Reflexionen zum Thema Jungfrauengeburt
1. Heidnische Parallelen und christliche Interpretationen
Gibt es in der Antike Texte, die davon sprechen, dass die jeweilige Frau, die ein Götterkind erwartete, Jungfrau gewesen ist? Vielleicht ist hier die Karna-Tradition (Mahabharata) zu nennen, die ich aber nur als Übersetzung kenne, somit nicht weiß, ob der westliche Übersetzer unsere christliche Weltdeutung eingetragen hat. Dort geht es darum, dass die Jungfrau (Kunti) vom Sonnengott (Surya) nach der Zeugung wieder ihre Jungfräulichkeit bekommt / oder hat er seine Yoga-Kraft in die Jungfrau hineingelegt, ohne sie zu „entjungfern“? (Von wann der Text ist, ist nicht mehr zu sagen, da das Mahabharata in einem Zeitraum von 400 v.Chr. bis 400 n.Chr. entstanden sein wird, aber nicht an einem Stück, sondern immer wieder überarbeitet wurde.)
Plutarch – gestorben 120 (!) nach Christus – ist als Schriftsteller eine interessante Person. In vielem weist er Nähe zum Christentum des Paulus auf. Er hat sich über alles Mögliche Gedanken gemacht, auch was Religion betrifft: Er hat sie stark reflektiert und (was auch für Juden und Christen wichtig war) mit seinem moralischen Interesse verbunden. Die Frage ist, wieweit er Christen als besondere Gruppe schon wahrnehmen konnte oder sie dem Judentum zugeordnet hat.
Wie dem auch sei: Er schreibt in Numa von weisen Ägyptern, die meinen, dass eine Gottheit durch den Geist in einer Frau den Beginn eines Volkes bewirken kann, dass allerdings ein Mann nicht Verkehr mit einer Göttin haben könne. Ein Gott kann nicht mit einem Mann entsprechend agieren wie mit der Frau. Aber auch der Mann kann von Apoll geliebt werden – die Folge ist dann eher „spiritueller“ Art – und die Frau bekommt dann immer ein Kind? Die Aussage ist sexuell gedacht – wurde dann mit Blick auf den Mann „spiritualisiert“. Es geht also nicht um eine konkrete Situation, eine konkrete Frau. Plutarch selbst lehnt eine solche Vorstellung ab. Plutarch versuchte wie manche Gelehrte seiner Zeit, die körperlichen Paarungen der Gottheiten als spirituelle Paarungen darzustellen, weil körperliche Paarungen für Philosophen eher peinlich waren.
Andere Texte, wie zum Beispiel, dass Zeus als goldener Regen vom Himmel in den Schoß von Danae fällt, hat nichts mit Jungfrauengeburt zu tun, freilich hat Zeus sich Jungfrauen ausgesucht. Es geht also um eine besondere „göttliche“ Empfängnis, nicht um Jungfrauengeburt. Wobei es unterschiedliche Interpretationen gibt. Justin (2. Jh.) verwendet die Stelle dazu, um den Griechen zu sagen: Wenn ihr schon von „göttlichen“ Zeugungen sprecht, warum sagt ihr, unsere Version sei absurd? Also es geht um Apologie. Die Mutter von Platon soll, so der Christ Hieronymus aus entsprechendem Grund, als Sohn einer Jungfrau – durch den Gott Apollon – geboren worden sein. Ebenso berichtet er das von Buddha. Laut Tradition ist der Vater ein weißer Elefant, der der Mutter des Buddha, Maya, im Traum erschienen war. Aber es wird nicht gesagt, dass die Mutter Jungfrau war. Das wurde von Hieronymus aus genanntem apologetischen Grund eingelesen. Als Schlange hat Apollon Augustus gezeugt bzw. ein Gott auch den Alexander. Aber die Mütter waren verheiratet. In ägyptischer Tradition geht die Gottheit in den König ein und zeugt auf diese Weise die göttlichen Nachkommen in seiner Frau.
Auf Vergil ist in diesem Zusammenhang hinzuweisen: Ekloge 4 (um 40 v.Chr. geschrieben) – ein Text, der von den frühen Christen als prophetisch angesehen wurde: Gott hat auch Heiden auf Jesus vorbereitet, indem er Vergil diesen Text schreiben ließ, so haben es Christen interpretiert. Freilich kommt die „Jungfrau“ nur im Kontext vor. Sie ist die personifizierte Gerechtigkeit, die wiederkommen werde, eine neue Generation komme vom Himmel und Lucina (Göttin der Geburtshilfe) möge die Geburt des Jungen begünstigen.
