A) Wirkungsgeschichte Jesu

  1. Die Wirkungsgeschichte dieses jüdischen Menschen und seiner Anhänger sucht ihresgleichen. Er prägte die zwischenmenschliche Beziehung der Menschen: die Ethik Europas / Amerikas – und darüber hinaus beeinflusste er die Ethik weiterer Kulturen. Er beeinflusste: Recht (Menschenrechte), Diakonie, Mission, Soziale Marktwirtschaft.
  2. Er hat den kleinen Menschen groß gemacht, den Ausgestoßenen, den Verletzten. Er hat sich denen zugewandt, die hilflos waren, die auf sich allein gestellt waren, denen, die nichts galten, die nach einer neuen Gesellschaft Sehnsucht hatten: „Ihr seid das Licht der Welt!“ – sagte er den von sich wichtig Nehmenden Getretenen. Und das hat den Spott vieler hervorgerufen. Z.B. hat der Philosoph des 19. Jahrhunderts Nietzsche den Christen „Sklavenmoral“ vorgeworfen. Damit stand er in einer Linie mit den antiken Philosophem Celsus (2. Jh.) und Porphyrius (3. Jh.), die über Christen spotteten, weil sie sich den Verworfenen und den Frauen und Kindern zugewendet haben, sich damit von der Größe, der Schönheit, der Stärke abgewendet haben. Es gab aber auch die Bewunderung vieler. Weil Jesus Christus als der Auferstandene geglaubt wird, wissen sich noch heute weltweit viele Ausgestoßene, Verletzte, Hilflose, Unterdrückte bei ihm geborgen, von ihm angenommen, erhoben, gestärkt.
  3. In europäischer und von ihr beeinflusster Kultur ist der Glaube daran, dass er das Opfer ist, das den Menschen mit Gott versöhnt, dafür verantwortlich, dass wir keine Tier- oder sonstigen Opfer mehr vollziehen. (Weihnachtsgans und Osterlämmer usw. haben kulturelle Hintergründe.)
  4. Dass die Sklaverei, die Menschen, seit wir denken können, begleitet hat, im christlichen Einflussbereich beendet wurde, hängt vielfach mit seiner Botschaft und mit seinen Taten zusammen. Denn in der frühen Christenheit wurden die Sklaven und die Herren auf eine Stufe gestellt. (Zu dem komplexen Thema Sklaverei: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/sklaverei-1/ )
  5. Die Bedeutung des Individuums: Nicht die Familie, das Volk usw. entscheiden über das eigene Leben, sondern jeder ist vor und mit Gott für sein eigenes Leben verantwortlich. Und viele einzelne Menschen wissen, dass dieser auferstandene Jesus Christus ihr Leben bestimmt, ihm Sinn verleiht. Dass der Atheismus im christlichen Bereich stark verwurzelt ist, ist auch in Abgrenzung zu Jesus zu verstehen – aber er ist auch dadurch möglich, dass er die Verantwortung des Individuums für seinen Glauben betonte.
  6. Weil das Individuum bestimmend ist, konnte sich die Gewissensfreiheit entwickeln. Und so ist die Entwicklung der Menschenrechte Folge davon, dass der einzelne Mensch als besonderes Wesen, nicht als in das Kollektiv einzuordnende Größe wichtig genommen wurde. Weltweit haben erniedrigte Menschen die Sehnsucht, auszubrechen, anders zu leben. Aber gefangen in ihren Strukturen können sie es nicht, weil die Gefangenschaft als normal angesehen wird. Erst durch die Botschaft wird ihnen ein Ausweg gezeigt: Es ist möglich, ein anderes Leben zu führen. Mit den Nachfolgerinnen und Nachfolgern Jesu an der Seite können wir es schaffen. (Freilich sind die traditionellen Nutznießer der Erniedrigungen anderer sehr stark.)
  7. Jesus Christus hat aber nicht allein das Individuum betont, sondern Ziel seines Interesses bestand darin, das Individuum mit der Gemeinschaft auszusöhnen: Es geht darum, wahre, menschliche Gemeinschaft zu leben. Dazu gehören Vergebung, Teilen, Gleichrangigkeit, Selbstkritik.
  8. Es ist spannend zu sehen, wie sich Herrschaften im christlichen Bereich versuchten zu legitimieren, da sie eigentlich von ihm nicht gedeckt wurden. Der Erste unter Brüdern – das ist Jesu Modell. Von daher ist Herrschaftskritik von Anfang an mitgegeben. Ebenso ist spannend zu sehen, wie sich die traditionellen Geschlechterrollen mit der Unterordnung der Frau bzw. Disqualifizierung ihrer Tätigkeit immer wieder auch gegen seinen Ansatz durchzusetzen versuchen.
