(Im Aufbau begriffen.)

Die christlichen Dichter des 20./21. Jahrhunderts stehen in einer langen Reihe christlicher Dichter.

Das 1. Jahrhundert

Christliche Dichtung finden wir schon im Neuen Testament. Ein paar seien genannt. Die folgenden Zusammenfassungen sind meine Interpretationen. Aber es ist nicht schwer, an die Texte zu kommen und eigene Interpretationen zu erstellen.

In ihnen finden wir jüdische und pagane Traditionen aufgenommen – das ist deutlich. Aber sie setzen eigene inhaltliche Akzente. Diese Akzente durchbrechen die Grenzen, die Menschen einengen, sie zerreißen Fesseln, die Menschen binden. Hymnen versuchen sprachlich die Welt in ein neues Licht zu tauchen. Dieses neue Licht Gottes soll die Menschen anstecken, auf dass sie selbst von diesem Licht ergriffen zu Licht werden. Sie heben den Menschen hoch, heben sie aus dem Dunstkreis heraus in die frische Luft Gottes. Darum werden sie in einer überschwänglichen Sprache formuliert:

Philipperbrief 2,5-11

Jesus war bei Gott – wurde Mensch – starb den Schandtod am Kreuz – wurde von Gott erhöht.

Paulus zeigt, dass Gott selbst die Fesseln sprengt – der Mensch hat aufgrund dieses Verhaltens Gottes ein Vorbild für eigenes Verhalten bzw. ist in der Lage, sich menschlich zu verhalten.

Epheserbrief 1,3-14

Gott hat uns in Jesus Christus erwählt – zu seinem Lob zu handeln – in Jesus Christus Erlösung – in Jesus Christus Offenbarung des Geheimnisses – in Jesus Christus die Fülle der Zeit und der Schöpfung – in Jesus Christus die Gabe des Geistes – in Jesus Christus: wir.

Im Epheserbrief wird den Menschen gezeigt, wie groß Gott sie macht: Erkenntnis Gottes durch Gott, Herrlichkeit der Auferstehung, immens groß ist Gottes an uns wirksame Kraft, Gottes Liebe wirkt an Menschen gute Werke. Der Hymnus steckt den Autor also an, weiter hymnisch zu sprechen.

Kolosserbrief 1,15-20

Jesus Christus ist Gottes Ebenbild – alles ist in ihm, durch ihn, zu ihm hin – Jesus Christus ist Herr der Gemeinde – mit ihm die Auferstehung – in ihm die Fülle Gottes – durch ihn Frieden mit Gott zu Gott – durch seinen Tod.

Im Kolosserbrief wird gezeigt, dass der Friede Gottes, der durch Jesus Christus Menschen erfasst, Auswirkungen hat auf die zwischenmenschliche Beziehung. Es gibt keine Trennung mehr zwischen Heiden und Juden – und: das Evangelium wird allen Geschöpfen gepredigt, das heißt: Durch das Evangelium wird nicht nur die Möglichkeit geboten, dass Menschen miteinander Frieden haben, sondern auch mit der Schöpfung. Diese Einheit ist zu leben – darum wirbt der Brief.

Johannes-Evangelium 1,1-18

Jesus Christus ist Gottes Schöpfungswort – Jesus Christus ist das Leben und das Licht – Jesus Christus kam in seine Welt und wurde nicht aufgenommen – Menschen, die ihn aufnahmen, sind Gottes Kinder, sind neu – sie sahen die Herrlichkeit Jesus als Sohn Gottes – eine Herrlichkeit voll Gnade und Wahrheit – verkündigt durch Gott selbst.

Mit diesem Lied beginnt das Johannesevangelium. Es ist das Vorzeichen für das, was folgen wird: Berichte über Jesu Worte und Taten. Das sind Versuche, das Herrliche, das erkannt wurde, in Worte zu fassen. In das Licht der Auferstehung Jesu Christi wird dessen Leben und Reden getaucht. Wer das nicht erkennt, erkennt nicht die Herrlichkeit Gottes, erkennt nicht Gnade und Wahrheit. Dunkel bleibt um ihn herum, Unbarmherzigkeit und Verführung zur Lüge. Die Grenzen dieser Finsternis werden durchbrochen für den, der Jesus Christus angenommen hat. Herrlichkeit, Gnade und Wahrheit bestimmen sein Wesen.

