Lern-Prozess / Weg-Theologie

Dieser Abschnitt hat mit Lehrplänen nichts mehr zu tun. Er ist Folge einer Frage einer Schülerin.

Einige vorangehende Anmerkungen

Geschichte stellt sich mir als ein Lern-Prozess, als ein Weg dar: Gott wirkt den Anfang – und in einer Wechselbeziehung mit dem Menschen geht er weiter –

aber nicht allein in der Wechselbeziehung mit dem Menschen, sondern mit der gesamten Schöpfung. Die Geschichte Israels wie die der damit verbundenen Geschichte der Christen bekennt Gott als einen, der in Bewegung ist. Er ist kein starres Etwas.

Gott ist in Bewegung – somit ist er mit den Menschen und der Schöpfung eine Beziehungsgeschichte eingegangen.

In dieser Beziehungsgeschichte erweist sich Gott in seinem Handeln immer wieder neu. Neu heißt freilich nicht, dass er willkürlich, chaotisch, anarchisch ist. Die Basis bleibt: Gott selbst, sein Bundesschluss, sein Wille, wie er dann letztlich in Jesus Christus sichtbar wurde bzw. im Geist Gottes sichtbar wird. Neu heißt: Für den Menschen neu.

Mit fortschreitender Erkenntnis transformiert der Mensch sein Gottesbild. Wenn der Geist Gottes am Wirken ist, dann auch fortschreitend.

In der Ostkirche wird dieses Handeln Gottes als Perichorese bezeichnet. Der Dreieinige Gott ist in sich selbst in Bewegung. Gott Vater – Sohn – Geist wirken in sich als liebende Dynamik. Und diese in Liebe wirkende Dynamik wendet sich nach außen. Wir Menschen sind als Geschöpf nicht in der Lage, diese liebende Dynamik vollständig zu erfassen bzw. sie bewusst zu erfassen. Diese Dynamik wird besonders deutlich indem er in Jesus Christus Mensch wurde und im Wirken seines Geistes im Menschen.

Mit Blick auf die Theologie: Der Theologe Hans Urs von Balthasar (1905-1988) nennt diesen Prozess „Reifeprozess“; das heißt, dass eine christliche Forderung, wie wir sie im Neuen Testament schon vorfinden, nach einem langen Reifeprozess als durchführbar erscheint. Unten wird von dem Kirchenvater Gregor von Nyssa (335/40-nach 394) gesprochen, der mit Blick auf die Schöpfung das Werden vertieft, das auf Gott hin zuläuft (Logos Spermatikos).

Die Kontinuität des Handelns Gottes in der menschlichen Chaos-Geschichte ist die treibende Kraft dieser Geschichte auf ihr Ende hin. Wir können in der Menschheitsgeschichte als Glaubende ein paar Goldfäden erkennen – aber wie diese paar Goldfäden mit dem autonomen, freien Handeln der Menschen zusammenhängen, das wird erst am Ende der Zeiten offenbar. Aber diese Goldfäden zeigen schon die Richtung an, in die die Menschheit durch Gott gedrängt wird.

Wir Menschen sind nicht in der Lage, Geschichte auf ein gutes Ende hin zu gestalten. Der Mensch steht sich selbst immer im Weg: seine Arroganz, seine Ängste und Machtgelüste, die Tendenz – auch die des Guten – seine Sicht für alle verbindlich zu machen –, der Mensch baut auf, dreht sich um und zerstört. Es ist eine immer wiederkehrende Tragödie, eine Prometheus-Geschichte. Chaostheorie auf die Geschichte hin angewendet:

Viele, viele chaotische Einzelheiten ergeben letztlich doch eine sinnvolle erkennbare Einheit.

Das können wir allerdings nicht noch nicht erkennen – Anhaltspunkte geben nur die in der Bibel und die jeweils aktualisierten Goldfäden Gottes.

Geschichtszusammenhänge können wir manchmal erst aus dem Rückblick erkennen. Menschen in der jeweiligen Zeit können nicht sehen, was aus ihrem Reden, Tun, Denken usw. werden wird. Wir können gegenwärtige Momente der Geschichte nicht aus der Gegenwart einordnen – das wird erst aus der Zukunft möglich sein. Von daher wird erst die Herrschaft Gottes den Gesamtzusammenhang der Menschheitsgeschichte einschließlich des Handelns Gottes erkennen lassen. Vorher ist das nicht möglich.

