Verschiedenste Überlegungen zu SEIN UND SOLLEN
Aufgabe 1: Was sagst Du zu den folgenden Aussagen?
Das Sein geht dem Sollen voran. Das heißt: Der Mensch weiß sich von Gott geliebt – die Folge ist das Handeln im Sinne Gottes. Umgekehrt fordert die allgemeine Moral (auch leider die des Christentums), das Sollen vom Sein (mit Blick auf Gott) zu trennen: Du sollst so handeln, auch wenn du es nicht einsiehst. Du sollst so handeln, weil es gut ist, weil es die Gruppe fordert, weil es Tradition ist, weil es logisch ist, usw. Diese Sicht, die das Sollen betont, ist gesellschaftlich relevant. Die Sicht Jesu ist eher elitär, ist Ideal. Das Sein des Menschen: Er ist Ebenbild, hat eine Beziehung zu Gott, und aus dieser heraus handelt dann der Mensch liebend. Wie Meister Eckhart, der Mystiker, sinngemäß sagte: Man soll nicht darüber nachdenken, was man tun soll, sondern darüber, wer man vor Gott – in Bezug auf Gott – ist. Daraus folgt dann das Handeln.
Es geht hier also nicht um Humes Gesetz (aus Seinsaussagen kann man keine Sollensaussagen machen[1]). Da das Sein aus Gott keine logische Vorgabe ist, sondern das Sein ist ein Beziehungsbegriff, der mit Gott zusammenhängt. Zudem bedeutet die „Sollensaussage“ nicht, dass die Folge der Beziehung möglichst logisch konsequent/normativ ist (was laut Hume eben nicht geht), sondern: Es liegt in der Verantwortung des Einzelnen, welche Folgen sein Sein, seine Beziehung zu Gott in der Realisierung, also im Handeln, hat. Die Folge ist ein Handeln aus Liebe, das heißt eine, die dem anderen Wohl tut – aber was das konkret bedeutet, das muss der Einzelne aus seiner Beziehung zu Gott entscheiden. Dass aus dem Sein der Gottesbeziehung die Liebe folgt, auch wenn „Liebe“ weit gefasst ist, behält auf einer neuen Ebene das „Sein-Sollen-Muster“ bei. Das darum, weil sie – wie auch immer Liebe konkret aussieht – von Gott in Jesus Christus vorgegeben ist. Aber das erkennt man nicht nur über biblische Schriften, sondern: Wer aus der Beziehung mit Gott (aus dem Geist Gottes) lebt, erkennt, dass dem so ist. Das Sollen ist dann kein Sollen mehr, sondern ein Leben im Sein. Es ist nicht statisch. Wie eine Beziehung nicht statisch ist, so auch die Beziehung zu Gott – entsprechend auch die Beziehung zum anderen Menschen.
Übrigens halte ich die gesamte Diskussion die aus dem Hume-Gesetz folgte, letztlich für gesellschaftlich nicht relevant. Da jede Gesellschaft nur funktioniert, weil man dieser Sein-Sollen-Argumentation folgt. Nachdenkenswert und ein wenig praktikabel finde ich allerdings die Ansätze der Diskursethik: Man hält alles so lange bei, bis man den jeweiligen Punkt ausdiskutiert bzw. sich geeinigt hat. Sollen folgt auf ein diskutierendes Sein, bis man ein neues „Sein“ beschlossen hat – das man dann allerdings wieder zur Disposition stellen muss, denn aus dem Sein kann ja kein Sollen folgen. Ob das realistisch ist, und den Zusammenhalt einer Gesellschaft fördert, muss man diskutieren – freilich: Die gesamte Diskursethik hat selbst die Basis im Sein-Sollen…
Die Aussage, dass die Diskussion aus dem Hume-Gesetz folgt, gesellschaftlich nicht relevant sei, muss natürlich relativiert werden. Denn folgt aus dem Sein der Frauen, dass sie Kinder gebären können – ein Sollen? Folgt aus dem Sein der Männer heraus, dass sie Gene-versprühen können, ein Sollen, also, dass sie verantwortungslos handeln? Das wäre alles ein „naturalistischer Fehlschluss“, das heißt, dass aus der Natur kein naives Verhalten erschlossen werden darf. In dem Sinn, dass die Natur vorgibt – der Mensch ist Sklaven der Natur.
Gefährlich wird die unreflektierte Sein-Sollen Problematik allerdings dann, wenn der Sozialdarwinismus in den Blick kommt: Wenn es stimmt, dass der Stärkere / der Fitteste sich durchsetzt, hat der Stärkere / Fitteste dann auch das Recht, sich durchzusetzen? Diese Sicht ist tief auch in unserer modernen Kultur verwurzelt. Nicht unbedingt, was die rassistische Sicht betrifft, aber die gegen die Natur, gegen Tiere, die Wirtschaft, die Forschung, in sozialer Hierarchie tiefer unten stehende Menschen ist von dieser Sicht geprägt.
Wie eingangs gesehen, basiert das christliche Sein auf Gott. Daraus folgt das Sollen. Was aber, wenn das Gegenüber der christlichen Prämisse nicht zustimmt, also aus einem anderen Kulturkreis kommt, einer anderen Religion oder keiner angehört? Die Gesellschaft muss rationale Wege finden, um eine Basis herstellen zu können. Und damit sind wir wieder bei dem Verstand – der nicht unterschätzt werden darf.
