1. Einleitung
Im folgenden Abschnitt geht es nicht um die Gesamtdarstellung des Nationalsozialismus. Es werden nur einzelne geschichtliche Aspekte mit Blick auf nationalsozialistische und christliche Jugendarbeit angetippt. Weiteres ist unter der Darstellung von Sophie Scholl (1), Dietrich Bonhoeffer (2) und Heinrich Vogel (3) zu finden. Ebenso wird der Antisemitismus gesondert dargestellt (4).
2. Kurze Hinweise zur Situation der christlichen Jugendarbeit in der Zeit des Nationalsozialismus
In den Anfängen nationalsozialistischer Macht haben Nationalsozialisten auf die reiche Erfahrung der Kirchen mit Jugendarbeit zurückgegriffen. Sie haben zum Teil Jugendleiter übernommen, die auch Kinder und Jugendliche mit in die Hitlerjugend hineingeführt haben. Den Nationalsozialisten war die staatlich organisierte Jugendarbeit wichtig, damit die Kinder und Jugendlichen im nationalsozialistischen Sinne erzogen wurden. Nationalsozialistische Jugendarbeit gab es schon vor der Machtergreifung, wie auch die Kommunisten ihre Kinder und Jugendarbeit hatten (Kommunistischer Jugendverband Deutschlands – KJVD) und ebenso die Sozialisten (z.B. die Falken). Auch Pfadfinder, die Wandervogelbewegung, bündische Gruppen und Kirchen hatten allesamt ihre Jugendarbeit. Nationalsozialisten versuchten nach der Machtergreifung sämtliche Jugendarbeit in ihre hineinzuziehen.
Die Hitler-Jugend wurde in Gruppen eingeteilt:
- Das Deutsche Jungvolk (DJ): Jungs im Alter von 10-14 Jahren
- Hitlerjugend (HJ): Jungen im Alter von 14-18 Jahren
- Jungmädelbund (JM): Mädchen im Alter von 10-14 Jahren
- Bund Deutscher Mädel (BDM): Mädchen im Alter von 14-18 Jahren.
Je mächtiger der Nationalsozialismus wurde, desto rigoroser wandte er sich auch gegen die vielfältige und auch starke christliche Jugendarbeit und versuchte, diese zu verdrängen. Ein Beispiel:
Der Nationalsozialismus hat aktiv die Jugendarbeit außerhalb der Hitler-Jugend behindert und bekämpft. Ebenso gab es christliche Jugendarbeit, die Widerstand geleistet hat gegen die Übernahme durch den Nationalsozialismus. Das sei kurz am Beispiel der katholischen Jugendarbeit in Düsseldorf umrissen:
Der Nationalsozialismus wurde vom Jungmännerverband Düsseldorf als „Bolschewismus … unter nationalem Vorzeichen“ bezeichnet, was den Nationalsozialisten nicht besonders gefiel. Schon 1933 wurde die Geschäftsstelle des „Reichsausschusses deutscher Jugendverbände“ von den Nationalsozialisten übernommen – das heißt: Die Nationalsozialisten hatten alle Adressen – und die evangelische Jugend wurde der Hitlerjugend zugeordnet. Wer in der katholischen Jugend blieb, musste mit Einschränkungen rechnen. Das bedeutete zum Beispiel Verlust der Lehrstelle. Öffentliche – auch mediale – Denunziationen und Diskriminierungen waren, je nach Gebiet, an der Tagesordnung. Der Präses Ludwig Wolker und 57 Mitarbeiter wurden 1936 verhaftet, aber wieder freigelassen (schon Juli 1934 wurde der Mitarbeiter Adalbert Probst verhaftet und ermordet); 1939 wurde das Haus geschlossen. Die Mitgliedschaft in der Hitlerjugend war spätestens seit 1936 Pflicht, was massiven druck auf Eltern ausübte, die ihre Kinder lieber in der kirchlichen Jugendarbeit gesehen hätten.
