Diskutiere die folgenden Texte:

1. UNTERGANGSSTIMMUNGEN

    Die Geschichte hat einen Anfang – hat ein Ziel. Nicht nur der Mensch – alles geht auf ein Ende zu. Es ist nicht nur ein Ende, sondern das Ende, das Gott selbst herbeiführen wird. Uns im Westen kommt diese Vorstellung in der Apokalypse / Offenbarung des Johannes am nächsten. Das viel geliebte und abgelehnte Buch greift Traditionen auf, die in alttestamentlichen Büchern ihren Niederschlag gefunden haben: so im Buch Daniel. Jesus lebte in dieser Tradition wie die frühen Christen insgesamt und sie lehrten: Gottes Herrschaft ist nahe herbeigekommen, kehrt um! Durch das Mittelalter hindurch bis in die Gegenwart ist diese Vorstellung vorherrschend. Seit den letzten 200 Jahren wurde Gott zwar herausgenommen – aber ein Ende haben auch Nicht-Christen, säkulare Menschen im Blick. Allerdings: Nicht die Liebe Gottes steht am Ende, sondern Katastrophen welcher Art auch immer tun es: Erderwärmung, Erderfrierung, Waldsterben, ersticken im Müll, Atomkatastrophen, Meteore die Dinos den Garaus machten, werden auch uns den Garaus machen, Sonnensterben und Venuskollision, das Jahr 2000 (war einmal ein Thema)… Diese Vorstellung davon, dass alles auf ein Ende zugeht, ist in unserer Kultur dominant (wenn die Völuspa – in der Edda – noch germanische Intention beinhaltet und nicht verchristlicht wurde, dann kannten auch die alten Germanen die Vorstellung vom Ende).

    Die Vorstellung vom Ende prägt auch die Verhaltensweisen in der Gegenwart:

    1. In jüdischer Apokalyptik ist mit der Vorstellung von einem nahen Ende die Aufforderung verbunden: Haltet fest an eurem gerechten Leben;
    2. in der christlichen Vorstellung heißt es: Ändert euer Leben, wirkt das, was Gott will;
    3. in der Katastrophen-Apokalyptik dominieren andere Verhaltensänderungen: weniger CO2, keine Atomwaffen, kein Atomkraftwerk, Wissenschaft muss es richten, trennt Müll…
    4. aber auch Lust am puren Untergang gibt es – ohne erzieherische Funktion: Mayakalender, Nostradamus…
    5. Durch die Jahrhunderte hindurch gab es die unterschiedlichsten mit Weltuntergangsstimmung verbundenen Bewegungen: Büßerbewegungen, zum Teil Kreuzzüge, religiöse Splittergruppen sind en masse entstanden (Zeugen Jehovas) – über die Gegenwart muss ich nicht viel sagen.
    6. Ein anderes Weltbild vermittelt uns die östliche Tradition, wenn sie das Lebensrad in den Blick rückt. Wie das individuelle Leben ins Rad der Wiedergeburten rückt, so auch das gesellschaftliche Leben. Es wird ein Ende kommen – aber diesem folgt wieder ein Neuanfang. Und das Rad dreht sich und dreht sich unentwegt. (Freilich gibt es, soweit ich mich erinnern kann, auch in indischer Religion Räder, die zum Stillstand kommen…)
    7. Dagegen steht ein anderes Welt- und Geschichtsbild, das eher der Mentalität unserer Zeit entspricht: Es gibt kein Ende – und wenn, dann kommt es eben wie es kommt. Lebe dein Leben, schau nicht aufs Ende, tue dein Bestes, was auch immer es ist.

    Mit der Vorstellung vom Ende ist auch die des Anfangs geknüpft: Gott hat erschaffen – damit fing alles an… bzw. es gab einen Urknall – damit fing alles an… Gott wird das Ende sein – die kosmische Katastrophe wird das Ende sein… (wobei kosmische Katastrophen auch die alte Apokalyptik prägen) – jüdisch-christlicher Tradition entspricht es, sich auf dieses von Gott herbeigeführte Ende vorzubereiten, um ewig bei Gott sein zu können. Modernes Denken versucht, die Katastrophen zu verhindern – wobei auch dieses Denken im Alten Testament vorbereitet wurde: Gott verhindert nationale Katastrophen, wenn sein Volk wieder den Willen Gottes tut; vom neutestamentlichen Denken (im AT angelegt) wurde stärker die Vorstellung inspiriert: Der Mensch muss sich gut verhalten, dann kann er auch eine Art Reich Gottes auf Erden errichten.

