FREIHEIT
Aufgabe: Vorüberlegungen
- Was ist Freiheit?
- Kann ein Mensch Freiheit schätzen, wenn er die Unfreiheit nicht kennen gelernt hat?
- Kann ein Mensch, der unfrei war, wirklich frei sein, oder bleibt er innerlich unfrei, auch wenn er sich frei fühlt?
- Begeben sich Menschen frei in Unfreiheit, weil sie mit der Freiheit nicht klar kommen?
- Kann ein Mensch, ohne es zu merken, sich in Unfreiheit begeben?
- Wenn der Mensch ein Gruppenwesen ist – fühlt er sich dann nicht nur in der Gruppe/Menge frei?
- Ist Freiheit nur ein Thema – ist Freiheit ein Lebensgefühl?
1. Rollen im sozialen Miteinander
Wir Menschen sind im sozialen Miteinander verortet. Ich bin als menschliches Individuum nicht einfach so da, sondern stehe in einer Kausalkette – nicht zuletzt durch das sexuell-liebende Miteinander der Eltern. Wir sind eingebunden in Familie und in die vom Staat (Institution) vorgegebenen Voraussetzungen: Schule – Beruf. Ich bin Teil der Kultur, in die ich hineingeboren wurde. Hinzu kommen noch die Nachbarschaft, die Ortsgemeinschaft usw.
In diese vorgegebenen Strukturen sind wir eingebunden durch soziale Interaktionen:
- Schule: Mitschüler, Lehrer, Vorgesetzte, Schulgemeinde, Eltern, Hausmeister…
- Beruf: Kollegen, Vorgesetzte, der Markt, der auf das Produkt reagiert (ökonomisch).
- Nachbarschaft/Familie: Regeln, um miteinander gut auszukommen.
- Ortsgemeinschaft: Diese ist gegenwärtig nicht mehr ganz so notwendig vorhanden, weil man in einer Ortsgemeinschaft leben kann, aber durch Kontakte zu anderen Orten, nicht mehr abhängig von ihr ist.
- Kultur: Sprache prägt Kultur. Ich bin abhängig von Sprache (Sprache vermittelt Weltbild). Religion prägt Kultur, Kunst (Design, Architektur), Alltagskultur (Essen, Pflege, Lebensrhythmus…) habe ich ins Unterbewusste übernommen.
Darüber hinaus gibt es weitere soziale Rollen, in die wir uns freiwillig einbinden: Hobby, gesellschaftspolitische Aufgaben:
- Hobby: Kollegen, Materialien-Händler, Interessierte…
- Gesellschaftspolitische Aufgaben mit ihren jeweiligen Akteuren: Kirche, Sport und andere Vereine, Selbsthilfegruppen, Feuerwehr / THW / Rotes Kreuz usw., Umweltgruppen, Menschenrechtsgruppen usw.
- Weitere Vernetzungen: denken wir an die Steuern, die Versicherungen – alles, was wir tun, hat gesellschaftspolitische Auswirkungen, selbst wenn wir an Heirat und die Kinderplanung denken und das Hobby fördert die Wirtschaft.
Was bedeutet das zum Thema Freiheit? Wir sind sozial eingebunden: unfreiwillig und freiwillig, manchmal merken wir es, manchmal bemerken wir es gar nicht. Wir sind eingebunden, haben aber in dieser Gebundenheit Freiheiten. Wir spielen in diesen jeweiligen Bereichen unsere Rollen als die Menschen, die wir sind, mit unserem Charakter, unseren körperlichen Vorgaben, den allgemeinen Vorlieben, der Erziehung:
- Charakter: psychisch – gemäß unserer psychischen Verfassung oder unserer kognitiven Möglichkeiten, das heißt unserer Auffassungs- und Assoziationsgabe.
- Körper: biologische Komponenten spielen eine Rolle.
- Erziehung: die gesamte Sozialisation durch Verwandte, Freunde, andere Menschen.
Was bedeutet das für das Thema Freiheit? Wir prägen diese Rollen – diese Rollen prägen uns.
2. Willensfreiheit und Handlungsfreiheit
Es wird in der Philosophie unterschieden zwischen Willensfreiheit und Handlungsfreiheit.
a) Willensfreiheit: Es geht darum, dass man wollen kann, was man will. Warum will ich, was ich will? Ist das in irgendeiner Form vorgegeben, determiniert? Ist das nicht vorgegeben, indeterminiert?
