Sprache des Glaubens: Musik und Kunst
Zur Sprache des Glaubens gehört eine Fülle an nicht verbalen Äußerungen. Vielfach ist das in unseren Breiten nicht mehr so deutlich, weil sich Kunst von der Religion gelöst hat und selbst zu einer Art Religion geworden ist: nach dem Motto L’art pour l’art (Kunst um der Kunst willen). Religion äußert sich auch in Kunstwerken. Sie ist Ausdruck einer inneren Haltung gegenüber dem Transzendenten sowie Ausdruck der Gemeinschaft. Kultur, so wurde definiert, „veredelt das Natürliche, durch sie gestaltet der Mensch ganz bewusst seine Grundbedürfnisse.“ (1) Und dieses Veredelte wird dem Transzendenten geweiht, mit ihm in Verbindung gebracht. Der Mensch gibt den Ahnen, Geistern, Göttern, Gott das Beste, was er hat. Aus säkularer westlicher Sicht könnte man fragen: Könnten die Armen das Gold, das sie zum Beispiel für die Stupas spenden, nicht für soziale Zwecke ausgeben? Könnten Maler und Komponisten nicht ihre Zeit, die sie mit malen und komponieren verbringen, sinnvoller nutzen? Doch die Kunst-Spende ist selbst ein sozialer Zweck, denn das darf nicht vergessen werden: Religion stabilisiert in allen Lebenslagen. Musik und Kunst haben ihre eigenen Sprachen. Besonders die Musik. Beide Sprachen können wortlos Tiefen des Menschen erreichen.
Jüdische Kunst
Jüdische Kunst konzentrierte sich ursprünglich stärker auf die ästhetische Gestaltung ritueller Gegenstände, zum Beispiel die Gestaltung der Menora oder Chanukka-Leuchter. So manche rituellen Gegenstände konnten auch mit Edelsteinen verziert werden. Aber auch schon in der Antike gab es zumindest in der Synagoge von Dura Europos Mosaiken biblischer Szenen und aus der Schöpfung. Im Mittelalter entfaltete sich die Buchmalerei – aber nicht in der Tora. Kalligrafie gab es im Alltag, aber die Tora musste nach genauen Regeln abgeschrieben werden. Der heilige Text steht im Vordergrund, nicht die künstlerische Ausgestaltung, was im Grunde jedoch auch eine Kunst war. Es war keine Kunst, in der ein Individuum frei gestalten konnte, war aber Kunst in dem Sinn, dass es als sakrale Handwerkskunst bezeichnet werden kann. Auch hier: im Alltag wurden religiöse Gegenstände wie die Mesusa kunstvoll gestaltet, und das aus den verschiedensten Materialien. Die Mesusa ist eine Kapsel, die ein Pergament mit dem Glaubensbekenntnis enthält. Tallit (Gebetsschal) und die Kippa konnten reicher hergestellt werden, so mit Goldfäden und Perlen. Die Liebe zu Gott fand auch ihren Ausdruck in der Gestaltung weiterer ritueller Gegenstände, die zu Hause in Gebrauch waren. Es geht also um die Verarbeitung von Holz, Metallen, Elfenbein, Glas, Keramik und Stoffen.
Musik spielte im Judentum eine große Rolle, es sei an die Psalmen und die vielen Hinweise auf Musikinstrumente in der hebräischen Bibel gedacht. In der Synagoge wurde Musik zurückgedrängt, denn der Verlust des Tempels führte zur Trauer. Aber biblische Texte werden melodiös vorgetragen. Das Schofar (Widderhorn) ist zu manchen Zeiten als Signal allerdings ein wichtiges Instrument.
