Eine Kultur des Lebens (Papst Johannes Paul II.: Enzyklika Evangelium Vitae) ist zu unterscheiden von einer Kultur des Todes – wie zu sehen sein wird. Eine Kultur des Lebens bedeutet für Christen: Nachfolge Jesu Christi. Es ist notwendig, eine konsistente Kultur des Lebens in den Blick zu nehmen, das heißt: Menschen darf nicht nur punktuell geholfen werden, es muss – wie unten angedeutet wird – ihnen umfassende Hilfestellung zukommen. Einige Beispiele für die Kultur des Lebens seien genannt.
Aufgabe 1:
Denke über die einzelnen Aussagen nach.
(a) Siehst du das auch so oder würdest du die Zuordnungen zur Kultur des Lebens/des Todes anders treffen? Begründe!
(b) Kennst du weitere Beispiele für die Unterscheidung von Kultur des Lebens/des Todes?
(c) Wie lassen sich die Hinweise auf die Kultur des Lebens umsetzen?
(d) Sind alle sinnvoll? Sind welche umstritten, weil nicht hilfreich? Sind manche abzulehnen?
1. Abtreibung
1 a Kultur des Todes: Der Mensch wird erst Mensch, er ist es noch nicht mit der Verschmelzung von Samen und Eizelle und der Einnistung. Darum dürfen Zellen abgetrieben werden. Vor der Geburt wird in diesem Kontext nicht von einem Kind gesprochen, sondern von einem Fötus, das je nach Gesetzgebung abgetrieben werden darf. Menschenrechte gelten laut Menschenrechts-Charta erst ab der Geburt. Zudem wird auch unterschieden zwischen Menschen als Person und Menschen, die keine Person sind und nur der Gattung Homo Sapiens angehören. Wie weit nach der Geburt eine Tötung dieser möglich sein soll, wird von manchen diskutiert.
1 b Kultur des Lebens: Hilfestellung für Mütter, für Eltern in Schwierigkeiten; Möglichkeiten, Kinder in die Obhut anderer zu geben: Babyklappe, Adoption, Gespräche, finanzieller Beistand, Hilfe in spannungsreichen und unübersichtlichen sozialen Situationen.
Aufgabe 2:
In der Frage der Abtreibung geht es auch um die Frage der Selbstbestimmung / Autonomie der Frau. Damit wird Abtreibung nicht nur der „Kultur des Todes“ zugeordnet, sondern auch der „Kultur des Lebens“, weil es der Lebensplanung der Frau entspricht. Wie siehst Du das?
2. Magersucht
2 a Kultur des Todes: Selbstzerstörung aufgrund unterschiedlicher Gründe.
2 b Kultur des Lebens: Hilfestellung durch speziell für diese Frage ausgebildete Menschen, damit Betroffene lernen, sich so zu akzeptieren wie sie sind. Gegen einen Schönheitswahn, der nur bestimmten Moden unterworfen ist. Stärkung des Selbstbewusstseins, deutlicher machen: Man muss/darf sich nicht selbst bestrafen. Magersucht als Sucht behandeln – gegen Abwehr des Körpers von Speisen. Internet-Seiten stilllegen, die Magersucht propagieren.
Aufgabe 3:
(a) Verdrängen Verbote solcher Internetseiten das Problem oder wäre es wirklich gut, diese zu verbieten, weil sie das Leben von Menschen gefährden können?
(b) Siehst Du auch, dass die Gefahr solcher Seiten darin besteht, Menschen mit diesem Problem zu bestätigen, anstatt Hilfen anzubieten, die Gefährdung ihres Lebens zu vermeiden?
3. Suizid
3 a Kultur des Todes: Suizid aufgrund unterschiedlicher Gründe. Wer sterben will, soll es tun. Es ist sein freier Wille.
3 b Kultur des Lebens: Hilfestellungen für Menschen, die mit dem Gedanken um die Aussichtslosigkeit des Lebens kreisen – es ist eben nicht unbedingt freier Wille, es kann gedanklicher Zwang sein, eine Gedankenspirale, aus der sich der Mensch nicht mehr befreien kann (Hilfen: Telefonseelsorge, Pfarrer, Ärzte, Psychiater).
4. Drogen
4 a Kultur des Todes: Wer sich mit Drogen ruinieren will, soll es tun, der Mensch ist frei. Außerdem sind Drogen nicht schädlich, wenn man mit ihnen umzugehen weiß.
4 b Kultur des Lebens: Die Kultur des Todes bringt es manchmal mit sich, dass Individuen oder große Teile der Gesellschaft sozial ausrutschen. Die Gefahr der Drogen kann anfänglich unterschätzt werden. Sobald ein Mensch merkt, dass etwas schief läuft, dass er sein Leben nicht mehr in den Griff bekommt: Hilfe in Anspruch nehmen, da Drogen das Hirn verändern und eine Abwendung von den Süchtigen allein durch Willenskraft nicht mehr möglich ist. Kultur des Lebens ist freilich von Anfang an dagegen, sich durch Rausch selbst willenlos zu machen, sich dem Leben zu entziehen.
