Hier werden ein paar Anmerkungen zu „Nahtoderfahrung“ gemacht – das vor allem mit Blick auf das Glaubens-Leben der Christen.
1. Nahtoderfahrung und Wissenschaft
Naturwissenschaft erklärt sich Nahtoderfahrungen dadurch, dass im Körper aufgrund der Stresserfahrungen (Todesangst, Sauerstoffmangel) eigene Drogen ausgeschüttet werden, die in Menschen solche „Gedanken“ / „Erfahrungen“ hervorrufen – die sie zum Beispiel das Licht (am Ende eines Tunnels) sehen lassen, die Out-of-Body-Gefühle verursachen. Anhaltspunkt dafür sind auch die Narkosemittel, die Menschen vor Operationen verabreicht werden und als Folge haben können, dass Menschen in vollkommen anderen Welten leben. Sobald diese Wirkung nachlässt, kommen sie auch wieder zurück in die reale Welt (s. unten). Soweit der Stand der Forschung.
2. Überlegungen
Aber wer bin ich, dass ich Menschen, die diese Erfahrung gemacht haben, absprechen möchte, sie gemacht zu haben? Ich denke da an den Psychologen, der vor einer solchen Erfahrung Nahtod-Fragen rational interpretiert hat – und nach einer solchen Erfahrung ein völlig anderer Mensch war. Ähnliches wird von einem Neurochirurgen, der darüber ein Buch geschrieben hat, berichtet.
Vielleicht handelt ja Gott gnädig durch diese Erfahrungen, er als derjenige, der seiner Kreatur diese Möglichkeiten gegeben hat, das Sterben zu ertragen. Sicher, manche haben auch schlimme Erfahrungen und Kämpfe in dieser Vortodesphase – was häufig verschwiegen wird: Kälte, Einsamkeit, Leere – aber auch verstörende Wesen, Erkenntnis, dass man im Leben versagt hat. Wie die negativen Erfahrungen zu deuten sind, als Grundlage der Fegefeuer/Höllenangst – wer weiß das alles schon. Das Ich, das Weltbild werden erschüttert. Der Mensch erkennt seine Abhängigkeit von Gott, er erkennt, dass sein schlimmen Handlungen Konsequenzen hat. Es ist sozusagen Gottes gnädiger „Schuss vor dem Bug“, damit ein Mensch sein Leben ändert.
Zudem: Die Erfahrungen innerhalb der Religionen unterscheiden sich. Warum Letztgenanntes auch nicht? Das gehört mit zur Schöpfergüte Gottes. Mit Blick auf andere Religionen finde ich die Sicht des tibetanischen Buddhismus (Tibetisches Totenbuch) spannend, dass hier Wege gefunden wurden, Menschen einen gewissen Weg zu weisen: Mit Hilfe der einstudierten Wörter Angst zu nehmen. Was darauf hinweist, dass eben in diesem Kulturkreis Angsterfahrungen dominieren und Menschen so Hilfen bekommen, die Angst zu kanalisieren. Nahtoderfahrungen sind kein Wellness-Trip, sie sind nicht zu verharmlosen. Sie sind Herausforderungen für den Menschen – wie das Sterben insgesamt. In verschiedenen Religionen / Kulturen sind unterschiedliche Vorstellungen mit der Nahtoderfahrung verbunden, so las ich. Die Basis ist gleich. Die Sprache des Nahtodes ist unterschiedlich.
Wenn wir beginnen, solche Erfahrungen zu negieren, die ein Teil der Menschen gemacht haben, können wir anfangen, sämtliche Erfahrungen als subjektiv, als irreal zu interpretieren. Es gibt dann keine handfesten Erfahrungen mehr, weil der Mensch sich nie sicher sein kann, ob das nun eine Hirnkapriole ist oder Realität. Damit haben wir grundsätzlich zu kämpfen, weil wir inzwischen wissen, dass Welt-Interpretation eben Interpretation ist. Die Kommunikation ermöglicht es dann, eine gewisse gemeinsame Basis der Welt-Interpretation zu schaffen – und das wird Kultur genannt. Andere Kulturen haben eine andere Welt-Interpretation – die in manchen Bereichen mit anderen Kulturen eng zusammenpasst, mit manchen eben nicht. Weil Welt interpretiert wird durch viele einzelne subjektiven Hirne, können Menschen sich in gewisser Weise sicher sein zu wissen, wie die Welt tickt. Zumindest in dem jeweils kulturellen Rahmen. In diesem Zusammenhang ist dann zu sagen, dass religiöse Menschen eine andere Sicht auf die Welt haben als areligiöse Menschen. Von daher ist in unserer Zeit die Kommunikation mit religiösen Menschen aus anderen Religionen oft einfacher als mit Atheisten, weil man eine gemeinsame Basis hat.
Zurück zum Thema: Ich denke da an das, was mit einem Menschen beim Aufwachen aus einer Narkose passieren kann: Er ist in einer anderen Welt – vielleicht auch in einer Welt, die er einmal erlebte, vielleicht auch eine ganz neue Welt, die auf einmal wieder so real wird, eine wunderschöne Welt, aus der man gar nicht mehr erwachen möchte und wenn man dann aus ihr erwacht, den Eindruck hat, dass die reale Welt eine irreale Welt ist, eine grausame. Zumindest grau neben der bunten Erfahrung dieser Welt in der Narkose. Menschen haben dann die Schwierigkeit, langsam wieder zu erarbeiten, was auf einer anderen Ebene real ist – die graue Welt des Krankenhauses – nicht die Welt, die man im Kontext der Narkose erfahren hat. Erfahren hat! Diese Erfahrung wird Teil des Lebens. Warum sollte man sein Hirn, das einem diese Erfahrungen ermöglicht, bekämpfen? Diese Erfahrung wird Teil des Menschen, auch dann, wenn er sie säkular-wissenschaftlich richtig einordnen kann.
