PHILOSOPHISCHE ANTHROPOLOGIE

In der Anthropologie geht es um die Frage: Wer/was ist eigentlich der Mensch?

1. Aufgabe: Selbst klären: Wer/was ist der Mensch? Was macht den Menschen zum Menschen?

Wie in jeder Wissenschaft gibt es nicht eine eindeutige Antwort. So gibt es auch unterschiedliche Versuche, das Phänomen Mensch zu erklären. Es werden bestimmte Schwerpunkte gesetzt, zunächst in Abgrenzung vom Tier.

2. Aufgabe: Welche Philosophen vertreten die folgenden Richtungen? (Vorüberlegungen!) (s. unten unter Aufgabe 5):

  • Der Mensch ist ein Wesen mit Geist, er hat eine Seele – damit verbunden: Er steht dem Göttlichen nahe.
  • Wesentlich am Menschen ist seine Sprachfähigkeit. Sie hebt ihn über die Tiere hinaus.
  • Er ist geschichtlich handelndes Wesen, also ein Wesen, das in die Vergangenheit schauen kann, das sein Handeln in der Gegenwart mit Blick auf die Zukunft  bestimmen kann.
  • Er ist im Gegensatz zum Tier ein Mängelwesen: Während das Tier schon so gut wie fertig auf die Welt kommt, bedarf der Mensch eine lange Phase der Betreuung – und vermag sich darum den unterschiedlichsten Situationen anzupassen.
  • Er ist ein Wesen, das sich selbst bestimmen kann, ist nicht mehr ganz so instinktgebunden, lebt in der Spannung zwischen Möglichkeit und Ziel.
  • Er ist ein homo politicus: eingebunden in die soziale Ordnung, orientiert sich am Wohl für die Gemeinschaft.
  • Er ist im Werden.

3. Aufgabe: Suche Beispiele für die genannten Anthropologischen Ansätze (s. unten unter Aufgabe 5):

Das Wort „Anthropologie“ wird aus unterschiedlichsten wissenschaftlichen Perspektiven betrachtet:

  • Genannt wurde oben die Philosophische Anthropologie. In der philosophischen Anthropologie wird der Mensch als Geist-Wesen, als spirituelles Wesen angesehen.
  • Theologische Anthropologie: dazu siehe unten mehr.
  • Kultur-Anthropologie: Der Mensch ist Schöpfer der Kultur – gleichzeitig ist er Geschöpf der Kultur, in der er aufwächst.
  • Sozial-Anthropologie: Der Mensch ist ein soziales Lebewesen: Macht, Rang, Identität, Geschichte, Verwandtschaft, Rituale… bestimmen ihn (wie auch andere Lebewesen).
  • Soziologische Anthropologie: der Mensch lebt gegenwärtig in einer Multi-Optionsgesellschaft, in einer Risikogesellschaft, es geht um das Verhältnis von Mensch und Stadt, Mensch und Industrie…
  • Psychologische Anthropologie: Entwicklungspsychologie, Persönlichkeitstheorien…
  • Biologische Anthropologie: Von Untersuchung der Genetik  über den Vergleich mit den Primaten bis hin zu den körperlichen Voraussetzungen fürs Sport treiben…
  • In der „Biologistischen Anthropologie“ wird der Mensch intensiver als Teil der Tierwelt verortet.
  • Pädagogische Anthropologie: Der Mensch ist ein lernendes und lehrendes Wesen. Wie werden Lehr-Materialien gestaltet werden müssen, damit der Mensch besser lernen kann…
  • In der Empirischen Anthropologie wird der Mensch von seiner Natur aus erklärt: Sein Verhalten wird auch mit anderen Lebewesen in Beziehung gesetzt – die philosophische und theologische Anthropologie wird jedoch nicht gänzlich ausgeschlossen.

