JENSEITSVORSTELLUNGEN DER RELIGIONEN

Völker und Religionen haben je nach Umwelt und Zeit unterschiedliche Vorstellungen über das Jenseits entwickelt. Ein paar Aspekte seien genannt, auch wenn es jeweils in den Stämmen unterschiedlich gewesen sein mag.

Germanen: melancholisches Heldentum

Das Glück der Menschen ist begrenzt durch den Tod. Die unerbittliche Norne (Schicksalsgöttin) hat ihren Zeitpunkt vorherbestimmt. Eines von den unterirdischen Reichen ist Niflhel. Hier herrscht Hel. Verbrecher bekommen hier ihre Strafen – von dem Höllenfluss und dem Höllenhund getrennt leben hier aber auch die Tapferen, Ehrenvollen, Mutigen. Hel ist keine Feuerhölle im orientalischen Sinn, sondern ein kalter, feuchter, nebliger Ort, ein melancholischer Spätherbst (würde ich sagen). Eines der himmlischen Reiche ist Asgard, das heilige Land der Asen, des Göttergeschlechts, in dem diejenigen eingehen werden, die den Tod in der Schlacht fanden. Man findet ein Leben in Walhalla als Gefährte der Götter, um schmausend für den Endkampf vorbereitet zu werden – die eine Hälfte, die von Odin ausgewählt wurde. Die andere Hälfte wurde von Freya ausgewählt und kommt in ihr Folkvangr-Reich. Am Ende der Zeit, der Zeit der Götterdämmerung/dem Weltenbrand (hervorgerufen durch den Endkampf zwischen Asen und Riesen), wandern die Toten hinauf zum Weltenvater (= christlich?). Die Erde wird neu ergrünen. Weil an ein Weiterleben nach dem Tod geglaubt wurde, wurden den Verstorbenen Nahrungsmittel, Waffen, Schmuck usw. mitgegeben. Das aber diente auch dazu: Sie sollen im Jenseits bleiben, die Lebenden nicht stören.

Griechen / Römer: im Dunklen alle – im Sternenlicht die Staatsträger und Mysten

Der Herrscher im Totenreich ist Hades. Der Götterbote Hermes führt die Seelen Verstorbener in die Unterwelt. Sie müssen den Fluss Styx / Acheron überqueren. Der Fährmann Charon ermöglicht die Überquerung, darum bekommen Verstorbene eine Münze mit ins Jenseits. Wer aus dem Fluss Lethe rinkt, vergisst, was war. Das Totenreich wird in zahlreiche Landschaften und Räume aufgeteilt, in die die durch Totenrichter Gerichteten eingewiesen werden. Im Tartaros, dem schlimmsten Ort, werden die Schuldigen bestraft. Eine Art Paradies ist Elysion, eine Insel der Seligen. Auf der Leben diejenigen, denen Zeus wohl gesonnen ist – was allerdings später auf Tugendhafte ausgedehnt wurde. Wer kein Geld hatte, um Charon zu bezahlen, irrte in einem Zwischenreich als ruheloser Geist umher, konnte auch Menschen auf der Erde das Leben schwer machen. Also die Versorgung der Toten war so eine Art Risikoverhinderung.

In den Mysterienreligionen leben und sterben die Götter wie Menschen. Allerdings stehen die Götter wieder auf – mit ihnen dann der sie verehrende Mensch. (Vegetations- und Fruchtbarkeitsgottheiten; Magna Mater-Kult: Gaia, Demeter, Kybele usw., Dionysios-, Attis-, Isis/Osiris-Kult usw.) Hier spielt das verstorbene Individuum eine Rolle, während in der traditionellen Religion alle in die Unterwelt wandern. Das Individuum wird als Anhänger der jeweiligen Mysterien-Gottheit ein besseres Leben haben, das hell, sternenhaft ist. Also nicht mehr der Staatsträger wird mit den Sternen in Verbindung gebracht, sondern jeder Geweihte, quasi Vergöttlichte. Auch im MithrasKult war der individuelle Aspekt vorhanden, allerdings war es kein Fruchtbarkeitskult, sondern Mithras war der unbesiegte Sonnengott.