Hitler versuchte nicht nur die Jugendarbeit in seine Gewalt zu bekommen, sondern auch die gesamte Evangelische Kirche. Auch sie sollte nach dem Führerprinzip geordnet werden. Dazu hat er seinen Freund und Unterstützer Ludwig Müller an die Spitze der Kirche gestellt. Die Evangelische Kirche teilte sich in Deutsche Christen (DC) und Bekennende Kirche (BK). Die Deutschen Christen unterstützen den Nationalsozialismus, die Bekennende Kirche wandte sich gegen ihn (in ihr wirkten freilich Christen unterschiedlichster Nähe / Distanz zu der neuen politischen Macht, das heißt, die Bekennende Kirche war keine christliche Einheit). In den Kirchenwahlen, die einberufen wurden, gewannen die Deutschen Christen mit Ludwig Müller an der Spitze haushoch. Und nun versuchte dieser, die Jugendarbeit in die Hitlerjugend zu überführen.
3. Ludwig Müller und die christliche Jugendarbeit
Bevor der Brief von Müller an die Pfarrer / Pastoren und Jugendführer zitiert wird, werden ein paar Hinweise zu Ludwig Müller gegeben. In diesen wird auch deutlich, wie Nationalsozialisten taktisch vorgegangen sind, um diejenigen in Führungspositionen einzusetzen, die mit dem Nationalsozialismus sympathisierten.
3.1. Kurze Hinweise zur Biographie von Ludwig Müller
1933 wurde Müller von Hitler zum Vertrauensmann und Bevollmächtigten ernannt, um die Verfassung der Kirche zu reformieren (Erlass vom 5.4.1933). Er war vom Staat eingesetzt, um die Kirche in die Hand zu bekommen: Das Führerprinzip sollte in eine nationale Kirche durchgesetzt werden.
26.4.1933: DC (= Deutsche Christen) will eine Reichskirche; DC wählte ihn zum Kandidaten für das noch nicht existierende (!) Reichsbischofsamt. Die Gegner, die jungreformatorische Bewegung wählte dann jedoch am 27.5.1933 vorauseilend Bodelschwingh zum Reichsbischof. Man wollte der Neuordnung, das heißt der Unterordnung unter dem Staat zuvorkommen. Da es das Amt aber noch nicht gab, protestierte die DC dagegen und Bodelschwingh trat nach 26 Tagen unter dem massiven Druck zurück.
24.6.–14.7.1933 Weil Bodelschwingh ohne Zustimmung der Regierung gewählt worden war, wurde August Jäger als Staatskommissar in der preußischen Regierung eingesetzt – ohne Rechtsgrundlage – und hat in Preußen DC-Leute in die Landeskirchen gesetzt.
28.6.1933 ließ Müller das Gebäude des Kirchenbundes durch die nationalsozialistische SA besetzen und übernahm sämtliche Funktionen. Dagegen gab es massiven Widerstand und es wurde eine neue Verfassung der Landeskirchen erstellt. Diese Verfassung wurde durch das Reichsgesetz vom 14.7.1933 anerkannt. In diesem wurde auch das Amt des Reichsbischofs geregelt. Daraufhin wurden Neuwahlen anberaumt.
23.7.1933 fand die Kirchenwahl statt und Hitler hat für die DC Partei ergriffen. Die DC bekam 2/3 der Stimmen. Ein Vertrag mit der Katholischen Kirche (dem Vatikan), dem Reichskonkordat, wie auch das Ergebnis der Wahl bestätigten Hitler darin, sein Ziel der Einen nationalsozialistischen Kirche zu verfolgen. (In dem Reichskonkordat war übrigens vereinbart worden, dass die katholische Jugend geschützt werden solle, was aber durch die nationalsozialistische Regierung nicht eingehalten wurde. Sie hat katholische Leiter terrorisiert, Gruppen verboten)
6.9.1933 wurde Müller zum Reichsbischof gewählt.
19.12.1933 Eingliederungsvertrag der Evangelischen Jugend in die HJ mit Baldur von Schirach.
Am 23.9.1934 wurde Müller als Reichsbischof pompös im Berliner Dom eingeführt. Mit Gewalt sollte die Württembergische und Bayerische Landeskirche eingegliedert werden. Der Widerstand war massiv und es gelang ihm nicht. Jäger wurde abgesetzt.