Dass die Geschichte Gottes und des Menschen eine Beziehungsgeschichte ist, ist aus meiner Perspektive an dem Satz des Vater-Unsers auch deutlich: Dein Wille geschehe = durch Menschen – Gott selbst möge ihn durchsetzen.

Wir leben in einem Zustand, in dem Gott versucht, mit dem Menschen die Zukunft, die er will, zu erreichen.

Die Bibel zeigt uns, dass es in wichtigen Themen einen Prozess der Beziehung zwischen Gott und Mensch gibt, einen Weg, auf dem sich Gott  – bzw. Gott seinen Willen – immer stärker durchsetzt. Direkt ausgesprochen von den Propheten – aufgenommen von den frühen Christen (Verheißung – Erfüllung), auch ausgesprochen zum Beispiel in dem Gleichnis vom wachsenden Senfkorn bzw. in dem vom Sauerteig. Es geht hier nicht darum zu sagen, dass der Mensch das Reich Gottes herbeiführen kann. Das kann ich in biblischen Texten nicht erkennen, sondern Gott setzt den Menschen mit dem Gleichnis Jesu auf den Weg, für das Reich Gottes zu wirken, das er dann selbst wunderbar vollenden wird. Dass das Wirken im Sinne des Reiches Gottes der Weg der Gemeinschaft und der Liebe ist, ist an Jesus Christus, der diese Gleichnisse erzählt hat, erkennbar. Die Bibel selbst ist wie die Interpretation ein Prozess.

Auch die Evangelien lassen insgesamt erkennen, dass die Jünger einen Weg der Jesus-Erkenntnis gehen – ebenso die frühe Kirche – : Jesus, der eigenartige Mensch, dem sie folgen mit ihren traditionellen Messiaserwartungen, bis hin zu der Erkenntnis, dass Jesus der Sohn Gottes ist – aber dann: der Sohn Gottes, nicht der, der wie von ihnen erwartet in bewaffneter und mächtiger Herrlichkeit erscheint, sondern: der den Sklaventod am Kreuz erleiden muss. Das ist schier unglaublich, was die Jünger in kurzer Zeit für einen Erkenntnis-Weg zurücklegen mussten, bis sie ihn dann als den Auferstandenen und den Gottessohn im göttlichen Sinne verkündigen konnten. Und dieser Weg der Jesus-Erkenntnis ist bis heute sowohl bei Individuen als auch in der Kirche nicht abgeschlossen.

In der folgenden Aufzählung nenne ich ein paar Punkte, in denen ein Denk- und Erfahrungsprozess deutlich wird. Meine Intention zusammengefasst:

Gott handelt an und mit dem Menschen – er ist dabei, den Menschen in seine Richtung zu lenken.

In biblischen Texten finden wir Samenkörner, die sich im Laufe der Geschichte entfalten.

*

Es sei angemerkt:

a) dass die Formulierung „theologia viatorum“ durch Thomas von Aquin (1225-1274) geprägt wurde. Der Mensch ist ein Wanderer, er ist ein Pilger auf dem Weg durch die Zeit hin zur Wahrheit. Unser theologisches Wissen bleibt immer nur Fragment, Mosaiksteinchen. Die Vollendung wird bei Gott und durch Gott geschehen (vgl. 1. Korintherbrief 13,12). Dass wir auf dem Weg sind, das gilt für den einzelnen Glaubenden wie für die Kirche insgesamt. Die Kirche besteht aus dem „wandernden Gottesvolk“ (Hebräerbrief 4). In der Apostelgeschichte wird auch deutlich, dass sich die frühe Gemeinde als der „Weg“ bezeichnet hat. Gemeinde ist dynamisch. „Der Weg“ wird mit Jesus Christus selbst verbunden in Johannes 14,6: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Mit den Begriffen Weg und Leben ist Dynamik, Bewegung verbunden. Ebenso ist Wahrheit eine Größe, die erschlossen wird aufgrund der Beziehung zu Jesus Christus. Verbunden mit Jesus Christus bedeutet Wahrheit nicht „Besitz“, man kann keine Person besitzen, geschweige denn Gott. Glaubende sind mit ihm, dem Lebendigen, der Leben schenkt, auf dem Weg, ihn zu erschließen.

