KIRCHE AUF IRRWEGEN / ABWEGEN

1. Einführung

Kirchengeschichte ist engstens mit der allgemeinen menschlichen Geschichte verknüpft. Kirchenmenschen versuchen sich genau so durchzusetzen wie andere Menschen auch. Sie versuchen, das Leben zu erhalten, machtpolitisch aktiv zu sein – und immer auch mit Blick auf ihre eigene Zeit, Geschichte, Gesellschaft. In diese Geschichte hinein gibt es immer wieder Menschen, die vom Evangelium, von der Botschaft Jesu angesteckt Neues wagen: Menschlichkeit, Liebe, Freiheit, Treue, Gebundenheit, Freude. Hierin handelt es sich, trotz aller Gebundenheit an ihre jeweiligen Zeit, um Lichtblicke, die die Menschheit weiterführen können, ihr Wegweisung geben. Diese Menschen sind es, die zeigen, dass Gott seine Menschenwelt nicht allein lässt. Ein paar Beispiele wurden unter dem Abschnitt: „Vorbilder“ genannt.

Aber neben diesen, gibt es eine sehr enge Verflechtung vom Christentum mit den macht- und gesellschaftspolitischen Belangen ihrer jeweiligen Zeit. Dazu ist jedoch zu sagen, dass diese nicht auf dem Christentum basieren, im Gegenteil, sie gehören zum allgemeinen Paket, das die Menschheit mit sich herumschleppt. Es ist soziologisch, psychologisch usw. zu erklären, weil ein solches Verhalten nicht besonders ist.

Dennoch: Christen haben insofern Schuld auf sich geladen, weil sie nicht mutig genug gegen solche Auswüchse angekämpft haben, ja, sie manchmal sogar als Schuld gar nicht erkannt haben. Sie hätten es besser wissen können, wenn sie auf Jesus Christus gehört und im Geist Gottes gelebt hätten. Statt Widerstand Anpassung an Strukturen, manchmal aggressiv, manchmal feige, manchmal aus Leichtsinn und unbedacht. Freilich machen solche Anschuldigungen auch bescheiden: Wo erkennen wir heute nicht unsere ungöttlichen Verflechtungen?

Ich werde die folgenden Punkte nennen, von denen ich ausgehe, dass sie die Irr- und Abwege besonders aufzeigen.

2. Sklaverei

Ich wüsste nicht, dass ein einziges mächtigeres Volk ohne Sklaverei bzw. Sklavenhandel ausgekommen ist: Römer und Wikinger waren dabei, wie schwarzafrikanische Herrscher, südamerikanische Völker ebenso. Aber gerade die Sklaverei zeigt, was für eine Schande auch Staaten auf sich geladen haben, die sich dem christlichen Glauben verbunden wussten – bis hin zu Päpsten, die Versklavungen von Nichtchristen duldeten und begründeten. (Italien selbst war ja zum Teil ein Gebiet, aus dem muslimische Herrscher ihre Sklaven holten – es war also bekannt, wie schlimm Sklaverei ist und wurde auch beklagt.)

Es war dann hauptsächlich jedoch nicht die christliche Religion, sondern der neue Gott, der Sklavenhaltung forderte: die Produktion, der Kapitalismus, die Kolonialisierung wenig besiedelter Gebiete, die diese forderten und förderten. Wir sind als europäische Länder der Gegenwart weitgehend unabhängig von Sklaven, weil wir an deren Stelle gelernt haben, Maschinen einzusetzen. Denn Sklaven bedeuteten Entwicklung und Reichtum der jeweiligen Sklavenhaltervölker. (Freilich gibt es auf sexuellem Gebiet auch in unserem Land noch Versklavungen und: Laut Berechnungen ist der Wohlstand einer vierköpfigen Familie abhängig von ca. 20 Sklaven – Menschen, die in sklavenähnlichen Zuständen und ungerechten Abhängigkeiten leben – in der Textilindustrie, der Herstellung der elektronischen Geräte usw.: s. http://www.slaveryfootprint.org/ )