Die Auseinandersetzung innerhalb der Kirche war sehr groß, so dass Hitler sein Ziel, die Durchdringung der gesamten Kirche mit seiner nationalsozialistischen Ideologie nicht erreichen konnte. Müller selbst spielte nach vielem Hin und Her keine große Rolle mehr. Darüber war Hitler wütend:
1941/42 sagte Hitler: „Der Krieg wird sein Ende nehmen, und ich werde meine letzte Lebensaufgabe darin sehen, das Kirchenproblem noch zu klären. Erst dann wird die deutsche Nation gesichert sein… In meiner Jugend stand ich auf dem Standpunkt: Dynamit! Heute sehe ich ein, man kann das nicht über das Knie brechen. Es muss abfaulen wie ein brandiges Glied.“ (Picker: Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier 1941–1942, Stuttgart 2. Auflage 1965, 348)
Müller starb 1945. Man weiß nicht so genau, woran, warum. Vermutet wird: 31. Juli 1945 durch Suizid.
3.2. Der Brief Ludwig Müllers
Ludwig Müller schreibt mit Blick auf die “Übergabe der evangelischen Jugendarbeit an den Nationalsozialismus”:
AN DIE DEUTSCHEN EVANGELISCHEN PASTOREN UND ]UGENDFÜHRER!
Liebe Brüder!
Soeben habe ich an die deutschen evangelischen Eltern folgenden Brief geschrieben:
An die Väter und Mütter unserer evangelischen Jugend.
Volksgenossenl Glaubensgenossen!
Ihr habt aus meinem Telegramm an den Führer gesehen, daß ich das deutsche evangelische Jugendwerk durch Unterzeichnung eines Vertrages mit dem Reichsjugendführer der Hitler-Jugend eingegliedert habe. Es ist das für mich ein entscheidungsschwerer Schritt gewesen, um den ich mit Gott im Gebet gerungen habe. Ich bin zu diesem Entschluß innerlich gezwungen worden von der mir durch mein Amt auferlegten Verantwortung für das Evangelium und für die Erziehung des deutschen Volkes im Evangelium.
Die neue Einheit unseres Volkes soll nach dem Willen des Führers gesichert werden durch eine einheitliche Erziehung unserer Jugend. Weite Kreise der deutschen Jugend sind innerlich von diesem großen Ziel des Führers ergriffen und begeistert, und große Scharen von evangelischen Jungen und Mädeln haben sich aus dieser Ergriffenheit heraus in die Reihen der Hitler-Jugend gestellt.
Ich weiß aber, daß die Jungen und Mädel, welche in den Bünden unseres evangelischen Jugendwerkes vereinigt sind, von ebenso heißer Liebe zu unserem Volk und ebenso starkem Willen zur Einordnung in das gemeinsame Ganze ergriffen sind. Es wäre ein Unrecht an ihnen, zu behaupten, daß sie in irgendeinem Sinne beiseite stehen wollen. Durch die Eingliederung habe ich dem, was in ihnen an Treue und Gefolgschaftswillen lebt, den einzigen Ausdruck gegeben, der für einen Deutschen heute möglich ist.
Es ist die Ehre des evangelischen Christentums von den Tagen der Reformation an gewesen, daß der Glaube an Jesus Christus uns evangelischen Christen Kraft und Freudigkeit dazu verliehen hat, uns mit unserem ganzen irdischen Leben dem Volk und dem Vaterland zu geben.
Ich durfte um des Evangeliums Willen auch nicht den Schein aufkommen lassen, als ob unser Christentum für uns ein Grund wäre, ein Leben abseits der Volksgemeinschaft zu führen. Ich weiß von manchem evangelischen Jungen und Mädel, daß sie anfingen, es als schmerzlich zu empfinden, gewissermaßen vor die Wahl gestellt zu sein, entweder Gemeinschaft auf dem Grunde des Glaubens zu haben oder Gemeinschaft im Willen für Deutschland.
Die von mir getroffene Vereinbarung sichert Euren Kindern die Erfüllung ihres Auftrages, das Wort des Evangeliums über ihre Jugendgemeinschafl: zu stellen. Sie sichert weiter jedem Hitlerjungen und ‑mädel die Möglichkeit, an evangelisch-christlicher Jugendgemeinschaft teilzunehmen. Was im Rahmen eines von Menschen geschlossenen Vertrages geschehen konnte, um dem Evangelium, um dem Willen unseres Herrn Jesus Christus in der nationalsozialistischen Jugenderziehung Raum und Stätte zu bereiten, das ist geschehen.