b) dass der Mathematiker und Philosoph Alfred North Whitehead (1861-1947) eine Prozesstheologie vertritt. Sie ist dem, was ich hier vorstelle, ähnlich. Was meinen Ansatz jedoch unterscheidet ist, dass ich stärker biblischen Offenbarungsweg berücksichtige und den menschlichen Transformationsprozess. Was darunter zu verstehen ist, wird deutlich werden. Zudem sieht Whitehead, dass Gott sich wandelt, indem er Erfahrungen und Leiden der Menschen in sich aufnimmt – Gott gerät in Abhängigkeit vom Weltgeschehen. Ich sehe eher, dass der Mensch sich mit Gottes Hilfe wandelt. Gott selbst bleibt souverän, verlässlich.

1. Krieg und Frieden

Ich habe den Lern-Prozess intensiver ausgearbeitet am Beispiel von Krieg und Frieden: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/mensch/frieden-krieg-1/

2. Sklaverei

Am Beispiel der Sklaverei ist der Lern-Prozess ebenfalls zu sehen: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/mensch/sklaverei/

3. Opfer

Der Lern-Prozess kann auch am Beispiel des Opfers dargelegt werden:

  1. Der Mensch hat soweit wir es nachvollziehen können, seit seiner „Bewusstwerdung“ Opfer dargebracht: Menschen, Tiere, Pflanzen. Die Opferung von Menschen wurde im jüdischen Bereich dadurch beendet, dass man sich die Geschichte von Abraham und Isaak erzählt (Genesis 22). Es muss übrigens Gott gewesen sein, der die Opferung Isaaks befahl, denn die Opferung von Menschen wurde wohl als Befehl von den traditionellen Göttern bzw. dann in Israel von Gott verstanden und nicht einfach als eigenwillige Handlung der Menschen. Entsprechend muss der Gegenbefehl auch von Gott kommen. Als Gegenbefehl von Gott kam dann die Forderung, das Menschenopfer nicht mehr zu vollziehen, statt dessen Tiere zu nehmen.
  2. Menschen haben auch Tiere geopfert – und die Opferung von Tieren wurde immer stärker kritisiert: sowohl im griechisch-römischen paganen als auch im jüdischen Bereich (Stoa und Psalmen / Propheten). Die Tieropferung wurde dann dort abgeschafft, wo das Christentum Fuß fasste, weil die Kreuzigung Jesu sowohl als letzte Menschen- als auch als letzte „Tieropferung“ verstanden wurde. Entsprechend versiegte der Wunsch, Opfer darzubringen.
  3. Das Menschenopfer wurde in chinesischer Kultur durch den Konfuzianismus immer stärker abgelehnt. Den Ahnen wurden symbolische Opfer dargebracht, allerdings wurden Tieropfer erst im 19. Jahrhundert ganz abgeschafft. Im Hinduismus wird heute noch in manchen Bereichen geopfert. Im Buddhismus wurde das Opfer dadurch beendet, dass geistige Opfer (Meditation, Spenden) betont wurden. Im Bereich Griechenlands / Roms wurde das Menschenopfer aus mir unbekannten Gründen aufgehoben. In Amerika (Azteken, Maya, Inka) war es noch üblich, bis Christen kamen. In Afrika wurden Opfer durch die Islamisierung und Christianisierung zurückgedrängt. Allerdings gibt es im Islam noch ein Opferfest, an dem Schafe, Rinder, Kamele, Ziegen geopfert werden (Opferfest).
  4. Die moderne Welt kennt „Opfer“ im Übertragenen Sinn (René Girard): Alle wissen, dass im Verkehr, Wirtschaft usw. Menschen zu Tode kommen, manche „opfern sich auf“ in Karriere usw. Das heißt, dass die religiöse Form aufgehoben ist, aber strukturell eine neue Form überlebt hat, als Opfer für Mobilität, Konsum, Technik. Das wären sozusagen säkulare Formen des Opferns. In diese säkularen Form sind Christen aufgrund der gesellschaftlichen Struktur freilich eingebunden. Nun muss also der Lern-Prozess dazu führen, dass diese Strukturen aufgehoben werden.