1Timotheusbrief 3,16

In Jesus Christus offenbart sich Gott als Mensch (Fleisch) – erkannt im Verstand (Geist) (oder durch Geist Gottes) – verkündigt den Geschöpfen – wurde verherrlicht.

(Selbst dieser 6-Zeiler ist sehr schwer zu interpretieren – was ihn um so spannender macht.) Wenige Zeilen sprechen das „Geheimnis/Mysterium des Glaubens“ aus, dieses ist tragender Pfeiler der Gemeinde und Basis für die Wahrheit. Inwiefern, das wird an den vorangehenden und folgenden Verhaltensanweisungen im Brief verdeutlicht.

1 Petrusbrief 2,21-25

Christus ist ein Vorbild, dem zu folgen ist – das reine Vorbild im Leiden – nahm am Kreuz unsere Sünde, damit wir gerecht leben – irrende Schafe waren Menschen, sie folgen nun dem Hirten. ­

Dieses Lied durchbricht die Grenzen in ganz neue Art und Weise. Leiden ist nicht mehr sinnlos, Leiden wird Teil der Nachfolge, wird Zeugnis für den, dem man gehört: Jesus Christus. Eingebettet wird dieses Lied in die Ermahnung an Sklaven. Warum wird die Ermahnung so hervorgehoben? Weil die Sklaven nicht allein leiden, sondern die gesamte Gemeinde, an die der Brief gerichtet wird, ist eine Leidende. Dieses Lied, vielleicht das Lied eines christlichen Sklaven, wird ein Ermutigungslied für die Gemeinde, das die Fesseln des Leidens sprengt.

Fazit

Es ist möglich, dass die Gemeinden, denen die Lieder geschrieben wurden, diese kannten. Vielleicht in ihnen selbst gedichtet wurden. Mit ihnen wird einmal die Argumentation unterstützt: Wisst ihr eigentlich, was ihr singt, welche Bedeutung dieses euer Lied hat? Zum anderen sind sie mehr als Argumentation: Hymnen, Lieder, Gedichte beinhalten immer ein „Mehr“ als der Kontext verlangt. Sie sprengen die Argumentation, stoßen ein Loch in die verschlossene Höhle, Licht und Luft dringen herein.

Wichtige Texte aus dem Neuen Testament habe ich nicht genannt: Marias Lobgesang (Magnifikat; Lukas 1,46-55) und den Lobgesang des Zacharias (Benediktus; Lukas 1,67-79). Wunderbare Texte ganz in jüdischer Tradition, die aus christlicher Perspektive gelesen (relecture) funkeln.

2.-4. Jahrhundert

Oben wurden Texte aus dem Neuen Testament (NT) vorgestellt. Die folgenden Texte aus dem 2.-4. Jahrhundert sind überwiegend entnommen aus: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften. Übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christiane Nord, Insel Verlag Frankfurt 1999; weitere aus Bekenntnisse der Kirchenväter.

Die Gedichte erweitern unsere Vorstellungen – Vorstellungen der Menschen in der Antike – wie wieder die Vorstellungen heutiger Menschen. Neuer Lebensraum wird eröffnet.

