WAS IST „RELIGION“?

Der Begriff „religio“ wurde im Laufe der Zeiten unterschiedlich interpretiert:

  • Das lateinische Wort „religio“ hat unterschiedliche Bedeutungen zum Beispiel: (a) gewissenhaftes Beobachten – rituelle Genauigkeit einhalten (religere); (b) zurückbinden (religare).
  • Der heidnische Philosoph Cicero versteht darunter „Verehrung der Gottheiten“. Hiermit geht es nicht um Glauben an Götter, der wird vorausgesetzt, sondern es geht darum, die religiösen Handlungen korrekt zu vollziehen. Wenn sie nicht korrekt vollzogen werden, reagieren Götter aggressiv. (Vgl. religere.)
  • Der christliche Theologe Augustin versteht darunter ca. 500 Jahre später die Rückbindung der Seele an Gott. (Vgl. religare.)
  • Vor der Reformation (16. Jahrhundert) wird „religio“ als allgemeiner christlicher Glaube interpretiert, in der Reformation wird „religio“ als wahrer Glaube dem Aberglauben, der Magie, dem römisch-katholischen Kult entgegengestellt.
  • Das wurde dann in der Neuzeit neu interpretiert: Man trennt Religion von Glaube, das heißt, man kann religiös („natürliche Religion“) sein, ohne (christlich) zu glauben.
  • Wenn „natürliche Religion“ bedeutet, dass sie von Menschen gemacht wurde, kann man sich, wie moderne Atheisten meinen, sowohl gegen Religion, als auch gegen Glauben wenden.
  • Wenn aber „natürliche Religion“ bedeutet, dass sie zum Wesen des Menschen gehört, wird sich der Mensch auch in der Abwendung von bestimmten Formen der Religion immer wieder Religiösem (z.B. Esoterik, Wissenschaft als Religion, Sport als Ersatzreligion, Ideologien usw.) zuwenden.
  • In der Zeit der Reformation beginnt auch schon eine Sichtweise, die später in der Aufklärung deutlicher wird: „religio“ wird als Gattungsbezeichnung für alle Religionen verwendet. Nicht nur christliche Religion ist Religion, sondern andere Glaubensformen sind es ebenso. Es gibt eine Art „natürlicher Religion“ die als Einheit hinter allen einzelnen religiösen Ausformungen zu finden ist.
  • Im 20. Jahrhundert wird der persönliche durch Gottes Offenbarung ermöglichte Glaube den Religionen, dazu gehört auch das Christentum als Religion, entgegengestellt. Der aus der Beziehung zu Gott in Jesus Christus entstandene Glaube reformiert die von Menschen gemachte natürliche Religion in einem immerwährenden Prozess. Es findet eine Individualisierung des Glaubens statt, die der Religion als Gemeinschaftsereignis entgegengestellt wird.
  • Solche Vorstellungen von Religion gibt es weder im antiken Griechenland noch in den anderen Religionen. Im antiken Griechenland werden die für religiöse Handlungen verwendeten Worte auch im allgemein menschlichen Kontext verwendet (Eusebeia = Ehrfurcht gegenüber Göttern und Menschen; latreia = kultischer Dienst und Dienstleistung usw.) Das gilt auch für den Koran: din bezeichnet Religion/Religionen aber auch Brauch, Sitte. Im Hinduismus bezeichnet Dharma kosmisches Prinzip, Kastenordnung, Götter halten den Kosmos zusammen. Im Buddhismus bedeutet Dharma: Lehrsystem, rechtes Verhalten. Im Konfuzianismus bedeutet Dao: Weg, Prinzip, das allem zugrunde liegt, Ordnung. In afrikanischen Kulturen gibt es wohl keinen Begriff für das, was wir als „Religion“ bezeichnen. Bei den Germanen gab es das Wort Bond bzw. Hopt: Bande bzw. Fesseln, um die Bindung an Götter anzuzeigen. In frühchristlicher Zeit haben Christen zur Kennzeichnung ihres Glaubens folgende Worte verwendet: Amen/Emunah (hebräisch) sich festmachen, sich ausrichten, bzw. pisteuein (griechisch): trauen, vertrauen, sicher erwarten. Das alte Wort Glauben bedeutet: begehren, lieben, loben, vertrauen. Die moderne deutsche Übertragung des Wortes Glauben („ich glaube, morgen scheint die Sonne“): für wahrscheinlich halten, annehmen, meinen – gibt also die frühchristliche Intention in keiner Weise wieder. Die christliche Bedeutung weist auf eine Beziehung zu Gott hin.