Von den neutestamentlichen Schriften selbst her gibt es ambivalente Aussagen. Sklaverei war in römischer Zeit normal – was der christliche Glaube mit seinen winzigen Gemeinden bot, war die Gemeinschaft von Sklaven und Herren in der Gemeinde. Und wenn einer Christ geworden ist, dann galt es, den Sklaven auch als Bruder zu sehen (so der Apostel Paulus an Philemon) – ein Freier stand in der Gemeinde bzw. vor Gott – zumindest im Idealfall – nicht über dem Sklaven. Gesamtkonzepte gab es nicht – weil es die Perspektive, einmal mächtig zu sein, nicht gab. Doch im Norden von Mitteleuropa, als auch hier die Sklaven in die islamische Welt entführt wurden, wandten sich immer mehr Äbte, Fürsten und Städte gegen den Sklavenhandel (ohne jedoch Leibeigenschaft abzuschaffen). Der Sachsenspiegel von 1235 (Eike von Repgow), ein juristisches Buch, wendet sich mit Hinweisen auf Wort und Leben Jesu gegen die Versklavung von Menschen – und: der Mensch gehöre nur Gott, keinem Menschen. Aber letztlich siegte doch die Geldgier – der Markt war zu groß.

Wie es dann zu der Abschaffung der Sklaverei kam? Dazu haben unter anderem Könige beigetragen (Philipp der Schöne und Nachfolger) – auch mit der Begründung, jeder Mensch ist Ebenbild Gottes – und muss frei sein. Menschenrechte wurden immer bedeutender. Im 16. Jahrhundert wurde Freiheit mit der Begründung verlangt, dass das Sterben Christi alle Menschen befreit habe. In Amerika haben die Quäker massiv zur Sklavenbefreiung beigetragen – aber das ist ein eigenes Thema. Zudem ist unbedingt Wilberforce zu nennen, der unermüdlich mit einem großen Team daran gearbeitet hat, den Sklavenhandel abzuschaffen. Das zähle ich zu der größten menschlichen Errungenschaft unserer europäischen und amerikanischen Kultur – die wohl so manche noch unterlaufen – und damit zähle ich diesen genannten Teil des Sachsenspiegels (in dieser Hinsicht! – siehe unten Hexenverfolgung) mit zu den bedeutendsten Werken in puncto Menschenrechte.

(Detaillierter zum Thema: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/sklaverei-1/)

3. Kolonialismus + Mission

Kolonialismus – hängt mit dem aufkommenden Nationalismus und der aufstrebenden Wirtschaft zusammen. Die Ausbeutung der Völker hat mit dem christlichen Glauben nichts zu tun, ebenso wenig die Sklaverei, wie am Islam zu sehen ist oder in der Vergangenheit an anderen großen Reichen: Babylon, Römisches Reich… Im Gefolge des Kolonialismus begannen Christen zu missionieren – und zwar: im Sinne ihrer jeweiligen Nation zu missionieren. Und das war zu allen Zeiten (und ist es bis in die Gegenwart) ein fragwürdiger Ansatz: Christentum mit dem eigenen Volk, der eigenen Nation zu verbinden widerspricht der Grundlage des christlichen Glaubens. Christlicher Glaube ist international – und die Grundlage ist: Glaubende Menschen in allen Ländern sehen sich als Kinder Gottes, als Brüder und Schwestern an. Das bedeutet, dass man einander zu respektieren hat – unabhängig von nationalen Gepflogenheiten. Aber auf der Basis der Bibel, das heißt der Beziehung zu Gott und im Wirken des Heiligen Geistes. Nicht alles ist theologisch und ethisch vertretbar – aber was ethisch vertretbar ist, das bestimmt nicht die siegreiche Nation. Und das haben auch große Menschen erkannt, es sei nur an Bartholomé de Las Casas erinnert. Menschen in der Mission haben erkannt, wie schlimm Menschen in den „neuen Welten“ miteinander umgehen: Menschenopfer, Sklaverei, Foltern, gewalttätige Gruppenstrukturen. Diese wurden vom christlichen Glauben durch die Mission aufgebrochen. Gleichzeitig aber haben die Kolonialisten gezeigt, dass sie diese gleichen Strukturen nur auf anderer Ebene mitbringen. Und das ist fatal gewesen. Einerseits werden Menschenrechte verkündet – anderseits werden sie mit Füßen getreten. Das ist auch gut daran erkennbar, dass zum Beispiel britische Wirtschaftsverbände keine Christen in Indien haben wollten, weil diese ihre Methoden angeprangert haben. Der Westen zeigte also ein doppeltes Gesicht.

