Daten und historischer Kontext um Maria / Mirjam – Spurensuche im Knäuel historischer Vielfalt
Maria / Mirjam, Mutter Jesu
- Ca. 20 v.Chr. geboren – in Nazareth?
- Laut dem Matthäus- und dem Lukasevangelium wurde dem jungen Mädchen von Gott eine ganze Menge zugemutet: nicht unbedingt die frühe Geburt ihres Erstgeborenen, sondern die Empfängnis vor der Heirat mit Josef – was mit Steinigung hat geahndet werden können. Josef hat Jesus aber als Vater angenommen – somit gilt die soziale Vaterschaft – auch ihm wurde viel von Gott zugemutet. Der „Geist“ (Ruach) ist im Hebräischen feminin – kann also nicht „Vater“ sein – sie (der Geist) ist Gottes Schöpferkraft. Somit ist Josef laut Evangelien der soziale Vater.
- Jesus gilt allgemein als Nachkomme Davids, das heißt, dass auch Maria Nachkomme Davids gewesen ist. Das könnte aber mit dem Text in Lk 2 in Spannung stehen, der andeutet, dass Maria priesterlicher Abstammung gewesen sein könnte. Wobei sich die Frage stellt, ob nicht auch Elisabeth Nachfahre Davids gewesen sein könnte, die einen Mann aus priesterlichem Geschlecht geheiratet hat. Aber das sind alles Spekulationen.
- Jesu Geburt ca. 5 v. Chr.
- Mk 6 heißt es: Ist Jesus nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria? Das heißt: Josef dürfte um das Jahr 27 n. Chr. schon vor längerer Zeit gestorben sein. Vielleicht wird auch die Jungfrauengeburt vorausgesetzt.
- Sie war Mutter von vier weiteren Söhnen und hatte auch eine unbekannte Anzahl an Töchtern (spätere Zeiten interpretieren die Kinder als adoptierte Kinder, die Josef in die Ehe gebracht hat) (vgl. unten Apostelgeschichte). Die Söhne – also die Geschwister Jesu – haben allesamt fromme Namen: Jakobus, Joses, Judas, Simon.
- Als Jesus 30 n. Chr. hingerichtet wurde, war Maria ca. 50 Jahre alt.
- Um das Jahr 70, als das Markus-Evangelium veröffentlicht wurde, müsste Maria ca. 90 Jahre alt gewesen sein.
- Eine Überlieferung spricht davon, dass Maria in Ephesus gestorben ist. In diesem Kontext entstand dort die Marienkirche.
Städte, mit denen Maria in Verbindung gebracht werden
Nazareth
- Ein Dorf, von dem lange geglaubt wurde, dass es nicht existierte, weil der Geschichtsschreiber Josephus nichts darüber berichtet hatte. Man dachte, dass Jesus von Nazareth nicht bedeutet, dass er in Nazareth geboren wurde, sondern einer Gruppe der Nazoräer angehörte. Inzwischen ist aber durch die Archäologie klar: Es gab Nazareth.
- Nazareth, ein kleines Dorf, in dem Räume (Höhlen) in das weiche Gestein gehauen werden konnten. Johannes 1,46 lässt deutlich werden, wie unbedeutend Nazareth war: „Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen?“ wird gefragt.
- Es lag in der Nähe der großen von hellenistischer Kultur geprägten Stadt Sepphoris.
- Es war stark jüdisch geprägt.
- Maria dürfte ein Mädchen aus Nazareth gewesen sein.
Jerusalem
- Im späten 2. Jahrhundert wurde im Protoevangelium des Jakobus die Legende überliefert, dass Maria als Mädchen im Tempel von Jerusalem aufgewachsen sei und mit anderen den Tempelvorhang gewebt habe. Sie habe Purpur und Scharlach (also kostbar gefärbte Wolle) zum Weben bekommen. Es geht um die Farbe „rot“. Es handelt sich um eine Legende, die aber sehr folgenreich wurde.
- Diese späte Legende erzählt auch die Namen der Eltern von Maria: Joachim und Anna hätten sie im Alter von 3 Jahren in den Tempel gebracht.
- 70 n. Chr. wurde Israel von den Römern unterworfen.
- Christen flohen schon in den Jahren vorher in die umliegenden Länder.
Ephesus
- Ephesus (im Westen der gegenwärtigen Türkei) war mit dem ägyptischen Alexandria die größte Stadt im oströmischem Reich.
- Nach Jesu Hinrichtung missionierte die junge christliche Gemeinde. Apollos dürfte in Ephesus schon vor dem Jahr 50 die erste Gemeinde gegründet haben.
