PRAKTISCHER/PRAGMATISCHER ATHEISMUS – ALLTAGS-ATHEISMUS – GEWOHNHEITS-ATHEISMUS

GOTT-VERGESSENHEIT – INDIFFERENTISMUS

Menschen leben ihren Alltag. Menschen, die nicht aus einer engen Beziehung mit Gott heraus ihren Alltag bewältigen, können Gott ganz schnell aus dem Auge verlieren. Die Alltagsaufgaben, Alltagsprobleme lassen keine Zeit, an Gott zu denken.

Diese Haltung muss nichts mit Atheismus zu tun haben – nichts damit zu tun haben, dass man gegen Gott ist. Gott ist einfach nicht relevant. Man benötigt kein höheres Wesen. Transzendenzerfahrungen sind irrelevant, man kümmert sich um Belange des Berufes, der Familie, des Hobbys – für Gott ist keine Zeit. Probleme bewältigt man ohne Gott, Glücksgefühle hat man ohne Gott ebenso. Schicksal wie Geschichte – alles läuft ohne Gott ab, ohne einen solchen „transzendenten Willen“. Menschen benötigen Gott nicht mehr, er wird einfach überflüssig. Von daher muss man selbst alles in die Hand nehmen, privat, politisch, wissenschaftlich, wirtschaftlich. Ob es Gott gibt oder nicht, das ist irrelevant. Hier geht dann der Praktische Atheismus in den Pragmatischen Atheismus über. Man ist pragmatisch veranlagt. Man muss leben, als ob es keinen Gott gibt, sagt der pragmatische Atheist; man lebt einfach so, als ob es ihn nicht gibt, sagt der praktische Atheist. Manche sind einfach aus Gewohnheit „Atheisten“ – sie machen sich einfach keine Gedanken über Gott, weil sie in einem atheistischen Umfeld aufgewachsen sind und noch nicht in die Lage gekommen sind, die religiöse Dimension des Lebens zu reflektieren. Diese indifferenten Sichtweisen werden auch von Atheisten aufgegriffen und in ihr atheistisches Weltbild eingebunden bzw. von Atheisten verwendet, im religiös indifferente Menschen für die atheistische Weltanschauung zu gewinnen. Ziel: Religion popularisierend aus dem öffentlichen Leben zurückzudrängen.

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Manchmal bemerken Menschen dann, dass etwas in ihrem Leben fehlt, falsch läuft. Sie beginnen etwas zu suchen, beginnen sich selbst zu suchen – aber so deutlich ist nicht, was sie eigentlich suchen. Das Wort des Kirchenvaters Augustinus: Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in Dir (Gott) – ist für sie nicht naheliegend, weil Kirche mit Institution verbunden wird, christlicher Glaube mit Tradition und Althergebrachtem, Gott ist zu fern und Jesus war ein guter Mensch in der fernen Vergangenheit. Zudem ist man gegenwärtig ein „Macher“. Man muss etwas tun, um zu sein. Nicht sich beschenken lassen von einen Gott, den man nicht kennt:

  1. An dieser Stelle finden manche dann in esoterischen „Antworten“ ihre Zuflucht – religiöse Gefühle, verbunden mit innerweltlichen Angeboten aus unterschiedlichsten Religionen, von Heilsteinen bis hin zu Reiki, von Horoskopen bis hin zu Feen, von religiösem Yoga bis hin zu Feng Shui…
  2. Andere suchen die Mitte in sich selbst: Meditationen unterschiedlichster Art, Yoga, psychologische und philosophische Zufluchten, die als Religionsersatz dienen können.
  3. Andere suchen Ruhe in der Kunst, in religiös empfundener Natur, indem sie sich der Nation, dem Volk, der Heimat einbinden, Sport trägt dazu bei wie das Verschmelzen mit den Klängen der Musik – es gibt sehr viele Möglichkeiten, die dem Menschen geboten werden, an Gott vorbei nach einem Grund des Lebens zu suchen, sich in das große Ganze hineinzufinden.
  4. Manche suchen Zuflucht in Drogen, seien es Drogen, die von außen zugeführt werden oder körpereigene Drogen, die durch bestimmte Handlungen aktiviert werden.
  5. Manche empfinden es als störend, dass sie keinen Zugang zu Gott finden, sind traurig darüber. Der Schriftsteller Martin Walser schreibt über seinen Gottesverlust in dem Büchlein „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“: Der Atheist “hat keine Ahnung. Beweisen könnte ich das nicht. Aber dass es nicht genügt zu sagen, Gott gebe es nicht, ahne ich. Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung.”
  6. Manche empfinden dieses Gefühl eher nicht, weil sie es mit Aktionismus, Medien verschiedenster Art (intensiver TV-Konsum, Eintauchen in PC-Spiele, Anerkennung durch vielfältige Social-Media-Kontakte…), Konsumismus übertönen.
  7. Manche versuchen Wissenschaft als Religionsersatz aufzubauen – aber dann ist es eher weniger ein emotionaler, vielmehr ein rationaler Versuch.

Der Mensch ist auf der Suche nach etwas, das über ihn hinausgeht. Aber diese Sehnsucht wird vielfach im Alltag durch alles Mögliche übermalt. Zudem wird diese Sehnsucht nicht nur von (pseudo-)religiösen Gruppen, sondern auch von Firmen aufgenommen, die eine möglichst schnelle Erfüllung der Sehnsucht versprechen. Zum Teil auch unter Aufnahme religiöser Vorstellungen, die verfremdet werden (nicht nur Werbung, sondern Firmen-Philosophie). Man ist somit aufgrund der innewohnenden Sehnsucht nach Gott beschäftigt, Gott zu suchen, weiß aber nicht, dass man Gott sucht. Menschen bleiben auf dem Weg zu Gott an allem möglichen Interessantem hängen, das die Welt und die menschliche Phantasie zu bieten hat.

Viel Aspekte werden aus dem christlichen Glauben herausgebrochen, von ihm isoliert, weil man meint, dass es auch ohne Gott hilfreich sei. Es wird säkularisiert. Der christliche Journalist Chesterton schrieb: Wer aufhört, an Gott zu glauben, glaubt an alles.

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Vielfach ist der Alltagsatheist der Kirche gegenüber aufgeschlossen, gegenüber ihren Werten und kulturellen Angeboten. Wenn er Kinder hat, nimmt er das Christentum stärker als kulturell-religiöses Angebot wahr, eben auch die Angebote für die Kinder. Zudem nimmt er Teil an besonderen Gottesdiensten (Weihnachten, Ostern, Kasualgottesdienste). Aber Gott selbst ist nicht das Thema. Diese Richtung der Alltagsatheisten kann man dem Kulturchristentum zuordnen. Kritisch ist er gegenüber bestimmten Ansprüchen und Formen des christlichen Glaubens. Lehnt diese ab, allerdings ohne das Christentum insgesamt abzulehnen. Zudem kann er sich ein gewisses religiöses Patchwork-Polster aneignen. Das Christentum ist Pool für eine pragmatische Lebensgestaltung. nach neueren Untersuchungen (pew-research) identifizieren sich ca. 71% der Deutschen mit dem Christentum, allerdings sind nur ca. 25% praktizierend (2018).

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Esther Maria Magnis formuliert in einem Interview: „Für mich ist die Frage auch nicht relevant, ob ich Gott brauche, sondern allein: Gibt es Gott oder gibt es ihn nicht? Entweder Gott ist oder er ist nicht. Wenn er ist, dann muss ich mich dazu verhalten, dann muss ich beginnen, ihn zu suchen. Dann ist diese Frage das Wichtigste im Leben.“ (Kath. Seelsorgeeinheit Empfingen-Dießener Tal, Regenbogen, April 2018, Gott – ja oder nein, Seite 6; pdf: kath-empfingen.de/html/media/dl.html?v=611050)