KIRCHENVÄTER
Zunächst geht es um einen Überblick über die Namen, deren Herkunfts- und Wirkungsorte, dann um eine äußerst knappe Darstellung ihrer Theologie. In dieser Darstellung können nur einzelne Aspekte angesprochen werden. Vertiefungen sind in Lexika (z.B. Ökumenisches Heiligenlexikon oder Wikipedia) zu finden. Besonders empfehlenswert ist immer noch: Hans von Campenhausens Werk: Lateinische Kirchenväter und Griechische Kirchenväter. Die Reihe der „Bibliothek der Kirchenväter“ ist zu empfehlen. Die genannten Artikel bzw. Werke sind die Basis der folgenden Darstellungen.
Im evangelischen Religionsunterricht spielen Kirchenväter eine untergeordnete Rolle. Ich erwähne sie hier, weil sie in der katholischen und orthodoxen Kirche nicht unwichtig sind. In der katholischen Kirche werden sie als Zeugen des frühen Christentums dargestellt, die an der Formulierung der Glaubenslehren erheblichen Anteil hatten. Sie waren zudem bedeutende Ausleger der Bibel und überhaupt prägende Persönlichkeiten. In der orthodoxen Kirche sind sie bedeutsam, weil die Kirche sich als Fortführung dieser großen Theologen ansieht. Sie sind nicht nur historisch interessant, sondern auch für das gegenwärtige Glaubensleben, wie unten zum Beispiel daran sichtbar wird, dass die gefeierte „Göttlichen Liturgie“ auf Johannes Chrysostomos zurückgeht.
A) Frühe christliche Denker, Philosophen, Kirchenväter (bis ca. 500 n.Chr.)
Alle christlichen Kirchen haben eine gemeinsame Tradition – Menschen, die die Kirchen besonders nachhaltig beeinflusst haben. Diese sind zum Teil unter der Bezeichnung “Kirchenväter” bekannt. Die Abgrenzung, wer zum „Kirchenvater“ zählt ist nicht ganz eindeutig. Zum Beispiel gibt es weitere, die dazu zählen. Im Westen ist der letzte, der als klassischer Kirchenvater zählt, Gregor der Große (+ 604), aber auch Isidor von Sevilla (+ 636) und Beda Venerabilis (+ 735) gehören für manche noch dazu; im Osten Johannes von Damaskus (+ um 749). Ich ziehe die Grenze bei Boethius, weil er im Übergang von der Antike zum Mittelalter lebte. Dass diese nicht die einzigen Denker im antiken Christentum waren, zeigt das Buch von Hieronymus: De Viris Illustribus aus dem Jahr 393 (1). Ich möchte ein paar von den Kirchenvätern nennen, in Anlehnung an von Campenhausen:
- Justin * in Palästina(?) † 165 in Rom
- Irenäus von Lyon * um 135 Izmir (?) † um 202
- Clemens von Alexandrien * 150 Athen (?) † 215 Alexandrien (?)
- Tertullian * nach 150 Karthago (heute: Tunesien) † nach 220 in Karthago
- Origenes * um 185 Alexandria/Ägypten † um 254 in Tyros/Libanon
- Cyprian * um 200 Karthago † 258 in Karthago
- Lactantius/Laktanz * um 250 † um 320
- Eusebios von Caesarea * 260 in Israel? † 338 (?)
- Athanasios der Große * um 295 Alexandria/Ägypten † 373 Alexandria
- Hilarius von Poitier * um 315, † 367 beides im heutigen Poitier
- Basilius der Große * um 330 Cäsarea (heute Türkei) † 379 Cäsarea
- Gregor von Nazianz * um 330 bei Nazianz (heute Türkei) † 390 Nazianz
- Gregor von Nyssa * nach 330 Cäsarera (heute Türkei) † 394 Sebaste (heute: Türkei)
- Ambrosius von Mailand * um 339 Trier † 397 Mailand
- Johannes Chrysostomos * 354 (?) in Antiochia (heute Türkei) † 407 in Pitychus (Georgien)
- Hieronymus * um 342 in Stridon (Kroatien) † 420(?) Bethlehem
- Augustinus * 354 Tagaste (heute: Algerien) † 430 in Hippo (heute: Algerien)
- Kyrill von Alexandrien * um 380 in Alexandria (Ägypten) † 444 in Alexandria
- Boethius * um 480 † um 524 in Pavia (Italien)
- Weitere Denker, die christliches Denken mit antiker Philosophie verbunden haben, aber unten nicht intensiver dargestellt werden: Marius Victorinus (* zwischen 381-391 † 362 / Nordafrika); Synesios von Kyrene * um 370 † nach 412 (heutiges Libyen); natürlich auch diejenigen, die in den theologischen Auseinandersetzungen unten immer wieder genannt werden, so zum Beispiel Arius * um 260 † nach 327 in Konstantinopel und Nestorius * um 381 (an der Grenze der heutigen Türkei zu Syrien) † 451? Ägypten.
Diese Denker und Pragmatiker haben den christlichen Glauben aus der Nische herausgehoben und versucht, ihn auf die philosophische und literarische Höhe der Zeit zu heben. Dadurch wurde die Kirche, die als eine Religion der Unterschicht angesehen wurde (Kirche der Sklaven) auch eine Kirche, die die Elite angesprochen hat. Es wird im Folgenden deutlich, dass das alles nicht ohne massive Kämpfe und persönlichem Einsatz stattgefunden hat. Die Biographien zeigen gleichermaßen, dass Christen für ihren Glauben auch gegen Mitchristen einstehen müssen. Nicht die jeweilige Mehrheit zeigt, wer sich letztlich durchsetzt. Das führt theologisch dazu, dass erkannt wird: Durch alle Wirren und Schmerzen und allem Chaos hindurch – auch den Spannungen innerhalb des jeweiligen Christen – führt Jesus Christus durch seinen Geist die Kirche. Kirche heißt: Dem Herrn Gehörende.
(1) Die in dem Werk aufgenommenen Namen werden hier genannt: https://en.wikipedia.org/wiki/De_Viris_Illustribus_(Jerome)
B) Details zu den genannten Namen (1-19)
1. Justin († 165)
Justin ist um 100 n.Chr. möglicherweise in einer Stadt im heutigen Westjordanland geboren worden. Er wuchs wohl heidnisch auf und studierte Philosophie. Die Beschäftigung mit dem griechischen Philosophen Platon († 348/347) und die (reale oder literarische) Begegnung mit einem alten Mann am Strand, der ihm von Jesus Christus erzählte, brachten ihn dazu, sich taufen zu lassen. Er sah das Christentum als wahre Philosophie an und zog als christlich-philosophischer Lehrer im Gebiet der heutigen Türkei umher. Er schrieb Werke, in denen er den christlichen Glauben gegen Vorwürfe seiner Zeitgenossen verteidigte, sich mit jüdischen und philosophischen Argumenten seiner Zeit beschäftigte. Durch seine Verbindung des christlichen Glaubens mit der Philosophie, hat er dazu beigetragen, dass Gebildete seiner Zeit auf das Christentum aufmerksam wurden. Er gründete in Rom ein Schule, schrieb eine Schutzschrift für Christen an den Kaiser und den Senat und wurde mit sechs seiner Schüler festgenommen. Er weigerte sich, den heidnischen Göttern zu opfern, und wurde 165 unter dem Kaiser Marc Aurel in Rom hingerichtet. Er stand kühn und freimütig zu seinem Glauben. Gerichtsakten liegen noch vor.
Historisch gesehen ist Justin wichtig, weil er mit seinen Schriften tiefe Einblicke in das Christentum und in philosophische Strömungen seiner Zeit bietet. Liturgien werden deutlich, Gebete, Argumentationsweisen, Auslegungen der Bibel – seine Werke sind eine Fundgrube. Besonders deutlich wird die Aufnahme der antiken Philosophie: Es werden grundlegende Elemente aufgegriffen, losgelöst von oberflächlichem religiösen Glauben, und mit dem Glauben an Jesus Christus verbunden. Es begegnen sich sozusagen jüdisch-christliche und griechisch-philosophische Traditionen. Und damit ist auch angesprochen, was ihm wichtig war: Die weltumspannende Gemeinschaft, die der christliche Glaube bietet.
Die Kirchenväter, die folgen, stehen auch auf seinen Schultern. Damit wird eines deutlich: Dieser unbekannte alte Mann, der dem Heiden Justin von Jesus Christus erzählt hat, hatte eine große Auswirkung. Und so haben viele unbekannte Christen, weil sie vom Glauben sprachen und ihn lebten die Kirche gestaltet, sie geprägt. Gott allein kennt noch ihre Namen.
2. Irenäus (ca. 135 – ca. 202)
Viel weiß man nicht über das Leben des Irenäus, der um 135 auf dem Gebiet der heutigen Türkei geboren wurde und zweiter Bischof in Lyon, Gallien war. Der erste Bischof war im Rahmen der Christenverfolgungen dort umgekommen. Irenäus selbst war in dieser Verfolgungszeit als Gesandter der Gemeinde in Rom, entkam somit der Ermordung. Er starb um 202 nach Christus – möglicherweise als Märtyrer, aber das ist nicht sicher.
Das Werk, Gegen die Häretiker / Irrlehrer, das uns heute noch vorliegt, beschäftigt sich mit christlichen Gruppen, die Irenäus nicht mehr als christlich ansieht, dazu gehören die vielen gnostischen Strömungen. Die Gnostiker sahen sich als Elite des Glaubens an und meinten, sie hätten besondere Erkenntnis („Gnosis“). Weil sie das Christentum stärker hellenisiert und orientalisiert haben, somit dem Geschmack der Zeit angepasst haben, hatten sie großen Zulauf. Irenäus sieht sich als Schüler des Polycarp von Smyrna († 155/167) in der Tradition des Apostels Johannes. Wir sehen hieran: Es bildete sich im zweiten Jahrhundert eine Gruppe heraus, die sich in der Tradition der Apostel sieht (Sukzession) und sich von daher auch berechtigt sieht, die Richtschnur dessen anzugeben, was christlich ist und was vom christlichen Glauben abweicht. Dazu hat sich auch im Laufe der Zeit die Sammlung des Neuen Testaments herausgebildet, um gegen all die Irrlehren ein festes Argumentationsfundament in der Hand zu haben, darüber hinaus finden wir ein Glaubensbekenntnis (regula fidei), das den Rahmen des Glaubens absteckt. Aus dieser apostolischen Tradition heraus kritisiert Irenäus die anderen Gruppen, die aus dem Rückblick gesehen, zum großen Teil auch wirklich absonderliche Ansichten vertreten hatten. Er kritisiert – indem er argumentiert. Und das macht ihn zu einem der großen Theologen und auch zu einem einflussreichen Theologen.
Christlicher Glaube – auch in der Tradition des Apostels Paulus – argumentiert. Und Irenäus argumentiert gegen alle gnostischen Spekulationen über Gott-Götter-Geister für die Einheit Gottes des Vaters, der der Schöpfer der Welt ist, dessen eine schöpferische Hand der Sohn Gottes, die andere schöpferische Hand der Geist Gottes ist. Gott will durch die Geschichte bewirken, dass sich der Mensch zwischen gut und böse entscheidet, damit er auf Gottes Zukunft hin reif wird. Anders als die Gnostiker, die den Menschen negativ sehen, sieht Irenäus, dass Gott den Menschen durch Jesus Christus geheilt und geadelt hat, dass er dem Menschen durch seinen heiligen Geist Anteil an Gott gegeben hat – und ihm somit die Möglichkeit eröffnet, der besondere Mensch Gottes zu sein. Der Mensch ist Gottes Werk – er muss sich für Gott offen halten – und gelangt so zur Vollkommenheit.
3. Clemens / Klemens von Alexandrien (ca. 150 – 215)
Klemens von Alexandrien ist ca. 150 wohl in Athen geboren worden. Er suchte und forschte und fand den christlichen Glauben. Er reiste herum zu vielen christlichen Lehrern und wurde später Leiter einer wichtigen christlichen Schule. Er schrieb Bücher über die ganzen falschen christlich-gnostischen Lehren, die er in Ägypten vorgefunden hat und versuchte diesen ein eigenes Lehrsystem entgegenzusetzen: Glaube adelt die Philosophie – nicht die Philosophie den Glauben. Die Philosophie ist eine Art Vorstufe der Erkenntnis / Gnosis. Und diese richtige Gnosis / Erkenntnis ist in Liebe mit Gott vereint – und sie hat Auswirkungen auf den liebenden Umgang mit anderen Menschen. Der Begriff „Gnosis“ wird den Elitären aus der Hand genommen und auf alle Glaubende übertragen. Wie das Alte Testament auf das Evangelium hinweist, so weist die griechische Philosophie auf das Evangelium hin. Er schrieb mit dem Werk Paidagogus (Erzieher) die erste christliche Ethik – mit der er unter Aufnahme der Sitten und Bräuche seiner Zeit die christliche Ethik der heidnischen Unsittlichkeit entgegensetzte. Aber nicht alles Heidnische ist unsittlich, sondern Gott durchdringt auch das Heidnische, wie die heidnische Philosophie ja auch gute Ansätze hat. Es geht Klemens in der Ethik um Essen und Trinken, Schlafen, Wohnen, Parfums… Er lehnt Traditionen nicht ab – aber er durchdringt die gute heidnische Tradition mit christlichem Geist. Er floh 202 angesichts einer Christenbedrängnis unter Kaiser Septimius Severus – und es ist nicht sicher, wo er ca. 215 starb.