 4. Aufgabe: Wer vertritt folgende Positionen? (Vorüberlegungen! s. unten unter Aufgabe 5):

  1. Bisher sah man, dass der Mensch mit seinem Körper zur Tierwelt gehört – und mit dem Geist zu einer höheren Ebene gehört. Im Zuge des Naturalismus sieht man immer stärker den Geist als Teil der tierischen Natur – und nicht mehr als Teil, der den Menschen mit Göttlichem verbindet.
  2. Das Leben der Menschen ist mit dem der Tiere vergleichbar: Nahrungsaufnahme, Leidminderung, Fortpflanzung bestimmen ihn.
  3. Durch die Herleitung des Menschen aus der Natur werden auch Verhaltensweisen erschlossen: zum Beispiel gegen Ehe, weil in der Tierwelt Monogamie kaum vorhanden ist. Im Extremfall bis hin zum Sozialdarwinismus: Wie in der Natur ist Leben, das nicht zum eigenen Überleben beitragen kann, der Vernichtung preisgegeben.
  4. Er ist ein Sozialwesen wie Tiere auch: er orientiert sich an Familie, Rasse, Klasse, Religion. Nicht das Individuum zählt – es zählt das Wohl der Gruppe. Überwiegend werden jedoch auch Fakten beachtet, die den Menschen über das Tier hinausheben: Staatenbildung ist freier Entschluss der Menschen – und nicht wie bei Ameisen und Termiten  „programmiert“; es gibt Verantwortungsethik, man nimmt Rücksicht auf die Natur usw.

5. Aufgabe: Zu folgenden Schlagworten Erkundigungen einholen, die Aussagen vertiefen – und oben genannten Positionen zuordnen:

Anthropologie des

  • Platon: der Mensch, zerrissen zwischen Höhe (Geist) und Tiefe („Natur“), muss den Einklang, Tugenden finden.
  • Augustinus: der an sich zweifelnde Mensch findet Ruhe in Gott, weil Gott ihn auf diese Ruhe hin geschaffen hat.
  • Thomas von Aquin: der Mensch ist begrenzt und frei, vergänglich und unsterblich.
  • Martin Luther: der Mensch ist ein Pferd, er wird vom Bösen oder von Gott geritten; der Verstand denkt, der Bauch lenkt.
  • Thomas Hobbes: der Mensch ist böse und wird durch den Staat, dem er sich selbst unterwirft, diszipliniert.
  • René Descartes: der Mensch denkt, also ist er.
  • Blaise Pascal: der Mensch ist das Größte (Engel/Universum) und das Kleinste (Tier/Nichts).
  • Jean Jacques Rousseau: der Mensch ist ursprünglich gut und muss mit anderen ein Gemeinwesen gründen, um das Gutsein zu stabilisieren.
  • Julien Offray de La Mettrie: der Mensch ist Maschine.
  • Johann Gottfried Herder: der Mensch ist frei – er muss die Freiheit nur positiv realisieren.
  • Immanuel Kant: Der Mensch ist nicht rein abhängig von der Natur: Was kann der Mensch als Vernunftwesen aus sich selbst machen? Seiner Pflicht nachgehen.
  • Ludwig Feuerbach: der Mensch ist für den Menschen Gott.
  • Karl Marx: der Mensch ist das, was die Gesellschaft aus ihm macht. Sie hat den Menschen von sich selbst entfremdet – man muss ihn wieder zu sich selbst bringen, indem er Teil der Gesellschaft wird.
  • Friedrich Nietzsche: der Übermensch erhebt sich selbst aus den Menschen.
  • Sigmund Freud: der Mensch besteht aus Es (dem Unterbewussten/Trieben) + Ich (dem Bewussten) + Überich (dem Gewissen).
  • Alfred Adler: der Mensch fühlt sich minderwertig und versucht die Minderwertigkeit dynamisch zu bekämpfen.
  • Arnold Gehlen: der Mensch ist ein Mängelwesen, darum weltoffen.
  • Helmuth Plessner: der Mensch ist unabhängig von den Trieben und schafft sich ein neues Leben.
  • Karl Jaspers: der Mensch will immer über sich hinaus.
  • C.G. Jung: der Mensch wurzelt in den Mythen der Vorfahren, sie bestimmen sein Unbewusstes.
  • Jean Paul Sartre: der Mensch ist das, was er aus sich macht.
  • Wilfrid Sellars: die Naturwissenschaft ist das Maß aller Dinge.
  • Jacques Monod: Der Mensch ist ein einsames Wesen auf dem Erdball in der Weite des Universums.
  • Peter Singer: der Mensch ist nicht über manchem Tier (z.B. Schimpansen, Gorillas, Bonobos): beider Merkmale: Rationalität, Sozialverhalten, Schmerzempfinden, Einfühlungsvermögen.
  • Aus der Hirnforschung kommt der Impuls: Der Mensch ist abhängig von seinem Unbewussten – freilich ist das Unbewusste Teil des Menschen.

