Peter Singers Präferenzutilitarismus

Der atheistische Ethiker Peter Singer bringt als moralisches Kriterium den Präferenzutilitarismus ins Spiel.

Utilitarismus bedeutet: Alles muss dem Glück möglichst vieler Menschen dienen.

Das Individuum hat im Grunde keine Chance, wenn er dem Glück der Menge dienen kann/muss.

Präferenzutilitarismus im Sinne Singers:

  • Jedes Lebewesen hat Präferenzen, Wünsche, Erwartungen…
  • Es geht nicht mehr nur um das größte Glück des Menschen, sondern um das größte Glück aller bzw. der Mehrheit der Lebewesen.
  • In den Entscheidungsprozess ist aber nicht einzuordnen: Ich bin der Größte – dann die Verwandten usw. Ich und die Verwandten haben im Pool der Lebewesen keine höhere Priorität.
  • Die Fokussierung der Moral und der Gesetze auf den Menschen ist in Frage zu stellen. Sie sind gut und wichtig, aber sie müssen aus der Perspektive des Präferenzutilitarismus in Frage gestellt werden, vor allem weil Moral und Gesetze aus der christlichen Tradition kommen, entsprechend nicht reflektiert und argumentativ begründet sind, sondern letztbegründet, das heißt als Gebot Gottes. Eine Überbetonung des Menschen ist Speziesismus – eine Art Rassismus.

Da aber auch Singer nicht den Kohlkopf und die Wanze mit dem Menschen gleichsetzt, unterteilt er Präferenzen: Dazu gehören zum Beispiel Gefühl und Selbstbestimmung. das heißt:

  • Weniger zu berücksichtigen sind Lebewesen, die kein Gefühl haben – eben Kohlkopf und Wanze.
  • Stärker zu berücksichtigen sind Lebewesen mit Gefühl.
  • Noch stärker sind es Lebewesen, denen Autonomie, Selbstbewusstsein, Rationalität zugeordnet werden.
  • Wir Menschen können nicht wissen, auf welche Tiere das zutrifft. Von daher muss er sich das denken, muss sich in die Tiere einfühlen. Von daher gibt es eben Tiere, denen in Singers Präferenzutilitarismus mehr Raum gegeben wird.

Er wählt also (vgl. Aristoteles) aus – gibt den Präferenzen eine Wertigkeit und sieht auch den Menschen als einen an, der sich in andere Lebewesen hineinversetzen soll. Was freilich ein Knacks in seiner logischen Argumentation bildet. Wir Menschen sind der Maßstab dafür, bestimmten Tieren Präferenzen zuzuweisen. Von daher haben Delfine, Pferde, Elefanten, Eisbären gute Chancen. Sie sind so sympathisch. Die guten Chancen betreffen auch Wissenschaftler, die sich mit ihnen beschäftigen – sie bekommen mehr Forschungsgelder.

Ungeborenes Leben ist nicht in die Frage nach Präferenzen einzuordnen, da es weder Selbstbestimmung, Rationalität noch Autonomie hat. Es hat nur so lange Lebensrecht, als sich Menschen in das ungeborene Leben hineindenken können und ihre eigenen Präferenzen zurückstellen. Aber das ist nicht notwendig.

Kritik:

