PHILOSOPHISCHE ANTHROPOLOGIE

In der Anthropologie geht es um die Frage: Wer/was ist eigentlich der Mensch?

Wie in jeder Wissenschaft gibt es keine eindeutige Antwort. So gibt es auch unterschiedliche Versuche, das Phänomen „Mensch“ zu erklären. Es werden bestimmte Schwerpunkte gesetzt, zunächst in Abgrenzung vom Tier.

  1. Der Mensch ist ein Wesen mit Geist, er hat eine Seele – damit verbunden: Er steht dem Göttlichen nahe.
  2. Wesentlich am Menschen ist seine Sprachfähigkeit. Sie hebt ihn über die Tiere hinaus.
  3. Er ist geschichtlich handelndes Wesen, also ein Wesen, das in die Vergangenheit schauen kann, das sein Handeln in der Gegenwart mit Blick auf die Zukunft bestimmen kann.
  4. Er ist im Gegensatz zum Tier ein Mängelwesen: Während das Tier schon so gut wie fertig auf die Welt kommt, bedarf der Mensch einer langen Phase der Betreuung – und vermag sich darum den unterschiedlichsten Situationen anzupassen.
  5. Er ist ein Wesen, das sich selbst bestimmen kann, ist nicht mehr ganz so instinktgebunden, lebt in der Spannung zwischen Möglichkeit und Ziel.
  6. Er ist ein homo politicus / zoon politicon: eingebunden in die soziale Ordnung, orientiert sich am Wohl für die Gemeinschaft.
  7. Er ist im Werden.

Das Wort „Anthropologie“ wird aus unterschiedlichsten wissenschaftlichen Perspektiven betrachtet. Ein paar Aspekte seien hier genannt:

  1. Genannt wurde oben die Philosophische Anthropologie. In der Philosophischen Anthropologie wird der Mensch als Geist-Wesen angesehen.
  2. Theologische Anthropologie: dazu siehe unten mehr.
  3. Kultur-Anthropologie: Der Mensch ist Schöpfer der Kultur – gleichzeitig ist er Geschöpf der Kultur, in der er aufwächst.
  4. Sozial-Anthropologie: Der Mensch ist ein soziales Lebewesen: Macht, Rang, Identität, Geschichte, Verwandtschaft, Rituale… bestimmen ihn (wie auch andere Lebewesen).
  5. Soziologische Anthropologie: der Mensch lebt gegenwärtig in einer Multi-Optionsgesellschaft, in einer Risikogesellschaft, es geht um das Verhältnis von Mensch und Stadt, Mensch und Industrie…
  6. Psychologische Anthropologie: Der Mensch in seiner Entwicklung, seinem Charakter usw. (Entwicklungspsychologie, Persönlichkeitstheorien…).
  7. Biologische Anthropologie: Von Untersuchung der Genetik über den Vergleich mit den Primaten bis hin zu den körperlichen Voraussetzungen fürs Sport treiben…
  8. In der „Biologistischen Anthropologie“ wird der Mensch intensiver als Teil der Tierwelt verortet.
  9. Medizinische Anthropologie: Medizinische Errungenschaften prägen das Individuum – die Kultur prägt medizinische Vorgehensweisen.
  10. Pädagogische Anthropologie: Der Mensch ist ein lernendes und lehrendes Wesen. Wie werden Lehr-Materialien gestaltet werden müssen, damit der Mensch besser lernen kann? Usw.
  11. In der Empirischen Anthropologie wird der Mensch von seiner Natur aus erklärt: Sein Verhalten wird auch mit anderen Lebewesen in Beziehung gesetzt – die philosophische und theologische Anthropologie wird jedoch nicht gänzlich ausgeschlossen.
  1. Bisher sah man, dass der Mensch mit seinem Körper zur Tierwelt gehört – und mit dem Geist zu einer höheren Ebene gehört. Im Zuge des Naturalismus sieht man immer stärker den Geist als Teil der tierischen Natur – und nicht mehr als Teil, der den Menschen mit Göttlichem verbindet.
  2. Das Leben der Menschen ist mit dem der Tiere vergleichbar: Nahrungsaufnahme, Leidminderung, Fortpflanzung bestimmen ihn.
  3. Durch die Herleitung des Menschen aus der Natur werden auch Verhaltensweisen erschlossen: zum Beispiel gegen Ehe, weil in der Tierwelt Monogamie kaum vorhanden ist. Im Extremfall bis hin zum Sozialdarwinismus: Wie in der Natur ist Leben, das nicht zum eigenen Überleben beitragen kann, der Vernichtung preiszugeben.
  4. Der Mensch ist ein Sozialwesen wie Tiere auch: er orientiert sich an Familie, Rasse, Klasse, Religion. Nicht das Individuum zählt – es zählt das Wohl der Gruppe.
  5. Überwiegend werden jedoch auch Fakten beachtet, die den Menschen über das Tier hinausheben: Staatenbildung ist freier Entschluss der Menschen – und nicht wie bei Ameisen und Termiten  „programmiert“.

Anthropologie des

  1. Platon: der Mensch, zerrissen zwischen Höhe (Ideen erkennen durch den Geist) und Tiefe (körperliche Sinnlichkeit), muss den Einklang durch erkennen der Ideen und Tugenden finden.
  2. Aristoteles: Götter sind glücklich. Damit Menschen möglichst glücklich sein können, müssen sie als homo politikus / Zoon politikon zusammenarbeiten. Was das konkret bedeutet, das entscheidet die Vernunft, die auch den Menschen weniger als ein zerrissenes Wesen erkennen lässt, sondern dessen Einheit.
  3. Augustinus: der (durch die Sünde) an sich zweifelnde Mensch findet Ruhe nur in Gott, weil Gott ihn auf diese Ruhe hin geschaffen hat. Gottes Gnade ermöglicht dem Menschen im Glauben diese wahre Ruhe.
  4. Augustinus: Die Zeit ist nur gefühlte Zeit, sie ist für den Menschen zerrissen: vergangene Gegenwart, gegenwärtige Gegenwart, künftige Gegenwart. Gott ist nicht zerrissen – er ist Ewigkeit. In diese Ewigkeit wird der nach Ruhe sehnsüchtige Mensch hineineingeführt, bekommt Ruhe.
  5. Thomas von Aquin: der Mensch ist durch sein biologisches Wesen begrenzt und durch seine Vernunft frei, biologisch vergänglich und seelisch unsterblich. Sinne und Verstand lassen die Welt erkennen. Durch Erkenntnis der Welt kann nicht Gott erkannt werden, aber dass es einen Gott geben muss. Der Verstand stößt an seine Grenze, er benötigt die Offenbarung durch Gott.
  6. Bonaventura: Die Seele spiegelt den Dreieinigen Gott in ihrer Dreiheit: Gedächtnis/Ursprung (Gott ist im innersten des Menschen anwesend), Verstand / Erkenntnis (auf Gott hin ausgerichtet), Wille/liebendes Streben. Diese Ansätze hat er von Augustinus übernommen. Die Seele sehnt sich nach dem Dreieinigen Gott – und dieses Sehnen nach Gott führt dazu, dass der Mensch auf dem Weg ist, er ist ein Pilger. Auf dem aufsteigenden Weg der liebenden Hingabe zu Gott findet der Mensch zu sich selbst. Bonaventura betont das Gefühl, das versteht, was der Verstand nicht begreift. Ohne das göttliche Licht (Illumination) kann der Geist nicht die Wahrheit erkennen. Nicht Erkenntnis/Wissen ist das Ziel, sondern Liebe. Bonaventura ist der Theologe, der aus meiner Sicht viel mit der Gotik zu tun hat: Ästhetik des Lichts – filigrane Bauweise – Materie auflösende, hinaufweisender Weg und hinaufstrebender Mensch.
  7. Martin Luther: der Mensch ist ein Pferd, er wird vom Bösen (Sünde) oder von Gott (Gnade) geritten; der Verstand denkt, der Bauch lenkt – aber Verstand wie Bauch sind in sich sündig verkrümmt. Der Verstand ist nicht besser als der Körper vor Gott. Er ist als Glaubender simul iustus et peccator: Gerechtfertigt im Glauben – Sünder im Handeln.
  8. Thomas Hobbes: der Mensch ist wegen der Selbsterhaltung egoistisch. Der Mensch wird dem Menschen zum Wolf. Er wird durch den absoluten Staat / Souverän, dem er sich selbst unterwirft, diszipliniert. Freilich geht das nur dadurch, dass der Staat Menschen einschüchtert.
  9. John Stuart Mill: der Mensch ist ein homo oeconomicus – die Ressourcen werden so eingesetzt, dass mit ihnen ein Maximum an Gewinn bzw. Konsum erbracht wird. Aber: „Besser ein unzufriedener Mensch als ein zufriedenes Schwein“, das heißt: der Mensch (als Mann und Frau) muss sich entwickeln können, von der reinen Triebhaftigkeit hin zu einem Wesen, der die höheren Lüste erstrebt (Moral, Freiheit, Kunst). Es geht nicht nur um das Individuum, sondern auch um allgemeines Wohlergehen.
  10. René Descartes: der Mensch denkt, also ist er (ich denke – also bin ich).
  11. Blaise Pascal: der Mensch ist das Größte (Engel/Universum) und das Kleinste (Tier/Nichts).
  12. Jean Jacques Rousseau: der Mensch ist ursprünglich sittlich gut (sozusagen ein edler Wilder – Naturzustand) und die Gesellschaft macht ihn schlecht. Darum muss er mit anderen ein Gemeinwesen gründen (er unterwirft sich nicht einem Herrscher) und Menschen erziehen, um das Gutsein wieder zu erreichen.
  13. Julien Offray de La Mettrie: der Mensch ist Maschine, La Mettrie sieht den Menschen aus rein materialistischer Perspektive. Es gibt keine Sünde – nur Fehlfunktionen. Denken ist mechanisch, Seele trägt zur Funktion bei.
  14. Johann Gottfried Herder: der Mensch ist frei vom reinen Instinkt. Gott hat ihn als sein Ebenbild so erschaffen, dass er sich und seine Welt neu wahrnehmen kann. Darum kann er sie durch die Vernunft, die sich in der Sprache äußert, in Freiheit positiv – also human = Gottes Willen erfüllen – gestalten.
  15. Immanuel Kant: Der Mensch ist nicht rein abhängig von der Natur, er ist auch relativ autonom: Was kann das Sinnenwesen Mensch als Vernunftwesen aus sich selbst machen? Seiner Pflicht nachgehen. „Pflicht“ bedeutet: in vernünftiger Selbstgesetzgebung („Kategorischer Imperativ“) seine Würde leben, die anderer zu respektieren.
  16. Ludwig Feuerbach: der Mensch ist für den Menschen Gott – das Gute, das er auf eine nicht existente Größe Gott projizierte, muss er als Mensch verwirklichen.
  17. Karl Marx: der Mensch ist das, was die Gesellschaft aus ihm macht. Sie hat den Menschen von sich selbst entfremdet – man muss ihn wieder zu sich selbst bringen, indem er sie verändert, die Entfremdung aufhebt. Die Entfremdung kann nur eine klassenlose Gesellschaft, eine Gesellschaft ohne Privateigentum aufheben.
  18. Friedrich Nietzsche: der Übermensch erhebt sich selbst aus den Menschen; der Mensch muss überwunden werden (wie der Mensch das Tier überwunden hat, muss der Übermensch den Menschen überwinden). Der Übermensch schafft sich seine Werte selbst – der jetzige Mensch mit seiner Sklavenmoral kann sich schon in diese Richtung der souveränen Selbsterschaffung bewegen.
  19. Wilhelm Dilthey: der Mensch ist ein historisches Wesen – er ist nur in historischen Kontexten und Traditionen zu verstehen – er versteht sich auch nur in diesen.
  20. Sigmund Freud: der Mensch besteht aus Es (dem Unterbewussten/Trieben) + Ich (dem Bewussten) + Überich (dem Gewissen). Es und Überich ringen miteinander, das Ich muss dieses irrationale/triebhafte ins Vernünftige überführen. Es und Überich sind nicht autonom, sind von der Vergangenheit geprägt. Darum gilt es das Prägende zu erfassen, um autonomer in die Zukunft gehen zu können.
  21. Alfred Adler: der Mensch fühlt sich minderwertig und versucht die Minderwertigkeit dynamisch zu bekämpfen, indem er nach Geltung in der Gemeinschaft, nach sozialer Verantwortung strebt, nach der Zukunft ausgerichtet ist. Anders als bei Freud bilden die Größen Es – Ich – Überich die Person und sind nicht zu trennen.
  22. Arnold Gehlen: der Mensch ist ein Mängelwesen, darum weltoffen. Die Freiheit überfordert ihn, darum errichtet er Institutionen, feste Strukturen (Ehe, Staat usw.).
  23. Helmuth Plessner: der Mensch ist unabhängig von den Trieben und schafft sich ein neues Leben – anders gesagt: er ist Körper (biologisch) – und hat Körper (Reflexion seiner Körperlichkeit). Weil der Mensch nicht mehr einfach nur Instinkt-Körper des Tieres ist, muss er seine Welt künstlich gestalten.
  24. Faschismus/Faschismus nahe Gruppen: Nicht das Individuum ist wesentlich: Recht und Individuum sind der Rasse, Klasse, Nation, dem Volk unterworfen. Der Staat / Führer / Partei ist alles; wer den Volkskörper schwächt, muss entfernt werden; nicht der individuelle Verstand zählt, sondern sein sich unterordnender Instinkt, um kämpfend ein vorgegebenes Ziel zu erreichen. Der Mensch als Mängelwesen muss sich gesellschaftlichen Mächten unterwerfen, um die Mängel zu kompensieren.
  25. Martin Heidegger: Der Mensch ist sein Dasein, seine Existenz. Er wurde in das vorhandene Dasein geworfen und ringt in der Welt um sein eigenes Sein. Existieren bedeutet sterben. Wissen um das Sterben lässt Existenz bewusst leben, hebt ihn aus der Masse heraus.
  26. Karl Jaspers: der Mensch will immer über sich hinaus. Im Leiden – in Grenzerfahrungen – merkt er, dass er mehr ist als nur durch Biologie und Psychologie erfassbares Wesen. Er strebt nach dem Ganzen, zum Transzendenten – allerdings ist seine Vorstellung Transzendenz eine philosophische, nicht eine religiöse.
  27. C.G. Jung: der Mensch wurzelt in den Mythen der Vorfahren, sie bestimmen sein Unbewusstes.
  28. Jean Paul Sartre: der Mensch ist das, was er aus sich macht.
  29. Wilfrid Sellars: die Naturwissenschaft ist das Maß aller Dinge.
  30. Jacques Monod: Der Mensch ist ein einsames Wesen auf dem Erdball in der Weite des Universums.
  31. Jasper Buikx: der Mensch ist Primat unter Primaten; Buikx zeigt anhand von Tieren, was auch für den Menschen natürlich ist. (In der Tradition wird von Naturrecht gesprochen. Aber „Natur“ bedeutet in der Tradition nicht die biologische Natur, sondern die Ordnung, die Gott in der durch den Verstand / die Vernunft interpretierten Natur schafft. Maßstab ist nicht die Natur, sondern der Glaube, durch den die Natur betrachtet wird. Buikx sieht die Natur hingegen nicht als interpretierte Natur, sondern überträgt sie eins zu eins auf den Menschen. Als „naturalistischer Fehlschluss“ wird das bezeichnet, dass gesagt wird, was in der Natur zu beobachten, was natürlich ist, das ist gut. Denn: Was von Natur aus ist, muss nicht moralisch sein. [Man kann nicht vom Sein auf das Sollen schließen].)
  32. Peter Singer: der Mensch steht nicht über manchem Tier (z.B. Schimpansen, Gorillas, Bonobos): beider Merkmale, die ihn zur Person machen: Rationalität, Sozialverhalten, Schmerzempfinden, Einfühlungsvermögen. Menschen als Personen über Tiere zu stellen ist Speziezismus, gleichzusetzen mit Rassismus.
  33. Aus der Hirnforschung (Neuroanthropologie) kommt der Impuls: Der Mensch ist abhängig von seinem Unbewussten – somit ist er in konkreten Handlungen nicht frei (Libet-Experiment). Neuere Vertreter sagen allerdings: Das Unbewusste ist Teil des jeweiligen Menschen (und das Bewusstsein hat noch ein Veto-Recht).
  34. Robert Spaemann: Der Mensch ist nicht nur biologisch zu verstehen, er ist Person (wird sie nicht erst durch irgendwelche Eigenschaften/Merkmale), er ist also ein Wesen, das über die biologischen Vorgaben hinausgehen kann, um die Wirklichkeit und Gott um ihrer selbst willen anzuerkennen. Er ist sogar fähig, sich um der Liebe Willen aufzuopfern.

Es gibt also unterschiedliche Vorstellungen über den Menschen. Woran liegt das? Das liegt an der Frage: Woher haben wir das Wissen? Wie bekommen wir das Wissen? Und diese Fragen haben es in sich, denn es gibt nicht nur unterschiedliche Antworten auf die Frage, was eigentlich der Mensch ist, sondern auch Antworten auf die Frage: Woher haben wir das Wissen, die Erkenntnis – was ist das überhaupt? Denn das ist die Grundlage dafür, den Menschen – bzw. alles, was wir beurteilen – einordnen zu können.

  1. Ideen-Realismus: Es gibt eine objektive Realität. Platon meint, der Mensch habe den Verstand und die Fähigkeit, die wahre Idee hinter all der Vielfalt zu erkennen. Wer nicht als Freund der Weisheit lebt, sondern nur seinen Sinnen traut, sieht nur Scheinwelt – doch es bedarf der Fähigkeit des Geistes, hinter diesen vielfältigen Erscheinungen die Grundlage, die Idee, das Grundmuster, das Wahre zu erkennen (Höhlengleichnis!). Davon zu unterscheiden ist die moderne Interpretation von Realismus: Das, was ich mit Sinnen erfassen kann, ist real.
  2. Idealismus: Es gibt keine vom Bewusstsein unabhängige Realität. Etwas ist nur, wenn es durch den Geist wahrgenommen wird. Die Wirklichkeit wird vom Bewusstsein, dem Denken, dem Geist bestimmt. Der Mensch sieht alles nur gefiltert. Der Deutsche Idealismus geht weiter, so mit Fichte: Das Ich – die Vernunft – setzt das, was ist. Und so ist es auch für Hegel der Weltgeist, der durch sich immer wiederholende These – Antithese – Synthese zu sich selbst kommt.
  3. Kritizismus / Transzendentaler Idealismus: Es gibt eine objektive Realität („das Ding an sich“), aber die kann man nicht erkennen. Das, was man als objektive Realität erfasst, das ist nur durch das denkende Individuum erfasst worden, also subjektiv – aber nicht nur subjektiv in dem Sinn: das kann man so und so sehen, sondern als Mensch sieht man es wie es andere sehen. Es ist eine Art dem Menschsein zugehörige Subjektivität, denn durch den Verstand wird die Welt durch einen Filter wahrgenommen – also nicht das Ganze, nicht die objektive Realität. (Vgl. Kant: er will zeigen, dass der Verstand nicht alles erkennt und das Wissen nur aus Erfahrung kommt. Sein Weg: Verstand und Erfahrung gehören zusammen – aber sie stoßen an ihre Grenzen. „Das Ding an sich“ kann nicht erfasst werden.)
  4. Rationalismus: Wir haben als Erkenntnisquelle für Wahrheit nur unsere Vernunft – sie ist von Äußerem unabhängig. Wir haben zwar Sinne, aber die können täuschen, von daher ist nur logisches Denken weiterführend – aber auf der Basis angeborener Ideen wie zum Beispiel Gott (Descartes). Weitergeführt vom kritischen Rationalismus: Alles ist vorläufig und muss immer wieder kritisch überprüft werden, da es keine absolute Erkenntnis gibt (Popper).
  5. Empirismus: Wir haben als Erkenntnisquelle die Erfahrung. Das, was man empirisch erfassen kann, ist wahrscheinlich – denn nur das wird vom Verstand wahrgenommen, was zuvor sinnlich erfasst wurde. Der Mensch ist mit der Geburt ein unbeschriebenes Blatt, das durch Beobachtungen und Erfahrungen im Leben erst beschrieben wird (Glaube an Gott ist also möglich) (Aristoteles – bis in die Neuzeit: Hobbes, Locke, Hume).
  6. Positivismus: Nur das Gegebene („Positiv“ genannt) ist relevant. Also nur das, was wissenschaftlich erfassbar ist. Gott und Seele sind nicht messbar, also ist es sinnlos, weiter darüber nachzudenken (Comte). In diesem Zusammenhang kann auch von Szientismus gesprochen werden: Wahrheit gibt es nur durch Wissenschaft. Das bedeutet jedoch, dass die Aussage, dass jeder Mensch Würde hat / der Mensch überhaupt Würde hat, wissenschaftlich nicht zu beweisen ist. Der Mensch ist nur ein Organismus unter vielen. Eine Form des Szientismus ist auch der Sozialdarwinismus. Dieser gehört zur biologistischen Anthropologie. Das heißt, der Mensch ist ein Naturwesen und handelt auch als ein solches: Das starke Leben (von der Fitness her gesehen, der „Schönheit“, der Bildung, der Gesundheit usw.) hat mehr Wert als schwaches Leben. Ein Leben, das als wertlos, unnützlich angesehen wird, wird dem Tod übergeben. Das Leben ist Kampf – der Starke siegt und versprüht seine Gene, damit die Gattung stark bleibt.
  7. Logischer Empirismus: Erfahrung und Logik sind die Erkenntnisquellen (Wittgenstein, Carnap). Erfahrung, die nicht sprachlich logisch erfasst, überprüft werden kann, ist nicht weiter zu beachten (z.B. religiöse Wahrheit) – dagegen, wie oben gesehen: Popper. Nicht Verifikation ist notwendig, sondern Falsifikation, nicht Bestätigungen suchen für eine wissenschaftliche Aussage, sondern Widersprüche. (Noch eine Anmerkung: Wittgenstein trennte jedoch Metaphysik [Religion] von der sprachlichen Logik. Zudem erkannte er später, dass Sprache mehr ist als reine Logik. Er spricht von Sprachspielen, das heißt Sprache ist ein Werkzeug für das soziale Miteinander.)
  8. Materialismus: Nur Atome usw. sind real, Immaterielles (wie Gott, Seele usw.) ist nicht existent. Denn Materie war zuerst da – Geist ist nur eine Folge, der materiellen Prozesse im Hirn. (Sozialistischer „Dialektischer Materialismus“: Marx/Engels: materielle Bedingungen bestimmen die Gesellschaft. Glaube ist nur menschliche Erfindung und Vertröstung.)
  9. Relativismus: Erkenntnis ist immer abhängig vom jeweiligen Individuum, seiner Tradition, seiner Kultur, seinen Denkfähigkeiten. Es gibt keine eindeutige Wahrheit für den Menschen.
  10. Skeptizismus: Wir wissen nicht, ob überhaupt etwas wahr ist / sein kann. Von daher sollte man sich mit Urteilen zurückhalten – bzw. eine andere Richtung: Man sollte alles bezweifeln, denn Sinne wie Logik sind unzuverlässig.
  11. Phänomenologie: Husserl versucht die Auseinandersetzung über Welt der Ideen und reale Welt dadurch zu umgehen, dass er die Frage zugrunde legt, wie erscheint die Welt dem Bewusstsein?
  12. Konstruktivismus: Es gibt nicht die Welt schlechthin, sondern alles, was wir sehen, denken usw., ist ein Konstrukt des Gehirns.
  13. Existentialismus: Ich füge ihn hier ein, auch wenn er eine andere Schwerpunktsetzung hat. Er greift ein paar der oben genannten Modelle auf, geht aber weiter mit Blick auf die Existenz. Es gibt keine objektive Wahrheit, das Leben ist neutral gesehen bedeutungslos. Der Mensch ist frei, das bedeutet: Er muss sich seine eigene Wahrheit und den Lebenssinn durch sein Handeln schaffen.

Eine Anmerkung: Es wird immer von Wahrheit gesprochen. Was ist „Wahrheit“?

Zu vielen dieser Erkenntniswege gibt es auf Youtube Erklärvideos.

(a) Nach diesem Vorlauf musst Du selbst begründet eine Antwort geben. Zu einfach wäre es zu sagen: Das weiß man nicht. Welche Erfahrungen hast Du gemacht? Was sagt Dir Dein Verstand? Was scheint Dir plausibel? Und: Woher weißt Du, dass das, was Du vom Menschen denkst, richtig ist?

(b) Welche Folgen haben die jeweiligen Richtungen für den Umgang des Menschen mit sich selbst, für das Verhalten gegenüber anderen Menschen und der Gesellschaft?

  1. Die Gene bestimmen den Menschen. Er wird geboren – und so ist er dann auch.
  2. Das soziale Umfeld bestimmt den Menschen. Er wird in ein soziales Umfeld hineingeboren – und so ist er dann auch.
  3. Gibt es Spannungen zwischen „Gene“ und „Sozialem Umfeld“?
  4. Kann sich der Mensch aus diesen Vorgaben befreien?

Kognitive Operatoren: Nachdem philosophische Versuche genannt wurden, den Menschen verstehen zu können, sei auf die Neurowissenschaft hingewiesen. Wie kommt es, dass der Mensch überhaupt erkennt? Im folgenden Abschnitt werden Operatoren genannt, die von der Neurowissenschaft unterschiedlichen Gehirnarealen zugeordnet werden – die hier allerdings nicht wiedergegeben werden.

Die Neurowissenschaftler Andrew Newberg und Eugene d´Aquili sprechen von Operatoren, mit deren Hilfe das Gehirn seine Umwelt erfasst – es ist zu beachten, dass das sehr schematisch ist, es sind stärker ineinandergreifende Prozesse zu berücksichtigen:

  1. Der holistische Operator sieht die Welt als Ganzes. Man interpretiert Blätter und Stamm als Baum.
  2. Der reduktionistische Operator sieht die Einzelteile. Man interpretiert den Baum als Blatt + Stamm usw.
  3. Der abstrahierende Operator ordnet einzelne Teile dem Gesamt zu. Man sieht die Eiche, die Buche usw. als Baum.
  4. Der quantitative Operator hat es mit Zahlen zu tun: Menge, Entfernung, Mathe, Zeit. Man sieht viele Bäume in einer Entfernung von 200 meter um 19:00 Uhr, fünf Bäume stehen im Vordergrund.
  5. Der kausale Operator sieht den Grund hinter jeder Ursache. Der Baum wuchs aus einem Samen, der Samen kommt von einem anderen Baum…
  6. Der binäre Operator ordnet alles in zwei Bereiche: oben – unten; vorher – nachher…
  7. Der existentielle Operator verarbeitet das mit Sinnen Erfasste und interpretiert sie als real.
  8. Der emotionale Operator verbindet alles mit Emotion.

(Nach: Klaus Manhart: Sagenhafte Welt, in: Glaube und Aberglaube. Gehirn&Geist Dossier 2, 2011, Seite 23)

Bevor das Gehirn jedoch erfassen und interpretieren kann, werden die Gegenstände durch die Sinne erfasst.

Die Sinne sind das Tor nach Außen – durch sie kann die Außenwelt nach innen dringen.

  •     Man fühlt sich manchmal beobachtet. Gibt es dafür einen Sinn?
  •     Was ist das so genannte „Bauchgefühl“ / Intention? Gibt es dafür einen Sinn?
  •     Können Menschen spirituelle Mächte wahrnehmen? Gibt es dafür einen Sinn?

Anmerkung: Neben den üblichen Sinnesorganen: Auge (sehen), Ohr (hören), Haut (spüren), Nase (riechen), Mund (schmecken), gibt es den Gleichgewichtssinn (im Ohr), Wahrnehmung im Raum (zum Beispiel: Warum falle ich nicht aus dem Bett, wenn ich schlafe? Weil in Muskeln, Sehnen, Gelenken Rezeptoren vorhanden sind, die Infos an das Hirn weiterleiten). Mit Blick auf das „Bauchgefühl“: Wir Menschen machen Erfahrungen, die nicht immer sofort verstandesmäßig greifbar sind. Diese Erfahrungen bilden die Intention aus, das Bauchgefühl.

  •     Wenn ja – warum?
  •     Wenn nein – warum nicht?

Ob Gott nach christlichem Glauben mit den Sinnen wahrgenommen werden kann, wird hier dargelegt: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/gott/

Die Sinne nehmen wahr – sie interpretieren – Folge: Wir reagieren.

Und wie wir reagieren können, versuchen die oben genannten Operatoren zu erklären.

Nicht allein Menschen haben Sinne. Lebewesen unterscheiden sich darin von toter Materie, dass sie eben Sinne besitzen.

Menschen und Schimpansen haben eine hohe Anzahl an Genen gemeinsam: 98,7%. Und doch gibt es zwischen beiden große Unterschiede. Woran liegt das? Im Augenblick meint man, herausgefunden zu haben, dass es daran liegt, dass die Gene unterschiedlich abgelesen werden. Und/oder: Es gibt Schlüsselgene, die dazu beitragen, dass kleinste Abweichungen große Auswirkungen zur Folge haben. Wie kam es, dass sich beim Menschen alles in kurzer Zeit so massiv anders entwickelte als bei den so genannten Menschenaffen? Die Wissenschaft sucht nach Erklärungen – sie weiß es aber (noch) nicht.

Nur am Rand:

  1. Wie viele Chromosomen hat der Mensch? Antwort: 46.
  2. Wie viele Chromosomen haben Schimpansen und Gorillas? Antwort: 48.
  3. Wie viele Chromosomen haben Kartoffeln? Antwort: 48.
  4. Fragen, die vielleicht witzig sind – vielleicht auch nicht:
  5. Warum wächst nur beim Menschen das Haupthaar?
  6. Haben auch einzelne Tiergattungen unterschiedliche Augenfarben?
  7. Welche wichtigen Merkmale – was das Aussehen betrifft (z.B. Sexualorgane) – unterscheiden noch Menschen von Affen?

Ein paar Aspekte mit Blick auf das Altes Testament

Genesis / 1. Buch Mose Kapitel 1 und 2:

Der Mensch ist von Gott gewollt, geschaffen worden. Er ist Ebenbild Gottes, dadurch bekommt jeder Mensch Würde – er bekommt Würde, weil er Mensch ist: Gott spricht den Menschen an – und der Mensch spricht und lebt im Auftrag Gottes. Er lebt, weil Gott ihn anspricht. Nicht der Mensch entscheidet, wer Würde hat, bekommt usw. – sondern Gott hat es vorgegeben.

Genesis 2 bis 4:

Der Geist/Atem Gottes erschafft alles und füllt den Menschen, macht ihn, der aus Materie besteht, zu einem lebendigen Wesen. Gott hat den Menschen von Anfang an zu einem Wesen erschaffen, das frei ist, in Freiheit Gottes Willen tun kann. Doch der Mensch nutzt, verführt, seine Freiheit, sich gegen Gottes Willen zu wenden. Damit trennt er sich von Gott – das wird Sünde genannt. Die Sünde führt zu Aggressivität untereinander, zum Tod. Das heißt: der Mensch ist sterblich, vergänglich, er lebt durch Gottes Geist/Atem.

Der Mensch ist selbst- und fremdbestimmt (vgl. Römerbrief des Paulus 7). Der Mensch erkennt seine Mängel (Genesis 2f.), leidet darunter (Römer 7). Er ist ein sich selbst entfremdetes Wesen, das treibt ihn an, er ist lernfähig.

Genesis 9ff. – und andere alttestamentliche Schriften:

Gott wendet sich dem Volk Israel zu. Er befreit es und wird es befreien. Gott bietet Gemeinschaft und fordert Gemeinschaft. Gott gibt Gebote, die dem Menschen helfen sollen, gut mit Gott und untereinander auszukommen. Er sendet Propheten, die Übertritt gegen die Gebote ahnden, die fordern, die Gebote Gottes zu befolgen. Es geht also um: Ethik. Der Mensch ist ein Wesen, das aus der Beziehung zu anderen Menschen und Gott lebt. Nicht dadurch, dass er seine Psyche durchforscht (Psychologie) oder durch die Dominanz der Gene (Biologie) oder sein Verhalten in der sozialen Umwelt (Soziologie) wird sein Wesen/Leben bestimmt, sondern durch die (sich hinwendende oder abwendende) Beziehung zu Gott.

Ein paar Aspekte mit Blick auf das Neues Testament:

Gott sendet Jesus Christus. Christus ist Ebenbild Gottes (1. Korintherbrief 4,4), das heißt, dass an ihm sichtbar wird, wie der Mensch nach Gottes Willen sein soll: Gott ist im Nächsten, darum ist dem Nächsten zu helfen (Matthäusevangelium 25), dem das Leben schwer zusetzt, dem, der sich nicht selbst helfen kann, dem Schwachen, Ausgestoßenen. Der Mensch hat nicht allein dadurch Würde, dass er Ebenbild Gottes ist, sondern auch dadurch, dass Gott in Jesus Christus Mensch wurde. Der Mensch soll nun durch den Geist Gottes (= durch Gott) der werden, zu dem Gott ihn geschaffen hat. Dem Menschen wurde also eine Richtung gewiesen, der Sinn seines Lebens ist vorgegeben. Der Mensch muss nicht den Sinn seines Lebens suchen. Er ist vorgegeben und mit Gott zu erkennen. Jesus richtet sich an das Individuum: Erneuere dein Leben, damit betont er den einzelnen Menschen, das Individuum. Und das erneuerte, gute Tun des Individuums hat Auswirkungen auf die Gesellschaft. Der Apostel Paulus schreibt: Prüft alles, das Gute behaltet. Der Christ soll seinen Verstand einschalten, alle Traditionen und Aussagen überprüfen und den Glauben als Filter benutzen für das, was Gottes Willen entspricht. Der Mensch ist Tempel des Geistes Gottes, also Gottes selbst. Als solcher ist er dennoch sterblich – wird aber durch Gott nach dem Sterben neu geschaffen. Trotz des sterblichen Körpers ist der Mensch als Leib, Seele, Geist eine Einheit. Er ist keine geistlose Maschine, er hat Seele und Leib.

Durch das gewaltsame Sterben Jesu – seine Hinrichtung durch Menschen – trägt er den Zorn, die Sünde, des Menschen gegen Gott – und der Mensch erkennt Gottes Liebe, weil er den Menschen trotz seines Zornes gegen Gott nicht vernichtet. Gottes Liebe nimmt Menschen das Gefühl der Verlorenheit und Einsamkeit. Gleichzeitig erkennt der Mensch in Jesu Sterben und Tod ein Opfer, das der Mensch Gott bringt – damit werden tiefe archaische Schichten im Menschen angesprochen: Gott benötigt deine Opfer zur Versöhnung nicht mehr. Jesus ist das Opfer, das Gott gewollt und angenommen hat.

Damit bekommt der Mensch Vergebung – er wird nicht an seine Vergangenheit gefesselt – und wird eingeladen, als Teilhaber der vollkommenen Welt Gottes (Reich Gottes, Herrschaft Gottes, Paradies) schon jetzt entsprechend zu leben. Das heißt, der Tod wurde besiegt. Der Glaube verändert die Einstellung zum Tod und Leben. Nicht Angst bestimmt das Leben. Und damit schließt sich der Kreis zu Genesis 1. Der Mensch, dem sich Gott durch seinen Heiligen Geist (=Gott selbst) offenbart hat, hat Erkenntnis der Wahrheit.

Es mag unbewusst sein, aber dadurch, dass die Philosophen in der christlichen Kultur stehen, ist die Vermutung nicht ganz von der Hand zu weisen, dass sie biblische Traditionen aufgreifen und säkularisieren, das heißt: ohne Gott verstehen wollen:

  • Der Mensch = Sünder (jüdisch-christlich) = Mängelwesen (säkularisiert).
  • Der Mensch wird durch den Geist Gottes zum Menschen (jüdisch-christlich) – er unterscheidet sich vom Tier durch den Geist / Verstand / Vernunft (säkularisiert).
  • Erkennst Du weitere jüdisch-christliche und andere traditionelle Aussagen, die säkularisiert wurden?

Für Aussagen der Theologie zur Anthropologie gilt: In der Theologie werden häufig biblische Befunde und Beobachtungen, die die christliche Tradition entwickelt hat, mit philosophischen Ansätzen der Gegenwart verbunden. Die Theologie bietet einen Dialog zwischen Tradition und Gegenwart und betrachtet / beurteilt gegenwärtige Positionen durch den Filter biblischer/christlicher Traditionen. Manche anthropologischen Ansätze entsprechen stärker biblisch-christlicher Tradition, manche entfernen sich sehr stark. Manche sind abzulehnen, weil sie dem Menschen nicht gerecht werden, manche sind zu modifizieren.

DER MENSCH IST EBENBILD GOTTES

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ (Genesis 1,27)

Dieser Satz aus Genesis 1 wird unterschiedlich interpretiert:

1) Metaphysisch: Der Mensch hat Anteil an Gott (Gnosis: Er hat Göttliches in sich; Nicht-Gnostisch: Der Geist Gottes wirkt in allen Menschen). Die Würde des Menschen ist dadurch gegeben, dass jeder von Gottes Lebens-Geist / Lebens-Atem / Lebens-Hauch beseelt wird; umfassender: der Mensch als Einheit von Körper und Geist ist Geschöpf, Bild Gottes.

2) Ethisch: Dem Menschen wurde geschenkt, wie Gott zu handeln: in Liebe, schöpferisch-künstlerisch, frei, verantwortlich, kommunikativ, bewusst, bewahrend – aus der Nähe/Gemeinschaft zu Gott heraus. Dass der Mensch Ebenbild Gottes ist und jeder Mensch Würde hat, das ist wissenschaftlich nicht zu begründen.

3) Historisch: Der Mensch wird beauftragt, in die Natur einzugreifen, wie der altorientalische König verantwortlich zu herrschen…

4) Christologisch: Jesus Christus ist Ebenbild Gottes, somit Maßstab unseres Verhaltens als Ebenbilder Gottes. Der Mensch ist als Sünder verzerrtes Ebenbild.

5) Sozial: Der Mensch verhält sich als Ebenbild Gottes, indem er Gott und dem Nächsten zugewandt ist, sich ihnen gegenüber liebend verhält.

6) Der Mensch als Gattung (nicht der Einzelmensch, das Individuum) wird als Ebenbild angesehen, als Geistträger. Die Betonung der Menschenwürde auch des Individuums in seiner Krankheit, seinem Tod ist von Jesus Christus geprägt worden.

7) Es ist die Rede von dem Menschen: Diese Aussage gilt für jeden Menschen – ohne Ausnahme. Die Ebenbildlichkeit Gottes gilt im alten Orient dem Herrscher – in Genesis wird dagegen gesagt: Jeder Mensch wurde von Gott erhoben.

Weitere Aspekte:

8) Die Schöpfungsgeschichten lassen erkennen, welches Menschenbild dahinter steht. Im Babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elisch wird gesagt: Der Mensch = Sklave der Götter. Genesis sagt dagegen: Der Mensch = Ebenbild Gottes zum Herrschen (dazu gehört auch: Bewahren) bestimmt.

9) Es stellt sich die Frage: Wenn der Mensch zum Ebenbild Gottes geschaffen wurde: Wer ist Gott – wie ist Gott? Kann man vom Menschen auf Gott schließen? Antwort: Die Bibel sagt, wer Gott ist – letztlich sehen wir das an Jesus Christus – und nicht am Menschen schlechthin. Andererseits: Jesus wurde, so lautet das christliche Bekenntnis: Mensch, nicht ein bestimmtes Tier. (Heute betonen manche, dass Jesus nicht Mensch wurde, sondern Geschöpf, was die Tiere einbeziehen würde.)

10) In der Schöpfungsgeschichte Genesis 1 spricht Gott: „Lasst uns den Menschen machen“. Was bedeutet hier uns? Christen sahen / sehen darin einen Hinweis auf den trinitarischen Gott. Zu dem Thema, s. die Darlegung zu den Schöpfungsgeschichten. Aber kurz: An der Stelle, an der es um den Menschen geht, ist der Mensch Jesus Christus im Blick. Von daher ist der Mensch Ebenbild Gottes.

11) Wer sich selbst und den anderen Menschen als Ebenbild Gottes ansieht, geht anders mit sich und anderen um.

12) Der Mensch ist relationales Ebenbild: der Mensch ist Ebenbild Gottes, nicht, weil er einen Auftrag ausführen kann usw. sondern weil er von Gott angesprochen wird. Dieser Aspekt ist mit Blick auf Menschen wichtig, die aus gesundheitlichen Gründen usw. nicht handeln können. Auch sie sind Ebenbild Gottes.

Fazit:

Wenn der Mensch Ebenbild Gottes ist, ohne Einschränkung jeder Mensch gleiche Würde hat, dann hat das Folgen für das Verhalten: kein Mensch darf erniedrigt werden, kein Mensch darf aus welchen Gründen auch immer (Abtreibung, Todesstrafe) getötet werden, keiner darf verachtet, übergangen werden. Soziale Gerechtigkeit ist herzustellen. Diese Sicht ist freilich auch von Jesus Christus her bestätigt worden. Wie sich Jesus den Menschen zugewendet hat – ohne Ausnahme – so ist der Glaubende in der Nachfolge Jesu angehalten, sich entsprechend zu verhalten.

Grundsätzlich bedeutet das, was im letzten Absatz gesagt wurde, aber auch: Wir leben „nicht mehr“ im „Paradies“. Von daher kann das eine oder andere zwar apodiktisch gesagt werden, ist in der Wirklichkeit jedoch immer auszuhandeln: Wie sieht es angesichts der konkreten Situation mit dem Handeln als Ebenbild Gottes aus? Entsprechend gibt es Auseinandersetzungen. Sie sind aber immer so zu führen, dass man einander als Ebenbild Gottes achtet.

Weitere Überlegungen:

  • Warum kann der Mensch lieben? Weil er die Liebe von Gott dem Schöpfer mitbekommen hat. Warum hat er Sehnsucht nach Gerechtigkeit? Weil er das Gefühl für Gerechtigkeit von Gott dem Schöpfer mitbekommen hat.
  • Warum erfährt der Mensch sich als Ich? Weil die Mutter / der Vater auf das Kind liebevoll mit Du reagieren, merkt das Baby, dass es ein Ich ist. Und wie merkten Menschen überhaupt, dass sie ein Ich sind? Weil sie von Gott angesprochen wurden.
  • Warum ist der Mensch – wie man sagt – schöpferisch tätig, obgleich Kunst normalerweise nicht zur Ernährung und zum Überleben beiträgt? Warum sieht der Mensch vieles als schön an, ist empfänglich für Schönheit – obgleich es ihm keinen Nutzen bringt? Weil er Ebenbild Gottes ist.
  • Warum redet der Mensch? Er wurde entsprechend körperlich gestaltet, um auf die Anrede Gottes reagieren zu können.
  • Warum kann der Mensch bewusst leiden?

Die christliche Anthropologie sieht den Menschen als ein ganz besonderes Wesen an, weil er als Ebenbild Gottes Wesens-Elemente besitzt, die Gott ihm geschenkt hat – und er mit ihnen verantwortlich umgehen könnte.

Viele der hier angesprochenen Punkte werden auf diesen Seiten der evangelischen-religion vertieft. So zum Beispiel die Frage nach der Würde des Menschen, Menschenrechte, Kultur des Todes und des Lebens, die Schöpfungsgeschichten, die Theodizee (warum gibt es Leid)?, Wahrheit, Ethik, Jesus Christus, Gott.