Und dieses flexible Hirn verwendet Gott, um sich selbst bemerkbar zu machen. Man kann sagen: Papperlapapp – eine irreale Welt, Vorspiegelungen eines erregten Hirnlappens, ein von Drogen aufgepumptes Hirn, man kann es deuten, muss es sogar säkular deuten bzw. säkular zu deuten versuchen – als Forscher. Aber: Diese säkulare Deutung ist nur eine der Möglichkeiten – und für das Individuum vielleicht sogar eine irrelevante Möglichkeit, weil sie sein eigenes Leben in einer Dimension prägte, die es vorher nicht gekannt hat. Das Hirn ist so flexibel, vielleicht darum, weil der Schöpfer ihm diese Flexibilität gegeben hat, damit es so flexibel ist, auch seine Anrede, Ansprüche und Einsprüche wahrnehmen zu können – die man dann Glauben nennt.
Glaubende lernen, die Welt nicht eindimensional zu interpretieren.
Aber das ist auch außerhalb des Glaubens möglich, von daher macht der Glaube hier keine Ausnahme. Zum Beispiel: Welche Hormone werden ausgeschüttet, wenn man einen Menschen liebt. Liebe – einfach nur ein bestimmter Hormoncocktail. Dann macht man die Erfahrung der Liebe – sie ist real. Hormone hin, Hormone her. Diese Welt ist real, sie bereichert das Leben ungemein, sie bereichert das Leben so sehr, dass sie bedichtet und besungen wird. Dabei ist sie für die Zeugung von Nachkommen nicht einmal wichtig. Sex funktioniert auch ohne Liebe. Nachkommen können auch ohne Liebe aufgezogen werden. Wir haben hier eine ungemein wichtige Parallelwelt – die pragmatisch gesehen völlig unwichtig ist. Die Tiere zeigen das. Aus dieser Perspektive ist die Welt auch nicht einseitig säkular-wissenschaftlich zu interpretieren. Erfahrungen dieser Art heben die Hormon-Welt auf eine andere Ebene. Anders gesagt: Die biologische Basis ist die Bedingung für die Erfahrung, aber die Qualität der Erfahrung, die das für einen Menschen hat, liegt auf einer anderen Ebene, hat eine andere Dimension.
Manche Menschen machen diese Erfahrungen nicht. Säkular gesprochen: Weil hormonell manches außer Gleichgewicht geraten ist. Was ist nun natürlich? Was ist normal? Und das auf den Glauben bezogen – warum will man dem Glauben absprechen, Teil des normalen Lebens zu sein? Es gibt Normalität auf einer breiten Ebene. Warum versucht man ihn psychisch, hormonell usw. zu erklären? Nicht zu glauben ist ebenso psychisch, hormonell zu erklären. Dimensionen des Lebens anerkennen – auch wenn man bestimmte Erfahrungen nicht gemacht hat, das ist eine Errungenschaft, die man nicht aufs Spiel setzen sollte durch Engstirnigkeit und Rechthaberei, die übrigens auch psychisch, hormonell, kulturell bestimmt sind.
Zuletzt: Und wenn man dann die Liebe auch noch mit dem Glauben verbindet! Es tun sich neue Dimensionen auf, auch des Verstehens Gottes, der Liebe ist und Menschen mit Glauben beschenken möchte. Aus christlicher Perspektive gesprochen: Auch die Nahtoderfahrung ist Ausdruck der Beziehung zu Gott. Sie kann positiv sein, kann negativ sein. Sie kann mit Ängsten besetzt sein oder mit froher Erwartung. Und das betrifft auch säkulare Menschen, weil sie eben in unserem Kulturkreis aufgewachsen sind. In anderen Kulturkreisen mag es anders aussehen.
Zuletzt sei noch auf die Kraft hingewiesen, die solche Erlebnisse haben: Sie ändern das Leben derer, die Nahtoderfahrungen gemacht haben. Die oben angesprochenen Halluzination im Kontext der Operationen haben nicht eine solche Leben verändernde Macht. Die Wirkung spricht für sich. Menschen, die Gott erfahren haben, können zu einem vertieften Glauben geführt werden, Menschen, die Schock-Erfahrungen gemacht haben, können dazu geführt werden, ihr Leben in ein Glaubenslicht zu stellen.
Oben wurde vom Tibetischen Totenbuch gesprochen, das Menschen einen Weg weist, mit Ängsten im Sterben umzugehen. Wir haben das auch im christlichen Glauben. Keine festen Wörter, sondern das Wissen, dass die Liebe von Jesus Christus uns begleitet und empfängt. Der Ruf, den wir im Matthäusevangelium von Petrus hören, der in dem stürmischen See zu sinken im Begriff ist, sich in vollkommener existentieller Not befindet: Herr, rette mich! (Matthäus 14,30) – der gilt auch für den christlichen vertrauenden Glauben. Und Christus reichte Petrus die Hand und rettete ihn.