Anmerkungen zur Tier-Ethik und Umwelt-Ethik

1. Bileams Esel

Im Buch Numeri (4. Buch Mose) finden wir in Kapitel 22 die Geschichte von Bileam und dem Esel. Es ist eine sonderbare Geschichte. Die Bearbeitungen zeigen, aber wie auch immer: Es geht um den Propheten Bileam, der von Feinden Israels gebeten wird, das Volk zu verfluchen. Gott verbietet es ihm. Doch letztlich geht er doch mit, weil er meint, Gott habe es ihm erlaubt. Also gegen den Befehl Gottes meint er, Gottes Stimme zu hören, die es ihm erlaube, mitzugehen, um das Volk zu verfluchen. Der versprochene Lohn / Bestechung war auch zu reizvoll, übertönte Gottes Stimme.

Nun macht er sich mit seiner Eselin auf, um zu den Feinden Israels zu reisen. Aber Gott stellt ihm seinen Engel in den Weg – den kann nur die Eselin sehen. Sie reagiert auf den Engel – und Bileam schlug wütend auf die Eselin ein. Dann ließ Gott die Eselin sprechen: „Was habe ich dir getan? Warum hast du mich geschlagen?…“ Dann öffnete Gott dem Bileam die Augen und er konnte den Engel auch sehen. Der Engel macht dem aggressiven Propheten den Vorwurf, die Eselin geschlagen zu haben. Der Engel lässt den Propheten zu den Feinden gehen, aber nicht, ohne ihn ermahnt zu haben nur das zu sagen, was Gott ihm in den Mund gibt. Geläutert segnet der Prophet dann Gottes Volk mit vier Segen.

Das ist eine schöne Geschichte, die in der damaligen Zeit vermutlich die Bockigkeit der Esel erklären soll: Sie sind so, weil sie Engel wahrnehmen. Die Geschichte wird ausdrücklich im Mittelalter als ein Text angesehen, der zeigt, dass Tiere nicht grausam behandelt werden dürfen. Maimonides (12. Jh. n. Chr.) beruft sich dabei schon auf die weisen Vorfahren.

(Wie ging es mit Bileam weiter? Er wurde von den Männern des Mose getötet – 31,8. Es wurde eine Inschrift [9./8. Jahrhundert vor Christus] gefunden, die ihn als Seher der Götter bezeichnet. In seinem Mund findet sich eine Prophezeiung – die auf David [um 1000 v. Chr.] hinweisen soll: „Noch ist er nicht da, aber ich kann ihn schon erkennen. Ein Stern steigt auf von den Nachkommen Jakobs, ein Zepter erhebt sich in Israel.“ (24,17) – Das heißt, dass dem heidnischen Propheten, der ca. 800 lebte, nachträglich [600-500?] ein Wort in den Mund gelegt wurde, das David [ca. 1000] als von Gott Angekündigten legitimieren sollte. Christen haben das Wort dann als Ankündigung des Nachfahren Davids, Jesus Christus, gesehen. Ich finde diese Jahresangaben spannend, weil es sich um Jahrhunderte (!) handelt.)

2. Weitere Sichtweisen biblischer Texte

2.1 Alttestamentliche Texte (AT)

Der Mensch wurde von Gott im Kontext der Erschaffung von Himmel, Erde, Tieren und Pflanzen geschaffen. Entsprechend sieht Gott Mensch und Tier gemeinsam an: Und er sah, dass es gut war. Der Mensch ist vom Tier nur in einem bestimmten Punkt unterschieden: Gott hat ihn beauftragt, für seine Schöpfung zu sorgen (Genesis 1), bzw. Genesis 2 spricht davon, dass Gott den Menschen dadurch zum Leben erweckt hat, dass er seinen Geist/Atem/Seele in ihn gehaucht hat. Weitere Zusammenhänge, in denen Tiere vorkommen:

  1. Jesaja 11.6 heißt es, dass Tiere wie Menschen gemeinsam in einem Zustand des Friedens leben werden – wie sie auch im Paradies einander nicht das Leben nahmen.
  2. Jona 4,11: Gott hat Mitleid mit Mensch und Tier.
  3. Genesis 9: Gott schließt den Noah-Bund nicht nur mit Noah, sondern auch mit den Tieren (aber der Mensch darf Tiere essen – weil es, so der Autor des Mythos, nach der Sintflut keine Pflanzen mehr gab?).
  4. Kohelet (Prediger) 3,18ff. Es ergeht Mensch wie Tier: Sie sterben.

Nicht nur das: Die Tiere geben dem Menschen auch in manchen Dingen die Ordnung vor bzw. zeigen, was richtig ist:

  1. Sprüche (Proverbia) 6,6ff. wird dem Menschen die fleißige Ameise vor Augen gestellt,
  2. Jesaja 1,3: Ochs und Esel kennen den Weg Gottes – aber Israel nicht (und so gelangen Ochs und Esel in späterer christlicher Tradition zur Krippe Jesu).
  3. Hiob 12,7ff. wird gesagt, dass Vieh, Vögel, Sträucher und Fische dem Menschen Richtiges über Gott lehren.
  4. Spannend ist auch Hiob 38-42: Hiob, der nur um sein Leiden kreist, bekommt durch Gott vor sein Auge gemalt, wie schön die Natur ist, wie gesetzmäßig, wie wunderbar Gott in seiner Macht handelt. Hiob werden mit Hilfe dieses „Naturfilmes“ die Augen geöffnet für das, was außer seiner Selbst liegt. Gott nimmt ihn sozusagen rigoros an die Hand und führt ihn durch die Wunder der Natur, deren Schöpfer und Erhalter er ist.

Zu den Schöpfungsgeschichten: https://evangelische-religion.de/sch%C3%B6pfungsgeschichte.html

Damit seien nur ein paar Texte genannt, die die Wertschätzung der Tiere aussprechen (weiter s.2.2).

