MENSCHENWÜRDE
Auf dieser Seite werden noch der eine oder andere Aspekt behandelt, der unter Menschenwürde 1 keinen Eingang gefunden hat.
Dort wurde gesagt:
Der Mensch hat Würde – aber sie ist nicht aus dem Menschen selbst heraus zu definieren. Der Mensch selbst ist biologisch gesehen nur ein Lebewesen unter anderen. Die Besonderheit des Menschen ist vielfach begründbar (Verstand, Selbstbewusstsein…). Wenn man Würde jedoch aus dem Menschen heraus definieren würde, würde man immer etwas finden, das manche Menschen aus dieser Würde herausfallen lassen kann.
1. Jüdisch-christliche Tradition
Altes Testament
Gilt die Wesenswürde dem einzelnen Menschen oder dem Menschen als Gattung?
- Gott spricht den Menschen an (Genesis 1, vgl. auch Jesaja: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein, spricht Gott).
- Gott gibt dem Menschen einen Auftrag, damit ein Ziel, damit Lebenssinn (Genesis 1).
- Gott gibt vor, dass der Mensch ein freier und Verantwortung tragender Mensch ist (Genesis 1).
- Gott haucht ihm seinen besonderen Lebensatem ein (Genesis 2).
- Gott macht den Menschen als Menschen groß – nicht der Mensch macht sich groß, weil er eine wichtige Rolle spielt, weil er einer Gruppe (Rasse, Weltanschauung, Elite) zugehört – Gott ist das Maß der Würde, Menschen maßen sich selbst nur mehr Würde an und werden darum maßlos.
- Der Mensch ist als Ebenbild Gottes ein Geheimnis – wie Gott ein Geheimnis ist. Er lässt sich nicht definieren. So fragt der Psalm-Sänger staunend: Was ist der Mensch, dass du, Gott, seiner gedenkst? (Psalm 8)
Mit Blick auf die alttestamentliche Würde-Vorstellung kann man natürlich fragen: Hat nur der ansprechbare Mensch, derjenige, der das von Gott gesetzte Ziel, der freie, autonome, selbstbestimmte Mensch Würde? Um das zu umgehen spricht man auch vom Alten Testament her gesehen schon von Wesenswürde, die dem Menschen zukommt: der Mensch ist Ebenbild Gottes, nicht, weil er einen Auftrag ausführen kann usw. sondern weil er von Gott angesprochen wird (er ist relationales Ebenbild). Er ist Gottes Ebenbild, das heißt, er ist wie Gott ein Geheimnis, er ist nicht definierbar – auch wenn er nicht ansprechbar ist, auch wenn er auf die Wesenswürde nicht mit Gestaltungswürde reagieren kann, ist er Ebenbild Gottes.
Neues Testament
- Gott hebt in der Menschwerdung Jesu Christi die Bedeutung des Menschen hervor – mit Blick auf die Lehre Jesu: Jeder Mensch ist berufen, in die Gottesherrschaft zu gelangen.
- Jesus setzt den Menschen in Beziehung zu Gott: Er ist nicht als Volk Adressat Gottes, sondern als Individuum, er ist Kind Gottes, das Gott als Vater anreden darf – weil Gott ihn wie die anderen auch liebt.
- Gott hebt in der Menschwerdung Jesu Christi die Bedeutung des Menschen hervor – mit Blick auf die Taten Jesu: Jeder Mensch ist es wert, dass ihm geholfen werde. Der Mensch geht nicht in dem Vorhandenen, dem Sichtbaren, der augenblicklichen Situation auf.
- Gott hebt in der Menschwerdung Jesu Christi die Bedeutung des Menschen hervor – mit Blick auf das Sterben und Auferstehen Jesu: Jesus ist für alle Menschen gestorben (Rechtfertigungshandeln als Grund der Würde).