Ich bitte alle evangelischen Eltern herzlich: Sagt Euren Kindern, daß sie von ihren neuen Kameraden mit Liebe aufgenommen werden und daß sie ihre neuen Kameraden lieb haben sollen. Sagt ihnen, daß unser Herr Jesus Christus bei ihnen bleibt und mit ihnen geht in der neuen weiteren Gemeinschaft. Sagt ihnen, daß sie ihrem Heiland und Herrn einen großen Dienst tun, wenn sie sich in der neuen Gemeinschaft als tüchtige deutsche Jungen und Mädel bewähren. Der Gott, der unsere evangelische Kirche bisher bewahrt und geführt hat, wird sie auch auf seinen neuen wunderbaren Wegen leiten und behüten.
In herzlicher Liebe
Euer Ludwig Müller Reichsbischof
Aus: Kirchliches Jahrbuch für die Evangelische Kirche in Deutschland 1933–1944, hg. V. Joachim Beckmann, 60.–71. Jahrgang, Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, 2. Auflage 1976, Seite 42f. (Absätze wurden von mir eingebracht.)
3.3. Kurze Interpretation des Briefes
An diesem Brief wird sehr gut deutlich, wie manipulativ vorgegangen wird, wie christliche Terminologie aufgegriffen und christliche Emotion getriggert wird, um Jugendliche aus der Kirche herauszubrechen. Wenn man den Brief aus christlicher Perspektive intensiv liest, dann wird deutlich, wie perfide er ist.
Müller möchte die christliche Jugendarbeit in die nationalsozialistische Jugendarbeit überführen. Dazu verwendet er christliche Terminologie, um die christlich orientierten Eltern zu manipulieren (im Gebet gerungen, in Verantwortung für das Evangelium, also in Verantwortung vor Jesus Christus und seiner Botschaft). Mit Hilfe christlicher Terminologie versucht er die Unterwerfung unter den Nationalsozialismus zu legitimieren. Der einzige christliche Weg ist also: Unterwerfung unter die Ideologie. Um das noch zu untermauern unterstellt er den Jugendlichen, dass sie es schmerzlich empfinden, sich zwischen Glauben und Vaterland entscheiden zu müssen – und dass, was er anbietet, soll also beides gleichzeitig beinhalten: leben für Glauben und Vaterland. Dahinter steht freilich nicht die Zerrissenheit der Jugendlichen, sondern der zwanghafte Wille des Regimes, die Jugendlichen zu unterwerfen. Dass das Evangelium in der Hitlerjugend gewahrt bleibt ist Verdrehung der Tatsachen und das wusste Müller auch. Der Dienst für die menschenverachtende Ideologie wird als Dienst für Jesus Christus bezeichnet.
Aufgaben 1:
- Welchen Eindruck hast Du von diesem Text – gefühlsmäßig.
- Welchen Eindruck könnte der Text auf die Menschen der damaligen Zeit gemacht haben?
- Warum?
- Erkennst Du sprachliche und inhaltliche Mittel, mit denen versucht wird, Menschen die Vorgehensweise, die viele nicht wollen, schmackhaft zu machen?
3.4. Sportpalastrede von Reinhold Krause
Ich führe diese Rede an, obgleich sie nicht gesondert auf die christliche Jugendarbeit eingeht, weil sie zeigt, in welchem Menschen verachtenden Ungeist die Jugend erzogen werden sollte. Diese Rede hatte eine große Unruhe zur Folge. Sie zeigte vielen Anhängern der Deutschen Christen, was sich wirklich hinter dieser nationalsozialistischen Bewegung verbirgt. Und sie verließen die Deutschen Christen und manche wandten sich dann der Bekennenden Kirche zu. Das Vorhaben von Ludwig Müller, die evangelische Kirche in den Nationalsozialismus zu überführen, bekam einen Rückschlag.
Am 13. November 1933 hielt der Deutsche-Christen-Gauleiter von Berlin Reinhold Krause im Sportpalast eine Rede vor 20.000 Zuhörern. Er war ein mächtiger und einflussreicher Funktionär in der DC-Kirche. Der Berliner Gauverband war ein Zentrum des Versuchs, die Kirche gleichzuschalten.