2.2 Neutestamentliche Texte (NT)

  1. Im Neuen Testament greift Markus vermutlich in 1,12f. das AT auf: Während die Menschen und die Schlange durch den Sündenfall Unheil über Mensch und Tier bringen, sie trennen, lebt Jesus bei den Engeln und den wilden Tieren. Vielleicht zeigt das an, dass Jesus das zerstörte Verhältnis zwischen Mensch und Tier heilt.
  2. Der sekundäre Markus-Schluss, der möglicherweise um 150 nach Christus entstanden ist, lässt das Evangelium nicht nur den Völkern verkündigt werden, wie es Matthäus (Mt 28,20) schreibt, sondern aller Kreatur (16,15).
  3. Jesus selbst war es wichtig, dass Menschen sich so verhalten, wie sie es vom Reich Gottes erwarteten. Der Mensch erwartet den Schalom, den Frieden, Gerechtigkeit, Liebe, Leidlosigkeit – also muss er es schon auf der Erde umsetzen. Wenn der Mensch das auch für die Tiere erwartet (wie es seine Tradition, die Paradies-Geschichte und Jesaja, andeuten), dann gilt es, auch diese Erwartung jetzt im Verhältnis zu den Tieren / der Umwelt umzusetzen.
  4. Matthäus 6 preist die Schönheit der Pflanzen, Gottes Fürsorge für Pflanze und Tier – auch wenn es mit einem Wermutstropfen gesagt wird: Aber auch hier: Tiere sind Beispiel. Entsprechend auch Mt 10,30: Sperlinge werden betont – die Bedeutung des Menschen wird jedoch hervorgehoben.
  5. In Gleichnissen dienen Tiere (Vögel und Schafe) als Beispiele für das Verhältnis Gott Mensch.
  6. Gilt der Satz – die Goldene Regel -: Tue dem anderen das, was du von ihm erwartest – auch in Bezug auf Tiere und Natur?
  7. Die Formulierung im Prolog des Johannesevangeliums (Johannes 1) wird in neuerer Zeit nicht so verstanden: Das Wort wurde Mensch – also Gott wurde in Jesus Christus Mensch – sondern: Das Wort wurde Fleisch – wie es im griechischen Text heißt, somit gilt die Fleischwerdung auch den Tieren.

2.3. Wir und die biblischen Texte

Nun das „Aber“: Tiere gehören zum Alltag. Menschen und Tiere leben ihren Alltag gemeinsam – der Mensch als das klügere Wesen, das sich die Tiere zu Nutze macht, ist dominant. Im Neuen Testament, in dem es darum geht, die menschliche Gesellschaftsordnung zu verbessern, geht es nicht um Tiere. Von daher darf man nicht etwas in Texten suchen, die andere Interessen haben, weil sie in Zeiten entstanden sind, die ihre eigenen Probleme und Fragestellungen hatten. Ihr vorrangiges Problem war der Hunger. Fisch war ein wichtiges Nahrungsmittel am See Genezareth, von daher spielt auch Fisch eine Rolle in den Jesus-Überlieferungen. Wir leben heute – wir bedeutet: in Mitteleuropa und Nordamerika! – in der Situation der Massentierhaltung, des Überflusses an Fleisch, überhaupt des Überflusses an Nahrung. Das sind unsere Fragen, das ist nicht die Situation der Israeliten wie die der frühen Christen.

Von daher: Das soll alles nicht heißen, dass die Bibel nicht Fleischkonsum kennt. Fleisch zu essen war gängig, wobei wir allerdings daran denken müssen, dass Fleisch – je nach Zeiten – selten gegessen wurde, weil es eben wenig gab. Fleisch essen gehört zur gefallenen Schöpfung, zum Sündig-Sein des Menschen. Das wird den Menschen immer wieder bewusst, auch wenn der Mensch sich aus welchen Gründen auch immer (nicht nur im Fleischessen) als Sünder (Hochmut, Intoleranz, Geiz…) geriert.

Jesus selbst hat vermutlich auch Fleisch (oder nur Fisch?) gegessen, aber eigenartiger Weise werden die Abendmahlsworte (mein Leib) nicht mit dem Passalamm verbunden, sondern mit Brot. Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn (Lukasevangelium 15), in dem vom gemästeten Kalb gesprochen wird, das zur Feier des Tages geschlachtet wird, muss nicht darauf hinweisen, dass Jesus selbst Fleisch gegessen hat, es kann darauf hinweisen, dass er damit ein Bild aufgegriffen hat, das die Zuhörer gut als äußerst große Feier verstanden haben.

Was Jesus betrifft: Es ist interessant, dass im 2./3. Jahrhundert versucht wurde, in der Figur des Apollonius von Tyana (+120 n.Chr.) einen heidnischen Gegenjesus aufzurichten. Dieser wird als in der Tradition des Pythagoras (s.u.) als vegan dargestellt, lehnte Alkohol und Sexualität ab. Er war also im Grunde eine pythagoreische Übertrumpfung des Jesus von Nazareth, der menschlicher dargestellt wurde: Dass Jesus vegan lebte, ist nicht sicher, dass er Wein abgelehnt hat, ist nicht wahrscheinlich, weil es einen Spruch gibt, der ihn als Fresser und Weinsäufer bezeichnet; auch Sexualität lehnte er nicht ab, obgleich er sie für sein Leben nicht als relevant ansah, ihm ging es darum, dass die Menschen auch das Zusammenleben positiv gestalten.

3. Opfer

Was das Essen von Fleisch betrifft: Interessanterweise hören wir beim Propheten Jeremia (7,22), dass Gott keine Opfer befohlen habe, Opfer werden mit Heiden in Verbindung gebracht. Vorher hat schon der Prophet Amos 5,20ff. ähnlich gesprochen. Ebenso lehnt Gott laut Prophet Hosea (6) Opfer ab – er fordert stattdessen ein soziales Handeln. Psalmisten beten ähnlich (40,6; 51,16). Entsprechend wird auch im Paradies kein Fleisch gegessen – auch von Tieren nicht.

Im vorchristlichen griechischen Umfeld gab es einzelne Opferkritiker (z.B. Orphyker, Pythagoras).

Freilich muss man sehen, dass das Opfer nicht Tiere negiert, sondern sie ehrt: Sie werden an die Stelle der Menschen gestellt. Sie sind Platzhalter für den Menschen. Ohne diesen Ansatz ist auch der stellvertretende Tod Jesu Christi nicht verständlich.

Es sei noch angemerkt: Auch der Buddhismus ist nicht einheitlich, was vegane Nahrung betrifft. Es gibt Strömungen, die es ablehnen, Tier zu essen, aber es gibt auch Strömungen, die es nur ablehnen, Tier zu töten, aber nicht zu essen. Buddha (Siddharta Gautama) starb, so die Überlieferung, entweder an verdorbenem Fleisch oder an giftigen Pilzen, die den Namen „Eber…“ trugen. Buddhisten sind sich in der Interpretation nicht einig. Hindus essen in der Mehrheit Fleisch, wenn sie es nicht essen, dann nicht, weil sie es aus religiösen Gründen ablehnen, sondern weil es zu teuer ist. Konsequenter gegen Tötung von Tieren sind die Jainisten. Der Gedanke des Ahimsa, das heißt, man darf Lebewesen nicht verletzen und töten, wurde von Mahatma Gandhi aufgenommen. Im Jainismus steht im Hintergrund die eigene Reinheit, nicht der aktive Tierschutz (so Schweitzer).

