1. Atheismus

    Wichtig!: Nur mit Berücksichtigung der vorangegangenen Seiten zu lesen, denn erst dann ist der Abschnitt verständlich!

    So mancher sagt: „Ich glaube nicht an Gott!“ Damit befindet er sich in einer vielfältigen Gesellschaft. Zwischen aggressiven Anti-Theisten und den „Frommen Atheisten“ / „Spirituellen Atheisten“ gibt es viele, die sich irgendwo zwischen diesen Extremen einordnen. Man muss aber wissen: Nicht alle Atheisten erkennen andere Atheisten als Atheisten an. Dagegen können manche Atheisten sogar alle, die aus der Kirche ausgetreten sind, als Atheisten ansehen. Das weisen Konfessionslose freilich von sich: „Wenn ich nicht in der Kirche bin, heißt das noch lange nicht, dass ich nicht an Gott glaube!“

    Hier folgt ein kleiner (unvollständiger) Überblick über Möglichkeiten, sich a-religiös zuzuordnen:

    Alltagsatheisten sind diejenigen, die ihren Alltag leben, als ob es keinen Gott gäbe. Manche machen sich hin und wieder Gedanken über Gott, so an Weihnachten oder wenn es ihnen schlecht geht. Manche rutschen aus Versehen in ein Leben ohne Gott hinein. Manche suchen im verwestlichten Buddhismus ihre Antworten. Manche nennen sich hingegen bewusst Humanisten, um sich von Religion abzugrenzen. Es gibt verschiedene Spielarten von atheistischen „Humanisten“, so die besonders regen „evolutionären Humanisten“. Manche nennen sich Brights, die Hellen, in Abgrenzung zu den finsteren Christen. Die Letztgenannten meiden also das Wort „A-Theist“. Das Wort bedeutet: „Ohne Gott“. Sie wollen sich nicht nach einem benennen lassen, den es aus ihrer Perspektive nicht gibt? Dabei gibt es sie als Gruppen freilich nur, weil sie sich gegen Gott wenden, wie auch immer sie sich nennen. Nicht zu verwechseln mit Atheisten sind Religionskritiker. Religionskritiker können Atheisten sein, müssen es aber nicht, denn es gibt Christen, die ihre Religion oder Kirche kritisieren. Nicht zu verwechseln mit Atheisten sind auch Agnostiker. Diese sagen: „Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt oder nicht.“ Zudem: Es gibt säkulare Menschen, denen in bestimmten Lebensphasen alles Religiöse aber auch Anti-Religiöse egal ist.

    Atheismus ist im Wesentlichen im Christentum begründet. Wie das? Zwei Aspekte seien genannt: Im christlichen Glauben spielt, wie zum Beispiel Jesus zeigt, der einzelne Mensch eine große Rolle. Diese Erkenntnis ist von alten Kulturen Europas verschüttet worden, wurde jedoch durch christliche Humanisten, so von Erasmus von Rotterdam, wieder entdeckt. Die Aufklärung hat das aufgegriffen. Einer der ersten großen Atheisten, Ludwig Feuerbach, formulierte überspitzt: Nicht Gott hat den Menschen erschaffen, der Mensch hat Gott erschaffen; und: Der Mensch ist gut. Dieser Ansatz wird von Atheisten aller Couleur übernommen. Der andere Aspekt ist die Theodizee-Frage: Kann es einen liebenden, gerechten Gott geben, wenn er Leiden zulässt? Büchner formulierte den berühmten Satz: Leiden ist der Fels des Atheismus. Christen erkennen, dass Leiden nicht dem Glauben widerspricht, sondern dass der Glaube wunderbare Hilfestellung im Leiden schenkt. Atheisten schließen jedoch daraus, dass es keinen Gott gibt. Ihr Problem stellt sich dann in der Anthropodizee-Frage: Wenn der Mensch gut ist, wie kann er dann Böses tun? Als Folge gibt es Nihilisten, die weder an Gott, noch an den Menschen glauben. Aggressivere Anti-Theisten beantworten diese Frage so: Der Mensch ist gut, Religionen machen ihn schlecht; darum: Alles Religiöse muss bekämpft werden. Diese folgen dem zweiten großen Atheisten, Karl Marx. Wenn Christen auf Unmenschlichkeiten des Kommunismus hinweisen, können sie hören: „Ja, aber Lenin und Stalin sind christlich erzogen worden!“ Selbstkritik, die Christen lernen mussten, ist bei einigen Atheisten nicht angekommen. Da aber Marx und Jesus manches gemeinsam hatten und Sozialisten Jesus bewundern konnten, propagieren andere Atheisten: „Jesus war auch übel!“ und “von Jesus weiß man nichts!“ Natürlich weiß man viel über Jesus. Aber weil man, so die atheistische Vorgabe, nichts von Jesus wissen darf, will man auch nicht viel über ihn wissen.

    Auf der anderen Seite gibt es die Frommen Atheisten. Diese erkennen, dass die christliche Religion bzw. Religion Gutes gebracht hat (Gemeinschaft, soziale Tätigkeit, Trost, Hilfe im Gebet). Da aber der Mensch Gott erschaffen hat, wie Feuerbach behauptete, kopiert man die positiven Seiten des Christentums als Religion – aber streicht Gott. Christen sagen dagegen: „Kommt zum Original!“ 

    Wirkungsvoll waren moderne Atheisten in der Behauptung, dass Glaube und Wissenschaft einander widersprechen. Diese Sicht hat sich verbreitet. Wer widerspricht dem? Fleißige und innovative christliche Wissenschaftler.

