Auswirkungen der Reformation auf die Gegenwart
Die Reformation hatte eine große Bedeutung für unsere Gegenwart.
- Sie hat dem Staat gegenüber der kirchlichen Hierarchie Eigenständigkeit gegeben. Das nicht allein aus politischen Gründen (man war als protestantische Minderheit abhängig von den jeweiligen Landesfürsten), sondern auch theologisch: Nicht allein die kirchlichen Ämter sind von Gott eingesetzt worden, sondern auch die weltlichen. So steht, in säkularer Weiterführung, das weltliche Amt über dem Kirchenrecht – und dem Staatsrecht haben sich auch kirchliche Würdenträger zu beugen. Der Fürst war allerdings nur ein „Notbischof“, weil die Kirche geordnet organisiert werden musste. Das haben sich aber dann die Fürsten nicht mehr nehmen lassen und blieben es bis 1918: das „landeskirchliche Regiment“.
- Das bedeutete auch die Lösung von der religiösen Zentralgewalt (Rom) und – in weiterer Folge – die Lösung der Fürsten vom Kaiser, der weltlichen Zentralgewalt. Mit dem Nachteil, dass jeder kleine Fürst ein unchristlicher Machiavellist (Machiavelli hat den Fürsten als machtvollen Manipulierer betont) werden konnte. Zudem wird dadurch freilich die Eigenständigkeit des Staates / der Nation betont. Die Kontrollinstanz durch den Kaiser fiel weg – jeder kleine Fürst konnte sich als absolutistischer Herrscher aufplustern. Das hat Nachteile und Vorteile. Die Nachteile: Jeder kleine Fürst sieht sich als absoluten Herrscher an, Untertanen waren von deren Launen abhängig, Gewissensfreiheit galt nur für die Herrschenden (cuius regio, eius religio / die Religion / Konfession des jeweiligen Landesfürsten ist anzunehmen), die Fürsten konnten einander bekämpfen – was das gesamte Reich schwächte. Die Vorteile: Eigenverantwortlichkeit, keine träge Verwaltung, Verwaltung, Steuerrecht und Schulwesen wurden modernisiert.
- Die Gemeinde hat rein theoretisch die Möglichkeit, einen üblen Bischof abzusetzen – der Herrscher darf eingreifen, aber nur als Christ! Hier ist eine neue Fokussierung erkennbar: Für den Kirchenvater Ambrosius hat der Christ das Recht, den glaubenden Kaiser zur Rechenschaft zu ziehen. Es gibt also, wenn man beides aufeinander bezieht, im Ideal eine gegenseitige Kontrolle – allerdings liegt nun das Schwergewicht im protestantischen Bereich wieder auf dem Staat.
- Bedeutsam ist zudem, dass nicht der Priester dominant ist in der Beziehung zu Gott, sondern jeder Mensch hat selbst genauso große Bedeutung. Dem Kleriker wurde der fromme Laie (das allgemeine Priestertum) entgegengestellt (Priesteramt ist kein Sakrament mehr).
- Darum ist es wichtig, dass jeder Christ die Bibel liest, um seinen Glauben verantwortlich in der Welt leben zu können. Darum hat Luther die Bibel übersetzt – und dadurch die sprachliche Einheit Deutschlands ermöglicht.
- In diesem Zusammenhang wurde die Bildung forciert, Visitationen von Pfarrern/Schulen (Gemeindeleben) gefördert. Bildung für Jungen und Mädchen und die Errichtung öffentlicher Bibliotheken wurden gefordert. Adel usw. sollten diese finanzieren. Melanchton gründete das erste Gymnasium. Lehrer wurden ausgebildet.
- Selbst die Ehe wurde „entsakramentalisiert“ und dem Staat unterstellt.
- „Entheiligt“ wurden Klöster, Reliquien, Kirchenbesitz. Das Kirchengut dient der Gemeinde zur Unterstützung der Menschen (z.B. Schulen, Krankenhäusern).
- Die fromme tätige Putzmagd wird stärker betont als der zurückgezogene fromme Asket. Der tätige Alltag wird aufgewertet – er ist Gottesdienst. Der Beruf ist „Berufung“ durch Gott.
- Der Gottesdienst diente der Hilfe in Fragen der Lebensorientierung, er wurde in der Landessprache gehalten.
- Frauen sahen verstärkt ihre Chance, in der Gemeinde geachtet mitzuwirken.
- Die Wirtschaft dürfte durch eine neue christliche Einstellung – Beruf als Berufung und: Erfolg als Beleg für Gottesnähe – einen immensen Aufschub erfahren haben (Calvin / Max Weber).
Die Entgegensetzung: Gottes-Welt – Menschen-Welt stimmt nicht mehr. Die Menschen-Welt muss von Gottes-Welt durchdrungen werden. Sie ist eigenständig – aber sie immer wieder mit dem Evangelium zu konfrontieren. Das zu bewerkstelligen ist die Aufgabe der Kirche.
Viele Begriffe begegnen, die später Bedeutung haben werden: Gewissen, Freiheit usw. Aber Gewissen und Freiheit sind aus christlicher Perspektive (auch in der Reformation) an Jesus Christus gebunden.