Die Frage ist: Hat der Mensch wirklich Skrupel, Tiere zu töten, und bekam die Legitimation dazu durch den Glauben an die Götter? (Siehe Remele) Wenn dem so sein sollte, so ging es, so sehe ich es, nicht um die Tiere als Tiere, sondern schamanistisch um die Geister, die mit den Tieren verbunden waren. Darauf weisen, wenn die Interpretationen richtig sind, die Höhlengemälde hin, in der Tiere dominieren. Die Geister der Tiere mussten durch Bilder oder durch Riten besänftigt werden – und dazu benötigte man dann später die Erlaubnis der Götter, die Tiere zu töten. Es ging vermutlich nicht um Tiere, es ging um die Bändigung eigener Angst, da Jagden lebensgefährlich waren, die Geister wehrten sich, schützten ihre Tier-Wohnungen. Entsprechend wurden später die großen Tiere (abgesehen davon, dass man sie sich als Individuum normalerweise nicht leisten konnte) überwiegend an Tempeln, im Umfeld der Götter, geschlachtet. Im AT bekommt der Mensch auch die Erlaubnis von Gott, Tiere zu essen (Genesis 9).

Der Mensch hat eine Sonderstellung gegenüber dem Tier: ob mit Gott oder ohne – ob im jüdisch-christlichen reflektiven Kulturkreis oder in anderen, in denen man Tiere in Herden hält, sie um zu überleben jagt, sie isst, ihr Fell, Horn, Dung, Fleisch, ihre Knochen verwendet. Die Sonderstellung des Menschen, der Anthropozentrismus, ist weltweit dominant, hat nichts mit dem Christentum als Christentum zu tun – wird allerdings vom Christentum legitimiert.

Diese oben genannte opferkritische Strömung durchzieht auch das Neue Testament (z.B. Hebräer 10,18) – entsprechend haben Christen auch vielfach nicht mehr an Opfermahlzeiten teilgenommen (weil die Tiere heidnischen Göttern geopfert waren) und selbst haben sie auch keine Opfer mehr vollzogen. (Vgl. auch Paulus Römer 14: So essen die einen alles, ohne dass ihr Glaube in Gefahr gerät, während andere meinen, sich zu versündigen, wenn sie Fleisch essen [es geht auch hier wohl um Opferfleisch].) Von den christlichen Nestorianern, die im 7./8. Jahrhundert als Missionare bis nach China gekommen waren, heißt es, dass sie kein Fleisch gegessen haben (und vielleicht auch buddhistische Strömungen, die kein Fleisch zu sich nehmen, beeinflussten; könnte es sein, dass das konfuzianistische Taishang ganying pian aus dem 12. Jahrhundert auch Spuren der Nestorianer aufweist?). Auch der Kirchenvater Hieronymus meint, dass Jesus wieder an das Paradies angeknüpft habe, in dem kein Fleisch gegessen wurde, somit sei Christen der Fleischgenuss nicht erlaubt.

Noch eine Anmerkung zu dem Abendmahl: Brot und Wein – Korn und Traubensaft – von Gott geschaffen – werden durch die Abendmahlsworte ungemein hoch gehoben. Das Abendmahl ist auch der Grund, weshalb in einem großen Teil der Christenheit nicht mehr geopfert wird. Allerdings sind alte menschliche Traditionen vom Christentum übernommen worden, so die Weihnachtsgans und das Osterlamm. Im Winter, in dem man kaum etwas zu essen hat, kann man sich dann Weihnachten so richtig satt essen – Gott kümmert sich um hungernde Menschen. Ebenso im Frühjahr, in dem es nichts mehr zu essen gibt: das, was zuerst geboren wurde, sind Lämmer. Man hatte also etwas zu essen. Auch in anderen christlichen Bereichen wurde das traditionelle Essen von Fleisch in den christlichen Glauben integriert.

Wir haben überwiegend keine Opferungen an Tempeln mehr, aber das Schlachten wurde stärker privatisiert, bis es in der Gegenwart vom Staat reglementiert wurde, aus dem privaten Bereich herausgenommen wurde, somit nur noch das Fleisch konsumiert wird, ohne direkt mit den Tieren in Verbindung gebracht zu werden. Ich denke, dass hier auch ein Problem unserer Zeit liegt: Nutztiere spielen als Lebewesen kaum eine Rolle, sie werden nur noch genutzt.

4. Veränderung des Bildes vom Tier

4.1 Vor dem 18. Jahrhundert

Das Tier wurde wertgeschätzt (Hieronymus [4./5. Jh], Franz von Assisi [12./13. Jh], Nikolaus von Kues [15- Jh]), ebenso die Natur insgesamt. Allerdings wurden sie auch als Bedrohung empfunden. Tiere wie Natur wurden ambivalent beurteilt. Vielfach wurden Tiere von Christen als Lebewesen ohne Seele betrachtet, die dem Menschen zur Verfügung stehen. Das in Einklang mit der Philosophie der Stoiker (z.B. auch Cicero), deren Philosophie die Christen der ersten Jahrhunderte intensiv beeinflusst hat. Ebenso hatte die Einordnung des römischen Rechts, das das Tier als „Sache“ einordnet, Einfluss auf die christliche Sichtweise (z.B. Augustinus [4./5. Jh]; er konnte Genesis 1 nicht so auslegen, wie wir es gegenwärtig tun, weil er diesen Text allegorisch verstanden hat, s. Bekenntnisse 13). Allerdings hat schon Basilius der Große [4. Jh.] gesehen, dass im Paradies weder Trinkgelage noch Tieropfer vorkamen und anderes, was das Hirn des Menschen verfinstert. Und die Nahrung des Fleisches? Die bietet die Schlange (der Versucher im Paradies)(1).