    Altes griechisches Denken ist eher anfangslos-endelos (freilich ist auch da der Götterbeginn vorhanden und das Weltenfeuer bekannt). Aber: Man denkt nicht soviel nach über das Woher und Wohin. Man lebt seinen Alltag, lebt ihn möglichst gut, lebt in den Tag, tut was man kann, damit man zufrieden ist. Das hat etwas Faszinierendes, etwas Beruhigendes.

    Aber was ist mit dem Menschen, dass er einfach weiter denken will? – Naja, was ist mit manchen Menschen, die einfach weiter denken müssen?

    *

    2. HANDELN IN DER GESCHICHTE

    (a) Gott und Geschichte: Ansätze jüdisch-christlicher Geschichtsbilder

    In jüdisch-christlicher Tradition greift Gott in die Geschichte ein, um den Menschen in seiner Geschichte auf den richtigen Weg zu bringen. Zu nennen sind zum Beispiel die Zehn Gebote. Wenn der Mensch den Willen Gottes erfüllt, dann läuft die Geschichte reibungslos ab, wenn der Mensch sich gegen Gott wendet, ruft er Katastrophen hervor, die Geschichte wird bedrängend, mörderisch. Wir haben es an dieser Stelle mit einem religiösen Tun-Ergehen-Zusammenhang zu tun: Wer Böses tut, wird Böses bekommen, wenn eine Gesellschaft / ein Herrscher Böses tut, wird die Gesellschaft leiden müssen. Damit der Mensch die Gebote auch einhält, sendet Gott immer wieder Menschen (Propheten, Glaubende), die Gottes Willen einfordern. Menschen kümmern sich häufig nicht darum und müssen aus diesem Grund die Schmerzen, die Geschichte mit sich bringt (Kriege), ertragen. Nach diesen Kriegen geht der Mensch wieder geläutert aus diesem Elend hervor, versucht sich wieder an Gottes Gebote zu halten, das heißt sozial umgänglicher zu sein.

    Dieses von Jesus Christus gelöste Geschichtsbild – das aber dicht an alttestamentlich-(vielleicht auch an) germanische Vorstellungen gebunden ist – hat vor allem im Mittelalter zu großen Ängsten geführt: Wenn es uns heute schlecht geht, dann ist das eine Strafe Gottes – wir müssen alles Böse unter uns ausrotten, vernichten. Und es kam zu sozialen Untaten: gegen Ketzer, gegen Hexen, gegen alle möglichen Menschen, die man als solche ansah, die nicht mit Gottes Willen kompatibel sind.

    Auf der anderen Seite der Medaille kümmerte man sich nicht um Gottes vermeintlichen Willen und Menschen bekämpften einander, man schlachtete einander ohne Erbarmen ab, alles drehte sich um Machterhalt. Das bedeutet: Der Mensch als Sünder, als einer, der sich von Gott abgewendet hat, der sich darum auch gegen den anderen in einer Kultur des Todes austobt, hat die Oberhand gewonnen.

    Die Frage, die sich Christen stellen, ist:

    • Kann man rückblickend auch in diesen grausamen Geschehnissen irgendwie Gott am Werk sehen?
    • Kann Geschichte ohne Gott ablaufen?
    • Macht Gott auch aus dem Schlimmsten, das Menschen einander antun – am Ende doch wieder etwas Gutes?