Vor Dir liegt eine Chipstüte. Du willst Chips essen. Du kannst also frei entscheiden: Will ich diese Chips essen – oder nicht? Aber kann ich wirklich frei entscheiden? Der Körper, das Hirn, was auch immer will, dass ich sie esse – warum auch immer. Will ich – oder will ich nicht? Aber ist auch das Nicht-Wollen frei, oder durch irgendwelche Zwänge bestimmt? (Ich will nicht zunehmen, ich will lernen, mich zu beherrschen, weil sich zu beherrschen wichtig ist im Leben usw.)
Determination wird aus unterschiedlichen Perspektiven dargelegt: theologisch: Gott lenkt alles („der Mensch denkt, Gott lenkt“); philosophisch: Jedes Handeln ist durch vorangehende Handlungen begründet; wissenschaftlich: alles ist berechenbar (Naturgesetze). Dass alles determiniert sei, ist aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht mehr haltbar, seit die Quantentheorie erstellt wurde.
- In der philosophischen Tradition (Scholastik) hat man zunächst gedacht, dass man zwischen Vorgaben wählen kann: Ich will aus unterschiedlichen Möglichkeiten die Möglichkeit X auswählen. Vernunft, Moral und soziales Umfeld sind zwar Vorgaben, aber man wählt aus, ohne sie bewusst wahrzunehmen bzw. ihnen zu folgen. Man hat Entscheidungsfreiheit / Wahlfreiheit. Ist Entscheidungsfreiheit mit Willensfreiheit gleichzusetzen?
- Der Wille ist von Vorgaben abhängig. Wenn dem nicht so wäre, wenn der Wille wirklich ganz autonom und frei wäre, dann ist nichts vorgegeben, und ich fange einfach so unbegründet – außer eben in meinem Willen – etwas vollkommen Neues an, weil es mir gerade in den Sinn kommt. Gibt es für den Menschen diese Möglichkeiten, dass er – ohne durch etwas veranlasst worden zu sein – etwas Neues tut, weil es sein Wille ist? Wäre der Mensch dann nicht ganz und gar unberechenbar? Diese Möglichkeiten gibt es, wenn das Hirn krank ist – aber das ist dann ja nicht mehr der Wille des Menschen. Im Grunde gilt für den Menschen: Jedes Handeln ist durch vorangehende Handlungen begründet; das kann gar nicht anders sein, da der Mensch immer in Kausalitäten denkt (kurz: eins bedingt das andere).
- Der Philosoph Kant sah den Willen als frei an, aber in dem Rahmen, den die Vernunft gibt. Frei bin ich nicht, wenn ich das tue, was ich mir wünsche, sondern dann, wenn ich der Vernunft folge, das heißt gemäß Kategorischem Imperativ: Ich tue das, von dem ich will, dass andere es auch tun. Das heißt: Der freie Wille ist gebunden an Vernunft, Moral, an das soziale Umfeld. Ich wäge also in meinen Entscheidungen ab.
- Der Philosoph Hume sah, dass nicht die Vernunft alles bestimmt, sondern die Leidenschaft, die Abneigung und Zuneigung, das Wohlergehen, Vergnügen, die Meidung des Schmerzes. Und diese bestimmen auch die Moral. Wenn ein Mensch befürchtet, aufgrund seiner Handlung von der Gesellschaft Tadel / Sanktionen zu erfahren, dann unterlässt er sie, weil sie Schmerzen zur Folge hat. Wenn er meint, er bekommt Lob dafür und Anerkennung, dann handelt er entsprechend.
- Der Mathematiker und Philosoph Leibniz: niemand wünscht für sich diese Freiheit, zu wollen, was man will, sondern vielmehr die Freiheit, zu wollen, was das Beste ist.
- Der Psychiater Freud sieht den Menschen in Abhängigkeit vom Über-Ich und Es. Das Über-Ich wird bestimmt von der Gesellschaft, die das Gewissen prägt. Mit der Gesellschaft verbunden ist die Religion, die Gott als prägende Größe als Über-Ich interpretiert. Zudem ist der Mensch abhängig vom Es. Das Es sind die den Menschen bestimmenden Triebe. Über-Ich und Es kämpfen im Menschen gegen- und miteinander. Der Mensch hat aber auch einen Ausgleich in sich, das Ich, die Vernunft, die das harte Über-Ich wie das chaotische Es in Einklang zu bringen sucht.