Aufgabe/Fragen:

Kann man den kleinsten gemeinsamen Nenner dessen suchen, was „Religion“ ist?

Ist die Anwendung unseres Begriffs „Religion“ auf andere „Religionen“ angemessen?

Definition: Religion ist…

In der Religionswissenschaft arbeitet man mit dem Konzept des „methodischen Atheismus“ – das heißt: Man geht davon aus, dass es keinen Gott gibt. Und darum muss man von Gott abstrahieren und die Religionen als eine Größe betrachten, die vom Menschen ausgeht – nicht von Gott/Göttern. Entsprechend versucht man die verschiedensten Religionen und religiösen Strömungen neutral beschreibend (phänomenologisch) zu untersuchen. Man findet:

(a) einen gemeinsamen Nenner – die Substanz – aller  Religionen, um das Wort „Religion“ definieren zu können (= substanzialistisches / substantielles Religionsverständnis);

(b) oder man sucht nicht nach gemeinsamen Inhalten, der Substanz, sondern nach der gemeinsamen Funktion der religiösen Handlungen (= funktionales Verständnis).

Substanz“ könnte sein: Glaube an ein höheres Wesen, Transzendenzerfahrung / Heiligkeit – doch stellt sich hier die Frage: Wie weit trifft das auf den ursprünglichen Buddhismus, Konfuzianismus zu?

Als „Funktion“ kann genannt werden: soziale Integration, Sinngebung, Orientierung in der Lebenswelt, Reduktion von Komplexität – doch stellt sich die Frage: Sehen sich die Religionen selbst so?

Das bedeutet in einem dritten Schritt: Man versucht das substanzialistische und funktionale Verständnis zusammenzuführen. Aber auch dieser Versuch hat den Nachteil, dass unser abendländisches Religionsverständnis über andere Religionen gestülpt wird.

Wird man die anderen Religionen mit einbeziehen, kommt man zu dem Schluss, dass Religion ein kulturelles Phänomen ist, das mit Wirtschaft, Kunst, Recht, sozialer Ordnung, Ethik, Kult, Lehrsystemen, Institutionen, Erfahrungen usw. verwoben und von diesen nicht zu trennen ist. Aus diesem Grund möchte man auf die Definition dessen, was Religion ist, in der Religionswissenschaft verzichten.

Religionswissenschaften

Religionswissenschaften beinhalten unterschiedliche Zugänge, um dem Phänomen „Religion“ auf die Spur zu kommen:

  • Religionsgeographie: Welche Beziehung herrscht zwischen der jeweiligen Religion und ihrem geographischen Umfeld?
  • Religionsethnologie befasste sich ursprünglich mit den Religionen schriftloser Kulturen – eng verwandt mit der Religionssoziologie.
  • Religionssoziologie untersucht die Wechselbeziehung von Religion und Gesellschaft.
  • Religionspsychologische Zugänge untersucht religiöse Erfahrung und Praxis im individuellen Erleben des Menschen.
  • Religionsgeschichte analysiert die jeweilige Religion in ihrem historischen Kontext.
  • Religionsphänomenologie sucht dieses in der Religionsgeschichte Erarbeitete zu systematisieren: (a) indem sie die erarbeiteten Phänomene beschreibt; (b) indem sie die Phänomene unterschiedlicher Religionen vergleicht; (c) Religionsphänomenologie im engeren Sinn fasst diese zusammen und untersucht die Bedeutung der Phänomene.
  • Religionsphilosophie versucht das, was die vorgenannten Disziplinen erarbeitet haben, philosophisch, rational zu durchdringen, zu systematisieren. Religionsphilosophie ist vielfach kritische Reflexion von Religion.