    Gott hat den Menschen als freies Wesen erschaffen. Entsprechend gestaltet der Mensch auch seine Geschichte. Gott greift jedoch auch immer wieder ein, s. z.B.: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/mensch/frieden-krieg-1/

    (b) Kein Gott und Geschichte: das säkulare Geschichtsbild

    Gegen dieses Geschichtsbild ist das säkulare Bild zu stellen. Es gibt keinen Gott, somit auch keinen Willen Gottes, den man befolgen muss. Der Mensch ist auf sich allein gestellt und muss zusehen, wie er Geschichte gestaltet. Manchmal setzen sich aggressive Menschen durch, manchmal sozial eingestellte Menschen. Das Ziel mancher besteht darin, dass man möglichst sozial eingestellte Menschen zusammenführt, damit die Welt besser wird. Bisher haben solche Wege auch zu Katastrophen geführt:

    1. Französische Revolution: Alle Menschen der Elite müssen ausgeschaltet werden – die Welt wird gut.
    2. Kommunismus: Eigentum muss abgeschafft werden, die Besitzer/Kapitalisten müssen ausgeschaltet werden, die widerspenstigen Menschen müssen mehr oder weniger gewalttätig umerzogen und der neuen kommunistischen Welt angepasst werden – die Welt wird gut.
    3. Nationalsozialismus: Die arische Rasse muss sich durchsetzen, andere Rassen müssen ihr untergeordnet werden, Juden müssen ausgerottet werden – die Welt wird gut.
    4. Manche meinen, der Kapitalismus werde eine gerechte Weltordnung bewirken – purer Kapitalismus führt allerdings auch ins Elend, wie an vielen Beispielen der Völker zu sehen ist.

    Gegen all diese negativen Folgen muss man den Verstand einsetzen, damit es besser wird. Doch schon Luther wusste, dass der Verstand die Hure ist, die das liefert, was das Herz, der Wille, die Emotion sich wünschen. Dennoch: Das muss nicht so bleiben, und so ist Geschichte immer eine Herausforderung mit dem Ziel, die im westlichen Sinne interpretierten Menschenrechte durchzusetzen. Dahinter dürfen wir nicht mehr zurück, um nicht der Barbarei zu verfallen. Aber wer sagt, dass Menschenrechte immer das Ziel der Menschen sein wird, dass Menschenwürde aller Menschen das Ziel aller Menschen sein wird? Der Starke siegt – diese Sicht kann auch irgendwann einmal die Oberhand bekommen.

    In der säkularen Geschichte spielt die Geschichte von Nationen eine große Rolle. Deutsche Geschichte, Französische, Englische Geschichte usw. Es sei angemerkt, dass parallel dazu die Nationen in der Kirchengeschichte bzw. der islamischen und jüdischen Geschichte nicht die Relevanz besitzen wie in der säkularen Geschichtsschreibung. Freilich ist der Ansatz der Kirchengeschichte von der Islamischen Geschichte zu unterscheiden: In der Kirchengeschichte gilt die Trennung von Kirche und Staat in der Islamischen Geschichte sollten Religion und Staat eine Einheit bilden. Das hängt nicht nur mit der langen Entwicklung zusammen, sondern mit den Grundlagen: Mohammed war gleichzeitig Politiker, seine Nachfolger waren expandierende Herrscher, Jesus Christus und seine Nachfolger waren es nicht. Die säkulare Geschichtsschreibung konzentriert sich in den letzten Jahrzehnten nicht mehr so sehr auf die Nationen (obgleich das nicht zuletzt wegen der Quellenlage relevant bleibt), sondern stärker auf die globalen Vernetzungen. Zudem kann sie auch stärker Themenorientiert sein (ausgehend vom Marxismus): Arbeiter, Frauen – aber auch Klima / Umwelt.

    (c) Gott handelt durch Menschen – das christliche Geschichtsbild

    Geschichte ist immer von Menschen gemachte Geschichte. Unser Wort Geschichte beinhaltet beides: history (das Geschehene) und story (das Berichtete). Historie meint im Grunde das, was der Mensch im Lauf der Zeit gemacht hat – auch im Detail untersucht: der Prozess des sozialen Miteinanders, des Krieges, der Wissenschaft, der Kunst usw. Dann bezeichnet dieses Wort auch das, was sich ereignet hat ohne Zutun des Menschen, zum Beispiel: Natur-, Erdgeschichte, Evolution usw.