Mit Blick auf die neutestamentliche Würde-Vorstellung heißt das: Die Wesenswürde wird durch Jesus betont: Der schwache Mensch, der Sünder, der ausgestoßene Mensch hat Würde – und er bekommt sie durch Jesus auch in seinen gesellschaftlichen Bezügen zurück. Und diese Würde gilt selbst dem verstorbenen Menschen, denn Gott will ihn bei sich haben – in seinem Reich.
Die Reich-Gottes-Botschaft beinhaltet noch einen weiteren Aspekt zum Thema Würde: Jeder ist zum Reich Gottes berufen – niemand darf in seiner Freiheit und Verantwortung eingeschränkt werden – der Mensch, der verzerrtes Ebenbild Gottes ist, wird seine Gottebenbildlichkeit in der Auferstehung vollenden. Verbunden damit, dass der Mensch diese kommende vollendete Gottebenbildlichkeit schon vorwegnehmen soll, bedeutet das: Der Mensch ist als Nachfolger Jesu auf dem Weg, diese Gottebenbildlichkeit schon jetzt Gestalt werden zu lassen, in dem er den anderen als ein solches Ebenbild Gottes (Mt 25,31ff.) ansieht. Ohne diese Ewigkeitsperspektive bleibt der Mensch ein dem Tod verfallenes Wesen – somit geht seine Würde verloren – und man kann sie ihm entsprechend schon jetzt nehmen. All diese Aspekte finden ihre Konkretion in der Gestaltungswürde.
Weil Gott den Menschen aufwertet, hat der Mensch Wert. Gott spricht ihm Wert zu – auch wenn der Mensch sie am anderen und an sich selbst nicht erkennen kann. Es handelt sich also um eine Beziehungs-Würde, relationale Würde, die die Wesenswürde des Menschen bestimmt. Es ist nicht etwas am Menschen, das ihm Würde gibt. Die Würde ist „transzendent“, ist ein Geheimnis.
Auch Menschen untereinander haben Beziehung. Und von hier aus gesehen haben manche Menschen für Menschen mehr Würde. Aber es fallen eben auch Menschen aus dieser menschlichen relationalen Würde heraus, weil sie aus irgendeinem Grund nicht von der jeweiligen Menschengruppe anerkannt werden. Von daher kann die Beziehung des Menschen zum Menschen in der Frage der Würde nicht die Gottesbeziehung ersetzen.
2. Menschenwürde – Religionen und Religionskritik
Die christliche Herleitung der Menschenwürde mit Blick auf Jesus hat einen Nachteil: Sie ist im Gespräch mit anderen Religionen nicht zu vermitteln. Der schöpfungstheologische Ansatz des Alten Testaments ist das eher, weil alle Religionen an einen Gott/Götter/Mächte glauben. Allerdings haben die Religionen unterschiedliche Anthropologien entwickelt – unterschiedliche Menschenbilder.
Im Gespräch mit der Religionskritik kann der Ansatz der Gestaltungswürde, die Jesus mit seiner Lehre und seinem Leben vertreten hat, vertieft werden – allerdings spielen Rechtfertigungslehre und Reich Gottes in dieser Hinsicht keine Rolle.
Religionskritiker suchen einen eigenen Ansatz, um die Würde des Menschen bestimmen zu können. Selbst der Ansatz von Kant ist manchem Religionskritiker in seiner Begründung zu metaphysisch, zu philosophisch-religiös: dass man so handeln soll, dass man den anderen nicht für sich selbst missbrauchen soll.
3. Menschenwürde – Selbstbestimmung
Nicht nur aus anderer religiöser Sicht wird die jüdisch-christliche Sicht von Menschenwürde hinterfragt. Heutigen säkularen Weltanschauungen geht es um die Selbstbestimmung des Menschen und diese kollidiert mit der jüdisch-christlichen Tradition.