Menschen und Texte, die etwas zu Maria zu sagen haben
Johannes
- Johannes schreibt im Prolog seines Evangeliums, dass alle Glaubenden nicht nach dem Willen eines Mannes geboren wurden. Das heißt: Jungfrauengeburt wird im übertragenen Sinn verstanden – auf alle Glaubenden übertragen.
- Johannes, der Jünger Jesu, wurde im Kontext der Kreuzigung laut Johannesevangelium der Maria zugewiesen und Maria dem Johannes – das bedeutet: gegenseitige Fürsorge.
- Zudem bedeutet es, dass Maria bei der Kreuzigung ihres Sohnes anwesend war.
- Das Johannesevangelium beinhaltet eigenartige Texte, die ein ambivalentes Verhältnis zwischen Jesus und Maria erkennen lassen (ähnlich auch das Markusevangelium 3,31ff.).
- Das Evangelium nennt Maria nicht mit Namen, sondern schreibt von „Mutter“, die er laut 2,1-12 als „Frau“ anredet.
- Jesu Mutter macht einen Vorschlag, was er tun möge – er weist sie nach Johannes zurecht, weil er ihren Vorschlag schon mit Blick auf seinen Tod interpretiert – tut dann aber doch, was sie von ihm erbeten hat.
- Die Überlieferung sagt, Johannes und Maria seien nach Ephesus gezogen.
- Zu vermuten ist: spätestens im Kontext des Krieges 70 n. Chr. sind sie ausgewandert.
- Gestorben ist Johannes zwischen 98-117 (Regierungszeit Trajans)?
Paulus
- Paulus wurde ca. 32 n. Chr. Nachfolger von Jesus Christus und begann mit der Verkündigung. Er wirkte ca. 3 Jahre ab 52 n. Chr. in Ephesus. Ca. 55 spricht er im Brief an die Galater, dass Jesus „von einer Frau“ (Galater 4,4) geboren worden sei – von Gott gesandt, also die menschliche und göttliche Einheit wird formuliert. Warum er das Selbstverständliche betont, ist nicht bekannt. Um wie das Johannesevangelium hervorzuheben, dass kein Mann daran beteiligt war? Um Jesus als Menschen darzustellen? Um zu sagen, dass Jesus als Jude gilt, weil wer von einer jüdischen Frau geboren wurde, Jude ist („unter das Gesetz gestellt“)?
- Möglicherweise wurde er um 62 n. Chr. unter Nero in Rom hingerichtet.
Sondergut des Lukas
- Die Datierung des Sondergutes (Geburtsgeschichten) ist kaum möglich. Indizien zeigen, dass das Sondergut des Lukas (also die Texte, die nur er überliefert) schon sehr alt ist. Lukas fokussiert die Geburtsgeschichte sehr stark auf Israel, mit einer wunderbaren, großen Erwartung. Diese hat kaum christliche Anklänge und verbindet die Johannes der Täufer Tradition mit der frühen Jesus Tradition. Informationen, die er (?) von Maria erhalten hat, könnten rein theoretisch verarbeitet worden sein. Sie weisen allerdings schon intensive theologische Reflexion auf. Historisch korrekte Angaben werden mit Glaubensaussagen verbunden.
- Maria (die ca. 25 jährige Mutter) wird in den Texten als eine dargestellt, die nicht so richtig versteht – so zum Beispiel, als es um den Auftritt ihres 12 jährigen Sohnes Jesus im Tempel geht. Aber: Sie bewegte alles in ihrem Herzen – ist somit Vorbild für die Glaubenden.
- Gleichzeitig, das ist wichtig: Maria stimmt nach einer Verzögerung, in der sie auf ein Argument durch den Engel wartet, dem zu, was Gott mit ihr vorhat! Auch ihr freier Wille wird respektiert.
- Zum Sondergut gehört auch das Wort: Eine Frau ruft, dass diejenige selig sei, die dieses Kind (also Jesus) genährt hat. Jesus relativiert hier die Rolle der Maria, indem er auf die Menschen weist: Selig, die Gottes Wort hören und bewahren.
Evangelist Lukas
- Der Evangelist stammt vermutlich aus dem Bereich um Ephesus.
- Vielleicht war er ein Begleiter des Paulus – hätte aber eine eigenständige Theologie entwickelt. Von daher trennt man den Paulusbegleiter Lukas (geboren in Antiochia) vom Evangelisten (Namensverwechslungen!). Wenn er aus dem Umfeld von Ephesus gekommen sein sollte, hätte er bis 90 n. Chr. intensiven Kontakt zur Maria-Tradition / Maria haben können (s. oben „Ephesus“). (Während das Mt.Ev Josef in den Fokus rückt, rückt das Lk.Ev Maria ins Zentrum.)