    Per definitionem gibt es keine vom Menschen losgelöste Geschichte, insofern der Mensch sie macht. Darum handelt Gott durch den Menschen – und somit kann man aus säkularer Sicht nicht erkennen, dass Gott handelt, weil er durch Menschen handelt. Selbst wenn der glaubende Mensch sein Handeln an Gottes Willen ausrichtet, sagt der säkulare Mensch, da es aus seiner Sicht keinen Gott gibt, ist auch im Handeln des Glaubenden Gott nicht erkennbar. Auch wenn der Glaubende Gottes Handeln in Jesus Christus als ein Handeln in der Geschichte versteht, die die Geschichte geprägt und verändert hat, sagt der säkulare Mensch: Das hat nichts mit Gott zu tun – denn Gott gibt’s ja nicht – sondern nur mit Menschen, die meinen, dass Gott in die Geschichte eingegriffen habe.

    Die Frage ist also jedoch letztlich, um den Anfang der Überlegung aufzugreifen: Ist die von Menschen gemachte Geschichte nicht auch eine, die sich durch Gottes Handeln ereignet? Sind gemachte und ereignete Geschichte so voneinander zu trennen, wie Menschen es gerne hätten? Einmal: Allein schon durch die Evolutionslehre sind wir eingebunden in die sich ereignende Geschichte; dass der Mensch von sich ereignender Erdgeschichte losgelöst ist, kann auch nicht behauptet werden. Dennoch: Wir konstruieren kausale Zusammenhänge: Weil Person A so gehandelt hat, hat dann Person B darauf so reagiert – und so geschieht Geschichte als eine komplizierte Verflechtung menschlichen Handelns. Aber nur, weil wir Geschichte nicht ohne menschlich aktive Kausalität denken können?

    Die Frage, die sich hieran anschließt: Wenn Gott im Hintergrund der ereigneten Geschichte der Menschheit steht, steht er dann nicht auch im Hintergrund der Erdgeschichte bzw. Evolutionsgeschichte?

    (d) Schicksal-Götter-Geister: Das Geschichtsbild anderer Religionen und Zeiten

    Wie sah es vor der jüdisch-christlichen Tradition und den modernen Ideologien / Weltanschauungen aus? Je nachdem: Machtmenschen dominierten, große Reiche entstanden, Gegner wurden erbarmungslos ausgelöscht. Geschichte wird vielfach als eine der Macht erzählt (hi-story) – aber auch sehr viele haben sie als Leidensgeschichte wahrgenommen. Manche litten unter der Grausamkeit der Menschen (Euripides) – aber man empfand alles Geschichtliche eben als Schicksal, als Wille der Götter – es ist halt so, bzw. später: als Wille Allahs (Islam). Manche versuchten sich vollkommen dem Leiden zu entziehen (Buddhisten), andere hofften, dass sie im nächsten Leben in einer besseren, höheren, elitären Position wiedergeboren werden (Hinduismus), andere versuchten die Geister der Vorfahren und die hierarchisch Höherstehenden gegen das Leiden freundlich zu stimmen (Konfuzius und Schamanismus), andere betonten die Ordnung, die Zeus in die Welt gebracht habe (Stoiker) – und sich dem Wirken des Zeus (als Macht, nicht als menschenähnlicher Gott) entziehen, bedeutet, gegen die guten Ordnungen zu agieren.

    In allen Religionen wird die Geschichte als eine gedacht, die mit Gottheiten in Beziehung stehen. Judentum, Christentum und Islam gehen davon aus, dass Gott die Welt erschaffen hat – und sie in Gerechtigkeit vollenden wird. Im Islam geht es darum, dass der Mensch die Gebote Allahs befolgen muss – und am Ende der Zeit erwartet die Menschheit das Gericht. Im Hinduismus und Buddhismus haben die Religiösen keine lineare Geschichte im Blick (Anfang und Ende), sondern eine zyklische Geschichte (die Erde wiederholt sich). Das heißt, dass es mehrere Geschichtszyklen der Erden gibt, die im Hinduismus von einer Gottheit immer wieder neu erschaffen werden – im Buddhismus automatisch, unpersönlich durch Karma angetrieben werden. Der Konfuzianismus hat eine ganz andere Intention: Es gab ein goldenes Zeitalter – und dieses gilt es wieder durch Riten und Verhalten (Anerkennung der Hierarchien, die auch die Familien-Ahnen betrifft) zu erstreben. Hier gibt es keine außerirdische Perspektive – nur die Perspektive zurück, die das Leben für die Zukunft prägen soll. Mit Blick auf afrikanische Religionen, die sehr vielfältig sind, kann evtl. zusammenfassend gesagt werden: Es geht in der Frömmigkeit nicht um ferne Vergangenheit (höchstens die Vergangenheit, in denen die Namen der letzten Ahnen noch bekannt sind) und ferne Zukunft (höchstens Zukunft bis zur Ernte usw.), sondern um das Überleben in der Gegenwart.

