BÖSES VERHALTEN

Zu dem Beitrag siehe auch: https://evangelische-religion.de/das-b%C3%B6se.html

  1. Der Mensch isst, er beansprucht Lebensraum. Damit verbunden ist, dass er anderen Menschen und anderer Schöpfung Leben einschränkt.
  2. Biologische (Gene), biochemische (Hormone, Neurotransmitter) Aspekte sind genauso zu beachten wie Hirnaktivitäten und Soziales (evolutionäres Erbe, Erziehung, Kultur, soziale Bedingungen, dazu Religion), Gewissen.
  3. Dieses Essen, Lebensraum-Nehmen wird in einem bestimmten Rahmen akzeptiert. Es kann zu sozial unverträglichen Auswüchsen kommen, was als böse angesehen wird.
  4. Der Mensch hat neben konstruktiven Trieben auch destruktive Triebe, in jedem steckt die Möglichkeit, sich gut – also kooperativ – und böse zu verhalten. Und beides in einem gewissen Spektrum. Was das Böse betrifft: Kleine Bosheiten, andere necken – bis hin zum leichten Übertreiben, immer weiter gesteigert bis dahin, dass anderen massiv geschadet wird: cute aggression, Zerstörung des Schönen/Niedlichen, Affekthandlungen, bewusstes Erniedrigen, Missbrauchen, Morden, bis hin zu Massenmorden.
  5. Es liegt in Menschen. Böses Verhalten wird aber auch von anderen Menschen kontrolliert, damit das Individuum der Gemeinschaft nutzt und nicht schadet.
  6. Die Gemeinschaft, die kooperativ ist und somit das Überleben sichert, kann freilich das Aggressionspotential zum eigenen Nutzen aufnehmen, aber auch gegen andere wenden. Wenn die Gemeinschaft die Kontrolle über das Individuum lockert oder selbst unkontrollierbar wird, kann sich das Böse gegenüber anderen massiv entfalten. Die Aggression wird von dominanten Menschen/Gruppen in einer Gemeinschaft kanalisiert: Um die eigene Gesellschaft zu schützen, wird die Aggression auf Außenstehende gerichtet. Das ist immer mit der Gefahr verbunden, dass die Gemeinschaft insgesamt verroht, was durch soziopsychologische Mittel allerdings verhindert werden kann.
  7. Manches, was zerstörerisch wirkt, wie Neid, kann auch positive Seiten haben: Man empfindet etwas als ungerecht. Ziel ist es, man will seine hierarchische/soziale Position verbessern, was die Gesellschaft vor Stagnation schützen kann aber auch dazu führen kann, dass ungerechte Verhältnisse abgeschafft werden. Oder: Vergeltung ist nicht allein negativ zu sehen, sondern das Selbstwertgefühl soll wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Durch Untersuchungen hat man festgestellt, dass kanalisierte Rache auch eine Gesellschaft erfolgreicher machen kann.
  8. Das Böse ist die Abwesenheit des Guten (Augustinus) – aber es darf nicht verharmlost werden. Es kann wie eine Krankheit ansteckend sein (so der römische Philosoph Seneca und Paulus), die die Gesellschaft befällt, die dann das gute vertreibt. Böses ist nicht passiv, sondern will Bestätigung, Raum und Macht. Menschen, die Böses tun, können vielfach nur dadurch Anhänger bekommen, dass sie den Menschen weismachen, es ist das wahre Gute, das sie vertreten (vgl. Nationalsozialismus, Kommunismus).
  9. Die Einordnung dessen, was böse ist und ob der Mensch als Wesen böse ist, erstreckt sich auf einer großen Bandbreite: der Mensch ist von Grund auf böse (er ist dem Menschen ein Wolf/Hobbes), und muss von der Gesellschaft/von Herrschern in die Schranken verwiesen werden – bis hin: Er ist gut, die Gesellschaft ist böse (Ansätze Rousseau, Marx).

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Religionen dienen im Wesentlichen der Gemeinschaft, das heißt, das Böse muss unter Kontrolle gehalten werden. Dazu dient auch die ritualisierte Gewalt (Opfer), um Gewalt einzudämmen. Das bedeutet nicht, dass in allen Religionen die gleichen Maßstäbe für das angewandt werden, um böses Verhalten zu definieren. In manchen Religionen ist etwas erlaubt, was in anderen nicht erlaubt ist. Von daher gibt es aus christlich-aufgeklärter Perspektive auch Religionen und religiöse Strömungen, die Aggressionen insgesamt (auch gegen Fremde und des Individuums gegen sich selbst) bekämpfen, und auch solche, die sie in unterschiedlichen Graden bekämpfen bzw. zulassen.

Aus jüdisch-christlicher Sicht ist das Gute vorhanden (Paradies) – dahinein kommt dann das Böse. Das Böse ist Störung des Guten, kann also ohne das Gute nicht existieren. (Teufel – Diabolos – Durcheinanderwerfer. Satan: Gegner/Ankläger.) Das Böse, so sieht es Genesis 1, lockt den Menschen damit, dass er gegenüber Gottes Liebe misstrauisch wird. Der Mensch misstraut Gott, wendet sich damit gegen Gott und gegen andere Menschen. (Zum Thema „Neid“ – Punkt 7. – siehe Genesis 4: Kain und Abel.) Das Böse, das Genesis 3 angesprochen wird, kann Personifizierung von Verhaltensweisen und Erfahrungen sein, die der Mensch mit sich selbst und anderen Menschen macht.

