WAHRHEIT – SPRACHE DES GLAUBENS
Aufgaben 1:
- Was verstehst Du unter „Wahrheit“?
- Was ist Wahrheit?
- Gib mit eigenen Worten das wieder, was im folgenden Text zur Wahrheit gesagt wird.
- In welcher Beziehung stehen Gott und Wahrheit?
- Was bedeutet Wahrheit mit Blick auf Naturwissenschaft, Philosophie und Glaube?
Aufgabe 2:
Es ist sehr wichtig, dass Du die Punkte 1-5 vorher intensiv angedacht hast. Die folgenden Ausführungen sind nicht immer einfach zu verstehen, weil sie auf philosophische Diskussionen zurückgreifen, ohne sie intensiv ausführen zu können. Sie sind dann leichter verständlich, wenn Du Dir vorher zu dem Thema eigene Gedanken gemacht hast.
1. Philosophie und Bibel
1a) Philosophie
Die alte Frage der Philosophie. Es geht um das Verhältnis dessen, was man wahrnimmt, zu dem, was wahrgenommen wird. Entsprechend gibt es unterschiedlichste Antworten.
- Manche legen Wert auf die Übereinstimmung des Wahrgenommenen und Kommunizierten mit dem Gegenstand, das heißt man nähert sich argumentativ der Wahrheit an,
- andere legen Wert darauf, dass es eine sprachliche Übereinstimmung ist – wahre Sätze -,
- andere legen das Gewicht auf den Wahrnehmenden, das heißt Wahrheit ist immer subjektiv,
- andere legen das Gewicht auf den Zusammenhang von Wahrheit und der jeweiligen Kultur, Tradition, Sprache,
- Wahrheit ist abhängig von den Machtverhältnissen, denen Menschen unterworfen sind,
- Wahrheit ist Übernahme von Traditionen, die nicht mehr falsifiziert werden,
- usw. usw. usw.
1b) Bibel
Biblisch ist zu sehen, dass Wahrheit aus jüdischer Tradition mit Vertrauen verbunden wird, mit Gewissheit. Die Gewissheit steht in Bezug zu Gott. Was Gott sagt, sein Handeln – das ist Wahrheit, weil eben Wahrheit mit Gott konnotiert ist. Außerhalb von Gott gibt es keine Wahrheit. Und: Der Mensch kann nicht erkennen, was Wahrheit ist.
Hier geht es also nicht darum, ob der Satz wahr ist. Es geht hier auch nicht um Experimente, die – aus der jeweiligen Perspektive der Zeit – auf eine einzige Art und Weise interpretiert werden können. Es geht um eine Frage der Beziehung.
1c) Vergleich des philosophischen und biblischen Verständnisses
Die biblische Dimension dessen, was Wahrheit ist, entspricht nicht der säkularen Definition, zu der es ja gehört, sich von Gott zu emanzipieren, Gott auszuschließen. Im säkularen Verständnis von Wahrheit kann Gott nichts mit Wahrheit zu tun haben.
- Er ist weder experimentell beweisbar,
- noch ist er argumentativ logisch, mathematisch beweisbar –
- er ist keine Sache, von daher entzieht er sich der Sprache und somit ist er „unwahr“.
Kurz: Diese oben genannten säkularen Vorgaben treffen auf Gott nicht zu. Das bedeutet, dass das biblische Verständnis von Wahrheit sich von dem gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Verständnis von Wahrheit oder den verschiedenen philosophischen Interpretationen von Wahrheit unterscheidet. Der Wahrheitsbegriff ist nicht fixiert. Die moderne säkulare Interpretation von Wahrheit hat sich auf Basis einer Strömung griechischer Philosophie (siehe unten) erst im Laufe der Zeit entwickelt, im Laufe des säkularen Nachdenkens über Wahrheit – in ihrem Versuch, sich von der religiösen Interpretation von Wahrheit zu lösen.