    Die ferne Zukunft spielt keine Rolle, es ist eine mit den Ahnen der Vergangenheit gelebte Gegenwart – und zwar in einer endlosen Reihe der Gemeinschaft (auch der jeweils lebende Mensch wird einmal Ahne). Götter gibt es, Geister gibt es, Naturmächte gibt es – sie agieren / reagieren – und der Mensch muss daraufhin wieder reagieren / agieren. Zum Beispiel haben Menschen sich falsch verhalten, gibt es ein Unwetter, das die Geister hervorriefen, um Menschen zu disziplinieren. Menschen müssen darauf reagieren und sehen, was sie falsch gemacht haben. Auch in asiatischen Religionen gibt es den Ahnenkult. Die Grundlage ist gleich – der Mensch ist Teil einer Kette von Vorfahren, die zu achten sind – hat aber eine andere Funktion.

    Dem Judentum haben westliche Religionen und Gesellschaften viel zu verdanken. So die Vorstellung, dass es eine lineare Geschichte gibt: Gott erschuf die Welt – und Gott wird sie vollenden. Aber besonders wichtig ist: dass Gott sie auch erhält. Gott war nicht nur Handelnder in der Vergangenheit und wird es in Zukunft sein, sondern greift auch direkt in Geschichte ein. Das hat mit der Erfahrung zu tun, dass Gott das Volk aus der Sklaverei befreit hat – und die Propheten deuten die gesamte Geschichte als eine, in der Gott für sein Volk aktiv eintritt: warnend und rettend. Zudem geht es um das Volk – während es in den übrigen Kulturen um die Völker ging, deren Aufstreben, Vergehen, den Nationen. Der Glaubende muss dazu beitragen, dass der Messias kommt. Das heißt, dass in Gegenwart und Zukunft Mensch und Gott gemeinsam handeln. Was noch wichtig ist: Feste sind in allen Völkern ein Unterbrechen des alltäglichen Einerleis – es wird vom Homo Ludens gesprochen – dem Menschen als einen, der spielt, Spiele nötig hat. Die Unterbrechung des Einerleis wurde im Judentum durch den Sieben-Tage-Rhythmus besonders kultiviert: der Mensch arbeitet, gestaltet die Welt – und der Mensch bedarf der Ruhe, der Besinnung auf Gott und das mit Gott angestrebte Ziel.

    (e) Teilhabe am sozialen Miteinander, das Gott will

    Und hierin treffen sich wieder ein paar heidnische Strömungen mit dem Judentum-Christentum. Die frühen großen Theologen waren stark von den Stoikern beeinflusst. Gottes guter Geist, der Schöpfer und Erhalter, wirkt – und wir Menschen haben an diesem guten Wirken teilzuhaben. Es ist eine Miteinandergeschichte: ein Miteinander von Gott und Mensch. Das ist ein bewusster Akt, denn das Gute muss aktiv in der Geschichte umgesetzt werden. Es fällt dem Menschen nicht einfach zu, gut (umfassend sozial) zu handeln. Der Mensch ist eher aggressiv, selbstzentriert bzw. auf Gruppen zentriert veranlagt. Und von hier aus ist der Satz, den Jesus Christus gesagt hat, verständlich: Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich. Wer sich nicht aktiv daran beteiligt, die Liebe umzusetzen, der lässt sich leicht von negativen Kräften hin und her manövrieren.