Entwicklung der Religion

Man geht von einer Entwicklung der Religion (Evolution der Religion) aus:

  • Vom Geisterglauben (Animismus) >
  • Schamanismus (Beherrschung der Geister durch Schamanen und bestimmten nur durch Schamanen bekannten Riten) >
  • Polytheismus (aus den vielfältigen Geistern wird eine reduzierte Götterschar) >
  • Henotheismus (es gibt nur einen relevanten Gott – unseren Gott – aber andere Völker verehren andere Götter) >
  • Monotheismus (es gibt nur einen Gott) >
  • Atheismus/Antitheismus (gegen Gott/Götter sein: Der Verstand hat sich soweit entwickelt, dass er keinen Gott/Götter mehr benötigt).

Das bedeutet aber nicht, dass die jeweiligen Stufen ganz überwunden sind. Im Gegenteil: Religion ist immer in Bewegung. Salopp gesagt: So integrierte der christliche Glaube, der in der Antike als Atheismus bezeichnet wurde (weil er an den Menschen Jesus glaubte und nicht an Götter) sowohl den Heiligen Geist (und Geister/Dämonen als Widersacher Gottes) als auch den Monotheismus. In manchen Bereichen kommen auch katholische Heiligenvorstellungen dem Polytheismus nah. Diese Vielfalt hilft vielleicht, die intensive Verbreitung des Christentums zu fördern, und die Möglichkeit, ihn zu inkulturieren.

Warum gibt es Religion?

  1. Es ist zu beobachten: Religion ist Teil der Menschheit seit Anfang an.
  2. Daraus kann man folgern: Der Mensch benötigt Religion und sie bietet ihm evolutionäre Vorteile (Kraft, Trost, Hilfen im Alltag…)
  3. Religion ist eine Erfindung der Menschen (säkular-atheistische Position), um eben das, was unter 2. gesagt wurde, zu bekommen.
  4. Ob es Götter/Gott gibt oder nicht, Religion muss mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden untersucht werden (Methodischer Atheismus).
  5. Götter haben den Menschen im Laufe der Zeit durch Belohnung und Strafe verdeutlicht, wie sie verehrt werden möchten (vgl. Cicero: religio…).
  6. Gott lässt sich von den Menschen vernehmen: Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum, Islam). Er lässt sich vernehmen durch Worte (Audition), Sichtbare Zeichen (Vision), richtige Interpretation seines Handelns.
  7. Religion gehört zum Grundbedürfnis der Menschen (Maslowsche Bedürfnispyramide [1970]: Unterste Ebene: Soziale Bedürfnisse – aufsteigende Ebenen: Individualbedürfnisse, Kognitive Bedürfnisse, Ästhetische Bedürfnisse, Selbstverwirklichung, Transzendenz).
  8. Christlicher Ansatz: Religion ist das Bestreben des Menschen, sich den Göttern zu nähern (von unten nach oben) – aber wahrer Glaube/Vertrauen wird von Gott selbst durch seinen Geist hervorgerufen (von oben nach unten), da man im Leiden/Sterben Jesu Christi am Kreuz von sich aus Gottes Handeln nicht erkennen kann. Man kann es sich nur zusprechen lassen und Gott vertrauen.

Aufgabe:

a) Welcher Aussage stimmst Du nach gründlichem Überlegen zu? Welche Argumente hast Du?

b) Welche davon ist die christliche Antwort? Wie argumentieren Christen? Vertiefe das Gesagte.

Literatur: Hartmut Zinser: Grundfragen der Religionswissenschaft, Schöningh, Paderborn u.a. 2010