CHRISTLICHE SEXUAL-ETHIK

Aufgaben:

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Es gibt nicht die eine christliche Sexual-Ethik. In den folgenden Abschnitten werden ein paar wesentliche Aspekte aus meiner Sicht genannt.

1. Der Mensch kann seine Sexualität beherrschen

Der Mensch ist auch mit seiner Sexualität Teil der Natur. Aber er ist von seiner Sexualität nicht abhängig, sondern kann sie seinem Willen unterstellen. Das ist wesentlich für eine christliche Sexual-Ethik: Der Mensch muss nicht Sklave seiner Sexualität sein – so kann er zum Beispiel ein Leben ohne Sexual-Partner wählen, Zum Beispiel Mönche, Nonnen, Zölibat. Manche müssen ohne einen Sexualpartner leben – kreisen aber gedanklich, körperlich immer um diesen „Verlust“; Christen können sich sagen: Ich muss nicht! – sie sind freier; sie können sagen: Ich muss nicht – wenn Gott mir keinen Partner geben will. Oder: ich muss nicht – wenn ich nicht will oder anders sexuell orientiert bin, als mein Glaube es für gut heißt.

2. Richtlinien zum richtigen Umgang mit der Sexualität

Die Sexualität ist geprägt von den Traditionen, den Normen, in denen ein Mensch aufwächst, weil in den Traditionen und Normen Erfahrungen von Menschen verankert sind. Der Vorteil eines Menschen ist, dass er Erfahrungen weitergeben kann, damit der andere Mensch nicht dieselben Irrtümer begeht. Und so finden wir im Alten und Neuen Testament Erfahrungen, die zu berücksichtigen sind. Wie ein Kind lernt: Pass auf, du verbrennst dir die Finger, wenn du die Platte anpackst – also zum Lernen der Gefahr die Platte nicht anpacken muss –, so lehrt auch zum Beispiel Jesus, dass Ehepaare sich nicht scheiden lassen sollen. Dahinter stehen kollektive schmerzhafte Erfahrungen: Trennungen bedeuten Schmerz, Einsamkeit usw. Dahinter stecken auch vernünftige Überlegungen, die aus Beobachtungen gefolgert werden. Nimmt man diese Warnung an, ist man der Gefahr entgangen. Nimmt man sie nicht an, muss man die Schmerzen ertragen – wie das Kind, das dennoch die Herdplatte berührt. Nun machen Menschen jedoch die Erfahrung, dass es manchmal besser ist, sich zu trennen – davon spricht zum Beispiel Paulus im 1. Korintherbrief im Kapitel 7. Das heißt: Aus neutestamentlicher Sicht wird der Mensch davor gewarnt, sich zu trennen – aber andererseits kann es manchmal für Menschen besser sein. Und diese Spannung zwischen der Warnung davor, sich zu trennen – und sich trennen, muss in Übernahme von Verantwortung geschehen, damit Leiden möglichst gering bleibt. Also: Der Verstand muss eingesetzt werden.

Die christliche Religion gibt Hilfen, Richtlinien – aber diese Richtlinien sind kein Gesetz, sondern Hilfestellungen, um verantwortlich, mit Verstand, zu handeln. Freilich ist der Mensch normalerweise so eingestellt, dass er meint, verantwortlich zu handeln, aber dann im Grunde nur seinem eigenen Drang nachgeht. Um das möglichst zu vermeiden, gehört zu einem verantwortlichen Handeln unbedingt hinzu: Sich möglichst eng an das zu halten, was im Neuen Testament angemahnt und in der Gemeinschaft der Gemeinde gelebt wird.

Als wichtige christliche Richtlinie der Tradition gilt auch, nicht vor der Ehe miteinander Geschlechtsverkehr zu haben. Diese Tradition wird auch von Jugendlichen weltweit aufgegriffen.