Dass Göttinnen andere göttliche Wesen ohne sexuelle Vereinigung hervorbringen, ist alte griechische Mythologie, so bringt Gaia (die Erde) den Uranos (Himmel), Ourea (Berge) und Pontos (Meer) hervor. Aber das ist etwas ganz anderes, da Maria bekanntlich keine Göttin war, sondern normale Jugendliche, die von der Botschaft, dass sie schwanger werde, überrascht wurde.
Während wir also erkennen, dass es im Grunde keine Parallele gibt, haben frühe Christen Parallelen gesucht, um die Tatsächlichkeit zu begründen. Sie nehmen diese mythischen Geschichten aber nicht, um zu sagen: Wir haben auch eine solche entwickelt, sondern die Geburt Jesu wird trotz der Besonderheit mit Hilfe heidnischer Mythologie verteidigt. Es gibt also hier und da einen Text, der zeigt, in was für ein kulturelles Umfeld diese christliche Aussage hinein gesprochen wurde. Bildhaft gesagt: Die christliche Tradition übernimmt einzelne Fäden aus den kulturellen Umfeldern, webt daraus aber einen ganz eigenen Teppich. Es geht nicht um Götter-Erotik, nicht um Superhelden. Weil die Basis eine andere, eine nicht mythologische war?
Was im Vergleich mit all diesen Geschichten noch interessant ist: Die zeugenden Götter hinterlassen berühmte, kraftvolle Kids, Besieger von Ungeheuern und große Feldherren und Herrscher. Wenn man das mit der Vita, dem Leben Jesu vergleicht, war das Leben Jesu eher unspektakulär: Er kümmerte sich um Menschen, die es eigentlich nicht wert waren, dass man sich um sie kümmert, und dann ist er auch noch am Kreuz hingerichtet worden. Das Leben hat also als ein solches gesehen, nichts Göttliches im antiken Sinn. Im Gegenteil: Gottes Sohn sein bedeutet im christlichen Sinn: Erniedrigung. Der Sohn Gottes kommt herab, stirbt den Tod am Kreuz. Kurz: Als Sohn Gottes muss er als irdischer Mensch die Erwartungen enttäuscht haben. Wie er die messianische Erwartung der zeitgenössischen Juden enttäuschte. Wenn jemand freilich sagen sollte: Aber er ist ja auferstanden, er hat Menschen geheilt, dann ist das nur etwas Großes, wenn vorher daran geglaubt wird, dass Gott dahinter steht bzw. die Auferstehung als reale Erfahrung anerkannt wird. Menschen, die als Heiler herumgezogen sind, gab es nicht wenige, das war also nichts Besonderes, große Lehrer gab es auch. Auch das war nichts Besonderes.
2. Aussagen der frühen Christen
a) Lukas:
Soweit Lukas zu verstehen ist, geht es um Erschaffung Jesu in Maria – wenn man Genesis 1 als Deutungsmuster verwendet. Das heißt: Gottes Geist ist Gott selbst in seiner Schöpferkraft. Und Deutungsmuster sind es immer, die wir verwenden. Wenn ein Ägypter ohne Kenntnis des Alten Testaments den Lukas-Text liest, hat er das wohl so interpretiert, dass Gottes Geist das Blut in Maria zu einem Menschlein geklumpt hat, oder wie eine spätere christliche Schrift sieht, war der Geist Gottes eher eine Art Mann, der von Maria vor Schreck ans Bett gefesselt wurde. Andere haben das schon damals in der Auseinandersetzung mit dem Christentum verballhornt und von der Vergewaltigung der Maria durch einen Römer (Panthera) interpretiert. Matthäus macht dazu keine Angaben, er konstatiert: Sie war schwanger vom Heiligen Geist. Lukas schreibt eher spirituell in einem lyrischen Parallelismus – verwendet also überhaupt keine sexuellen Konnotationen:
Der Heilige Geist wird über dich kommen –
die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.