  9. Er hat viele Menschen angeregt, einen neuen Lebensweg zu wagen: Angefangen bei den Aposteln (soweit wir noch wissen), Paulus, über unzählige Menschen, die in der katholischen Kirche als Heilige verehrt werden, und viele, viele nicht mehr so dominant im Blick stehende Menschen. Erinnert sei nur an die bekannten Namen: Augustinus, Benedikt von Nursia, Gregor der Große, Karl der Große, Franz von Assisi, Elisabeth von Thüringen, Johann Hinrich Wichern… – ich vermute, dass aus jedem Jahrhundert etliche Namen genannt werden können, die von ihm angeregt wurden, als Lichter die Welt zu verändern: Sadhu Sundar Singh, Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King, Mutter Teresa, Albert Schweitzer, Gandhi, … Die meisten kennen wir jedoch nicht mehr.
  10. Seine Anhänger förderten: Philosophie, Kunst (Literatur des Mittelalters, Gemälde, Musik, Architektur), Wissenschaften – die bis heute auf Jesu Lehre aufbauen oder sich in Abgrenzung zu ihm befinden. Die Gründung von Universitäten in Europa, die Wissenschaft in den Klöstern – all das sind Folgen des Glaubens an Jesus Christus.
  11. Jesus Christus war die Innovationskraft: Aus einer lokal-jüdischen Bewegung wurde eine weltweit handelnde Bewegung. Die Bibel wurde ganz oder in Teilen in über 3000 Sprachen übertragen, hat somit die Schriftkultur vieler Völker erst ermöglicht.
  12. Mit Blick auf Religionen: Der Islam lebt in Aufnahme und Abgrenzung zu ihm, ebenso der Kommunismus (Gemeinschaftsleben der Apostelgeschichte = zum Teil säkulares Idealbild kommunistischer Weltanschauung). Hindus versuchen, den sozialen Ansatz der Christen aufzugreifen, weil andere Hindus auch wegen des sozialen Einsatzes zum Christentum konvertieren, Atheisten suchen sich als ethische Konkurrenz zu etablieren. Die hinduistische Krischna-Tradition (Bhagavadgita) wurde in Konkurrenz zu den Evangelien von Jesus Christus hervorgehoben: auch wir haben hingebungsvolle Gottesliebe (bhakti). Phänomenologische Ähnlichkeiten: Bodhisattva-Vorstellung des Buddhismus (statt ins Nirwana einzugehen, geht der Bodhisattva wieder auf die Erde, um Menschen zu belehren), Traditionen des Amida-Buddhismus (Glaube / Vertrauen zum überweltlichen Buddha mit der Vorstellung, im Reinen-Land wiedergeboren zu werden). Der Islam nimmt Jesus (Isa) auf, grenzt sich aber gleichzeitig grundlegend ab, prägt die Botschaft um. Der europäische / liberale Islam der Moderne greift so manche Intentionen auf, versucht es allerdings aus dem Islam herzuleiten (es sei an die Aussage gedacht, dass Allah „liebt“, Allah ist traditionell der, dem man gehorchen muss. Es geht nicht um dessen Liebe.). Ähnlich hat Nilkanth Shastri Goreh die hinduistische Brahmo-Theologie, die den Hinduismus aus hinduistischer Tradition reformieren wollte, entzaubert, indem er erkannte, dass grundlegende Bestandteile aus dem Christentum zu erklären seien.
  13. Christusmystik ist in Europa zurückgegangen, wirkt aber nichts desto trotz im Hintergrund der christlichen Gemeinden aber auch in der Esoterik und in weiteren spirituellen Ansätzen usw. weiter. Christusmystik in dem Sinne verstanden, dass sich Menschen im auferstandenen Jesus Christus geborgen wissen, von ihm durchströmt fühlen, mit ihm eins sind. Glauben bedeutet in diesem Sinne: Die Liebe Jesu im Herzen spüren, wachsen und aufgehen lassen.
  14. Die Vielfalt christlichen Wirkens kann auch im Internet weltweit gesehen werden: youtube, Instagram, TikTok, kirchliche und private Homepages, Musikszene und soziale Szene, Bibelwerke und Klöster, Filme…
  15. Auch so mancher Mensch anderer Religionen oder Weltanschauungen spürt von ihm etwas ausgehen, das ihm das Leben bedeutsamer macht. Er ist es, der einen am Menschen nicht verzweifeln lässt, weil man sieht: Es geht auch anders. Der Mensch kann auch anders. Es ist eine Art Weltgeborgenheit, die von ihm, von seinem Namen, von den Seinen, die ihm wahrhaft nachfolgen, ausgeht.