Die Lehren des Klemens sind nicht ganz eindeutig, von daher wird er von manchen nicht den Kirchenvätern zugerechnet, aber historisch gehört er dazu.
4. Tertullian (nach 150 – nach 220)
Tertullian wurde um 150 geboren, wurde Rechtsanwalt und trat mit ca. 30 Jahren zum Christentum über. Er stand einer ethischen strengen Strömung, dem Montanismus, nahe. In seinen Schriften wendet er sich gegen viele Gruppen, zum Beispiel gegen gnostische Strömungen wie gegen Angriffe der Heiden und so verfasste auch er eine Verteidigung des Christentums – und all das auf lateinisch. Das bedeutet, dass in der Kirche nicht mehr nur die Gebildeten im Fokus standen, sondern auch der normal Latein lesende Mensch. Und weil Tertullian einer der ersten war, der den christlichen Glauben auf lateinisch in seinen Schriften durchdrang, hat er viele Worte und Formeln geprägt, die dann in der weiteren Kirchengeschichte ihre Wirkung entfalten konnten.
Tertullian hat ein Wort des Paulus noch einmal auf den Punkt gebracht. Paulus sagte, dass der Glaube an den hingerichteten und auferstandenen Jesus Christus für Nichtglaubende eine Dummheit ist (1. Korintherbrief 1-3). Tertullian sagt: Das Handeln Gottes in Jesus in Tod und Auferstehung sei glaubhaft, weil es unvorstellbar ist („Es ist glaubwürdig, weil es unmöglich ist“ / „certum est, quia impossibile est“). Das heißt, der Mensch würde sich sowas nie als „göttlich“ ausdenken. Tertullian war als Anwalt rhetorisch geschult – und das erkennt man an seinem präzisen Stil, der zum Teil auch rhetorisch emotional und polemisch sein kann. Er, wie andere vor und nach ihm, haben viel dazu beigetragen, den christlichen Glauben, der in der ganz normalen Alltagssprache verbreitet worden ist, gedanklich zu präzisieren, sprachlich philosophisch genauer auszusprechen. Damit konnte die gebildete Schicht angesprochen werden.
Den Grund für seine Schriften nennt er zum Beispiel mit Blick auf die Christenverfolgungen: “Die Wahrheit sucht nicht, ihre Lage durch Bitten zu ändern. Sie wundert sich auch gar nicht über ihr Schicksal. Sie weiß, dass sie auf Erden nicht zu Hause ist und unter einem Volk, das ihr fremd ist, bald genug auf Feinde stoßen muss… Vorläufig verlangt sie nur eins: man soll sie kennenlernen, ehe man sie verurteilt.” (Apol. 1; BKV) Und eben, dass die Heiden sie kennenlernen, das war ein Ziel seiner Schriften. Er konnte auch sehr polemisch sein: “Aber nur zu, ihr prächtigen Männer der Regierung, macht euch nur beim Volk beliebt, indem ihr ihm Christen schlachtet! Quält, foltert, verurteilt, vertilgt uns – euer Unrecht ist der beste Beweis unserer Unschuld… Und doch: die ausgeklügeltste Grausamkeit nützt euch gar nichts. Ihr macht nur Reklame für unsere Vereinigung.” (Apol. 50; BKV) Und dann fällt der berühmte Satz: “Ein Same ist das Blut der Christen”. In Tertullian wird auch das Selbstbewusstsein der verfolgten Christen deutlich. Ihr verurteilt uns? Gott spricht uns frei. Damit greift er das noch einmal auf, was auch in neutestamentlichen Schriften vorhanden ist – aber durch Tertullian eben sprachlich präziser neu formuliert. Nicht nur das: Deutlich wird: Der Staat hat nur Autorität, wenn er im Sinne des christlichen Glaubens handelt. Man muss, wie schon in der Apostelgeschichte steht, Gott mehr gehorchen als dem Staat / den Herrschern – und damit ist der Beginn auch der massiven Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche gekennzeichnet, der sich durchs Mittelalter bis in die Gegenwart durchzieht.
Von diesen Erfahrungen der Verfolgungen her gesehen, ist auch sein Rigorismus zu verstehen, seine Abgrenzung des christlichen Glaubens von allem, was die Welt ausmacht, auch von der Philosophie. Und die Gnosis, die er bekämpft, ist eben nichts anderes als die Aufweichung der christlichen Lehre mit Zeitgeistphilosophien.
Auch wenn Tertullian so eine große Wirkung erzielte, wird er in der Kirche doch skeptisch betrachtet, eben weil er dem Montanismus nahe stand, der extreme rigorose Vorstellungen vertrat und auch Höllenvorstellungen hatte, die im Mittelalter ihre Wirkungen entfalten konnten, aber doch mit dem christlichen Glauben nicht kompatibel sind. Zudem hat er möglicherweise am Ende seines Lebens (ca. 220) eine eigene rigorose Gruppe (Kirche) gegründet.
5. Origenes (um 185 – um 254)
Origenes wurde um das Jahr 185 n.Chr. geboren. Der Vater des Origenes wurde während der Christenverfolgung getötet – und Origenes selbst wollte auch den Märtyrertod sterben, wurde aber durch seine Mutter daran gehindert (sie nahm ihm die Kleidung weg, so konnte er nicht auf die Straße). Er wurde Lehrer und besuchte die gefangenen Christen. Aufgrund finanzieller Knappheit, trotz Verkaufs seiner Bibliothek, lebte er sehr asketisch – aber nicht nur wegen der Armut lebte er asketisch, sondern das entsprach seiner Einstellung. Auch wird er Klemens von Alexandrien als Lehrer gehabt haben – zumindest übernahm er später die Schulleitung nach ihm. Während seiner Aufenthalte in Palästina wurde er gebeten, Vorlesungen über biblische Schriften zu halten – und das war auch eine seiner Spezialitäten: Kommentare zu biblischen Schriften zu verfassen – seine Bibelkenntnis war enorm. Origenes wurde von den Bischöfen in Palästina geweiht, was seinem Chef-Bischof Demetrios in Alexandrien überhaupt nicht gefiel. Er verbot Origenes zu lehren und erklärte die Ordination für unwirksam. Aber Origenes ließ sich auch von keiner kirchlichen Gewalt einschüchtern, denn das Amt ist wichtig, es hat aber keine größere Bedeutung als der Christ als solcher, der Geistesmensch. Und so zog er daraufhin von Alexandria weg und lehrte in Caesarea und entfaltete trotz schwerer Zeiten eine ungeheure literarische Tätigkeit.
Origenes wurde der bedeutsamste Theologe, den die Kirche bis dahin hatte – aber auch bedeutsam darin, dass er mit einigen seiner Ansichten Kontroversen auslöste: Ist Jesus Christus dem Vater untergeordnet? Ist die Seele des Menschen schon vor dessen Zeugung da? Werden auch die Bösen nach einer langen Phase der Reinigung zu Gott kommen? Seine Schule lehrte (vor allem platonisch und stoisch beeinflusste) Philosophie, Literatur und Theologie – und darin zeigt sich auch sein Interesse: Wie Justin wollte er Philosophie und christlichen Glauben verbinden, wollte den christlichen Glauben mit der philosophischen Tradition zu einem neuen Ganzen verschmelzen. Spannend ist, dass er mit dem Begründer des Neuplatonismus, Plotin († 270), einen gemeinsamen heidnischen Lehrer hatte: Ammonios Sakkas (1). Origenes versuchte den christlichen Glauben mit Hilfe philosophischer Sicht so zu formulieren, dass er auch den intellektuellen Ansprüchen seiner Zeit entsprach. Origienes stand also an einem Wendepunkt: Das Christentum wurde noch stärker in der gebildeten Öffentlichkeit wahrgenommen – auch von der Elite, so dass das Wirken des Origenes hier auch Vorzeichen setzte für das Eindringen des Christentums in diese gesellschaftlichen Bereiche. Origenes wurde als Denker wahrgenommen – allerdings gefiel den anderen Denkern nicht sein Denken mit christlichem Vorzeichen. Dennoch wurde er auch berühmt und wurde gebeten, vor der Kaiserin Julia Mamaea († 235) zu reden. Im Jahr 250 wurde er im Zuge der Christenverfolgung unter dem Kaiser Decius verhaftet, gefoltert, entlassen. Er starb 254 an den Folgen dieser Folter.
An dieser Stelle soll nur auf die Schrift “Gegen Celsus” hingewiesen werden: Der wohl ägyptische Heide Celsus / Kelsos (2. Jahrhundert) war der erste große philosophischer Kritiker des christlichen Glaubens, der auch das Christentum mit seinen unterschiedlichen Ausformungen kannte – und Origenes unternahm es, ihn zu widerlegen.
Celsus meinte, es habe eine Urweisheit der Völker gegeben, die die Christen zum Teil übernommen, zum Teil verfälscht hätten. Durch die Verfälschungen hätten sie sich abseits des sozialen Miteinanders gestellt. Er bringt so manches Thema auf, das bis heute immer wieder gegen jüdisch-christliche Theologie genannt wird: Er wendet sich gegen alttestamentliche Mythen (z.B. Gott musste am 7. Tag ruhen), gegen christologische Aspekte (es sei unsinnig, dass sich Gott in einem Menschen zeige – und dann noch in einem so bedeutungslosen Menschen wie Jesus), gegen das Geschichtsverständnis (Geschichte gehe nicht linear von Schöpfung zur Apokalyptik, sondern sei zyklisch). Zu dem erstgenannten: Origenes lehrte den dreifachen Schriftsinn, das heißt, dass die Bibel in dreifacher Weise ausgelegt werden müsse. Wie der Mensch aus Körper, Seele und Geist bestehe, so wird die Bibel wörtlich / historisch zu verstehen sein, moralisch und geistlich. Entsprechend muss auch die eigentliche Intention, die spirituelle Intention, der Aussage von Gottes Ruhe am 7. Tag herausgearbeitet werden. Was die Bedeutungslosigkeit Jesu betrifft, antwortete Origenes, dass Jesus Christus wie kein anderer die Welt zum Guten in Schwingung versetzt habe.
6. Cyprian (um 200 – 258)
Cyprian wurde in Karthago (heutiges Tunesien) um 200 geboren. Er ist in einer reichen und gebildeten Familie aufgewachsen, wurde erfolgreicher Anwalt. Ein Priester wurde sein Freund – und Cyprian wurde Christ – und verschenkte im Jahr 246 (?) einen Teil seines Besitzes, lebte asketisch, las unter anderem Schriften von Tertullian. Schon bald darauf (249) wurde er Bischof, was die alten Christen nicht gerne gesehen haben, und so legten sie ihm Steine in den Weg – darüber hinaus begann unter Kaiser Decius im Jahr 250 eine Christenverfolgung. Er floh – was ihm Glaubende als Feigheit übelnahmen. Als Bischof wirkte er in der Verfolgung weiter durch Menschen, die er in seine Gemeinden sandte. Viele Christen distanzierten sich aufgrund der Verfolgung vom Glauben. Nach der schlimmen Zeit (251) kam das Thema auf: Wie muss die Kirche mit denen umgehen, die ihren Glauben verraten haben, den „Lapsi“? Darüber hinaus: Wie muss die Kirche mit denen umgehen, die von Ketzern getauft worden waren? Cyprian war moderat in der Frage nach der Aufnahme derer, die den Glauben verraten hatten – nicht aber konnte er diejenigen akzeptieren, die von Ketzern getauft waren. Gegen die Aufnahme derer, die den Glauben verraten hatten, waren viele derer, die den Verfolgungen standgehalten hatten und darauf zu recht stolz waren. Dazu gehörte Novatian – er trennte sich darum von der Kirche und bildete eine Gegenkirche. Cyprian schrieb daraufhin den Satz: “außerhalb der Kirche gibt es kein Heil” („extra ecclesiam nulla salus“). Der Streit mit Novatian konnte nicht beigelegt werden – aber auch Cyprian machte es den vom Glauben Abgefallenen, die durch die Verehrung des Kaiserbildes Götzendienst betrieben haben, nicht leicht. Sie mussten die Regeln der Buße auf sich nehmen, denn wenn man sich zu Gott in der Taufe bekannt hat, Gott einen angenommen hat, dann ist es schlimm, wenn man diese Liebe verrät.