4. Umgang mit Tieren

Anmerkungen zum Lern-Prozess s.: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/verhalten-ethik/tier-ethik/

5. Würde

Prozess ist auch mit Blick auf Würde anzusprechen https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/mensch/menschenwuerde-1/

Es wurde schon vor dem Christentum über die Würde des Menschen nachgedacht, so von Solon, Cicero… Würde war geknüpft an Status und Leistung. Einen Innovationsschub bekam dieses Denken durch Jesus Christus und seinen Nachfolgern. Naturrecht ist vielfach deutbar. Aber dann hat sich Jesus allen Menschen zugewendet, gerade den unteren Schichten Selbstbewusstsein gegeben. Dass das Christentum in dieser Hinsicht innovativ war, das hat der Philosoph Nietzsche erkannt und kritisiert.

Würde aller Menschen wurde von Christen mit Jesus Christus begründet: Gott wurde Mensch, das heißt: Menschen als Menschen haben Würde. Später kam in der christlichen Theologie die Begründung mit Hilfe von Genesis 1 dazu. der Mensch ist Ebenbild Gottes – jeder Mensch. Und wir sind gesellschaftspolitisch auf dem Weg dahin, zumindest theoretisch festzustellen, dass alle Menschen Würde haben.

Allerdings sehen wir massives Rückschritt-Potential durch diejenigen, die das Kollektiv dem Individuum (der Person) vorziehen: Islam (Scharia / Ummah) und China (Konfuzianismus: harmonische Gesellschaft) und Kommunismus (Kollektivismus: Partei) bzw. einem Teil der Utilitaristen (1). Wir Menschen sind immer noch auf dem Weg. Wenn wir an den Jakobusbrief im Neuen Testament denken: Jakobus war schon weiter, was er fordert, ist heute noch nicht realisiert: Dass der Arme genauso Würde hat wie der Reiche – man denke an die öffentlich wirksamsten Medien. In ihnen ist Gleichberechtigung noch immer nicht in Sicht. Das Sagen haben die Oberen 100. Der Gottes-Wille, dass alle Menschen gleiche Würde haben, setzt sich, so die Hoffnung, noch immer erst langsam auch mit massiven Rückschritten durch.

(1) (https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/verhalten-ethik/singers-praeferenzutilitarismus/)

6. Schöpfung

Prozess auch mit Blick auf Schöpfung: Gott erschuf laut Genesis 1 die Gattungen der Lebewesen. Den Gattungen gab er den Befehl, sich fortzupflanzen. Genesis 1 hat in der Abfolge der sieben Tage schon einen Prozess im Blick – eine Höherentwicklung der Lebewesen: Pflanzen – Fische (Schwimmer im Wasser) – Vögel (Schwimmer der Lüfte) – Landtiere – Mensch. In sich ist das jeweilige Geschaffene auch dynamisch: Die Schöpfung erhält Aufträge (zum Beispiel: Die Erde lasse aufgehen…). In der Schöpfung ist Keimkraft verborgen worden. Diese Sicht ist zum Beispiel von dem Kirchenvater Gregor von Nyssa vertieft worden: Gott erschafft eine Welt, in der Werden das Programm ist. Ein Werden, das auf Gott hin wieder zuläuft. (Hier sei nur das Stichwort „Logos Spermatikos“ erwähnt. Wer will kann an dieser Stelle weiter recherchieren.)

Natürlich ist Evolution im heutigen Sinn nicht im Blick. Es ist eher statisch die Gattung im Blick, heute eher dynamisch. (Auch der Darwinismus entwickelte sich: Neo-Darwinismus [Erbmischung: mütterliche und väterliche Gene – Rückgriff auf Mendel], synthetische Evolutionstheorie [Entdeckung der DNS und die Variationen], Epigenetik [Umwelteinflüsse schalten Gene an bzw. aus, wird vererbt, aber wie stark Epigenetik über Generationen hinweg die Evolution prägt, wird diskutiert]).

In der Bibel gibt es einen Prozess im Umgang mit der Natur (Matthäus 6) und dem Leiden der Tiere (Römer 8). Mit Blick auf Theologie zusammengefasst: Schöpfung ist nichts Statisches, sondern fortwährender Prozess (creatio continua) – was in der Theologie auch erst im Rahmen eines Lern-Prozesses in der Bibel erkannt werden musste (freilich ist Evolutionslehre nicht in der Bibel erkennbar, nur die Dynamik der Schöpfung).