- Lukas reiste wohl nach den Kriegshandlungen nach Israel, kam spätestens dort in Kontakt mit einem Teil des Sonderguts.
- Er veröffentlichte sein Evangelium und später die Apostelgeschichte. (Manche datieren es auf 60-65 – andere auf 90. Überlieferungen sprechen von seinem Sterben 63 n. Chr.)
Apostelgeschichte des Lukas
- Maria wird als eine genannt, die der Gemeinde angehört (1,14), also im Kontext der Hinrichtung und Auferstehung Jesu anwesend war, auch wenn das Lukasevangelium selbst wohl nicht davon spricht, dass Maria unter dem Kreuz stand (die andere Maria?) bzw. bei den Auferweckungsereignissen anwesend war.
- Hier wird zudem auch gesagt, dass auch die Brüder Jesu anwesend gewesen seien, das heißt, sie war Mutter weiterer Kinder.
Evangelist Matthäus
- Die Frauen, die Matthäus im Stammbaum erwähnt, haben eine sonderbare Vergangenheit (z.B. Tamar forderte auf eigenartige Weise ihr Recht ein, Ruth war Moabiterin, also Heidin; Bathseba wurde von David unter kriminellen Umständen zur Frau genommen – alle Frauen sind äußerst gefährdet gewesen – zuletzt kommt Maria. Soll auch die Eigenart der Empfängnis angedeutet werden (Menschen haben sich sicher das „Maul zerrissen“ angesichts dieser sonderbaren Empfängnis, nicht nur das: Steinigung lag in der Luft) – oder soll sie gerade als die Reine den „Unreinen“ entgegengesetzt werden?
- Die Berichte von der Jungfrauengeburt sind unabhängig von denen des Lukas.
Apokalypse des Johannes
In der Offenbarung des Johannes sieht der Visionär eine Frau am Himmel, bekleidet mit Sonne, den Mond unter ihren Füßen, mit einem Sternenkranz (12 Sterne) (Apk 12). Diese Frau hat ein Kind im Arm und versucht es vor dem Drachen zu beschützen. Der Erzengel Michael besiegt den Drachen, der der Frau das Kind wegnehmen wollte. Traditionell wird die Frau mit Maria verbunden (s. auch die Kunst: Sternenkranz; die EU-Flagge), das Kind mit Jesus.
Protevangelium des Jakobus (nicht im Neuen Testament, eine Schrift aus dem 2. Jahrhundert)
Diese Schrift benennt die Eltern von Maria als Anna und Joachim, die beide vom König David abstammen sollen.
Fazit:
Wenn Maria in der frühen Gemeinde eine Rolle gespielt haben sollte – wie zum Beispiel der Bruder Jesu, Jakobus, dann dürften auch frühe Berichte über Jesus als Kind im Umlauf gewesen sein, ebenso über die Befindlichkeit der Maria. Auf den ersten Blick ist eigenartig, dass wir so wenig aus der Zeit vor dem öffentlichen Auftreten Jesu wissen. Das mag damit zusammenhängen, dass den frühen Christen etwas anderes besonders wichtig war: Gottes Handeln durch Jesus und der Versuch, Kreuz und Auferstehung zu verstehen. Das bestimmte die Verkündigung. Interesse an Maria und Jesus vor seinem öffentlichen Auftreten kommt erst richtig Ende des 2. Jahrhunderts (Protevangelium des Jakobus) auf. Diese Darlegungen wurden für das spätere Christentum relevant.
Überlegungen
Seit wann haben eigentlich Protestanten eine gewisse Distanz zu Maria? Obgleich eine gewisse Annäherung in letzten Jahrzehnten hier und da erkennbar ist. Zumindest bei dem bedeutenden und einflussreichen Theologen Karl Barth. Er soll kurz vor seinem Tod (10.12.1968) gesagt haben (8.12.1968): „man habe wohl diese ganze Frage der Mariologie theologisch doch noch nicht aufgearbeitet und man müsse sie auch evangelischerseits noch einmal von Anfang an durchdenken“ (so Ivan Podgorelec).
Viele Protestanten distanzierten sich von der Frau, die Gott erwählte, obgleich sie im Glaubensbekenntnis immer sprachen: Jesus – empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria. Sie distanzierten sich wegen der theologischen Auswüchse – verständlich. Luther ehrte sie – aber er ehrte nicht die Auswüchse.
Sie also übergehen? Nein. Sie gehört zu uns. Lukas schreibt, dass Elisabeth sie „die Mutter meines Herrn“ bezeichnet hat. Christen bekennen sich zur unvergleichlichen Besonderheit Jesu – und seine Mutter Maria gehört in einer ganz besonderen Weise dazu – in der Weise, in der auch Matthäus und Lukas sie bekennen.