Diese säkularen Versuche Wahrheit zu definieren werden dem christlichen Verständnis von Wahrheit entgegengehalten. Christliches Verständnis geht mit dem jüdischen davon aus, dass Gott die Wahrheit ist, dass – und so wird im Johannesevangelium der Geist Gottes als Geist der Wahrheit bezeichnet – eben Gott selbst es ist, der sich als Wahrheit in Menschen, in Individuen, die eine Gemeinschaft bilden, offenbaren, einprägen muss. Als Gemeinschaft haben sie die Glaubenssprache – auch die über Wahrheit Gottes – gemeinsam, sie teilen sie miteinander, miteinander verstehen sie diese. Gott prägt den Begriff der Wahrheit.
2. Säkulare Interpretation von Wahrheit
2a) Säkularisierte Definition – Vorwurf an Christen
Heute ist das zu beobachten, dass der Begriff „Wahrheit“ aus dem religiösen Kontext gelöst und nur noch säkular interpretiert wird. Manche gehen weiter: Christen sollen beweisen, dass sie zu recht Gott mit Wahrheit verbunden haben. Christen müssen diese Vorgehensweise nicht akzeptieren. Sie können selbstbewusst dazu stehen, dass der Begriff Wahrheit von Gott her definiert werden muss, wenn man eine umfassende Definition von Wahrheit haben möchte und nicht Teilwahrheiten. Es gibt alle möglichen Begriffe, die Christen in ihrem Sinne aufgegriffen und weiter entwickelt haben, um ihren Glauben auszudrücken, die dann säkularisiert werden – und dann als Angriff gegen Christen verwendet werden (z.B. Gott als Person: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/gott/gott-person-energie-psyche/).
Damit man jedoch nicht irgendwann in seiner eigenen Sprache erstarrt und von keinem mehr verstanden wird, versuchen Christen, sich in den säkularen Diskurs einzubringen. Sie versuchen, ihre eigene Sicht zur Sprache zu bringen. Letztendlich ist es aber aus christlicher Sicht Gott, der als Handelnder sich im Menschen als Wahrheit offenbaren muss.
2b) Die Wahrheit ist: Es gibt keinen Gott – Gott ist die Wahrheit
Es sei noch angemerkt, dass manche Begriffe eben auch überdacht werden müssen. Warum? Denn auch unsere Vorfahren haben aus ihrer Kultur, ihrem Weltbild heraus, das nicht unbedingt religiös richtig war, bestimmte Ereignisse und Gotteserfahrungen interpretiert. So liegt es denn an den jeweiligen Generationen von Jesus-Christus-Nachfolgern, auf Gott hörend, dem Geist der Wahrheit in sich und der Gemeinde Gottes Raum zu geben und im Vertrauen auf Gott den Weg der Wahrheit zu gehen. Paulus spricht vom Evangelium als Wahrheit. Es ist die Frohe Botschaft Gottes. Gottes ist die Wahrheit – nicht ich als Mensch bin die Wahrheit. Von daher ist die Wahrheit für den Menschen nicht verfügbar. Er kann nicht über sie verfügen. Gott ist der Freie. Aber der Mensch kann sich von Gott, der die Wahrheit ist, zur Wahrheit befreien lassen.
Das zeigt uns wiederum, dass wir uns mit den gegenwärtigen säkularen Definitionen von Wahrheit nicht Gott annähern können. Diese Definition von Wahrheiten erschweren es, Gott zu erkennen. Gott ist nicht logisch erfassbar, Gott ist nicht experimentell erfassbar und auch nicht im Diskurs, nicht in der Mehrheitsmeinung der Menschen guten Willens. Die säkulare Interpretation von Wahrheit schließt eben die religiöse von vornherein aus.
2c) Wahrheit bekennen
Das ist allerdings vom Grundsatz her nicht neu. Nicht die Diskussion um Wahrheit führt letztendlich weiter, sondern das Bekenntnis, das das Johannesevangelium so ausspricht: Jesus ist der Weg, er ist die Wahrheit, er ist das Leben. In dieser Wahrheit bleiben, führt zu Freiheit und Leben – ewigem Leben, das jetzt aufgrund des Lebens in der Wahrheit (in Jesus Christus, dem Sohn Gottes) schon beginnt.