Islam
Im Islam herrschen geometrische Figuren vor und natürlich die Kalligrafie. Während die geometrischen Figuren Ordnung, die Allah vielfältig (Gesetze, Schöpfung) gibt, widerspiegeln, ist die kalligrafische Verarbeitung des Korans bzw. der für den Muslim heiligen Wörter ein Ausdruck individueller Verehrung des Wortes Allahs. Individuelle Kunst außerhalb der Religion zeigt sich zum Beispiel in der Kunst für die obere Schicht: Buchmalerei, Metallkunst, Keramik, Teppiche, Gartenkunst. So eindeutig sind religiöse und profane Kunst allerdings nicht zu trennen. Es sei an die Gebetsteppiche, in den alten Moscheen Ägyptens und anderer islamischer Staaten gedacht, an die Lampen, Waschbecken. Religiöse Kalligrafie befindet sich auch auf Alltagsgegenstände. Nicht unerwähnt darf die Gebetskette bleiben, die auch je nach Reichtum kunstvoll gestaltet werden konnte. Edelsteine können bestimmte Gegenstände in einer Moschee schmücken – vor allem sei an den „schwarzen Stein“ der Kaaba in Mekka erinnert, der eine äußerst hohe religiöse Bedeutung hat. Steine spielen auch eine Rolle als Abwehrzauber von bösen Geistern. Entsprechend konnten Waffen mit Edelsteinen geschmückt werden als Abwehrzauber, aber auch als Zeichen der Schutzmacht der Frommen. Auf Waffen konnten neben Edelsteinen auch Segenswünsche / der Thronvers eingraviert gewesen sein – Allah schützt den Träger, die von ihm verteidigten Frommen vor Menschen und Dämonen / Satan.
Musik ist im Islam umstritten. Manche Strömungen lehnen Musik vollkommen ab, manche verwenden sie in traditioneller Art und Weise im Alltag. Für mystisch orientierte Gruppen ist sie bedeutsam. Der Koran erwähnt Musik nicht. Aber: Der Islam kennt die Vortragsweise koranischer Texte in melodiöser Sprache.
Hinduismus
In hinduistischer Frömmigkeit sind die Tempel und Hausaltäre gefüllt mit Avataren, Götterbildern, kleinen Statuen, Symbolen. Sie werden mit Räucherstäbchen umgeben, werden bekleidet, gewaschen, vor ihnen wird geopfert, Menschen geraten in Trance. Szenen aus den Legenden werden am und in den Tempeln wiedergegeben. Der Handwerker steht in alten Traditionen, der die Herstellung des Kunstwerkes mit rituellen Handlungen begleitet. Und wenn das Kunstwerk im Tempel hergestellt ist, wird es durch religiöse Handlungen für die jeweilige Gottheit freigegeben. Es handelt sich also nicht um ein Kunstwerk im säkularen Sinn, sondern um ein religiöses Ereignis aus dem Erfahrungsschatz vieler, vieler Traditionen. Im Rahmen des Buddhismus werden im nächsten Abschnitt Mudras angesprochen, die auch im Hinduismus bedeutsam sind. Im Hinduismus kann der Tempeltanz eine wichtige Rolle spielen, in dem mit den Fingern, mit der Hand, mit der Körperhaltung im Tanz wichtige legendarische Geschichten erzählt werden. Edelsteine können auch in religiösem Kontext eine Rolle spielen, weil sie, so der Glaube, göttliche Energien bündeln. Und so werden sie kunstvoll in rituelle Gegenstände eingefügt. Heilige Texte werden melodiös gesprochen, was auch dem Auswendiglernen dient, also nicht allein religiöse Bedeutung hat – aber auch.
Musik ist im Hinduismus sehr wichtig – und das in vielfältigster Form. In den Veden finden wir spirituelle Gesänge. Gesänge dienen dazu, den Menschen mit Gottheiten wie dem Kosmos zu verbinden. Mit Blasinstrumenten werden Gottheiten durch die Straßen begleitet.