Dass Christen Christus als ihrem Gott vor Sonnenaufgang im Wechsel Lob gesungen haben, erfahren wir von einem, der Christen zu Beginn des 2. Jahrhunderts verhörte, Plinius der Jüngere [ep. 10]. es gibt weitere Hinweise darauf, dass Christen die ganze Nacht gesungen haben [Lucian], bzw. von Gläubigen verfasste Lieder, in denen Christus als Gott besungen wird [Euseb V 28,5]. Wie viel Christen gesungen haben, wird sogar von Tertullian [+220] bezeugt: Ehepaare fordern sich gegenseitig auf, Christus das beste Loblied zu singen: „Dergleichen zu sehen und zu hören ist ein Gegenstand der Freude für Christus. Solchen sendet er seinen Frieden. BKV: Ad uxorem 2,9)

Oden Salomos

Auch in christlichen Texten, die nicht im NT stehen, aber zum Teil recht früh sind, finden wir Lieder: Oden Salomos. Diese 42 Oden, die möglicherweise in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts entstanden sind, sind eine faszinierende Weiterentwicklung christlicher Lieder, Hymnen, Gedichte. Ich gebe hier nur ein paar wenige wieder. In manchen ist der „Kranz“ auf dem Kopf wichtig: Es handelt sich um den Siegeskranz – der Kranz, der jedoch nicht wie weltliche Kränze verwelken, sondern neu treibt. Diese Hymnen, wie sichtbar wird, sind sehr bildhaft. In ihnen ist auch von Verfolgung die Rede, von der Hinrichtung Jesu („Ich wurde ausgepeitscht wie von Wogen“ [31]) – in diesen Zusammenhängen aber vor allem auch vom Leben, vom ewigen Leben. Eine hohe Moral wird auch erkennbar („Kaufe keinen Sklaven, denn er ist wie du selbst“ [Ode 20]) Manche Hymnen lassen erkennen, dass Jesus selbst spricht – ob alle, das wird diskutiert.

Ode 40 thematisiert das Singen selbst:

Der Sänger muss einfach dem liebenden Gott Lieder singen. Das Singen beeinflusst den Sänger, bis dahin, dass es das Gesicht froh macht.

Ode 23:

Ich (Jesus Christus? Ich, der Beter?) betete – Gott nahm mir die Fesseln ab – er erhob mich – kleidete mich mit Licht – ich war frei von Schmerzen – erschien vor Gott voller Lob – „Gott ließ mein Herz überfließen von Jubel“ – der Jubel ließ mein Gesicht strahlen.

Wie gesagt, es wird nicht immer deutlich, wer das „Ich“ ist. Handelt es sich um ein Lied Jesu, um das Lied eines Glaubenden? Diese Offenheit dürften von der Theologie der Oden beabsichtigt sein: Sie geben die enge Verbundenheit des Glaubenden mit Jesus Christus wieder, wie Ode 3 zeigt:

Wer geliebt wird, kann Liebe verstehen – die Liebe vereint – weil ich den Sohn (Jesus Christus) liebe, werde ich zum Sohn – und werde leben.

Auch hier: Die Grenzen werden gesprengt. Wie es an anderer Stelle sinngemäß heißt: Irrtum fesselt – Gott befreit (Ode 18). Gott zerreißt die Fesseln – ein wichtiges Thema der Oden.

Apostelgeschichte des Johannes

Auch die Apostelgeschichte des Johannes (3. Jahrhundert) spricht von einem Lied, das Jesus selbst gesungen hat. Das heißt nicht, dass Jesus das wirklich sang. Es handelt es sich um eine besondere Art responsorischer Texte und lässt darauf schließen, dass es Gemeinden gab, in denen zum Beispiel auch im Kontext der Passion getanzt wurde. Das neutestamentliche Johannesevangelium kennt Reden im Anschluss an das letzte Abendmahl. Dieser Tradition folgt auch das Lied aus dem „Unbekannte Berliner Evangelium“ (2./3. Jh.) mit einem Lied: „Der Heiland sagte: `Ich bin in eurer Mitte wie ein kleines Kind´. / Wir antworteten: `Amen´… `Ich bin der König´ / Wir antworteten: `Amen´…“. Auch in der Apostelgeschichte des Johannes finden wir ein solches Lied. Es wird deutlich, dass ein solcher Stil zitiert werden muss. Denn es sollte die Menschen tanzend emotionalisieren.