6. Aufgabe: Unsere Erkenntnis – woher haben wir das Wissen?

Es gibt also unterschiedliche Vorstellungen über den Menschen. Woran liegt das? Das liegt an der Frage: Woher haben wir das Wissen? Wie bekommen wir das Wissen? Und diese Fragen haben es in sich, denn es gibt nicht nur unterschiedliche Antworten auf die Frage, was eigentlich der Mensch ist, sondern auch Antworten auf die Frage: Woher haben wir das Wissen, die Erkenntnis – was ist das überhaupt? Denn das ist die Grundlage dafür, den Menschen – bzw. alles, was wir beurteilen – einordnen zu können.

  1. Realismus: Es gibt eine objektive Realität. Platon meint, der Mensch habe den Verstand und die Fähigkeit, die wahre Idee hinter all der Vielfalt zu erkennen. Wer nicht als Freund der Weisheit lebt, sondern nur seinen Sinnen traut, sieht nur Scheinwelt – doch es bedarf der Fähigkeit des Geistes, hinter diesen vielfältigen Erscheinungen die Grundlage, die Idee, das Grundmuster, das Wahre zu erkennen (Höhlengleichnis!).
  2. Idealismus: Es gibt eine objektive Realität, aber die kann man nicht erkennen. Das, was man als objektive Realität erfasst, das ist nur durch das denkende Individuum erfasst worden, also subjektiv (Kant).
  3. Rationalismus: Wir haben als Erkenntnisquelle nur unsere Vernunft – sie ist von Äußerem unabhängig (Descartes). Weitergeführt vom kritischen Rationalismus: Alles ist vorläufig und muss immer wieder kritisch überprüft werden, da es keine absolute Erkenntnis gibt (Popper).
  4. Empirismus/Positivismus: Wir haben als Erkenntnisquelle die Erfahrung. Das, was man empirisch erfassen kann, ist wahr – denn nur das wird vom Verstand wahrgenommen, was zuvor sinnlich erfasst wurde (Aristoteles – bis in die Neuzeit: Hobbes, Locke, Hume).
  5. Logischer Empirismus: Erfahrung und Logik sind die Erkenntnisquellen (Carnap). Aber Erfahrung, die nicht logisch erfasst werden kann, ist nicht weiter zu beachten (z.B. religiöse Wahrheit).
  6. Materialismus: Nur das kann als richtig erkannt werden, was zu allen Zeiten und von jedermann wiederholt erkannt werden kann – und das trifft allein auf das Materielle zu. Nur das kann für den Menschen wahr sein.
  7. Skeptizismus: Erkenntnis ist immer abhängig vom jeweiligen Individuum, seiner Tradition, Kultur, seinen Denkfähigkeiten. Es gibt keine eindeutige Wahrheit für den Menschen.