In dieser Rede bezeichnete Krause Hitler als neuer Reformator, der dasselbe will wie Martin Luther – die Einheit des Volkes als Gottes Werk. Er lehnte Luther als Theologen ab, denn es geht ihm um Luther als Volksprediger. Und Luther als Volksprediger wollte nicht eine in unterschiedliche Konfessionen zerspaltene Kirche, sondern eine Volkskirche. Und diese Volkskirche werde nun durch den Nationalsozialismus / dem Führer geschaffen. Warum? Weil der Nationalsozialismus die Seele des deutschen Volkes beherrscht. Der Geist des Nationalsozialismus werde die Kirche erneuern und gestalten. Dann vermischt Krause den Geist des Nationalsozialismus mit dem Geist Gottes. So wird dann Hitler zu dem von Gott gesandten Befreier und Erretter. Das bedeutet weiterhin, dass die Gesetze des Staates auch die Gesetze der Kirche seien. Was das bedeutet, dass die Gesetze des Staates auch für die Kirche gelten, wird in der Rede vertieft: so sei auch das Alte Testament Menschenwerk, Juden seien nicht Gottes Volk, rassistisch wird gesagt, dass Judenstämmige nicht in die Kirche gehören würden – und jüdisch stämmige Pfarrer seien von den Kanzeln zu entfernen. Entsprechend sei auch das Neue Testament zu überarbeiten, die von Paulus verfälschte Botschaft sei zu entfernen. Allein gelte das Gebot der Nächstenliebe. Als „reine Jesuslehre“ wird bezeichnet, dass der Einzelne nichts gilt, es gilt nur das Volk. Es wird am Schluss der rede der heldische Jesusgeist mit dem nordischen deutschen Geist verbunden, der den „orientalischen Materialismus“ überwindet.
Dass die Rede emotionalisierend war, wird allein aus diesem Zitat deutlich: „Und da liegt in diesem alten Programm so Manches, was auch gerade jetzt emporleuchtet und uns die Fackel sein kann auf dem Wege in diese neue Kirche. Ich denke nur an dies Beides, das in diese Kirche getragen werden soll: eine heldische Frömmigkeit aus dem Geiste Luthers und ein artgemäßes Christentum.“ Das heißt, weil auch ständig vom Beifall die Rede ist, dass der Verstand ausgeschaltet wird und die Emotion die Hirne beherrscht.
Deutlich wird auch, wie christliche Begriffe neu interpretiert werden: der Geist Gottes wird je nachdem zum Geist des Nationalsozialismus, zum nordischen Geist, er wird nicht mehr mit Jesus Christus verbunden, sondern mit Hitler. Oder auch die Nächstenliebe wird uminterpretiert: Wer also der Nächste ist, bestimmen die nationalsozialistischen Gesetze. Juden sind für Krause und seine Genossen nicht mehr die Nächsten. Der Nächstenliebe-Begriff wird auf das Volk, auf das Völkische, das Germanisch/Arische begrenzt. Damit wird die gesamte christliche Tradition ausgeblendet und ideologisch überblendet.
Auszug aus der Sportpalast-Rede von Reinhold Krause: https://jochenteuffel.com/2019/10/15/es-wird-aber-auch-notwendig-sein-dass-ein-grundsaetzlicher-verzicht-auf-die-ganze-suendenbock-und-minderwertigkeitstheologie-des-rabbiners-paulus-ausgesprochen-wird-krauses-antisemitische-spo/
Aufgaben 2: dieselben Aufgaben lösen wie im Kontext von Ludwig Müller. Es wird deutlich, wie raffiniert Ideologen vorgehen, um den christlichen Glauben zu unterlaufen, ihn zu verändern:
- Welchen Eindruck hast Du von diesem Text – gefühlsmäßig.
- Welchen Eindruck könnte der Text auf die Menschen der damaligen Zeit gemacht haben?
- Warum?
- Erkennst Du sprachliche und inhaltliche Mittel, mit denen versucht wird, Menschen die Vorgehensweise, die viele nicht wollen, schmackhaft zu machen?
4. Widerstand
Nachdem nun Menschen vorgestellt wurden, die den christlichen Glauben und die christliche Jugend dem Menschen verachtenden Nationalsozialismus unterwerfen wollten, gab es auch zahlreiche Menschen, die sich gegen eine Übernahme durch die nationalistische Weltanschauung wandten. Aber es gab sie nicht nur in Für oder Gegen. Sondern es gab eine Menge Schattierungen. Kritisiert wird an dem christlichen Widerstand, auch von damaligen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, dass es der Bekennenden Kirche um die Freiheit der Kirche ging, aber weniger um Menschenrechte für andere. Es ging um die Freiheit des Glaubens und nicht um die Befreiung der Juden.