Bei den Römern wurde der Jenseitsglaube politisiert, so gingen außergewöhnliche Menschen (Politiker, Philosophen) hinauf zu den Sternen. Divus Iulius – Caesars Seele stieg hinauf und wurde nun Gott (Apotheose). Je mehr Menschen für den Staat getan haben, desto höher stieg er hinauf. Was allerdings dann auch Spott hervorrufen konnte, weil auf einmal alle Herrscher, auch die Taugenichtse, vergöttlicht wurden (vgl. Seneca: Apocolocynthosis – Kürbiswerdung des Kaisers Claudius). Die Verstorbenen waren normalerweise Schutzgeister (Manen), die Teil der Familie waren, denen geopfert wurde. Mit den Stoikern glaubten philosophisch orientierte Menschen, dass ihre Seele hinaufgeht in den Äther und Teil der göttlichen Vernunft werde. Während andere philosophisch Orientierte (Epikuräer) eher den ewigen Schlaf bevorzugten.

Hinduismus: Dem Dharma unterworfen und Ahnenkult

Es gibt nicht „den“ Hinduismus. Unter Hinduismus werden unterschiedlichste Strömungen indischer Religionen und Philosophien zusammengefasst. Dennoch kann gesagt werden: Die unsterblichen „Seelen“ (Atman) nehmen je nach Taten, ihrem Karma, neue Körper an. Das Dharma, die Weltordnung, ist das höchste Prinzip, dem auch die Götter unterstehen, regelt die Zuordnung von Körper und Seele. Das Ziel des Menschen ist die gute Wiederverkörperung – das Endziel ist die Erlösung, das Eingehen in die Auflösung, die Weltenseele (Moksha / Brahman). Aber der Volksglauben ist stark abhängig von der Ahnen-Vorstellung. Den Ahnen bringen die Familien Opfer, damit sie die Familien beschützen. Sie leben in einer Art Zwischenreich. Das heißt, die Individualität bleibt bestehen, eine Auslöschung ist nicht aktiviert. Zum einen spielen die Ahnen für die Lebenden keine Rolle – im anderen Bereich müssen die Ahnen als Teil der Familie versorgt, beruhigt, respektiert werden, damit sie nicht Schaden anrichten.

Buddhismus: Die Selbstauslöschung und Ahnenkult

Ähnlich wie der Hinduismus, nur besteht das Ziel darin, der Wiedergeburt zu entfliehen und das geschieht dadurch, dass man sich von seinem Selbst – das illusionär ist – löst, von allem, was einen an positiven und negativen Dingen an die Welt bindet. Wenn man sich gelöst hat, geht man ins Nirwana ein, einem Verlöschen. Während es im Hinduismus alles nach einem vorgegebenen Muster abläuft, hat der Buddhismus noch den individuellen Aspekt eingebaut: Das Nirwana ist nicht abhängig von Kasten usw., sondern abhängig von einem selbst gewählten Leben der Loslösung. Der Mensch löst sich auf. Daneben gibt es populäre buddhistische Erwartungen, die auch mit dem traditionellen Götterglauben verbunden sind. Im Tibetanischen Buddhismus spielt das Totenbuch eine Rolle: Es nennt Worte, die an der Schwelle zum Nirwana helfen sollen, das Nirwana zu erreichen. Im buddhistischen Volksglauben ist man bestrebt, kein böser Geist zu werden, sondern nach einer guten Wiedergeburt die Ahnen zu schützen. Das kumuliert dann in dem Glauben, dass einer, der die Erwachung erlangt hat, wieder als Bodhisattva, Mensch, auf die Erde zurückkann (z.B. Dalai Lama). Es wird beim Hinduismus wie beim Buddhismus deutlich, dass sehr stark zwischen unterschiedlichen Glaubensformen unterschieden werden muss. Das hängt bei beiden einmal mit Inkulturation zusammen, dann mit der philosophischen Verarbeitung des Geglaubten und dann auch den zeitlichen Dimensionen, in denen sich die Religion entwickelt hat.