Cyprian betonte die Bedeutung des Bischofsamtes und konkurrierte auch mit dem Bischof von Rom – und hier ging es um die Frage der Anerkennung der Ketzertaufe, die der Bischof von Rom, Stephanus († 257), moderater interpretierte als Cyprian. Die Taufe, so Cyprian, ist nur wirksam, wenn ein Rechtgläubiger sie vermittelt. Der Bischof von Rom betonte in der Frage nicht den Täufer, sondern das, was Gott in der Taufe wirkt. Es geschieht etwas zwischen Gott und dem Täufling unabhängig vom Taufenden. Es wird vermutet, dass es zum Bruch gekommen wäre, wenn es 257 unter Kaiser Valerian nicht eine erneute Verfolgungswelle gegeben hätte – allerdings ist nicht sicher, ob er nicht schon vor der Verfolgungswelle gestorben ist. Der Satz “außerhalb der Kirche gibt es kein Heil” ist somit so gemeint, dass es außerhalb der Kirche, deren Einheit in Jesus Christus ein Geheimnis ist, die seiner Lehre folgt, keine Rettung gibt. Es geht nicht um bedingungslosen Gehorsam gegenüber dem Papst. In der Verfolgung wurde Cyprian festgenommen, erst verbannt, dann zum Tode verurteilt und in der Öffentlichkeit im Jahr 258 enthauptet. Er soll dem Henker, so die Legende, noch Goldstücke gegeben haben, weil er ihm das Himmelstor öffne.
7. Laktanz / Lactantius (um 250 – um 320)
Laktanz ist um 250 in Nordafrika geboren worden. Er war Lehrer, konnte sehr gut Latein und setzte, nachdem er Christ geworden war, seine Kenntnisse dazu ein, seine Stimme für den christlichen Glauben zu erheben, um ihn gegen Angriffe von Heiden zu verteidigen. Er verteidigte ihn nicht nur, sondern sagte ihnen auch, was es mit dem christlichen Glauben auf sich hat, denn es waren viele Gerüchte und Falschaussagen im Umlauf. Ihm lag heidnische Literatur am Herzen, weil man von ihr lernen konnte, den christlichen Glauben in bessere Sprache zu fassen. Er kannte sich auch sehr gut in heidnischer Philosophie und religiösen Mythen aus, um sie aus christlicher Sicht zu widerlegen und um das Christentum als eine religiöse Philosophie darstellen zu können: Die unterschiedlichsten Philosophen haben nur kleine Splitter der Menschenkenntnis und der Wahrheit; die Wahrheit als Ganze wird dem christlichen Glauben von Gott in seiner Offenbarung geschenkt. Jesus Christus ist der wahre Lehrer der Tugend, weil er auch das, was er lehrte, vorbildhaft gelebt hat. Weil Laktanz einiges an Literatur der Antike verarbeitet hat, ist er auch eine interessante Quelle für unser Wissen über die Antike. Während der Christenverfolgungen musste er seine Tätigkeit ruhen lassen, wurde aber nicht weiter behelligt – und als sie beendet waren, hat Konstantin der Große († 334) ihn als Lehrer für seinen Sohn in Trier ausgewählt. Aber die Christenverfolgungen hatten auch Auswirkungen auf ihn. So veröffentlichte er eine Schrift, in der er die Todesarten der Caesaren beschrieb, die Christen verfolgt hatten – zur Warnung an kommende Caesaren, damit sie das Christentum nicht weiter verfolgen. Es wird also neues Selbstbewusstsein erkennbar: nicht nur philosophisch, sondern auch politisch.
Laktanz ist ein Mann des Übergangs: Das Christentum musste die letzte große Verfolgung im Römischen Reich erleben – und er erlebt, wie es nun politisch anerkannt wird. Freilich konnte man damals noch nicht ahnen, dass es so bleiben würde, denn auch Origenes hatte schon vor der Mutter des Kaisers reden dürfen – und dann kam wieder Verfolgung auf. Der nächste Kaiser, der gegen Christen agitierte, war Julian. Dieser starb wohl im Alter von 32 Jahren nach kurzer Regierungszeit 363 im Krieg durch den Speer eines persischen Soldaten. Interessant aus heutiger Sicht ist, dass Laktanz einer der wenigen war, der die These von der Kugelgestalt der Erde abgelehnt hatte. Auch im Mittelalter wurde seine Sicht nicht aufgegriffen. Laktanz ist um 320 ist er gestorben.
8. Euseb (um 260 – um 320)
Euseb wurde kurz nach dem Jahr 260 möglicherweise in Israel geboren. Er war Lehrer. Nachdem sein Vorgesetzter und eigener Lehrer den Märtyrertod gestorben war, floh Euseb nach Tyrus. Dort wurde er nach der Zeit der Verfolgung Bischof. Ebenso begann er dort sein großes Werk über die Kirchengeschichte. In diesem Werk verarbeitet er die vielen Informationen über Christen, die eines gewaltsamen Todes gestorben sind, aber nicht nur: Er überliefert unschätzbare weitere Informationen von den Anfängen der Christenheit bis zu seiner Zeit, er zitiert aus inzwischen verloren gegangenen Werken und mischt das Wiedergegebene mit selbst erlebten Berichten. Konstantin der Große berief ihn an seinen Hof und Euseb wirkte in einer großen Auseinandersetzung mit, und zwar als es darum ging, das Verhältnis von Jesus zu Gott darzustellen. Es ging um den arianischen Streit. Arius († 327) stellte Jesus als einen dar, der von Gott geschaffen wurde, also mit Gottvater nicht Wesenseins ist. Darüber wurde eine große Auseinandersetzung geführt, in der Euseb eine Zwischenposition eingenommen hatte. Er feiert Konstantin so sehr, dass ihm vorgeworfen wird, die Kirchen an den Staat ausgeliefert zu haben. Und auch das trägt dazu bei, dass Euseb als Theologe nicht so richtig in der Kirche anerkannt wurde.
Der Arianismus hatte insofern weiter Auswirkungen, als Germanenstämme ursprünglich eher dem Arianismus anhingen als der damaligen an Rom und Konstantinopel orientierten Kirche. Euseb starb um 339.
9. Athanasios (um 295 – 373)
Athanasios wurde um das Jahr 298 in Alexandria in einem christlichen Elternhaus geboren. Er erlebte noch die Kirchenverfolgungen – aber auch die neue, mit Konstatin dem Großen angebrochene politische Wende.
Im 3. Jahrhundert begann eine neue Bewegung die Christen zu erfassen: Es zogen junge Menschen in die Wüste, um dort abgeschieden vom Trubel, besitzlos den Glauben zu leben, wohl um der Verfolgung zu entgehen, aber auch, um sich selbst als Opfer / Märtyrer des Gewissens darzubringen. Athanasios zog ebenfalls eine Zeitlang in die Wüste und kannte sogar Antonius den Großen († 356), der einer der ersten großen Wüstenväter war. Über diesen Antonius schrieb er nach dessen Sterben eine Hagiographie, das heißt, eine Biographie über einen Heiligen. Diese Schrift beeinflusste das christliche Mönchtum immens. Athanasios kehrte jedoch aus der Wüste zurück, lebte aber weiterhin recht asketisch. Er wurde Sekretär des Bischofs Alexander – den Kämpfer gegen Arius. Arius hatte gelehrt, dass Jesus Christus unter Gott stehe, nicht wesensgleich mit Gott sei, sondern nur wesensähnlich. Aber für Athanasios war es wichtig, dass Jesus nicht nur wie in der griechischen Mythologie so eine Art Halbgott war, sondern es war Gott selbst, der in Jesus Christus den Menschen die Erlösung brachte (2). Es ging ihm darum, dass man das Wesen Gottes nicht dem von der griechischen Tradition geschulten Verstand unterwirft, sondern das Wesen Gottes selbst in der Offenbarung Jesu Christi erkennt. Er war der Philosophie seiner Zeit nicht abgeneigt, aber er hatte einen anderen Maßstab, den er in biblischen Texten fand. So war der stoisch-philosophische „Logos“ für ihn nicht ein unpersönliches Prinzip, sondern eben Jesus Christus, der Sohn Gottes.
Nachdem Bischof Alexander (328) gestorben war, wurde Athanasios Bischof – und bekam durch die Anhänger des Arius mächtig Ärger, ihm wurden schlimme Dinge unterstellt. Selbst vor einer massiven Verletzung seines Gegners bzw. einem Mord soll er, so der Vorwurf, nicht zurückgeschreckt haben – aber er konnte beweisen, dass der angeblich Ermordete noch lebt. Er bekam auch Ärger mit Euseb, den wir im vorangegangenen Abschnitt angesprochen haben. Dieser beschuldigte ihn vor Konstantin ein Fanatiker zu sein, der solche Macht habe, dass er sogar die Versorgung mit Getreide hindern könne. Daraufhin wurde Athanasius nach Trier und Rom in die Verbannung geschickt – und knüpfte Fäden zu anderen wichtigen Christen. Unter Druck auf seine Gegner durfte er dann wieder nach Alexandria zurückkommen. Die Verfolgung durch arianische Christen ließ nicht lange auf sich warten und er ging in den Untergrund – zu den Wüstenmönchen. Danach durfte er doch wieder zurück. Er hatte großen Einfluss bei der Beantwortung der Frage nach der Trinität, dem Verhältnis von Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiligem Geist. Wegen seiner Standhaftigkeit (weil er lieber Verbannungen auf sich nahm, Kaisern und christlichen Synoden widerstand, auch der von Origenes angestoßenen Spekulation, die Einheit Gottes zu leugnen) wurde er als Säule der Kirche bezeichnet, durch die Gott in schwerer Zeit die Kirche erhalten hat. Ebenso wurde er aus diesem Grund Kirchenvater genannt.
Athanasios war auch einer, der versucht hat, unter den christlichen Kaisern die Selbstständigkeit der Kirche zu erhalten. Kirche ist nicht Lakai der Herrscher – und das fuchste natürlich so manche Leute, nicht nur Herrscher, sondern auch Mitläufer und Karrieristen. So kam das geflügelte Wort auf: „Athanasius contra mundum“ (Athanasius gegen die Welt). In seinem 39. Osterfestbrief nannte er die 27 Schriften des Neuen Testaments. Schon vorher gab es solche Listen – aber der Liste, die Athanasios nennt, entspricht das Neue Testament noch heute weitgehend. Athanasios starb 373 in Alexandria.
10. Hilarius von Poitier (um 315 – 367)
Er wurde in einer reichen Familie geboren, war in der Verwaltung tätig, interessierte sich für die neuplatonische Philosophie. Durch sie angeregt wurde er mit 30 Jahren mit seiner Familie Christ. (1) Das hatte für ihn zur Folge, dass er sich aus der Familie in eine kleine Zelle zurückzog – allerdings blieb er mit seiner Frau und Tochter verbunden, so ließ er sich neben ihnen, so heißt es, bestatten. Die Tochter Abra wurde auch zur Heiligen erklärt.
Fünf Jahre später, nachdem er sich zurückgezogen hatte, wurde er zum Bischof gewählt. Es muss freilich beachtet werden, dass es eine kleine Gemeinde war. In der Zeit gab es noch nicht so viele Christen in diesem Bereich. Sein Schüler wurde einer, der an Bekanntheit im Volk seinen Bischof übertraf: Martin von Tours, also Sankt Martin. Er übertraf ihn, weil er seinen Mantel mit einem Armen geteilt hatte. Das heißt, die Umgebung von Hilarius war sehr menschlich eingestellt, so wurde seine Tochter Abra – zumindest laut Legende – darum verehrt, weil sie Armen geholfen hat, als Christin ihr gesamtes Leben prägen ließ.
Doch hatte Hilarius auch als Denker für Europa eine große Bedeutung. Klein war seine Gemeinde – aber groß seine Wirkung, weil er dem Befehl des Kaisers nicht Folge leistete und nicht, wie der christliche Kaiser Constantius II. († 361) es befahl, zur arianischen Form christlichen Glaubens übergetreten ist. Was macht ein Kaiser, wenn ihm nicht gehorcht wird? Er verbannt die Menschen. Nachdem Hilarius wegen einer falschen Anklage von seinem Bischofsamt entfernt worden war, wurde Hilarius nach Phrygien (in der heutigen Türkei) verbannt. Wie es sich für tapfere Christen gehört, hat er sich nicht in Klagen verausgabt, sondern er hat Kontakte geknüpft und hat ein großes Werk über die Dreieinigkeit geschrieben, damit die Christen im Westen mitbekommen, worum es in der Auseinandersetzung mit dem Arianismus überhaupt geht. Darüber wollte er dann mit dem Kaiser öffentlich diskutieren. Aber so hohe Leute wollen das dann doch nicht. Und so schickte der Kaiser Hilarius wieder nach Frankreich. In der Ferne konnte er ihn nicht mit Diskussionsforderungen stören. Zurückgekehrt wurde er jubelnd empfangen und die arianische Lehre konnte unter seinem Einfluss zurückgedrängt werden.
