MENSCHENBILDER DER NEUZEIT UND DAS MENSCHENBILD DER BERGPREDIGT
In der Neuzeit werden unterschiedlichste Menschenbilder vertreten, die plakativ und kontrastiv dargestellt werden. Dazu mit Blick auf die Bergpredigt ein paar Überlegungen.
Aufgabe 1:
Welchem Philosophen würdest Du die jeweilige Position zutrauen? (Auflösung s. unten):
1. Philosophen aus dem 18./19. Jahrhundert
a) XXX meint, der Mensch sei nur Teil der Natur, nichts Besonderes – und sein Wunsch nach ewigem Leben bzw. unsterblicher Seele sei ebenso nur Teil der Natur.
✓ Bergpredigt: Der Mensch ist mehr als Teil der Natur, weil er von Gott groß gemacht wird (Seligpreisungen: Mt 5,1ff.) – hier wird jüdische Tradition deutlich: der Mensch ist Ebenbild Gottes.
b) XXX meint, dass der Mensch dem Menschen Gott sei – und das höchste Gesetz sei die Liebe zum Menschen.
✓ Diesen Aspekt hat er von Jesus – dem Doppelgebot der Liebe: Liebe Gott – und gleichwertig: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
Feuerbach lässt den ersten Teil weg, weil er meint, dass „Gott“ eine Projektion des Menschen sei, versucht somit die christliche Ethik zu säkularisieren.
c) XXX sieht: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf – darum gibt es Gesetze, um den Menschen in seiner Bösartigkeit einzuschränken.
✓ Bergpredigt: Der Mensch kann sich verändern. Er kann Verantwortung tragen, indem er die Gebote Gottes hält. Er kann lieben – Jesus Christus traut es ihm zu (Goldene Regel, Antithese: Feindesliebe usw.).
d) XXX sieht den Menschen aufgrund des Privateigentums als ein von sich selbst entfremdetes Wesen. Darum müsse Privateigentum abgeschafft werden.
✓ Bergpredigt: Im Reich Gottes wird es kein Privateigentum geben. Der Mensch soll jetzt schon teilen. Er kann es aufgrund seines Gottvertrauens. (Mt 6,24ff.)
e) XXX träumt davon, dass der Mensch sein äffisches Wesen verlassen und sich zum Übermenschen machen solle – nur Sklavenmoral kümmert sich um Schwache.
✓ Bergpredigt: Der Mensch ist groß, wenn er sich Gottes Willen gemäß dem Menschen zuwendet. (Mt 6,16ff.)
2. Philosophen aus dem 20. Jahrhundert
f) XXX sieht, dass der Mensch biologisch ein Mängelwesen ist und (g) XXX betont den Zusammenhang von Körper und Psyche (Warum weint der Mensch aus Reue und lacht nicht? Warum lacht der Mensch über einen Witz und weint nicht?)
✓ Bergpredigt: Jesus geht es nicht um den Menschen als biologisches Wesen, als Körper, ihm ist es wichtig, dass der Mensch einsieht, dass er sich gegen den anderen Menschen und gegen Gott zu vergeht. Es geht um ethische Mängel – und daraus folgen eben auch verstandesmäßige Mängel. Wer nachdenkt, Welt beobachtet, der erkennt, dass er sich falsch verhält. Darum argumentiert Jesus auch in weisheitlicher Tradition. (Bergpredigt z.B. 5,20ff.)
h) XXX ist der Einsame unter den Philosophen – zumindest sieht er den Menschen als Zufallsprodukt, den Menschen in seiner Einsamkeit.
✓ Bergpredigt: Es geht um die Gemeinschaft der Menschen. Gott will Gemeinschaft. Die Einsamkeit ist selbst verschuldete Einsamkeit.
i) XXX fasst im Grunde die Philosophen zusammen, indem er sagt: Der Mensch kann sich selbst nicht begreifen. Der Mensch ist nicht starr, er stagniert nicht. Er ist immer in Bewegung. Er will über sich hinaus kommen, hinausgehen. Das heißt, der Transzendenzbezug wird betont.