  • Menschenversuche sind möglich mit Ungeborenen oder denen, denen keine Präferenz zuzuweisen ist (warum gliedert er Komatöse bzw. Demente aus – nur, weil sie Selbstbestimmung usw. hatten? – unlogisch – von daher blitzt immer mal wieder durch, dass er auch an sie denkt). Wie sieht es aus mit Tötung ungeborenen Lebens, weil es zu viel Menschen auf der Erde gibt? Das größtmögliche Glück für die Menschheit und die Tierwelt ist eine Reduzierung der Menschheit.
  • Es wird gesagt, dass Singer nicht die Tötung von Ungeborenen und Behinderten will, sondern nur die Tiere hervorheben will. Aber auch das hat einen logischen Knacks: Man muss nicht Tiere hervorheben durch Erniedrigung von Menschen. Das kommt darauf an, wo Singer die Grenze setzt. Wenn er die Ungeborenen mit ihren Präferenzen beachten würde, wären sie schlagartig auch dabei im Entscheidungsfindungsprozess.
  • Er setzt willkürlich Grenzen. Die Grenzen sind modernes Denken. Mutter will Berg besteigen – Kind stört – Kind kann abgetrieben werden, weil es dem Glück der Mutter und der Bergsteigergruppe stört. Es kommt nicht darauf an, welche Präferenzen ein Wesen haben wird, sondern in diesem Augenblick hat. Das hat nichts mehr mit Moral und Ethik zu tun, sondern ist einfach nur der Versuch einer Begründung dessen, was die Menschen in ihrem Egoismus, Hedonismus wollen. Man kann auch nicht Rechtspraxis (in den USA Spätabbruch) als Begründung dafür benutzen, dass man dann auch Säuglinge bis zur zweiten Woche nach der Geburt töten darf. Ethik hat Vorgaben zu machen und nicht üble Praxis zu rechtfertigen.
  • Warum wiegt die Präferenz einer Schildkröte, die davor geschützt werden soll, in die Suppe zu kommen, mehr als die des Ungeborene oder des Säuglings bis zur 2. Woche? Weil die ausgereifte Schildkröte ihr natürliches Ziel erreicht hat. Er hält sich selbst nicht an seine Kriterien, sondern setzt Ausnahmen. Er müsste die Kindstötung auch ablehnen – tut er aber nicht, weil er einfach das begründen will, was eine bestimmte „moderne“ Gruppe in der Welt haben will.
  • Zudem: Man kann die Grenzen ja auch anders setzen, statt Rationalität… – kann man sagen: Rasse, Klasse, Gruppenstärke, Macht, … Er hat die Schleusen übler Diskussionen geöffnet, indem er einfach festlegt, was an Kriterien wichtig ist, andere Gruppen mit anderen Interessen und Durchsetzungsvermögen (Sozialdarwinismus) haben damit die Basis bekommen, ihre eigenen Kriterien aufzustellen.
  • Traditionell verstandene Würde, Grundrechte werden durch Singer missachtet – sie sind eben religiös begründet, was er ablehnt. Damit lehnt er auch Ansätze anderer Atheisten ab, die nur seinen Ansichten widersprechen: Sie sind kryptoreligiös.
  • Zudem: Interessenausgleich ist anzustreben zwischen allen Wesen. Das ist praktisch nicht möglich. Gerade auch in Dilemma-Situationen. Und Singer möchte eine Ethik liefern, die für den modernen Menschen praktikabel ist.

Die Diskussion um Singer ist auch aus dem Grund interessant, weil atheistische Ansätze betonen, dass nicht nur Religionen Moral haben, sondern auch Atheisten. Singer ist ein negatives Beispiel dafür, wie aus atheistischer Sicht argumentiert wird. Auch Richard Dawkins, der der Meinung ist, dass Natur Verhalten lehrt und der Naturwissenschaftler darlegen kann, was richtiges Verhalten ist, bietet aus religiöser Sicht – aber auch aus der Sicht vieler ethisch gesinnter Atheisten – eine unzureichende Erklärung für Moral. Diese Sichtweisen sind wie die religiösen Vorstellungen nicht logisch bzw. experimentell zu beweisen. Wenn die Evolution Lehrmeisterin in Sachen Moral ist, landen wir beim Sozialdarwinismus. Dagegen sieht ein anderer Atheist (Russell) zu recht, dass wir in Fragen der Ethik vor einem Problem stehen, weil ethisches Handeln nicht in Frage gestellt werden kann.