Ist den vielen, die Christen vorwerfen, in anderen Völkern zu missionieren (= von ihrem Glauben weiterzusagen), nicht klar, dass der Westen mit seinem Export und seinem technischen Knowhow ständig säkular „missioniert“? Er bricht ein in traditionell gewachsene religiöse und damit verbunden soziale Strukturen. Er lockt, ruft Sehnsüchte hervor, gibt Lebensziele vor. Und säkulare Zeitgenossen meinen, damit neutral zu sein? Die Radikalisierung vielerorts hängt auch mit diesem Wirtschaftskolonialismus zusammen – nicht nur mit der Ablehnung der westlichen Werte, die als zu freizügig, als negativ empfunden werden. Der Anspruch einiger Wirtschaftler besteht ja auch darin, die Welt auf wirtschaftlicher Ebene zu vernetzen, in die Politik und Tradition einzugreifen, Werte zu vermitteln (auch “besser und wirkungsvoller als Religionen”). Warum wird der Westen von vielen als Paradies angesehen? Wegen der Gaukeleien der Werbung, die weltweit ausgestrahlt werden. Das schlägt seine zerstörerischen Schneisen überall auf der Erde – was man der Tätigkeit der Christen nicht unbedingt nachsagen kann.

(Auch das Thema Mission wurde intensiver behandelt: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/verkuendigung-und-mission/ )

4. Hexenverfolgung

Hexenverfolgung – ist keine spezifisch christliche Form des Umgangs mit Menschen, vor denen man Angst hat. Sie gab es immer und weltweit. Im Christentum wurde sie weitgehend abgeschafft, weil Jesus Christus über Dämonen dominant ist, von daher musste man keine Angst mehr vor dem Teufel haben. Der Sachsenspiegel plädiert – juristisch – jedoch in alter germanischer Tradition für die Verbrennung von Menschen, die der Zauberei überführt worden waren. (Wir sehen: In ein und derselben Schrift ist ein Fortschritt [s. o. Sklaven] erkennbar und gleichzeitig ein Rückschritt.) Dass diese Tradition alt ist, sieht man zum Beispiel daran, dass der neugetaufte dänische Wikinger-König Blauzahn (Bluetooth) von der Kirche aufgefordert wurde, von der barbarischen Verfolgung von Frauen abzusehen (10. Jahrhundert).

Die Hexenverfolgung wurde dann dominant in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (17. Jahrhundert), in der Zeit von Kälte und Hunger. Sie ist auch Folge der Emanzipation der Städte von der Kirche – wobei nicht geleugnet werden soll, dass sich in der Verfolgung von Hexen auch Kirchenmenschen besonders übel hervorgetan haben. „Hexen“ wurden überwiegend in Mitteleuropa / Deutschland verfolgt. Nicht allein (aber bis zu 80%) Frauen sind diesem Wahn zum Opfer gefallen, sondern auch Priester, nicht allein Arme, sondern auch Reiche und Einflussreiche.

So einfach und plakativ, wie es sich die Hexenforschung der Vergangenheit gemacht hat, kann man es sich in der Gegenwart nicht mehr machen. Freilich, der Hexenhammer wurde von einem Menschen der Kirche geschrieben. Der vielfach angezeigte Autor hat jedoch seine Kollegen angegriffen, weil sie das Thema „Hexen“ nicht ernst genommen haben und hat mit massiven Fälschungen gearbeitet, um seinem teuflischen Ziel näher zu kommen. Menschen der Kirche wandten sich auch schon sehr früh dagegen: Schon im 16. Jahrhundert wunderte man sich, dass in der modernen Zeit so etwas wie der Hexenhammer noch geschrieben werden konnte. Sein Buch kam auf den Index. Dennoch galt es dann auch als modern und wichtig, weshalb sich auch manche kirchliche Herrscher und Juristen der Hexenverbrennung zuwandten.