„Wenn du tanzt, / dann schau, wie ich tanze; / denn das Menschen-Leiden, / das ich jetzt erleide, / ist dein Leiden. / … / Wenn du um mein Leiden wüsstest, / hättest du die Freiheit vom Leiden. / Erkenne das Leiden, / dann bist du vom Leiden frei.“ Diesem Auszug des Fazits geht das Responsorium voran: „ … / `Fliehen will ich, und bleiben will ich.´ – `Amen´. /… / `Geeint werden will ich, und einen will ich.´ – `Amen´. / … / `Ein Licht bin ich für dich, / wenn du mich siehst.´- `Amen´ / `Ein Spiegel bin ich für dich, / wenn du mich verstehst.´- `Amen´. / …“

Glauben ist nicht nur reflektieren. Glauben, so zeigt dieser dichterische Text, ist gemeinschaftliches Erleben. Es ist ein Ablegen der Fesseln, ein Sprengen der Grenzen durch die emotionale Verbundenheit mit Jesus Christus.

Clemens von Alexandrien

Das Singen selbst wird auch vor einem Hymnus angesprochen, das in einem Werk von Clemens von Alexandrien (+215) zu finden ist. In diesem Werk, Paidagogos (Erzieher), heißt es, dass Jesus Christus die Kinder sammeln möge, die ihn, den Erzieher, aufrichtig preisen mögen. Aber wie anders klingt es, wenn man meine dürren Wiedergabe-Worte mit BKV überträgt:

„Zaum ungezähmter Füllen, / Flügel nicht irrender Vögel, / Untrügliches Steuer der Schiffe, / Hirte königlicher Lämmer, / Deine einfältigen Kinder sammle, / Dass sie heilig loben, / Arglos preisen / mit dem unschuldigen Mund / Den Erzieher der Kinder Christus. / Der Heiligen König, / Allbezwingendes Wort / Des höchsten Vaters, / der Weisheit Gebieter, / Stütze im Leiden / Voll ewiger Freude, /…“

Jesus Christus ist Weisheit, Stütze im Leid, Erlöser, Hirte – Jesus Christus möge seine Kinder führen, in den Himmel – Jesus Christus ist Wort, Zeit, Licht, Quelle – er ist Leben derer, die Gott loben.

Jesus Christus ist Milch aus den Brüsten der Weisheit – die Glaubenskinder trinken. Der Tau des Heiligen Geistes lässt singen, lässt Jesus Christus loben, dem Geber des Lebens. Die Singenden sind ein Friedens-Chor, lobend den Gott des Friedens.

Auch hier (wie in den Oden Salomos) wird das Singen der Gemeinde als Folge der Sättigung durch den Heiligen Geist angesehen (vgl. auch Lukas 1,67: Benediktus). Jesus Christus wird gepriesen – weil er Menschen Leben schenkt und den Weg dahin weist. Der Mensch wird nicht mehr durch irdische Verkrampfungen gefesselt. Er hat Verbindungen zu dem Befreier, zum Gott des Friedens.

Sibyllinen – Buch VI

Die Sibyllinen sind Prophetinnen – heidnischer Provenienz. Ihre Sprüche wurden gesammelt – bzw. es wurde eine Gattung entwickelt, die rückblickend die Zukunft vorhersagen ließ. Das heißt, es findet ein Ereignis statt – und im Nachhinein wird dieses Ereignis dann als Zukunftsansage beschrieben. Ich vermute, dass man in manchen Bereichen wusste, um welche Art Gattung es sich handelt. In anderen wiederum wurden sie dann für bare Münze genommen. In diesem Lied VI verkündigt eine (christliche) Sibylle Jesus Christus (der allerdings nicht mit Namen genannt wird). Unabhängig von der für uns aus heutiger Perspektive fragwürdigen Entstehung kann doch das Hymnische gewürdigt werden:

Bevor er Mensch wurde, hat er geherrscht – Er wurde Mensch („Gott wurde Vater, weil er [Jesus] durch den Geist sein Sohn war, sichtbar im weißen Gefieder der Taube“) – beschrieben werden seine Taten und Worte – er wird die Seinen rühmen – er wird abgelehnt, gefoltert, am Kreuz getötet – er wird auferstehen („Die Erde wird dich nicht fassen“) – er wird herrschen.