    Die Besonderheit christlichen Geschichtsdenkens wird darin ersichtlich, dass – wie die Zeitrechnung verdeutlicht – es eine Zeit vor Christus und nach Christus gibt. Also Jesus Christus ist die Mitte der Zeit. Und die Zeit nach Christus wird bestimmt von der Verkündigung der frohen Botschaft – durch Wort und liebender Tat – an alle Völker. Christen schwärmten aus, um ihre Freude allen mitzuteilen, denn Gott hat in Jesus Christus in der Geschichte gehandelt und handelt in seinem Geist weiterhin in der Geschichte. Alle Völker sind vor Gott wertvoll, so wertvoll, dass er allen die Erlösung anbietet. Der Mensch ist nicht nur ein kleines Rädchen in der großen Maschine Menschheitsgeschichte. Er hat Teil an dem wunderbaren Handeln Gottes mit den Menschen. Von daher ist auch die Geschichtsschreibung von vorneherein eine Internationale gewesen (Lukas, Eusebius). Je mehr Menschen sich auf den Willen Gottes einlassen und entsprechend handeln, desto besser wird es auf der Welt im sozialen Miteinander. Gott wird es vollenden – aber wie Jesus lehrte: Jetzt muss getan werden, was sich der Mensch von Gott erhofft. Auf dieser Grundlage (Linearität, Sinnhaftigkeit, Universalität der Geschichte) arbeiten dann moderne säkulare Geschichtsschreiber.

    (f) Joseph-Geschichte: Geschichte und Gottes Geschichte

    Sehr schön zeigt die Josefs-Geschichte in Genesis 37ff. die Verquickung von Menschen-Geschichte und Gottes-Geschichte. Aus der Perspektive der Menschen geschah Folgendes: Josef war ein arrogantes Menschenkind, bevorzugt von seinem Vater. Seine Brüder hassten ihn, verkauften ihn nach Ägypten als Sklaven. Er wurde dann zu einem Stellvertreter des Pharao, weil er klug war und mit Gottes Hilfe die Zeichen der Zeit zu deuten wusste.

    Aus der Sicht des Glaubens läuft alles ganz anders ab und wird dann auch von Josef selbst, so die Geschichte, gedeutet. Josef war arrogant usw. – alles, was zuvor gesagt wurde, stimmte. Aber ein wesentlicher Aspekt ist anders: Gott war es, der aus dem fiesen Verhalten von Menschen etwas Lebensrettendes gemacht hat. Er hat in der Begabung des Josef, Träume deuten zu können, die ganze Zeit die Geschichte begleitet und geleitet. Zudem hat Josef, dadurch, dass er den moralischen Vorgaben Gottes treu geblieben ist, mit dazu beigetragen, dass Gott ihn als seinen hilfreichen Boten einsetzen konnte.

    Du hast hier eine Menge Aspekte kennengelernt.
    (a) Welche Sicht ist Dir vollkommen fremd?
    (b) Welche Sicht kommt Deiner nah?
    (c) Ist die Frage korrekt gestellt: Welche Deutung der Geschichte stimmt?
    (d) Hängen die Vorstellung von Geschichte davon ab, in welcher Kultur wir aufwachsen?
    (e) Welche Folgen hat diese unterschiedliche Geschichtsdeutung für das Zusammenleben der Kulturen?
    (f) Hast Du schon beobachtet, dass die säkulare westliche Geschichtsschreibung von (fast?) allen Kulturen übernommen wurde? (Offiziell zum Beispiel gilt die Zeitrechnung: 2026 nach Christi Geburt; oder es herrscht ein linearer Fortschrittsglaube; oder: die Bedeutung dieser Sicht für die Forschung: Beweise, Quellenbelege, archäologische Datierungen usw.) Gleichzeitig im Alltag jedoch auch andere Zeitrechnungen eine Rolle spielen, die oben genannte Religion mit ihren „Geschichts“-Festen und Vorstellungen weiterhin bedeutsam sind?

    Zu dem Thema siehe z.B. vertiefend auch: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/gott/geschichte-wirkt-gott/