2d) Sprache ist beweglich
Mit den oben genannten Uminterpretationen geschieht heute säkularisiert das, was Christen auch gemacht haben: Sie haben Begriffe gesucht, mit deren Hilfe sie Glaubenserfahrungen aussprechen konnten, Begriffe, die ihren Glauben am besten wiedergeben können. Dazu verhalf auch das Wort Wahrheit: Wahrheit – das, was man sieht. Aber hinter dem Gesehenen finden wir eine weitere Dimension, die verhüllte, verborgene Dimension, die alle Einzeldinge / Einzelwahrheiten zusammenhält. Zur einen Wahrheit gehört: das wahre Sein. Und dieses wird dem Philosophen durch den göttlichen Logos, durch das, was alles durchdringt, enthüllt bzw. bewusst gemacht. Wenn nun der Mensch in Übereinstimmung mit dieser Wahrheit des Logos lebt, dann ist er in der Wahrheit. Christen haben aufgrund ihres Glaubens diese Aussagen übernommen und aufgrund ihrer Erfahrungen mit Gott in Jesus Christus neu interpretiert. Sprache und Vorstellungen mussten sich erst entwickeln, damit der christliche Glaube angemessen zur Sprache gebracht werden konnte. Wenn Jesus Christus im Johannesevangelium als Wahrheit bezeichnet wird, dann heißt das, dass in ihm das Sichtbare / Menschsein / Immanente und das Unsichtbare / Gott / Transzendente – für den Menschen, der die Einheit von allem wahrnimmt – übereinstimmt.
Heute möchte man die Sprache wieder in ihre profane, nicht religiöse Ebene verwenden. Was Christen gemacht haben oder Säkularisierte machen, können wir heute als Christen natürlich auch wieder machen: Sprache für Transzendenzerfahrungen öffnen. Das heißt:
Es gilt die gegenwärtigen Interpretationen von Wahrheit, die so neu nicht sind, erneut zu durchdringen und sie für den christlichen Glauben fruchtbar zu machen – und damit Sprache weiter entwickeln, die die Dimensionen des Glaubens formulieren kann.
2e) Wahrheit wird unwahr
Das, was Säkulare heute machen, macht Wahrheit nicht unwahr. Es sind jedoch Teilaspekte der Wahrheit, die aus christlicher Sicht extrahiert und überbetont werden. Sie werden nur dann unwahr, wenn sie verabsolutiert werden, wenn sie gegen Gott gerichtet werden. So sind naturwissenschaftliche Experimente wichtig, um eine naturwissenschaftliche Interpretation von Wahrheit herauszuarbeiten – aber sie gilt nur, weil sie die Schöpfung betrifft, nicht aber Gott. Entsprechend philosophische Interpretationen von Wahrheit: Sie betreffen das Zusammenleben der Menschen, seine Verortung in der Welt – nicht aber Gott. Wenn sie meinen, Gott als Wahrheit ersetzen zu müssen, übernehmen sie sich und werden unwahr.
Aufgaben 3: Überlege: Gedanken zu Wahrheit und Sinn:
- Hängen Wahrheit und Sinn des Lebens zusammen?
- Ohne Wahrheit kein Sinn des Lebens?
- Ohne Sinn des Lebens keine Wahrheit?
- Nur wenn es die Wahrheit gibt – gibt es den Sinn des Lebens.
- Wenn es den Sinn des Lebens gibt – gibt es auch die Wahrheit.
- Einen Sinn, den ich meinem Leben individuell gebe, ist letztlich kein Sinn – ich empfinde ihn nur als einen solchen.
- Eine Wahrheit, die ich individuell als Wahrheit ansehe, ist letztlich keine Wahrheit – sie ist eine, die mit mir zerfällt.
- Wahrheit und Sinn des Lebens – beide sind größer als das Individuum.
- Wären sie nicht größer, wären sie nicht Wahrheit und Sinn.
- Sie wären individuelle Ansichten oder individuelle Zielsetzung, variierend wie der Mensch im Laufe seines Lebens variiert.
- Darum lehnen manche die Suche nach Wahrheit und Sinn ab, individualisiert sie. Warum? Weil sie mit der Frage nach Gott verbunden sind.
- Gott – das darf heute nicht sein.
- Das ist die Wahrheit heutzutage – die es ja nicht geben kann, wenn es keine Wahrheit gibt.