Wie im Philipperhymnus (Philipperbrief 2) wird Jesu Sein im Himmel, sein Handeln, seine Auferweckung besungen (Abstieg – irdisches Leben – Aufstieg), allerdings nicht wie im genannten Brief nur die Kreuzigung, sondern Jesu Wirken. Auch in diesen Texten werden schöne Bilder verwendet (er wird als reine Blüte erblühen, seine Quelle wird reichlich fließen, die Erde freut sich voll Hoffnung auf das Kind). An solchen Texten wird deutlich, dass der Mensch auch nicht durch eine unausweichlich scheinende Geschichte gebunden ist. Gott ist Herr der Geschichte. Diese Sicht hat, wie wir unten sehen werden, Auswirkungen auf das Leben angesichts der Zukunft.

Sibyllinen Buch VII

Das Buch VII hat in 217-250 eine Besonderheit. Die Buchstaben, mit denen die Zeilen beginnen, ergeben das Wort: IESOUS CHRISTOS THEOU HYIOS SOTER STAUROS (Jesus Christus Gottes Sohn Retter Kreuz)  – womit das bekannte ICHTYS genannt wird – also griechisch: „Fisch“ – das frühe Symbol der Christen. Das zweite S („Stauros“ – Kreuz) weist auf die Bedeutung des Kreuzzeichens hin. Es ist Trost, Leben, Erleuchtung, gleichzeitig nehmen Menschen daran ständig Anstoß.

(Auch Augustinus weist in seinem Werk „Gottesstaat“ 18,23 auf diesen [?] Text hin [allerdings noch ohne Hinweis auf das Kreuz], interpretiert das Wort „Fisch“ so: Jesus Christus konnte sich in den tiefen Gewässern der Menschheit aufhalten, ohne zu sterben. Er selbst führt als Vorwurf gegen diese Texte an, dass sie von Christen gefälscht seien [18,46]).

Wie auch immer die Erstellung der Texte beurteilt werden mag, sie zeigen, wie intensiv christliche Dichter am Werk waren.

Ephraim/Ephräm der Syrer (+373)

Von ihm gibt es zahlreiche Hymnen unterschiedlichen Charakters. Viele Hymnen (mit Hinweis auf die Melodie) reagieren auf die Angriffe auf die Stadt Nisibis (heute: Nusaybin, 85.000 Einwohner; bewohnt von Kurden an der türkisch-syrischen Grenze). Diese Stadt wurde von Sapor einem Herrscher Persiens und Christenverfolger belagert und aus christlicher Perspektive wunderbar gerettet. Andere Hymnen besingen die hervorragenden Bischöfe von Nisibis, andere wenden sich gegen Irrlehrer und den Kaiser Julian, der sich gegen Christen gewandt hatte.

Diese Hymnen schildern aktuelle historische Ereignisse. Diese Geschichts-Hymnen sind sehr lang und versuchen, das Leiden ethisch zu reflektieren. Auch im zweiten Nisebenischen Hymnus haben wir wie Sib. VIII einen Akrostichon: Die Buchstaben der Zeilenanfänge lauten übersetzt: Unsere Stimme o Nisebener klagt. Eine Strophe lautet (80ff.) (zitiert nach BKV):

„Sicher ist, daß jener Gütige kein Wohlgefallen hat an Heimsuchungen, die zu allen Zeiten eintreten, obgleich er selbst sie schickt: unsere Sünden sind  die Ursachen unserer Qualen. Kein Mensch darf den Schöpfer beschuldigen, er ist es, der uns beschuldigen kann; denn wir haben gesündigt und ihn zu zürnen genötigt, obgleich er es nicht wollte, und zu strafen, obgleich er kein Wohlgefallen daran hat.“ Der Hymnus schließt (124ff.): „Lasset uns also mit dem vergangenen das Zukünftige abwenden; lassen wir uns belehren durch das Erlebte, um Kommendes zu vermeiden; seien wir eingedenk dessen, was vorangegangen ist, damit wir Zukünftigem entgehen.“