Es gibt folgende wesentliche Richtungen:
Zunächst geht es um Selbstbestimmung: Der Mensch muss in erster Linie an sich denken (Individualismus-Hedonismus). Vor allem soll der Begriff Würde weniger absolut sein, damit bestimmte gesellschaftliche Veränderungen ermöglicht werden. Es wird die Autonomie, das Selbstbestimmungsrecht betont – zum Beispiel:
- Selbstbestimmungsrecht der Frau – für Abtreibung;
- Selbstbestimmungsrecht des Menschen – wann ist der Mensch ein Mensch;
- Selbstbestimmungsrecht des Menschen – für Suizid, Sterbehilfe;
- Selbstbestimmungsrecht des Menschen – für Genforschung auch an embryonalen Zellen;
- Selbstbestimmungsrecht der Eltern – gegen behinderte Kinder;
- Selbstbestimmungsrecht der Gesunden – zur Zeugung von Menschen, um an die Organe zu gelangen. Es ist nur schwierig, abzugrenzen, denn gilt das auch dann:
- Selbstbestimmungsrecht des reichen, bedeutenden Menschen – gegen arme, unbedeutende… (Organspende)?
Der selbstbestimmte Mensch gestaltet sein Leben so, wie er es für richtig hält. Er ist selbst bestimmt. Wenn es ihm misslingt, ist er selbst verantwortlich. Wenn es gelingt, kann er sich beglückwünschen. Das Problem ist freilich: Das Individuum ist eingebunden in den sozialen Kontext, in den biologischen Kontext usw. Das bedeutet, dass Selbstbestimmung nur in einem gewissen Rahmen möglich ist.
Und die zweite – gegenteilige – Richtung: Der Mensch muss darauf achten, dass es der Gemeinschaft nutzt: Kollektivismus-Utilitarismus. Besonderes Beispiel für den Utilitarismus ist der Ansatz von Singer: Der Mensch wird auf seine Nützlichkeit für die Gesellschaft reduziert.
4. Fazit
Beide säkulare Ansätze ringen in unserer modernen Gesellschaft miteinander. Der utilitaristische Ansatz soll in den westlichen Staaten, in den das freie Individuum viel zählt, wieder stärker Fuß fassen – wohingegen Menschen, die in einem utilitaristischen / gesetzlichen Umfeld aufgewachsen sind, sich dem Ansatz der Selbstbestimmung des Individuums zuwenden. Kurz gesagt: In der Frage nach Würde geht es nicht allein um eine Frage Religion-Nicht-Religion, sondern auch um die Frage des Verhältnisses zwischen Gesellschaft und Individuum. (Es ist zu beachten, dass es utilitaristische Strömungen gibt, die das Individuum nicht gänzlich ausschließen und individualistische Richtungen, die die Gemeinschaft nicht ausschließen.)
In diesem Ringen ist vor allem auch die jüdisch-christliche Sicht einzubeziehen, da sie beide Ansätze in sich vereinigt: Einmal ist der Mensch, wie Jesus es lehrt, ein freies Wesen, Kind Gottes. Zum anderen gehört das Kind Gottes zur Familie der Kinder Gottes. Individualität und Gemeinschaft gehören zusammen. Zu einer Gemeinschaft gehören auch Regeln. An dieser Stelle ist der Apostel Paulus weiterführend, der in seinen Briefen an die Gemeinden versucht, diese beiden Formen zusammenzuführen: Freiheit des Individuums – Gemeinschaft mit Regeln (spannend sind in dieser Fragestellung unter anderem der Galaterbrief und der 1. Korintherbrief). Darum ringt die frühe christliche Gemeinde, darum ringen die Philosophien, die Gesellschaften bis in die Gegenwart. Auch das Grundgesetz hat beide Aspekte: einmal die Würde und Freiheit des Einzelnen – aber auch die soziale Verpflichtung. An diesem Ringen hat jeder einzelne Mensch in unserem Land Teil.
Aufgaben:
1. Siehst Du Dich eher als einen der das Individuum betont – oder als einen, der die Einordnung in die Gemeinschaft betont? Begründe.
2. Siehst Du die Notwendigkeit, Individualismus und Kollektivismus irgendwie zusammenzuführen? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht?
3. Schau Dir das Grundgesetz an: den Artikel 1 und die Artikel 14 und 20. Dazu die Präambel. Was hat diese mit dem Thema zu tun?