(Parallelismus ist eine alte jüdische literarische Form, die vielfach auch in den Psalmen verwendet wurde: Heiliger Geist = Kraft des Höchsten / über dich kommen = wird dich überschatten. Weitere sprachliche Beobachtungen: Geist kommt über den Menschen: Apostelgeschichte 1,8 – die Jünger – ohne Bezug zu Kindzeugung. Zudem ist Geist / Ruach feminin. Überschatten: Die göttliche Wolke überschattete die Jünger und es kam die Stimme: Das ist mein auserwählter Sohn, den sollt ihr hören! [Lk 9,34]. Das Wort wird noch einmal Apg 5,15 verwendet: der Schatten des Petrus soll auf die Heilungssuchenden fallen – damit sie gesund würden.)
b) Matthäus
Hier greife ich im Wesentlichen das auf, was ich im Rahmen der Geburtsgeschichten „Matthäus“ formuliert habe:
Es wird gegenwärtig gesagt, dass die Vorstellung, dass Maria Jungfrau war, aus dem Buch des Propheten Jesaja heraus konzipiert wurde.
- Der Prophet Jesaja 7,14 spricht allerdings nicht von einer „Jungfrau“, sondern von einer „jungen Frau“, denn das Wort „Almah“ bedeutet „junge Frau“ / „Frau im gebärfähigen Alter“; „Jungfrau“ wäre eindeutiger mit „Betulah“ ausgesprochen worden.
- Dieses wird von den vorchristlichen Übersetzern ins Griechische aber mit „Parthenos“ – also „Jungfrau“ – übersetzt.
- Die frühe Gemeinde hat dann, so wird gesagt, diesen „missverständlichen“ griechischen Text als Vorlage gehabt.
- Die jüdisch-christliche Gemeinde in Judäa war aber mit hebräischen Texten vertraut, was auch für Matthäus zu vermuten ist. Die Frage stellt sich: Hat er bzw. seine Gemeinde also Parthenos im Sinne von Almah gedeutet, also wäre ihm „Jungfrau“ nicht in den Sinn gekommen? Ist diese Interpretation erst in uns bekanntem Sinn relevant geworden, als die griechische Gemeinde mit der griechischen Bibel argumentierte?
Das alles kann sein, dagegen spricht freilich, dass der Prophet wohl kaum eine „junge Frau“ im Blick gehabt haben wird, sondern etwas Wunderhaftes prophezeit, und dass eine junge Frau ein Kind bekommt, das ist normaler Alltag. Somit hätten die Übersetzer mit „Parthenos“ / „Jungfrau“ richtig interpretiert. Es sei denn, der Prophet spricht von einer ganz bestimmten jungen Frau, die einen Jungen empfangen und gebären wird. An diesen 9 Monaten Schwangerschaft und den folgenden Jahren schließt der Prophet politische Zeitaussagen (3-5 Jahre) an. Wenn die junge Frau also noch nicht schwanger ist, dann stimmt der politische Countdown nicht mehr.
Der Prophet hatte also mit seiner Prophezeiung vermutlich anderes im Sinn, als es die Übersetzer des Jesaja-Textes (durch Gottes Geist vorbereitend?) verstanden haben und dann die frühe Gemeinde aus den Jesuserfahrungen heraus (durch Gottes Geist) interpretiert hat.
Der weitere Aspekt: Es könnte sein, dass Jesus nachträglich als Kind einer Jungfrau dargestellt wurde, weil, wie immer wieder behauptet wird, auch sonst Jungfrauen als Mütter großer Menschen dargestellt werden. Dem ist allerdings nicht so. Die anderen Großen der Weltgeschichte, Alexander der Große, Augustus, Buddha – sie werden von Göttern gezeugt, das heißt, die Frau war und blieb keine Jungfrau mehr, sondern das geborene Kind war eine Art Halbgott.
Was aber wäre gewesen, wenn Jesaja 7 von den Übersetzern nicht mit „Parthenos“ / „Jungfrau“ übersetzt worden wäre? Wie hätten die frühen Christen die Besonderheit der Geburt formuliert? Diese Frage ist geschichtlich natürlich müßig, wie alle „Was-Wäre-Wenn-Fragen“. Zudem ist in jüdischer Tradition nicht von einer solchartigen Geburt des Messias die Rede. Aber diese Frage zeigt, dass die frühen Christen schon in diese Richtung sensibilisiert worden waren, um dieses Wort aufzugreifen. Warum?
