DIE JÜDISCHE UND CHRISTLICHE HEILIGE SCHRIFT

Historisch-kritische-Exegese – Auslegung der Schriften aus der historischen und kritischen Perspektive

Historisch-kritische Exegese ist ein Kind der Verbindung des Protestantismus mit der Aufklärung. Es geht darum, die Bibel besser zu verstehen, sie aus ihrer Zeit heraus zu verstehen – damit wurden Gegenpositionen eingenommen gegen willkürliche Bibelauslegungen. Andere Religionen tun sich damit noch sehr schwer (wobei es auch in der Evangelischen Kirche immer wieder massive Kritik daran gibt), weil der spirituelle Ertrag gering ist. Die historisch-kritische Exegese hat ein wissenschaftliches Weltbild und versucht, alles wissenschaftlich zu eruieren, während das Weltbild der Religionen eher ein spirituelles ist: Nicht geht es darum, was kann ich aus irgendwelcher Perspektive heraus als korrekt interpretieren, sondern: Wie kann ich meine Beziehung zu Gott/Göttern/Geistern verbessern. Historisch-kritische Exegese hat jedoch auch Bedeutung für die Frage nach dem Verhältnis des Glaubenden zu Gott, kann es streckenweise sogar vertiefen. Das wird auf den kommenden Seiten an bestimmten Themen besonders dargestellt.

Es gibt also unterschiedliche Formen der Exegese, wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Versuche, die Texte zu verstehen und zu interpretieren. Die nichtwissenschaftlichen Versuche scheinen wissenschaftlich orientierten Menschen willkürliche Auslegungen zu sein, sind manchmal auch äußerst sonderbar und lassen die Absicht erkennen: Nicht der Text redet, sondern der, der in den Text etwas hineininterpretiert.

  • Der Koran wird als Allahs Wort angesehen, dem Mohammed durch den Engel Gabriel diktiert wurde. Von daher darf der Koran vom Islam her gesehen, nicht historisch-kritisch ausgelegt werden (was sich freilich auf Dauer zumindest in Europa und den USA nicht vermeiden lässt – und wenn es durch christliche Exegeten geschieht). Es gibt auch in islamischen Bereichen die Rede von „historisch-kritisch“ – aber sie ist nicht im streng wissenschaftlichen Sinn „historisch-kritisch“, sondern hat ein besonderes Vorzeichen, so die Auslegung von Hazrat Mirza Ghulam Ahmad, dem Begründer der islamischen Sondergruppe. Ansätze gibt es manchmal im Zusammenhang der Hadithe: die Trennung zwischen starken und schwachen, also solchen, die man akzeptiert und – unter Berücksichtigung der Überliefererkette – auf Mohammed zurückführt, und solche bei denen man dieses Kriterium nicht anwenden kann.
  • Buddhistisch/Hinduistische heilige Schriften sind für Europäer sehr kompliziert, werden darum nur in kleinen Teilbereichen historisch-kritischer Exegese unterzogen. Ob Buddhisten/Hindus das selbst bewerkstelligen, entzieht sich meiner Kenntnis.

Wie verstehen Christen aus der Perspektive der historisch-kritischen Exegese die Aussage:

„Die Bibel ist Gottes Wort“?

Gott spricht durch Menschen, aber die Menschen bleiben immer sie selbst, mit ihren Ängsten, Vorlieben, Gedanken. Worte, die sie überliefert haben, können einem anderen zu Gottes Wort werden – und je mehr man sich mit diesen Texten beschäftigt, desto mehr sieht man die Besonderheit, die Herausforderung dieser Texte an: Sie lenken Menschen auf ganz neue Bahnen… Grundsätzlich hat die Bibel jedoch eine andere Stellung als der Koran, denn für Christen ist Jesus Christus das Wort Gottes (Johannesevangelium Kapitel 1). Das bedeutet: Das Wort ist nicht in einer schriftlichen Überlieferung fixiert, sondern lebendig. Freilich auch von der schriftlichen Überlieferung nicht gänzlich losgelöst, weil durch sie Jesus als Wort Gottes bekannt wird. Von hier aus gesehen fällt es Christen leichter, die Bibel historisch-kritisch zu lesen.

