Menschenrechte 2: Jesus Christus
Zeit Jesu
In der Zeit Jesu waren Römer die Besatzungsmacht Israels. Widerstandsgruppen versuchten dagegen anzukämpfen, andere Gruppen hingegen kollaborierten mit den Römern. Die Herrscher waren in Teilen Israels Söhne von Herodes dem Großen und in Judäa zeitweise der römische Statthalter. Der eine Sohn, Herodes Antipas, wurde von dem Täufer Johannes wegen seiner Ehescheidung von seiner Frau, der Tochter des Nabatäer-Königs Aretas IV., und der Heirat der Frau seines Bruders kritisiert – woraufhin dieser Johannes hinrichten ließ. Laut Josephus befürchtete Herodes, dass der Rat des Johannes Menschen zum Aufruhr führen könnte. Es kam zu einen Krieg zwischen Herodes Antipas und Aretas. Der König verlor den Krieg angeblich darum, weil die Johannes-Anhänger verweigerten ihn zu unterstützen.
Nachdem Johannes der Täufer gefangen genommen war, begann Jesus, der von Johannes getauft worden war, seine Wirksamkeit wahrscheinlich im Jahr 27/28. Es könnte sein, dass die Gefangennahme das öffentliche Auftreten mit beeinflusst hat. Wie dem auch sei. Jesus begann in aufgeregten Zeiten zu wirken.
Jesus wandte sich nicht den jüdischen Widerstandsgruppen zu, ebenso wenig war er wohl von den Kollaborateuren angetan. Jedoch ist auffällig, dass nicht berichtet wird, dass er jemals die vom Heidentum geprägten Städte Tiberias und Sepphoris besucht hat.
Jesus steht in der jüdischen Tradition. Sie ist die Basis für seine Lehre. Auch wenn er sich nicht – nach den Überlieferungen – darauf beruft, dass der Mensch Ebenbild Gottes ist, so behandelt er die Menschen doch entsprechend. Das weitere Standbein sind die prophetischen Schriften, die die soziale Thematik intensiv ansprechen (z.B. Amos), die Forderung, Gottes Recht durchzusetzen und das bedeutet, sich den Unterdrückten zuzuwenden (z.B. Jesaja). Die Erfahrung der eigenen Unterdrückung in der Sklaverei mag hier Auswirkungen gehabt haben. Zudem kritisieren Propheten die Herrscher massiv. „Juristen“ (Autoren der Priesterschrift, Deuteronomistischer Werke – königliche/priesterliche Schreiber) verdanken wir auch viel: Die 10 Gebote werden als Gebote für das Volk vorgestellt, haben aber, weil Gott der Schöpfer ist, universellen Charakter. Dazu gehört nicht zuletzt das Gebot, dass am Sabbat nicht gearbeitet werden darf. Der Mensch ist bedeutsam, benötigt Ruhe – um die Beziehung zu Gott zu klären. Was dem Menschen gut tut wurde häufig mit Gottes Geboten begründet – oder umgekehrt. Wie sehr das Individuum im Mittelpunkt steht, zeigen uns die Psalmen bzw. auch die Weisheitsliteratur.
Jesus stärkt sein Volk – überwindet Grenzen
Jesus hatte anderes im Sinn als die Widerständler und Kollaborateure: Er wollte sein Volk stärken, indem er die Grenzen zwischen den einzelnen Gruppen einriss. Die engen Grenzen die Juristen / Schriftgelehrte und andere errichten, versucht er zu durchbrechen, indem er den einzelnen Menschen zutraut, das Richtige zu tun – der Maßstab ist die Nächstenliebe. Mit „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst“ hebt er sämtliche Gebote auf ein neues Level: Pharisäer, Schriftgelehrte und andere sollten mit den Zöllnern und sonstigen als unrein angesehenen Menschen zusammen leben. Trennungen sind nicht von Gott gewollt, Gott selbst sucht seine Familie zu einen (Lukas 15). In diesen Einigungsprozess konnten auch diejenigen von den Römern eingeschlossen werden, die sich ihm zuwandten (Wunder an dem Sohn eines vermutlich römischen Offiziers; Mt 8,5ff.).