Wenn wir die Menschen der Zeit ansehen, dann muss freilich immer auch berücksichtigt werden: Menschen sind einmal zeitlich eingeschränkt, dann: sie können in der Zeit der Diktatur, in der Zeit des Regimes nicht einfach so handeln wie sie wollen, sie müssen vorsichtig, taktisch vorgehen, können nicht jedem trauen, müssen Prioritäten setzen, selbst Familien sind zerrissen, Angst vor der Geheimen Staatspolizei herrschte, wie auch vor Denunzianten, Benachteiligung der Familie, im Beruf und vieles mehr wollten sie selbstverständlich so gut es geht vermeiden. Aber dennoch sei die Kritik unterstützt, damit die Christen nicht als Kämpfer für etwas angesehen werden, für das sie nicht gekämpft haben. Aber der Mut ist bewundernswert.
Die nationalsozialistische Führung bestand aus Erwachsenen zwischen 25 und 45 Jahren. Auch die Menschen des Widerstands waren vielfach sehr jung. Das heißt, dass das Ziel der Nationalsozialisten, die alten Christen sterben weg, die jungen Menschen sind alle Nationalsozialisten, auch darum nicht erreicht werden konnte. Der Nationalsozialismus trat auch als eine Art Jugendbewegung auf. (1) Es ging also auch um den Kampf: Wer prägt die nächste Generation?
Bevor weitergearbeitet wird, sollte folgendes bewusst sein: Die Menschen in den 30er Jahren wussten noch nicht, was wir heute wissen. Sie wussten noch nicht von den Konzentrationslagern nach 1940 – vor 1940 schon, aber die hatten da noch einen anderen, aber nicht minder menschenfeindlichen Stellenwert -, wussten noch nichts von dem Krieg, nichts davon, dass der Nationalsozialismus besiegt wurde. Kein Mensch kennt die Zukunft. Von daher ist das eigene zeitgemäße Wirken immer ambivalent. Aber die Frage musste sich jede Christin und jeder Christ stellen: Entspricht das, was die nationalsozialistische Kirchenleitung als christlich ausgibt, wirklich der Botschaft von Jesus Christus? Steht das wirklich auf der Basis des christlichen Glaubens durch die Jahrtausende hinweg?
Das ist hier eine rhetorische Frage, die natürlich mit „Nein“ beantwortet werden muss. Warum? Der christliche Glaube war nie rassistisch (Biologismus), er ist nicht nationalistisch (Blut und Boden), auch wenn es immer wieder rassistische und nationalistische Gruppen gab bzw. der Nationalsozialismus Anknüpfungspunkte fand (so im Antijudaismus der Christen, im obrigkeitsstaatlichen Denken); der christliche Glaube hatte andere Ziele: das Wirken für das Reich Gottes bedeutet nicht, einer menschlichen rassistischen Ideologie zu folgen, zudem hat der christliche Glaube bekanntlich nicht viel dafür übrig, auf einmal alte germanische Götter wieder auf einen nicht existierenden Thron zu heben, wie manche Strömungen im Nationalsozialismus. Kommunismus hat den Klassenkampf als Motor der Geschichte angesehen, der Nationalsozialismus den Rassenkampf. Mit beiden hat der christliche Glaube nichts zu tun. An Jesus Christus glauben Menschen aus den unterschiedlichsten Völkern, den unterschiedlichsten Klassen. Sie alle gehören zu den Kindern Gottes. Der Antrieb für Christen ist der Geist Gottes, der Menschen drängt, den Willen Gottes zu erfüllen, nichts Innerweltliches. Sozialdarwinismus, das heißt, Züchtung von Menschen, die als besonders wertvoll angesehen werden, und Ausmerzung von Menschen, die als minderwertig bezeichnet werden, steckt wirklich nicht im christlichen Repertoire. Und dass irgendein Mensch als „Erlöser“ angesehen wird, ist für einen Christen ein absurder Gedanke, wobei freilich Menschen, die sich als Christen bezeichneten, in der Zeit des Nationalsozialismus trennen konnten zwischen dem politischen und religiösen Erlöser. Die Forderung, sich mit seinem ganzen Wesen einer Ideologie zu verschreiben, für sie zu kämpfen, das Leben für sie zu lassen, ist antichristlich. Der Mensch ist Person, also frei, verantwortlich, und nicht nur ein Individuum, das von Ideologen in Besitz genommen werden darf. Ein Individuum, das einfach im Volkskörper oder im Kollektivismus untergeht. Im Grunde widerspricht der christliche Glaube dem gesamten Menschen- und Weltbild dieser Ideologie. Von daher haben auch Nationalsozialisten den christlichen Glauben bekämpft und Hitlers Traum bestand darin, dass irgendwann die Jugend nationalsozialistisch denkt – und der christliche Glaube mit dem letzten alten Mütterchen in einer Kirche ausstirbt, bzw. Kirchen sollen vom Volkskörper abfallen wie ein „brandiges Glied“ (das heißt. durch Wundbrand verfaultes, abgestorbenes Körperteil). (2)
Aufgabe 3:
a) Liste die hier genannten Punkte untereinander auf.