✓ Bergpredigt: Der Mensch soll über sich hinausgehen. Er soll nicht in seinen unsozialen Verhaltensweisen verharren. Er soll Gottes Willen tun – damit er ein soziales Wesen wird.
3. Das Menschenbild, das die Bergpredigt erkennen lässt
Der Mensch verhält sich unsozial. Gemeinschaft kann nicht wachsen. Gottes Wille ist Gemeinschaft – und die Bergpredigt gibt Regeln für das gemeinschaftliche Zusammenleben, sie gibt Regeln, damit Gemeinschaft gelingen kann. Dazu ist jedoch die Beziehung zu Gott wichtig:
- Gott gibt dem Menschen Würde, dem die Gesellschaft Würde abspricht.
- Der Mensch ist kein isoliertes Einzelwesen / Individuum, er ist Person, er ist Beziehungswesen: einmal vertikal: Beziehung zu Gott, dann horizontal: Beziehung zu Menschen.
- Der Mensch wird nicht als von Natur aus guter Mensch beschrieben, sondern weiß um den Menschen in seiner Wirklichkeit: Menschen können zornig werden, Leben nehmen, Ehe brechen, erniedrigen, sich in den Mittelpunkt stellen, heucheln, sich mit Sorgen das Leben zerstören, anderen zum Wolf werden, ohne Glauben Gott benutzen. Darum ist Neuanfang nötig und möglich.
- Gott ist sozusagen der Motor für das gelingende Zusammenleben – er belehrt den Menschen durch Jesus Christus, damit er weiß, wie es gelingen kann.
- Gott bedingt das Zusammenleben, indem er die Bedingungen dafür schafft: Indem der Mensch auf Gott bezogen ist, muss er sich nicht von anderen abhängig bzw. von der Situation abhängig machen (Gott vergibt – ich kann vergeben; Gott gibt – ich kann geben; Gott befreit – ich kann befreiend handeln…): Wer weiß, dass er seine Würde von Gott bekommen hat und bekommt, muss nicht mehr heucheln, nicht um Anerkennung betteln, sich nicht rächen. Die Gottesbeziehung schenkt Souveränität.
4. Intelligente Feindesliebe
Als „Ethik der Würdelosigkeit“ (Max Weber) wird die Bergpredigt auch bezeichnet, weil sie von Schwachen Wehrlosigkeit fordert, sie damit den Gewalttätern ausliefert. Gegenüber diesem schon alten Vorwurf (Machiavelli) hebt der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker (Der Garten des Menschlichen, 1977) die Bergpredigt hervor, weil sie vom Verstand nachvollziehbar ist. Auch der Kategorische Imperativ von Kant („Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“) ist mit dem Verstand nachvollziehbar, darum ist er gültig. Wie die Bergpredigt auch.
- Der gute Wille ist Bedingung für ein gutes Zusammenleben. Der verinnerlichte Imperativ ist notwendig (Gewissen), denn er verdeutlicht immer wieder die Spannung zur Realität. Man erkennt seine Schuld (= die genannte Spannung) und reift auf diese Weise zu einer sozialen Persönlichkeit heran.
- Die fordernde Moral – die nicht verinnerlicht wurde – ist tödlich. Die Bergpredigt hingegen ist eine lebendig machende Forderung, weil dem Imperativ der Indikativ vorangeht. Den Forderungen wird vorangestellt: Selig bist du, wenn du Frieden machst, dann wirst du Gottes Kind heißen. Das heißt die Formulierung im Futur (dann wirst du Gottes Kind heißen) gibt die Gegenwart wieder, wenn man entsprechend handelt (Selig bist du, wenn du Frieden machst) – das heißt: diejenigen, die selig gepriesen werden, haben es ja in der Vergangenheit schon so gemacht, also sind sie schon Gottes Kind.
- Es gibt auch Stimmen aus der Politik, die eine Relevanz der Bergpredigt für die konkrete Politik nicht erkennen können. Dazu gehören die Politiker Bismarck und Helmut Schmidt. Hingegen sehen Mahatma Gandhi und Martin Luther King die Bergpredigt als Welt verändernde Wegweisung für das Miteinander der Menschen an.