Judentum: Der gerechte Handelnde wird leben

Menschen als Ebenbild Gottes haben die Aufgabe, Gottes Willen zu tun. Widerstand gegen die Gebote Gottes ist Sünde – und Gott wird die Sünder richten: Sie werden aus seiner irdischen Gemeinschaft ausgestoßen, diejenigen, die seinen Willen tun, die Gerechten, werden in seiner Nähe sein. Das wird allerdings rein irdisch gedacht. Gestorbene kommen in die Unterwelt (Scheol), in den Bereich der Nichtanwesenheit Gott, darum wird Gott nur von Lebenden gelobt. Da Gott jedoch Schöpfer und Herrscher über alles ist, hat er auch Übersicht über die Unterwelt. Dass Glaubende / Gerechte zu Gott kommen, ist erst in der Makkabäerzeit langsam aufgekommen. Es findet hier also auch eine Individualisierung statt. Der Mensch wird von Gott erhoben. Schon früh wurde im Judentum der Ahnenglaube abgelehnt. Es war verboten, die Toten wieder als Teil der Lebenden werden zu lassen. Dafür wurden die UrAhnen sehr stark als Menschen der Geschichte einbezogen. Sie wurden nicht mehr Geister, sondern Glaubensvorbilder.

Islam: Allah bestimmt über Leben und Tod auch dessen, der das Gesetz erfüllt

Es gilt, sich Allah zu unterwerfen. Allah hat alles vorherbestimmt, auch die guten Werke, die ein Mensch tun sollte. Wenn er sich aufgrund seines freien Willens dieser Bestimmung verweigert, wird er zur Rechenschaft gezogen. Eine Weigerung, sich Allah zu unterwerfen, führt als solches zur Bestrafung in der Hölle. Bis zum Gericht leben die Verstorbenen in einem Zwischenreich, der keinen Zugriff mehr hat auf die Menschenwelt. Beim Weltgericht wird das Buch mit den Taten des jeweiligen Menschen geöffnet – aber Allah allein bestimmt, ob einer ins Paradies kommt oder nicht – es sei denn, der Mann ist aufgrund seines „Märtyrertodes“ schon ins Paradies gelangt – freilich gibt es an dieser Stelle keine einheitliche Sicht der Glaubenden. Das Paradies ist bestimmt von Freuden. Wie auch immer das gesehen wird: Allah wird als der Barmherzige angesehen, auch wenn er als Barmherziger anders entscheiden sollte, als der Mensch es so gesehen hätte. Diese Sicht ist sehr stark an das orientalischen Herrscherbild eines barmherzigen Potentaten gebunden: Sein Wille ist Gesetz – ist nicht an Gesetz gebunden. Allah ist größer / Allahu Akbar als die menschliche Vorstellung von Gesetz und Gerechtigkeit und: Barmherzigkeit. Auch im Islam gibt es den Volksglauben, dass verstorbene Heilige weiter Segensmächte sind bzw. gewaltsam Getötete als Geister leben (zu unterscheiden von den Dschinn). Um sie abzuwehren gibt es Amulette und Koransprüche.