Aufgabe 4: zum Kopf zerbrechen:
a) Was sagst Du dazu? Er sagte: „Wahrheit ist: Es gibt keine Wahrheit.“ Oder: „Ich denke, es gibt keine Wahrheit.“
(Ist das „Ich“ unwahr? Ist das „Ich“ das „denkt“ und den Satz ausspricht unwahr? Sieht es eine Unwahrheit als Wahrheit an – oder eine Wahrheit als Unwahrheit?)
b) Wenn es keine Wahrheit gibt – kann es dann Gerechtigkeit, Moral, Schönheit, Liebe geben?
3. Weitere Informationen
3a) Aristoteles – Stoiker – Epikureer
Das Gegenteil von Lüge ist nicht die Wahrheit, sondern die Wahrhaftigkeit. Wahrheit gehört nicht zu den Tugenden, zu der Moral, sondern Wahrheit ist die Übereinstimmung von Aussagen mit der Realität. Wahrheit ist also eine objektive Größe, Wahrhaftigkeit eine moralische Haltung. Wahrheit ist wichtig für das Streben nach Weisheit. Und Weisheit ist die höchste Form des Wissens – daraus folgt richtiges Handeln das zu einem sinnhaften glücklichen / erfüllten Leben führt.
Für die Stoiker ist Wahrheit die Übereinstimmung des Denkens / Lebens mit dem Logos, der „Weltvernunft“, der „Weltordnung“. Für die Epikureer ist Wahrheit alles, was der Mensch sieht. Unwahrheit und Irrtum entstehen an der Stelle, an der der Mensch beginnt zu interpretieren. Wahrheit erkennen dient dazu, das, was Schmerzen bereitet, zu vermeiden.
3b) Thomas von Aquin
- Thomas von Aquin hat, wie alle Alten zum Thema Wahrheit gesehen, dass Wahrheit die Übereinstimmung des mit dem Verstand Erkannten mit der Wirklichkeit ist. Was freilich nur begrenzt möglich ist. Denn: die menschliche Erkenntnis kann irren, weil menschliche Vorstellungen usw. sich immer zwischen Denken und Wirklichkeit schieben. Somit setzt er weitere Schwerpunkte:
- Gott selbst ist die Wahrheit – er ist der Maßstab für Wahrheit.
- Und weil Gott die Wahrheit ist, spiegelt auch die Schöpfung Wahrheit wider, auch wenn der Mensch das nicht erkennt bzw. sich irrt ist Wahrheit „vorhanden“.
- Die irdische Realität ohne den Glauben an Gott zu sehen, erfasst immer nur einen Teil der Wahrheit.
- Gott hat dem Menschen die Sprache gegeben, damit er Wahres spricht.
- Mit Blick auf die Ethik bedeutet das: Unser Verhalten nähert sich dann der Wahrheit an, wenn es mit Gottes Willen übereinstimmt. Das heißt: Wenn es dem Guten dient. Wer bewusst lügt, wendet sich also nicht nur gegen Menschen, sondern auch gegen Gott, gegen Gottes Ordnung, gegen die Ordnung, die Gott in die Gesellschaft gelegt hat, Lüge verfälscht Gottes Ordnung. (Lügen ist also verboten – Kant hat im Grunde die Vorstellung von Thomas von Aquin säkularisiert.)
- Lässt dieser Aspekt nicht Notlüge zu? Am Beispiel von Kant: Wenn einer den Freund umbringen will, der sich bei mir versteckt hat, muss ich meinen Freund ausliefern? Mit Blick auf den Ansatz von Thomas müsste man sagen können: Es widerspricht Gottes Ordnung, einen Menschen einem Mörder auszuliefern. Aber für Thomas gilt: Wahrheit steht über moralische Ziele – kurz: Man darf nicht zur Erlangung eines Zieles lügen. Aber: Man darf: schweigen. Und es ist erlaubt, zweideutig zu reden. Fragt ein Mörder: ist dein Freund hier? Darf gesagt werden: Ich sehe ihn nicht. Wahrheit darf in Notfällen verborgen werden.
