GOTT UND DAS LEIDEN

Wie können wir Menschen Gott mit Leiden in Zusammenhang bringen? Der liebende und gerechte Gott – er passt nicht zu dem unerträglichen Leid, das Menschen erleiden müssen. Diese Frage bricht vor allem dann auf, wenn Gott als gerecht angesehen wird und der Leidende sein Leiden als ungerecht bzw. wenn Gott als der Liebende angesehen wird, wie im Christentum, und das Leiden nicht mit der Liebe Gottes zusammengeführt werden kann.

Der vorchristliche Philosoph Epikur (270 v.Chr.) – so wird gesagt – hat sich folgende Fragen gestellt:

  • Entweder will Gott alles Schlimme beseitigen und kann es nicht – dann ist er schwach, er ist nicht Gott.
  • Oder: Gott kann alles Schlimme beseitigen und will es aber nicht – dann ist er böse, aber Gott kann nicht böse sein.
  • Oder: Gott kann es nicht beseitigen und will es nicht tun – dann ist er schwach und böse zugleich, aber Gott ist weder das Eine noch das Andere.
  • Oder: Er will es und kann es, wie es Gott entspricht – dann stellt sich die Frage: Warum nimmt er das Schlimme dann nicht weg?
  • (Eine Möglichkeit können wir noch hinzufügen: Gott will und kann – aber er weiß nicht, wie er das machen soll.)

Was Epikur nicht macht: Er sagt nicht: Weil es Leiden gibt, gibt es keinen Gott. Die Existenz von Gott ist vorausgesetzt. Man kann ja auch nicht sagen: Wenn es regnet, gibt es keine Sonne. Menschen erfahren in allen Kulturen und Zeiten Mächte bzw. eine Macht, die größer ist als sie selbst. Und diese Macht hört mit dem Leiden nicht auf zu existieren.

Noch eine Anmerkung: Diese Aussage wird von einem christlichen Autor der Antike Epikur (vielleicht auch Arkesilaos 315-240 v.Chr.) zugeschrieben. Es ist also offen, ob sie wirklich von Epikur ist oder nicht. Grundsätzlich ist anzumerken: Sie klingt eher christlich – und der christliche Philosoph Laktanz (250-320), der das überliefert, hat sich an dieser Stelle geirrt.

Weitere Versuche Leiden zu verstehen und mit ihm umzugehen – ohne Gott in den Blick zu nehmen:

Mit und nach Epikur haben sich viele Menschen diese Frage gestellt. Und entsprechend gibt es viele Antworten:

  • Das Schlimme und das Gute, Tod und Leben, Gutes und Böses gehören einfach zusammen: das ist Natur. Und wenn man dagegen nichts machen kann, dann muss man als Mensch zusehen, wie man dazu steht:
  • Man muss sich dem Leiden durch Meditation entziehen, sagt Buddha.
  • Man muss sich dem Leiden überhaupt entziehen – vielleicht gar durch Suizid.
  • Leiden ist unwichtig, da man ja sowieso wiedergeboren wird, sagen Hindus,
  • Manche Menschen sagen, es kommt nicht auf den einzelnen Menschen und sein Leiden an – er muss sich einfach den anderen ein- und unterordnen. Andere sagen:
  • Man muss angesichts des Leidens nur tapfer, besonnen, stark sein,
  • oder sich gegen die Symptome der Ungerechtigkeiten und Leiden einsetzen,
  • oder sich gegen die Wurzel des Leidens einsetzen,
  • oder: in allen Lebenslagen so leben, dass man Freunde, Familie, Gott und sich selbst nicht enttäuscht.
  • oder: positiv denken setzt positiv stimmende Hormone frei,
  • oder: Leiden ist einfach als Teil meines individuellen Lebens zu akzeptieren.
  • Leiden (Schmerz) wird vom Körper wahrgenommen – von der Psyche unbewusst wahrgenommen – wird vom Geist/Verstand bewusst wahrgenommen. Je nachdem muss der jeweilige „Teil“ unterschiedlich „behandelt“ werden: Körper: z.B. durch Medikamente, Psyche: z.B. durch Psychopharmaka, Seelsorge, Psychische Behandlung…, Geist: z.B. durch rationale Argumente, Seele als Größe, die der Metaphysik zugehört, der religiöse Teil: durch Seelsorge… Da diese drei / vier Aspekte miteinander zusammenhängen, wird der Mensch stärker als Einheit gesehen und sein Leiden wird – je nach Leiden – ganzheitlich zu erfassen sein.

Anmerkung: Substanzdualistisch: Körper [Materie] – und Seele/Geist [nicht materialistische Selbst/Wesen des Menschen] (Platon); Substanzmonistisch: Körper wie Seele/Geist sind materialistisch (Lukrez), die Metaphysik bringt Aristoteles in die Diskussion ein – ebenso sieht er den Geist als nachdenkenden Teil der Seele. Der Apostel Paulus trennt zwischen: Körper – Geist – Seele. In der Moderne hat Descartes an dieser Stelle weiter nachgedacht. Sein Problem war: Wie können aber der materialistische Körper und das nichtmaterialistische Denken zusammengeführt werden? In der gegenwärtigen materialistisch dominierten Zeit der Biologie werden alle Bereiche als materialistisch angesehen, die Fragen stellen dann vor allem Philosophie/Theologie: Wie kann Materie denken? An dieser Stelle gibt es in der gegenwärtigen Forschung überwiegend Fragen.

Das sind Überlegungen, die Gott nicht berücksichtigen.