7. Aufgabe: Eine Frage:

Was ist also der Mensch? Nach diesem Vorlauf musst Du selbst begründet eine Antwort geben. Zu einfach wäre es zu sagen: Das weiß man nicht. Welche Erfahrungen hast Du gemacht? Was sagt Dir Dein Verstand? Was scheint Dir plausibel? Und: Woher weißt Du, dass das, was Du vom Menschen denkst, richtig ist?

8. Aufgabe: Was sagst Du dazu?

  • Die Gene bestimmen den Menschen. Er wird geboren – und so ist er dann auch.
  • Das soziale Umfeld bestimmt den Menschen. Er wird in ein soziales Umfeld hineingeboren – und so ist er dann auch.
  • Gibt es Spannungen zwischen „Gene“ und „Sozialem Umfeld“?
  • Kann sich der Mensch aus diesen Vorgaben befreien?

BIOLOGISCHE ANTHROPOLOGIE

Kognitive Operatoren: Nachdem philosophische Versuche genannt wurden, den Menschen verstehen zu können, sei auf die Neurowissenschaft hingewiesen. Wie kommt es, dass der Mensch überhaupt erkennt? Im folgenden Abschnitt werden Operatoren genannt, die von der Neurowissenschaft unterschiedlichen Gehirnarealen zugeordnet werden – die hier allerdings nicht wiedergegeben werden.

Die Neurowissenschaftler Andrew Newberg und Eugene d´Aquili sprechen von Operatoren, mit deren Hilfe das Gehirn seine Umwelt erfasst:

  • Der holistische Operator sieht die Welt als Ganzes. Man interpretiert Blätter und Stamm als Baum.
  • Der reduktionistische Operator sieht die Einzelteile. Man interpretiert den Baum als Blatt + Stamm usw.
  • Der abstrahierende Operator ordnet einzelne Teile dem Gesamt zu. Man sieht die Eiche, die Buche usw. als Baum.
  • Der quantitative Operator hat es mit Zahlen zu tun: Menge, Entfernung, Mathe, Zeit. Man sieht viele Bäume in einer Entfernung von 200 meter um 19:00 Uhr, fünf Bäume stehen im Vordergrund.
  • Der kausale Operator sieht den Grund hinter jeder Ursache. Der Baum wuchs aus einem Samen, der Samen kommt von einem anderen Baum…
  • Der binäre Operator ordnet alles in zwei Bereiche: oben – unten; vorher – nachher…
  • Der existentielle Operator verarbeitet das mit Sinnen Erfasste und interpretiert sie als real.
  • Der emotionale Operator verbindet alles mit Emotion.

(Nach: Klaus Manhart: Sagenhafte Welt, in: Glaube und Aberglaube. Gehirn&Geist Dossier 2, 2011, Seite 23)

Bevor das Gehirn jedoch erfassen und interpretieren kann, werden die Gegenstände durch die Sinne erfasst. Die Sinne sind das Tor nach Außen – durch die die Außenwelt nach innen dringen kann.

Aufgaben:

Aufgabe 1: Welche Sinne gibt es? Was können sie? Was können sie nicht?

Aufgabe 2: Was ist die „innere Uhr“? – Gibt es einen Zeitsinn?

  •     Man fühlt sich manchmal beobachtet. Gibt es dafür einen Sinn?
  •     Was ist das so genannte „Bauchgefühl“ / Intention? Gibt es dafür einen Sinn?
  •     Können Menschen spirituelle Mächte wahrnehmen? Gibt es dafür einen Sinn?

Aufgabe 3: Kann Gott mit unseren Sinnen wahrgenommen werden?

  •     Wenn ja – warum?
  •     Wenn nein – warum nicht?

Ob Gott nach christlichem Glauben mit den Sinnen wahrgenommen werden kann, wird hier dargelegt: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/gott/

Die Sinne nehmen wahr – sie interpretieren – Folge: Wir reagieren.

Und wie wir reagieren können, versuchen die oben genannten Operatoren zu erklären.

Nicht allein Menschen haben Sinne. Lebewesen unterscheiden sich darin von toter Materie, dass sie eben Sinne besitzen.