Animismus/ Schamanismus: Angst vor Ahnen bändigen

Dieser Glaube durchzieht im Grunde einen Großteil der Menschheit, dürfte also sehr alt sein. Der Verstorbene wird zu einem Geist, der mit den Lebenden in Verbindung steht. Was nicht unbedingt Freude bereitet, sondern vor allem auch Ängste. Vor allem gab es ja auch Verwandte, die nicht besonders angenehm waren, sondern massiven Respekt verlangten. Wie halt Menschen so sind: es gab gute und bösartige Menschen. Darum sind Schamanen wichtig, die im Schamanismus die Geister der Ahnen verhandelnd / bestechend besänftigen können. Der Tod ist nur ein Zustandswechsel, so sind die Geister / Ahnen überall in der Welt präsent. Geben Menschen den Ahnen / Geistern Gutes – geben sie auch Gutes. Geben Menschen den Ahnen / Geistern Schlechtes oder vernachlässigen sie diese, tun sie das gleiche. Der Umgang mit Verstorbenen bedeutet auch: Wie verhindere ich Risiken? So eine alte Form der Versicherungen.

Der Totenkult alter südamerikanischer Stämme ist eine Form der Personifizierung der Ahnen. Sie sind nicht Geister, sondern mumifiziert anwesend. Die Ahnen blieben auch juristische Größen, sie blieben in gewisser Weise Person. Tote durften die Lebenswelt nicht verlassen. Dadurch wurden sie kontrollierbar (anders als die GeisterAhnen) – aber gleichzeitig kontrollierten sie auch die Lebenden.

Christentum: Ewige Beziehung zu Gott in Jesus Christus

Wir haben die individuelle Zusage und die universale Zusage: Es geht um die individuelle Sehnsucht nach Heilung des Ich – und die universale Sehnsucht nach Heilung der Menschheit. Der Verstorbene ist quasi sofort bei Gott, weil die Zeitdimension nicht für ihn gilt, aus menschlicher Zeitperspektive jedoch eine gedehnte Zeit wäre. Während also Lebende denken, dass zwischen Sterben und Gericht Jahrtausende vergehen, ist für den Gestorbenen dieser Zeitraum irrelevant. Er stirbt – und erkennt Gott. Für die lebenden Angehörigen ist die Zeitdimension auch ausgeschaltet, denn die Beziehung zu Christus zählt. Das Sterben ist nur Übergang in eine neue Form der Beziehung zum liebenden Gott. Und das hat nichts mit „irgendwann“ zu tun, sondern mit: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“, sagte Jesus. Die Gemeinschaft mit Gott, die Herrlichkeit wird mit vielen Metaphern ausgesprochen (Herrlichkeit, überkleidet werden, Wohnung, Essen, Geborgenheit, leben in der Stadt Gottes, der Auferstehungsleib ist der von Gott neu erschaffene Leib, Paradies usw. Freilich in der Apokalypse des Johannes ist auch die Hölle ein Thema, bzw. in anderen Schriften ist die Hölle die Ferne von Gott). Aber jedes Mal ist es das Ich. Es geht nicht um Auslöschung des Ich, darum, dass das Ich noch irgendwo als Ahne oder Wesen herumspukt. Dennoch gibt es kein einheitliches Bild, vor allem, weil zum Beispiel die Apokalypse lehrt, dass die Märtyrer schon jetzt bei Gott aktiv sind. Wesentlich in allem ist, dass das Leben nach dem Tod als eine Gemeinschaft mit Gott beschrieben wird – und das in unterschiedlichsten Metaphern. Es heißt: Das keiner etwas weiß, weil er noch nie zurückgekommen ist. Aber was Christen wissen: Jesus Christus ist von den Toten auferweckt worden – und das hat die eigene Auferweckung zur Folge, denn Christen leben in einer ewigen Gemeinschaft, die auf der Erde beginnt, mit Christus. Das Sterben ist kein Beziehungsabbruch, sondern Durchgang in die nachirdische Welt Gottes. Mit Blick auf Jesus Christus ist hervorzuheben: Er verkündet das anbrechende Reich Gottes, die Herrschaft Gottes. Und das bedeutet nicht Weltflucht, sondern sich schon jetzt so zu verhalten, wie es der Gottesherrschaft entspricht.

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Literatur gibt es sehr viel. Beispiel: Henning Wrogemann: Religionen im Gespräch. Ein Arbeitsbuch zum interreligiösen Lernen, calwer-Verlag, Stuttgart 2008