Buddhismus
In buddhistischer Frömmigkeit gibt es zahlreiche Buddha-Figuren, entsprechend auch Buddha-Gemälde – aber auch Gemälde von Geistern. Die Buddhafiguren sind Symbole für den inneren Frieden, des Glücks, aber auch der Lehre, sich auf den Weg zur Erwachung zu begeben. Wenn Buddhafiguren geschmückt werden mit Blumen, mit Gold beklebt, mit Wasser begossen werden, drückt das den Respekt vor den Lehren des Buddha aus, bedeutet aber auch, gutes Karma zu bekommen und einen Moment der Meditation. Es klingt banal: „mit Blumen“ – aber auch hier konnten Blumenarrangements kunstvoll gestaltet werden. Tempel- und Klosteranlagen sind architektonisch ebenfalls Kunst. Stupas / Tempel und Buddhastatuen wie Meditationsglocken können mit Edelsteinen verziert werden. Gärten können im Zenbuddhismus dazu dienen, sich spirituell loszulassen um sich mit Hilfe der geordneten Natur auf den Weg der Erwachung zu begeben. Im Alltag gibt es Hausaltäre, mit Buddhafiguren und kunstvoll gestalteten Opfergefäßen. Es gibt Amulette, Glückssymbole, Stoffe, Gebetskette – alle kunstvoll gestaltet. Wenn Buddhafiguren betrachtet werden, erkennen auch Westler die besonderen Handhaltungen. Die Mudras. Diese sind eine Kunstform, die mit dem Körper gestaltet werden, um Energien zu lenken. Jede Handhaltung mit Fingerbewegung hat ihre eigene Bedeutung. Auch im Buddhismus können besondere Texte melodiös, rhythmisch gelesen werden. Und ein Bild, das immer wieder in unterschiedlichsten Farben gemalt wird, ist das „Rad des Lebens“, das den Kreislauf der Wiedergeburten und die Ursache des Leidens künstlerisch wiedergibt.
Musik findet in engen disziplinierten Rahmen statt, sie dient der Meditation. Dazu gehören Glocken- und Klangschalenklänge, Trommeln, Blasinstrumente. Der Buddhismus kennt auch den Kehlgesang der Mönche.
Konfuzianismus
Konfuzianistische Kunst hat wieder einen anderen Charakter. In ihr geht es um die Ahnenverehrung und um die kosmische Ordnung im philosophischeren Sinn. Landschaftsmalerei und Kalligraphie zeigen die Ordnung des Kosmos. Wichtig sind die rituellen Geräte zur Ahnenverehrung aus Jade und Bronze. Entsprechend wird die Ordnung ebenfalls in der Architektur ausgedrückt oder in Gärten. Die kunstvollen Jadeamulette, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, bedeuten Segen und Schutz der Ahnen. Im Konfuzianismus geht es um die Hierarchie als Ausdruck der kosmischen Ordnung. Und dafür spielt auch die Kleidung eine wesentliche Rolle. Je nach Rang wurden Muster und Farben erlaubt, sie wurden nach vorgegebenen Schnittmustern gestaltet – kurz: ordentliche Kleidung spiegelt die Weltordnung wider. Seide und kostbare Stickereien zeigten den Rang, wurden aber auch in der Verehrung der Ahnen verwendet.
Musik im religiösen Sinn dient der Förderung der sozialen Ordnung als Abbildung der kosmischen Ordnung. Edle Musik der Zither fördert diese, dient auch der Meditation / Kontemplation (2).
Afrikanische Kunst
In afrikanischer Kunst spielen Masken und Skulpturen eine bedeutsame Rolle. Sie verkörpern Ahnen und Geister. Sie visualisieren, verkörpern also die unsichtbare Welt. Edelsteine spielten weniger eine Rolle, aber Mineralien insofern Masken mit bestimmten Erd-Farben (so das Weiß), gestaltet wurden. Perlmutt und Muscheln konnten auch in die Werke eingearbeitet werden.
