CHRISTLICHE SOZIALLEHRE / SOZIALETHIK
Aufgabe 1:
Dietrich Bonhoeffer sagte: Es reicht nicht, die Opfer unter dem Rad zu verbinden. Man muss dem Rad selbst in die Speichen fallen.
Überlege: Was hat er in der Zeit des Nationalsozialismus damit gemeint?
Dieser Satz von Bonhoeffer kennzeichnet auch das Wirken von Diakonie und Caritas: Es geht nicht nur darum, dass Christen den Menschen, die in Not geraten sind, helfen, sondern es geht auch darum, dass sie alle Bedingungen, die Menschen in die Not führen, so gut es eben geht, verändern. Das heißt, sie müssen im Bereich der Gesetzgebung ihre Stimme erheben, sie müssen vor Ort jeweils das verändern, was Not herbei führt.
Um das bewerkstelligen zu können, denkt die christliche Soziallehre (Katholisch) bzw. Sozialethik (Evangelisch) über das Handeln und politisch verantwortliches Denken nach. Grundlegend sind die vier Standbeine: Personalität, Gemeinwohl, Solidarität, Subsidiarität.
Personalität
Personalität heißt, der Mensch als Ebenbild Gottes steht im Zentrum. Das Handeln einer Gesellschaft – der Politik wie der Gruppen und der anderen Individuen – hat die Würde des Menschen zu achten.
Gemeinwohl:
Es geht darum, dass nicht Individual-Interessen bzw. Gruppen-Interessen vor dem Gemeinwohl stehen dürfen, sondern dass zwischen Individuen, Gruppen und Gesellschaft ein ausgewogenes Verhältnis hergestellt wird. Doch was ist das „Gemeinwohl“? Das, was Gemeinwohl ist, kann nicht einer oder eine Gruppe bestimmen, sondern wird durch die Interaktion verschiedenster Gruppen und Individuen immer wieder neu austariert. Dabei handelt es sich um sehr komplizierte gesellschaftspolitische Prozesse, denn wenn Medien alle dasselbe sagen, dann kann die Bevölkerung auch in eine Richtung gedrängt werden – oder wenn manche Gruppen unterdrückt und bedrängt werden, sie Angst bekommen, ihre Meinung auszusprechen, dann ist das Gemeinwohl sehr stark gefährdet. Von daher gehört zu diesem Prozess Meinungsfreiheit dazu. Sich um das Gemeinwohl kümmern bedeutet immer: Sich um das Wohl Einzelner zu kümmern, denn die bilden die Gesellschaft.
Solidarität:
Menschen tragen füreinander Verantwortung. Sie bilden eine Gesellschaft aus Individuen, die einander helfen müssen, das Leben nach Wunsch und Notwendigkeit gestalten zu können. Nach dem Motto: Gemeinsam sind wir stark, helfen also Interessengruppen einander – aber nicht nur. Sondern es wird betont, dass auch fremde Menschen / Gruppen unterstützt werden müssen, weil es dadurch der Gesellschaft besser geht. Alle Menschen sind aufeinander angewiesen. Und das gilt auch für Menschen, deren Meinung Regierende wie auch Mächtige in der Zivilgesellschaft nicht teilen.
Subsidiarität:
Subsidiarität heißt, dass die kleinsten Einheiten einer Gesellschaft für sich selbst verantwortlich sind und gestärkt werden müssen. Die kleinsten Einheiten sind: Familie, Vereine, Kommune – und es geht dann politisch immer weiter (Kreis, Land, Bund). Diese kleinsten Einheiten bilden die Grundlage der Gesamtgesellschaft und die Gesamtgesellschaft hat diese kleinsten Einheiten zu unterstützen. Diese prägen dann wieder die Gesamtgesellschaft.
Konkret: In den Diktaturen ist das Prinzip andersherum: Es wird von einer Gruppe, die die Macht hat, bestimmt, was die jeweils untergebenen Menschen tun müssen, welchen Gesetzen sie zu folgen haben, welcher Weltanschauung sie folgen müssen. Das Subsidiaritätsprinzip bedeutet hingegen, dass die Regierung die Pflicht hat, unabhängig von den Weltanschauungen der kleinsten Einheiten diese zu unterstützen und zu fördern, denn diese bilden auch die Grundlage der Weltanschauung für den Staat. Regierungen müssen somit die Familien, die Sport- und Kulturvereine usw. unterstützen, ihnen Räume schaffen, sie müssen die Kirchen (denen ja ein großer Teil der kleinsten Einheiten in unserem Land zugehören) unterstützen – und diese prägen jeweils wieder die Gesellschaft. Die Regierungen können laut dieses Prinzips nicht mehr sagen: Wir wollen die kleinsten Einheiten nicht mehr unterstützen!, oder sie können nicht mehr sagen: Die Weltanschauung / Religion der Gesellschaft gefällt uns nicht, wir wollen sie verändern! Wenn eine Regierung das sagt, dann vergreift sie sich am Grundprinzip unserer Gesellschaft. Wenn ein Staat übergriffig wird, muss die Möglichkeit bestehen, dagegen zu klagen und demokratisch vorzugehen.
Im Grundgesetz Art. 20 heißt es (https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_20.html):
1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.
(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.
(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.
(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.
Aufgabe 2:
Recherchiere: Wie wird der Artikel 20 des Grundgesetzes interpretiert?
Aufgabe 3:
Was sagst Du zu diesen vier Beinen der Soziallehre / Sozialethik? Würdest Du weitere hinzufügen?
Aufgabe 4: Finde Beispiele – diskutiere:
Zurzeit wird jeder noch so kleinen Gruppe, die medial wirksam auf sich aufmerksam macht, Raum gegeben – zum Teil auch auf Kosten der Mehrheit.
- Ist das richtig? Ist das falsch?
- Darf / muss einer kleinen Gruppe ein großer Raum eingeräumt werden?
- In Sozialen Medien haben kleine Gruppen eine enorme Verstärkung (Algorithmen), so dass nicht mehr erkennbar wird, was Mehrheitsmeinung, was Minderheitsmeinung ist. War es vor den Sozialen Medien anders? (Bedenke: Es gab nur wenige Informationsquellen: „Gatekeeper“.)
- Wie kann eine Gesellschaft damit umgehen, damit sie nicht von einer kleinen, lauten, mit Empörungen und Ängsten agitierenden weltanschaulichen Gruppe abhängig wird?
- Wie muss eine Gesellschaft mit schutzbedürftigen Minderheiten umgehen, dass diese angemessen berücksichtigt werden?
- Manche kleine Gruppen sind fundamentalistisch und haben eine „Wagenburgmentalität“, das heißt, sie grenzen sich ab, fordern aber Macht. Wie würdest Du auf eine solche Gruppe reagieren?
- Es wird allgemein beobachtet, dass sich die Gesellschaft zerfasert, dass immer weniger Konsens herrscht. a) Siehst Du das auch so? b) Was meinst Du, wie das geändert werden könnte?