Aufgabe 4: Worin unterscheidet sich der Mensch in der Verwendung der Sinne von Tieren? Gibt es Unterschiede?

Aufgabe 5: Recherchiert: Was verbirgt sich hinter FoxP2 und HAR1F und 2?

Menschen und Schimpansen haben eine hohe Anzahl an Genen gemeinsam: 98,7%. Und doch gibt es zwischen beiden große Unterschiede. Woran liegt das? Im Augenblick meint man, herausgefunden zu haben, dass es daran liegt, dass die Gene unterschiedlich abgelesen werden. Und/oder: Es gibt Schlüsselgene, die dazu beitragen, dass kleinste Abweichungen große Auswirkungen zur Folge haben. Wie kam es, dass sich beim Menschen alles in kurzer Zeit so massiv anders entwickelte als bei den so genannten Menschenaffen? Die Wissenschaft sucht nach Erklärungen – sie weiß es aber (noch) nicht.

Nur am Rand:

  • Wie viele Chromosomen hat der Mensch? Antwort: 46.
  • Wie viele Chromosomen haben Schimpansen und Gorillas? Antwort: 48.
  • Wie viele Chromosomen haben Kartoffeln? Antwort: 46.
  • Fragen, die vielleicht witzig sind – vielleicht auch nicht:
  • Warum wächst nur beim Menschen das Haupthaar?
  • Haben auch einzelne Tiergattungen unterschiedliche Augenfarben?
  • Welche wichtigen Merkmale – was das Aussehen betrifft (z.B. Sexualorgane) – unterscheiden noch Menschen von Affen?

DAS MENSCHENBILD DES ALTEN UND NEUEN TESTAMENTS

Altes Testament

Genesis / 1. Buch Mose Kapitel 1 und 2:

Der Mensch ist von Gott gewollt, geschaffen worden. Er ist Ebenbild Gottes: Gott spricht den Menschen an – und der Mensch spricht und lebt im Auftrag Gottes. Der Geist/Atem Gottes erschafft alles und füllt den Menschen, macht ihn, der aus Materie besteht, zu einem lebendigen Wesen.

Genesis 3 und 4 (und Römerbrief Kapitel 7 [NT]):

Gott hat den Menschen von Anfang an zu einem Wesen erschaffen, das frei ist, in Freiheit Gottes Willen tun kann. Doch der Mensch nutzt seine Freiheit, sich gegen Gottes Willen zu wenden. Damit trennt er sich von Gott – das wird Sünde genannt. Die Sünde führt zu Aggressivität untereinander, zum Tod.

Der Mensch ist selbst- und fremdbestimmt (Römer 7). Der Mensch erkennt seine Mängel (Genesis 2), leidet darunter (Römer 7). Er ist ein sich selbst entfremdetes Wesen, das treibt ihn an, er ist lernfähig.

Genesis 9ff. – und andere alttestamentliche Schriften:

Gott wendet sich dem Volk Israel zu. Er befreit es und wird es befreien. Gott bietet Gemeinschaft und fordert Gemeinschaft. Gott gibt Gebote, die dem Menschen helfen sollen, gut mit Gott und untereinander auszukommen. Er sendet Propheten, die Übertritt gegen die Gebote ahnden, fordern, sie zu befolgen. Es geht also um: Ethik.