Aufgabe 4:
In der Gesellschaft wird unterschieden zwischen legalen Drogen und illegalen Drogen. Denke zum Beispiel an Alkohol, Nikotin, Koffein. Wie würdest Du diese einordnen?
5. „Selbstmordattentate“
5 a Kultur des Todes: Menschen haben manchmal das Bestreben, die eigene Meinung, die ja nur eine unter vielen ist, zu verabsolutieren, Weltanschauungen, Ideologien, Religionen mit Gewalt durchzusetzen, um die Welt zu verbessern, um Menschen die Augen zu öffnen. Dann greifen sie zur Gewalt.
5 b Kultur des Lebens: Sie achtet auf die Freiheit des anderen Menschen, auf seine Unversehrtheit. Er versucht, kommunikativ Menschen zu überzeugen.
6. Umgang mit Tieren/Schöpfung
6 a Kultur des Todes: Menschen haben das Recht, mit Tieren so umzugehen, wie sie es wollen.
6 b Kultur des Lebens: Menschen haben Tiere als Mitgeschöpfe zu achten. Tierquälereien jeglicher Form sind abzulehnen. Entsprechend ist die gesamte Umwelt zu achten: Erde, Wasser, Luft, Pflanzen. Der Mensch (wie jedes Lebewesen) benötigt sie, um überleben zu können. Aber das sollte nicht der Grund für einen angemessenen Umgang sein: Die Gesinnung sollte sich mit Blick auf „Ehrfurcht vor dem Leben“ (A. Schweitzer) ändern: Weg von Zerstörung – hin zum Aufbau. Verantwortliches Handeln, das alles im Blick hat, muss eingeübt werden. Es geht um „Güterabwägung“, das heißt: Schutz höher entwickelter Wesen ist wichtiger als der Schutz von „Quälgeistern“.
Aufgabe 5:
(a) Müssen Menschen unterscheiden zwischen Tieren, so zum Beispiel Säugetieren und Insekten?
(b) Wenn ein Mensch ein Insekt „quält“ – leidet das Insekt darunter oder zeigt dieser Mensch, was für eine schlechte Gesinnung er hat?
(c) Manche Tiere quälen Menschen – ist es richtig, sie auszurotten? Denke genau nach, was Du im Biologie-Unterricht zum Thema „Ökologisches Gleichgewicht“ gelernt hast.
7. Euthanasie
7 a Kultur des Todes: Menschen, die für die Gesellschaft nutzlos sind, dürfen getötet werden.
7 b Kultur des Lebens: Alle Menschen sind Ebenbilder Gottes, sind wertvoll, keiner hat das Recht, andere zu töten. Die Einteilung des Menschen in Wert und Unwert ist unberechtigt. Der Mensch hat nicht das Recht dazu, auch wenn er sie so zu legitimieren sucht: Es diene ja nur dem zu Tötenden, er würde es auch so wollen, wenn er könnte.
8. Sterbehilfe
8 a Kultur des Todes: Menschen, die verlangen, sterben zu dürfen, dürfen getötet werden.
8 b Kultur des Lebens: Menschen, die verlangen, sterben zu dürfen, haben Gründe für das Verlangen. Die Gründe sind zu eruieren: Schmerzen, Einsamkeit, sich selbst ablehnen, den eigenen Wert nicht erkennen. Diese Gründe sind aktiv zu beseitigen. (1)
Aufgabe 6:
(a) Heute wird sehr großes Gewicht auf das Thema „Selbstbestimmung“ gelegt. Würdest Du Selbstbestimmung auch in dieser Frage dominieren lassen?
(b) Gehört aus Deiner Sicht Sterbehilfe zur Kultur des Lebens, weil es Leiden verhindern hilft?
(c) Ist ein Leben mit Leiden nicht lebenswert?
(d) Ist das Leiden anderer nicht Grundlage dafür, dass wir lernen, solidarisch zu leben – aber auch: sein eigenes Leben mit dem potentiellen Leiden zu reflektieren?
9. Todesstrafe
9 a Kultur des Todes: Der Verbrecher hat seine Würde verspielt – also darf die Gesellschaft, wenn alles rechtlich korrekt abläuft, den Kriminellen töten.
9 b Kultur des Lebens: Der Mensch hat nicht das Recht, einen anderen zu töten. Kultur des Lebens tritt dafür ein, auch die Würde des Menschen, der anderen schadet, zu achten. Notwendig ist es allerdings auch, die Gesellschaft vor ihm zu schützen.
10. Ausbeutung
10 a Kultur des Todes: Menschen dürfen ausgebeutet werden, es kommt auf den Nutzen für die Allgemeinheit an. Es kommt auf meinen Nutzen an.
10 b Kultur des Lebens: Menschen müssen als Menschen geachtet werden, ihre Tätigkeiten sind angemessen zu entlohnen, durch Arbeit körperlich geschädigte Menschen müssen unterstützt werden in ihrem Kampf gegen die Krankheiten/Behinderungen. Das gilt nicht nur für die Menschen reicher Länder. Die Arbeit von Gewerkschaften weltweit ist zu unterstützen. Sexuelle Ausbeutung ist zu bekämpfen, wie Sklaverei oder Sklaverei ähnliche Zustände.