Er hat noch weitere einflussreiche Werke verfasst – in einem, allerdings erst nach dem Tod des Kaisers veröffentlicht, nannte er den Kaiser „Antichrist“. Was schon darauf hindeutet, dass die Auseinandersetzung zwischen weltlichen christlichen Herrschern und kirchlichen Herrschern angespannt sein kann.
Und aus einem anderen Grund wurde er noch wegweisend: Er war der erste bekannte Dichter christlicher Lieder in lateinischer Sprache. In der Verbannung hat er die reichhaltigen Lieder der Ostkirche kennengelernt und brachte diese Gattung nun in den Westen. Er hat im Grunde dem einflussreicheren Dichter im Westen den Weg bereitet: Ambrosius.
11. Basilius der Große (um 330 – 379)
Die drei Kappadozier möchte ich nun in 11-13 besprechen: Basilius der Große, Gregor von Nazyanz, Gregor von Nyssa. Basilius der Große war der ältere Bruder von Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz war ihr Freund.
Basilius der Große lebte von ca. 330-379. Er ist in eine reiche Familie hineingeboren worden, die sich schon länger zu Jesus Christus bekannt hatte – und was für eine christliche Familie war sie! Eine seiner Großmütter war schon Schülerin eines bekannten Bischofs (Gregorios Thaumaturgos † um 270). Drei seiner Vorfahren wurden wie mit ihm drei seiner Geschwister heiliggesprochen. Die ganze Familie, einschließlich der Schwester Macrina waren umfassend sehr gebildet. Er wuchs schon nach der konstantinischen Wende auf, doch jede Zeit hat so ihre Schwierigkeiten, und so war es in seiner Zeit gefährlich, nicht Arianer zu sein. Athanasios und andere, die sich zum dreieinigen Gott bekannt hatten, wurde das Leben schwer gemacht.
Nach seinem Studium wurde er Mönch, gründete Klöster, in denen neben Gebet und Arbeit auch intensives Bibelstudium getrieben wurde. Die Regel, die er für die Mönche geschrieben hat, beeinflusst das Mönchtum bis in die Gegenwart. Obgleich er selber asketisch lebte – und wahrscheinlich darum auch recht reizbar war –, half er in einer Hungersnot Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen, indem er alles verkaufte und selbst die Nahrung austeilte. Er trennte dabei nicht zwischen Nichtchristen und Christen, weil eben, so die sinngemäße Begründung, alle Hunger haben. Die mönchische Askese diente dazu, dass der Mensch die Freiheit erlangt und Gott schaut – aber Liebe ist die treibende Kraft zu Gott und den Menschen. Freilich muss auch gesagt werden, dass ein Christ in Caesarea einen heidnischen Tempel zerstörte – was den Kaiser, der das Heidnische betonte, empörte. Er ließ den Christen hinrichten. Basilius ehrte diesen Christen als Märtyrer. Nicht, weil dieser den Tempel zerstört hatte, sondern weil er modern gesprochen, dem Herrscher widerstanden hat.
Er wurde Helfer des Bischofs und ein großer Prediger – und wurde später selbst zum Bischof ernannt, und das nur, weil der Bischof Gregor von Nazyanz (der Vater seines Freundes) für ihn eingetreten war, denn die Angriffe der Arianer waren massiv, zum anderen war die Politik des Kaisers gegen diejenigen eingestellt, die Gott als den Dreieinigen verehrte. Aber Basilius ließ sich nicht einschüchtern, sondern formulierte als erster, dass Gott ein Wesen und drei Personen (Vater, Sohn, Geist) sei, auch in der Diskussion um die Frage nach der Bedeutung des Heiligen Geistes. Kaiser Valens († 378), eigentlich ein Bewunderer von Basilius, weil der eine sehr gute Verwaltung aufgebaut hatte, hat ihm über einen Gesandten damit gedroht, seinen Besitz einzuziehen, ihn zu verbannen, zu foltern und zu töten. Basilius soll darauf geantwortet haben (gekürzt): Sonst nichts? Ich habe keinen Besitz, ich bin überall auf Gottes Erde zu Hause, Folter bringt mich um – und ich komme schneller zu Gott. Daraufhin sagte der Vertreter des Kaisers: So hat noch nie jemand zu mir gesprochen. Basilius: Du hast noch nie einen richtigen Bischof gesehen. Der Kaiser wagte es nicht, Basilius anzutasten, statt dessen verbannte er dessen Bruder Gregor von Nyssa. Als der arianische Kaiser gestorben war, wurden die Menschen, die an der Lehre von der Wesenseinheit Gottes festgehalten haben, aus der Verbannung zurückgeholt. Dann gab es noch einen Vorfall, der glimpflich ausging, weil die Bevölkerung auf der Seite von Basilius stand. Er hat einer Frau Kirchenasyl gewährt, die von hochrangigen Politikern zur Ehe gezwungen wurde. Die Erzürnten warfen Basilius, weil er die Frau schützte, Ehebruch vor, nahmen ihn fest, wollten ihn auspeitschen. Aber die Bevölkerung verhinderte dies.
Basilius kümmerte sich aber auch ganz praktisch um seine Gemeinden: Er baute in Verbindung mit Klöstern Krankenhäuser – die ersten, von denen wir wissen, und Altersheime – eine ganze Stadt der Nächstenliebe entstand, eine Art Bethel (Basiliade / Basilias). Finanziert wurde das alles von reichen Christen. Er erkannte die Sünden der Christen: Die Verfolgungen hatten nachgelassen, jeder konnte Christ werden, und wie schon häufiger gesehen: Christen gehen unmenschlich mit anderen um. Sie lebten nicht, wie Gott es will. Und so versuchte er, sie wieder auf die Anfangszeit des Glaubens auszurichten, sie auf den Willen Gottes aufmerksam zu machen. Dennoch achtete er auch die heidnische Tradition und hob die Bildung hervor. Freilich gab es auch massive innerkirchliche Auseinandersetzungen, so hatten seine theologischen Gegner alte Briefe von ihm ausgegraben, um ihn zu diskreditieren. Weiteres wäre zu nennen, was zeigt, dass er zu recht schon zu Lebzeiten als „der Große“ bezeichnet wurde. Sein Tod soll von Christen, Juden und Heiden betrauert worden sein.
12. Gregor von Nyssa (nach 330 – 394)
Der Bruder von Basilius, Gregor von Nyssa, hat seinen Bruder Basilius und vor allem auch seine Schwester Macrina († 379), die Lehrerin, sehr bewundert (über sie schrieb er eine Biographie). Er war eher einer, der sich für Philosophie und das Denken interessierte als für das Praktische. Dennoch wurde er von seinem Bruder Basilius aus politischen Gründen zum Bischof ernannt. Doch man hat ihm von Seiten seiner arianischen Gegner Veruntreuung vorgeworfen und abgesetzt. Als die Arianer durch den Tod des arianischen Kaisers schwächer geworden waren, konnte er in sein Amt zurückkehren. Doch seine Begabung bestand im systematischen Denken und so wurde er – trotz seiner Kritik an vielen Zuständen seiner Zeit – der einflussreichste Theologe seiner Zeit, an seinem Maßstab mussten sich alle messen lassen. Seine Bedeutung ist auch daran erkennbar, dass er für eine Prinzessin und für die Kaiserin die Beerdigungsansprache gehalten hat. Er war ein großer Denker hat in der Frage der Dreieinigkeit Gottes intensiv christlichen Glauben und Philosophie Platons bzw. den Neuplatonismus (1) miteinander verbunden: Gott ist unendlich und unbegreifbar; wenn man etwas von ihm erkannt hat, dann wird man noch weiter geführt, wenn man wieder etwas erkannt hat, wird man noch weiter geführt; der Verstand kommt nie an sein Ziel, wenn er über Gott nachdenkt. Doch es ging ihm nicht allein um das Wesen Gottes, es ging ihm darum, herauszuarbeiten, was der Glaube für eine Bedeutung für den Menschen hat. Und so ist seine Theologie auch von der Mystik geprägt, davon, dass der Mensch der Güte und Schönheit Gottes nachsinnt, dass er immer weiter in sie hineingenommen wird, aber nie an das Ende kommen wird. Das heißt, die Vereinigung des Menschen mit Gott / der Gottheit, wie sie Mystikern vieler Religionen ein Herzensanliegen ist, wird von Gregor aus seiner christlichen Perspektive nicht vertreten. Der Mensch wird Gott ähnlich, genießt Gott, die Seele tritt aus sich heraus – aber sie wird nicht eins mit dem unendlichen Gott (Theosis: Vergöttlichung – wie der Spiegel die Sonne spiegelt, aber nicht Sonne ist).
13. Gregor von Nazianz (um 330 – 390)
Auch Gregor von Nazianz ist in eine tief christliche Familie hineingeboren worden. Sein Vater stammte aus einer jüdisch-heidnischen Gruppe und hat sich, beeinflusst von seiner Frau Nonna, dem Christentum zugewandt, ist später Bischof geworden. Vater, Mutter, Geschwister – alle werden als Heilige angesehen. Gregor war sehr gebildet, lebte zurückgezogen als Einsiedler / Mönch, half jedoch seinem Vater, dem Bischof und wurde selbst aus politischen Gründen von Basilius zum Bischof ernannt. Als Priester konnte er nicht auftreten, weil die arianischen Gemeinden ihn nicht haben wollten, eine kleine Gemeinde in Konstantinopel (heute Istanbul) blieb bei dem dreieinigen Gott und dort predigte er in einem Kellerlokal. Er konnte so gut reden, dass viele auf ihn aufmerksam wurden – und je mehr Menschen auf ihn aufmerksam geworden sind, desto stärker wurden die Angriffe der Gegner. Er konnte massiv gegen seine Gegner argumentieren – war aber im wesentlichen eher ein Mensch, der den Frieden suchte und meinte, nicht alle seien schon im Glauben gefestigt und wüssten den Weg. Darum sei Langmut angesagt. Die Stadt wandte sich immer stärker dem Glauben an den dreieinigen Gott zu. Er selbst wurde zum Oberbischof (Metropoliten) ernannt – hat aber allen auf die Füße getreten – und merkte, dass das Amt zu groß für ihn war. Als ihm bewusst wurde, dass er die Streitereien in der Kirche zwischen Arianern und Vertretern des Dreieinigen Gottes nicht schlichten konnte zog er sich wieder zurück. In einem anderen Streitpunkt, der nun aufkam, positionierte er sich: es ging darum, dass gesagt wurde, Christus sei Gott – und die menschliche Seite wurde weitgehend ignoriert. Gregor legte Wert darauf, dass Jesus Christus Gott – aber auch ganz Mensch gewesen ist. Wäre er nicht ganz Mensch gewesen, hätte er auch Menschen nicht erlösen können.
Er hat durch seine Predigten, seine Briefe und seine Gedichte bleibend gewirkt. Mit seinen Gedichten wollte er übrigens auch zeigen, dass das Christentum auch in dieser Hinsicht mit der heidnischen Kultur Schritt halten kann.