Das einzigartige Bekenntnis, dass Maria Jungfrau war (ohne von einem Mann zu wissen, schwanger wurde), spricht aus, dass Jesus also nicht eine Art Halbgott war, sondern durch Gottes Geist in Maria erschaffen wurde. Jesus ist also ein ganz besonderes Wesen. Gottes Geist ist Gott selbst – Gott bildet also sich selbst, so der christliche Glaube, in die Jugendliche nach ihrer Zustimmung (lat.: „Fiat mihi“; gr. „génoito moi“) hinein. (Christen bekennen: Jesus Christus: wahrer Gott und wahrer Mensch.) Maria stimmt zu, sie wird also nicht von irgendwelchen Göttern überrascht, überwältigt, getäuscht, verführt. Sie gibt frei dem Handeln Gottes Raum.
c) Exegetische Überlegungen
Es wird also vermutet:
- Die frühen Christen haben eine Glaubenserfahrung gemacht: Jesus wurde aus den Toten auferweckt (Wunder 1) – der christliche Glaube beginnt nicht mit der Krippe, sondern mit Tod und Auferstehung,
- das haben sie zum Anlass genommen, Jesu Erfahrung bei seiner Taufe (er hörte Gott sprechen: dieser ist mein geliebter Sohn) neu zu verstehen (Wunder 2),
- daraus haben sie dann geschlossen: Jesus muss ein besonderer Mensch gewesen sein, was auch seine Worte und Taten bezeugen (vielfache Wunder 3 + x),
- er muss also auch besonders geboren worden sein und haben dann das Wunder 4, die Jungfrauengeburt konzipiert – damit zusammenhängend: die Mutter Jesu war eine ganz besondere Frau, die um Gottes Willen zu erfüllen, zu einem ganz schweren Leben „Ja“ gesagt hat. Das wäre eigentlich Wunder 5.
- Aber die frühen Christen haben nicht gängige Mythologien verwendet, sondern ganz Neues aus jüdischer Tradition (weil Gott nicht sexualisierter Zeus ist) erfunden, ausgehend von der griechischen Übersetzung „Parthenos“ / „Jungfrau“ aus Jesaja 7 (was selbst ein Wunder gewesen sein dürfte). Sonderbarer Weise haben sie aber die Stammbäume nicht an David angepasst, sodass diese noch immer auf Josef zulaufen, nicht auf Maria. Sie hätten also, wenn sie konsequent gewesen wären, auch Maria als Nachkomme Davids darstellen müssen. Also ist Josef der menschliche Vater gewesen. Die frühe Gemeinde musste das jedoch nicht anpassen, da durch die „Adoption“ Jesus vollwertiges Kind des Josef, also nachkomme Davids, geworden ist. Zudem zeigt das wohl: Es geht nicht um in der Logik entwickelten und propagandistisch verkündeten Glauben. Letztlich lassen Matthäus und Lukas das so stehen, wie sie es überliefert bekamen, weil es für sie einleuchtend war: Jesus, Sohn der Jungfrau Maria. Beides war für sie richtig: Nachkommenschaft Davids und eben die Besonderheit der Mutter Jesu.
- Dass Josef Maria angenommen hat, obgleich sie nicht von ihm schwanger war, damit also die davidische Abstammung ermöglicht wurde, ist Wunder 6.
Diese Herleitung setzt aber eines voraus: Die Auferstehungs-Erfahrung ist vollkommen real. Was natürlich auch unseren aufgeklärten Vorstellungen widerspricht. Manche verstehen das nicht als „Erfahrung“ sondern als Einbildung, Trauerbewältigung, Wunschdenken. Das hieße, dass diese Relecture der Geburtsgeschichte Jesu, also das Zurücklesen aus der Ostererfahrung heraus, auch zusammenbrechen würde. Wie man es dreht und wendet, es bleibt sonderbar, wunderhaft, Glauben. Am Anfang und Ende des christlichen Glaubens stehen im Grunde unerklärliche Wunder.
Einfach ist die historisch-kritische Antwort: Wir abstrahieren von allem Wunderbaren. Das heißt: Jesus redete und handelte, hatte darum seine Bewunderer, wurde dann hingerichtet. Aber wie kam es dann zu diesen wunderhaften Aussagen – gerade bei diesem galiläischen Juden, der für 1-3 Jahre durch Galiläa zog? Wie man es also dreht und wendet, es bleibt ein spannender, weil unerklärlicher, großartiger Rest.