3. Vom Sinn traditioneller rigoroser Vorgaben

Dass die Kirchen in der Vergangenheit häufig rigoroser, fordernder gehandelt haben, das hängt damit zusammen, dass sie aufgrund ihrer Dominanz in der Gesellschaft mit für das soziale Miteinander der Gesellschaft verantwortlich waren – und auch in der Tradition der Völker, in die sie hinein kamen, standen. Mit Sexualität war (und ist) vielfach Leiden verbunden. Denn Frauen sollten nicht sexuell ausgenutzt werden – darum wandte man sich gegen vorehelichen Geschlechtsverkehr und Ehescheidung; Kinder sollten bei den Eltern aufwachsen können, nicht auf der Straße herumvagabundieren, Gefahren ausgesetzt sein, auch darum war man gegen Ehescheidung. Menschen sollten sich in der Partnerschaft sicher fühlen und nicht ständiger Friedlosigkeit ausgesetzt sein. Mit der Sexualität ist nicht wenig Gewalt verbunden, Depression, Lüge, Verrat, Eifersucht – kurz: gesellschaftlicher Unfriede. Jede Gesellschaft versucht, die durch Sexualität hervorgerufenen Spannungen in Grenzen zu halten. Somit auch die Kirche. Heute lösen sich viele Menschen von Vorgaben der Kirchen – und versuchen, alles selbst in die Hand zu nehmen. Der Vorteil heute gegenüber früheren Zeiten besteht darin, dass Alleinerziehende trotz aller Mängel doch (zumindest in unserem Land) weitgehend versorgt werden – und somit besser überleben können, dass ungewollte Schwangerschaften weitgehend vermieden werden können. Das kann auch negativ sein, denn das kann leichtsinnig machen. Der Körper fordert, die Seele leidet. Um dem Leiden zu entgehen, bedeutet verantwortungsvolles Leben, die Traditionen zu berücksichtigen, die Leiden vermeiden halfen.

4. Sich selbst Maßstäbe setzen – unter Berücksichtigung der Tradition

Die Kirche kann nicht mehr allgemein verbindliche Vorgaben geben (in der Vergangenheit freilich auch nur begrenzt, denn viele haben sich den Vorgaben der Kirche nicht gehalten. Der sexuelle Drang überwog – um es anders zu sagen: Der Drang, sein eigenes individuelles Leben unabhängig von Autoritäten zu leben, war stärker. Aus der Vergangenheit können wir nichtsdestotrotz lernen: Die eigenen Ansprüche an sich selbst sind möglichst hoch zu stellen – man kann sie zwar nicht immer durchhalten, aber das zu versuchen, bewahrt davor, Sklave seiner Sexualität zu werden. (Der griechische Philosoph Aristoteles unterschied zwischen zwei Grundlagen des Handelns: Orexis, das heißt, der Mensch handelt nach seinen Trieben; er hat jedoch den Logos bekommen, der die Triebe beherrschen kann und der ihn dazu befähigt zu bestimmen, ob er den Trieben nachgeben oder widerstehen soll.) Wenn man dann seinen Ansprüchen nicht genügt hat, weil der sexuelle Drang den Verstand dominiert, dann nicht in Schuld-Depressionen fallen, sondern den Verstand einsetzen – und das für alle Beteiligten Beste – in verantwortlicher Liebe – daraus machen.

Und: Vom Neuen Testament her gesehen: Man sollte die eigenen Ansichten in die Diskussion werfen, auch wenn sie gesellschaftspolitisch nicht unbedingt anerkannt sind.

 5. Maßstab christlicher Sexualethik

Der Maßstab für ein christliches Leben ist nicht: Folge dem Lustprinzip. Dieses abzulehnen, ist nicht typisch christlich. Sie ist auch Maßstab buddhistischen und verantwortlichen philosophischen Handelns. Denn der Mensch kann über die Gewinnung von Lust hinausschauen: Kann es sein, dass mir das jetzt Lust bringt – danach aber viel Leid? Auch stellt man sich als Christ nicht selbst in den Mittelpunkt, sondern denkt für den Nächsten mit: Was bedeutet mein Handeln für das Zusammenleben mit den anderen? Christlich ist: Seine Sexualität aus der Beziehung zu Gott heraus zu leben.

 6. Sexual-Kultur

Der Mensch veredelt alles (Nahrungsaufnahme ⇒ Ess-Sitten; Schlafen ⇒ Schlafkultur; Kleidungssitte ⇒ Bekleidungskultur; Aussehen ⇒ Schönheitspflege; Hygiene ⇒ Duftkultur, Wohnen ⇒ Wohnkultur) – und so hat er auch gelernt, seinen sexuellen Drang zu veredeln. Kurz: Liebe + Kultur gehören zur verantworteten Sexualität des Menschen dazu.

7. Verlässlichkeit und Treue

Christliche Sexualethik führt den Vorteil von Verlässlichkeit und Treue zwischen Menschen vor Augen. Gerade auch im Bereich der Sexualität, denn ohne Verlässlichkeit und Treue ist Sexualität für die meisten Menschen kein schönes und angenehmes Erlebnis. Ein weiterer Aspekt ist, dass man füreinander und für die Kinder Verantwortung trägt. Bewusste Verlässlichkeit, Treue, Verantwortung – kurz: Liebe – das ist etwas, was Menschen über das Tier hinausführt, was den Menschen als Wesen, das nicht nur aus Körper, sondern auch als Geist besteht, besonders angemessen ist.