Menschen der Kirche waren es, die sich diesem Wahn immer stärker entgegengestellt haben: die Jesuiten Adam Tanner und dann Friedrich von Spee (1631) hat, weil es sich um eine juristische – und keine religiöse – Frage handelt, massiv juristisch argumentiert und entsprechend Wirkung entfalten können. Heute wird vermutet, dass die massive Hexenverfolgung unter anderem Folge einer fatalen Gemengelage war: durch die Reformation schwand die Autorität der Kirche; hinzu kamen klimatisch extreme Zeiten: Hunger und Kälte („die Kleine Eiszeit“); Seuchen und Krankheiten waren nicht selten; durch den Krieg waren gesellschaftliche Strukturen zusammengebrochen und mussten langsam neu errichtet werden.

Wer Hexenverfolgung in einer Suchmaschine eingibt, wird auf viele Seiten stoßen, die gegenwärtige Hexenverfolgungen thematisieren: in Afrika, Indien und vielen weiteren Staaten. Hexenverfolgung ist – wie oben angedeutet – überwiegend auch ein soziales Problem. Der Mensch fühlt sich in seinem Ergehen von ihm unbekannten Mächten abhängig. Er beschuldigt Menschen, die er mit diesen Mächten im Bund sieht, ihn zu schaden. Unabhängig von diesem Geisterglauben: In Afrika ist der Schamanismus eine Fessel für die Menschen. Sie können sich vielfach aus Angst vor den Mächten und Verfluchungen nicht frei entfalten. Besonders grausame Berichte über den Umgang mit Hexen in der Gegenwart gibt es aus Papua Neuguinea. Parallel dazu gibt es eben berichte darüber, wie schwer es ist, Menschen davon zu überzeugen, dass der Hexenglaube keine rationalen Gründe hat. Emotion ist in dieser Frage bis heute vielfach dominant. Und weil Emotion (tief sitzende Ängste, Krisengefühl, Bedrohungsängste – und tatsächliche Erfahrungen, dass das eigene Leben erniedrigt wird) die Ratio in dieser Frage beherrscht, ist zu allen Zeiten Vorsicht geboten – das auch in unseren Bereichen. Der Zorn muss sich nicht gegen „Hexen“ richten, es werden immer neue Feindbilder geboren, wie der Antisemitismus im 20. Jahrhundert zeigte.

Ab dem 7. Jahrhundert bekämpfte in Nordengland König Oswald die Heiden (das war auch eine Familienfehde um den Thron) – und ab da mehren sich in den nächsten Jahrhunderten die Stimmen, die Kämpfe zur Ausbreitung des Christentums in den Blick nehmen. Bischof Agobard – geboren im 8. Jahrhundert in Spanien forderte den Kampf gegen Ungläubige – das heißt hier wohl konkret: gegen Muslime, die Spanien mit Krieg überzogen hatten. In diesem historischen Zusammenhang wird er möglicherweise schon Intentionen aufgegriffen haben, die vor ihm da waren.

Karl der Große war ebenfalls im 8. Jahrhundert erbost über die überwiegend heidnischen Sachsen, weil sie ständig die Grenzen seines Reiches überschritten. Um sie zurückzudrängen, wurden Klöster an den Grenzen gebaut, damit sie missionierend die Sachsen befrieden konnten. Aber er half in den Sachsenkriegen auch mit militärischen Mitteln nach. Sein Ziel: die Sachsen zu christianisieren. Wir kommen zeitlich schon langsam in die Nähe der berühmten Kreuzzüge – ca. 1000 Jahre nach Jesu Geburt. Diese Kreuzzüge hatten den Grund, Christen dazu zu bringen, Heilige Stätte aus der Hand der Muslime zurückzuholen, die diese Jahrhunderte vorher überrannt hatten.