Jesus fokussiert Entrechtete
Jesus spricht nicht davon, dass Menschen Ebenbild Gottes seien, sondern er formuliert diese Vorstellung in einem Gleichnis in einer praktischen Form um: In Menschen, die hungern, krank und fremd sind, die nackt und durstig sind, in denen ist Gott zu finden, an anderer Stelle sieht er Gott in dem Straßenkind (Mt 25,31ff; Mk 9,33ff.).
Jesus versuchte im Grunde eine Parallel-Gesellschaft zu initiieren, in der Menschen gut miteinander auskommen, einander vergeben, einander unterstützen. Weitere Grundregeln finden wir zum Beispiel in der Bergpredigt (Mt 5-7). In diesem Zusammenhang sei das Wort Jesu genannt: In der Welt herrschen die einen über die anderen (die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, die Mächtigen tun ihnen Gewalt an) – aber bei euch soll es nicht so sein (Mk 10,41ff.). Die Menschen dieser Parallelgesellschaft sind Salz der Erde, Licht der Welt – also nicht die Herrscher, nicht die klugen Schriftgelehrten (Juristen, Theologen…) und reichen Kaufleute sind es, die die Welt begründen und zusammenhalten, sie erleuchten, sondern es sind die Menschen, die unter den Menschen nichts gelten und verachtet werden, aber von Gott geachtet werden (Mt 11,25ff.; 5,13ff.)
Jesus – Parallelwelt gegen brutale Herrscher(gruppen)
Jesus macht die Individuen groß. Und diese sind es auch, die die neue Botschaft verkünden und leben sollen und werden. Diese sieht er nicht als eine Gruppe an, die gegen den Kaiser/Herrscher agitiert, sondern Gottes Willen tut (gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und gebt Gott, was Gott gehört; Mk 12,13ff.). Diese Sicht finden wir im Johannesevangelium so wiedergegeben: Jesus sagt dem Pilatus: Mein Reich ist nicht von dieser Welt (Johannes 18,35). In der Jesusüberlieferung finden wir auch die Hinweise, dass die Menschen Jesu verfolgt werden von staatlichen Organen, dass sie aber keine Angst vor diesen haben müssten (Mk 13,3ff.). Sie können zwar den Körper töten, nicht aber die Seele (Mt 16,24ff.). Diese verfolgte Gruppe, die Menschen, die diese Botschaft leben, werden verfolgt, aber dennoch breitet sich diese aus: Sie wächst wie ein Senfkorn, das Gott zum Baum werden lässt, sie durchsäuert die Welt wie der Sauerteig den Teig (Mt 13,31ff.). Jesus sendet diese Menschen äußerst selbstbewusst aus, um die kommende Gottesherrschaft anzukündigen – die die Herrschaft der Menschen beenden wird. Diese Botschaft soll Israel durchdringen – und letztlich die Welt (Mt 10,5ff.; 5,13f.; 6,10; vgl. Mk 13,10). Das Versagen der Herrscher scheint Jesus einfach zur Kenntnis zu nehmen. Es ist als solches vorhanden, es ist Tatsache. Er setzt diesen Herrschern kein Königsgesetz vor, keinen Spiegel, denn seine Adressaten sind die Beherrschten. Auf ihren Schultern ruht die Durchdringung der Welt mit der Botschaft Gottes, dass ein neues Leben zu wagen ist,
Wir finden also bei Jesus die Stärkung des Individuums und die Zusammenführung Gleichgesinnter zu einer neuen Form der Gesellschaft. Diese lebt den Willen Gottes unter großem gesellschaftlichen und politischen Druck, wird aber letztendlich von Gott groß gemacht werden. Dieses neue Leben erfordert Klugheit (Mt 10,16) – auch im Umgang mit den herrschenden Gruppen. Und diese Klugheit wird bei Jesus in der Auseinandersetzung mit seinen Anklägern deutlich, wie soeben an dem Wort erkennbar ist: Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was Gott gehört.