Gutes ist normal – das Böse ist das Störende – auch wenn es für die Freiheit des Menschen relevant ist. Der Mensch will davon befreit werden, um ein freies Leben führen zu können. Gleichzeitig ist jeder Mensch dem Bösen verhaftet. In christlicher Tradition wurde das Erbsünde genannt: Der Mensch ist verführbar zum Bösen, der Mensch ist verstrickt in struktureller Schuld, der Verstand kann/will Gutes oft nicht mehr erkennen. Gott wendet sich dem Menschen zu, um ihn sozialer zu machen: 10 Gebote, Propheten, Bergpredigt, Gabe des Heiligen Geistes. Paulus sieht, dass Befreiung vom Bösen erst durch Jesus Christus möglich ist, das heißt durch ein Leben, das sich vom Bösen abwendet und sich Gott zuwendet. Erlösung/Befreiung von der Verstrickung in das Böse, das man in der Vergangenheit getan hat, bietet der Tod Jesu.

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Säkular gesehen nimmt man nicht die Religion als Mittel gegen böses Verhalten, man sucht andere Möglichkeiten, gegen es anzugehen. Vielfach wird dazu gesagt, man müsse die Menschen bilden (Arendt), man muss negative Zeiten der Geschichte hervorheben, damit man daraus lernt. Gleichzeitig ist deutlich, dass diese Versuche hilflos sind, weil der Mensch gerade auch Bildung und Verstand dazu verwenden kann, bösartige Verhaltensweisen umzusetzen. Entsprechend dient Empathie nicht nur dazu, mit anderen zu leiden, sondern auch dazu, sich in den anderen hineinzuversetzen, damit man genau weiß, was ihm besonders schmerzt.

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Man ersehnt sich seit Alters solche Zeiten, in denen das Böse besiegt ist. Solche Zeiten kann es nicht geben (außerhalb der Welt Gottes). Wenn sie erzwungen werden, sind sie wieder böse. In Freiheit verantwortlich leben beinhaltet immer auch, dass das böse Verhalten Raum behält. Das hängt auch damit zusammen, dass der Mensch die Zukunft nicht kennt, nie alle Informationen hat, um genau zu wissen, welche Verhaltensweise in der Gegenwart böse Folgen haben kann. Vieles, was in einer Zeit als Rettung von Problemen gepriesen wird, kann wenig später als Gefahr erkannt werden. Von daher muss man sich vor Menschen/Gruppen vorsehen, die meinen, die heile Welt selbst errichten zu können (Nationalsozialismus, Kommunismus, Liberalismus als Ideologie). Diese Gruppen, die um des Guten Willen andere unterdrücken und beseitigen, gehen zwangsläufig durch Selbstzerstörungsprozesse hindurch, was durch die Formulierung „die Revolution, gleich Saturn*, frisst ihre eigenen Kinder“ (Pierre Vergnieaud + 1793) ausgesprochen wird. Böses zerstört sich letztlich selbst – hinterlässt „verbrannte Erde“. (*Dem Gott Saturn wurde prophezeit, dass er durch seine Kinder entmachtet würde, daraufhin fraß er seine Kinder auf, bis auf Jupiter, der durch seine Mutter versteckt wurde.) Gemeinschaft gemäßes Verhalten kann nur gefordert aber nicht erzwungen werden. Jesus und Paulus sahen die Gemeinde als so eine Gemeinschaft an (Familie der Kinder Gottes), in der man menschlich miteinander umgeht – und Vergehen durch Vergebung begegnet.

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Weitere Möglichkeiten, Aggressionen aufzufangen: Sport, berufliche Karriere, im Grunde alles, worin das jeweilige Individuum seinen ganzen Eifer hineinsteckt: Hobbys, PC-Spiele usw.

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GEWISSEN

Gewissen – säkular: Hierarchisch gestaltete Verhaltensimpulse. Diese bestehen aus biologischen, sozialen und geistigen Prozessen, beeinflussbar durch Gruppen (-aggression, Denkhemmungen [Verdrängung, Angst], fehlen-de Empathie). Konstruktive Emotionen sind notwendig, damit diese Verhaltensimpulse zum Guten aufgegriffen werden können, trotz des Drucks von außen.

Gewissen – christlich: Gott als Schöpfer und Erhalter hat in Menschen die Möglichkeit eingeschaffen, dass er weiß, was gut und böse ist. Der Mensch kann das Gewissen jedoch aus unterschiedlichen Gründen zum Schweigen bringen, er benötigt die Öffnung zu Gott, um befreit zu werden. Wenn das Gewissen nur kulturell abhängig sein sollte, könnte man nicht davon ausgehen, dass Menschen weltweit zur Verantwortung gezogen werden können („Extremes Unrecht ist kein Recht“ [vgl. Radbruch] – Kriegsverbrecher-Prozesse; beachte Thema Menschenrechte international gültig?).

Aufgabe: Wie verhält sich Jesus gegen böses Verhalten?