- Weizsäcker prägte den Begriff der „intelligenten“ Feindesliebe. Das bedeutet, dass der Mensch sich nicht einfach ermorden lässt, sich dem Feind unterwirft, sondern Wege sucht, den Feind als Feind zu überwinden. Gandhi und King haben die Feindesliebe auf diese Weise interpretiert – aber auch Jesus hat sie so verstanden. Denn die rechte Wange hinhalten bzw. eine weitere Meile gehen, sind Provokationen, die das Gegenüber durch Überraschungen zum Nachdenken anregen soll. (Das ist gegenwärtig auch im Gespräch: Man muss Angreifern überraschend begegnen – also nicht so, wie sie es erwarten. Die Überraschung macht sie stutzig – und dieser Augenblick kann dazu beitragen, dass ich als Angegriffener eine neue Taktik ausdenken kann, falls der Angreifer durch dieses Überraschungsmoment nicht gehemmt wird, seine Aggressionen auszuführen.)
- Dass Politik den Auftrag hat, die Bürger zu schützen, wurde schon mit Blick auf Krieg und Frieden auf diesen Seiten dargestellt (z.B. die Sicht des Augustinus). Die Bergpredigt mahnt zu einer politischen Vernunft, die darauf aus ist, den Frieden zu suchen. Es geht auch im Privaten nicht darum, sich einfach Gewalttätern auszuliefern, denn wer Gewalttätern einfach Macht über sich lässt, der gefährdet auch andere, liefert sie den Gewalttätern aus. Anderen vorzuschlagen, sich einfach wehrlos auszuliefern, hilft nicht, das Reich Gottes im Leben widerzuspiegeln. Aber die Bereitschaft, sich im Dienst für Gott, auch mit dem Leben friedvoll einzusetzen, widerspricht dem nicht. Übermacht nicht zu scheuen – und auch Niederlagen nicht zu fürchten, und die Durchsetzung des Gottesreiches nicht davon abhängig zu machen, dass ich überlebe, lehrt Jesus. Es geht um liebende Furchtlosigkeit. Der Aufruf zu Feindesliebe und Gewaltlosigkeit ist keine Selbstaufgabe aus Schwäche, sondern stärkste Form moralischen Widerstandes. Jesus hat sich in Auseinandersetzungen nie unterbuttern lassen, sondern hat das Unrecht provozierend entlarvt. Seine Hinrichtung am Kreuz, so hören wir immer wieder, war mit Blick auf Gottes Plan für den Menschen relevant. Er selbst entzog sich vorher, als es brenzlig wurde.
In diesem Zusammenhang sei angemerkt: Ich halte nichts davon, Kindern und Jugendlichen aus „christlicher Sicht“ Passivität angesichts von Gewalttätern zu vermitteln. Sie müssen angesichts skrupelloser Gewalttäter gestärkt werden, damit sie nicht zu Mobbingopfern, zum wehrlosen Spielball solcher Kriminellen werden. Selbstbewusstsein und stärke vermitteln ist wichtig, damit sie Grenzen setzen können. Und gerade das macht auch Jesus: Er trat mit innerer Stärke, Würde und Provokation auf – nicht schüchtern, zurückhaltend, wegduckend, brav. Zu lehren, man solle sich als Opfer gefallen, ist Frömmigkeitsklischee, ist nicht jesuanisch. Natürlich dürfen wir Menschen nicht auf der anderen Seite arrogante Selbstüberheber werden.
Heute spricht man auch von Verantwortungspazifismus. Das bedeutet, dass man als Pazifist nicht einfach seine Mitmenschen den Gewalttätern ausliefern darf, sondern verantwortlich Wege sucht, Menschen den Gewalttätern zu entziehen. Und das eben nicht auf militärische Art und Weise, sondern auf eine neue, die von der jeweiligen Situation abhängig ist.
5. Kann man die Bergpredigt erfüllen?
Kann man das tun, was die Bergpredigt fordert – vollkommen zu sein wie der himmlische Vater, also: Gott?
Aufgabe 2:
Versuche zuerst selbständig die Frage zu beantworten, bevor Du den folgenden Abschnitt liest.