 Als das Christentum dann mit der griechisch-aristoteleischen Sicht von Mensch und Tier in Verbindung gekommen ist, durch Thomas von Aquin (13. Jh), vertiefte sich die Degradierung des Tieres. Die Lebewesen sind einander stufenförmig zugeordnet. Auf dieser Skala steht zum Beispiel der freie Mensch über dem Sklaven. Tiere sind vernunftlose Wesen. Ihre Aufgabe besteht allein darin, den vernünftigen Menschen darin zu unterstützen, das Ziel seines Lebens zu erlangen. Diese Degradierung hat dann in Descartes (17. Jh) ihren Höhepunkt gefunden: Das Tier ist Maschine. Der Mensch kann mit dem Tier machen, was er will. Das wurde dann auch wissenschaftliche Grundlage des Umgangs mit dem Tier. Die Kirche hat das jeweils aufgegriffen, weil bestimmte Ansätze, wie gesehen, schon traditionell vorhanden waren, vor allem aber: Auch Menschen der Kirche gehen mit der jeweils modernen Philosophie und Wissenschaft mit, passen sich ihnen an – nicht allein das: Sie sind Teil ihrer jeweiligen Zeit. Das führte dann unter anderem auch zur Physico-Theologie, in der so mancher Pfarrer auch Naturwissenschaftler – im damaligen Sinn – war: Man sieht Gottes Spuren nicht nur in der Offenbarung, sondern auch in der wunderbaren Gesetzmäßigkeit der Natur, dem wunderbaren Aufbau der Lebewesen, die, um das „Wunder“ zu erkennen, ja auch gesammelt und untersucht werden durften.

Anmerkung zur Frage nach Körper – Geist – Seele:

  1. Substanzdualistisch: Körper [Materie] – und Seele/Geist [nicht materialistische Selbst/Wesen des Menschen] (Platon);
  2. Substanzmonistisch: Körper wie Seele/Geist sind materialistisch (Lukrez), die Metaphysik bringt Aristoteles in die Diskussion ein – ebenso sieht er den Geist als nachdenkenden Teil der Seele.
  3. Der Apostel Paulus trennt zwischen: Körper – Geist – Seele.
  4. In der Moderne hat Descartes an dieser Stelle weiter nachgedacht. Sein Problem war: Wie können der materialistische Körper und das nichtmaterialistische Denken zusammengeführt werden? Descartes wird heute vielfach als Buhmann dargestellt – aber das wird ihm nicht gerecht. Er hat das Denken ungemein weiter geführt.
  5. In der gegenwärtigen materialistisch dominierten Zeit der Biologie werden alle Bereiche als materialistisch angesehen, die Fragen stellen dann vor allem Philosophie/Theologie: Wie kann Materie denken? An dieser Stelle gibt es in der gegenwärtigen Forschung überwiegend Fragen.

Man kann natürlich sagen, dass die Degradierung des Tieres damit begonnen hat, dass Paulus davon spricht, dass der Mensch in seiner negativen Form „Fleisch“ ist. Aber dieses Wort „Fleisch“ bedeutet nicht seine negative Gemeinsamkeit mit dem Tier, sie bedeutet seine Ferne von Gott: das Fleisch ist der sündige Mensch, der Mensch, der Gott nicht gerecht wird, der Mensch, der vom Gesetz geprägt wird und vor Gott versagt. 1. Korinther 15 kann Paulus verschiedene Arten von „Fleisch“ nebeneinander stellen (Menschen, Vieh, Vögel, Fische). Überwiegend wurde Genesis 2,7.19 als Begründung dafür herangezogen, dass das Tier ein seelenloses Lebewesen ist. Denn dort heißt es: Gott hauchte seinen Geist/Atem/Seele in den Erdling – der Mensch in seiner Form aus Lehm – und er begann zu leben. Das wird von Tieren nicht gesagt. Das wird natürlich nicht von Tieren gesagt, da es in dem Kontext um die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau geht.

Die Frage, die sich stellt, ist freilich kompliziert: Was ist „Seele“? Vielfach wird heute die Existenz von so etwas wie Seele verneint, weil sie biologisch nicht nachweisbar ist. Andere fragen eher: Hat der Mensch – das Lebewesen – eine Seele oder ist er seine Seele? Die Antwort kann nicht pauschal gegeben werden. Menschen, die spüren, dass es neben Körper und Geist auch Seele gibt, für sie ist es plausibel, die Seele als Realität wahrzunehmen. Andere, die nach biologischen Beweisen suchen, finden es eher nicht plausibel, dass es so etwas wie Seele gibt.

4.2 18.-20. Jahrhundert

Dieses oben beschriebene Verständnis vom Tier hält bis in die Gegenwart an – es beginnt allerdings langsam ein Umdenken: Das Tier ist nicht mehr nur eine seelenlose Maschine, der Mensch ist nicht nur Geist, Logik, Verstand, Hirn, sondern auch Körper, Emotion, Hormon. Mensch und Tier haben vieles gemeinsam – aber, wie die Schöpfungsgeschichte schreibt: Ein jedes Lebewesen lebt nach seiner Art.

Einer der ersten Umdenker war vermutlich der britische Theologe Humphry Primatt, der 1776 forderte, dass man Tiere nicht erniedrigen dürfe, nur weil sie nicht so intelligent seien, wie Menschen. 1779 hat der Brite Jeremy Bentham das Leiden der Tiere betont: Auch sie leiden – darum ist ihr Leiden zu vermeiden – allerdings aus utilitaristischer Sicht. Anders Kant (18. Jahrhundert). Er hat, kurz gesagt, den Aspekt hervorgehoben, dass Tiere zwar für den Menschen da sind, aber am Umgang des Menschen mit dem Tier erkennt man den Menschen: Geht er gut mit den Tieren um, geht er auch gut mit Menschen um; geht er schlecht mit den Tieren um, geht er auch schlecht mit den Menschen um. Ich würde auch Schelling (1795ff.) unbedingt in die Fragestellung mit einbeziehen. Ihm geht es nicht in erster Linie um Tiere, sondern um die Frage nach der Stellung des Menschen im Kontext der Umwelt. Die Naturwissenschaft ist wie Descartes auf der Linie: Der Mensch ist Subjekt – alles andere ist Objekt; der Mensch darf mit dem Objekt umgehen, wie er es für richtig hält. Schelling hat hingegen (mit dem transzendenten Idealismus) gesehen, dass der Mensch wie die gesamte Natur eine gemeinsame Basis haben. Der Mensch ist eingebunden in die Natur.(2)  Im 19. Jahrhundert gab es eine größere Bewegung, die sich für Tiere eingesetzt hat. Die Briten Lord Erskine und der Kämpfer gegen Sklavenhandel, William Wilberforce, der sehr beachtete Kardinal John Henry Newman und viele andere setzten sich für Tiere ein. Die Hinwendung zum Tier wurde im Wesentlichen von aktiven Christen bestimmt. Humes (18. Jh.) und Schopenhauers (19. Jh) Mitleidsethik ist zu erwähnen, weil sie später Relevanz bekommen sollte: Der Mensch erkennt sich im anderen Menschen bzw. Lebewesen wieder.