  16. In ihm ist uns Gott nahe gekommen. Das gehört zum Erfahrungswissen unzähliger Menschen weltweit und seit 2000 Jahren.
  17. Gegner des christlichen Glaubens betonen häufig Kriege und Unmenschlichkeiten (Hexenverbrennungen, Sklaverei, Kolonialismus, aber auch Herrschafts- und Machtgebaren, Antijudaismus…) im Laufe der Kirchengeschichte.

17 a) Das sind keine Handlungsweisen, die nur in christlich geprägten Gesellschaften begegneten und begegnen, sondern weltweit. Das bedeutet, dass solche Verhaltensweisen in der menschlichen Gattung (conditio humana) begründet sind, aber von Jesus Christus durchbrochen werden, nicht mehr als selbstverständlich angesehen werden können. An ihm müssen wir uns messen lassen.

17 b) Diese Akteure können sich nicht auf Jesus Christus berufen. Sie waren vielfach zu sehr in den Moden ihrer Zeit verstrickt, unfähig, sich aus dem jeweiligen Zeitgeist zu lösen, vielfach aus Angst vor der Masse der Menschen, aus Gedankenlosigkeit und was es sonst noch für soziopsychologische Gründe gibt. Kirche wie Christen wurden zu angepassten Mitläufern der Finsternis, wo sie hätten Stachel im Fleisch, bzw. mit Jesus gesprochen: Licht der Welt sein müssen.

17 c) Freilich: Jesus von Nazareth war Mensch seiner Zeit – und musste es auch sein, sonst hätte man ihn noch weniger verstanden. Und die Seinen haben in seinem Geist, im Geist des Auferstandenen, sein Werk fortgeführt unter Aufnahme dessen, was sie unter den Völkern an Gutem und Erhaltenswertem vorgefunden haben. Aber die Brille, aus deren Perspektive sie aus der Fülle der Menschheitsangebote auswählten, die hat er ihnen durch seinen Geist auf die Nase gesetzt. Und wenn sie ihm nicht folgten, dann hat er andere dazu gebracht, den Seinen so lange zuzusetzen bis auch sie sich bereit erklärten, wieder seinem Weg zu folgen.

B) Zeitgemäße Überlegungen / Impulse

  1. Was Glaubende wie Nichtglaubende wissen bzw. ahnen: Mit Jesus (Christus) muss es eine besondere Bewandtnis gegeben haben bzw. haben. Sonst würde man nicht so sehr um Jesus-Christus-Interpretationen ringen.
  2. Einfach zu sagen: „Vergessen wir Jesus! Man weiß sowieso nichts über ihn!“ – geht schlicht und ergreifend darum nicht, weil er eben nach 2000 Jahren noch immer eine so große weltweite Bedeutung hat. Die Bedeutung kann nicht geleugnet werden, wenn man ein noch so großer Anti-Jesus-Christus-Mensch ist.
  3. Die Bedeutung kann man nicht leugnen, auch wenn man ein Mensch ist, der nichts Größeres über sich duldet – und somit auch den inneren Zwang verspürt, große Menschen klein zu machen. So fühlt sich mancher emotional durch seine Bedeutung angegriffen und reagiert persönlich aggressiv gegen ihn und Glaubende. Philosophen, Religionen, Ideologen, Diktatoren, Atheisten, Säkulare – und natürlich auch Glaubende verschiedenster Couleur versuchen sich an ihm abzuarbeiten. Das kurioserweise auch dadurch, dass sie reden: Er ist nicht der Rede wert. Damit versuchen sie das, was die religiöse Macht und die Staatsmacht damals versuchten: Sie versuchten ihn durch diese schändliche Hinrichtung zu beseitigen, ihn zum Verstummen zu bringen.
  4. Allein die pure Existenz der Glaubenden ist für manche eine so große Herausforderung, dass sie gegen sie handgreiflich werden. Sie fühlen sich infrage gestellt, herausgefordert, sie spüren, dass ihre Religion und Ideologie, das, woran sie ihr Leben hängen wie an einen Talisman, im Grunde verblasst. Man denke an die Bedrängnis der Christen nicht nur in kommunistisch, kapitalistisch, islamisch, hinduistisch geprägten Gesellschaften.
  5. An Jesus Christus kommt man nicht heran. Darum geht man gegen die Glaubenden vor. Das macht man allerdings in zivilisierten Gesellschaften nicht mehr physisch. In zivilisierten Gesellschaften geht man gegen den Glauben vor, indem Glaubende verspottet, delegitimiert, finanziell ausgelaugt werden. Man versucht es zumindest auch durch Diskursmacht: wenn medial nur noch Argumente gegen Jesus Christus, gegen seine Bedeutung veröffentlicht werden.