Musik ist äußerst wichtig. Durch Rhythmus gerät der Mensch in Ekstase / Trance und das bedeutet, er kommt in Kontakt mit Ahnen und Geister, besänftigt diese im Kontext von Opfergaben. Bestimmte Gesänge loben die Ahnen, bitten die Ahnen um Schutz. Musik und Tanz gehören zusammen und ist ein gemeinschaftlich vollzogenes Ritual. Nicht alle müssen tanzen, aber trommeln, klatschen, singen.
Kunst: Christliche Kunst
Die christliche Kunst ist greifbar seit dem 3. Jahrhundert (Reliefsarkophage) – und wurde von einfachen Anfängen immer stärker bis hin zu großartigen Werken weitergeführt. Christliche Künstler haben ihren Glauben durch die Jahrhunderte wiedergegeben. In den Religionen gab es vielfältigen Ausdruck der Verehrung der Ahnen, Geister, Götter durch verschiedenste Kunstwerke. Auch im christlichen Glauben werden unterschiedlichste Materialien verwendet. Es sei an die Kreuze, die Monstranzen, die Stoffe, die Kleidung der Priester, in katholischen Ländern die Kleidung der verehrten Heiligen und der Maria gedacht. Auch die so verpönte „Sonntagskleidung“ die in Verruf gebracht wurde (Eitelkeit) war Ausdruck dafür, Gott zu ehren. Die Eucharistie- / Abendmahlsgeräte, die vielen, vielen Gemälde, Ringe, Buchmalereien, Stickereien, Schnitzereien sind weitere Beispiele. Vieles wurde mit Edelsteinen geschmückt. Auch die Kaiserkrone wurde mit Edelsteinen verziert, nicht nur als Zeichen der Macht, sondern auch als Zeichen dafür, dass der Kaiser aus göttlichen Gnaden eingesetzt wurde. In der Offenbarung des Johannes besteht das neue Jerusalem aus vielen Edelsteinen – so wird auch der Herrscher ein Abbild himmlischer Herrschaft. Selbst die Tänze finden sich noch rudimentär: In der Liturgie sind / waren Körperbewegungen vorgegeben; Tänze kommen wieder stärker in den Blick durch christliche Gemeinden in Asien und Afrika, gab es aber auch sonst immer wieder in einzelnen christlichen Strömungen. Klostergärten waren für die Ernährung praktisch, waren aber auch als ein kleines Paradies auf der Erde konzipiert, waren ein geschützter Raum der Kontemplation (2) (3); es sei auch an die Handhaltung Jesu auf den Gemälden gedacht und die Handhaltung der Christen bei dem Bekreuzigen oder dem Segen. Erst mit der Reformation wurde die protestantische Konfession immer kunstloser, einfacher, schlichter. Die Konzentration auf das Wort Gottes stand / steht im Mittelpunkt. Parallel entwickelte sich die Kunst dann außerhalb der Kirche – eben: L’art pour l’art – aber auf der Ebene einfacher Gemeindeglieder wird sie wieder immer bedeutsamer. Es gibt sehr viele Bilder von Menschen, die nicht so sehr berühmt sind, die aber für die private Frömmigkeit Relevanz haben. Wenn Kataloge bestimmter religiöser Verlage aufgeschlagen werden, finden sich dort viele Gegenstände, die kunstvoller Ausdruck der Frömmigkeit sind. Nicht nur Kreuzkettchen, sondern auch die „Perlen des Glaubens“ sind Beispiele dafür.
Die Kunst hatte und hat unterschiedlichste Funktion (das gilt nicht allein für christliche Kunst). Ein paar Aspekte von Bildern / Gemälden seien genannt:
- Bilder dienten der Belehrung der Menschen, die nicht lesen konnten;
- sie dienten als Hilfe für die Anbetung, wie die zahlreichen Stundenbücher für die Herrschenden und die Menschen in den Klöstern.
- Sie dienten vielen nicht nur zur Anbetung, sondern auch zur mystischen Versenkung.