Nun kommen Überlegungen, die Gott in das Denken einbeziehen:

  • Nicht Gott ist für das Leiden verantwortlich, sondern böse Mächte (Dämonen, Satan, missgünstige Seelen der Ahnen…) (zum Beispiel: Animisten, Schamanen),
  • Leiden ist Allahs Wille und der Mensch muss sich in dem Leiden bewähren, sagen Muslime.
  • Manche Menschen sagen: Es ist Strafe von Gott, weil man sich gegen Gottes Willen verhalten hat.
  • Andere: Das Leiden verursachen Menschen, weil sie sich gegen Gottes Willen verhalten (zum Beispiel: Wer sich gegen das Gebot, du sollst nicht töten, vergeht, oder gegen „Liebe deinen Nächsten“, oder: du sollst Arme nicht ausbeuten) – und Gott wird sie im Jenseits dafür bestrafen. Man nennt das: ausgleichende Gerechtigkeit.
  • Gott selbst kann nicht böse sein – sonst gäbe es nichts Gutes auf der Welt und Schöpfung wäre nur schlimm.
  • Menschen können Gott ihr ganzes Leiden klagen – und bitten, dass er ihnen beisteht (Psalmen, Hiob).

Was sagen Christen?

Viele der oben genannten Punkte können wir auch von Christen hören. Doch haben Christen einen ganz besonderen Ansatz, den sie an Jesus erkennen:

  • Gott hat alles gut geschaffen – aber er hat den Menschen von Anfang an als freies Wesen geschaffen, das so frei ist, selbst das Böse wählen zu dürfen, das, was gegen Gott gerichtet ist (Schöpfungsgeschichte mit Sündenfall).
  • Nur weil der Mensch frei ist, keine Marionette Gottes ist, kann er auch lernen, Verantwortung zu tragen, verantwortlich zu handeln. Allein darum kann er entscheiden: Will ich für den anderen da sein oder gegen ihn? (Jesus lehrt, für den anderen Menschen da zu sein.)
  • Gott nimmt nicht das Leiden, weil der Mensch frei sein soll, sondern in Jesus Christus sehen wir, dass Gott mit uns Menschen leidet. Er ist im Leiden anwesend, gibt Kraft, Hoffnung, Mut.
  • Der Mensch wird in hebräischer Tradition eher als Einheit angesehen. Körper-Geist-Seele hängen zusammen, entsprechend spricht Gott auch den Menschen ganzheitlich an: Trost/Zuspruch hat Auswirkungen auf den Körper usw.
  • Weil Gott Jesus aus dem Leiden herausgeholt hat (Auferweckung), wissen Glaubende, dass auch sie durch den Tod hindurch gehen werden und zu Gott kommen werden.
  • Jesus, der gerechteste und liebevollste aller Menschen, wie Christen glauben, er blieb von dem Leiden und Sterben nicht verschont – und Jesus hat auch gesagt, dass die Menschen, die ihn lieben und ihm folgen, vor dem Leiden nicht verschont werden. Im Gegenteil.
  • Wenn Christen leiden, sehen sie immer weiter als das Leiden. Das Leiden hat nicht das letzte Wort: Gott, der Leben, Liebe, Freude will, er wird das letzte Wort haben, er wird am Ende in seinem Sinne handeln. Man muss nicht im Leiden versinken, auf das Leiden starren – wer glaubt, der hat die Chance, durch das Leiden hindurch sehen zu können, weiter sehen zu können.

Darum stellt sich auch für Christen immer die Frage: Wie gehen wir mit dem Leiden um? Wir können Gott immer bitten, im Leiden bei uns zu sein, bitten, dass wir über das Leiden, oder durch das Leiden hindurch sehen können. Mitten in der Nacht des Leidens kann man schon den Tag Gottes erwarten.

Weil dem so ist, sieht man auch viele Christen die „Kultur des Lebens“ verbreiten: Sie haben Krankenhäuser entwickelt, sie sind vielfach ehrenamtlich gegen alle möglichen Leiden tätig, sie helfen Menschen überall auf der Welt – viele Organisationen handeln von ihrer christlichen Grundüberzeugung aus, ohne diese freilich an die große Glocke zu hängen. Viele schauen es dann von den Christen ab – und wirken selbst menschlich. Und wir Christen schauen auch von anderen etwas ab, wenn es dem Menschen dient, das Leiden so gut es geht zu verhindern.

Und wenn ich an mir selbst leide, vielleicht darum, weil ich die Erwartungen anderer und die, die ich an mir selbst gestellt habe, nicht erfüllt habe: Gott vergibt in Jesus Christus die Schuld, das Versagen, die Schwachheit…

Trotz dieser Antwortversuche ist das Leiden für uns Menschen manchmal kaum zu bewältigen, weil es zu unfassbar und kaum zu ertragen ist. Darum muss man immer wieder lernen, sich hindurch zu kämpfen, vom Leiden zum Vertrauen, zur Liebe – und anderen dabei helfen. Christen glauben, dass das nicht umsonst ist und dass Gott uns dabei hilft. Darum spielt das Kreuz im christlichen Glauben auch eine so große Rolle: Es ist Zeichen für Leiden, Tod und gleichzeitig für Auferstehung, Leben.

Grundsätzlich stehen wir Menschen vor der Prämisse, der Vorentscheidung: Aufgrund des Leidens

(a) Gott infrage stellen (siehe: http://evangelische-religion.de/atheismus-religionskritik.html ) – oder:

(b) Gott die Frage stellen: Warum? – oder:

(c) sich in Gott bergen (siehe http://evangelische-religion.de/wunder.html )

(d) mit (bzw. ohne) Gottes Kraft gegen Leiden angehen (wie Jesus), wenn es sich um Leiden handelt, das man bekämpfen kann.