- In der Gegenwart sagen manche (Roth, Libet u.a.), dass wir letztlich nicht wissen, warum wir etwas wollen, sondern das Gehirn (psychologischer Determinismus) gibt es vor, bzw. die Gene (physiologischer Determinismus), bzw. die Gesellschaft (sozialer Determinismus) geben es vor – entsprechend wollen wir, was wir wollen sollen. Wir sind somit nicht frei, weil die Entscheidungen nicht frei-wollend getroffen werden. Aber wir denken, wir seien frei, weil wir uns das Wollen zuschreiben.
- Inzwischen ist man wieder weiter und sieht, dass auch das Gehirn nicht ein autarkes Teil ist, das einfach willkürlich irgendetwas entscheidet, sondern es ist Teil des Individuums. Von daher ist das Wollen etwas, das mit dem Individuum als ganzheitliches Wesen übereinstimmt, auch wenn im Hintergrund des Gehirns alles Mögliche unbeeinflussbar abläuft. Der Mensch ist ein Wesen aus Körper und Gehirn – nicht nur ein Hirnwesen. Und das Gehirn wird von den unterschiedlichsten (auch sozialen) Komponenten geprägt – und ich bin so frei, mich auch selbst zu prägen, in eine Richtung hin zu entwickeln, die ich frei wähle.
- In der Religionskritik ist man seit Feuerbach so weit, dass man sagt: Ich will keinen Gott – und entsprechend Gott verneint. Der Mensch hat sich einen Gott erschaffen, er projizierte alles Gute in Gott hinein und mutete sich selbst nur das Schlechte zu. Jetzt ist der Mensch endlich in der Lage, das Unbewusste zu durchschauen und er will das ändern: Er will das, was er in Gott unbewusst hineinprojizierte, jetzt bewusst für sich selbst in Anspruch nehmen.
Fazit: Man kommt immer weiter weg von der Gegenüberstellung: der Wille ist unfrei – der Wille ist frei. Man sieht: Mein Wille wird von einer Unmenge an (unbewussten) Komponenten geprägt – gleichzeitig prägt mein reflektierender Wille Körper wie Gehirn. Wenn der Mensch gänzlich determiniert wäre, könnte er nicht für Taten verantwortlich gemacht werden: Er musste es tun. Doch wir wissen, dass das Menschsein sich eben dadurch auszeichnet, dass der Mensch anders als das Tier Verantwortung tragen kann, weil er reflektierend seinen Willen prägen kann.
Aufgaben: Welche der oben genannten Aussagen würdest Du
(a) dem „Weichen Kompabilitismus“ zu ordnen, welche
(b) dem „Harten Kompabilitismus“?
„Weicher Kompatibilismus“ bedeutet: Der Mensch fühlt seinen Willen in der Bestimmung als frei. „Harter Kompatibilismus“ bedeutet: Der Mensch sieht seinen Willen als frei an, auch gegen Bestimmung zu handeln.
b) Handlungsfreiheit: Tun können, was man will, als Individuum, als Gemeinschaft.
Die Chipstüte liegt vor mir, sie gehört mir, ich kann also essen, kann es auch lassen.
Zwei Ansätze der Philosophie
Hume sieht, dass man frei handeln kann, wenn man von äußeren Zwängen frei ist (diese Aussage gehört zur Handlungsfreiheit), aber innere Zwänge hindern ein freies Handeln, so zum Beispiel, wenn meine Neigungen handlungsbestimmend sind, weil ich selbst Teil meiner Neigungen bin (diese Aussage gehört zur Willensfreiheit). Aber: Ich bin meine Neigung. Von daher bin ich frei, auch wenn es so aussieht, ich folge inneren Zwängen. Kant sieht das anders: Wer seinen Neigungen folgt, ist Sklave seiner Neigungen. Nur die Vernunft – also das wahre Ich – befreit, macht autonom. Aus Sicht der Anthropologie ist zu sagen, dass der Mensch im Unterschied zum Tier nicht mehr instinktgebunden handeln muss, also frei ist – frei ist, verantwortungsbewusst zu handeln. Sokrates und Platon: Frei ist der, der vernünftig das Gute/Wahre wählt – also nicht: Güter, Materielles!