Wie dem auch sei: Diese Interpretation hat die Menschheit beeinflusst.
d) Biologistisches Denken
Das, was als große wunderbare Tat Gottes geschildert wird, von Maria dann auch im Lukasevangelium besungen wird, wird in der Antike (um den christlichen Glauben lächerlich zu machen) und in der Moderne auf biologistische Ebene heruntergebrochen. (Maria sang ein spirituelles Lied! – Vom Zacharias, der auch ein Lied singt, heißt es: Er wurde vom Heiligen Geist erfüllt und sprach. Von Maria wird das nicht gesagt – weil der Erfüllung mit dem Heiligen Geist als eine andauernde gedacht war?) Der Wundertext wird also biologisch interpretiert. Diese biologische Ebene hatten die Evangelisten nicht im Blick. Selbst Johannes schreibt, dass Glaubende ohne den Willen eines Mannes – also nicht nur Jesus – von Gott geboren wurden. Die biologistische Frage, so nenne ich das einmal, konnte erst aufkommen, als man begann, alles umzubrechen und auch gegen das Christentum zu schießen, denn die historisch-kritische Exegese ist eng mit der Aufklärung verbunden, in der man die Macht der Kirche bekämpfen wollte. Streckenweise hat sie sich dann von diesem Ansatz emanzipiert – und ist zu einer unideologischen Exegese weiter gekommen (das heißt: Man wollte nicht die Kirche widerlegen, bekämpfen usw., sondern wirklich verstehen). Es blieb: Man versuchte die religiöse Sprache in eine andere Sprache zu übersetzen und kam dadurch in massive Schwierigkeiten. Dass Christen daran nicht ganz unschuldig waren, will ich nicht verschweigen.
Reflexionen zum Thema Sprache
Nehmen wir das Gedicht von Gottfried Benn: Ein Wort, ein Satz –: aus Chiffren steigen / erkanntes Leben, jäher Sinn, / die Sonne steht, die Sphären schweigen, / und alles ballt sich zu ihm hin. // Ein Wort – ein Glanz, ein Flug, ein Feuer, / ein Flammenwurf, ein Sternenstrich – / und wieder Dunkel, ungeheuer, / im leeren Raum um Welt und Ich. Zitiert nach: https://www.planetlyrik.de/lyrikkalender/gottfried-benns-gedicht-ein-wort/ (Link überprüft: September 2026)
Was soll man da sagen! Das ist Quatsch. Übertreibung! Wortgeklingel im wahrsten Sinn! Unsinn. Usw. usw. usw. Benn hätte sagen können: Wort wirkt. Basta.
Wir müssen aber die andere Ebene beachten. Auf dieser anderen Ebene ist das Gedicht einmalig! Es drückt etwas wunderbar aus, was man ohne diese Form nicht aussprechen könnte. Es zeichnet die Macht eines Wortes auf, die Kraft der Bewegung, die es im Menschen verursacht – und dann, wenn es gesprochen ist, den Menschen in Einsamkeit zurücklässt.
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Man kann nicht einfach eine Sprachebene wechseln, ohne Verlust. Diese Erkenntnis hatten viele unserer wissenschaftlich orientierten Vorfahren nicht, sie ist erst im Zuge neuerer Wissenschaft, der Linguistik, wieder in die Exegese herein gekommen. Wir sind inzwischen wieder einen Schritt weiter gekommen: Worte sind nicht nur Information. Selbst die alten Rhetoriker wussten das. Poeten sowieso. Und dann versuchte man im aufgeklärten, abgeklärten und emotional abgebrühten Zeitalter der Moderne das alles zu übergehen und vergaß dabei, dass Wertvolles dabei verloren geht, wenn man alles über den Leisten des Historizismus und in diesem Fall des Biologismus schlägt.
Indem man die Menschen sozusagen auf Info-Worte reduzierte, machte man sie gleichzeitig anfällig für Menschen, die Worte emotional und rhetorisch gebrauchten. Damit hat man die Menschen, die keine Ahnung davon hatten, dass Worte auch negativ emotionalisieren können, diesen Populisten und Rhetorikern ausgeliefert. Oder man lieferte sie der Werbung aus, denn die Werbeleute sind mit allen Wassern gewaschen, was auch die Macht der Worte betrifft – ebenso die von esoterischen Ansichten begeisterten Menschen. Inzwischen kapieren es auf dieser Ebene auch Otto und Ottilie Normalverbraucher und manche Wissenschaftler immer stärker. Auf religiöser Ebene müssen sie erst wieder lernen, dass es unterschiedliche Sprach-Ebenen gibt. Viele Christen haben leichtfertig selbst diese religiöse Sprache verachtet und verlassen. Nun hängen sie in der Luft – und müssen erst wieder lernen, dass es unterschiedliche Sprachebenen gibt.