In Deutschland war einer der ersten bekannten Umdenker im 20 Jahrhundert: Albert Schweitzer. Er trat 1923 dafür ein, dass Ethik nicht nur um die Menschen kreist, sondern auch um die anderen Geschöpfe. Ehrfurcht vor dem Leben war sein Motto (3).

Diese Ansätze wurden in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgenommen und auch unterschiedlich begründet.

  • Bekannt, aufgrund seines rigiden Einbezugs von Menschen, die nicht als Person angesehen werden dürfen, ist der Präferenzutilitarismus von Peter Singer: Es geht utilitaristisch um Interessenabwägung, nicht um Rechte.
  • Anderen geht es darum, Mensch und Tier als Wesen rechtlich gleichzustellen, weil sie Empfindungen haben oder – auch auf Pflanzen bezogen – weil sie mit dem Menschen „naturgeschichtlich verwandt“ bzw. „natürliche Mitwelt“ sind (Meyer-Abich: Charta der Rechte der Natur).
  • Anderen wie Albert Schweitzer geht es darum, dass man Ehrfurcht vor allem Lebenden haben müsse.
  • Anderen geht es darum zu betonen, dass das Ökosystem insgesamt gestört würde, wenn Mensch – Tier – Pflanzen – Luft – Wasser – Erde missachtet werden.
  • Manchen geht es eher um Mitleid mit leidenden Lebewesen, denen man besonderen Schutz zukommen lassen muss?

Diese jeweiligen Zugangsweisen können, wie der letzte Punkt zeigt, miteinander im Widerspruch liegen, so zum Beispiel:

  • Darf man Rehe jagen, weil sie das Gleichgewicht eines Waldes zerstören können?
  • Darf man Tiere unterteilen in Wesen, die Empfindungen haben oder Bewusstsein und Tieren, die das nicht haben – wissen wir es nur noch nicht? Zum Beispiel: Delfine contra Spinne.
  • Soll man Mensch und Tiere gleichstellen – auch wenn Tiere von Menschen aufgrund ihrer besonderen Art zu unterscheiden sind – soll man sie zum Beispiel Kindern, die ja auch besonderen Schutz genießen, gleichstellen?

Inzwischen ist es soweit, dass manche eine Ökolinguistik entwickelt haben und darauf drängen, dass man keine Sprache verwendet, die Tiere erniedrigen, also auch im Grunde nicht mehr von Tieren spricht, oder auch nicht den Menschen in seinem Umgang mit Tieren verharmlost.

4.3 Kirche

Im Laufe der Kirchengeschichte gab es Menschen, die den Tierschutz aus unterschiedlichsten Gründen vertraten, und solche, die ihn aus verschiedensten Gründen ablehnten. Durchgesetzt hat sich, wie oben schon erwähnt, die Degradierung des Tieres. Angedacht wurde die Achtung von Tieren von Theologen des 20. Jahrhunderts (neben Schweitzer z.B. Karl Barth, Paul Tillich, Johannes Ude und vielen neuerer Zeit). Wichtig wird dieses Thema in der Kirche seit 1990, wurde dann, nachdem Kardinal Josef Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) am gegenwärtigen schlimmen Umgang mit Tieren Kritik geübt hatte, vor allem durch Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato Sí im Jahr 2015 aufgenommen: Tiere haben einen Eigenwert – einen Wert, der nicht vom Bezug auf den Menschen abhängig ist, zudem ist alles Leben miteinander verflochten. Im Ökumenischen Rat der Kirchen spielte das Thema Schöpfung 1975 (Nairobi) und dann vor allem 1983 (Vancouver) eine verstärkte Rolle. Es ist gut, dass endlich ein Umdenken geschieht. Denn viele Vertreter der Kirche – auch die dominantesten unter ihnen – haben an dieser Stelle viel Schuld auf sich geladen.

Sprüche 12,10 heißt es: „Der Gerechte sorgt für seines Viehs Bedürfnisse; das Herz der Bösen hingegen ist grausam.“ Während der Holländische Katechismus (Glaubensverkündigung für Erwachsene) 1966 das Thema Umgang mit Tieren erwähnt und auch das Zitat aus Sprüche 12 aufgreift, findet es im Evangelischen Erwachsenenkatechismus  von 1975 noch keine Erwähnung. In der Neuauflage von 2013 spielen Tiere noch immer keine große Rolle, werden aber erwähnt. Es geht jedoch intensiv um das Thema Schöpfung und die Gefährdung der Lebensgrundlagen, um Umweltverantwortung. Die von der Moderne unterschätzte Umweltverantwortung, so heißt es, wird in der jüdisch-christlichen Überlieferung wieder erkannt (525).

4.4 Anthropozentrismus und Speziesismus – Theriozentrismus

Christen wird vorgeworfen, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen: Alles dreht sich um den Menschen (Anthropozentrismus). Dieser Anthropozentrismus sei Speziesismus, also hebt die eigene Gattung hervor und das ist gleichzusetzen mit Rassismus.

Die Sache ist nur: Wenn man noch so tierlieb ist, man ist es bewusst – also ist man es als Mensch.

  1. Man selbst entscheidet als Mensch, welchem Tier man seine mütterliche/väterliche Fürsorge zuwendet (einem Delfin, Eisbären oder Elefanten, Schimpansen, in denen ich mich als Mensch selbst wiedererkenne – oder einer Spinne, Schabe, einer Hufeisennagel-Fledermaus, einem Kiebitz).
  2. Als Mensch wägt man Interessen ab, um zu entscheiden, welches Tier Rechte bekommen soll, welches nicht (s. Utilitarismus).
  3. Als Mensch ist man derjenige, der ökologisch bewusst leben möchte und darum auch um der Umwelt Willen, in das System (z.B. gegen Klimaerwärmung) eingreift.
  4. Der Mensch ist es, der sich in den Tieren widerspiegelt und Mitleid empfindet.

Der Mensch ist immer Anthropozentrist. Er kann nicht – um ein eigenes Wort zu prägen – Therozentrist (von griechisch: Ther(ion)/Tierchen) sein. Die Frage ist nur: Wie lebe ich als Mensch mit den Wesen meiner Umwelt zusammen, wie lebe ich in der Umwelt, sehe ich mich als herausgehobenes Wesen, also als ein bewusst lebendes Wesen im guten Verhältnis zur Umwelt oder in Abgrenzung von ihr. Man muss dem in die Augen schauen – und das hat man jahrhundertelang zu erklären versucht: Was ist das besondere am Menschen, warum ist er besonders? Und heute weiß man, dass dieses Drehen um sich selbst Gefahren mit sich bringt – ein Umdenken ist notwendig, aber eben als ein Mensch, der sich seiner bewusst ist.