  6. Die große Erzählung der christlichen Religion wird nicht aufhören. Weil die Erzählung nicht nur eine Erzählung ist. Die Wahrheit dahinter, die wir Christen in Worte zu fassen versuchen, ist durch seinen Geist selbst quicklebendig.
  7. Hinzu kommt eine Ironie der Geistesgeschichte: Alle Kritiker des Christentums, die sich in westlicher Kultur äußern, stehen in der Tradition des Christentums. Ihre Maßstäbe: Menschenwürde, Freiheit des Gewissens, Kritik am Herrschaftsmissbrauch, Einsatz für soziale Gerechtigkeit speisen sich aus der Quelle, gegen die sie sich wenden. Selbst wenn sie neue Wege gehen, greifen sie diese Werte auf, die sie mitbekommen haben. Manche versuchen, gegenteilige Werte zu betonen, zu leben, aber durch ihren Kampf gegen die christlichen Werte zeigen sie unfreiwillig, wie mächtig sie vom Christentum geprägt werden (auch gut am Beispiel Nietzsches zu sehen).
  8. Jesus war ein Mensch, der kurze Zeit an einem lokal sehr begrenzten Ort wirkte. Er schrieb keine Bücher, hatte keine Armeen, hatte keine politische Macht. Im Gegenteil, seine Schülerinnen und Schüler waren nicht besonders angesehen, waren auch, was er selbst beklagte, nicht besonders helle. Dann wurde er noch als religiöser und politischer Aufrührer hingerichtet. Nicht einfach so hingerichtet, sondern öffentlich zur Schau gestellt in seiner Ohnmacht. Und dieser Mensch bricht in die Menschheitswelt mit einer immensen Wucht ein und setzt Energien frei, die über Jahrtausende hinweg Kulturen, Gesetze, Wissenschaft, Kunst, den Lebenswandel unzähliger Menschen beeinflusste. Aus der Ohnmacht wurde weltverändernde, kreative Kraft.
  9. Vielleicht kann das rational ein wenig erfasst werden: Die Menschheitsgeschichte besteht aus wenigen an der Spitze – und einer Masse an Menschen, die versuchen müssen, irgendwie mit ihrem Leben klar zu kommen. Und auch die Menschen an der Spitze leiden, obgleich es ihnen vielfach besser geht als der Masse der Menschen. Wie dem auch sei: Menschen ducken sich weg, wenn Mächtige kommen, wenn Verfolgung, Druck, Not, Krankheit, Behinderungen, Sorgen stark sind. Von Jesus geht etwas anderes aus: Er verlieh Widerstandsgeist, wer ihn auf seiner Seite hat, muss sich nicht ängstlich wegducken, sich ängstlich unterwerfen. Verachtung durch andere macht den Verachteten groß. Wie Jesus, der Verachtete groß war. Die Würde wird nicht durch Menschen verliehen, sondern von Gott.
  10. Und so gingen Menschen aus der Masse hervor, die Krankenhäuser gründeten, die weltweit die Mut machende Botschaft verkündeten, die Kulturen durch Taten veränderten. Aber nicht nur Taten veränderten, sondern auch Worte, Überlegungen, Philosophien durchleuchteten Traditionen, Kulturen, Religionen. Der Geist Jesu ist eine Quelle, die von keinem Menschen verstopft werden kann. Viele versuchen es – aber dann bricht sie woanders hervor.
  11. Staunen: „Wenn ich dies Wunder fassen will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still; er betet an und er ermisst, dass Gottes Lieb unendlich ist“ (Christian Fürchtegott Gellert: EG 42,3) – das wird Admiratio – heiliges Staunen genannt. Wir Menschen versuchen Kausalzusammenhänge herzustellen, wir versuchen, alles zu erklären, aber dann kommen wir manchmal an einen Punkt, an dem wir sagen: Beruhige dich – hier kommst du nicht weiter. Es ist ein wenig mit dem All vergleichbar: Was für Dimensionen, was für ein Zusammenspiel der Galaxien in Cluster! Es kann berechnet, beobachtet, mit Hilfe der Physik erklärt werden, zumindest versuchen Forscher das, letztendlich bleibt aber nur ein fasziniertes Staunen. Nicht nur über das, was im Augenblick zu sehen ist, sondern auch die Entstehung, das mächtige Werden und Vergehen der Sterne, Galaxien lassen fasziniert staunen. Nicht nur Negatives gehört zur „conditio humana“, sondern auch die „Admiratio“.
  12. Wenn ein Mensch sich auf diesen Jesus Christus einlässt, offen ist für ihn, kommt auch er nicht aus dem Staunen heraus.