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Die frühen Christen wussten: Jesus war ein Mensch in der Geschichte. Er war kein Mythos. Er hatte Fleisch und Blut, er war keine Hirngeburt. Und als ein solcher wahrer Mensch ist er als ein Wesen in der Geschichte geboren. Wann? In der Zeit des Augustus (Weltgeschichte – Lukas) und des Herodes (Israelgeschichte – Matthäus). Zudem: Jesus ist mit Hilfe des Deutungsmusters jüdischer Exegese zu verstehen. Wir können von „Glück“ sagen, dass sie nicht das allegorische Deutungsmuster eines Philo aufgegriffen haben. Was hätten wir da heute für Probleme!
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Letztlich kommt es darauf an, dass man erst einmal die religiöse Sprache gelten lässt – als eine ganz normale Sprachform, die Menschen weltweit verwenden – und versucht, sie zu verstehen. Und das bedeutet bei beiden, Matthäus wie Lukas: Gott wurde Mensch, Gott handelt wunderbar. Dass Gott wunderbar handelte, sieht man an dem Menschen Jesus Christus, das sieht man an der Auferstehung Jesu Christi, das sieht man an der Gemeinde, die im gesamten römischen Reich (Lukas) bzw. Israel und weltweit im Osten (Matthäus) am Wirken ist.
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Die Geburtsgeschichten sind nur ein einleitender Teil zweier umfassender Werke, die als Ganzes berücksichtigt werden müssen. Und dann konzentrieren wir heute unseren Blick auf:
Maria – Jungfrau:
Ja
Nein
Vielleicht
Wie kann das sein
Das kann nicht sein
Das kann doch sein
Wo gibt es Parallelen
Wie sind die zu interpretieren…
– diese unsere Vorgaben, geboren aus einem engen Historizismus werden dem Ganzen nicht gerecht. Historizismus beengt den Blick, und wenn alles daran gemessen wird, ist er eine Ideologie im Mäntelchen von Wissenschaft. Das trifft auch auf den Biologismus zu. Es geht nicht um Biologie. Von daher ist auch dieses Erklärungsmuster unbrauchbar. Die Frage ist allerdings: Wie können wir heute das wunderbare Handeln Gottes adäquat darstellen? Da gibt es ganz unterschiedliche Ansätze – abhängig davon, wieweit man noch im traditionellen religiösen Sprachmuster steht – von daher kann man einfach die traditionelle Sprache weiter verwenden (so in traditionellen Gottesdiensten), die man nicht abbrechen lassen darf, trotz der Menge neuer Versuche. Neue Versuche muss man wagen. Wobei ich allerdings nicht weiß, wie, ohne wiederum in Biologismus und Historizismus zu verfallen. Beziehungsweise: Ich habe kein Patentrezept.
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Nicht aus Versehen habe ich das Gedicht von Benn gewählt. Die Geburtsgeschichten der Evangelien sind so ein Wort, das Welt aufstrahlen lässt. Allerdings kann man, wenn es verklingt, in Einsamkeit und Dunkelheit verfallen – wenn man, und da gehen Glaubende weiter als Benn – wenn man nicht aus dem Geist Gottes geboren ist bzw. den Geist Gottes in sich gebären lässt. Lukas formuliert das pragmatischer, indem er Maria als Vorbild vorstellt: Sie bewegte die Worte in ihrem Herzen.
Aufgaben
1. Vergleiche die neutestamentlichen Geburtsgeschichten mit den antiken Motiven. Arbeite heraus, inwiefern sich die urchristliche Konzeption von der heidnischen Mythologie unterscheidet.
2. Diskutiere die sprachliche Verschiebung von dem hebräischen Begriff „Almah“ zu dem griechischen Begriff „Parthenos“ und bewerte deren Bedeutung für die Entstehung des (früh)christlichen Bekenntnisses, dass Jesus von der Jungfrau (eine Jugendliche, „die noch von keinem Mann wusste“) Maria geboren wurde.
3. Ein Kritiker behauptet: „Die Aussage, dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde, ist als biologische Aussage haltlos, es handelt sich um ein frühchristliches Märchen, ist also für den modernen Menschen wertlos.“ Nimm zu dieser Aussage Stellung. Beziehe in die Überlegungen die Interpretation des Gedichtes von Gottfried Benn mit ein.
4. In den Evangelien des Lukas und Matthäus wird einerseits die Jungfrauengeburt hervorgehoben, andererseits wird Jesus in den Stammbäumen als Nachkomme Davids über Josef vorgestellt. Vertiefe diesen Spannungsbogen. Ist dieser logische Bruch ein Zeichen von mangelnder Sorgfalt der Evangelisten oder ist darin eine tiefere theologische Wahrheit zu erkennen? Begründe Deine Sichtweise.