Vgl. die „Barmer-Theologische-Erklärung: http://www.evangelische-religion.de/bekenntnisse.html

1. Bibel:

1.1 Die Bibel (Altes Testament) ist eine Sammlung von Schriften, die in einem langen Zeitraum hindurch entstanden sind: einer Phase mündlicher Erzählungen folgte eine Phase der Verschriftlichung (zunächst vor allem am Hof Salomos). Im Laufe der weiteren jüdischen Geschichte wurden diese Texte überarbeitet, neue Texte wurden geschrieben. Texte unterschiedlichster Gattung wurden zusammengefügt: Historische Texte, Biographische (Propheten), Kurzgeschichten (Jona), Weisheitstexte, Lieder (Psalmen)… Kanonisch festgelegt wurden sie im 1. Jh. nach Christus – wobei es schon frühere Ansätze gab (z.B. die griechische Übersetzung, die so genannte Septuaginta).

1.2 Der hebräische Kanon (den Luther für seine Übersetzung aufgenommen hat) ist kürzer als der griechische Kanon (Septuaginta, die von der katholischen Kirche aufgenommen wurde). Die Schriften, die die griechische Übersetzung über den hebräischen Kanon hinaus hat, nennt man Apokryphen. Daneben kennen wir eine Fülle weiterer Schriften vor allem aus der vorchristlichen Zeit, die nicht in den Kanon aufgenommen worden sind, die nennt man überwiegend Pseudepigraphen, weil sie im Namen einer alttestamentlichen Person geschrieben worden sind.

1.3 In Höhlen von Qumran am Toten Meer wurden zahlreiche Tonkrüge mit Schriften entdeckt, die vermutlich im Zusammenhang des Römisch-jüdischen Krieges dorthin ausgelagert worden waren. Unter den Texten befinden sich auch zahlreiche Schriften, die in dem alttestamentlichen Kanon Eingang gefunden haben. Trotz einzelner Abweichungen ist erstaunlich, dass die Texte über Jahrhunderte hinweg ohne gravierende Veränderungen tradiert worden sind. Warum? Weil sie als heilige Texte angesehen wurden. Texte, die fehlerhaft abgeschrieben worden sind, wurden aus dem Verkehr gezogen.

1.4 Die Bibel (Neues Testament) ist eine Sammlung von Schriften, die im Wesentlichen innerhalb von ca. hundert Jahren zusammengestellt wurde. Jesus wurde ca. 30 n.Chr. hingerichtet. Die ersten Schriften entstanden bis ca. 20 Jahre nach seinem Tod (Paulusbriefe/Logienquelle). Das erste Evangelium (Markus) ca. 40 Jahre nach dem Tod Jesu, lässt damit auch höchst wahrscheinlich Augen- und Ohrenzeugen zu Wort kommen. Die Paulusbriefe wurden wohl zuerst von seinen Anhängern gesammelt, die Evangelien von Gemeinden, die mehr über Jesus Christus wissen wollten.

1.5 Neben den Schriften, die im Neuen Testament aufgenommen wurden, kennen wir eine Fülle weiterer Schriften aus den ersten Jahrhunderten des Christentums. Weitere Evangelien, Apostelgeschichten (sie werden im Wesentlichen „Pseudepigraphen“ genannt), Texte von Apologeten (Menschen, die den christlichen Glauben gegen Angriffe aus der heidnischen Welt verteidigten), Abhandlungen zu vielen Themen usw. Kanonisch wurden aber nur Schriften, die eine große zeitliche Nähe zum Jesusereignis hatten.

2. Historisch-kritische Exegese

(Historisch = den Text aus seiner Zeit heraus verstehen; kritisch = das mit Hilfe von Methoden, deren Ergebnisse zur Diskussion gestellt werden; Exegese = Sinn aus dem Text herausführen.)

Methoden historisch-kritischer Exegese wurden im Laufe der letzten 200 Jahre entwickelt. Folgende Methoden und Gesichtspunkte müssen bei der Textarbeit berücksichtigt werden:

2.1 Einleitungsfragen: die 7 W´s: Wer ist der Autor? Wo, Wann, Wem, Wozu/Warum schrieb er den Text? Was schrieb er (Themen) und Wie (Gattung).

2.2 In der Textkritik wird mit Hilfe sämtlicher noch vorhandener Textzeugen (Papyri, Pergamente …) der ursprüngliche Text wieder hergestellt.

