KRITERIEN ETHISCHER URTEILSBILDUNG

In den vorangegangenen Abschnitten wurden grundlegende Fragen angesprochen. Doch wie kann man sich ein ethisches Urteil zu einer ganz konkreten Frage bilden? Hier beginnen dann die Diskussionen – und diese werden von den Grundeinstellungen der jeweilig Diskutierenden bestimmt. Anhaltspunkte zur eigenen Urteilsfindung seien gegeben:

  1. Problem / Fragestellung exakt formulieren / darstellen.
  2. Persönliche Betroffenheit klären (es geht darum, diese für sich zu klären, nicht vor dem Publikum. Zurzeit wird versucht, die persönliche Betroffenheit als emotionales „Argument“ dominieren zu lassen. Das verhindert eine sachliche Auseinandersetzung. Das ist gefährlich, weil es sein kann, dass emotionale Betroffenheit gegen emotionale Betroffenheit hohe Erregungsstufen erreichen und eine solche „Diskussion“ im Grunde nur identitätsbildend funktioniert, wenn alle einer Meinung sind).
  3. Informationen sammeln und darstellen:
    (a) wer ist betroffen (Akteur, Leidtragender)?;
    (b) gegenwärtige Praxis und Rechtslage;
    (c) verschiedene Positionen: Allgemein ethische Sicht klären und philosophische (z.B.: Pflichtethik?, größter Nutzen [für die Mehrheit], Tugendethik) / theologische (z.B.: Gesetzesethik, Naturrecht/Schöpfungsordnung, Verantwortungsethik, Nachfolgeethik) Denkmodelle einbringen;
    (d) warum nehmen die jeweiligen Menschen ihre Position ein? (Motive und Interessen)
  4. Eigene Normen und Werte reflektieren (Menschenwürde und -rechte, Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit…).
  5. Dilemma genau formulieren. Dilemma bedeutet, dass wir als Menschen nicht immer genau wissen, was besser ist, was schlechter ist. Im konkreten Leben geht es nicht immer um „gut oder schlecht“, sondern auch um „gut gegen gut“ bzw. „böse gegen böse“. Welche Werte prallen aufeinander?
  6. Alternativen möglichst neutral aufzeigen.
  7. Zu einem Ergebnis kommen: Pro und Contra abwägen (Folgenabschätzung: Human-, Umwelt-, Sozialverträglichkeit).
  8. Ergebnis kommunizieren
  9. und in der Argumentation mit anderen überprüfen.
  10. Sixpack / Theologische Besonderheit: Weil wir Menschen bekanntlich nicht nur in der Gegenwart leben, sondern auch Erfahrungen vergangener Generationen aufgreifen können, kommt aus christlicher Perspektive noch ein weiteres Kriterium dazu. Die Berücksichtigung:
  1. biblischer Aussagen (z.B. Menschenwürde/Gottebenbildlichkeit: Genesis 1) unter besonderer Berücksichtigung der
  2. Lehre und Handeln Jesu Christi – darüber hinaus der
  3. christlichen Vorfahren (z.B. Kirchenväter, Reformatoren und weitere Dichter, Denker) und der
  4. weltweiten (!) Gemeinde der Gegenwart. Die Grundlage dieser Sichtweise ist: Gott wirkt durch den
  5. Heiligen Geist – denn der
  6. Wille Gottes ist für das gute Zusammenleben der Menschen und damit für die richtige Beantwortung der jeweils „modernen“ Fragen konstitutiv.

Diese Kriterien, die der Theologe Heinz Eduard Tödt besonders herausgearbeitet hat, wurden neu erarbeitet mit Hilfe von: (a) Hartmut Rupp / Andreas Reinert (Hgs): Kursbuch Religion, Calwer + Diesterweg, Stuttgart 2008, 86; (b) Das Kursbuch 3: Religion. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht im 9./10. Schuljahr, Calwer/Diesterweg Stuttgart 2007, 230

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KRITERIEN ZUR URTEILSFINDUNG IM DIALOG DER RELIGIONEN

Es ist für eine pluralistische Gesellschaft nicht leicht, in grundlegenden Fragestellungen eine Lösung zu finden, die von möglichst vielen getragen wird. Denn das Problem besteht darin, dass die Lösungen einander häufig ausschließen – also dem oben genannten Punkt 5 (Dilemma) zugehören. Zum Beispiel: Darf abgetrieben werden? Ab wann ist der Mensch ein Mensch? Ist Abtreibung Mord? Darf ein Mensch getötet werden? Oder: Todesstrafe: Ja/Nein? Warum nicht? Töten eines Täters: in Notwehr? Wann ist Notwehr gegeben? Dürfen Unbeteiligte getötet werden, zum Beispiel, um ein großes Unglück abzuwenden (Terror mit Hilfe von Passagierflugzeugen)?

In der neueren Zeit kommen neben dem Pluralismus noch Kulturkonflikte hinzu: Die unterschiedlichsten Kulturen, die in den jeweiligen Ländern Zugang finden: Haben sie sich der jeweiligen heimischen Kultur vollständig unterzuordnen? Dürfen / müssen sie Nischen bekommen? Wer entscheidet das? Was sagen die Menschenrechte? Gibt es feststehende Menschenrechte? Gelten die Vorstellungen von Menschenrechte aus dem Westen, aus China, aus den islamischen Ländern? Darf die Gleichberechtigung der Frau in unserem Land durch andere Kulturen die in unserem Land Aufnahme finden, aufgrund von Religionsfreiheit eingeschränkt werden?

Diese Fragestellungen werden in Zukunft immer stärker die Gesellschaft vor spannende Diskussionen stellen. Grundsätzliche Aspekte wurden angedacht unter: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/religion-en/pluralismus-und-dialog/

Die oben genannten Kriterien sollen helfen, in dem Chaos unterschiedlichster Meinungen und Strömungen den eigenen Weg zu finden.

Aufgabe: Wende diese oben genannte Kriterien an einem Beispiel an. Wähle aus den folgenden ein Thema (die sich von der Zuordnung überschneiden können) aus – oder wähle ein eigenes:

A: Bio- / Medizinethik

  1. Organspende
  2. PID
  3. Suizid
  4. Euthanasie oder Sterbehilfe
  5. Behinderung
  6. Klonen
  7. Cyborgs

B: Gerechtigkeit / Zusammenleben

  1. Gewalt/Herrschaft
  2. Sexuelle Orientierung / Identität
  3. Abtreibung
  4. Zusammenleben der Kulturen
  5. Krieg
  6. Reich-Arm
  7. Hilfen umfassender Art für arme Länder
  8. Aufnahme von Flüchtlingen, Aufnahme von Migranten

C: Umwelt

  1. Vegane Nahrung
  2. Klimaschutz
  3. Tierschutz