7. Bibel

Die Bibel ist ebenfalls in einem Kanonisierungs-Prozess entstanden. Das heißt, dass sie nicht von vornherein da war, sondern dass die im Umlauf befindlichen Schriften gesichtet und dann zusammen gestellt wurden: Dieser Aspekt ist  historisch-kritisch erschlossen.

Der Heilige Geist ist bei der Erstellung wie der Sammlung der Schriften der aktive Part, der Part, der die Menschen kreativ antreibt. Der Kanonisierungs-Prozess lief mit Blick auf die alttestamentlichen und neutestamentlichen Schriften unterschiedlich. Aber das spielt letztlich theologisch keine Rolle, wenn der Geist Gottes als der angesehen wird, der Menschen zu ihrem Handeln antrieb. Kurz gesagt: Ohne den geist Gottes käme ein Markus nie auf die Idee, sich auf den weg zu machen und Informationen über Jesus zu sammeln und zusammenzustellen.

8. Mission / Offenbarung

Am Beispiel des Erkenntnisprozesses Gottes mit Blick auf die Menschheit in ihrer Entwicklung ist eine fortschreitende Offenbarung erkennbar. Gott war immer derselbe – aber Menschen erkennen ihn, wie eingangs gesehen, nur fragmentarisch:

  1. Weltweit: Ahnungen von Transzendenz: Geister – Götter…
  2. Dann die Offenbarung an Abraham, einem Clan-Führer, schon, so die Überlieferung, mit Blick auf ein Volk. Zudem: Die Offenbarungs-Erfahrungen des Isaak, des Jakob (der Gott der Väter: Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs),
  3. dann die Offenbarung vermittelt an Stämme – das Volk durch Moses und Propheten (auch in der modernen historisch-kritischen Version, dass sich das Volk Israel erst langsam konstituierte und unter diesen Gotteserfahrungen sammelte),
  4. Erkenntnis der in alttestamentlicher prophetischer Verkündigung prophezeiten Geburt des Messias,
  5. dann die Einbeziehung der Völker durch Jesus Christus und die nachkommenden Christen-Generationen – ausgesprochen wird der Prozess im Gleichnis vom wachsenden Senfkorn.
  6. Der Glaube durchdrang Nordafrika, Asien, europäischen Mittelmeerraum, wurde in Nordafrika durch den Islam Jahrhunderte später zurückgedrängt, hinterließ Spuren in Asien und wurde dann in Europa intensiv weiter geführt, gelangte dann auf alle anderen Kontinente durch Mission.
  7. Wie es im Augenblick aussieht, verlagert sich der christliche Glaube von Europa nach Afrika, Asien, Amerika, wohl um von dort aus in Europa wieder neue Impulse zu bekommen.

Diesen Gedanken machen sich auch Muslime und Sekten zunutze. Sie argumentieren, dass der Islam bzw. die jeweilige christliche Gruppe eine Fortführung der Offenbarung sei. Hierbei ist jedoch zu sagen, dass dieser Prozess nicht von der christlichen Tradition gelöst werden kann. Wenn der Islam sagt, dass Jesus Christus nicht gekreuzigt wurde, dass Allah nicht trinitarisch als eine in sich ruhende, durch Gabriel / Mohammed nach Außen tretende Kraft aktiv wird, dann hat das keine Basis mehr im christlichen Glauben, ist also nicht als Prozess anzusehen, sondern als neue Richtung, die allerdings christliche Elemente aufgreift. Ebenso bei Sondergruppen / Sekten, sie bringen ebenfalls neue Propheten ins Spiel, neue Offenbarungen usw. John Henry Newman (1801-1890) hat herausgearbeitet, dass ein Prozess immer auf dem gelegten Fundament weitergeht, ein Bruch bedeutet, das Fundament zu zerstören, aber die Steine zu nehmen, um Neues darauf aufzubauen.

9. Ethik

Prozess auch mit Blick auf die Werte https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/verhalten-ethik/christliche-ethik/ (und die Unterseiten!).