Je stärker der christliche Glaube in Europa Fußgefasst hat, desto stärker waren auch die gewaltsamen Auseinandersetzungen. Der christliche Glaube hatte nur begrenzt Auswirkungen auf den Friedenswillen. Was ich andernorts dargelegt habe. Es war, wie in anderen Erteilen auch: Menschen bekämpften einander. Manchmal mit Bezug auf Gott, manchmal mit Gott begründend, manchmal einfach so, weil Fürsten oder irgendwelche Lokalmächte das Bedürfnis hatten, die eigene Macht zu demonstrieren. Und immer und überall litten die normalen Menschen darunter, konnten ihr normales Leben nicht weiterführen. Und wenn manche „christlichen“ absolutistischen Fürsten Geld benötigten, haben sie einfach irgendwelche Bauernsöhne gefangen und sie an andere Mächte als Söldner verliehen. Was jedoch auch andere Christen auf den Plan rief, die sich dagegen wandten, aber machtlos waren. Dass Waffen im Ersten Weltkrieg gesegnet wurden und auch sonst ein eher leichtfertiger Umgang von Kirchenmenschen mit Waffen zu beobachten ist, ist nur eine Fortsetzung alter kriegerischer Traditionen. Das ist bis heute zu beobachten. Was von anderen Christen allerdings nicht einfach so hingenommen wird. Freilich wird auch der Krieg immer stärker vom Glauben gelöst, säkularisiert.

Auch das Thema habe ich intensiv vorgestellt: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/kirche/kreuzzuege/ ; Gewalt: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/kirche/christentum-und-gewalt/ und: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/kirche/christentum-und-gewalt-2/ und: alle Abschnitte unter: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/frieden-und-krieg/ )

5. Verflechtungen mit Ideologien

Religion kann zur Ideologie werden. Religion wird dann zur Ideologie, wenn sie nicht bereit ist, mit anderen zu diskutieren, Argumente auszutauschen, andere Ansichten gelten zu lassen, sie zu tolerieren; politische und weltanschauliche Gegner werden mit unlauteren Mitteln, also unfair bekämpft, ihnen wird die Existenzgrundlage entzogen, sie werden aus der Gemeinschaft ausgegrenzt, sie werden gemobbt; besonders sadistische Menschen, die gegen Andersdenkende vorgehen, werden nicht daran gehindert, sondern Mob (auch herrschender Mob) unterstützt diese in ihrem unmenschlichen Tun, zudem werden die Gegner dehumanisiert, also man vergleicht sie mit Ratten und Ungeziefer, sie werden als „Sündenbock“ angesehen. Die Ideologen selbst sehen sich als die Gemeinschaft der guten Menschen, die alles Böse bekämpfen, um eine heile Welt zu erreichen. Angeführt werden sie auch von ideologischen Vordenkern, die versuchen zu verhindern, dass Menschen eigenständig und kritisch denken, die versuchen, Menschen davon zu „befreien“ selbständig Verantwortung zu tragen. Als Kennzeichen für Ideologie ist auch zu nennen, dass Herrschende / herrschende Ansichten legitimiert werden und damit verbunden auch die Realität verfremdet, verzerrt dargestellt wird. Menschen sollen nicht das glauben, was sie sehen, erfahren, wahrnehmen, sie sollen die Perspektive der herrschenden Ideologie übernehmen.