Bevor aber Verlässlichkeit, Treue, Verantwortung greifen können, wird der christlichen Sexualethik noch etwas anderes bedeutsam: Eine Partnerschaft muss freiwillig eingegangen werden und das Miteinander muss einvernehmlich gestaltet werden. Dem war freilich nicht immer so, weil Partnerschaften keine individuelle Angelegenheit waren, sondern eine der Familien, des Dorfes usw. Die „Auswahl“ war auf der dörflichen Ebene vielfach auch sehr begrenzt. Das hat sich sehr gewandelt. Heute ist die Auswahl sehr viel breiter – und wenn an Dating Apps gedacht wird, wird erkennbar, dass aufgrund der Menge an Auswahl so manchen Entscheidungen für einen anderen Menschen schwer fallen.

Wenn das alles vorausgeht und immer wieder neu zwischen den Partnern in gegenseitiger Liebe erkämpft, erstritten, erarbeitet wird, dann erkennt christliche Ethik noch eine ganze Menge an positiven Verhaltensweisen: beide vergeben einander, schützen und verteidigen einander, sie ermöglichen immer wieder einen Neuanfang, denn der Mensch ist trotz guten Willens und guter Vorsätze einer, der gerade auch im Miteinander ständig versagen kann. Allerdings gehört zu einer gelingenden Partnerschaft nicht, dass einer der beiden immer nachgibt, dem anderen immer und alles vergibt. Um Vergebung bitten bedeutet: Ich mache es nicht mehr!

Dieses Miteinander ermöglicht denn auch, dass Kinder in einem guten Umfeld aufwachsen können.

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HOMOSEXUALITÄT UND AUSSAGEN DER BIBEL UND VON CHRISTEN ZUR HOMOSEXUALITÄT

Jüdisches Volk

Es kam dem jüdischen Volk darauf an, Nachkommen zu zeugen: Homosexualität galt als Verstoß gegen das Gebot, Nachkommen zu zeugen („seid fruchtbar und mehret euch“). Es gab eine Heiratspflicht und Sexualität außerhalb der Ehe war verboten („du sollst nicht Ehe brechen“). Darüber hinaus versuchte sich das jüdische Volk in Fragen der Reinheit von seiner Umwelt abzugrenzen. Dazu gehört die Ablehnung der Kultprostitution wie homosexueller Handlungen (Lev. 17; 1Kön 15; 2Kön 23). Es ist, mit Blick auf die Heiratspflicht bekannt, dass nur der Prophet Jeremia (16,1-2) und Jesus Christus nicht verheiratet waren. Was den Apostel Paulus betrifft, ist unsicher, ob er zurzeit der Abfassung der Briefe Witwer war oder eben auch unverheiratet; was Johannes den Täufer betrifft, ist eine Ehe des Asketen unbekannt (vielleicht waren auch Gruppen der Essener/Therapeuten unverheiratet). Es ist zu vermuten, dass es bei anderen, wie bei Jeremia, keine individuelle Entscheidung war, sondern: Es war eine prophetische Zeichenhandlung, nicht zu heiraten bzw. war aufgrund des von Gott gegebenen missionarischen Auftrags notwendig.