Diese theologischen Begründungen wurden dann in der Folgezeit außer Acht gelassen und das, was die Reformation vorbereitet hat, wurde nicht-religiös weiter durchdacht, vertieft und begründet. Parallel dazu haben auch Christen die Chance genutzt, über die Menschenrechte nachzudenken und sie einzufordern.
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Eine Frage stellt sich: Ist die Reformation gescheitert? Luther wollte die Freiheit des Gewissens und die Freiheit von kirchlich-theologischen Bevormundungen. Durch die Bauernkriege hat er immer stärker die Gemeinde den Fürsten unterstellt, um Chaos zu verhindern. Und dadurch haben die Herrscher große Macht bekommen und sie nicht wieder abgegeben. Auch die Berufung des Untertanen auf das Gewissen war nicht mehr möglich. Wem die Richtung des Herrschers nicht passte, der musste auswandern. Also auf politischer Ebene war die Reformation gescheitert.
Gesellschaftspolitisch allerdings nicht: die Bildung wurde weiter hochgehalten und natürlich angesichts des Dreißigjährigen Krieges nicht mehr so flächendeckend. Aber Fürsten bedurften ausgebildete Menschen für die Verwaltung, als Juristen, Diplomaten. Und so sind in protestantischen Bereichen überall Schulen entstanden. Dennoch: Geld und Infrastruktur fehlten an vielen Orten, so waren Küster der Kirche, die lesen und rechnen konnten, auch als Lehrer eingesetzt. Auf dem Land mussten Kinder arbeiten. Als die Massen in die Industriestädte zogen, waren sie ungebildet und wurden als pure Arbeitskräfte missbraucht (Kinderarbeit). Bildung war eine Klassenfrage: Die obersten Schichten waren sehr gebildet. Einen neuen Schub bekam die Bildungsfrage im Pietismus. Konfirmation als Ausbildung in den christlichen Glauben wurde gefördert, der Druck preiswerter Büchlein begann sehr wichtig zu werden. Erst Ende des 19. Jahrhunderts sank die Zahl der Analphabeten. In katholischen Gebieten, in denen der protestantische Glaube verboten war, fand protestantische Bildung zunächst im Untergrund statt. Das konnte sehr gefährlich werden (Hinrichtungen, Ausweisungen). Diese Untergrundausbildung wurde auch im Nationalsozialismus organisiert und wird heute in vielen autoritären Ländern durchgeführt (z.B. Iran, China).
Theologisch-geistig haben diese Samen weitergewirkt. Das Gewissen, die Freiheit rumorte weiter, ebenso die Sicht, dass der Gläubige vor Gott steht ohne Zwischeninstanzen, also verantwortlich ist. Das hat das bürgerliche Selbstbewusstsein gefördert wie auch die Aufklärung. Es war also eine Art Spätzünder.
Aufgaben:
1. Die Reformation wird als Spätzünder bezeichnet. Erörtere die These: „Die Reformation ist auf politischer Ebene gescheitert, aber geistesgeschichtlich ein voller Erfolg gewesen“. Überlege, in welchem Maße bei einer so langfristigen Wirkung überhaupt von Erfolg oder Scheitern gesprochen werden kann.
2. Recherchiere: Im Text wird die Untergrundarbeit im Zeitalter konfessioneller Verfolgung mit späteren Epochen (Nationalsozialismus, Gegenwart) verglichen. Inwiefern ähnelt sich protestantische Bildung im Untergrund damals mit der in autoritären Systemen des 20./21. Jahrhunderts?
3. Recherchiere: Der Text beschreibt die Diskrepanz zwischen dem reformatorischen Bildungsanspruch und der gesellschaftlichen Realität bis ins 19. Jahrhundert. Warum gab es trotz des von Luther / Melanchton und anderen geforderten Ausbaus des Schulwesens im 19. Jahrhundert (300 Jahre später) noch immer massenhaft ungebildete Menschen?
Hiermit werden tiefgehende historische Fragen angedacht. Es geht um „historische Gärungszeiten“ – oder den „langen Atem der Geschichte“. Strukturen, die seit Jahrhunderten in der Menschheit fußgefasst haben, setzen sich erst langsam durch: das Gedachte muss sich über Generationen in den unterschiedlichsten Gruppierungen einer Gesellschaft langsam durchsetzen. Es gibt Zeiten, in denen es schneller geht, Zeiten, in denen die Gedanken Rückschläge erleiden. Menschen sind in ihren Systemen gefangen.
Gewissen – Freiheit – Eigenverantwortung – Mitmenschlichkeit Themen,
- die aufgebracht wurden,
- zurückgedrängt wurden,
- weiterentwickelt wurden,
- neue Wirkung entfalteten,
- von Mächtigen / Gruppen verfolgt wurden,
- von Mächtigen / Gruppen verfälscht wurden,
- neu ausbrachen,
- in Kriegen bricht alles zusammen, verschüttet werden nicht nur Gebäude und Verwaltung, sondern auch Gewissen, Freiheit, Eigenverantwortung, Mitmenschlichkeit.
Sie bedürfen immer mutige Menschen, die für sie einstehen.