14. Ambrosius von Mailand (um 339 -397)
Ambrosius von Mailand ist um 339 in Trier geboren worden. Sein Vater war römischer Statthalter / Präfekt. Der Vater ist früh gestorben und die christliche Mutter zog mit ihrem Sohn zurück nach Rom. Dort wurde er nach seiner hervorragenden juristischen Ausbildung anerkannter Politiker und zum Statthalter mit Sitz in Mailand ernannt. Der alte Bischof war gestorben, und die Arianer und Trinitarier – das heißt Glaubende, die Gott als den dreieinigen Gott bekannten – konnten sich nicht auf einen Nachfolger einigen. Ambrosius war als politischer Beobachter bei diesen Streitigkeiten dabei – und wollte während der Wahl schlichten. Bei seiner Rede soll ein Kind gerufen haben: Bischof Ambrosius. Er selbst war zwar schon Christ, nahm christlichen Unterricht, war aber noch nicht getauft – und wurde, weil er so beliebt war, dennoch zum Bischof ernannt. Er wollte nicht, aber dann überzeugte ihn der Kaiser Valentinian I. († 375), dass er dieses Amt ergreifen solle. Er wurde getauft und wirkte als Bischof von Mailand. Seine Beliebtheit rührte auch daher, dass er das Evangelium lebte, seinen Besitz verkaufte, den Armen half, die ihn auf Schritt und Tritt begleiteten. Die Armen seien der Schatz der Kirche. Mit seiner philosophisch-neuplatonischen Sicht stand er ganz auf der Höhe seiner Zeit. (1)
Ambrosius war auch eine machtvolle Person, und der spätere Kampf zwischen Kirche und Kaiser wurde hier schon vorweggenommen: Der Kaiser ist als Christ Untertan der Kirche, hat sich an ihre Regeln zu halten. Er ist auch nur ein Mensch, der einmal vor Gott erscheinen und sich rechtfertigen muss. Deutlich wird die Herrschaftskritik, die sich durch die gesamte Bibel hindurchzieht, auf eine neue Ebene gehoben. Das bedeutet aber auch für den Menschen der Kirche, dass er würdig auftritt, dass er sich dem Amt und der Würde entsprechend verhält, dass er sich nicht der Sünde ausliefert. Und die Herrschaftskritik wurde mehrfach deutlich. So ist Ambrosius einer der Erfinder des “zivilen Ungehorsams”, weil er nicht einsah, dass die Politik in Sachen Kirche bestimmend wird und die Spaltung der Kirche in Arianer und Trinitarier unterstützt. Der Staat suchte die Arianer unter anderem aus politischen Gründen zu unterstützen, weil die Goten, die mehr oder weniger das Römische Reich infiltrierten, Arianer waren. Aber Ambrosius war gegen solche Kompromisse auf Kosten der Einheit der Kirche. (Als die Kaiser-Mutter eine Kirche den Arianern zur Verfügung stellen wollte, verbarrikadierte er sich mit der Gemeinde in der Kirche, die vom Militär umstellt war, sang tagelang Psalmen, bis die Herrscher nachgaben.) Und: Als der Kaiser Theodosius I. (†395) ein Massaker angerichtet hatte, musste er öffentlich Buße tun. Er drängte den Kaiser, die heidnischen Kulte nicht mehr finanziell zu unterstützen, sie aufzulösen. Sein Wirken hat auch insofern eine Schattenseite, als er die Bestrafung eines Bischofs verhinderte, der zu einem Pogrom gegen Juden angestachelt hatte und der Mob die Synagoge zerstörte. Der Kaiser wollte, dass der Bischof den Aufbau der Synagoge finanziere – was Ambrosius ablehnte, unter anderem darum, weil der Kaiser nicht das recht habe, sich in kirchliche Angelegenheiten einzumischen. Diese Ereignisse zeigen zum Teil, dass hier das staatliche Recht zugunsten der Kirche zurückgestellt wurde. Das zeigt: Jeder Dom hat seine Dämonen (Martin Luther) – und so ist Ambrosius einer der ganz Großen, aber er zeigt auch, dass die ganz Großen ihre für Nachgeborene dunklen Seiten haben, ihre Seiten, die vom Geist Gottes nicht vollkommen durchleuchtet worden sind. Ambrosius Schwachstelle war der Machtwille. Dennoch wandte er sich auch gegen Bischöfe, die nun ihrerseits – sozusagen als Revanche – den Staat dazu benutzten, Gegner des Christentums zu verfolgen.
Er war aber nicht nur gegen…, sondern vor allem auch “für” und so schrieb er eine Ethik, Texte zur Unterweisung von Christen und viele Hymnen – und ist so einer der Urheber des Gottesdienstgesanges (Ambrosianischer Gesang). Wobei er freilich nicht dessen Erfinder ist. In manchen Gottesdiensten wurde schon vorher gesungen. Ambrosius stand in der Tradition des Origenes, des Athanasius und des Basilius, des Hilarius. Ambrosius hat über die Mutter des späteren Kirchenvaters Augustinus, Monika († 387), dessen Hinwendung zum Christentum gefördert. Ambrosius hat ihn auch getauft – und die Legende sagt, dass während dieses Gottesdienstes das berühmte Te Deum als Wechselgesang der großen Christen Ambrosius und Augustinus entstanden sei.
Ambrosius war auch ein großer Prediger, der die biblischen Texte in der Nachfolge von Origenes allegorisch ausgelegt hat, das heißt die Aussagen des biblischen Textes aus dem historischen Kontext gelöst und die Bedeutung für den Hörer seiner Zeit so interpretiert hat, dass die unverständlichen Texte rational-gläubig nachvollziehbar waren.
Er starb 397 in Mailand. Seine Schwester ist die Heilige Marcellina († um 398). Auch hier sieht man, wie an Basilios, dass die Familie insgesamt jeweils große Bedeutung erlangt hat.
15. Johannes „Chrysostomos“ (um 354 – 407)
Geboren wurde Johannes von Antiochia / „Chrysostomos“ um 345 und ist gestorben 407 – beides auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Er wurde in eine wohlhabende Familie hineingeboren. Sein Vater starb kurz nach seiner Geburt, dennoch ermöglichte seine christliche Mutter eine Ausbildung. Er wurde Anwalt. Er wurde getauft, zog als Asket in die Einsamkeit, erkrankte, weil er zu wenig gegessen hatte, und ging nach Hause zurück. Mönche haben es leichter, so meint er, zu bewundern seien aber diejenigen, die mitten im Leben der Welt stehen. Er wurde zum Priester geweiht. Als Anwalt war er ein guter Redner, daher bekam er später den Spitznamen „Goldmund“ / „Chrysostomos“, so manches Mal klatschten die Leute, als sie ihm bei seinen Predigten zuhörten. Und weil er so ein guter Prediger war, wurden seine Predigten mitgeschrieben und überliefert und viele liegen heute noch vor. Aber nicht nur war er ein guter Redner, er redete auch einfach und Praxis orientiert, sodass die Menschen ihn verstanden.
Er setzte seine Redegewalt auch dazu ein, Menschen zu beruhigen, die aufgebracht waren, weil die Steuern zu sehr erhöht worden waren. Sie protestierten heftig, warfen Kaiserstatuen um – die Reaktion der Staatsgewalt war heftiger: Einwohner, darunter auch Kinder wurden getötet. Die Menschen hatten Angst vor weiteren Gewalttaten der Herrscher. Er hielt Reden, um ihnen die Angst zu nehmen, sprach mit den Kommandanten, besuchte Inhaftierte – während ein Bischof versuchte, den Kaiser Theodosius I. († 395) dazu zu bewegen, das nicht weiter gewalttätig zu verfolgen. Mit Erfolg.
Er wurde zum Patriarchen an der bis heute berühmten Hagia Sophia (die damals aber anders aussah) berufen. Er war, wie gesehen, keine Staatsmarionette – sondern diakonisch und seelsorgerlich sehr aktiv. Auch im Verhalten sollten Christen Vorbilder sein – und so bewirkte er, dass Bischöfe entlassen wurden, weil sie ihre Ämter gekauft hatten, Ämter verkauften. Zudem lebten viele ohne verheiratet zu sein mit Frauen zusammen, versuchten den Wohlhabenden zu Gefallen zu leben. Er war also auch keine Kirchen-Marionette in dem Sinn, was man halt so tut, das wird schon richtig sein. Jesus Christus ist das Vorbild, nach seinem Vorbild soll das individuelle Leben wie die Gesellschaft gestaltet werden. Und so zwang er die Kirchlichen, ihren Luxus zu verkaufen, das Geld wurde für Tafeln verwendet, also für Hungrige und Arme.
Die gesellschaftliche Ordnung, die ihm vor Augen stand, entspricht nicht mehr so ganz unserer Sicht, oder besser gesagt: Laut Johannes gab es eine Ordnung, in der alle gleich waren. Dann aber aufgrund des Sündenfalls gab es Hierarchien. Er hat das anerkannt – aber gleichzeitig versucht, diese Sündenfallsordnung zu durchbrechen. Am Beispiel vom Staat: Die Glaubenden haben sich dem Kaiser unterzuordnen – aber die Glaubenden haben die Pflicht, mit dem Kaiser Tacheles zu reden. Die Wahrheit darf nicht verleugnet werden, Glaubende müssen der Lüge widerstehen. Und das zeigte er mit seinen Predigten, Schriften und dem eigenen Leben.
Zudem setzte er sich für die Mission ein, das heißt, er wandte sich gegen nichtchristlich Glaubende, also Heiden und so auch gegen Juden, sofern sich Christen den Juden zuwenden wollten. Um Christen davon abzuhalten, hat er scharfe Reden gegen Juden gehalten, die dann später von Antijudaisten und Antisemiten aufgenommen wurden. In Persien setzte er sich für die christlichen Gemeinden ein, die unter Druck geraten waren. In heidnischem Gebiet wurden Kirchen gebaut und Tempel eingerissen. Hieran erkenn wir zwei Seiten des Goldmundes: Einerseits sagte er, dass jeder selbst entscheiden solle, ob er sich dem in der Predigt Gesagten anschließt oder nicht, nach bestem „Wissen und Gewissen“ (s. Anm. A) – andererseits aber gab es Druck. In seinen Predigten hat er dick aufgetragen. So hatte er es von seinem Rhetorik-Lehrer gelernt, das entsprach auch ganz dem Geschmack der Zeit. Ein Beispiel, das in diesem Zusammenhang aus heutiger Sicht auch ihn selbst betreffen dürfte:
„Wir predigen, Christus habe ein großes Werk vollbracht, indem er aus Menschen Engel machte. Wenn man dann die Beweise fordert und verlangt, wir sollen doch aus unserer Herde Beispiele dafür erbringen, so müssen wir still sein aus Furcht, anstatt Engel in Wirklichkeit Schweine aus dem Saustall und geile Hengste vorzuführen… Wahrlich, in der Gegenwart ist alles heruntergekommen und verderbt: die Kirche unterscheidet sich nicht von einem Ochsen-, Esel- und Kamelstall, und wenn ich herumgehe, um ein Schäflein zu suchen, so kann ich keines finden. Alle schlagen um sich wie Rosse und Wildesel und machen ringsum alles voll Schmutz, solche Reden führen sie.“ (Anm. A)
Er verfasste zu den verschiedensten Themen, die in seiner Zeit virulent waren, Schriften. Er schützte einen mächtigen Gegner gegen das Volk, das Lynchjustiz üben wollte und gegen die „Sicherheitskräfte“ und den Kaiser Arcadius († 408). Ein anderer Fall: Ein gotischer Heerführer nahm Geiseln und erpresste gemeinsam mit dem kaiserlichen General, dem Arianer Gainas, den Kaiser. Johannes vermittelte und verhandelte. Gainas gab nach, wollte allerdings für seine Soldaten eine Kirche. Gainas gab dann auch hier nach – aber inzwischen hatte ein großer Teil der Bevölkerung tausende gotische Soldaten ermordet, sodass Gainas keine Kirche für arianische Soldaten mehr benötigte.
Seine Macht währte nicht lange. Es gibt immer Neider und andere, auch unter Christen. So predigte er undiplomatisch und direkt gegen Luxus der Reichen – die Kaiserin Eudoxia (Frau des Arcadius, Tochter des Franken Bauto: † 404) und andere fühlten sich angegriffen; der Patriarch von Alexandria, Theophilus I., hatte aus Ägypten Anhänger des Origenes rausgeworfen (s. u. 18). Eine mit Johannes befreundete Diakonin (Olympias von Konstantinopel; † 408) hat diese mit Wissen des Chrysostomos aufgenommen. (Übrigens hat er auch mit Geldern dieser Frau kriegsgefangene Sklaven freigekauft – er war gegen Sklaverei, doch kein Kämpfer dagegen, sondern pragmatisch: Sklaven sollen gut behandelt werden.) Es wurde eine Synode einberufen – die ihn absetzte und verbannte (auch hier also wieder: Mitläufer, die den Herrschern zu Gefallen suchen). Verbannt wurde er nach Armenien, heute allerdings ein Ort, die die Türken annektiert haben. Aus der Verbannung schrieb er hunderte auch seelsorgerische, tröstende, stärkende Briefe.
Nun gibt es zwei Überlieferungen: Das Volk war erbost über die Verbannung, zudem hatte es ein Erdbeben gegeben, was als Zorn Gottes über die Verbannung angesehen wurde – und er wurde zurückgeholt. Die andere: Die Kaiserin hatte eine Fehlgeburt, dachte, es sei Strafe dafür, dass sie Chrysostomos verbannt hatte, und holte ihn zurück. Auf jeden Fall: Er durfte zurück – ließ sich aber nicht einschüchtern. Als er sich mit heftigen Worten wehrte, eine Statue der Kaiserin einzuweihen, war die Kaiserin wiederum erbost und verbannte ihn noch weiter weg in den Osten. Er schrieb viele Briefe, die die Gemeinde in Konstantinopel beeinflussten, wurde von vielen Bewunderern besucht. Das ward nicht gerne gesehen und so wurde er nach Georgien verbannt. Aber auf dem Weg dahin starb Chrysostomos mit den Worten, so wird überliefert: „Verherrlicht sei Gott um aller Dinge Willen. Amen.“ Nur eine kleine spielerische Anmerkung: Die Kaiserin hieß „die Herrliche“. In beiden kommt das Wort: „Doxa“ vor. Aber Chrysostomos verherrlichte nicht die Kaiserin, sondern eben Gott.
Johannes Chrysostomos spielt heute noch eine große Rolle für die Liturgie der Orthodoxen Kirche.