Ausgangspunkt: Eine Zukunftsvorstellung
Ausgangspunkt des Handelns und Redens Jesu war, wie manche heute sagen würden, eine Utopie. Jesus verkündete das Reich Gottes – die Herrschaft Gottes. In ihr gibt es Gemeinschaft, Liebe, Vergebung, Gesundheit, Achtung der Menschen – es gibt in ihr nicht Feindseligkeit, Hass, Erniedrigung. (Manche meinen, die Hölle sei so eine Vorstellung, die dem widersprechen würde. Aber Hölle ist ein Wort, das den Raum kennzeichnet, in den die Menschen kommen, die fern von Gott leben wollen. Zu Gott wird keiner gezwungen. Es wird auch keiner dazu gezwungen, den Nächsten zu lieben, ihn gut zu behandeln. Der Mensch trägt für sein Leben Verantwortung. Die Hölle ist ein Ergebnis des selbstverantworteten Lebens.) Manche reden verächtlich von einer „Utopie“. Aber die Vision einer besseren Welt ist häufig Motiv, die Welt zu verändern.
Jesus und die Vorstellung von Menschlichkeit
Im Lukasevangelium haben wir das Lied der Maria, das Magnifikat (Lk 1,46ff.). In diesem Lied der Mutter Jesu ist die Rede davon, dass Gott die Erniedrigten erhebt, die Herrscher vom Thron stürzt, den Hungernden Nahrung gibt, Reiche leer ausgehen lässt. Dieses Ziel ist im Blick – eben auf neue Art und Weise, nicht im Kampf gegen die Herrscher, nicht, indem die Reichen beraubt werden, sondern indem Erniedrigte, Ausgestoßene und Kranke aufgerichtet werden und die neue Gemeinschaft die negative Armut bekämpft. Dieses Bewusstsein treibt die Anhänger des Anfangs an – und hatte während der Kirchengeschichte immer wieder Funken entfacht. Vor allem hat man in Jesus Christus Gott reden und handeln sehen. Dieses Gottesbild hat die Vorstellung von dem geprägt, was menschlich ist. Es prägt das Bild von einem guten Zusammenleben, das man anstreben möchte, allen realen Vorstellungen zum Trotz. (Manche denken, dass eine Revolution gute Veränderungen schneller vorantreibt. Es wird an der Menschheitsgeschichte aber erkennbar, dass die Revolution blutig ist – und am Ende die Revolutionäre die alten Herrschaftsstrukturen ersetzen. Es wird nichts anders.)
Von Jesus inspirierte frühe Christen
Dazu kamen noch die Aussagen die wir in den Evangelien finden, die davon sprechen, dass Jesus sein leben als Lösegeld für viele/alle gebe, dass er die Sünde der Welt trägt (Johannes 1,29), dass Gott die Welt geliebt hat, so sehr, dass er seinen Sohn gesandt hat in die Welt (Johannes 3,16). Das Angebot der Erlösung durch Jesus Christus gilt allen Menschen, die errettende Gnade, die in Freiheit von allen Menschen angenommen werden kann.
Der Missionsbefehl, den Matthäus 28 ausspricht, sagt aus, dass die Frohe Botschaft der Zuwendung Gottes zu den Menschen allen Menschen verkündigt werden müsse: „Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“
Fazit
Die Bedeutung Jesu für Menschenrechte ist somit nicht plakativ, philosophisch, nicht thesenhaft. Sie ist subtil. Sie erschließt sich aus seiner kritischen und menschenfreundlichen Wirksamkeit, seinem Versuch, mit Hilfe einer Parallelwelt die Situation unter den Menschen zu ändern. Diese Parallelwelt soll das Zusammenleben der Menschen wie einen Sauerteig durchdringen, zum Guten führen. Viele Menschen unserer Kultur leben und denken aus dieser Tradition. Entsprechend haben sie die Menschenrechte formulieren können – und damit Menschen weltweit aus dem Herzen gesprochen.
Bewusstsein für Menschenrechte liegt darin begründet, dass der Mensch merkt: Es gibt Verhaltensalternativen. Ich bin für mein Verhalten verantwortlich – ich muss mich richtig verhalten, damit es besser wird, damit Menschen nicht so viel leiden müssen. An dieser Stelle hat Jesus Christus viel dazu beigetragen, dass der Mensch handeln lernt. Die Menschen des Mittelalters beriefen sich, soweit ich das sehen kann, dazu nicht auf Platon, nicht auf Aristoteles, auf Epikur oder berühmte Stoiker, sie beriefen sich auf alttestamentliche Grundlagen und auf Jesus Christus. Und dann, sekundär, werden die Tugenden, die wir bei griechischen/römischen Autoren finden, als Verhaltens-Maßstab herangezogen, weil man in ihnen Jesu Vorgaben wiedergefunden hat.