Jesus war nicht naiv. Er traut dem Menschen äußerst viel zu. Aber dann hören wir im Vater-Unser: Vergib uns unsere Schuld… – oder wir lesen vom eigenen Balken in unserem Auge. Die Bergpredigt ist ein Maßstab. Sie ist nicht nur ein Maßstab des Verhaltens, sie bietet ein Gegengewicht zu dem üblichen lieblosen, egoistischen Verhalten, das Menschen an den Tag legen. Man denke an die Brutalität des Alltags der Menschen in der damaligen Zeit – nur damals? Wenn wir bei uns nichts erkennen – schauen wir über unsere Grenzen zum Beispiel in dem außer Rand und Band geratenen Ost-Kongo, nach dem kommunistischen Nordkorea, nach Staaten, die islamistisch orientieren Länder wie dem Iran, oder Länder, in denen Diktatoren mit ihren Mitläufern alles zu bestimmen suchen. Dann ahnen wir ein wenig von dem Umfeld, in dem Jesus lebte.
Jesus fordert von den Seinen Leben gegen den Tod, Liebe gegen die Erbarmungslosigkeit, Barmherzigkeit gegen die Brutalität, verantwortliches Handeln gegen Mitläufertum / Anpassung. Er weiß: Er schickt die seinen wie Schafe unter die Wölfe. Aber das ist sein Gegenentwurf gegen seine Zeit. Ein Entwurf, die Menschen zur Gemeinschaften zu führen, sie zu vernetzen, eine Gegenwelt zu errichten.
Damals hatten seine Adressaten keine politische Macht. Sie waren den politischen Mächten ausgeliefert. Die Bergpredigt heute hilft christlichen Politikern und Christen überhaupt in ihrem Alltag, Verantwortung zu tragen. Sie ist eine Herausforderung. Eine Herausforderung, der in Freiheit begegnet wird. Das bedeutet: Verantwortung tragen. Die Bergpredigt ist kein Gesetz, das das gesamte Leben bestimmt. Dazu greift sie zu wenig Themen auf. Aber sie fordert heraus, nach Gottes Willen den Alltag zu meistern. Die Grundtendenz ist klar: die Gesinnung muss sich im Sinne Gottes neu ausrichten – in neuartigen Taten zeigen.
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Auflösung: a) d´Holbach; b) Feuerbach; c) Hobbes; d) Marx; e) Nietzsche; f) Gehlen; g) Plessner; h) Monod; i) Jaspers
Aufgaben 2:
a) Unter dem 3. Abschnitt wurde das Menschenbild der Bergpredigt in fünf Punkten zusammengefasst.
α) Ordne diesen Aussagen Texte der Bergpredigt zu.
β) Sind diese Punkte aus Deiner Sicht zu ergänzen? Dann ergänze sie.
b) Nimm Stellung zu der Aussage: „Ich halte nichts davon, Kindern und Jugendlichen aus „christlicher Sicht“ Passivität angesichts von Gewalttätern zu vermitteln. Sie müssen angesichts skrupelloser Gewalttäter gestärkt werden, damit sie nicht zu Mobbingopfern, zum wehrlosen Spielball solcher Kriminellen werden. Selbstbewusstsein und stärke vermitteln ist wichtig, damit sie Grenzen setzen können. Und gerade das macht auch Jesus: Er trat mit innerer Stärke, Würde und Provokation auf – nicht schüchtern, zurückhaltend, wegduckend, brav. Zu lehren, man solle sich als Opfer gefallen, ist Frömmigkeitsklischee, ist nicht jesuanisch. Natürlich dürfen wir Menschen nicht auf der anderen Seite arrogante Selbstüberheber werden.“
c) Nimm Stellung zu der Aussage: „Heute spricht man auch von Verantwortungspazifismus. Das bedeutet, dass man als Pazifist nicht einfach seine Mitmenschen den Gewalttätern ausliefern darf, sondern verantwortlich Wege sucht, Menschen den Gewalttätern zu entziehen. Und das eben nicht auf militärische Art und Weise, sondern auf eine neue, die von der jeweiligen Situation abhängig ist.“