Frei sein von… – frei sein zu…
Es ist zu unterscheiden zwischen frei sein von… (also frei sein von Einschränkungen) (auch negative Freiheit genannt) und frei sein zu… (also frei sein zu selbstbestimmten Handeln) (auch positive Freiheit genannt).
Beide sind wieder zu untergliedern in
- negative äußere Freiheit = frei von… aus sozialer Sicht, also frei von äußeren Zwängen,
- negative innere Freiheit = frei von… individuellen, inneren Zwängen,
- positive äußere Freiheit = frei zu… aus sozialer Sicht, also individuell/gemeinschaftlich Ziele setzen,
- positive innere Freiheit = frei zu… als Individuum autonome Ziele setzen.
Im Wesentlichen ist die Realisierung dessen, was man will und tut, zunächst einmal gebunden an Charakter, Körper, Erziehung… Diese und andere Aspekte einbeziehend, kann man seine „Freiheit von…“ dazu verwenden, seinem Leben ein Ziel zu setzen – und: man ist frei dazu, den Lebensentwurf zu verwirklichen. Das „Frei zu…“ ist freilich ein großes Problem für viele Menschen. Der Soziologe Ulrich Beck hat herausgearbeitet, dass der Mensch heute von vielem frei ist, aber unter der Last, frei zu sein, leidet, weil er nicht weiß, wie er das „Freisein zu…“ füllen kann. Das kann unterschiedliche Folgen haben: Hinwendung zu Drogen, zu ideologischen Gruppen (Nationalsozialismus, Kommunismus, religiöse Sondergruppen/Sekten, Islamisten, Liberalismus), die vorschreiben, was man tun muss, oder es führt dazu, sich in Arbeit zu stürzen, weil Vorgesetzte / der Markt sagen, was zu tun ist usw. Der Mensch fühlt sich „zur Freiheit verurteilt“ (Albert Camus).
Freiheit und Verantwortung
Freiheit und Verantwortung tragen, hängen sehr eng zusammen. Wenn ich mein Leben frei gestalten kann, dann trage ich auch Verantwortung dafür. Und wenn ich meine Vergangenheit reflektiere und Unfreiheiten, die mich prägten, entdecke, dann trage ich selbst Verantwortung dafür, mich von ihnen zu befreien. Das ist nur in gewissem Rahmen möglich (manchmal mit Hilfe der Psychologie, der Seelsorge), aber die Freiheit, sich befreiend zu verwirklichen, muss so gut es geht realisiert werden, damit ich mich als freier Mensch erweise. Oder erweise ich mich als freier Mensch, indem ich das alles akzeptiere? Resignation und Festhalten an alten Fesseln zeugt nicht von der Freiheit eines Menschen.
Aufgaben:
(a) In welchen Bereichen trägst Du Verantwortung?
(b) Ist das Tragen von Verantwortung abhängig vom Alter? Hast Du mit 3 Jahren schon die Verantwortung getragen, die Du heute trägst? Tragen Deine Eltern, Großeltern, Politiker, Journalisten, Medizinier, Staatsbürger – mehr Verantwortung / andere Verantwortung?
(c) In welchen Bereichen wird die Verantwortung von Freiheit bestimmt, in welchen nicht?
3. Freiheit im Alten Testament und Neuen Testament
Für das Judentum spielt die Freiheit eine sehr große Rolle: Es ist die politische Freiheit, die Befreiung von der Sklaverei (Exodus). Und diese Befreiung führt zu dem Bundesschluss Gottes mit dem Volk Israel. Mit ihm ist Verantwortung verbunden, denn als Rahmen für die Freiheit bekommt das Volk die 10 Gebote, sodass es in seiner Freiheit den Mitmenschen nicht verletzt. Freilich kann es in seiner Freiheit diesen Rahmen auch übertreten, verhält sich entsprechend asozial.
Und die Schöpfungsgeschichten berichten, dass Gott den Menschen als freies Wesen geschaffen hat – selbst frei davon, Gottes Willen zu tun (Genesis 1ff.; der Mensch benennt alle Dinge mit Namen, er ist Statthalter Gottes, er wird ermahnt, nicht von den Bäumen zu essen – Grundlagen der Freiheit). Der Grund der Freiheit des Menschen, den hat Gott gelegt. Der Anstoß, die Freiheit zu missbrauchen, kam dadurch, dass Gottes Güte in Frage gestellt wurde: Gott will mich Menschen klein halten. Warum demütigt Gott mich? (Genesis 2f.) Die Theodizee-Frage kommt in den Blick. Ich traue Gott Schlimmes zu. Er nimmt mir meine Freiheit. Und, so Genesis 2f.: Weil ich mir die Freiheit nehmen möchte, die von Gott wegführt, werde ich unfrei.