2.3 In der Literarkritik wird eine Texteinheit aus dem Kontext herausgelöst und detailliert untersucht – das auch mit Hilfe linguistischer Methoden: Syntaktische Analyse: Welche Wortarten beherrschen den Text (z.B. Substantive, Adjektive, Verben), wie werden die Verben verwendet (Präsens…; Imperative…; Konjunktive…), herrschen Wiederholungen, gibt es Satzbrüche… Semantische Analyse: Was bedeuten die verwendeten Worte allgemein – was in diesem Text? Pragmatische Analyse: Welche Wirkung sollen die Worte hervorrufen (rhetorische Fragen, Reime, dunkle/helle Vokale…)

Anhand der Literarkritik erkennt man an den Evangelien, dass Matthäus und Lukas auf dem Markusevangelium und der Logienquelle Q basieren. Darüber hinaus haben beide noch Sondergut, das heißt Texte, die nur das jeweilige Evangelium besitzt.

2.4 In der Formgeschichte wird untersucht, welcher Gattung ein Text angehört. Denn Gattungen haben für das Verstehen eines Textes große Bedeutung (Beispiel: Rezepte, Zeitungsnachrichten): Gleichnisse sind anders aufgebaut als Wunder – darum dürfen Wunder nicht wie Gleichnisse interpretiert werden. Texte einer Gattung haben in etwa gleichen Aufbau. Am Beispiel Wunder: Wundertäter kommt, der Kranke kommt, Begegnung gelingt, Machtwort des Wundertäters; Demonstration der Heilung, Staunen der Zuschauer. Wird die Gattung in einem Text verändert, dann liegt der Interpretationsschwerpunkt auf diese Abänderung. (Beispiel: das Wunder in Markus 2: Sündenvergebung)

2.5 Die Frage nach dem Historischen Jesus. In dieser Fragestellung wird untersucht, welche Worte wirklich von Jesus gesagt wurden – und welche ihm nachträglich zugeschrieben worden sind. Einzelne Fragestellungen: Kriterium der Sprache (aramäisch-griechisch?: das Vaterunser lässt sich aus dem Aramäischen erklären); Kriterium der Kohärenz (passt es sonst zu Worten und Taten Jesu? – Beispiel: Die Austreibung der Händler aus dem Tempel lässt sich mit keiner weiteren seiner Taten und Worte verbinden); Kriterium der Differenz (es gibt Worte, die wir nur von Jesus überliefert haben – er unterscheidet sich darin von allen anderen; Aussagen, die neu sind, prägen sich ein, z.B. das Feindesliebegebot oder das Wort: Was du willst, dass dir andere tun, das tue ihnen); Kriterium des Wachstums (manche Aussagen Jesu wurden später erweitert; mögliches Beispiel das Gleichnis vom Senfkorn, das mit alttestamentlichen Zitaten erweitert worden ist); Kriterium der geschichtlichen Wirkung (Beispiele: Abendmahl, Heilungen Jesu führten Christen dazu, Krankenhäuser zu entwickeln…); Lerntheoretische Aspekte (5 Bitten – fünf Finger an der Hand – bzw. 7 Bitten – heilige Zahl – des Vaterunsers).

2.6 Traditionsgeschichte untersucht: Wie wurden die Aussagen in der Zeit des Autors verstanden (z.B. Taufe wurde damals anders verstanden als heute).

2.7 Wird eine religionsgeschichtliche Parallele entdeckt, fragt der Methodenschritt Religionsgeschichte danach, wie kommt es zu dieser Parallelität (Abhängigkeit nachweisbar/denkbar, allgemein menschliche Aussage… z.B. das Bildwort vom Haus, das auf dem Sand gebaut wurde aus Matthäus 7, das gibt es auch in buddhistischer Überlieferung)

2.8 Sozialgeschichte untersucht die sozialen Interaktionen: Sklave-Herr; Mann-Frau-Kind; Herrscher-Beherrschte; Gesunde-Kranke, Bildung, Berufe …

2.9 Psychologie untersucht die psychischen Hintergründe der Textüberlieferung, der Autoren, derer, die den Text rezipieren.

2.10 In diesem Schritt „Zeitgeschichte“ wird alles Mögliche zusammengefasst: Numismatik (Münzen); Pflanzen, Tiere, Wetter, Landschaften, Spielzeug, Handwerk, Kunst…

2.11 Redaktionskritik untersucht die Vorgehensweise des Autors bzw. Redaktors. In den Evangelien wurden gesammelte Texte zusammengestellt. Wie wurden sie zusammengestellt, warum wurden sie so zusammengefügt wie sie nun vorliegen, welches Interesse verfolgte der Autor damit? Zum Beispiel Markus 6: Markus hat hier schon einen Hinweis auf das traurige Ende eingefügt: Immer mehr Menschen kommen zu Jesus – und ab einem bestimmten Zeitpunkt (nachdem er mit den religiösen Autoritäten in Konflikt kam – Markus 9) verlassen ihn die Menschen wieder, am Ende ist er allein und stirbt am Kreuz. An den anderen Evangelien kann man deutlich sehen, wie Worte ausgetauscht werden (z.B.: Matthäus spricht kaum vom Reich Gottes, sondern vom Himmelreich, weil er als Jude nicht das heilige Wort „Gott“ aussprechen wollte?).