- Sie sind Kultobjekte, also dienen sie dem Gottesdienst.
- Die Glaubenden werden Teil einer Gemeinschaft mit dem Gemalten, also Christus, Maria, den Heiligen, der himmlischen Welt.
- All diese Bilder dienen auch der Visualisierung des Glaubens, holen ihn somit aus einer gewissen Abstraktheit heraus.
- Durch die Kunst wird das gemalte Heilige im Raum präsent, wie auch die „Marterl“ und Kreuze auf Bergen zeigen: Das gehört zur Schöpfung Gottes, sie liegt in seiner Hand, der Mensch lebt vom Segen Gottes. Und durch die bunten Kirchenfenster wird der Raum in immer anderes „göttliches“ Licht getaucht. Der Raum wird „heilig“ – wie auch durch Marterls und Bergkreuze der Raum / die Landschaft Gott zugeordnet werden. Ich bin als Mensch nicht allein.
- Ikonen der Orthodoxen Kirche haben weitere Bedeutung: das „Malen“ selbst ist eine Handlung der Anbetung – und stellt auch Nähe der Glaubenden zu den Abgebildeten her. Statt des Wortes „Malen“ ist schreiben angemessener. Der Maler öffnet als Werkzeug Gottes den Weg zu Gott.
- Die Kunstwerke entstanden in Auseinandersetzung mit und in Aufnahme der jeweiligen Gegenwart, in Transformation der jeweiligen schweren Gegenwart. Sie haben die jeweilige Gegenwart mit dem Licht Gottes konfrontiert.
- Diejenigen, die die Kunst finanzierten, sind manchmal auch auf den Bildern verewigt worden (Stifterbilder). Sie werden als ein Teil der Heilsgeschichte dargestellt, sie werden ihr ein- und untergeordnet. Das mag doppeldeutig sein, sie lassen sich verehren im Kunstwerk – das ist allerdings symbolisch auch tiefergehend zu betrachten.
Heute haben die Werke eine andere Bedeutung. So sind sie nicht mehr Teil des Gottesdienstes, sondern Künstler drücken ihren Glauben oder die Kritik am Glauben mit einzelnen bildhaften Kunstwerken aus. „Einzelne Kunstwerke“ bedeutet: Sie sind nicht mehr Teil einer Raumkomposition. Das betrifft auch die Gemälde, die aus dem ursprünglichen kirchlichen Kontext herausgenommen und nun in Museen bewundert werden. Sie sind nicht mehr Teil eines Kirchen- oder Zeitraumes, sondern Betrachter sehen sie „nur“ als Kunstwerk. Freilich haben sie alle zusammen Teil am Lob Gottes. Jedes einzelne Werk ist ein Mosaiksteinchen des Glaubens an Gott in Jesus Christus.
Gibt es ein vielfältigeres Bild, als das Bild, das christliche Künstlerinnen und Künstler durch die Jahrhunderte hindurch und weltweit gemeinsam schufen? Was für ein Kunstwerk ist es, wenn alle Bilder zusammengeführt werden würden! Jeder christliche Künstler, jede christliche Künstlerin bildet dieses große Kunstwerk fort.
Auch hier sei die Musik erwähnt: Musik spielt in alttestamentlicher und neutestamentlicher Tradition eine große Rolle. Sie hat verschiedene Formen angenommen: einzelne Sänger (ohne Instrumente), einstimmige Chöre, gemischte Chöre (Frauen und Männer) – die dann allerdings durch reine Männerchöre verdrängt wurden. Der Gesang war dem Wort Gottes untergeordnet, das heißt, es wurden keine populären Lieder gesungen. Christlicher Musikgeschmack führte im Gegensatz zu der heidnischen Umgebung eher zu einer schlichten Klangkultur. Im Laufe der zwei Jahrtausende änderte sich so manches: vom Gregorianischen Gesang, über den liturgischen Gesang und dem gemeinsamen Gemeindegesang (mit Orgel begleitet), bis hin zu den hochkomplexen Werken eines Johann Sebastian Bach oder Joseph Haydn. Die religiösen Werke wurden schließlich aus den Kirchen hinausgetragen in die Konzertsäle. Und von hier aus versuchen Säkulare bzw. Atheisten, die christliche Kunst mögen, sie uminterpretieren. Sie sagen: Sie ist nicht christlich. Sie ist, weil sie aus den Tiefen des Menschseins kommt. Dennoch darf gefragt werden: Wird eine solche Auffassung den Komponisten gerecht? Würde ein Johann Sebastian Bach damit einverstanden sein, dass ihm einer sagt: Du machst tolle Musik – aber nicht, weil du Christ bist!
Zusammenfassung
Kunstwerke welcher Art auch immer waren ursprünglich mit Blick auf Ahnen, Geister, Götter, Gott gerichtet. Je nach Kultur entwickelten sie sich, prägten sie sich aus. Grundlegend zeigt das aber, dass der Mensch wohl aller Kulturen ein Wesen ist, das so etwas wie Kunst nicht nur entwickelt, sondern auch benötigt. Indem er es für die Ahnen, Geister, Götter, Gott gestaltete, gestaltete er es auch für sich selbst, bzw. drückte seine innere Haltung aus. Kunst gehört zum Kern des Menschen, mit der er sich als Individuum verortet, in und als Gemeinschaft und mit Blick auf die Transzendenz, dem Unsichtbaren. Kunst in der Moderne dient – was das Design betrifft, eher der Ästhetik, wenn es nicht einfach nur praktisch ist: Kannen, Autos, Bestecke, technische Geräte sind vielfach nicht einfach nur praktisch, sondern eben ansprechend gestaltet. Moderne Gemälde, autonome Kunstwerke dienen vor allem aber auch dazu: sie wollen zum Nachdenken anregen, wollen provozieren. Damit sei wieder auf den ersten Absatz dieser kurzen Darlegung hingewiesen.
Zusammengefasst – hierbei geht es im Wesentlichen um die Kunst mit Blick auf die Vergangenheit, die europäisch / nordamerikanische Gegenwart löst sich, wie gesehen, schrittweise davon:
- Transzendente Ausrichtung: Es geht um die Hingabe an ein höheres Wesen, seien es Geister, Ahnen, Götter, Gott.
- Innere Verortung: Der Mensch hat das Bedürfnis, den Tiefen seines Wesens Ausdruck zu verleihen, wie oben gesehen, in den verschiedensten Formen, mit den verschiedensten Materialien. Alles, was er kann und hat, Emotion, Denken, Gestalten findet Ausdruck in der Handwerkskunst, die er dem Transzendenten weiht. Dadurch, dass er sich nach außen an die Transzendenz wendet, stabilisiert er sich selbst.
- Gemeinschaftlicher Nutzen: Kunst dient der Gemeinschaft, sie hilft, die Identität der Gruppe zu finden.
(1) https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/verhalten-ethik/kultur/
(2) Der Unterschied zwischen Meditation und Kontemplation besteht darin, dass Meditation um etwas kreist, die Kontemplation sich aber in Gottes Licht stellt. Buddhistische Meditation möchte letztlich nicht um etwas kreisen, sondern aus diesem Kreisen zur Erwachung ausbrechen. Aber christliche Kontemplation möchte nicht ausbrechen, sondern ist mit Gott personenbezogen. Die konfuzianistische Form ist beides, Meditation und Kontemplation – aber Kontemplation nicht im christlichen Sinn: Hier stellt man sich nicht in das Licht Gottes, sondern in die Sphäre der Ordnung, nicht um mit Gott in Beziehung zu treten, sondern um ein besserer Mensch – also ein gesellschaftlich angepasster Mensch – zu werden.
(3) Auch geordnete Gärten an Schlössern dienten nicht nur der Lust, sondern waren Folgen der „humanistischen Philosophie“ der damaligen Zeit – der Renaissance: in ihnen gibt es manchmal heidnische Tempelchen, Skulpturen antiker Gottheiten; der Barockgarten signalisierte die Macht des Menschen, der Vernunft, über die Natur. Im 18. / 19. Jahrhundert wurde diese Strenge zugunsten der „natürlichen“ Landschaft aufgegeben. Die Romantik suchte, wie Caspar David Friedrichs Gemälde verdeutlichen, das Erhabene, also christliche Gotteserfahrung, in der wilden, ungezähmten Natur. Also auch hier: Gärten sind nicht nur Gärten, Landschaft ist nicht nur Landschaft.
Aufgabe 1 (Multiple Choice):
A: Worauf konzentrierte sich die jüdische Kunst ursprünglich besonders?
1. Landschaftsmalerei
2. Rituelle Gegenstände
3. Buddhafiguren
4. Tempeltanz
B: Welche Kunstformen dominieren im Islam?
1. Menschenstatuen und Fresken
2. Geometrische Figuren und Kalligrafie
3. Landschaftsmalerei und Ikonen
4. Masken und Skulpturen
C: Wofür stehen Buddhafiguren im Buddhismus?
1. Für Krieg und Stärke
2. Für Reichtum und Macht
3. Für Lehre und Erwachung
4. Für Ahnenverehrung
D: Welche Funktion hatte Musik im Konfuzianismus?
1. Unterhaltung
2. Trance und Ekstase
3. Kriegsmusik
4. Förderung sozialer Ordnung
E: Welche Aussage trifft auf christliche Kunst zu?
1. Sie bestand nur aus Gemälden
2. Sie entwickelte sich erst im Mittelalter
3. Sie lehnte Musik grundsätzlich ab
4. Sie verwendet unterschiedliche Materialien und Ausdrucksformen.
Aufgabe 2:
Wenn christliche Künstler in traditionelle Art und Weise Christus malen, provozieren sie damit die säkulare Gesellschaft?
Aufgabe 3:
Warum dienen religiöse Opfergaben (zum Beispiel Gold für Stupas) auch einem sozialen Zweck?
Aufgabe 4:
a) Erkläre, welche Funktion Kunst im Christentum erfüllt. Nenne mindestens vier Beispiele.
b) Recherchiere: Welche zeitgenössischen Bilder über Jesus gibt es.
c) Stelle eines der Bilder vor: das Dir besonders gefällt; oder dem Du kritisch gegenüberstehst; oder das Du als provokant ansiehst. Begründe.
Aufgabe 5:
a) In den Abschnitten oben wurden eine ganze Menge Informationen mitgeteilt. Zu welchen hast Du Fragen? Was hast Du nicht verstanden? Was möchtest Du vertiefen? Schreibe diese Aspekte auf.
b) Versuche diese mit Hilfe von Informationen aus dem Internet und / oder Büchern zu klären, zu vertiefen.
Aufgabe 7:
Nimm Stellung zu dem Satz aus dem Text: „Und von hier aus versuchen Säkulare bzw. Atheisten, die christliche Kunst mögen, sie uminterpretieren. Sie sagen: Sie ist nicht christlich. Sie ist, weil sie aus den Tiefen des Menschseins kommt. Dennoch darf gefragt werden: Wird eine solche Auffassung den Komponisten gerecht? Würde ein Johann Sebastian Bach damit einverstanden sein, dass ihm einer sagt: Du machst tolle Musik – aber nicht, weil du Christ bist!“
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Literatur:
Vieles des hier Genannten ist anhand der Dokumentationen von Hans Küng: „Spurensuche“ zu erkennen und nachzuvollziehen. Daneben gibt es eine Fülle an Filmen auf Youtube, die die Kunst, die Musik der jeweiligen Religionen darstellen.