Jesus Christus hat den Samen für das Freiheitsbewusstsein im Neuen Testament gelegt. Der Mensch, der unfrei ist durch Krankheit, Behinderung, versklavende Mächte und Gesetz, dessen Würde muss durch Befreiung wieder hergestellt werden. Und sie wird wieder hergestellt durch die Wundertaten Jesu. Die Wundertaten zeigen, dass Gott den Menschen frei haben möchte. Die Freiheit wird wieder hergestellt durch die Zuwendung Jesu, durch die Aufnahme in die Gemeinschaft der Kinder Gottes, durch die Vergebung der Schuld, die den Menschen knechtet, die ihn an seine Vergangenheit fesselt, aber auch an andere Menschen. Die Erwartung des Reiches Gottes befreit den Menschen dazu, nicht in der fesselnden Gegenwart zu verharren, sondern angetrieben von dieser Hoffnung, die Welt jetzt schon im Sinne Gottes zu verändern. Jesus hat seine Jünger von der Angst vor Menschen befreit, denn die Jünger müssen in der Durchsetzung des liebenden Gotteswillens weder Verfolgung noch Tod fürchten, da sie in die Herrlichkeit Gottes eingehen werden.
Für das Neue Testament ist in dieser Hinsicht vor allem auch Paulus zu nennen, weil er das Thema Freiheit intensiv durchdacht hat. Er greift diesen Aspekt „Freiheit“ auf, sieht jedoch die Sklavenhalter nicht in Menschen, sondern in den drei Größen: Sünde – Gesetz – Tod. Diese drei versklaven den Menschen. Die Sünde (Freud würde es die Triebe nennen) lassen den Menschen Handlungen begehen, die er gar nicht tun will. Das Gesetz (Freud würde es das Über-Ich nennen) zwingt den Menschen, etwas zu tun, was er gar nicht leisten kann. Und darum ist der Mensch ständig zwischen den Forderungen des Gesetzes und der Sünde hin und her gerissen – kurz: Er ist unfrei. Was befreit ihn nun? Und da weicht dann Freud von Paulus ab. Für Freud ist es der Verstandesoptimismus, der ihn auf den Verstand setzen lässt (freilich konnte er auch sagen: Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus). Paulus sieht die Befreiung durch Jesus Christus gegeben, denn der Verstand ist abhängig von dem in sich selbst unfreien Menschen (vgl. Hume).
Und so finden wir die Ansätze modernster Auffassung schon beim Apostel Paulus: Erst wenn Gott den Menschen neu macht, dann ist auch das, was im Hintergrund des Gehirns abläuft, neu. Weil der Mensch sich selbst nicht ganz in der Hand hat, muss Gott ihn in die Hand nehmen und nach seinem Willen verändern. Der Mensch trägt das Seine natürlich dazu bei, indem er sich verändern lassen will.
Zuletzt kommt bei Paulus noch die Freiheit vom Tod dazu. Der Mensch muss keine Angst mehr haben vor dem Sterben, somit ist diese Angst vor dem Tod kein handlungsleitendes Motiv mehr. Nicht den Tod müssen Glaubende fürchten und entsprechend abhängig von der Furcht handeln. Der Mensch kann gelassen sein, denn, wie Paulus schreibt: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn (Römerbrief 14,8). Jesus Christus ist die Kontinuität im Leben und Sterben. Gleichzeitig ist die Freiheit des Christen nur durch seine Gebundenheit an Gott erfahrbar. Wer von Sünde frei ist, tut Gottes Willen. Wer vom Gesetz frei ist, handelt menschlich aus der Kraft des Geistes Gottes, also nicht gezwungen. Und wer vom Tod frei ist, handelt ohne Angst. Christen sind, so Paulus, auch frei von den Vorgaben der jeweiligen Gesellschaft – eben dann, wenn sie Gottes Willen widerspricht. Der Mensch als ganzer ist frei von seiner Vergangenheit: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden! (2. Korinther 5,17)
Als „Magna Charta“ der Freiheit wird vielfach der Brief des Paulus an die Galater bezeichnet. Und der jamaikanische Soziologe Orlando Patterson, der sich intensiv über das Thema Freiheit Gedanken machte, meinte, dass der christliche Glaube die einzige Weltreligion sei, „die zum höchsten religiösen Ziel die Freiheit erklärte.“
Aufgabe: Die Gemeinden in Galatien, die Paulus gegründet hatte, fühlten sich von der Freiheit des christlichen Glaubens überfordert und wollten wieder zurück zum jüdischen Gesetz, das das gesamte Leben regelte. Wie Paulus mit diesem Wunsch umgeht, können wir im Galaterbrief lesen.