b) Siehst Du weitere Unterschiede?
Es gab also unter anderem Christen, die
- für Hitler und den Nationalsozialismus waren
- punktuell für Hitler und den NS waren
- sich von Bewunderern zu Gegnern entwickelten
- gegen das System waren, aber als Teil des Systems arbeiteten
- als religiöse (internationale) Sozialisten den Nationalsozialismus ablehnten
- in der Bekennenden Kirche (der Menschen unterschiedlichster Richtungen angehörten) mitarbeiteten
Hier werden viele Namen überwiegend protestantischer Christen genannt, die in irgendeiner Form dem Widerstand zugeordnet werden können. Wo würdest Du die einzelnen Menschen in der oben genannten Liste einfügen? Beachte aber: Mit Hilfe von Wikipedia-Artikeln kann nur ein sehr partieller Blick auf die Menschen geworfen werden. Weitere Recherchen sind wichtig.
Neben den grundlegenden biographischen Angaben geht es um folgende Fragen:
- Wie sahen die Auseinandersetzungen aus?
- Welche Aufgabe hatten die einzelnen Menschen im Kontext der Auseinandersetzung?
- Wie haben sie sich engagiert?
- Welche Repressalien wurden von Seiten des Staates ausgeübt?
- Wird auch Kritik an der Bekennenden Kirche (BK) erkennbar?
- Wie ordnest Du das Wirken der jeweiligen Menschen aufgrund der wenigen vorliegenden Angaben ein?
- Kannst Du Dir vorstellen, welchen Befürchtungen, Ängsten, Sorgen sie im Alltag ausgesetzt waren?
- Inwieweit wird deutlich, dass die BK kirchliche Parallelstrukturen errichten wollte?
- Wieweit waren die genannten Menschen auch eher jüngeren Alters, also junge Erwachsene?
- Nicht bei dem Wikipedia-Artikel bleiben. Wenn vorhanden, sich von den „WebLinks“ ausgehend weiter im Internet informieren.
Namen, die zu recherchieren sind (Vollständigkeit wurde nicht angestrebt):
- Elisabeth Abegg
- Martin Albertz
- Hans Asmussen
- Karl Barth
- Kurt Gerstein
- Elisabeth Goes
- Heinrich Grüber und „Büro Grüber“
- Helene Jacobs
- Ingeborg Jacobson
- Hildegard Jacoby
- Walter Künneth
- Hans Meiser
- Marga Meusel
- Friedrich Müller
- Ludwig Müller
- Martin Niemöller
- Friedrich Justus Perels
- Alfred Salomon
- Hildegard Schaeder
- Elisabeth Schmitz
- Paul Schneider
- Gertrud Staewen
- Katharina Staritz
- Siegbert Stehmann
- Edith Stein
- Werner Sylten
- Wilhelm Vischer
- Paul Vogt
- Simone Weil
- Friedrich Weißler
- Beachte auch: Mitglieder des „Kreisauer Kreises“
Namen von zahlreichen Menschen der katholischen Kirche, die Menschen, die Opfer der Nationalsozialisten wurden, sind hier zu finden: https://www.erzbistumberlin.de/glaube/glaubenszeugen/
*
(1) Hitler war im Jahr 1933 44 Jahre alt; Goering 40; Darré 37; Goebbels 36; Himmler 33; Bormann 32; Heydrich 29; Speer 28; v. Schirach 26.
(2) Dazu s. Wolfgang Fenske: Wie Jesus zum Arier wurde, 2005: 229.