Was wir heute mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus aus der Geschichte lernen wollen, damit so etwas nie wieder passiert, wird hier schon formuliert, allerdings mit Blick auf Gott. Das bedeutet, dass nicht nur bestimmte ideologische Übel vermieden werden sollen, sondern das Verhalten insgesamt dem Willen Gottes entsprechen muss, würde Ephraim uns sagen. Wie oben gesehen: Wir können unsere Zukunft beeinflussen. Sie ist kein Räderwerk, das den Menschen in eine Richtung zwingt, die er nicht möchte.

Sehr zu Herzen gehen seine Klagen angesichts der Pest. Dieses Sterben reflektiert er in einem Gedicht, in dem er schildert, dass alle sterben müssen. Als er an einem Grab darüber nachdachte, erkannte er den „geheimen Sinn“: „Der Tod ist ein Bild der Gerechtigkeit Gottes.“ Diese Erkenntnis mündet dann in die Aussage: „Doch nun lasst den Gesang von hier zu Ende uns bringen; Preist des Gerechten Huld, welcher die Leiber erweckt!“ Er sandte seinen Sohn, litt den Tod, um selbst zu spüren, wie schlimm er für Menschen ist. Seit des Todes und der Auferstehung Christi ist für Glaubende der Tod nu ein Schlummer. In einem anderen text beschreibt er, wie die Seele sich vom Körper löst. Der Körper ruft der Seele zu: „Im Frieden zieh´, / Geliebte Seel´! / Der uns zum Licht / Berief, errett´/ Uns von der Höll´!“ In einem anderen Lied zur Pest-Zeit bittet er um Rettung, schließt aber: „Preis Dir, Vater und Sohn, von den Lebenden wie von den Toten“. Das heißt: Der Tod der Glaubenden mündet in das Gotteslob. (Texte: Josef Rauchenbichler (Hg.): Gesänge der Heiligen, Landshut 1837)

Auch hier: Grenzen werden gesprengt. Die Grenzen des Todes – sind eingerissen. Tod und Sterben schmerzen Lebende sehr – aber sie münden ins Leben.

*

Gregor von Nazianz

Von Gregor von Nazianz (329-390) gibt es über 300 Gedichte: Theologische – dogmatische, moralische -, Historische, die ihn selbst thematisieren und die andere thematisieren. Sein Gedicht Über das eigene Leben ist der erste Text, der das eigene Leben biographisch durchdringt, älter als die Bekenntnisse des Augustinus und er ist der erste, der seine eigene Kindheit betont (M. Slusser: The Fathers oft he Church 75, 1992). Sie Selbstreflexion, die Frage des Zustands der Seele – um es so zu sagen – nahm mit dem christlichen Glauben zu: In welcher Beziehung steht sie zu Gott? Das ist nicht nur eine individuelle Frage, sondern diese gilt allen Menschen. Darum wird sie von manchen Christen öffentlich reflektiert. In seinem Gedicht Über seine eigenen Angelegenheiten spricht er in Form eines Gebetes über sein Leben, über seine Mutter, sein Vater, seine Kindheit und Jugend, das, was ihm im Leben wichtig war, dann über die Lebensspannungen. Denn er, der eigentlich die Zurückgezogenheit liebte, wurde in eine schwere kirchliche Auseinandersetzung hineingezogen – und das als Bischof.

Am Beginn seines Gedichts ruft er Gott an, der Mensch wurde. Er möge ihm helfen gegen die Menschen, die denen gegenüber feindselig sind, die Gott lieben, die das eigene Ebenbild Gottes beschmutzen, ihre Seele an die Erde fesseln. Am Ende seines Gedichts beschreibt er, dass er nichts hat, das ihm helfen kann, keine liebende Frau, die ihn mit Worten tröstet, keine Kinder, die dem Alten helfen. Freunde leben im Streit, Nächstenliebe ist ihnen fremd geworden.  