5. Überlegungen

  • Man muss Tiere nicht zu Menschen machen. Sie haben ihre eigene Würde. Man muss einen Weg finden, ihren eigenen Wert zu erkennen und ihnen Rechte geben, die ihnen angemessen sind.
  • Ich lerne daraus immer stärker: Unangemessenes Verhalten gegen Tiere ist abzulehnen, Fleisch zu essen sollte etwas sein, das nicht selbstverständlich wird, sondern dass man sich bewusst wird, was man tut. Tierquälerei mag manchen Tieren nicht schaden, weil sie es nicht spüren (Insekten). Aber das zeigt doch, wes Ungeistes Kind Tierquäler sind (eine Schnake erschlagen quält sie nicht. Aber ihr die Beine und Flügel ausreißen, bevor man sie tötet, zeigt den Ungeist eines Menschen; vgl. Kant). Die Unmenge an Fleisch, die weggeworfen wird, weil eine Überproduktion herrscht, sollte auch eingeschränkt werden.
  • Erleiden Tiere Schmerz? Das ist die große Frage, wann es nur reflexartige Reaktion ist oder auch die Verarbeitung eines Schmerzes in einer jüngeren Hirnregion. Auch Menschen fühlen Schmerzen, die zugefügt werden, unterschiedlich. Wie ist es bei Tiergattungen? Ist es nicht immer der Mensch, der Schmerz hinein interpretiert, weil er sich in das Tier hinein versetzen kann? Das ist eine wichtige Frage. Ich selbst habe einmal eine Amsel schrecklich „schreien“ hören, als sie von einer anderen Amsel im Flug traktiert wurde. Ich habe nur die Amsel erwähnt, weil sie als Vogel ja nicht gerade zu den höheren und damit beliebten Tieren (wie Eisbären, Elefanten, Delphine) zählt. Es war bei der Amsel weniger der Schmerz, sondern die Angst – was tiefer in „die Psyche“ eines Tieres blicken lässt als körperlicher Schmerz. (Aber das ist eine subjektive Interpretation.)
  • Der Schmerz/das Leiden des Tieres dient seit Bentham als Argument dafür, das Tier gut zu behandeln. Kann Schmerz ein Argument für die Ethik sein? Gerade säkulare Philosophie fragt immer: Warum? – und muss alles diskutieren (vgl. „Sein und Sollen“). Warum ist gerade das Thema Schmerz/Leid ein Argument, mit Tieren „menschlich“ umzugehen? Wenn man das Leiden als zentrales Argument nimmt, kann man dann mit Insekten, die ja nicht leiden (Heuschrecken fressen angeblich weiter, während sie von hinten verspeist werden), „unmenschlich“ umgehen? Zudem ist das kein ethisches Argument im strengen Sinn. Ein ethisches  Argument – allerdings eine religiöse Letztbegründung – ist aus jüdisch-christlicher Perspektive: Auch das Tier ist Geschöpf Gottes – als ein solches hat der Mensch mit diesem im Sinne des Schöpfungsauftrages umzugehen. Ein relevantes säkulares ethisches Argument (Kant): Der Mensch, der sich moralisch am Tier vergeht, handelt nicht gemäß der Forderungen menschlicher Vernunft. Wobei an dieser Stelle natürlich gefragt werden kann: Es gibt ganz vernünftige Menschen, die mit Mensch und Tier barbarisch umgehen können. Vernunft ist ambivalent.
  • Für mich geht der Mensch immer vor. Sonst müsste man auch so manches Halten eines Schoßhündchens verbieten, weil es nicht artgerecht gehalten wird. Aber was heißt bei Züchtungen „artgerecht“? Muss man nicht Züchtungen insgesamt kritisch sehen? Auch die der Pferde.
  • Reduktion von Tierversuche versucht man über Datenbanken zu erreichen, die Forschungen veröffentlichen (https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/medizinethik/article/979184/animal-study-registry-neues-register-tierversuche-gestartet.html ). Man kann übrigens wissenschaftlich haltbare Ergebnisse zum Thema Schmerzempfnden und Leiden von Tieren nur über Tierversuche herausfinden. Es sei denn: Man möchte es nicht so genau wissen – und bei seinem subjektivem Ahnen bleiben.
  • Zudem denke ich mir, dass man Menschen, die in Schlachtereien arbeiten, die Möglichkeit geben sollte, wenn sie es nicht mehr tun wollen, einen anderen Beruf zu finden. Ich denke mir, dass manche Skrupel bekommen können. Das heißt nicht, dass ich gegen den Beruf des Metzgers oder Schlachters, des Jägers bin. Die Menschen dienen unserer Ernährung. Er ist sehr wichtig. Gegen sie vorzugehen ist anmaßend und Menschen verachtend. Aber wenn es Menschen geben sollte, die den Beruf nicht mehr ausüben können, sollte ihnen nicht die Armut drohen, sondern eben Möglichkeiten gegeben werden, eine Umschulung zu bekommen.
  • Tierrecht ist kompliziert. Im Recht geht es darum, einen Ausgleich zwischen gleichwertigen Personen mit ihren jeweiligen Ansprüchen herzustellen. Es geht um Gegenseitigkeit. Wenn es um Tiere (und Pflanzen) geht, dann ist der Mensch die dominante Person, die aus Verantwortungsbewusstsein einem ihr untergeordneten bzw. zugeordneten Wesen etwas zukommen lässt, zum Beispiel angemessene Ernährung, artgemäße Unterbringung und Bewegungsmöglichkeit. Was dann rechtlich verankert wird. Ein Verhältnis zum Tier beruht nie auf gleicher Ebene, sondern wird immer dem Tier gewährt. Selbst dann, wenn der Mensch Tiere nur noch in den ihnen zugewiesenen Arealen in freier Natur leben lässt, ist es der Mensch, der die rechtlichen Rahmenbedingungen für das Tier schafft. Von der Natur her gesehen gibt es kein Recht. Recht ist von Menschen gemacht. Das Recht auf die gesamte Umwelt auszudehnen, nur damit dem Menschen bewusst wird, dass er sich Tieren und Pflanzen gegenüber angemessen zu verhalten hat, banalisiert das Recht.
  • Wie oben geschrieben: Wir – in Mitteleuropa und Nordamerika – leben in anderen Zeiten als die Vorfahren. In Zeiten der Massentierhaltung, des Sattseins, des Handels weltweit, der Chemieindustrie, die Soja zu Schnitzel verarbeiten kann und B12 herstellen kann. Ich tue mich immer schwer damit, die vergangenen Zeiten zu verurteilen. Wir leben jetzt und sind für unsere Zeit jetzt verantwortlich – und es darf wiederum nicht eine neue Art des satten Kolonialismus stattfinden: Europäer und Nordamerikaner geben der Welt vor, was gut ist und was böse, was richtig und was falsch. Von daher kann der Papst – sollte auch die Evangelische Kirche in Deutschland – nicht der Welt vorgeben, was man in Mitteleuropa für verantwortungsvoll hält. Das ist diskutierend einzubringen, aber nicht ideologisch verkrampft durchzusetzen. Denn wir Menschen leben nun einmal in einem Dilemma, dass wir von anderem Leben leben müssen. (Siehe unten Schweitzer.)
  • Sonderbar ist, dass der europäische Mensch gegen afrikanische Dörfer in ihrem Umgang mit Elefanten oder indischen Dörfern in ihrem Umgang mit Tigern agitiert, aber selbst im eigenen Land ein ambivalentes Verhältnis zu Tieren entwickelt. Sind Elefanten und Tiger wichtiger als Wölfe, als Luchse, als solche Eindringlinge wie Waschbären? Wird an dieser Stelle eine neue Art Tier-Kolonialismus erkennbar? Das kann hier nicht entfaltet werden, soll nur eine gewisse Ambivalenz im Denken aufzeigen.
  • Was die Seele betrifft: Ich selbst erfahre eine Dreiheit von Körper-Geist-Seele. Ob ein Tier auch diese Erfahrung – unabhängig von Reflexion – macht, kann man als Mensch wohl kaum sagen. Die Antwort sollte aber auch nicht das Verhalten gegenüber dem Tier bestimmen, wenn man meint, es habe keine Seele. Grundlegend ist: Auch dieses ist Geschöpf Gottes, mit dem der Mensch verantwortungsvoll umzugehen hat.
  • Zum Thema Anthropozentrismus: In diesem Zusammenhang bedenke man auch noch etwas anderes: Selbst die Menschenrechte sind noch lange nicht weltweit durchgesetzt worden, obgleich der Mensch anthropozentrisch denkt. Denkt er wirklich in seinem tiefsten Wesen anthropozentrisch oder nicht doch eher mit Blick auf Ich, Familie, Stamm, Nation, Rasse…? Allein an dieser Stelle gibt es noch äußerst viel zu tun, denn Menschenrechte werden weltweit mit Füßen getreten. Menschen und Tiere – beides muss man nicht gegeneinander ausspielen – darf man auch nicht. Ich befürchte allerdings, wenn der Mensch nicht mehr im Mittelpunkt steht, dass sich dann auch Menschen-Verachtung und damit verbunden Missachtung der Menschenrechte breit macht, der Mensch unter das Tier gestellt wird. (Das wird deutlich, im Jahr 2019: ein indisches Gericht hat geurteilt, dass zugunsten der Natur ein Teil der indigenen Bevölkerung umgesiedelt werden muss.) Letztlich ist nicht nur das Tier Objekt des Menschen, sondern der Mensch ist Objekt mancher Interessengruppen. Was man schon lange beobachten kann ist diese Intention: Der Mensch ist nur ein (besonderes) Tier unter Tieren – von daher darf man ihn auch entsprechend negativ behandeln. Weiter geführt unter neuem Vorzeichen: Das Tier ist gut, weil es unbewusst handelt, der Mensch ist böse, weil er bewusst gegen das Tier handelt – der Mensch muss bekämpft werden. Wie auch immer: Der menschliche Umgang mit Menschen hat es aus verschiedenen Perspektiven nicht leicht.