4. Ein paar christliche Vordenker
Die eigentlichen Begründer der Diskussion zum Thema Freiheit, die auch die moderne Philosophie beeinflusste, war der Kirchenvater Augustinus: De libero arbitrio (387 395). In seiner Schrift geht es um die Willensfreiheit mit Blick auf die Gnade Gottes. Ohne die Gnade Gottes kann sich der Mensch nicht für das Gute entscheiden. Willensfreiheit ist also eine gute Gabe Gottes – aber des allmächtigen und allwissenden Gottes Vorherwissen wird damit zusammengedacht. Es ist keine Determination, die Augustinus vertritt, aber Gott weiß vorher, was der Mensch tun wird (wie ich als Mensch, der eine Ameise beobachtet, vorher weiß, wo sie hingehen wird, weil ich eine höhere Perspektive habe). Zudem geht es Augustinus um die Frage der Theodizee, das heißt: kommt das Böse von Gott? Augustinus meint: Nein. Wer den freien Willen missbraucht, handelt böse. Der freie Wille dient also dazu, sich verantwortlich für das Gute zu entscheiden, also für das Tun des Willens Gottes.
Für Thomas von Aquin ist die Freiheit des Menschen darin zu finden, dass er mit Vernunft beschenkt wurde. Er kann also wählen, ob er das Gute oder das Böse tun will. Die Freiheit hat jedoch ein Ziel: der Mensch ist ausgerichtet auf Gott.
Petrus Abaelardus hatte die Sicht vertreten, dass nicht die Tat schuldig macht, sondern nur die Tat, die wider besseren Wissens geschehen ist. Es geht hier also nicht allein um die äußere Tat, die falsch ist, sondern um die innere Einstellung. Nicht die Gesetze und Regeln stehen im Vordergrund, sondern es kommt eine Ahnung des Gewissens in die Diskussion.
Für Anselm von Canterbury ist der Mensch frei, der im Sinne Gottes für das Gute handelt. Wer Übles tut, der ist Gefangener der Sünde, also nicht frei – Menschen entscheiden sich nicht zwischen Gutes tun und Sünde. Denn Sünde tun ist immer Unfreiheit.
Johannes Duns Scotus ist in dieser Hinsicht spannend: Der Wille kann, in seiner Freiheit, sich auch gegen die Vernunft entscheiden. (Johannes Duns Scotus wurde 1303 aus Paris vertrieben, weil er sich in der Auseinandersetzung zwischen König und Papst sich auf die Seite des Papstes stellte. Mit Blick auf Freiheit gesagt: vernünftig war das nicht, sich gegen den König zu stellen – aber es war sein Wille.)
Der weitere, der das Thema intensiv aufgegriffen hat, war der Reformator Martin Luther: De servo arbitrio (1525) es geht um den geknechteten freien Willen: Wer sündigt, ist der Sklave der Sünde. Luther antwortet mit dieser Schrift auf den christlichen Humanisten Erasmus von Rotterdam De libero arbitrio (1524), der den katholischen Glauben gegen Luthers Position verteidigte und dem freien Willen des
Menschen mehr Positives zutraute als Luther. In der Wormser Verteidigungsrede weist Luther darauf hin, dass das Gewissen frei entscheiden muss, frei von Menschen, abhängig von Gott. Das Individuum, das nur Gott gehört, ist von Menschen frei. Das ist der Keim, politische Freiheit anzustreben. Luther sah auch, dass der Kopf vom Bauch bestimmt wird – also die Vernunft vom Trieb. Und er hätte auch manches gegen Freud einzuwenden bzw. gegen Kant: Er ist nicht so optimistisch, was die Vernunft betrifft. Das, was bei Luther jedoch wesentlich ist, er hat eine Schrift geschrieben: Von der Freiheit eines Christenmenschen (1520). In dieser lautet das Motto: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Beides gleichzeitig. Der Christ als derjenige, der Gott gehört, entscheidet sich frei – ist also Herr. Er entscheidet sich aber frei dazu, anderen Menschen zu dienen, ist also Diener.