Dann heißt es:

Du bist meine Stärke, der Herr aller, der Ungeborene, der Anfang und der Vater des Anfangs, der der unsterbliche Sohn ist.  Du bist das große Licht…  O Sohn Gottes, Weisheit, König, Wort, Wahrheit, Bettler, Hirte, Lamm, Opfer, Gott, Mensch, Hohepriester; Geist, der vom Vater ausgeht, Licht meines Verstandes… du schaust in Barmherzigkeit herab. Gewähre, dass ich hier und im Jenseits mit der ganzen Gottheit vermischt werde.  Mit endlosen Hymnen darf ich Dich in Freude feiern.

In den Gedichten, in denen er sein Schweigegelübde reflektiert, reflektiert er auch sein Dichten.

Er sieht sich als Instrument Gottes, das nicht griechische Legenden und Mythen besingt, nicht die Natur, nicht die Sehnsüchte des Menschen. Er besingt den dreieinigen Gott, singt von den Hymnen der Engel, singt von der Harmonie der Welt, die kommen wird, von Christi Leiden, das den Beter zum Gott gemacht hat, indem er Menschliches und Göttliches mischte.

In seiner Klage

weist er auf klagende Menschen, Menschen, die ihre Lieben verloren haben, die von Feinden verheerte Heimat, das vom Feuer geraubte Haus. „Doch wie vermag ich es je zu beweinen in würdiger Trauer, / Meine gesunkene Seele! Dich, Bildnis des ewigen Gottes“, das von der Sünde vergiftet wurde? (Zit.: Gesänge der Heiligen)

Im Lobgesang auf Christus werden nicht, wie in der Antike vielfach üblich, die Musen angerufen. Bei Gregor heißt es: „Dich, den ew´gen Herrn der Herren, / Gieb zu singen, lobzupreisen“ – und es folgt ein Lied, das die Macht – auch Schöpfermacht – Jesu Christi besingt. Durch Christus strahlt das Licht der Sonne, kennt der Mond seine Bahn, durch ihn gelangt der Geist der Glaubenden zu Gott. Angesichts der Größe Christi wird der Mensch ganz klein, ganz groß. An diesem Lied sieht man auch, dass es eines ist, das in Auseinandersetzung mit konkurrierenden christlichen Strömungen eingreifen soll (J. F. Kayser – s. (2))

An Gregor wird deutlich, dass er den strengen Rahmen, in dem traditionelle lyrische Kunst gedichtet wurde, aufgrund seines christlichen Interesses sprengt (Dihle 616).

„Und im Jahr 390 nahm Gott diesen treuen Diener, der ihn mit scharfsinniger Intelligenz in den Schriften verteidigt und mit so viel Liebe in seinen Gedichten besungen hatte, in seine Arme.“ So Papst Benedikt XVI.: https://de.zenit.org/articles/papst-benedikt-xvi-uber-den-heiligen-gregor-von-nazianz-teil-1/

Nicetas, Bischof von Remesiana

Nicetas, der nach 414 gestorben ist, ist möglicherweise der Dichter eines der wichtigsten Texte der Kirche, das te Deum (laudamus). Er wird auch anderen zugeschrieben bzw. wird als ein Text angesehen, der im Laufe der Zeit angewachsen ist ( https://de.wikipedia.org/wiki/Te_Deum ). Zudem wird Nicetas auch als einer angesehen, der Ambrosius auf den Geschmack gebracht hat, eigene westliche Hymnen zu formulieren.

Erde, Engel, Apostel, Propheten, Kirche – alles lobt Gott, den majestätischen Vater, den wahren Sohn, den fürsprechenden Geist – Christus ist Mensch geworden – befreite den Menschen – bezwang den Tod – öffnete den Himmel – herrscht, wird wiederkommen. Diesem Lobpreis folgen Bitten, um Hilfe, Rettung, Segen, Erhebung, Bewahrung vor Schuld. Und um Erbarmen.