Aber nicht nur Religionen können zur Ideologie werden. Auch andere Weltanschauungen. Ideologie entsteht unabhängig von Religion da, wo eine Kultur, Nation, eine politische Ordnung bzw. Institution absolut gesehen wird. das heißt: dieser jeweiligen Größe ist zu folgen, ohne Wenn und Aber, ohne, dass ungestraft kritisiert werden darf. Hier ist zu sehen, dass schon in alttestamentlicher Zeit Propheten gegen die Ideologisierung des Tempels aufgetreten sind. Ideologische Ansätze gab es schon in der Antike – es sei an den Kaiserkult im Osten des Römischen Reiches gedacht. Ebenso war auch der „Glaube“ an Rom, die Macht der Römer / Roma aeterna – das ewige Rom -, ideologisch bedingt. Nur haben diese alten Formen noch nicht die Gewalt gehabt, wie sie in moderner Zeit durch Medien und strukturierter Staatsgewalt / Verwaltung möglich wurden. Zu den modernen Mitteln zählen die Übergriffe der Ideologen auf die Kinder in der Schule / im Kindergarten, zählen die technisch gut ausgerüsteten Geheimdienst- und Propaganda-Apparate.

So haben sich Christen im 19. und 20. Jahrhundert Weltanschauungen angeschlossen, die alle Merkmale von Ideologien hatten. Weil immer mehr Christen diesen verfallen sind, haben auch leitende Kirchenfunktionäre mitgemacht bzw. waren als treibende Kräfte tätig, um die Institution Kirche und auch die Christen ideologisch zu beeinflussen. In dieser Hinsicht sind: Nationalismus, Nationalsozialismus, Kommunismus / Sozialismus zu nennen, aber auch Antisemitismus, Rassismus, die unmenschliche Form des Kapitalismus, Sozialdarwinismus (also wissenschaftliche geprägte Ideologie). Nationalsozialismus / Kommunismus werden von manchen auch pseudoreligiösen Weltanschauungen zugerechnet, weil sie religiöse Strukturen entwickelt haben bzw. religiöse Strukturen in sich aufnahmen / aufnehmen, um religiöse Menschen zu beeinflussen. Diese Größen kamen auf, als die Autorität der traditionellen christlichen Religion zerbröckelte und politische Heilsversprechen diese ersetzten. Franz Werfel sagte sinngemäß, dass der Nihilismus des 19. Jahrhunderts Kinder hervorgebracht hat, weil kein Mensch nihilistisch sein kann: Nationalismus, Nationalsozialismus und Kommunismus.

Mit Blick auf Kirchen bedeutet das, dass auch Christen mit offenen Augen durch ihr Leben gehen müssen, um mit Gottes Geist erkennen zu können, wo sie selbst in Gefahr stehen, ideologisch zu handeln. Sei es sich zum Handlanger einer religiösen Ideologie zu machen oder zu handlangern einer politischen Ideologie zu werden.

Nationalsozialismus und Kommunismus / Sozialismus werden hier intensiver betrachtet: https://mini.evangelische-religion.de/kommunismus-sozialismus/ und: https://mini.evangelische-religion.de/nationalsozialismus-und-christliche-jugend/

6. Ethische Ambivalenz

Auch in lokalen Bereichen gab es üble Verflechtungen. So ist einerseits zu erkennen, dass Kirchen ethisch rigoros vorgingen, andererseits aber sehr lasch waren, zum Leidwesen der Menschen.

Ethisch rigoros wurde zum Beispiel vorgegangen, wenn Frauen uneheliche Kinder bekommen haben. Die Frauen wurden gedemütigt, erniedrigt, mussten schlimme Zeiten über sich ergehen lassen. Das ist in vielen Kulturen so, denn die Familie möchte ihren Besitz nur an eigene Nachkommen weitergeben, die Frauen sollten sich schützen, nicht den Männern hingeben, damit nicht unverpflegte Kinder im Dorf herumlungern, dem Dorf zur Last fallen; wenn eine Frau also unehelich schwanger war, wurde an ihr ein abschreckendes Exempel statuiert. Das Dorf diente als Kontrollorgan – das Leben war nicht so individualisiert wie in der Gegenwart. Wer sich nicht den Normen gemäß verhielt, konnte schnell die Macht der Mitmenschen zu spüren bekommen. Männer konnten auch bestraft werden, konnten sich aber einer solchen sozialen Kontrollen schneller dadurch entziehen, dass sie versuchten, irgendwo anders Fuß zu fassen.