3c) Friedrich Nietzsche
Wahrheit ist für Nietzsche eng mit der Sprache verknüpft:
„Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen, in Betracht kommen.“ (Über Wahrheit und Lüge)
Nietzsche meint, dass Wahrheit nicht als eine statische, objektive Realität existiert, sondern dass sie von individuellen Perspektiven und Interpretationen geformt wird. Er betonte die Idee, dass Wahrheit in gewisser Weise subjektiv ist und dass verschiedene Menschen unterschiedliche Wahrheiten haben können, die von ihren eigenen Erfahrungen, Werten und Interessen beeinflusst werden.
Zudem: Ein weiteres wichtiges Konzept in Nietzsches Philosophie ist die Idee des „Willens zur Macht“. Er argumentierte, dass viele vermeintliche Wahrheiten letztendlich Ausdruck von Machtdynamiken sind und dass die Suche nach Wahrheit oft von einem Streben nach Macht und Kontrolle motiviert ist.
3d) Info: Tradition
Aletheia bedeutet im Griechischen übertragen gesagt: „nicht verborgen“, also „offenbar“. Wahrheit und Wahrhaftigkeit werden beide mit Aletheia wiedergegeben. Das Lateinische trennt deutlicher Wahrheit (veritas) von Wahrhaftigkeit (veracitas). Das wurde dann, wie wir sehen werden, wieder verbunden: Wer sich wahrhaftig verhält, verhält sich der Wahrheit (Gottes / der Weltordnung) entsprechend. Wir trennen heute entsprechend Wahrheit von Wahrhaftigkeit. Aber ursprünglich bedeutete Wahrheit kurz und gefiltert gesagt im germanischen Bereich: Treue und Wahrhaftigkeit: treu sein, treu bleiben. Im allgemeinen Sprachgebrauch wurde der Aspekt Wahrhaftigkeit übergangen – und es wird nur noch die Wahrheit der Lüge entgegengestellt. Wahrheit wird auf Fakten bezogen. Wer also die Fakten nicht richtig wiedergibt, irrt oder lügt.
Wenn aber der Aspekt „Wahrhaftigkeit“ einbezogen wird, wird nicht mehr nur zwischen Lüge / Wahrheit (Faktenentsprechend) unterschieden, sondern der Mensch wird einbezogen. Wahrhaftigkeit bedeutet: Die Handlung wird zu einer verantwortbaren Tat. Um bei dem oben genannten Beispiel von Kant zu bleiben: Einer, der Wahrhaftig ist, lügt nicht, wenn er seinen Freund nicht dem Mörder ausliefert. Wahrheit verhüllen, um Gutes zu tun, Menschen zu schützen kann also wahrhaftig sein.
Der Wahrheit verpflichtet (also Gott) – das bedeutet also nicht, einfach zwischen Wahrheit (als Fakt) und Lüge zu unterscheiden, sondern als wahrhaftiger Mensch Verantwortung zu tragen.
3e) Religionen
Im Islam ist „Die Wahrheit / Die Wirklichkeit“ einer der 99 Namen Allahs, das heißt, er ist die absolute Realität. Während alles vergänglich ist: Allah bleibt der er ist, wie er ist. Und auch hier: Lüge ist verboten, außer dann (vor allem im Schiitischen Islam), wenn man sich oder die Gemeinschaft schützen muss, zum Beispiel im Krieg. Koran und Hadithe (Allahs Wort und Mohammeds Vorbild) zeigen, wie der Muslim sich zu verhalten hat.
Wahrheit im Hinduismus: Das Göttliche / Kosmische (Brahman) ist die grundlegende Realität – aber nicht ein Gott als Person (wie im jüdischen / muslimischen / christlichen Sinn). Was Menschen in der Welt sehen, ist Interpretation, ist illusorisch, verdeckt das Erkennen der Realität. Erkenntnis der Wahrheit / der göttlichen, kosmischen Realität führt zum richtigen Handeln. Aber die Erkenntnis ist an den Veden und den mündlichen Traditionen / an Lehrer gebunden.
Der Buddhismus kennt die „Vier edlen Wahrheiten“, das heißt: Erkenntnis der Weltwirklichkeit. Welt ist leiden. Die Handlung, die daraus folgt: sich von allem Illusorischen zu lösen, von allem, was Leiden verursachen kann – also von allem, woran der Mensch „anhaftet“. Der „achtfache Pfad“ gibt konkrete Verhaltensanweisungen.