[1] Menschen hungern – also gebt ihnen zu essen. Es wird eine Sachlage beschrieben, dieser folgt die Forderung. So darf es laut Hume nicht sein. Die Prämisse fehlt. Die Prämisse ist nicht, dass Menschen hungern. Das ist nur eine Feststellung. Es gibt Normen, Wertvorstellungen, die der Forderung vorangestellt werden müssen. Letztlich sind jedoch wieder die Normen und Wertvorstellungen Seinsaussagen, denen eine Prämisse vorangestellt werden muss. Zum Beispiel: Prämisse: Jesus fordert, Hungernden zu essen zu geben – also muss man Menschen, die hungern, mit Nahrung versorgen. Aber letztlich ist auch diese Prämisse, Jesu Forderung, eine Seinsaussage. Vor diesem Dilemma steht jede ethische Begründung. Das heißt: Es folgt ethische Skepsis. Das gilt auch für die Prämissen: Glück (alle Menschen erstreben Glück) – kann das eine Prämisse sein?
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Hinzuweisen ist auf die Mitleidsethik: Der Mensch sieht den anderen – und unabhängig von Religion und Kultur bekommt er Mitleid und hilft. Die Beziehung von Mensch zu Mensch geht dem Denken voran (Schopenhauer). Für den anderen aktiv eintreten ist sozusagen ein ethischer Ur-Reflex (Levinas). Bei Schopenhauer kann man fragen: Stimmt das? Haben alle Menschen Mitleid? Bei Levinas kann man das auch fragen: Tragen alle Menschen Verantwortung für den anderen? Levinas hat seine Familie in der Schoah durch eine brutale Ideologie und brutale Menschen verloren. Wie kann er das also denken? Er sieht, dass Menschen vorrational Verantwortung tragen – aber dieses Tragen der Verantwortung kann durch Ideologien, Grausamkeit überdeckt werden. Wenn also einer aus ideologischen Gründen grausam handelt, ist er dennoch verantwortlich, weil die Verantwortung vorrational ist. Er ist verantwortlich, weil er entgegen seiner vorrationalen Prägung, seinem Ausgesetztsein für den Anderen handelt. Das heißt: der grausame Mensch hat keine Entschuldigung. Und so betont Levinas auch das Sollen vor dem Sein. Er wirft der Philosophie vor, das Individuum und seine Weltsicht zu priorisieren, dabei ist der Mensch von vorneherein ein soziales Wesen, das heißt: Er sieht den anderen – und reagiert, bevor er überhaupt denken kann. Erst sekundär nehme ich mein individuelles Sein wahr. Wenn ich also von einer statischen Beziehung zu Gott ausgehe, kann es sein, dass ich den anderen in seiner Bedürftigkeit übersehe. Also nicht die Theorie über den Menschen geht verantwortliches Handeln voran, sondern das Handeln geht der Theorie voran. Damit entspricht Levinas aus meiner Sicht dem Gleichnis, das wir in Matthäus 25,31ff. finden, dem Gleichnis von den Schafen und den Böcken. In diesem geht es Jesus um die Sensibilität für Notleidende und die unmittelbare zuwendende Reaktion – eine Art Ethik der Begegnung. Dafür wird der Mensch verantwortlich gemacht, nicht dafür, ob er eine Seins-Theorie hat. Gott begegnet Menschen als ethischer Anspruch im Anderen.
Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auch auf Martin Buber, der mit Blick auf die Beziehung des Ich zum Du viel vorgearbeitet hat. Erst am Du wir das Ich zum Ich. Wer dem menschlichen Du zugewandt lebt, lebt dem ewigen, also Gott zugewandt zu.
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Kurz noch ein paar Bemerkungen:
Das Sein, das unterschiedlich definiert wird, entlässt aus sich heraus kein zwanghaftes Sollen. So wird – angeregt durch Hume – gerade ausgeschlossen, dass aus dem Sein ein Sollen zu erfolgen hat. Dennoch: Das Sollen liegt einmal eingebettet in der Definition des Seins und der jeweiligen Zeit, in der aus dem jeweiligen Sein das Sollen erschlossen wird. Jede Philosophin, jeder Philosoph lebt in einer anderen Zeit, diese bestimmt den Schwerpunkt für das, was Sein und Sollen beinhalten. Jede Theorie dessen, was ein Mensch tun soll, setzt eine bestimmte Ontologie / Anthropologie voraus. Der christliche Glaube, um wieder daran anzuknüpfen, hat freilich eine andere Zugangsweise zu Sein und Sollen.
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Eine Anmerkung sei noch gemacht: Während die westliche Philosophie das über Sein und Sollen denkende Individuum stark betont, betonen andere Kulturen stärker die Gemeinschaft (Afrika: Ubuntu, Asien). Der Mensch wird durch Beziehungen definiert (Familie, Staat usw.). Sodass zudem die gesellschaftliche Harmonie wichtiger ist als die freie Selbstentfaltung des Individuums. Das Sein ist – grob gesagt – im Grunde Sollen.
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Zusammengefasst:
Ethik ist Folge einer lebendigen Beziehung (christlich: zu Gott und christlich/säkular: zu Menschen), sie wird durch eine Begegnung hervorgerufen (christlich) mit Gott und (christlich/säkular) mit Menschen. Sein und Sollen – Sollen und Sein stehen in einer dynamischen wechselhaften Beziehung, sie prägen und bedingen einander.
Aufgabe 2:
(a) Vertiefe Matthäus 25,31ff.
(b) Recherchiere in Deinem ReliBuch / Ethikbuch zu dem Thema „Sein und Sollen“. Wenn Du darüber nichts findest, nimm den Wikipedia-Artikel zur Hilfe. Beachte auch andere Seiten, die im Internet angeboten werden.