Überlegung 1

Vor allem, als sich das Christentum im römischen Reich durchgesetzt hatte, gab es christlichen Mob. Es schaudert einen, wenn man sieht, wie Mönchshorden gegen Mönchshorden kämpften, wie sie einzelne Menschen bedrohten und töteten, wie sie unterlegene Gruppen buchstäblich in die Wüste jagten. Mob in christlichem Mantel gab es unter den arianischen Germanen, während der Kreuzzüge, unter den gegeneinander konkurrierenden Gruppen, während der vielen Kriege in Europa (die letztlich dazu führten, dass Europa militärisch so stark werden konnte und weltweit seine inzwischen säkular-national-kapitalistische Macht durchsetzen konnte), während des Kolonialismus und der Versklavungen von Menschen, ebenso wie in der Neuzeit in Ruanda und in Bosnien – und vergessen wir nicht, wie barbarisch sich Getaufte in Zeiten des Nationalsozialismus und Kommunismus verhalten haben.

Es wird auch weitergehen – so befürchte ich zum Beispiel: Es wenden sich weltweit täglich tausende von Menschen dem christlichen Glauben zu, die dann zwar „Christen“ sind, aber überhaupt nicht wissen, was das bedeutet. Manchmal naiv missbraucht von glänzenden Rhetorikern und Verblendern.

Zudem dürfen wir allerdings nicht mit den Fingern auf sie zeigen, weil moralisch auch in unseren Breiten manche, die sich Christen nennen, destruktiv verhalten. Menschen, die den christlichen Mantel übergeworfen haben, fallen auch über Christen her. Und das finden wir ja schon im Neuen Testament, wenn vor dem Wolf im Schafspelz gewarnt wird, vor den Antichristen, die sich als Christus ausgeben. Man denke an den erschreckend guten Text von Dostojewski: Der Großinquisitor.

Jesus kommt im 16. Jahrhundert auf die Erde. Der Großinquisitor / der kirchliche Richter erkennt ihn, lässt ihn festnehmen, inhaftieren und legt ihm dar, warum er nicht das Recht habe, wieder auf die Erde zu kommen und die Menschen, die Kirche zu stören. Als der Inquisitor das Jesus gesagt hat, erwartet er eine Antwort. Jesus antwortet nicht, küsst den Richter, dieser entlässt ihn mit den Worten: Komm niemals wieder!

Was aber bot der christliche Glaube? Er bot Maßstäbe dafür zu erkennen, was unmenschliches Verhalten ist. Er bietet Maßstäbe dafür, damit die jeweiligen negativen Inkulturationen nicht glorifiziert werden, sondern kritisch beäugt werden können. So werden Exzesse schon von Christen selbst kritisiert und angegriffen.

Welche Aufgabe haben Christen? Das Üble und widergöttliche nicht zu relativieren, gar zu verschönern, weil man denkt, man müsse die eigene Sippe verteidigen. Man darf allerdings auch nicht die eigene jeweils gegenwärtige Kultur zum Maßstab nehmen und mit ihrer Hilfe die Vorfahren angreifen. Sie lebten in ihrer Zeit. Wenn der Glaube sie im Sinne Gottes veränderte, müssen sie gewürdigt werden.

Christen verkündigen nicht, dass Christen so sündlose, himmlisch wunderbare Kerle sind. Sie verkündigen Gott, der sich in Jesus Christus den Menschen zugewendet hat. Und diese Verkündigung geschieht eben auch nicht in Vollkommenheit, sondern in der Gebrochenheit des jeweiligen Glaubenden.

Zum Beispiel: Was war Paulus für ein unmenschlicher Mensch – der christliche Glaube hat ihn verändert. Natürlich ist er nicht vollkommen. Das weiß auch er. Aber Gott arbeitet an ihm. Die am Menschen arbeitende Gnade Gottes muss berücksichtigt werden. Es geht nicht darum, einen vollkommenen Menschen zu suchen – sich selbst – und dann auf den anderen loszuknüppeln, weil er nicht meinem Vollkommenheits-Ideal entspricht.

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Überlegung 2

Eine Anmerkung mit Blick auf gegenwärtigen Umgang mit Menschen vergangener Zeiten:

Wir können aus der gegenwärtigen Perspektive hinter allen Menschen, die positiv hervorgehoben werden, Schattenseiten erkennen. Warum? Sie waren Menschen ihrer Zeit.

Nun haben Menschen ihrer und der nachfolgenden Zeit nicht die Schattenseiten hervorgehoben, sondern die Seiten des Lichts.

Warum wohl? Weil diese Lichtseiten für die Menschen als Maßstab für gutes Handeln dienen sollten, um eben irgendwelche negativen Taten zu verhindern.

Nun kommen neunmalkluge Menschen daher und sagen: Die Lichtgestalt XY hat aber auch Schattenseiten. Das wird dann reißerisch herausgestellt. Zudem so herausgestellt, dass es mit negativen Gruppen oder Menschen der Gegenwart kompatibel gemacht wird. Eine Tat vor 2000, 4000, 8000 Jahren steht in einem völlig anderen Kontext als eine Tat der Gegenwart. Das wird übergangen und gleichgestellt.

Natürlich hatten die positiv hervorgehobenen Menschen Schattenseiten. Genauso wie diejenigen Schattenseiten haben, die die Schattenseiten anderer betonen. Denn es ist nicht hilfreich, die positiven Seiten zu negieren, um die negativen Seiten hervorzuheben, damit gezeigt werden kann, was man selbst für ein toller Mensch ist. Denn wenn ich sage, was der andere Übles tut, zeige ich damit gleichzeitig, was für ein vorbildhafter Mensch ich bin.

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht nicht gegen Wissenschaft, die versucht, Menschen der Vergangenheit ohne Wertung herauszuarbeiten.