5. Christentum der Gegenwart
Das politische Wirken der Kirche Europas ist davon geprägt, gegen Unrechtssysteme anzugehen, die Willensfreiheit (wie auch immer sie definiert wird) und Handlungsfreiheit einschränken, zu bekämpfen. Jeder Mensch hat Würde. Kein Mensch hat das Recht, andere Menschen zu beherrschen, ihn, wie Kant sagt, „bloß als Mittel“ anzusehen. Freilich ist auch mit Blick auf die Freiheit nicht nur emotional zu agieren, sondern auch mit dem Verstand.
Darin erschöpft sich nicht das Handeln der Christen, sondern sie stehen in der Tradition des Neuen Testaments, in der Tradition Jesu Christi und des Apostels Paulus wie sie oben dargestellt wurden.
Aufgabe: Was denkst Du über das folgende Zitat?
Der Theologe Helmut Thielicke schrieb in seiner Rede über die Weiße Rose (Von der Freiheit ein Mensch zu sein, 1963. 27) (siehe: https://evangelische-religion.de/theodizee-sophie-scholl.html ):
„Freiheit kann nicht in der Preisgabe aller Bindungen gelebt werden – dann wird sie vielmehr zerstörerisch -, sondern sie ist selbst nur eine besondere Gestalt der Bindung. Darum findet auch nur der sich selbst, der Gott findet“. Denn kein menschlicher Herrscher, kein Schicksal herrscht über den, der an Gott gebunden ist. Er ist frei. Zu dieser „Quelle der Freiheit“ haben die Mitglieder der Weißen Rose gefunden. Aus dieser Quelle (Gott) lebt auch unsere Freiheit „auch wenn sie für viele verschüttet“ ist.
6. Ausblick auf Religionen
Für Buddha / Siddharta Gautama bedeutet Freiheit die Loslösung von allem, was Leiden hervorruft was auch mit dem stoischen Ansatz grob zu verbinden ist. Der Mensch kann, so lässt der Achtfache Pfad erkennen, selbst bestimmen, was er sagt, wie er handelt, welchen Lebenserwerb er nachgeht, sich in Bewusstheit, Meditation üben, nach rechter Anschauung und Gesinnung streben.
Im Islam wird gegenwärtig im Zusammenhang der Freiheit weitgehend diskutiert, ob es eine Freiheit im Glauben gibt (Sure 2:256) und was das bedeutet. Keiner darf zum Islam gezwungen werden – aber es gibt im Grund keine Möglichkeit, sich vom Islam weg anderen Religionen oder dem Atheismus zuzuwenden. Diese Diskussion nach dem Zwang im Glauben gab es in der frühen Christenheit nicht, da die Christen eine machtlose Minderheit waren. Von Koran, Rechtsschulen, Scharia usw. ist festgelegt, was Freiheit ist: Sich einordnen in die Vorgaben Allahs, das heißt letztlich auch der Umma. Die Bindung an Gott ist auch im Christentum relevant. Was das aber für Christen bedeutet , bestimmt nicht ein Gesetzbuch, eine Tradition, die Gemeinde, sondern die Beziehung des Individuums zu Gott im Heiligen Geist. Dem Einzelnen ist im christlichen Glauben Verantwortung für sein alltägliches Handeln auferlegt (sekundär in Abstimmung mit der Gemeinde). Es geht Christen nicht um die Verantwortung, die er trägt, dem Gesetz zu folgen.
Für den Konfuzianismus ist gesellschaftliche Ordnung Bedingung für Freiheit, wie für den Hinduismus die Kastenordnung bestimmt, in welchem Rahmen das Individuum sich bewegen darf. Das Thema umfassender Freiheit konnte in all diesen Kulturen nie aufkommen.
7. Kurze Hinweise zum Thema Freiheit in Tradition und Gegenwart
- Freiheit das Wort bedeutete wohl ursprünglich germanisch: der Mensch, der sich selbst gehört, ist frei.