Das, was die Evangelien über sie berichten, ist ein ständiger Stachel für die Vernunft, die sich über den Glauben erhebt, die sich nicht vom Glauben durchdringen lässt. Ein spannender Teil unserer Kirchengeschichte. Ein ständiger Stachel für die Vernunft nicht nur durch die „Jungfrauengeburt“, dadurch, dass Gott sie auserwählt hat. Sondern auch, weil wir so wenig über diese, durch Gottes Wahl einmalige, Frau wissen. Darum gibt es eben viele – ich würde sagen – liebevolle Ausschmückungen ihres Lebens. Aber manche sind auch übertrieben.
Wenn wir davon ausgehen, dass der Sohn auch von seiner Mutter geprägt wurde, können wir manches von Jesus Christus auf Maria schließen. Ich denke da zum Beispiel – von der Psychologie her gesehen – die weiblichen Züge Jesu: die Zuwendung zu den Kranken, den Benachteiligten, die Zuwendung zu Frauen, die Hilfe benötigen usw.
Was noch zu bedenken ist: Jeder betrachtet einen Menschen aus einer anderen Perspektive. Der betrachtete Mensch ist in sich eine Einheit, die aber von verschiedenen Außenstehenden jeweils anders beurteilt wird – wie auch der betrachtende Mensch eine Einheit in Vielfalt ist. Insofern war auch Maria eine, die aus verschiedenen Perspektiven unterschiedlich beurteilt wurde und wird – weil sie eben in sich eine Einheit in Vielfalt ist.
Kurz: Ich finde das Bild, das wir von Maria durch das Neue Testament vermittelt bekommen, äußerst spannend – und spannungsreich. Vor allem: Maria / Mirjam ist die Mutter dieses Sohnes! Was hat sie nicht alles erlebt! Welche Hoffnungen, welche Brüche im Leben, welche Ausblicke. Sie ist, historisch gesehen, die Mutter eines Menschen, der wie keiner seinesgleichen das Gute gefördert hat (natürlich auch missbraucht wurde) – und aus Glauben gesehen: Sie ist von Gott als Mutter des Menschen erwählt worden, der den Weg weist, Erlösung, das heißt Befreiung auch vom Tod bringt.
Jungfrau / Junge Frau
Ich habe im Abschnitt über die Kindheitsgeschichte des Matthäus folgenden Absatz geschrieben:
Es wird gesagt, dass der Prophet Jesaja (7,14) nicht von einer „Jungfrau“ spricht, sondern von einer „jungen Frau“, denn das Wort „Almah“ bedeutet „junge Frau“. Dieses wird vom griechischen Text aber mit „Parthenos“ – also „Jungfrau“ – übersetzt und Matthäus hat diesen missverständlichen griechischen Text als Vorlage gehabt. Das kann sein, dagegen spricht freilich, dass der Prophet wohl kaum eine „junge Frau“ im Blick gehabt haben wird, sondern etwas Wunderhaftes prophezeit, und dass eine junge Frau ein Kind bekommt, das ist normaler Alltag. Es sei denn, er spricht von einer ganz bestimmten jungen Frau. „Junge Frau“ bedeutet, dass die Frau im heiratsfähigen Alter war – sie muss aber noch nicht verheiratet sein. Maria war also im heiratsfähigen Alter, aber eben noch nicht verheiratet – somit Jungfrau im herkömmlichen Sinn.
Der weitere Aspekt: Es könnte sein, dass Jesus nachträglich als Kind einer Jungfrau dargestellt wurde, weil, wie immer wieder behauptet wird, auch sonst Jungfrauen als Mütter großer Menschen dargestellt werden. Dem ist allerdings nicht so. Die anderen großen der Weltgeschichte, Alexander der Große, Augustus, Buddha – sie werden von Göttern gezeugt, das heißt, die Frau war und blieb keine Jungfrau mehr, sondern das geborene Kind war eine Art Halbgott. Durch die einzigartige Jungfrauengeburt ist Jesus also nicht eine Art Halbgott, sondern wurde durch Gottes Geist in Maria erschaffen – ist also ein ganz besonderes Wesen. Wie dem auch sei: Diese Interpretation hat die Menschheit beeinflusst.
Es sei noch angemerkt, dass im Buch des Propheten Jeremia Israel als Jungfrau bezeichnet wird. Der Kontext zeigt: Jungfrau – nicht „Almah“, sondern „Betulah“ – wird für Israel verwendet, weil es von Götzendienst rein geblieben ist.
DVD: Ihr Name war Maria, Regie: Giacomo Campiotti, PidaxFilm 2012