Was Dawkins zum Thema Tötung Ungeborener mit Down Syndrom sagt: Treib ab – versuch es noch einmal. Begründung: Es sei unmoralisch ein solches Kind zur Welt zu bringen – unmoralisch aus der Sicht des Kindes, weil man es leiden lässt, ihm das Glück verweigert. Zudem bereitet man sich auch selbst Sorgen und die meisten machen es. Das habe mit Eugenik nichts zu tun, weil Down-Syndrom nicht vererbbar sei. Auch wenn man es lieben würde – aber das sei kein logisches Argument. Die Frage, ob ein Ungeborenes schon Person sei, beantwortet er anders als Singer. Person seien Geborene – vor der Geburt ist es eine Art gradueller Übergang https://de.richarddawkins.net/articles/abtreibung-und-down-syndrom-eine-entschuldigung-dafur-dass-ich-die-hunde-des-twitterkrieges-entfesselt-habe

Wenn Glück zum Maßstab wird – um nur diesen Aspekt anzusprechen – dann ist der besonders glücklich, der sich das kaufen kann, was er will, der das bekommt, was er will. Der Mensch strebt nicht nach Höherem, sondern danach seine paar Jahre höchstmöglich leidlos zu leben. Wenn es nicht gelingt? Was aus der Perspektive Wohlhabender für viele der Fall sein sollte, die eben nichts haben, die behindert sind, krank, einsam – was machen sie, was machen die Armen, dann mit so einem Leben? Wer Glück ins Zentrum rückt, stößt Unglückliche tiefer ins Unglück. Es ist eine „Ethik“ von/für Wohlstandsmenschen, die nicht genug „Wohlgefühl“ haben können.

Michael Zander: Philosophie der Angst https://no218nofundis.files.wordpress.com/2015/05/philosophie-der-angst.pdf (in: Junge Welt, 2011) wendet sich (soweit ich dem Beitrag erschließe, als nichtreligiöser Mensch) sowohl gegen Singer, als auch gegen die Giordano-Bruno-Stiftung, die solche Menschen wie Singer auszeichnet. Er wendet sich gegen die utilitaristische Sicht, dass Menschen nützen müssen, wendet sich gegen die Fokussierung auf Menschen mit Down-Syndrom, er kritisiert, dass nur religiösen Menschen zugetraut wird, sich gegen Singer zu wenden – auch Atheisten wenden sich gegen dessen Sicht. Denn: Für Behinderte einzutreten hat nichts mit Christentum zu tun, sondern mit Humanismus. Singer verteidigt sich, indem er sagt, dass seine Sicht sich von der Euthanasie der Nationalsozialisten unterscheide, was Zander nicht plausibel findet. Zudem wendet sich Singer dagegen, dass Menschen gegen seine Sicht protestieren, somit sei Singer auch gegen Meinungsfreiheit. Man dürfe nicht Behinderte von anderen Menschen unterscheiden, das ist das inhumane Problem bei Singer, dass er das tut. Dagegen können auch Behinderte Glück empfinden und es sei Illusion zu glauben, es könne menschliches Leben ohne Leiden geben. Der menschenverachtende Ansatz Singers findet viele Anhänger und wird als „ideologisches Angebot“ gerade auch in Zeiten wirtschaftlicher Not ebensolche finden.

Der Beitrag von Zander zeigt im Grunde, dass – wie er sagt – es kein Verdienst sei, Atheist zu sein. Die Sichtweise eines Atheisten ist nicht unbedingt vom Humanismus geprägt, wie an Singer, an der Giordano-Bruno-Stiftung, und an dem „Soziobiologen“ Volker Sommer, der die Laudatio für Singer halten soll, zu sehen ist.

Fazit:

Zusammenfassend kann gesagt werden: Auch atheistische Sichtweisen sind nicht sakrosankt, auch die Berufung auf Logik und Verstand kann in ethisch-moralischen Fragen massive inhumane Folgen haben. Von daher sind atheistische Sichtweisen nur eine Stimme, eine Meinung unter vielen – somit der Diskursethik unterworfen.