Werte werden weiterentwickelt gleichzeitig heute vielfach vernachlässigt. Und dann kommen Kulturen und Unkulturen, die sich breit machen, weil die Gesellschaft die mühsam errungenen Werte missachtet, gegen sie argumentiert, und damit eben die Gesellschaft einen Rückschritt erfährt. Und wenn es dann wieder ganz übel ist, besinnt man sich wieder auf den Gotteswillen und kehrt zu ihnen zurück und der Prozess geht zum Positiven weiter.

Großer Fortschritt im NT: Dass überhaupt über Gewalt nachgedacht wird – dass sie auch als Recht des Stärkeren abgelehnt wird. Natürlich nicht in der Terminologie, die sich seitdem entwickelt hat. (Dazu s. nicht nur den folgenden Link zum Thema Krieg und Frieden: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/mensch/frieden-krieg-1/)

Entsprechend hat sich auch das Recht weiterentwickelt. Auch hier ist das zu nennen, was der Apostel Paulus schrieb: Prüfet alles, das Gute behaltet. Zum Recht s. https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/verhalten-ethik/recht/

10. Auferstehungsglauben

Das frühe Israel kennt keinen spezifischen Auferstehungsglauben. Er hat sich erst langsam durchgesetzt – über den Weg: Gott ist ein Gott der Lebenden. Dieser Ansatz wurde dann von den frühen Christen durch die Erfahrung des auferstandenen Jesus Christus bestätigt. https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/mensch/auferstehung/

11. Der Mensch als Individuum / Person

Es wird deutlich, dass ich das Folgende sehr verkürzt wiedergebe. Hinter dieser Darlegung steckt eine Menge Philosophie und Theologiegeschichte. Aber dennoch sei es versucht. Wer will, kann sich in dieses Komplexe Thema einarbeiten – es macht Spaß.

Im Alten Testament wird die Volkwerdung beschrieben. Die Stämme sind zusammengewachsen zu einem Volk. Die Menschen wachsen in einem von Gott geleiteten Identitätsverständnis zusammen. In manchen Psalmen wird deutlich, dass Menschen sich selbst als Individuen sehen. Der Einzelne sieht sich als von der Menge unterdrückt an. Er leidet. Er leidet an den Menschen, er leidet an Gott. Er will Teil des Kollektivs, des Volks sein, aber wird durch andere daran gehindert. Die Weisheitsschriften stellen auch Einzelne Menschen vor, als besondere Individuen bzw. ordnen sie ein in eine Gruppe Auszubildender, wie auch schon ägyptische Texte: Wie soll sich der Weise am Hof verhalten.

Jesus lebt in seiner jüdischen Traditionen. Er sieht den Menschen, mit dem er es zu tun hat, als Teil des Volkes an. Aber: Diesem Einzelnen muss geholfen werden, dieser Einzelne wird eingeladen, mit Gott in Beziehung zu treten. Es genügt nicht, Teil des Volkes zu sein, damit das Leben gelingt, sondern die Beziehung zu Gott, den er Vater nennt. Aber die Einzelnen isoliert er auch nicht, sondern ordnet sie dem Vater als Kinder Gottes zu. Wir haben hier diesen Drei-Schritt: (1) Der Mensch ist Teil des Volkes, (2) das Individuum wird als eine Person herausgehoben, die für das eigene Leben verantwortlich ist – aber (3) nicht in Einsamkeit gestoßen, sondern in eine neue einander fürsorgende Gemeinschaft.

Das wurde dann definierend weitergeführt: Das Individuum ist das biologisch einzigartige Exemplar in einer Gattung (wie Aristoteles betont), Person ist der Mensch in seiner Beziehungsfähigkeit und Gottebenbildlichkeit (wie die christliche Weiterführung betont). Das Individuum ist die Grundlage – aber die Würde, die Person ist erst zu erkennen. Und dazu hat Jesus die Grundlage gelegt. Wie Gott in sich „Person“ ist, weil er in sich Beziehung ist (GottVater – GottSohn – GottGeist), wurde dieser Begriff „Person“ auf den Menschen übertragen, um ihn in seiner Würde, seiner Beziehungsfähigkeit zu Gott und Mensch zu würdigen. Ein Individuum ist einzigartig aber auch austauschbar. Das Individuum wird als Einzelner in die Beziehung mit Gott und Mensch gerufen und wird dadurch Person. Eine Person sein bedeutet: Du bist von Gott erkannt und gerufen.