Auch im christlichen Glauben sucht der Mensch die Wahrheit. Das Johannesevangelium lehrt jedoch, dass der Mensch von der Wahrheit, also Gott in Jesus Christus ergriffen wird. Wahrheit ist nicht abstraktes Sein oder einer der Namen eines allmächtigen Gottes, folgen von Gottesgesetzen, oder ein Erkenntnisweg, sondern gehört mit Jesus Christus (der Weg, die Wahrheit, das Leben) zum Leben dazu. Wahrheit ist Gottes Selbstmitteilung (Offenbarung) durch den Heiligen Geist.
Aufgabe 6:
a) Wenn die Info ernst genommen wird, öffnet das nicht Tür und Tor für Manipulationen, vor allem, wenn diese Interpretation der „Wahrheit“ säkular von Gott gelöst wird? Also: Dürfen Fakten unterschlagen werden, um ein Ziel, das man selbst für gut und richtig hält, zu erreichen?
b) Siehst Du in der Gegenwart der Politik, der Aktivisten, dass um des Zieles Willen Fakten verschwiegen werden – Framing genannt?
c) Für Thomas von Aquin ist „Verhüllung der Wahrheit“ nur dann legitim, wenn der andere, also der Mörder, kein Recht auf Wahrheit hat. Haben Bürger nicht das Recht auf Wahrheit, wenn sie in einer Demokratie leben? Ist das Verschweigen von Fakten, um manipulativ ein Ziel zu erreichen, demokratisch oder antidemokratisch?
Aufgabe 7:
Im Johannesevangelium (18,33-38) finden wir einen spannenden Dialog zwischen Jesus und dem über Leben und Tod entscheidenden Vertreter Roms: dem Statthalter Pilatus. Ein Auszug:
Pilatus: Bist du doch ein König?
Jesus: Du sagst es. Das ist der Grund, warum ich geboren wurde und in die Welt gekommen bin: Ich soll als Zeuge für die Wahrheit eintreten. Wer von der Wahrheit ergriffen ist, hört auf das, was ich sage.
Pilatus: Was ist Wahrheit?
Er fragte und ging weg. Er wartete die Antwort nicht ab.
Im Johannesevangelium 14,6 sagt Jesus seinen Jüngern: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Es gibt keinen anderen Weg zum Vater / Gott als mich.
Pilatus hätte fragen müssen: Wer ist die Wahrheit. Jesus hätte dann geantwortet: Gott ist die Wahrheit – ich und der Vater sind eins (Johannes 10,10). In Johannes 1,1 wird gesagt, dass Jesus der Logos ist. Aber Pilatus war in der philosophischen Frage, im philosophischen Denken gefangen. Wahrheit ist etwas Abstraktes – der vor ihm Stehende kann nicht die Wahrheit sein, das übersteigt das philosophische Denken.
Es geht hier also nicht mehr um die Frage korrekter Sprache, der Übereinstimmung von dem, was man sieht mit dem, was gesagt wird usw. Wahrheit bedeutet zu handeln wie es Gott entspricht. Der Logos, die stoische Weltvernunft / Weltordnung, wird im jüdischen Sinn mit Gott verbunden und dann im christlichen Sinn mit dem Menschen Jesus Christus. Wahrheit ist also kein kosmisches Prinzip, sondern Person.
Das Johannesevangelium lässt die Frage des Pilatus unbeantwortet. Warum? Es ist als ganze Schrift so aufgebaut, dass der Leser und die Leserin ständig gezwungen werden, selbständig die Antworten zu erarbeiten bzw. zu merken, wo es mit den alten Antworten nicht mehr funktioniert, wo sie umdenken müssen.
Wenn Du die Aussagen und Interpretation der Frage: „Was ist Wahrheit?“ liest und mit dem vergleichst, was die unter 5 a)-c) genannten Denker sagen: Was sagst Du zu dem johanneischen Ansatz? Beachte die Aussage: Wer von der Wahrheit ergriffen ist…