Proba und Juvencus

Sie wollten zu Beginn des 4. Jahrhunderts das Alte wie das Neue Testament in eine sprachlich fließende Form überführen, die für gebildete Römer angemessener erschien: im Stil des großen Vergil. Juvencus wurde für sein Werk bis ins 8. Jahrhundert hinein bewundert. Da es in dieser meiner kleinen Übersicht jedoch nicht um die zahlreichen Versuche geht, die Bibel zu inkulturieren, und seien sie sprachlich noch so kunstvoll, sondern um Gedichte, sei es bei diesen Anmerkungen geblieben. An diesen Texten wird auch deutlich, dass die christliche Dichtkunst, die im Osten schon intensiv vorhanden war, den Westen erreicht hat. Ebenso sei an dieser Stelle angemerkt, dass ich die zahlreichen Neuformulierungen der Psalmen durch die Jahrhunderte nicht aufnehmen werde. Auch das wäre ein eigenes Thema.

Was unbedingt zum Verständnis erwähnt werden muss: Christen versuchten ihren Glauben erst langsam „Wort“ werden zu lassen, ihn mit den Möglichkeiten der Sprache ihrer Zeit auszudrücken. Der Glaube brachte viel Neues – doch wie kann man das Neue formulieren? Darum rang man zum Teil heftig. Welche Formulierung – aus der eigenen Tradition – gibt den neuen Glauben angemessen wieder? Dichter trugen dazu bei, Worte für den Glauben zu finden.

Hilarius von Poitier

Von Hilarius von Poitier (315-367) gibt es nur noch wenige Fragmente von drei seiner Gedichte – Zuweisungen von Fragmenten und Gedichten werden diskutiert. Hilarius wurde in ein Haus hineingeboren, dem die Philosophie des Neuplatonismus wichtig war. Er war in der Verwaltung tätig und wurde erst später Christ. Als Christ begrüßt er den Morgen im Morgengesang (BKV).

Die aufgehende Sonne ergießt sich in den Tag – diese Sonne verblasst angesichts des Lichtes Gottes – das sich als Gnade in die Herzen ergießt – und verändert Menschen – er bittet, dass Diebstahl, Unkeuschheit und Gier sich nicht im Menschen ausbreiten.

Die Seele hoffet betend dieß,
Nur diese Gaben wünschet sie,
Damit uns hold das Morgenlicht
Beschirme in der finstern Nacht.

Das Gloria – ein Morgengebet, das Eingang gefunden hat in die christliche Liturgie – stammt vermutlich von Hilarius (eher unwahrscheinlich? Wahrscheinlicher die lateinische Übersetzung?) http://www.kathpedia.com/index.php?title=Gloria_in_excelsis_Deo :

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade.

Wir loben Dich, / wir preisen Dich, / wir beten Dich an, / wir rühmen Dich und danken Dir, / denn groß ist Deine Herrlichkeit: / Herr und Gott, König des Himmels, / Gott und Vater, Herrscher über das All, / Herr, eingeborener Sohn, Jesus Christus. / Herr und Gott, Lamm Gottes, …

Immer wieder kann man lesen, dass die Eingangsworte, die der Bibel entnommen sind (Fettdruck), Reflex des Verbots des Konzils von Laodizea sei, dass man keine Psalmen mehr dichten dürfe. Man habe darum einen Bibeltext genommen und an diesen dann den neuen Hymnus angeschlossen. Spannend ist, dass sich keiner der Großen daran gehalten hat. Von daher frage ich mich – als Laie – ob nicht ein anderer Grund vorliegt, den Paulinus im Brief an Jovius formuliert: Er solle sich ein Thema aus der Bibel suchen und diesem das Loblied zur Ehre Gottes anfügen. Dadurch gelangen staunender Glauben und Liebe ins Herz. Zudem hat meines Wissens das (regionale!) Konzil nicht gesagt, dass man keine Lieder/Hymnen schreiben dürfe, sondern nur, dass diese Lieder/Hymnen keinen kanonischen Rang einnehmen dürfen, das heißt, nicht die Bedeutung haben, wie sie biblische Texte haben.