Aufgabe 7:
Es gibt weitere Beispiele für Kultur des Todes:
Krieg,
Menschenhandel,
Folter,
Sexismus,
Rassismus,
Kindesmissbrauch,
Transhumanismus,
Mobbing,
Missbrauch digitaler- / KI-Möglichkeiten.
Und dagegen die Kultur des Lebens:
Frieden,
Würde des Menschen,
Menschen respektieren,
Bildung,
Flüchtlinge schützen
Menschen mit Behinderung helfen,
Kampf gegen Hunger,
medizinische Hilfestellungen,
Fair Trade.
Kennst Du weitere Beispiele?
Aufgabe 8:
Der Staat kann nicht alles machen, Er ist auf die Hilfe von Ehrenamtlichen angewiesen, die Strukturen der Kultur des Todes (demokratisch, Recht orientiert) bekämpfen und die Kultur des Lebens umsetzen. Es geht nicht nur um Strukturen, sondern auch um Zivilcourage. Was meinst Du, was notwendig ist, um die Kultur des Lebens – auf den jeweiligen Gebieten – umzusetzen?
Aufgabe 9:
Wir haben uns über die „Kultur des Lebens“ und die „Kultur des Todes“ Gedanken gemacht. Diese Formulierungen signalisieren ein „entweder-oder“. Durch die Aufgaben hast Du gemerkt, dass differenzierter zu denken ist. Nun die Fragen:
(a) Sind solche Entweder-Oder-Formulierungen hilfreich, weil sie einen Anhaltspunkt für richtiges Verhalten liefern oder sind sie eher hinderlich?
(b) Wer entscheidet, was zur „Kultur des Lebens“ oder zur „Kultur des Todes“ zählt?
(c) Ist eine Relativierung dieser Fragestellung in dem Sinn: „Man weiß ja sowieso nicht, was richtig ist“, der Kultur des Lebens oder der Kultur des Todes zuzuordnen?
(d) Wie siehst Du das? Argumentiere!: Fanatismus (nur was ich sage ist richtig – alle müssen sich so verhalten) ist falsch – radikaler Relativismus (von einer „Diktatur des Relativismus“ spricht Papst Benedikt XVI.) (keiner weiß, was richtig oder falsch ist, jeder soll so leben, wie er es für richtig hält) ist falsch. Wenn alles irgendwie gleich richtig ist, wird dann Ausbeutung, Ungerechtigkeit, Unrecht nicht die Gesellschaft beherrschen? Liegt der goldene Mittelweg darin, Verantwortung zu tragen auf Basis der Werte, Erfahrungen, Rechte – bzw. indem Menschen sich an Werte, Rechte orientieren?
Anmerkung:
(1) Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass kein Mensch sterben möchte. Die Autonomie des Menschen wird durch die Krankheit verletzt. Und da kein Mensch sterben will, wenn er nicht suizidal gefährdet ist, sind eben Hilfen notwendig, damit der Sterbewunsch möglichst nicht eintritt. Aber, da wir Menschen sind, tritt er immer wieder mal auf, vor allem in schweren Lebenssituationen – und eben am durch Krankheit gezeichneten Lebensende. Und so finde ich das Oregon-Modell beachtenswert: Der Sterbewunsch muss wiederholt über einen längeren Zeitraum vor Ärzten und anderen geäußert werden und dann bekommen sie irgendwann die Erlaubnis, ihrem Leben ein Ende zu setzen – doch viele bleiben weiterhin am Leben, weil sie wissen: Ich darf, ich kann. Die Kommerzialisierung muss freilich ausgeschlossen bleiben. Es ist eine Frage des gesellschaftlichen Miteinanders und nicht des Marktes. Und, was auch hier vergessen wird: Der Einzelne ist niemals vollkommen autonom. Er ist immer Teil der Gesellschaft. Und so muss unbedingt vermieden werden, dass irgendwelcher wirtschaftlicher Druck ausgeübt wird, sei es von Angehörigen noch von Gesellschaft (Krankenkassen, Politik: Aus Kanada gibt es wiederholt die Meldungen, dass Menschen, die operiert wurden, die Möglichkeit der Sterbehilfe angeboten wird, obgleich überhaupt kein Grund dafür besteht). Zudem sollten Möglichkeiten gefunden werden, den Menschen einen inneren Druck zu nehmen (ich bin zu nichts mehr Nütze, ich liege anderen auf der Tasche, mein Leben ist nicht mehr lebenswert…). Schlimmer als der Druck von Außen wird, wenn Sterbehilfe zunehmen wird, dieser innere Druck sein. (Das ist vergleichbar mit der Tötung von ungeborenen DownSyndromKindern, wenn Eltern unter gesellschaftlichen Druck geraten, weil sie nicht abtreiben wollen.) Und das ist entwürdigend. Eine solche Gesellschaft garantiert nicht mehr die Menschenwürde. Hierin wird die Aufgabe der Christen wichtig sein. Sie glauben an die Auferstehung – und an den auferweckenden Gott, in dessen Hand man sich auch als Lebender legen kann.