    Zuletzt seien die Atheisten erwähnt, die traurig darüber sind, dass sie nicht glauben können. Sie lassen erkennen, dass Glaube auch für Christen ein Geheimnis ist, dass er nicht erzwungen werden kann – und: Man muss sich als neugieriger Mensch Gott gegenüber so gut man kann, offen halten.

    Atheisten sind für das Christentum wichtig. Aufgrund der atheistischen Vorwürfe wurde so manches korrigiert. Das haben einige Atheisten des 21. Jahrhunderts nicht bemerkt, weil sie im 19. Jahrhundert stecken geblieben sind. Angesichts der vielfältigen Stimmen im Atheismus tun Christen gut daran, berechtigte Kritik aufzunehmen, aber ihre Fähnchen nicht nach dem jeweiligen atheistischen Wind zu hängen. Und: Wenn Atheisten wollen, mit ihnen zusammenzuarbeiten, wenn auch sie zum Wohl der Menschen wirken.

    2. Dialog zwischen Christen und Atheisten

    Letztlich gelten die Regeln für ein interreligiöses Gespräch auch für das Gespräch mit Atheisten:

    Weil kein Mensch die ganze Weisheit gepachtet hat, gibt es Dialogregeln zwischen Religionen und – eingeschlossen – Ideologien, so auch für den Dialog mit dem Atheismus:

    1. Die eigene Tradition kennen: Was ist mir / uns wichtig, weniger wichtig?
    2. Wachsen in der Weltwahrnehmung des anderen;
    3. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Toleranz;
    4. den anderen achten, ihm vertrauen (auf Augenhöhe kommunizieren);
    5. Kritik vertragen können + eigene Kritik angemessen zur Sprache bringen;
    6. bereit sein, vom anderen zu lernen (kann aber nicht vom Gegenüber gefordert werden!);
    7. Reflexion und Selbstreflexion;
    8. die Frage nach den Menschenrechten kann nicht ausgeklammert werden,
    9. Kommunikationsregeln – wie sie von Philosophen erarbeitet wurden – sind zu beachten;
    10. Vorgaben an den Gesprächspartner sind zu vermeiden wie auch Erpressungsversuche (Gesprächsabbruch, wenn du nicht…, dann…), Imponier- und Dominanzgehabe…

    So mancher Fundamentalist verweigert sich dem Gespräch – und das gilt nicht nur für Christen, Muslime, Buddhisten, Hindus, sondern auch für atheistische Fundamentalisten. Das Wort „Fundamentalist“ ist von Haus aus kein negatives Wort: Man hat ein Fundament, eine Basis – das kann keinem Menschen schaden. Es wurde jedoch zu einem negativ konnotierten Wort: Ein Fundamentalist ist – so versteht man das Wort inzwischen – ein Mensch, der sehr eng denkt, der nur bereit ist, seine Sichtweise weiterzugeben, aber nicht bereit ist, über sie zu diskutieren, Argumente auszutauschen. Kurz, einer, der Gespräch verweigert. Was es auch zwischen politischen Strömungen gibt. Das ist menschlich, aber nicht zu unterstützen.

    Christen sollten immer bedenken, dass zu Beginn ihrer Existenz die Diskussion steht: Jesus diskutiert mit seinen Gesprächspartnern, Paulus argumentiert mit seinen Adressaten, seien es Menschen aus Juden, Heiden oder Gemeinden:

    Prüft alles, das Gute behaltet,

    sagt Paulus im 1. Brief an die Thessalonicher. Christen müssen keine Abschottungstendenzen kultivieren. Weil sie frei sind, verbreiten sie manchmal Abschottungstendenzen beim Gegenüber (Verfolgungen in muslimischen, hinduistischen, atheistischen Systemen). Freiheit und Selbstbewusstsein weckt Ängste. Diesen ist mit dem Doppelgebot der Liebe zu begegnen: Liebe Gott und deinen Nächsten.

    Das größte Problem: Irgendwann kommen Gespräche an den Punkt, an dem die Gesprächspartner denken: Gespräche seien nur sinnloses Geschwafel. Dann müssen Wege gefunden werden, um das Reden miteinander wieder sinnvoll zu gestalten. Uns Menschen bleibt – wenn wir künftige Religionskriege / Atheistenkriege verhindern wollen – keine Alternative. Das betrifft bekanntlich auch die Menschenrechte: der jüdisch-christlich-aufgeklärte Westen hat andere Vorstellungen als der Islam – die wieder andere als das konfuzianistische China bzw. das hinduistische Indien. Miteinander reden ist, wie gesagt, die einzige Alternative – und das Vorleben der besseren Tradition. Wenn unsere jüdisch-christliche-aufgeklärte Lebensweise besser ist, dann wird sie sich auf Dauer auch durchsetzen, wenn wir sie denn in Würde vorleben.

    (Siehe: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/religion-en/pluralismus-und-dialog/)