Neues Testament:

Gott sendet Jesus Christus. Er ist Ebenbild Gottes (1. Korintherbrief 4,4), das heißt, dass an ihm sichtbar wird, wie der Mensch nach Gottes Willen sein soll: Gott ist im Nächsten, darum ist dem Nächsten zu helfen (Matthäusevangelium 25). Der Mensch soll durch den Geist Gottes der werden, zu dem Gott ihn geschaffen hat. Jesus richtet sich an das Individuum: Erneuere dein Leben, damit betont er den einzelnen Menschen, das Individuum. Und das erneuerte, gute Tun des Individuums hat Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Durch das gewaltsame Sterben Jesu – seine Hinrichtung durch Menschen – trägt er den Zorn, die Sünde, des Menschen gegen Gott – und der Mensch erkennt Gottes Liebe, weil er den Menschen trotz seines Zornes gegen Gott nicht vernichtet. Gleichzeitig erkennt der Mensch in Jesu Sterben und Tod ein Opfer, das der Mensch Gott bringt – damit werden tiefe archaische Schichten im Menschen angesprochen: Gott benötigt deine Opfer zur Versöhnung nicht mehr. Jesus ist das Opfer, das Gott gewollt und angenommen hat.

Damit bekommt der Mensch Vergebung – er wird nicht an seine Vergangenheit gefesselt – und wird eingeladen, als Teilhaber der vollkommenen Welt Gottes (Reich Gottes, Herrschaft Gottes, Paradies) zu leben. Und damit schließt sich der Kreis zu Genesis 1.

Aufgaben: In vielen Bereichen der Philosophischen Anthropologie werden einzelne Aussagen der Bibel säkularisiert entfaltet. Es mag unbewusst sein, aber dadurch, dass die Philosophen in der christlichen Kultur stehen, ist die Vermutung nicht ganz von der Hand zu weisen, dass sie biblische Traditionen aufgreifen und säkularisieren, das heißt: ohne Gott verstehen wollen:

  • Der Mensch = Sünder (jüdisch-christlich) = Mängelwesen (säkularisiert).
  • Der Mensch wird durch den Geist Gottes zum Menschen (jüdisch-christlich) – er unterscheidet sich vom Tier durch den Geist (säkularisiert).
  • Erkennst Du weitere jüdisch-christliche und andere traditionelle Aussagen, die säkularisiert wurden?

DER MENSCH IST EBENBILD GOTTES

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ (Genesis 1,27)

Dieser Satz aus Genesis 1 wird unterschiedlich interpretiert:

1) Metaphysisch: Der Mensch hat Anteil an Gott (Gnosis: Er hat Göttliches in sich; Nicht-Gnostisch: Der Geist Gottes wirkt in allen Menschen). Die Würde des Menschen ist dadurch gegeben, dass jeder von Gottes Lebens-Geist / Lebens-Atem / Lebens-Hauch beseelt wird; umfassender: der Mensch als Einheit von Körper und Geist ist Geschöpf, Bild Gottes.

2) Ethisch: Dem Menschen wurde geschenkt, wie Gott zu handeln: in Liebe, schöpferisch-künstlerisch, frei, verantwortlich, kommunikativ, bewusst, bewahrend – aus der Nähe/Gemeinschaft zu Gott heraus.

3) Historisch: Der Mensch wird beauftragt, in die Natur einzugreifen, wie der altorientalische König verantwortlich zu herrschen…

4) Christologisch: Jesus Christus ist Ebenbild Gottes, somit Maßstab unseres Verhaltens als Ebenbilder Gottes. Der Mensch ist als Sünder verzerrtes Ebenbild.

5) Sozial: Der Mensch verhält sich als Ebenbild Gottes, indem er Gott und dem Nächsten zugewandt ist, sich ihnen gegenüber liebend verhält.

6) Der Mensch als Gattung wird als Ebenbild angesehen, als Geistträger – die Betonung der Menschenwürde auch des Individuums in seiner Krankheit, seinem Tod ist von Jesus Christus geprägt worden.

7) Es ist die Rede von dem Menschen: Diese Aussage gilt für jeden Menschen – ohne Ausnahme. Die Ebenbildlichkeit Gottes gilt im alten Orient dem Herrscher – in Genesis wird dagegen gesagt: Jeder Mensch wurde von Gott zum Herrscher erhoben.