Soweit ich sehe haben wir hier die Betonung des Individuums, die wir auch bei Sokrates im griechischen Bereich finden. Das von Christen übernommene Wort „Person“ kommt aus dem Griechischen, wurde dann in der Trinitätstheologie neu geprägt: Gott ist ein Wesen in drei Personen aufgrund seiner Beziehung in sich selbst. Im sokratischen Sinn ist der Mensch aber keine Person wie es Christen sehen, sondern der Mensch ist ein autonomes Subjekt. Er ist ein Mensch, der von dem Verstand geprägt ist. Auch Sokrates verlagert die Sicht weg von der Einordnung in den Staat, von der Unterordnung unter die Tradition hin zu dem sich reflektierenden Einzelnen. Es geht bei Sokrates jedoch nicht um Beziehung, es geht um die Mündigkeit (um den Begriff aufzugreifen) zum eigenen Denken. Mit Blick auf den Glauben sieht er sich im Auftrag des delphischen Orakels. Dieses hat ihm die Augen geöffnet: Erkenne dich selbst. Das heißt, auch sein Denken, so sieht Sokrates es, hat religiösen Ausgangspunkt, anders als die modernen Denker der Aufklärung es haben.

Nur anzumerken: Im Islam steht der einzelne Mensch als Individuum verantwortlich vor Allah und steht in Beziehung zur Familie, zur Ummah. Im Buddhismus besteht das Ziel darin, dass sich das Individuum im Grunde auflöst. Westliche Sichtweise sagt auf unterschiedliche Art, dass es ein „Selbst“ des Menschen gibt. Das wird im Buddhismus nicht so gesehen. Weil der Mensch sich an sich als „Individuum“ klammert, leidet er. Die Ich-Illusion muss befreit werden.

Heute löst sich der Begriff „Person“ auf und wird einerseits zu einem Allerweltswort, z.B. „Personal“. Gleichzeitig wird das Ich in Frage gestellt, wird „Person“ dem biologischen Wesen entgegengestellt als ein Wesen mit Bewusstsein, Rationalität usw., was Schwerstbehinderte und Ungeborene ausschließt. Ganz neuzeitlich stellt sich die Frage: Sind Tiere, sind Roboter auch Personen zuzuordnen. Letzteres hat dann mit Beziehungsfähigkeit gar nichts mehr zu tun. Auch das Wort „Personal“ hat nichts mehr mit Beziehung zu tun, sondern nur mit Verwaltung von austauschbaren Individuen.

An diesem Begriff sehen wir, wie sich das Menschenbild im Laufe der Zeit wandelt.

Zu diesem Kompelx s. auch: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/gott/trinitaet-dreieinigkeit/ und https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/gott/gott-person-energie-psyche/

12. Gott und Säkularismus

Schon im 2. Jahrhundert versuchte Marcion (ca. 85-160) und die einflussreiche Gruppe der Gnostiker den Schöpfergott des Alten Testaments (den „Demiurgen“) von der Verkündigung durch Jesus zu lösen. Diesen Ansatz gibt es auch in der Gegenwart wieder. Jesus habe nicht den alttestamentlich strengen, zornigen, fehlerhaften Kriegsgott gelehrt, sondern den liebenden, gnädigen, höherwertigen Gott, den Gott des Friedens (so z.B. der Journalist Franz Alt [*1938] und aus rassistischer Perspektive Theologen des Nationalsozialismus: der alttestamentliche Gott sei jüdisch – der neutestamentliche nicht mehr so richtig, weil Jesus Arier war – und der wahre Gott wird von Martin Luther [1483-1546] verkündet).