2.12 Hermeneutik – abgeleitet von „Hermes“, den Götterboten – was muss bei der Vermittlung eines Textes berücksichtigt werden: der Text, Erwartungen der Adressaten, die Gebundenheit an die eigene Tradition…

3. Bibel: Dreifacher / vierfacher Schriftsinn

Jüdische Theologen haben herausgefunden, dass man biblische Texte (AT) nicht allein wörtlich verstehen darf, sondern auch im übertragenen Sinn verstehen muss (vor allem Philo von Alexandrien: 15 v.-45 n. Chr.). Der Grund dafür liegt darin, dass man historische Angaben nicht besonders erbaulich fand, darum versuchte man, sie allegorisch (im übertragenen Sinn) zu interpretieren. Manche Aussagen sind anstößig – und auch diese versuchte man hierdurch zu umgehen. Diese Interpretationsmethode kannte man auch im heidnischen Bereich. So versuchten Homer-Exegeten die anstößigen Stellen über die Götter in den Epen von Homer neu zu verstehen.

Diese Ansätze haben christliche Theologen aufgenommen – und dann vor allem im 3. Jahrhundert systematisiert. So wurde ein dreifacher Schriftsinn erarbeitet (Origenes). Wie der Mensch aus drei „Teilen“ besteht (Körper, Seele, Geist), so auch die Interpretation:

Körper:

Der geschichtliche Sinn – der einfache Mensch versteht den Text so, wie er zu lesen ist, grammatisch, historisch, wörtlich.

Seele/Psyche:

Der psychische/allegorische Sinn – der intellektuell fortgeschrittene Mensch versteht den Text im übertragenen Sinn.

Geist:

Der geistlich vollkommene Mensch versteht ihn spirituell.

Dieser dreifache Schriftsinn wurde durch Cassian (+ um 430) zu einem vierfachen Schriftsinn weiter geführt:

  • Literalsinn – wörtlich, historisch
  • Typologisch – den Glauben fördernde Auslegung (theologische Relevanz)
  • Tropologisch – die Liebe fördernde Auslegung (ethische Relevanz)
  • Anagogisch – die Hoffnung fördernde Auslegung (eschatologische Relevanz: ewiges Leben…)

Vor allem im 20. Jahrhundert legte man in der Wissenschaft den Schwerpunkt auf den „Literalsinn“ – im Sinne von: Was ist historisch wirklich begründet. Im alltäglichen Glauben spielen eher die drei anderen Auslegungsarten eine Rolle: fördert der einzelne Bibeltext Glaube – Liebe – Hoffnung?

Heute verstehen immer mehr Exegeten (Wissenschaftler, die sich mit dem biblischen Text beschäftigen) historische Wissenschaft + Glaube vermittelnd, den Text mit Hilfe der Linguistik:

Was geschah historisch wirklich; jedoch weiter führend:

Welche Absicht verfolgten die Autoren? Wie haben die Adressaten den Text verstehen können? Das sagt nichts mehr zu den historischen Ereignissen – das sagt was zu den historischen Hintergründen der Textüberlieferung. Auch dieser Ansatz kann Glauben nicht durch Wissenschaft ersetzen, lässt dem Glauben aber mehr Raum.

Beispiel:

Historisch sagt man: Jesus hat als Mensch nicht über das Wasser laufen können. Weitergehend fragt man dann heute: Warum wird das berichtet? Die Menschen damals waren auch nicht dumm – es ging darum, narrativ zu vermitteln, dass Jesus Christus auch über die Chaosmächte (Wasser-Sturm) herrschte. Was sind die jeweiligen geschichtlichen Chaosmächte? Als die Geschichte überliefert wurde, war es der römisch-jüdische Krieg, individualpsychologisch: Alles was Angst macht. Weiterhin kommt man zu der Frage: Was war Jesus für ein Mensch, dass sich solche Texte um ihn herum ranken konnten? Gibt es einen historischen Kern, der ausgeschmückt wurde? Gibt es einen (sozio-)psychologisch zu verstehenden Kern?