) zuwiderlief. Wichtig war ihm freilich das Einvernehmen mit dem Papst, wenn es um das Zölibat ging: Damit konnten keine Familiendynastien gebildet werden – und der Kaiser konnte damit die jeweiligen Herrschaftsstühle neu besetzen. Heinrich wurde unter anderem von dem Bischof Wolfgang von Regensburg erzogen, eine faszinierende Figur – aber wohl auch kennzeichnend für die damalige Zeit. Ebenso ist die heilige Kunigunde eine faszinierende Person, die ein Leben führen wollte, wie es die Worte Jesu in der Bergpredigt beschreiben, und die sich intensiv für die Kranken einsetzte. Nach dem Tod des Kaisers ging sie als einfache Nonne ins Kloster.
Mit Heinrichs Tod begann die Herrschaft der Salier. Heinrich III. (1016-1056) sah sich als Stellvertreter Gottes auf Erden an und war ärgerlich über die Zustände der Kirche in Rom: drei Päpste versuchten die Herrschaft zu erlangen – und damit verbunden waren alle möglichen Missstände. Er setzte alle drei ab und installierte nacheinander eigene. Mit diesen versuchte er die Kirche zu reformieren. Das bedeutete: Durch die Einsetzung deutscher Päpste entriss Heinrich dem römischen Adel die Vorherrschaft, die Päpste zu stellen. Der Höhepunkt kaiserlicher Macht war erreicht – und es kamen Stimmen auf, die die Vorherrschaft des Papstes über den Kaiser forderten. Auch der von Heinrich III. eingesetzte Papst Leo IX. (1002-1054) war eine beeindruckende Person: Er reiste durch die Herrschaftsbereiche, um Klöster zu visitieren, Ordnung durchzusetzen, von ihm gibt es die Legende, dass er einen Aussätzigen in sein eigenes Bett legte – und er vollzog etwas, was bis heute Auswirkungen hat: Er exkommunizierte den Patriarchen von Konstantinopel, was zur bis heute anhaltenden Trennung von von der Römisch-Katholischen Kirche und der Griechisch-Orthodoxen Kirche führte. Normannen griffen Rom an, er kämpfte gegen sie, verlor, bot sich als Geisel an und wurde gefangen genommen.
Aufgabe 8:
Kunigunde wollte so leben, wie Jesus es laut Matthäus in der Bergpredigt lehrte. Lies Matthäus-Evangelium Kapitel 5-7. Findest Du es gut, dass ein Mensch wirklich versucht, so etwas umzusetzen? Wenn „Ja“: Warum? Wenn „Nein“ – auch das begründen.
9.
Das war die politische Bühne. Auf der Bühne des Alltags lief auch wie immer alles kreuz und quer: Manche lebten ihre tiefe Frömmigkeit im Bewusstsein, dass der Christ für andere da sein muss, für Notleidende, Geächtete. Andere nutzten ihre höhere Stellung, um Menschen zu erniedrigen, um ihren vielfältigen eigenen Lüsten zu dienen. Wie der heilige Dom / Kathedrale seine dämonischen Wasserspeier hat, so begleiten die Kirche auch Menschen, die sich um Grunde um Glauben nicht scheren (so sah es Martin Luther). Aber vor allem gab es auch Menschen, die aus ihrem Glauben heraus leben, ob Herrscher oder nicht – und sich dann doch in vieler Hinsicht verfehlen können. Nicht, weil sie etwas sagen, was die Menge für falsch hält, sondern aus ihrem Glauben heraus falsche Wege gehen. Aber die Liebe und Gnade Gottes in Jesus Christus sind größer als die jeweiligen Vergehen. Und all das werden auch die folgenden Jahrhunderte zeigen.
*
Quellen:
Zu den einzelnen Namen siehe vor allem auch das Heiligenlexikon: https://www.heiligenlexikon.de/ (Dieser und oben genannte Links wurden im Juli 2026 überprüft.)