Griechenland/Rom/Germanische Stämme

Knabenliebe war in Griechenland anerkannt – homosexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen waren in Athen verpönt. Der erwachsene Liebhaber übernahm die Ausbildung des Jungen/Jugendlichen. (Ähnlich in manchen germanischen Stämmen.) Erwachsene Sklaven oder Fremde prostituierten sich – Bürgern wurde, wenn sie sich prostituierten, das Bürgerrecht entzogen. In der Umgebung Athens sah es anders aus: Gleichgeschlechtlicher sexueller Umgang zwischen Erwachsenen war zum Teil erlaubt. Knabenraub galt auf Kreta als eine Art Initiationsritus. In altrömischer Tradition wurden homosexuelle Handlungen abgelehnt. Von Athen kam die Sitte der Knabenliebe nach Rom, wurde jedoch auf sexuelle Kontakte hin eingeschränkt, somit waren die Knaben eher Sklaven, das heißt: die erwachsenen Liebhaber hatten mit deren Ausbildung usw. nichts zu tun. Passives Verhalten (= „weibliches“ Verhalten) erwachsener  Männer wurde hier wie dort abgelehnt, freilich praktiziert. Unter Strafe wurden manche Formen seit dem 2. Jh. v. Chr. gestellt – auch in der Armee. Aber das galt für Sexualität überhaupt. Ausgeübte Sexualität bedeutet für die Römer: Verlust von Manneskraft, Menschen sind nicht selbstbeherrscht. Sexuelle Handlungen mit Männern und Frauen wurden bestraft, störten die Einheit der Truppe. Im 2./3. Jh. n. Chr. wurde die gleichgeschlechtliche Liebe durch die (ethisch orientierten Philosophien) Stoa und dem Neu-Platonismus weiter zurückgedrängt. Es ist aber eine Fehlinformation, dass nur Homosexualität zurückgedrängt wurde. Das galt für Sexualität insgesamt. Der Mensch soll sich beherrschen, geistig klar sein. Leidenschaft ist Störung der Vernunft. Fortpflanzung ist freilich notwendige Pflicht für die Gesellschaft. Wenn Sexualität allein im Kontext der Fortpflanzung relevant ist, ist eben Homosexualität nur Leben in Leidenschaft, was für Stoiker abzulehnen ist. (Freilich ist für Stoiker die Frau nicht nur da, um Nachkommen zu zeugen. Es gibt von Seneca Beispiele seiner sehr engen Beziehung zu seiner Frau.) Im Neuplatonismus (Plotin 205-270) war es die Ablehnung alles Körperlichen, die Sexualität insgesamt negativ bewerten ließ. Wichtig ist die Unsterblichkeit des Geistes – auf die soll sich der Mensch konzentrieren.

Christentum in der Geschichte

Mit der jüdischen Tradition lehnt das Christentum homosexuelle Handlungen ab. Sie sind wie Ehebruch Ausdruck dafür, sich von sexueller Begierde bestimmen zu lassen (1Kor 6,9); abgelehnt wird auch die sexuelle Ausbeutung von Kindern (1. Timotheusbrief 1,9-10). Der Mensch wird durch seinen christlichen Glauben ein neuer Mensch, ein Mensch, der nicht mehr Sklave seiner Sexualität ist (das gilt für homosexuelle Handlungen wie dem heterosexuellen Umgang). Durch diese innere Haltung grenzte man sich gegen die alltäglichen sexuellen Auswüchse der Umwelt ab, die, wie manche Schriften erkennen lassen, vor allem im heidnischen Bereich Gang und Gäbe waren (Entführungen, Vergewaltigungen, sexuelle Handlungen in der Öffentlichkeit, Prostitution).

Das war die Stärke des jüdischen und christlichen Glaubens,
auch die sexuelle Würde des Menschen in allen Gesellschaftsschichten in den Blick zu bekommen.
Es ging also nicht allein um Philosophen – sondern um Moral im Alltag durch normale Menschen.

Weil die Herrschaft der Sexualität eingeschränkt war, konnten Männer, Frauen und Kinder gemeinsam in der Gemeinde leben, ohne dass sie sexuell gefährdet waren. Das ging so weit, dass auch Frauen die Freiheit bekamen, sich sexuell zu verweigern. Asketisches Leben von Männern und Frauen bis hin zur Leibfeindlichkeit war nur eine Folge dieser freien christlichen Einstellung zur Sexualität. Das Christentum kam an die Macht – und dann wurde die Ablehnung der Homosexualität (wie seit Augustus) im Gesetzestext festgehalten. Es ging somit nicht mehr um die innere Einstellung, sondern um das vom Staat geforderte Verhalten. In der Zeit des christlichen Mittelalters (seit Justinian I. – 538/559) konnte Homosexualität mit Blick auf Sodom und Gomorrha abgelehnt werden – wegen der Angst, dass Gott das unsittliche Volk Strafen würde. Freilich verwendete Justinian das Gesetz politisch, um auch kirchliche Gegner zu verfolgen (Prokop). Erst im 12./13. Jh. wurde (im Zusammenhang mit den Kreuzzügen) massiv gegen Homosexuelle vorgegangen. Das kann damit zusammenhängen, dass die Menschen davon ausgegangen sind, dass sie, wenn sie sexuell unrein sind, Kriege verlieren würden, denn sie wären dann nicht moralisch besser als ihre Feinde. Das ist aber nur ein Aspekt aus der Zeit. Weitere Gründe: Die Moral der Klöster sollte auf die gesamte Gesellschaft übertragen werden (darum auch das Zölibat der Priester). Philosophisch wurde Aristoteles dominanter – und damit auch die Frage des Naturrechts. Christlich verändert bedeutet das Naturrecht, dass der Mensch gemäß der von Gott gegebenen natürlichen Ordnung leben muss, das heißt, dass in der Natur Homosexualität nicht beobachtet wurde und biblisch abgelehnt wurde, auch moralisch nicht legitim ist. (Heute wird anders argumentiert: Homosexualität kommt auch in der Natur vor, ist damit auch Menschen nicht fremd.) Eine weitere Bestrebung bestand in der Imitatio Christi – der Nachfolge von Jesus Christus. Das heißt: Jeder Christ sollte / wollte ein heiliges Leben führen, das betraf nicht nur die Homosexualität, sondern die Sexualität insgesamt.

Christentum in der Gegenwart

In der neutestamentlichen Zeit war nicht bekannt (was auch heute noch umstritten ist), dass die Neigung zu gleichgeschlechtlichen Menschen auch angeboren sein kann. (Es ist schwer zu beurteilen, weil die dahinterstehende Ideologie immer auch dominant ist: Während homosexuelle Gruppen weitgehend davon ausgehen, dass sie angeboren ist, sehen Vertreter des Gender-Weltbildes geschlechtliches Empfinden als kulturelles Erbe, aber auch als selbst gewählte Rolle – somit als variabel – an.) Ebenso kannte man aus den heidnischen Kreisen aufgrund der oben genannten gesellschaftlichen Situation nicht, dass auch zwischen Homosexuellen Liebe entstehen kann. Darum kommt man heute auch zu einer anderen Bewertung der Homosexualität.

Aus christlicher Perspektive gilt für viele als Minimum das, was auch für Ehen gilt: Sie hat die Würde des Menschen zu achten und „Ehebruch“ auch unter Homosexuellen ist abzulehnen. Grundlage für diese Sichtweise ist: Jesus nahm die Menschen so an, wie sie waren. Zwar mussten sie ihr sündiges Wesen ablegen, aber wenn Homosexualität ein Teil der menschlichen Sexualität ist, dann ist sie nicht der Sünde zuzuordnen, sondern als Variante in der Schöpfung zu akzeptieren. Sie ist aber in den Rahmen des respektvollen sexuellen Miteinanders insgesamt zu stellen.

Für viele gilt als christliche Perspektive jedoch, dass praktizierte Homosexualität auch in dem genannten geordneten Rahmen nicht dem Willen Gottes entspricht, auch wenn sie angeboren sein sollte. Hierin zeigt sich eine Spannung innerhalb der Christen. Immer dann, wenn es solche massiven Spannungen gibt, ist der Einzelne gefragt, wie er aus seiner Beziehung zu Gott verantwortlich handeln muss.

Die Frage ist: Wie gehen wir miteinander um, wenn wir solche Spannungen erfahren. Die Antwort: Das Gewissen des Einzelnen muss beachtet werden, niemand darf gezwungen werden, gegen sein Gewissen zu handeln (z.B.: kein Pfarrer darf gezwungen werden, homosexuelle Paare zu trauen, damit diskriminiert er nicht, sondern stellt die Paare, die sich trauen lassen wollen vor die Frage des Glaubens: Handele ich aus meinem Glauben heraus verantwortlich und in gutem Gewissen? Wenn Kirchenleitungen Pfarrer zwingen wollen, dann haben sie als christliche Kirchenleitung versagt und sind als Kultur-Institution anzusehen; ebenso darf auch kein Homosexueller gegen sein Gewissen daran gehindert werden, eine Partnerschaft einzugehen). Man muss miteinander vergebend und in Liebe umgehen, auch wenn die Meinungsverschiedenheiten groß sind. Menschen, die nicht ihrem Gewissen folgen, sondern Mehrheitsmeinungen, müssen sich fragen lassen: Habe ich Rückgrat, das aus dem verantwortlich handelnden Glauben kommt – oder passe ich mich einfach unverantwortlich (?) der Mehrheitsmeinung an.

Die Frage ist gleichermaßen: Wie gehe ich mit mir selbst um? Diese ist genauso aus Glauben heraus zu beantworten. Wie auch immer sie dann ausfällt, gilt das soeben Geschriebene: Man muss miteinander vergebend und in Liebe umgehen, auch wenn die Meinungsverschiedenheiten groß sind.

Christen und Sexualität im Rahmen der Inkulturation

Mit Blick auf das antike Christentum und dem Verhältnis zur Sexualität ist noch hervorzuheben, dass es nicht nur darum ging, sich selbst zu beherrschen, seinen Geist und seine Vernunft an die Weltordnungen anzupassen. Es ging auch direkt um den Schutz derer, die Gewalttaten erleiden. Die Sexualethik sollte auch Schwache schützen. Starke haben kein Recht, andere zu missbrauchen. Schon Jesus Christus lehrte, Kinder, Frauen, Witwen, Kranke und Arme zu schützen bzw. sich ihnen zuzuwenden. Diese neue Sicht – alle Menschen haben gleichermaßen Wert und Würde und sind zu achten – war im Grunde auch eine große Werbung für den christlichen Glauben. Der Schutz sah nicht so aus, dass der Lebensraum von Frauen und Kindern von den Männern getrennt wurde (Trennung, um Ehre der Frau, der Familie zu schützen), sondern sah so aus, dass Männer gefordert wurden, Frauen, Kinder zu achten. Eine Trennung der Frauen von den Männern war nicht vorgesehen. Die Sicht, dass Schutzlose zu recht den Starken als Objekte ausgeliefert werden, sollte durch den christlichen Glauben durchbrochen werden.

Aber:

Unabhängig vom frühen Christentum wurde vielfach die Tradition der jeweiligen Völker aufgenommen, manchmal umgeprägt. In der Antike haben Christen versucht, der Zeit einen menschlichen Gegensatz zu bieten. Später haben Christen zum Teil Traditionen der Völker übernommen. Das wird Inkulturation genannt. Das spezifisch Christliche wird manchmal zurückgedrängt, manchmal hat es mehr Raum. So hat es lange gedauert, bis in der Politik die so genannte „Friedelehe“ abgeschafft wurde, das heißt, dass der König Nebenfrauen haben durfte. Traditionell war bei den Germanen wohl auch der Brautpreis – das heißt: der Mann gab der Familie der Frau Geld. Die Frau war frei, aber er gab der Familie Geld, weil sie nun eine Arbeitskraft verlor. Zudem war das das Zeichen dafür, dass die Frau nun nicht mehr unter dem Schutz der Männer ihrer alten Familie/Sippe stand, sondern dem Schutz des Ehemannes unterstellt wurde. Auch das entspricht nicht christlicher Tradition und wurde langsam zurückgedrängt (der „Brautpreis“ wurde immer stärker zur Mitgift zur Sicherheit für die Frau), denn die Ehe ist für die Kirche ein Bund, der von Individuen vor Gott geschlossen wurde, und keine Vertragssache zwischen Familien. Zurückgedrängt wurden auch die Zeiten sexueller Freizügigkeiten (Karneval) – man versuchte sie in einen moralischen Rahmen zu bringen. Blutrache bei Entehrung der Frau (= Entehrung des Ehemannes) wurde durch ein Bußsystem ersetzt. Es wird zum Beispiel in der Gegenwart in manchen afrikanischen christlichen Gemeinschaften auch die Polygamie gefordert, aus seelsorgerlichen Gründen in manchen geduldet. Wenn nämlich ein Mann, der viele Frauen hat, Christ wird, soll er Frauen verstoßen oder nicht? Aber auch heute gibt es im Europa der christlichen Tradition so manches, das nicht mit dem christlichen Ideal übereinstimmt. Zum Beispiel: Scheidung, Ehebruch, Prostitution. All das gilt stärker mit Blick auf den Westen. Die Ostkirche passt sich stärker den Traditionen der Völker an, so dass in manchen Bereichen Europas der Clan größere Bedeutung hat als das Individuum – auch in sexueller Hinsicht.

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Hierzu gibt es eine Menge an weiterführender Literatur zu selber vertiefen. So sei der „Evangelische Erwachsenenkatechismus“, Gütersloher Verlagshaus 10. Auflage 2025 https://de.wikipedia.org/wiki/Evangelischer_Erwachsenenkatechismus genannt. Um das Thema Homosexualität in der Geschichte darstellen zu können, wurden entsprechende Artikel der Lexika verwendet, so Der Kleine Pauly: Lexikon der Antike in fünf Bänden https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Kleine_Pauly und andere, so die RGG: https://de.wikipedia.org/wiki/Religion_in_Geschichte_und_Gegenwart. Auch im Internet ist so manches zu finden, so im WiBiLex: https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex und natürlich: Wikipedia.