Andererseits wurden Menschen in Familien misshandelt. Es konnte gute Herrinnen und Herren geben, aber auch sadistische. Es gab solche, die ihre Mägde und Knechte massiv misshandelten, sie schlugen, ihnen das Leben zur Hölle machten. Aber diese konnten nicht aus der Hölle entfliehen, weil sie finanziell von ihnen abhängig waren, durch Recht an diese gebunden waren. Festgeschrieben war das ganze in Gesindeordnungen mit dem Recht des Hausvaters, diese zu züchtigen, wenn sie ungehorsam, frech waren oder die Arbeit vernachlässigten. Die Gesindeordnung hat auch die Gewalttaten eingeschränkt, so durfte nicht gefoltert werden, es musste Maß gehalten werden. Wenn die Herrinnen und Herren über die Maßen agierten, konnte auch die Obrigkeit eingeschaltet werden. Aber das setzt immer voraus, dass diese auch unabhängig waren und Interesse daran hatten, den Menschen zu helfen. Zudem mussten Beweise geliefert werden – das war nicht immer leicht möglich, es wurden schärfere Repressalien zu recht gefürchtet, wenn man die Gewalttaten anzeigte; Menschen, die sich gegen eine üble Herrschaft wandten, konnten vertrieben werden, im Dorf keine Anstellung mehr finden. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Züchtigungsrecht langsam abgeschafft.

Und um solche Menschen haben sich Kirchen kaum gekümmert. Warum? Der Pfarrer war abhängig von den Großbauern, die im Kirchenvorstand saßen, Macht hatten, auch Macht, die Pfarrer mit ihren Helfern einzuschüchtern. Zudem bekamen sie durch die Gemeindeglieder die notwendigen Naturalien, um leben zu können. Pfarrer waren auf den Kirchgang und die Einhaltung der Moral spezialisiert – wie es dann in den Häusern aussah, hat sie nichts anzugehen. Allerdings hat Calvin auch versucht, die Moral in den Familien durch Kontrolle zu stärken. Das ist freilich nicht nur positiv zu sehen, sondern hatte schon religiös-ideologische Züge, das persönliche Leben aus Glaubensgründen zu überwachen. Der Schutz vor Unrecht und die Kontrolle des privaten Lebens lagen hier eng beieinander. Deshalb ist eine stärkere moralische Kontrolle nicht automatisch als Fortschritt anzusehen.

Hier stellte sich auch die Frage nach den Dorfstrukturen, die auch von Macht und Geld bestimmt waren. Literatur aus dem 19. Jahrhundert beschreibt so manches Übel auf dieser dörflichen und familiären Ebene. Ich denke da vor allem an Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche; an Theodor Fontanes: Effi Briest.

Fazit

Es ist wichtig, die Fehler der Vergangenheit aufzuarbeiten. Es ist wichtig, diese Fehler sachlich zu erarbeiten. Verallgemeinernde und polemische Vorwürfe sind nicht nur nicht wissenschaftlich, sie helfen auch nicht weiter, die Fehler in Zukunft zu vermeiden.

Aufgabe:

Diskutiere: Menschen der Kirche haben versagt, weil sie Menschen sind und nicht, weil sie Menschen der Kirche sind.

a) Welche Folgen hat es, wenn man die Fehler bei der Kirche sucht und nicht beim Menschen als Menschen?

b) Welche Folgen hat es, wenn die Fehler allein auf das Menschsein zurückgeführt werden, nicht aber mit der Kirche, dem Christsein verknüpft werden?

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Literatur (die aus christlicher und neuerer wissenschaftlicher Sicht manche Anklagen zurechtrückt – manchmal aber apologetisch):

Manfred Lütz: Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums, HerderVerlag, Freiburg 2018

Lutz E. von Padberg: In Gottes Namen? Von Kreuzzügen, Inquisition und gerechten Kriegen. Die 10 häufigsten Vorwürfe gegen das Christentum, Brunnenverlag 2010

Vishal Mangalwadi: Das Buch der Mitte. Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur, fontis/Brunnenverlag, Basel 2014