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Es geht Jesus um die Gleichheit aller Menschen (Frauen wie Männer, Herrscher wie Untergebene, Ausgegrenzte wie Angepasste, Gesund wie Kranke, Kinder wie Erwachsene). Sein Maßstab ist: vor Gott sind alle gleich. Und darum gilt das auch für das Zusammenleben der Menschen. Der Mensch wird als Individuum gesehen, das für sein Leben verantwortlich ist – und gleichzeitig wird das Individuum in die Gemeinschaft der Kinder Gottes hineingeführt. Konkretisiert wird das in dem Satz, dass der Mensch Gott lieben soll und den Nächsten wie sich selbst. Lieben heißt im damaligen Sinne: Gott und dem Nächsten – also allen! – Gutes tun. Wie tut der Mensch Gott Gutes? Indem er sich aus der Beziehung zu Gott den Menschen zuwendet. Und zwar auch den bedürftigen Menschen, mit denen Gott sich solidarisiert. Jesus hat sich auch vor Auseinandersetzungen nicht gescheut. Zudem konnte er auch die Zuwendung zu anderen Menschen vom Glauben lösen, wie das Gleichnis von Matthäus 25 erkennen lässt: Hilfsbereitschaft, Mitleid ist hier das treibende Prinzip, nicht Religion.
Dann kamen im christlichen Glauben noch die Ansätze hinzu:
(a) In Jesus Christus wurde Gott Mensch – also: nicht Herrscher usw., sondern Mensch wie alle Menschen es sind.
(b) Jesus Christus starb am Kreuz zur Erlösung für alle Menschen, auch hier: nicht nur für besondere Menschen.
Auf dieser Grundlage wurden die Menschenrechte bis in die Gegenwart entfaltet. Diese wurde dann im Laufe der Jahrhunderte im christlichen Raum auch unter der Aufnahme griechischer und römischer Philosophie weitergeführt. Es muss jedoch gesagt werden, dass die Moderne versucht, sich von der Basis zu lösen – was daraus folgt, war in so mancher Weltanschauung des 20. Jahrhunderts erkennbar, natürlich auch Ende des 18. Jahrhunderts in der Französischen Revolution.
Anmerkungen zu weiteren religiösen Menschen der Antike und die Menschenrechte
Ein paar Anmerkungen zu Menschenrechten in anderen Kulturkreisen, die vielfach auf Religionsgründer, im weitesten Sinne, zurückgreifen:
- Konfuzius (551-478? v. Chr.) hat in seinem Kulturkreis auch zu Menschenrechten beigetragen, indem er aufforderte, anderen mit Respekt zu begegnen. Aber er hat im Gegensatz zu Jesus Christus das Kollektiv, die Hierarchie betont. Das bedeutet: Unterordnung, auch wenn der Ranghöhere selbst respektlos ist; respektvolle Kritik ist für Konfuzius wohl möglich – im Rahmen der Unterordnung. In dem chinesischen Kulturkreis ist auch Laotse / Laotsi (biografisch ist kaum etwas bekannt) zu nennen, der meinte, Herrscher sollten die Menschen einfach natürlich leben lassen (im Einklang mit dem „Schicksal“ – Dao), nicht in deren Leben eingreifen. Wer als Herrscher eingreift, stört die natürliche Ordnung auch dadurch, dass er Widerstand hervorruft, das führt zu Chaos und Unrecht. Mit Blick auf Menschenrechte: Staatliche Willkür und Machtmissbrauch sollen eingeschränkt werden. Freies verantwortliches Handeln im Rahmen der lokalen Clan-Struktur ist im Blick. Mächtige werden aufgefordert, sich zurückzuhalten – aber es geht nicht um Rechte der Untergebenen.