(Anm. A) https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Chrysostomos Dort gibt es keinen Quellennachweis. Aber das ist hier zu finden: https://www.clerus.org/bibliaclerusonline/DE/d4r.htm (88. Homilie zu Matthäus 27) (Überprüft: Juli 2026)
16. Hieronymus (um 342 – um 420)
Hieronymus geboren 348/9 im heutigen Kroatien, gestorben 420 in Bethlehem. Seine christliche Familie war wohlhabend, sodass er studieren konnte. Dazu ging er nach Rom. Am Ende der Zeit des Studiums, in dem er großes Interesse an heidnischen Schriftstellern und Philosophen zeigte, ließ er sich taufen, ging dann mit 20 Jahren nach Trier. Er zog dann wieder nach Italien, dann nach Syrien, in die heutige Türkei, nach Konstantinopel (heute Istanbul), dann wieder nach Rom. Er war Eremit, Asket – in Gemeinschaft mit anderen Asketen -, war sehr gebildet; er versuchte hier und da in die Kirchenpolitik einzugreifen, mal mit Erfolg, mal ohne, mal ungehört, mal gefördert, knüpfte Kontakte. Er war sehr belesen, kaufte überall Bücher, lernte Sprachen: Griechisch, Hebräisch, Aramäisch. Er schrieb auch selbst Mönchs-Romane. Mit seinem Erstlingswerk über eine hingerichtete Frau eckte er an, weil der Statthalter sich, so scheint es, nicht richtig wiedergegeben sah. Hieronymus selbst sah das Werk später als Jugendsünde an. Aber in Ruhe lesen und schreiben war sein Wunsch, all dieses dogmatische Geplänkel seiner Zeit war nicht so sein Ding. Zurückgekehrt nach Rom arbeitete er im Archiv des Papstes, übersetzte Korrespondenzen. Und dort vollbrachte er auch das, was ihn berühmt machte und seinen Namen durch die Jahrhunderte hinweg bekannt bleiben ließ: Er korrigierte eine alte lateinische Übersetzung mit Hilfe der griechischen Texte der Evangelien die Vulgata war im Entstehen, nicht akzeptiert von Zeitgenossen hat sie sich später aber durchgesetzt.
In Rom gab es auch einen Kreis adliger Frauen, die christlich-asketisch lebten. Hieronymus wurde ihr Seelsorger und sie waren sehr wissbegierig, diskutierten über theologische Fragen, lernten mit Hieronymus griechisch und hebräisch. Marcella, so hieß die Hauptinitiatorin, und ihre Töchter waren des sex- und luxusorientierten oberflächlichen Lebens der Menschen überdrüssig, und sammelten Gleichgesinnte. In diesem Kreis war eine Frau namens Paula mit ihren zwei Töchtern, Julia Eustochium und Blaesilla. Blaesilla ist gestorben und die asketischen Frauen wie Hieronymus wurden beschuldigt, dass sie diese verhungern ließen. Er hatte sich sowieso bei Alltags-Christen unbeliebt gemacht, weil er in einer Schrift über die Ehe und über Kleriker hergezogen war – über Kleriker, die nicht wie er asketisch lebten. Der Papst, Damasus I. († 384), der die Hand über ihn gehalten hatte, war gestorben und dann wurde das Gerücht gestreut, dass Hieronymus und Paula eine sexuelle Beziehung hätten, er wurde angeklagt. Er, der die Askese propagierte, die Jungfräulichkeit von Männern und Frauen betonte, bekam diesen gefährlichen entehrenden Vorwurf zu hören. Die Lage war sehr angespannt, Lynchgedanken kamen gegen ihn auf. Die Gemeindeleitung war ihm gegenüber nicht wohlgesonnen. Und so zog er mit Paula, ihrer Tochter und mit anderen Frauen nach Bethlehem. Paula war sehr vermögend, sodass sie Klöster gründen konnten: ein Frauenkloster (mit mehreren Trakten) und ein Männerkloster.
Mit seiner Bibliothek konnte er in Bethlehem gut arbeiten. Er arbeitete unter vielem anderen weiter an der Bibelübersetzung unter Zuhilfenahme der hebräischen Bibel, an Kommentaren, die neben allegorische Auslegungen auch historische Hintergründe achteten, Nachschlagewerken, er erstellte eine Zusammenfassung von Bibliografien christlicher Schriftsteller (um den Heiden zu zeigen, dass Christen nicht rückständig und ungebildet sind) und arbeitete an einer Übersetzung des Hauptwerkes von Origenes. Da Origenes umstritten war, wurde Hieronymus in den Streit um die Theologie des Kirchenvaters hineingezogen. Er mochte manche theologischen Aussagen auch nicht besonders und hat sie in der Übersetzung verschärft, während sein Kontrahent in der Übersetzung Origenes gut dastehen lassen wollte, und die Übersetzung der neuen Zeit angepasst hat. Obgleich beide Übersetzer Freunde waren, zerstritten sie sich. Dieser Streit zwischen den Freunden Hieronymus und Rufinus († 411/2) ging in die Gelehrtengeschichte ein. Überhaupt war Hieronymus wenig diplomatisch, polterte, war sarkastisch, hat die Gegenposition nicht immer richtig erfasst, ging aber gegen sie vor. Rhetoriker war er mit Freude am Witz – aber christlich kam es nicht immer gut an (s. von Campenhausen, der auch zeigt, dass Hieronymus bis heute wegen seines Charakters nicht unbedingt gut ankommt).
Letztlich zeigt das alles aber: Gott beruft keine Einheitsmenschen und macht Menschen nicht zu glattgebügelte Wesen, sondern: Er begabt die Menschen je nach ihrem Charakter für das, wozu er sie durch Höhen und Tiefen, durch Leiden an sich selbst, durch Arroganz, Stärke, Selbstzweifel hindurch beauftragt. Und damit sind wir bei der alten Legende von Androcles und dem Löwen, die in Abwandlung auf Hieronymus übertragen wurde. Es heißt, dass ein Löwe ins Kloster kam, die Mönche flohen, Hieronymus blieb standhaft und merkte, dass der Löwe ein Problem hatte. Er hatte einen Dorn in der Pfote. Hieronymus entfernte den Dorn, der Löwe wurde zahm und folgte ihm. Hieronymus der Löwe, dem Gott den Dorn zog? Der Mann Gottes, der furchtlos mit der Natur lebt, von wilden Tieren anerkannt wird? Wie dem auch sei: Der Löwe ist ein Attribut des Hieronymus geworden und auf zahlreichen Gemälden an seiner Seite.
Die letzten 15 Jahre seines Lebens waren schwer. Paula war gestorben, Banden plünderten die Gegend von Bethlehem und Jerusalem, Rom wurde geplündert durch die Goten und seine gute Bekannte Marcella starb an den Misshandlungen. 416 wurde das Kloster von Hieronymus in Brand gesteckt, seine Bibliothek verbrannte vermutlich.
17. Augustinus (354-430)
Augustinus ist ein ganzes Gebirge, den hier mit wenigen Wörtern angemessen beschreiben zu wollen, ist sträflich. Er ist im Grunde der einflussreichste Kirchenvater im Westen.
Augustinus (354-430) in Hippo (heute Algerien) geboren, war gebildet, war kein Christ, sein Vater war Heide. Wegen Geldmangels musste er sein Studium abbrechen, schloss sich einer Jugendbande an, lebte ausschweifend. Bald konnte er jedoch durch die finanzielle Unterstützung eines Verwandten weiter studieren, beendete das Studium, lernte eine Frau / Konkubine kennen, deren Name uns unbekannt ist, bekam mit ihr im Jahr 372 einen Sohn. Er hatte, bevor er Christ wurde, sich einer religiösen Gruppe, den Manichäern, angeschlossen, denn das Christentum befriedigte ihn intellektuell nicht. Die Gruppe der Manichäer wurde im 3. Jahrhundert von Mani gegründet. Mani hat alle möglichen Glaubensformen mit dualistisch-gnostischen Elementen zu einem einheitlichen Weltbild geformt – es klang alles sehr tiefgehend, logisch, rational, philosophisch, was einen großen Reiz auf viele ausübte. Allerdings war Augustinus auch nicht begeistert von der Spitzfindigkeit griechischer Philosophen. Der christliche Glaube war ihm zu banal, zu schlicht, eben ein Glaube für einfache Menschen, nicht für Intellektuelle. Augustinus war gebildeter Rhetoriker, Lehrer. Das Christentum war noch nicht als Religion im Staat ganz verfestigt. Der Kaiser Julian versuchte 361-363, als Augustinus 9 Jahre alt war, den heidnischen Gottesglauben wieder bedeutsamer zu machen, was ihm jedoch nicht gelang. Zur anerkannten Religion im Staat wurde der christliche Glaube erst 380.
Augustinus verließ seine Geliebte schweren Herzens, weil sie nicht mehr seinem gesellschaftlichen Status entsprach, und nahm sich eine neue Geliebte, weil seine Verlobte für eine Heirat noch zu jung war. Er stritt sich mit seiner Mutter, weil er sie, die Christin, zum Manichäismus bekehren wollte. Er zog mit seiner Geliebten nach Rom und Mailand, hielt Ehrenreden auf die Herrscher. Augustinus wurde krank, lebte lebenslang mit Atemnot, was einem Rhetoriker nicht gut tut, gab seinen Beruf notgedrungen auf. Seine Mutter Monika, die vielleicht berberischer Abstammung war, betete immer wieder für ihn. Ihr Gebet wurde erhört. Eines Tages lag er unter einem Feigenbaum, hörte eine Kinderstimme, die sagte: Nimm und lies! (Tolle, lege!) Dann nahm er eine Bibel, den Vers den er aufschlug und las (Römer 13,13-14) öffnete ihm die Augen. Er bekehrte sich, wie der Bibeltext erkennen lässt, von der alten Weltlichkeit hin zu einer neuen Ethik, wie von Campenhausen schreibt. Aber natürlich blieb er dabei nicht im Ethischen stecken. Sein Leben wurde von einem intensiven Glauben durchdrungen. Was in dem Satz zum Ausdruck kommt: „Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“
Der oben beschriebene Ambrosius hat mit seiner philosophischen, neuplatonischen Sicht (1) dazu beigetragen, dass sich Augustinus im Jahr 387 mit seinem Sohn taufen ließ. In diesem Jahr starb auch seine Mutter Monika. Er verließ seine Geliebte, zog sich zurück und begann ein neues, ein sexuell enthaltsames, aber spirituell orientiertes Leben. Er lebte mit Freunden zurückgezogen, wurde Priester, predigte, wurde Bischof, schrieb Klosterregeln – bis heute gibt es die Mönche und Nonnen der Augustiner – und auch Martin Luther war ein Augustinermönch, das heißt, die Lehre des Augustinus war sehr einflussreich sowohl für die katholische Kirche als auch für die 1000 Jahre später sich bildende evangelische Kirche.
Sein Leben beschreibt er in den „Bekenntnissen“. Im Gespräch mit Gott legt er alles mit großem Eifer dar, was er so in seinem Leben gemacht hat, seine Fehler, die er erkannt hat. Ein aus Sicht eines Christen, aber auch aus Sicht der Psychologie sehr spannendes Buch, weil er sich selbst erforscht.
Er selbst bekämpfte die aus seiner Sicht abweichenden Lehren von Christen, und hatte selbst (neu)platonischen Hintergrund. Mit diesem legte er zeitgemäß die Bibel aus und betrachtete viele Themen, die für Christen wichtig waren. Denn der christliche Glaube ist für Augustinus die Grundlage für Erkenntnis der Welt: Glaube, damit du erkennst! Er schrieb / diktierte über die Dreieinigkeit, die Lehre der Christen, die Taufe, den freien Willen: Die Welt ist als Schöpfung Gottes gut, der Mensch wendet sich aufgrund seines freien Willens dem Bösen zu – später modifizierte er das: der Mensch benötigt Gottes Geist, um das Gute überhaupt wollen zu können. Er dachte immer wieder nach über die „Zeit“, über die Liebe, über die Musik, über die Rechtfertigungslehre und zum Beispiel über „Wahrheit“. Der Verstand schafft sich nicht die Wahrheit, sie ist da, er findet sie. Es sind eine Unmenge an Predigten überliefert, Brief und Weiteres. Aber er wusste: Gott ist wie das Meer – mit einem Löffel unausschöpflich.
Aber auch dieser große Geist war in seiner Zeit befangen, wie jeder Mensch. Und so ging er mit seinen theologischen Gegnern aus heutiger Sicht unangemessen vor, hat die große Bedeutung der Juden nicht erkannt. Spätere Antijudaisten und Antisemiten haben Aussagen zusammengeklaubt und zur Unterstützung ihres üblen Weltbildes benutzt. Ebenso ist das, was oben mit Blick auf Frauen beschrieben wurde, für manche wohl normal, aber aus christlicher Sicht nicht.
Aufgrund der Völkerwanderung ab 375 stand das Römische Reich im Westen unter Druck, verschiedenste Gruppen im Reich bekämpften einander, nahmen germanische Söldner. Dann gab es einen großen Einschnitt, als der Gotenherrscher Alarich 410 Rom eroberte. Da durchdachte Augustinus das Verhältnis von Christen und Staat. Denn der Fall Roms war für viele, die sich mit dem Staat identifizierten, die mit der Größe Roms im Frieden standen, eine schreckliche Zeit. Vor allem auch, weil Kriegszüge nicht unblutig sind. So schrieb er in seinem großen Werk „Der Gottesstaat“ eine tiefgehende Geschichtsphilosophie. Rom ist nicht gefallen, wie die Heiden sagen, weil die Götter wegen des Glaubens der Christen zornig geworden sind, sondern Weltgeschichte läuft durch viele Prozesse auf das Ende zu, das Gott herbeiführen wird. In diesem Zusammenhang dachte er auch über den Krieg nach und stellte Regeln auf, wie ein „gerechter Krieg“ zu führen sei: Er muss so geführt werden, dass er zum Frieden führt. Im Jahr 430 belagerten Vandalen unter König Geiserich († 477) seine Stadt, er bekam Fieber, zog sich zurück und starb.
Was ich auch an dieser Biografie immer wieder spannend finde: die Menschen im Hintergrund. Einmal seine Mutter, dann aber auch der Verwandte, der ihn finanziell unterstützt hat (Cornelius Romanianus), damit er studieren konnte, zudem die Autoren von Schriften, ohne diese wäre der Weg des Augustinus anders verlaufen – und die Welt wäre um die Weisheit eines großen Menschen ärmer. Er hat dazu beigetragen, den christlichen Glauben aus allen möglichen Perspektiven mit allen möglichen Themen zu durchleuchten – bzw. die Themen mit dem christlichen Glauben zu durchleuchten. Mit ihm wird die Welt des christlichen Glaubens erweitert. Er versuchte also zu beweisen, dass das, was ihn anfänglich am christlichen Glauben störte, das intellektuell Unbefriedigende, nicht stimmt.
18. Kyrill von Alexandrien (um 380-444)
Kyrill von Alexandrien wird gerühmt wegen seiner Bibelauslegungen, ist aber umstritten angesichts der Art seines Einsatzes gegen andere christliche Glaubensrichtungen. Das Patriarchat Alexandria und das Patriarchat von Konstantinopel rangen um die Vorherrschaft. So hatte schon sein Verwandter, Theophilus I., an der Spitze Alexandrias gegen den oben genannten Johannes Chrysostomos gekämpft (s. o. 15). In diesem Zusammenhang hat Kyrill nicht vor unchristlichen Taten zurückgeschreckt. Er war Machtpolitiker durch und durch.
Er scheute nicht davor zurück, trickreich vorzugehen. Weil er sich gegen den Kontrahenten Nestorius († 451?), der meinte, in Jesus seien Mensch und Gott zwei getrennte Personen, nicht durchsetzen konnte, nahm er die Hilfe des Papstes Coelistin I. († 432) in Anspruch. Der Papst stand auf seiner Seite und forderte die Absetzung des Glaubensgegners als Patriarch von Konstantinopel. Das war aber nicht so leicht, ihn abzusetzen. Es wurde eine Synode einberufen in deren Vorfeld Bestechungsgelder in großer Höhe eingesetzt wurden, es wurde intrigiert und: Bevor die Anhänger des Gegners auf der Synode erschienen waren, hat Kyrill sie eröffnet und die Anwesenden haben den Gegner verurteilt. Aber auch nicht alle Anwesenden fanden das prickelnd, denn nicht nur Konstantinopel war sein Gegner, sondern auch das Patriarchat von Antiochia – im Kampf gegen die Theologie des Origenes (s.o. 5.) taten sich die Alexandriner schon in der Zeit des Origenes hervor. Zudem hat Kyrill die Fähigkeit beherrscht, rechtliche Auseinandersetzungen sofort zu Glaubensfragen zu erheben, somit ist er moralisch gegen Gegner vorgegangen.
Kyrill und die Antiochener haben sich dann auf eine Formel geeinigt: Jesus Christus ist einer, aber wesensgleich mit Gott und wesensgleich mit dem Menschen. Kyrill selbst war jedoch stärker für die Gottheit Jesu und somit auch für Maria als Gebärerin Gottes. Aber auch die trickreich Übertölpelten wollten nicht leicht beigeben, so spaltete sich die Kirche. Er ließ Kirchen von christlichen Gegnern, Novatianern, plündern und schließen, forderte zu einem Judenpogrom in Alexandria auf, in diesem Zusammenhang wurde auch die neuplatonische (1) Philosophin Hypathia durch eine militante Christengruppe und christlichem Pöbel getötet. Manche Christen sollen nach seinem Tod gesagt haben: „Endlich, endlich ist dieser schlimme Mann gestorben. Sein Abschied erfreut Lebende, aber Tote wird er betrübt haben.“ Gegner in Alexandria hatte er als verkrachte Existenzen und Dreckshaufen Alexandrias bezeichnet, die er bekämpfte – und die waren nach dessen Sterben freilich nicht traurig. Schon seine Ernennung zum Patriarchen wurde nicht von allen begrüßt. Letztlich haben sich die Alexandriner sechs Jahre nach Kyrills Tod von der Reichskirche getrennt. Das war der Ursprung der koptischen Kirche.
Kyrill hat dem Kaiser Theodosius II. († 450) einen wertvollen Kalender geschenkt, mit dem das Osterfest berechnet werden konnte. Das Osterfest, das für Christen sehr wichtig ist, richtet sich nach dem Mondkalender, während sonst der Sonnenkalender verwendet wird. Darum variiert das Osterfest bis heute und die Berechnung. Dieses berechnen zu können, war wesentlich für die Einheit der Kirche. Man wollte gemeinsam die Feste, die von Ostern abhängig waren (Himmelfahrt, Pfingsten) feiern. Und so war es gut, wenn überall dort, wo es Christen gab, ein solcher Kalender die Einheit ermöglichen konnte. Die Kommunikation war bekanntlich nicht wie heute. Um die gemeinsame Zeit langfristiger planen zu können war er entsprechend relevant.
Es wurde schon oben im Zusammenhang mit Augustinus darauf hingewiesen, dass es einen Kaiser gegeben hatte, Julian, der versuchte, den christlichen Glauben wieder zurückzudrängen und die römischen Götter auf den Thron zu heben. Kyrill setzt sich mit der Schrift des Julian, Gegen die Galiläer, intensiv auseinander und zerpflückt dessen Argumente. Er war – und darum wird er anerkannt – ein Mensch, der sich für den Glauben eingesetzt hat.
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Es ist in der Kirche eine Balance zu halten. Das versucht die Einigung im christologischen Streit zu berücksichtigen: Wahrer Gott und wahrer Mensch – eine Natur, unvermischt und ungetrennt. Die Berücksichtigung der Menschheit Jesu schützt vor Größenwahn und die Berücksichtigung der Gottheit Jesu schützt vor Beliebigkeit, vor Respektlosigkeit. Glaubende schwanken hier zwischen zwei Extremen. Der Geist Gottes möge uns davor bewahren und zur Erkenntnis von Jesus Christus führen.
19. Boethius (um 480-524/6)
Boethius, geboren in einer reichen und einflussreichen christlichen Familie, war ein neuplatonischer Philosoph, Theologe und Politiker. Der Vater, Konsul, starb früh. Boethius wurde dann von einem früheren Konsul, Symmachus, aufgenommen und ausgebildet. Er heiratete dessen Tochter Rusticiana, die sich nach der Hinrichtung ihres Mannes dafür einsetzte, dass er nicht vergessen wurde. Boethius war ein hervorragend Gebildeter und wissenschaftlich anerkannter Gelehrter. Ebenso war er politisch ein wichtiger Mensch seiner Zeit, der in hohen Verwaltungsämtern tätig war. Sogar seine beiden Kinder wurden vom Gotenkönig Theoderich des Großen (451/56-526) 522 zu Konsuln ernannt, wohl mit Zustimmung des Kaisers Justin I. (um 450-527). Sein wissenschaftliches Ziel bestand unter anderem darin, die Werke und Gedanken der großen griechischen Philosophen (z.B. Platon und Aristoteles) in die Gegenwart des lateinischen Westens durch Übersetzungen und Kommentierung zu retten. Anders gesagt: Ost und West dadurch zu vereinen. Allerdings konnte er es nur ansatzweise umsetzen.
Und dann kam, wie es kommen musste: berühmte Menschen haben ihre Neider. Ein selbstbewusster Mensch tritt anderen auf die Füße, die dann aufschreien und / oder intrigieren. Das alles war politisch ein sehr heikles Gebiet. Der arianische König Theoderich wollte Herrscher in Westrom bleiben, fürchtete, dass ihn die Anhänger des orthodoxen / katholischen Kaisers von Ostrom beseitigen könnten. Die alten stolzen Senatorenfamilien hatten stärkere Beziehungen zu Ostrom als zum königlichen Hof. Es gab also Konflikte um die Macht zwischen Hof und Senat.
Es wurden Briefe abgefangen, die ein Senator an den Kaiser geschrieben hatte, die politisch heikel waren, Boethius scheint die Entdeckung vertuscht zu haben. Sie wurden dem König jedoch von einem Rivalen des Boethius vorgelegt. Boethius solidarisierte sich mit dem Briefschreiber. Und so kamen also zusammen: politische und persönliche Animositäten. Boethius wurde seiner Ämter enthoben, unter Hausarrest gestellt, verhaftet und mit seinem Schwiegervater wegen – sagen wir: Landesverrates – hingerichtet, seine Güter wurden eingezogen. Ihm wurde vorgeworfen, mit dem oströmischen Herrscher zu paktieren. Als verschärfende Belege wurden vermutlich auch gefälschte Briefe vorgelegt, zudem wurde er der Zauberei und Dämonenbeschwörung verdächtigt. Der Goten-Herrscher war so klug, die Verurteilung und Hinrichtung seinen Handlangern zu überlassen – und so konnte er dann seine Hände in Unschuld waschen. Und der Ankläger wurde befördert, ein politischer Mitläufer wurde an die Spitze der Verwaltung berufen. Die Tochter des Theoderich, Amalasuntha / Amalaswintha († 535), herrschte nach ihrem Vater und gab der Familie des Boethius die Güter zurück.
Sein überliefertes Hauptwerk ist „Trost der Philosophie“, das er in Gefangenschaft schrieb. Die personalisierte Philosophie spricht mit ihm (manche glauben, in der Frau Philosophie auch seine Frau Rusticiana wiederzuerkennen). Der Mensch ist durch den Schöpfer, dem „Vater aller Dinge“ zu einem göttlichen Wesen dadurch geworden, dass er Vernunft hat. Der Mensch ist durch den Geist Gott ähnlich – und er, der also als besonderes Geschöpf über allem Geschöpf steht, meint, er benötige für sein Glück irgendetwas, das außer ihm selbst liegt, zum Beispiel Reichtum. Und damit tun Menschen dem Schöpfer Unrecht. Wenn man meint, man habe Glück durch etwas, das unter dem Menschen steht, dann stellt man seine Würde unter das, was man erstrebt. Kurz, wer seine Würde aus Reichtum, Macht usw. zieht, der hat sich durch den Reichtum entwürdigen lassen, weil er Reichtum höher stellt als seine ihm von Gott gegebene Würde. Damit weist die Philosophie über sich hinaus, eben auf den „Vater aller Dinge“. Weitere theologische Werke sind überliefert, in denen er zu Fragen der Zeit Stellung nimmt. Aber Jesus Christus ist in allen nicht im Fokus, sodass manche meinen, dass Boethius überhaupt nicht christlich denkt. Boethius suchte, so sehe ich das, in allem eine harmonische Einheit, sodass in dem Wort Gott auch Jesus Christus enthalten sein wird. Anders gesagt: Während der Denker des Neuplatonismus (1), Plotin, die christlichen Gedanken seines Lehrers Ammonios Sakkas heidnisch „gelesen“ hat, hat der Christ Boethius die heidnische Philosophie christlich „gelesen“.
Im Mittelalter wurde er sehr geschätzt, weil er griechische Philosophie in den Westen brachte – und auch als Märtyrer und Freiheitskämpfer wurde er angesehen. Die Schrift „Trost der Philosophie“ war ab dem 9. Jahrhundert verbreitet und wurde vielfach kommentiert, wurde Schullektüre. Er war also sehr einflussreich.
Ich schließe diese Übersicht mit Boethius, weil er zwischen der Antike und dem Mittelalter steht und im Westen versucht hat, die philosophische griechische Tradition für den Westen zu retten. Das wird vielfach übersehen. Er hat, wie von Campenhausen schreibt, die Mittelalterliche Hochschätzung des Aristoteles begründet, nicht zuletzt dadurch, dass er die theologisch-philosophische Fachsprache durch die Übertragung der griechischen Schriften ins Latein, prägte. In seiner Zeit lebte auch Justinian. Justinian I. wurde 527 Kaiser, hat aber auch schon vorher Aufgaben eines Herrschers ausgeübt, weil der Kaiser Justin I. krank geworden war. Die große Bedeutung von Justinian I. besteht unter anderem darin, dass er das Römische Recht sammeln, systematisieren, aufarbeiten ließ (Corpus iuris civilis), das bis in die Gegenwart Bedeutung hat. Zudem hat Boethius die Wissenschaft der Zeit überliefert (Mathematik, Musik, Astronomie), die christliche Lehre in seinen Werken zusammengefasst, wie sie von den oben Dargestellten erkämpft worden war. Wir haben im sechsten Jahrhundert eine Zeit des Übergangs.
Alles in allem war Boethius ein genialer theologisch-philosophischer Verwalter. Er hat vorhandenes Wissen geordnet, systematisiert, kommentiert. Er, der wissenschaftlich zwischen Ostrom und Westrom vermitteln und beide vereinheitlichen wollte, wurde hingerichtet und wurde zu einem, der zwischen Antike und Mittelalter die Brücke schlug.
C) Überlegung
Es wurde sehr heftig darum gerungen: Wie kann über Jesus Christus gesprochen werden, damit die Bedeutung von Jesus Christus sinnvoll verstanden werden kann? Dabei wurde ernsthaft christlich und auch unchristlich, das heißt unfair, gewalttätig, intrigant und unter Machtmissbrauch um Gott gerungen.
Die Bibel selbst spricht nicht systematisch-philosophisch über Gott, sondern gibt Erfahrungen von Menschen wieder:
- In der Bibel ist von einem Gott die Rede, können dann Jesus und der Geist auch Gott sein?
- In der Bibel ist von Jesus die Rede, der sich Gott unterordnet, ihn „Vater“ nennt, ist er dann gleichrangig?
- Jesus selbst wird als Gott bezeichnet – wie kann er dann untergeordnet sein?
- Jesus ist ein wahrer Mensch, wie kann er dann gleichzeitig Gott sein?
- Wer ist der, der Sünden vergibt, rettet, um Hilfe angebetet wird, auferstanden ist aus den Toten?
Das Problem, vor dem sich die Kirche gestellt sah, bestand in der Frage: Wie können wir die nebeneinander stehenden Aussagen systematisieren? Es geht
- um die Frage: Wer ist Jesus Christus überhaupt?
- um die Frage nach dem Verhältnis von Gott und Jesus Christus (ist er Gott-Vater nachgeordnet, untergeordnet, ist er Geschöpf, ist er überhaupt Gott?)
- darum, wie Jesu Gottsein und sein Menschsein zusammenzudenken sind.
- und: Welche Bedeutung hat das für uns Menschen?
Zu welchem Ergebnis die großen Denker kommen, wird eigens dargelegt: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/gott/trinitaet-dreieinigkeit/ und https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/jesus-christus/christologie/
Warum wurde darüber gerungen?
- Es wurde so heftig darum gerungen, weil die Kirche mit einer Stimme sprechen sollte. Aber nicht nur das:
- Wir Menschen, die glauben, wollen Gott gerecht werden, wollen die Wahrheit über ihn aussprechen. Aber das große Problem, das Augustinus erkannte: Gott ist wie das Meer, wir können ihn nicht mit einem Teelöffel ausschöpfen. Nicht nur, weil Gott unermesslich ist, sondern auch darum, weil unsere Sprache begrenzt ist. So entwickelte sich die Sprache, um Gott gerecht werden zu können, erst im Laufe der Jahrhunderte. Letztlich ist zu erkennen: Gott kann ausgesprochen werden in einer Sprache, die Wörter benutzt, die sich ausschließen. Mit Sprache ist Gott nicht zu erfassen. Um ihm gerecht zu werden, können wir nicht einfach sagen: So ist er. Denn damit haben wir Gott in der Hand. Es ging darum, Missverständnisse zu vermeiden, nicht darum, Spannungen zu klären.
- Es geht hier immer um die Überlegung: Was sagt die Kirche. Nicht darum, welche Glaubenserfahrung haben einzelne Glaubende gemacht. Worauf legen sie den Schwerpunkt.
- In dieser Auseinandersetzung ging es auch darum: Wie erklären wir alles den heidnischen Philosophen – somit auch sich selbst? Viele kamen wie zu sehen war, aus heidnischen Traditionen bzw. standen an der Schwelle dazu und wollten Klarheit bekommen: Wie ist das eigentlich mit meinem Glauben? Wie kann ich ihn verantworten?
Diese Diskussionen gehen heute weiter. Einmal gibt es Angriffe von Atheisten und Säkularen, die intolerant den Christen Intoleranz vorwerfen, wenn sie bekennen: Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, dass es kein Heil, keine Erlösung gibt, außerhalb von Christus. Zudem gibt es Einordnungen Jesu durch Religionen: (a) Hinduismus: Jesus ist eine Gottheit unter anderen, ist eine Inkarnation wie Krischna; (b) Buddhismus: er war ein untergeordneter Erwachter, er hat auch den Buddha in sich erkannt; (c) Islam: Gott kann keinen Sohn haben, Jesus ist Prophet. Dann ist auch zu bedenken: Wie können wir heute, in der die Sprache fortgeschritten ist, die Philosophie weitere Wege gegangen ist, angemessen von Gott sprechen, so von Gott sprechen, dass wir es verantworten können, dass Nichtglaubende uns verstehen? Das ist ein schmaler Grad, denn Gott darf keiner Weltanschauung angepasst werden muss dennoch zeitgemäß bekannt werden. Um es trinitarisch auszusprechen: Es geht heute nicht allein um die Zahl 3=1 oder 1³ (in dem Sinn: 1 Wesen; 3 Personen/Gesichter), sondern die trinitarische Aussage ermöglicht es, die Beziehung hervorzuheben: Gott ist nicht in sich selbst ruhende Einheit und Einsamkeit, er ist in sich liebende Kommunikation, er ist Einheit in Vielfalt. Wie dem auch sei: Es gibt in der gegenwärtigen Christenheit unterschiedlichste miteinander diskutierende oder nebeneinanderher laufende Strömungen:
- natürlich die Christen, die an der trinitarischen Aussage festhalten;
- die Christen, die Jesus als besonderen Menschen sehen, den (a) Gott besonders erwählt hat; (b) die Jesus als besonderer Mensch der Vergangenheit ansehen, so die liberalen Formen, die fragen, wie sah sich der Mensch Jesus selbst, wie sind bestimmte Sachverhalte historisch zu klären; (c) die Jesus als ethisches Vorbild, als Weiser: Nächsten- und Feindesliebe, Umgang mit Ausgegrenzten, der Befreier ansehen; (d) oder: er ist Prophet, wie es jüdische Propheten auch waren, der Gottes Willen verkündet; (e) Jesus ist religiöses Genie, wie im 19. Jahrhundert geniale Menschen hervorgehoben wurden, einer, der besonders tiefe religiöse, psychische Erfahrungen gemacht hat;
- Jesus der vollkommene „Ahne“, der Heiler,
- der Guru, der kosmische, geistliche Lehrer, der den Buddha im Menschen erkennen lässt; der Bodhisattva, der das Wohl anderer im Blick hat,
- (i) usw.
Heute wird in Teilen der westlichen Kirche (Verkündigung, Pädagogik, öffentlicher Wahrnehmung) Jesus Christus im wesentlichen als Mensch verkündet. Auch hier müssen wir die Frage stellen: Welche Nachteile bzw. Gefahren bringt es mit sich, wenn die Gottheit von Jesus Christus übergangen wird und er allein als Mensch gesehen wird?
- Jesus Christus ist nicht mehr der, dem ich mich unterordne, als Kirche und Individuum nicht, sondern er wird eine Stimme unter vielen und ich bin derjenige, der Maßstab für das ist, was ich akzeptieren möchte und was nicht.
- Jesus Christus wird dem Urteil der Menschen unterworfen – anstatt dass der Mensch sich dem Urteil von Jesus Christus unterwirft.
- Um nur ein Beispiel zu nennen: Das hat dann auch Auswirkungen darauf, wie ich den Tod Jesu am Kreuz interpretiere. Es ist das einfache Sterben aus politischen, solidarischen, vorbildhaften Gründen eines Menschen – nicht mehr der das Sterben für mich, zur Vergebung meiner Sünden, zur Versöhnung mit Gott. Wenn Jesus nur Mensch war, kann er die Menschheit nicht befreien und den Tod überwinden, kann er nicht wiederkommen (s. Gregor von Nazianz).
- Eine Frage anderer Art: Kann sich eine „moderne“ Zeit einfach von den Erfahrungen der Christen der letzten 2000 Jahre lösen und meinen, sie hätten nun den „wahren“ Jesus Christus gefunden?
Es ist in der Kirche eine Balance zu halten zwischen Fundamentalismus und Relativismus (hier beides im negativen Sinn als Extreme verstanden): Die Berücksichtigung der Menschheit Jesu schützt vor Größenwahn und die Berücksichtigung der Gottheit Jesu schützt vor Beliebigkeit, vor Respektlosigkeit. Glaubende schwanken hier zwischen zwei Extremen.
Der Geist Gottes – also Gott – möge uns davor bewahren und zur Erkenntnis von Jesus Christus führen. Und damit ist auch der Heilige Geist, also Gott, angesprochen. Er zeigt, dass der Glaube ein dynamisches Geschehen ist, er ist die Kraft, die in der Kirche wirkt, durch alle Irrungen und durch alle chaotischen Zeitzustände hindurch – auf der Basis der biblischen Schriften.
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(1) Ammonios Sakkas (gestorben ca. 242) war der Lehrer von Origenes (wobei es wohl zwei Origenes als Schüler gab: einen Schüler, der enger mit ihm verbunden war, und einen, der nicht so eng mit ihm verbunden war. Der Letztgenannte wäre der christliche Origenes) und Plotin. Leider ist seine Philosophie kaum mehr greifbar, weil sie in der Überlieferung mit anderen Philosophen der Zeit vermischt wurde. Vermutlich war er Christ – ob er sich vom christlichen Glauben abwandte, um platonischer Philosoph zu werden, wird diskutiert. Der große Denker des Neuplatonismus war Plotin (205-270). Sein Schüler Porphyrios hat ca. 30 Jahre nach dem Tod des Lehrers seine Schrift über diesen veröffentlicht – er hat auch überliefert, dass Plotin die Lehre von Ammonios Sakkas vertreten habe, was allerdings nicht mehr nachvollziehbar ist. Plotin war kein Christ, lebte aber in Alexandrien / Rom, kurz in philosophischen Schmelztiegeln: Die stoische Philosophie, in der die göttliche Kraft in der Welt am Wirken ist, die philosophischen Bestrebungen Philos, den jüdischen Glauben mit Hilfe der stoischen Philosophie auszudrücken, daneben gab es die Mysterienreligionen und gnostische Ansätze. Zudem denke ich, dass in der Zeit auch buddhistische Ideen nicht auszuschließen sind. So spielt für Plotin das Individuum eine immer größere Rolle. Für ihn steht über allem das Absolute, das Eine, das nicht erkennbar ist. Und es geht um den Aufstieg des Philosophen zu dem Höchsten, zur Befreiung der Seele; es ging ihm um die Frage nach der Erlösung, aber nicht dadurch, dass man den Körper missachtet (obgleich er dem Körper skeptisch gegenüberstand), und um die nach Befreiung vom Tod. Es war in gewisser Weise eine asketisch-religiöse Philosophie, die Plotin vertrat. Die Denkwelt der Philosophie und die der Christen war in gewisser Weise kompatibel. Die Sprache wie die Sehnsucht der Menschen passten gut zueinander beim Neuplatonismus und dem christlichen Glauben. Für den Neuplatonismus war das Eine, das Höchste, das Transzendente, das über allem Seiende, also nicht mit dem irdischen Sein Vergleichbare, unpersönlich – für Christen war es Person. Die intellektuelle Reinigung durch die Philosophie, war für Christen verbunden mit der Vergebung, die Verbindung mit Gott, dem Transzendenten, geschah für Christen durch den Heiligen Geist. Um nur das zu nennen. Somit konnten große Denker des christlichen Glaubens in die Philosophie des Neuplatonismus ihren Glauben wiederfinden, bzw. diese Philosophie tiefer durchdringen, indem sie Gott in Jesus Christus fanden. Zudem war der christliche Glaube untrennbar mit Gemeinschaft und sozialem Engagement verbunden. Das sprach Menschen mehr an, als das Kreisen um sich selbst. Wobei auch Plotin insofern sozial engagiert war, weil viele Kinder in seinem Haus lebten, die er bilden und erziehen sollte.
(2) Arius sah, anders als die griechische Mythologie, dass Jesus von Gott vor aller Zeit geschaffen worden war, also nicht erst wie ein Halbgott von einer Frau geboren wurde. Die Lehre des Arius wurde zwar nicht anerkannt, aber viele blieben bei dieser Sicht. Im Grunde war sie auch einfacher als die, die letztlich anerkannt wurde.