Anmerkungen:

(1) „Wo gefastet wird, ertönt kein Todesschrei eines Tieres, strömt kein Blut, kein erbarmungsloses Urteil des unersättlichen Bauches wird gefällt über irgendein Tier. Das Messer der Köche ruht. Die Tafel begnügt sich mit dem, was die Natur gibt.“ (Basilius der Große: Predigt über das Fasten [Basilius, 330-379 war eine der herausragendsten Kirchenlehrer des 4. Jahrhunderts])

(2) Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854), studierte gemeinsam mit dem Philosophen Hegel und dem Schriftsteller Hölderlin evangelische Theologie, wandte sich der Philosophie zu. Er gehörte dem Deutschen Idealismus an – das heißt: Der Grund der Welt wird in einem einheitlichen Geist, er ist der unfassbare Urgrund, gesehen. So geht dieser Geist, der Urgrund, die Natur, dem Denken des Menschen immer voraus. Der Verstand des Menschen kann diesem nicht gegenüberstehen, er kann die Natur nicht als Objekt ansehen, ohne sich selbst die Basis zu entziehen. Aber: Der Mensch ist mit der Natur nicht identisch, sondern sein Denken sieht Natur immer auch als sein Außen, als sein Gegenüber an. Das bedeutet aber nicht, dass er sich von der Natur lösen kann.

Die Natur produziert ohne Unterlass. Gleichzeitig hemmt sie diese Produktion (Vermehrung und Sterben gehen Hand in Hand). Der Urgrund/Geist in der Natur produziert aber auch das Bewusstsein des Menschen, weist damit über die Natur hinaus in die Kultur/Kunst und Geschichte. (Es ist hier nicht möglich den Deutschen Idealismus auch nur annähernd darzustellen, weder Hegel noch ihm vorausgehend Spinoza. Damit sei es bei diesen Stichworten belassen. Auch Schelling kann nur unzureichend dargestellt werden.) Hingewiesen sei noch auf Ralph Waldo Emerson (Theologe und Naturphilosoph, der sein kirchliches Amt aufgab; „Natur“, erschienen 1836), der den Geist Gottes in der Natur wirken sieht; der Mensch soll dem Geist in der Natur nachspüren – er kann ihn erkennen, weil er selbst von dem Geist Gottes, der in der Natur wirkt, bestimmt wird.