Dieser hier vorgestellte Ansatz des Prozesses zeigt, dass dieses Schubladendenken ein Kurzschluss ist. Schubladendenken ist nicht in der Lage, in dynamischen Prozessen zu denken, sondern ist verengt. Dieser Ansatz verkennt, dass es sich in dem Verhältnis von Gott und Mensch – Mensch und Gott um eine Beziehung geht, um eine Beziehungsgeschichte. Gott lässt sich auf die Menschen ein, auf ihre Kultur, ihre Irrtümer, ihre Gewaltsucht, ihre Bösartigkeit – was wir eben als „Sünde“ bezeichnen. Gott versucht den Menschen von innen heraus zu verändern, Schritt für Schritt, Nuance für Nuance – und das auch in durch Menschen verursachten Rückschritten. Es ist eine göttliche Form der Erziehung. So wandelt sich der Mensch mit der Hilfe Gottes – so wandelt sich eben auch mit Gottes Hilfe des Menschen Gottesbild, seine Vorstellung von Gott. Der Mensch projiziert seine Entwicklungsstufen, seine Ängste, seinen Willen zur Macht, seine archaischen Riten, aus Ängsten geboren, in Gott hinein. Schritt für Schritt holt Gott den Menschen durch seine Geist aus seiner Arroganz heraus, wendet ihm dem nächsten Schritt zu. Das aber nicht, indem er in dem Kollektiv oder dem Volk oder sonst etwas aufgeht, sondern als freie Person, die verantwortungsbewusst und selbständig handelt.

Kurz gesagt dieser Ansatz (Marcion, Alt u.v.a.), der den alttestamentlichen Gott von dem durch Jesus verkündigten Gott trennt, ist ein Rückschritt, weg von Dynamik, hin zu Erstarrung. Und die Erstarrung bedeutet auch: Menschen basteln sich ihren eigenen Gott (wie es Ludwig Feuerbach [1804-1872] unter anderer Perspektive gesehen hat). Gottes Weg durch die Geschichte ist hingegen bestimmt von Geduld, sich Einlassen auf menschliches Chaos – wie uns die Bibel und Jesus Christus lehrten. Zudem bricht die Theologie als Lernprozess egoistische und nationalistische Projektionen auf Gott auf. Gott lässt sich nicht durch unsere Ideologie und Weltanschauung gefügig machen. Wer auf Gott hört, statt auf sich selbst wird infrage gestellt, korrigiert – kurz, mit dem Neuen Testament gesprochen -: Der Mensch kehrt um.

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Ein anderer Ansatz versucht die Säkularisierung als höherwertig anzusehen. Also: erst der Geister-/Ahnenglaube, dann der Polytheismus, dann der Monotheismus, dann die Loslösung von Gott durch den Säkularismus, Atheismus (Auguste Comte [1798-1857]). Dieser Ansatz geht davon aus, dass der Mensch sich Religion erfindet – und die Loslösung von der erfundenen Religion ist dann die höchste Stufe der Aufklärung.

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) hat gelehrt, die Säkularisierung als eine Form anzusehen, die im Christentum begründet ist. Denn es begann schon im Alten Testament, dass die Schöpfung eben Schöpfung ist und nicht in sich eine Gottheit. Also nicht die Sonne ist Gott, sie ist nur eine Lampe am Himmel. Oder der Glaube an Jesus Christus wurde in der Antike als Atheismus verstanden, weil Christen an einen Menschen glaubten. Dazu gehört auch die Wendung weg von den Göttern hin zu dem Menschen in der Nächsten- und Feindesliebe. Das wird immer weiter fortgesetzt: Der Mensch wird, um mit Bonhoeffer zu reden, immer mündiger.

Es wird in den letzten Jahrhunderten erkennbar, dass der Säkularismus in seinen unterschiedlichsten Formen, immer dogmatischer wird. Er versucht den Menschen in seine Weltanschauung, seine Gott-lose Weltanschauung hineinzuzwingen. Es werden eigene Strukturen errichtet, die zum Teil Menschen knechten, Freiheit nehmen. Es gibt keinen Gott mehr als Korrektiv, sodass Menschen sich selbst wieder zu Göttern erheben. Nicht wie in der Antike, dass einzelne Herrscher als Götter(söhne) angesehen wurden, sondern Gruppen fühlen sich als „göttliche Wesen“, die andere beherrschen können, von anderen verlangen, ihre Weltanschauung aufzugreifen, ihrer Ideologie zu folgen.

Theologie als Prozess zeigt auch, dass der Säkularismus und der Atheismus sich von Gott lösen, weil sie gegen falsche Gottesvorstellungen, gegen Karikaturen Gottes angehen. Von daher sind sie, auch wenn sie sich gegen Gott wenden, Teil des Weges Gottes mit dem Menschen in dem theologischen Prozess. Gott lädt ein, frei zu glauben.