- Frei waren Herrscher, Stadt Eliten (Antike). Wenn diese Freiheit durch den Einzelnen im Volk nicht zu erreichen war, dann entdeckte er die innere Freiheit (Stoiker). Die innere Freiheit führte auch dazu, sich nicht nur politischer Repressalien zum Trotz frei zu fühlen, sondern auch vom Schicksal befreit zu sein (vgl. Paulus: frei von Sünde, Gesetz, Tod; der Glaube, nur Gott zu gehören, also von Menschen frei zu sein, trägt den Keim politischer Freiheit in sich). Unterstützt das nicht die Tyrannen? Muss auch innere Freiheit betont und geschützt werden? Ohne dieses „Innen“ sind wir nicht, ohne innere Freiheit ist die Äußere nur schwer zu erreichen. Also muss auch sie geschützt werden.
- Die politische Freiheit drang von der obersten hierarchischen Ebene immer weiter nach unten: Herrscher ––> Adlige ––> Bürger / Volk ––> Individuen. Immer aber auch mit Blick auf das Kollektiv bzw. verbunden mit der Einsicht ins Notwendige (Hegel). Das führte seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts zur intensiven Ausarbeitung: Demokratie, Freiheit der Wirtschaft, Gewaltenteilung, Menschenrechte usw. Mill: Sich und andere schützen ist der einzige Grund, Freiheit anderer einzuschränken.
- Zurzeit ungewiss ist, wie es weitergeht, da Identitätspolitik immer dominanter wird: Nicht das Individuum hat sich der Mehrheit einzuordnen, sondern Minderheiten kämpfen um ihre Freiheit und bestimmen die Politik der Mehrheit. Liberalismus / Individualismus wird extrem weitergeführt.
- Die Bedeutung der Aufklärung bestand auch darin, dass man lernte, traditionelle Vorgaben und Herrschaftsansprüche zu überprüfen und sie der Vernunft zu unterwerfen. „Göttin“ Vernunft regiert – nicht der Papst/Kirche, nicht der Herrscher. Nicht Gott steht über den Menschen, die Vernunft herrscht, ihr hat man sich zu unterwerfen. Die Vernunft ist quasi eine autarke Größe. Nur: Wer entscheidet, was vernünftig ist?
- Wir wählen in der Regel unsere sozialen Rollen: frei in vermeintlicher Freiheit, angeregt durch Vorangegangenes, abhängig von körperlichen und kognitiven Bedingungen und falschen/richtigen Abschätzungen der Situation weil keine Alternative sichtbar ist.
- In allem, was der Mensch wie auch immer frei wählt, kann es Situationen geben, Überforderung, Stress, Ratlosigkeit, Spannung zwischen dem, wie man sich das Leben vorgestellt hat und der Realität usw. Immer, wenn man Verantwortung trägt, kann man in solche spannungsreiche, herausfordernde Situationen kommen. Kurz: Er fühlt sich unfrei.
- Flucht ist normalerweise keine freie Entscheidung. Frei ist man dann, wenn man Alternativen bedenkt und dann so gut es geht frei entscheidet.
- Nun kommt der Ansatz der inneren Freiheit ins Spiel: in allem, in dem wir uns gefangen fühlen, dennoch frei zu leben – auch das will in Freiheit gelernt sein.
- An dieser Stelle bietet der christliche Glaube eine reiche Tradition: Sich von Gott in die jeweilige Situation gestellt zu wissen, denn er trägt, hilft, Jesus geht auf dem Lebensweg voran, wir folgen ihm nach, Gottes Stärke ist im Schwachen stark, Gottes Geist wirkt in der Schwachheit; der Glaubende gehört allein Gott. Damit bin ich kein Sklave der Menschen. Gebet, Meditation, Gewissheit der Nähe Gottes helfen, die Freiheit zu leben.
An diesen wenigen Anmerkungen kannst Du erkennen, dass das Thema viel umfassender ist, als es hier dargestellt werden konnte. Der Freiheitskampf der Menschen, von Gruppen und Individuen, das Nachdenken über Freiheit und Zwang, begleiten die Menschheit seit langer Zeit, wie die Schriften erkennen lassen.
Aufgabe:
Mach aus den Punkten 1-10 „Kalendersprüche“. Kalendersprüche sind kurze Satz-Weisheiten, die zum Denken anregen sollen, die motivieren sollen, die humorvoll oder ernst sein können.