(3) Albert Schweitzer (1875-1965; Theologe, Arzt, Philosoph; Friedensnobelpreis 1952):

Albert Schweitzer führte Ethik und Kultur zusammen und versuchte einen umfassenden Blick zu bekommen. Er stand in der Tradition des Idealismus, das heißt: Gott ist die Grundlage allen Seins. (Schweitzer sieht sich jedoch nicht als Pantheist, das heißt als einen, der Gott in den unpersönlichen Gesetzmäßigkeiten der Natur findet, denn der Gott der Liebe ist nicht in der Natur zu finden, er offenbart sich als Person.) So belastet ihn die Frage, wie der Gott der Liebe, der liebend alles durchströmt, mit dem unermesslichen Leiden zusammengeführt werden könne, das darin besteht, dass kein Lebewesen leben kann, ohne anderen Lebewesen Leid zuzufügen (man kann einem Vogel nur das Leben retten, wenn man ihm Würmchen gibt). Die Natur kennt keine Ehrfurcht vor dem Leben, sie kennt kein Mitleiden mit anderen Geschöpfen – aber der Mensch ist dadurch von Gott ausgezeichnet worden, dass er mitleiden und mit Ehrfurcht die Schöpfung behandeln kann. Eine Hinwendung zu dem liebenden Gott bedeutet vor allem eine Hinwendung zu der gesamten Umwelt wie zu den Tieren im Besonderen. Weil der Mensch erkennt, dass er in einem Dilemma steht (von anderem Leben leben zu müssen), hat er die Pflicht, so gut er kann, allem Lebendigen zu helfen. Der Glaubende muss nicht alle Rätsel mit Blick auf Gott lösen. Das ist zwar schmerzlich, aber im Wissen vom geistigen Sein in Gott, dem Urgrund des Seins, durch die Liebe, besitzt er eben Liebe.

Diese Hinwendung zum „universalen Gott“, dessen Liebe in uns real werden will, fand Schweitzer in Jesus Christus vorgegeben, so zum Beispiel darin, dass die Goldene Regel auf alles auszudehnen sei, nicht nur auf den Menschen – was mit der Jesus-Mystik des Apostels Paulus vertieft wird. Erst wenn eine solche Hinwendung zum universalen Gott geschieht – erfüllt vom Geist Jesu, wenn Ehrfurcht vor dem Leben / Liebe zu dem Leben  gewahrt wird, kann erst Frieden auf der Erde werden.

Schweitzer wird heftig von Stefan Bernhard Eck: Auf dem Prüfstand: Albert Schweitzer und die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, Saarbrücken 2002 (als PDF-Datei vom Arbeitskreis Tierrechte&Ethik veröffentlicht) aus verschiedenen Perspektiven kritisiert. So habe er zum Beispiel philosophisch nicht alles zu Ende gedacht, er appelliere an das Gewissen, biete somit nicht konkrete Orientierungshilfe. Schweitzer erkenne nicht, dass der Mensch ein Raubtier ist, das ohne Zwang nicht moralisch handelt. Wie kommt es zu dem Fehler Schweitzers? Er denkt christlich, geprägt vom „protestantischen Humanitätsideal“. Zudem steht ihm der Anthropozentrismus im Wege, der von der Bibel vorgegeben wird. Trotz vernichtender Kritik kann der Kritiker überraschend sagen, dass die „Ethik“ von Schweitzer „in vielen Teilbereichen richtungsweisend ist“. Gegen die Sicht von Schweitzer wird jedoch der moderne „Quantensprung“, „der Paradigmenwechsel“ gestellt: „essentielle Gleichartigkeit aller Lebewesen“ – allerdings ist das noch nicht realisiert, sondern es bleibt das „Prinzip Hoffnung“. Muss es auch, denn der Autor hat ja an Schweitzer kritisiert, dass dieser nicht erkennt, dass der Mensch ein Raubtier ist. Sollte der moderne Mensch wirklich anders sein?

Im Grunde verdeutlicht diese Kritik nur, was oben gesagt wurde: Es gibt unterschiedliche Strömungen/Ansätze mit Blick auf das Verhalten des Menschen gegenüber Tieren. Die von Eck ist nur eine unter ihnen – die selbst keinen neuen Weg für Ethik weist, sondern Vorstellungen äußert, wie es besser wäre. Aber wie kommt man dahin? Die Graphik 5.1 ist bezeichnend: Viele Hämmer werden gezeichnet, die das Haus: „Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben“ zerstören. Aber: Was baut auf?

Rachel Carson, die ihr Buch „Der stumme Frühling“ mit einem Zitat von Albert Schweitzer beginnt, hat dann 1962 ganz genau aufgeschrieben, was man tun könne, um Gifte aus der Umwelt zu bekommen. Man sieht daran, dass man auch in dieser Frage auf den Schultern anderer steht. Spannend ist es aber auch zu sehen: Carson kämpfte gegen DDT – für die Umwelt -, Schweitzer kämpfte für Ehrfurcht vor dem Leben. Ihm ging es in erster Linie um die Änderung der Gesinnung.

*

Weiterführende Literatur (der auch zahlreiche Infos in der oben genannten Darlegung entnommen wurden):

  • Rainer Hagencord: Gott und die Tiere. Ein Perspektivenwechsel, topos plus Kevelaer 2018
  • Kurt Remele: Die Würde des Tieres ist unantastbar. Eine neue christliche Tierethik, Butzon&Bercker Kevelaer 2016
  • Albert Schweitzer: Die Ehrfurcht vor dem Leben. Grundtexte aus fünf Jahrzehnten, Hg. v. Hans Walter Bähr, C.H. Beck Verlag, 10. Auflage 2013

*

EIN VORLÄUFIGER  ASPEKT ZUR UMWELTETHIK:

Ästhetische Wahrnehmung von Natur

Naturwissenschaftliche Wahrnehmung von Natur ist nur eine Möglichkeit. Neben dieser gibt es die Wahrnehmung der Natur als etwas, das über den Menschen hinausgeht (in manchen Religionen wird sie auch als etwas Transzendentes erfahren). In unserer Kultur kann es (seit der Romantik) durch Kunst, Literatur, Musik zum Ausdruck gebracht werden, in der der Mensch von der Natur ergriffen wird, bzw. wird in der Aussage deutlich: Gott in der Natur erfahren (Ralph Waldo Emerson [19. Jahrhundert], in etwas anderer Intention: Ludwig Gotthard Kosegarten [1758-1818]). Im christlichen Glauben kann sie auch als „Spur Gottes“ wahrgenommen werden, in der man als Glaubender den Schöpfer ahnen und über seine Taten staunen kann.

Diese Wahrnehmung der Natur unterscheidet sich von der neuzeitlichen Naturwahrnehmung durch die Wissenschaft, in der Natur als Objekt wahrgenommen wird; sie unterscheidet sich auch von der animistischen Tradition des Menschen, in der Natur von Geistern beseelt ist; sie unterscheidet sich ebenso von der Intention, in der die Natur selbst als göttliche, als transzendente Größe erfahren wird. Diese ästhetische Wahrnehmung der Natur ist von der rationalen Wissenschaft nicht erfassbar – höchstens im Versuch, das psychisch zu erklären (Auszug aus: https://evangelische-religion.de/glaube-trifft-wissenschaft.html). Ein Philosophischer Versuch wurde oben unter Anmerkung 2: Schelling – erkennbar.