Weitere Aspekte:

8) Die Schöpfungsgeschichten lassen erkennen, welches Menschenbild dahinter steht. Im Babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elisch wird gesagt: Der Mensch = Sklave der Götter. Genesis sagt dagegen: Der Mensch = Ebenbild Gottes zum Herrschen (dazu gehört auch: Bewahren) bestimmt.

9) Es stellt sich die Frage: Wenn der Mensch zum Ebenbild Gottes geschaffen wurde: Wer ist Gott – wie ist Gott? Kann man vom Menschen auf Gott schließen? Antwort: Die Bibel sagt, wer Gott ist – letztlich sehen wir das an Jesus Christus – und nicht am Menschen schlechthin.

10) Wer sich selbst und den anderen Menschen als Ebenbild Gottes ansieht, geht anders mit sich und anderen um.

11) Der Mensch ist relationales Ebenbild: der Mensch ist Ebenbild Gottes, nicht, weil er einen Auftrag ausführen kann usw. sondern weil er von Gott angesprochen wird. Dieser Aspekt ist mit Blick auf Menschen wichtig, die aus gesundheitlichen Gründen usw. nicht handeln können. Auch sie sind Ebenbild Gottes.

Fazit:

Wenn der Mensch Ebenbild Gottes ist, ohne Einschränkung jeder Mensch gleiche Würde hat, dann hat das Folgen für das Verhalten: kein Mensch darf erniedrigt werden, kein Mensch darf aus welchen Gründen auch immer (Abtreibung, Todesstrafe) getötet werden, keiner darf verachtet, übergangen werden. Soziale Gerechtigkeit ist herzustellen. Diese Sicht ist freilich auch von Jesus Christus her bestätigt worden. Wie sich Jesus den Menschen zugewendet hat – ohne Ausnahme – so ist der Glaubende in der Nachfolge Jesu angehalten, sich entsprechend zu verhalten.

Von hier aus gesehen steht auch die Kultur des Lebens im Vordergrund christlichen Strebens: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/mensch/kultur-des-lebens/

Grundsätzlich bedeutet das, was im letzten Absatz gesagt wurde, aber auch: Wir leben „nicht mehr“ im „Paradies“. Von daher kann das eine oder andere zwar apodiktisch gesagt werden, ist in der Wirklichkeit jedoch immer auszuhandeln: Wie sieht es angesichts der konkreten Situation mit dem Handeln als Ebenbild Gottes aus? Entsprechend gibt es Auseinandersetzungen. Sie sind aber immer so zu führen, dass man einander als Ebenbild Gottes achtet.

Weitere Überlegungen:

  • Warum kann der Mensch lieben? Weil er die Liebe von Gott dem Schöpfer mitbekommen hat. Warum hat er Sehnsucht nach Gerechtigkeit? Weil er das Gefühl für Gerechtigkeit von Gott dem Schöpfer mitbekommen hat.
  • Warum erfährt der Mensch sich als Ich? Weil die Mutter / der Vater auf es liebevoll mit Du reagiert, merkt das Baby, dass es ein Ich ist. Und wie merkten Menschen – als Gattung – überhaupt, dass sie ein Ich sind? Weil sie von Gott angesprochen wurden.
  • Warum ist der Mensch – wie man sagt – schöpferisch tätig, obgleich Kunst normalerweise nicht zur Ernährung und zum Überleben beiträgt? Warum sieht der Mensch vieles als schön an, ist empfänglich für Schönheit – obgleich es ihm keinen Nutzen bringt? Weil er Ebenbild Gottes ist.
  • Warum redet der Mensch? Er wurde entsprechend körperlich gestaltet, um auf die Anrede Gottes reagieren zu können.
  • Warum kann der Mensch bewusst leiden? ( https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/gott/theodizee/ : Punkt 6.)

Die christliche Anthropologie sieht den Menschen als ein ganz besonderes Wesen an, weil er als Ebenbild Gottes Wesens-Elemente besitzt, die Gott ihm geschenkt hat – und er mit ihnen verantwortlich umgehen könnte.