- Siddharta Gautama (Buddha) (563-483? v. Chr.) hat die Gleichwertigkeit aller Menschen hervorgehoben, allerdings betraf es Frauen erst sekundär (auch alte Nonnen müssen jungen Mönchen Respekt erweisen). Zudem geht es darum, das Individuum von dem „Ich“ zu befreien. In der Tradition Buddhas ist Kaiser Ashoka (304-232 v. Chr.) zu nennen, der, nachdem er als blutiger Kriegsherr und Expansionist, sich Buddhas Lehre zuwandte, versuchte durch Gebote und Strafen die Untertanen zum friedlicheren Leben zu führen. Seine Gebote wurden aber nach ihm „vergessen“. In China wurde im 9. Jahrhundert der Buddhismus eingeschränkt, weil, so die Begründung, er in seinen Tempeln Sklaven und Leibeigene hielt. Das stimmte, aber es gab auch handfeste politische Gründe, sie auszuweisen, denn Sklaven und Leibeigene waren üblich. Es ging dem Herrscher darum, den mächtigen Klöstern die Macht zu nehmen. Mit Blick auf den Zenbuddhismus: Das „Ich “ ist eine Illusion. Jedes Ich. Das kann dazu führen, dass alle Menschen als gleichwertig angesehen werden, aber auch dazu, dass alle gleich irrelevant sind. Diesen letzten Ansatz versuchen Buddhisten zu umgehen.
- Islam / Mohammed (ca. 570-622 n. Chr.): diejenigen, die zur Ummah gehören, sind besonders zu behandeln, und in der Ummah gelten Ordnungen, die nicht übertreten werden dürfen. Alle Menschen sind Geschöpfe Allahs, alle waren Muslime – und so besteht die Aufgabe der Muslime darin, die Nichtmuslime wieder in den Islam zurückzuholen. Almosensteuer ist Pflicht, das heißt, es geht nicht um Mitleid, um Recht usw. Verschiedene Rechtsgelehrte haben an dieser Stelle weiter gedacht. Zu nennen sind z.B. al-Ghazali und al-Shatibi im 11. und 14. Jahrhundert. Sie entwickelten den Gedanken der „Schutzgüter“, das heißt, dass die Religion, das Leben, die Nachkommenschaft, das Eigentum geschützt werden müssen. Zudem wurden Beschwerdeinstanzen eingerichtet, also Gerichte, in denen Individuen Recht bekommen konnten. Gelehrte / Richter standen zum Teil über die weltlichen Herrscher. Allerdings gab es Unterschiede – auch rechtliche – zwischen Männern und Frauen, zwischen denen, die zur Ummah gehörten und denen, die nicht dazu gehörten. Islamisches Recht galt vor dem Recht der eroberten Gebiete.
- Vor-kolonialische Stämme in Afrika: Es ist erkennbar, dass die eigene Gemeinschaft dominiert (Ubuntu), das Individuum zählt als Teil der Gemeinschaft und hat ihr gegenüber Pflichten. Innerhalb des jeweiligen Stammes galt es den Zusammenhalt aller zu fördern, was das Überleben sicherte. Entscheidungen wurden vielfach durch die Beratung der Würdigen, der Dorfältesten herbeigeführt. Hierarchien waren bedeutsam, Frauen hatten häufig geringere Bedeutung. Es ist aber zu beachten, dass es eine Vielfalt an Sichtweisen gab, abhängig von den jeweiligen Stämmen.
- Manden-Charta – das ist ein sonderbares Konstrukt. Aufgeschrieben wurde sie im 20. Jahrhundert, soll aber auf eine mündliche Tradition in Mali bis ins 13. Jahrhundert zurückgehen. Sie ist eine Mischung aus islamischer und afrikanischer Tradition. In ihr sind sehr viele moderne Themen vereinigt. Historisch und faktenbasiert denkende Menschen sind hier eher vorsichtig in der zeitlichen Einordnung der Charta und äußerst skeptisch. Es klingt nach einer „Erfindung der Tradition“ und wie es heißt: nach „postkolonialem Identitätswunsch“ (das heißt: Wir Mali-Afrikaner waren im 13. Jahrhundert schon weiter als ihr Europäer und Amerikaner). Sie wurde in die Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen.