Vgl.: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/mensch/geschichtshandeln/

Vorüberlegung

Gott wirkt in der Geschichte der Menschheit – Gott wirkt in der Lebensgeschichte des Individuums. Dass das gesagt werden kann, ist Folge der Interpretationen des Handelns Gottes, wie sie in biblischen Schriften bekannt wird. Israel sieht Gott in der Geschichte handeln – und bringt das auch ganz intensiv zur Sprache. Einzelne Glaubende sehen Gott in ihrer Lebensgeschichte handeln – und bringen das auch ganz intensiv zur Sprache – zum Beispiel in den Psalmen. Wie Gottes Handeln in der Geschichte zur Sprache gebracht wird, ist bis heute sehr stark von den jeweiligen Zeiten und den Individuen abhängig.

Gott und Geschichte

Der jüdisch-christliche Glaube ist sehr stark mit Geschichte verknüpft.

1. Altes Testament

Der Auslöser dieses Glaubens, dass Gott in die Geschichte eingreift, war die Erfahrung von Israeliten, dass Gott sie aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat. Lange haben sie geklagt und auf Befreiung gehofft und darum gebetet. Dann berief Gott den Moses (warum erst jetzt, das wird nicht gesagt) – stärkte, half, begleitete ihn und das Volk. Diese Erfahrung, dass Gott der Befreier aus langer Notsituation ist, ist für weiteres Geschichtsdenken relevant. Aufgrund der langen Zeit des Klagens können auch die Hörer dieses Textes darauf schließen: Wir wissen nicht wann Gott eingreift – wir wissen aber, dass er es tut.

Wie auch immer historische Forschung das alles einordnet und herausarbeitet: Wichtig war dann, dass Gott in die Geschichte dadurch eingreift, dass er gegen feindliche Angriffe Menschen beruft, auch äußerst sonderbare Menschen, und durch sie dem Volk das Land immer stärker übereignete (Richterbuch). Gott erlaubte dem Volk später einen Herrscher zu haben, der das Volk leiten sollte. Neben den Königen gab es Priester und Propheten. Priester wirkten am Tempel, die großen Propheten wirkten eher oppositionell politisch.

Deuteronomisten sichteten wohl spätestens in der Zeit der Babylonischen Gefangenschaft die gesamte israelitische  Vergangenheit und erkannten in ihr Gottes Geschichtshandeln ganz deutlich: Gott hat Israel erwählt – er schloss mit dem Volk einen Vertrag. Wenn das Volk den Vertrag einhält, dann lässt Gott es dem Volk gut gehen, wenn es den Vertrag bricht, dann lässt er es disziplinieren. Diese Sicht hatten auch die Propheten und warnten vorneweg: Verhaltet euch vertragsgemäß. Wenn ihr das tut, dann wird es euch gut gehen, wenn nicht, werden euch fremde Mächte überwinden und ihr müsst für die Fehler der Herrscher, der Priester und euer eigenes asoziales Verhalten büßen. Propheten waren von Gott überwältigte und politisch sehr wachsame Menschen – und so realisierte sich das, was sie als Wort Gottes angekündigt hatten.

In diesem aus vielen Perspektiven sinnlosen Auf und Ab der Geschichte sehen die Glaubenden als Konstante: Gott. Und das schenkt Trost: Wenn es auch noch so schlimm aussieht, Gott wird eingreifen. Jedoch: Wann? Wir erkennen in den Psalmen viele Klagen darüber, dass die Menschen nicht verstehen, dass Gott nicht eingegriffen hat – und sie vertrauen ihm, dass er in Zukunft eingreifen wird. Wir sehen hier die vielfältige Auseinandersetzung mit Gott, den wir Menschen nicht verstehen, den verborgenen Gott. Das betrifft sowohl das Volk insgesamt als auch das Individuum, dessen Klage dann im Hiob Buch literarisch verdeutlicht wird. Gleichzeitig wird Gott dafür gedankt, dass er eingegriffen hat, in die eigene Not wie die Not des Volkes und die Not beseitigte.

Der König David wird – obgleich er massive moralische Vergehen verübte – der ideale König. Und so kommt die wunderbare Zukunft in den Blick, in der Gott einen Nachkommen Davids auf den Thron heben wird, der anders als viele Herrscher Recht und Gerechtigkeit bringen wird. Damit wird auch die Verheißung an die Väter, Abraham, Isaak, Jakob aufgegriffen: Vor Moses schon hat Gott dem Vater Abraham gesagt: Er wird seine Nachkommen zu einem großen Volk machen – „und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (Genesis 12) Mit diesem Ausblick auf alle Völker ist auch verbunden, dass Gott der Schöpfer aller Völker ist. So beginnt die Bibel mit der Schöpfung der Welt, die Entstehung der Völker – und ein kleines Volk wird berufen: Israel, Gottes Volk zu sein. „Nicht hat der Herr euch angenommen und erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das Kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat.“ (5. Buch Mose 7) Und mit dieser Erwählung beginnt die Geschichte des Volkes Israel. Und die Geschichte Israels endet, so die Verheißung, dass das Volk wieder in Israel gesammelt wird und der Tempel für das wahre Opfer errichtet werden kann. Und die Völker strömen herbei, um Gott zu dienen.

Diese Zukunftsvorstellungen sind nicht einheitlich, wie auch manche dieser Sichtweisen von Geschichte nicht einheitlich sind. Es handelt sich um Interpretationen der jeweiligen Gegenwart mit Blick auf die Zukunft. Die gegenwärtige Geschichtsinterpretation soll die Zukunft prägen. Geschichte ist nicht ein einerlei ablaufendes Etwas, ein Etwas, das sich immer in Not und Leid wiederholt, sondern sie ist zielgerichtet – ausgerichtet auf Gottes gutes Ziel, das er mit dem Volk (und manche schauen auf die Menschheit insgesamt) hat.

Dieses jüdische Geschichtsdenken unterscheidet sich von einem rein geistig gedachten Handeln einer Gottheit. Dieser Glauben gibt der Geschichte einen Sinn.

2. Frühe christliche Gemeinde

In dieser Tradition lebte die frühe jüdische (judenchristliche) Gemeinde. Sie erkannte in Jesus Christus den Sohn Davids, der ewig auf dem Thron sitzen wird – aber in modifizierter Weise, als es alttestamentlich erwartet wurde – modifiziert im Sinne Jesu. In Jesus Christus kommt Gott selbst als Mensch in die Menschheitsgeschichte. Er prägt sie. Die Menschheit – nicht mehr allein Israel – geht auf eine Zukunft in Gerechtigkeit zu, in der Unrecht gerichtet und Gottes Liebe sich durchsetzen wird. Bis es aber soweit ist, sollen die Glaubenden sich von Gottes Geist leiten lassen und schon auf diese gute Herrschaft Gottes hinarbeiten – und zwar weltweit. Das bedeutet: Menschen machen Geschichte. Unbedeutende Menschen, indem sie sich gegenüber den Mitmenschen im Sinne Gottes verhalten. Eine Mitmachgeschichte: Der Mensch, der Jesus Christus folgt, soll sich so verhalten, wie es dem Glauben an Jesus Christus entspricht. Unbeachtete Menschen rückten ins Zentrum: Man gab Hungernden, nahm ausgesetzte Kinder auf, man gründete Tafeln, half Witwen und Waisen, gründete dann später (2./3. Jahrhundert) Krankenhäuser… (Dass es in dieser Geschichte auch viele Scharlatane gab, ist leider auch Teil der Geschichte. Darum wurde im 2. Jh. die kirchliche Hierarchie entwickelt, um die Scharlatane zu isolieren. Ebenso wurde in der Zeit die Grundlage für den neutestamentlichen Kanon [Sammlung von Schriften] gelegt, um zu zeigen, welcher Maßstab für Christen gilt.)

Die alttestamentlich dominante Sicht ist also rückblickend erschlossen worden: Das Volk erkennt: Gott hat uns geleitet, durch Höhen und Tiefen. Er hat Vertragsbruch geahndet, er hat Vertragserfüllung belohnt. Diese Sicht war dann später für die jeweilige Zeit Mahnung – handle nach Gottes Willen – und Trost: Gott ist der Herr auch dieser negativen Zeit, in der wir leben. In der neutestamentlichen Apokalypse des Johannes wird diese Sicht (unter Aufnahme zwischentestamentlicher jüdischer Literatur) dann auf die ganze Welt ausgedehnt und modifiziert: Die christliche Gemeinde soll sich im Sinne Gottes standhaft verhalten, denn sie wird von den Heiden massiv angegriffen und verfolgt (Verfolgung in der Zeit Domitians – ca. 95 n.Chr.) – aber Gott wird diesem Unrecht ein Ende bereiten. Der Apokalyptiker Johannes hat das mit Blick auf Naherwartung ausgesprochen: Gott wird bald alle Tränen abwischen. Auch Jesus war wie sein Lehrer Johannes von der Naherwartung überzeugt: Bis Gott kommen wird, sollen die Nachfolgerinnen und Nachfolger sich schon so verhalten, wie Jesus es vorgelebt und gefordert hat. (Naherwartung – man wundert sich, dass die frühe Gemeinde diese Texte beibehalten hat, obgleich sie doch den Erfahrungen widersprochen haben. Die Evangelien usw. sind geprägt von der Erfahrung der Auferstehung Jesu Christi. Von daher waren solche Aussagen, die die Naherwartung aussprachen, irrelevant. Es gab dann Erklärungsversuche, um die Spannung zwischen Naherwartung und das Ausbleiben der Gottesherrschaft zu verstehen. Aber die Erfahrung von Kreuz und Auferstehung, vom Leiden Gottes und der Überwindung des Leidens durch Gott, strahlt so hell, dass auch diese Spannungen überstrahlt und irrelevant werden.)

Wir sehen zum Beispiel im Lukasevangelium, dass die alttestamentliche Sicht, die in den Geburtsgeschichten ausgesprochen wird, christlich modifiziert wird: Jesus ist der Messias, aber er wird nicht die Römer aus dem Land werfen, sondern er hat als Sohn Gottes ein anderes Konzept: Er regiert, er leitet die Seinen durch seinen Geist. Der nationale Glaube wird Internationalisiert. Es kommt  nicht mehr darauf an, dass allein das Volk Gottes zu Gott zurückfindet – die ganze Menschheit hat Anspruch darauf, die frohe Botschaft (das Evangelium) zu hören. Und der Heilige Geist, also Gott selbst, ist die Kraft, der Motor weltweiter Verkündigung. Die Kinder Gottes müssen unter Verfolgungen, Spott usw. leiden – aber das wird sie nicht klein kriegen, sie werden durchhalten… Leiden bedeutet nun nicht mehr, dass man von Gott bestraft wird, dass Gott den Menschen allein gelassen hat. Verfolgungsleiden ist gerade ein Zeichen dafür, dass man zu Gott gehört. Widergöttliche Menschen sind es, die den Glaubenden leiden zufügen. Hiermit werden auch alttestamentliche Ansätze aufgegriffen, die vom leidenden Gerechten sprechen: Man erträgt das Leiden, das Menschen Gott zufügen wollen.

Kurz gesagt: Alttestamentliche Erwartungen wurden durch das Jesus-Ereignis neu gedeutet, modifiziert aufgenommen. So wurde (nicht nur) für Lukas Jesus Christus das Zentrum der Geschichte.

Deutlich ist, dass wir hier gedeutete Geschichte haben, eine Geschichte, die aus Glauben gedeutet wird. Es werden schlechte Zeiten eingeordnet – es werden gute Zeiten eingeordnet. Nun haben freilich auch damals nicht alle diese Sichtweise übernommen, es hat sich Heidnisches gehalten – aber diese Sicht hat sich dann doch weitgehend durchgesetzt.

3. Eine Beziehungsgeschichte in Freiheit

Die Konstante, die die Bibel durch die 500-1000 Jahre durchzieht: Gott ist der Herr der Geschichte. Wie er der Herr der Geschichte war, so wird er es auch sein. Doch er ist kein Herr der Geschichte, der alles minutiös geplant hat und der Mensch nun seine Marionette ist. Gott ist Herr der Geschichte, der sie lenkt und weiterführt – aber sie ist auch Beziehungsgeschichte, das heißt, er lässt den Menschen Freiheit. Und nur weil der Mensch frei ist, kann er verantwortungsvoll handeln, nur weil er frei ist, kann Gott ihm Gebote geben, an denen er sich ausrichten soll. Weil der Mensch frei ist, kann er auch gegen Gott handeln, gottloses Handeln (auch derer, die sich Gott zuordnen) bringt allen Menschen Not und Unglück. Wenn also keiner da ist, der in Gottes Sinn handelt, dann geht es in der Welt sehr schlimm zu, bis sich Menschen wieder motivieren lassen, im Sinne Gottes zu handeln und das Übel zu bekämpfen.

4. Gott lenkt alles – Gott lenkt nichts

Es gibt zwei Extreme – bis in die Gegenwart: Gott lenkt alles. Und weil er alles lenkt, ist er für alles zuständig, auch für alles Leiden. Das andere Extrem: Gott lenkt nichts, der Mensch macht alles. Zwischen diesen beiden Extremen finden wir unterschiedliche Interpretationen. Aber: Glaubende wissen sich in all diesen Möglichkeiten bei Gott geborgen, weil er der Herr der Geschichte ist, wie auch immer. Und wenn sie ihn nicht wahrnehmen, dann begegnen wir den unterschiedlichen Erklärungsversuchen, die in den Abschnitten zur Theodizeefrage angesprochen werden. Diese Frage nach Gottes Handeln in der Geschichte bricht dann besonders intensiv auf – und das nicht erst in der Neuzeit, sondern schon in alttestamentlicher Zeit durch die gesamte Geschichte hindurch – wenn Menschen besonders brutal mit anderen Menschen umgehen. Parallel dazu: Diese Frage begegnet besonders intensiv, wenn es dem Individuum besonders schlecht geht. Katastrophen in der Menschheitsgeschichte wie in der Individualgeschichte lassen diese Frage nach Gottes Handeln gleichermaßen aufkommen. Geschichtsbedingte Theodizee und die Theodizee des Individuums führen dazu, dass die jeweilige Zeit wie die jeweiligen Individuen nach Antworten suchen. Einmal aus der Beziehung zu Gott heraus – oder eben auch nicht. Man kommt zu allen Zeiten zu unterschiedlichen Antworten: Während man nach 1945 in Deutschland meinte, man könne nach Auschwitz nicht mehr von Gott reden, meinte die Theologie der Befreiung aus der Perspektive des Leidens in Südamerika heraus: Im Gegenteil: In Auschwitz muss man von Gott reden. So auch Bonhoeffer: Gerade in einer Welt, in der man sich von Gott verlassen fühlt (eine gott-lose Welt), müssen Glaubende Gott verkünden, weil Gott selbst in eine gott-lose Welt gekommen ist. Weil Gott selbst in Jesus das Gefühl der Verlassenheit erlebte, ist er in der Verlassenheit anwesend.

5. Interpretierte Geschichte: vom Optimismus zur Barbarei

Geschichte ist immer interpretierte Geschichte. Fakten sind meistens deutlicher vor Augen. Aber wie sind die Fakten einzuordnen? Das wird in der Geschichtswissenschaft vielfach diskutiert.

In der Gegenwart gibt es freilich auch die Sicht, dass es keinen Gott gibt. Das bedeutet: Geschichte hat keine Konstante.

A) Entweder: es ändert sich nichts, es läuft immer alles irgendwie gleich ab; freilich gibt es technische usw. Änderungen – aber der Mensch bleibt immer derselbe.
B) Oder: Wir Menschen bekommen schon die wunderbare Welt hin, es wird immer besser, technische, medizinische usw. Fortschritte werden immer toller, ethisch wird der Mensch gehoben – vor allem unter Ausschaltung von Störungen, die die Religionen und andere Übeltäter verursachen; oder: Man manipuliert ihn – je nach Möglichkeiten und Macht der jeweiligen Gruppen, die ihre heile Welt vor Augen haben.
C) Viele Variationen zwischen A und B.

Aus christlicher Perspektive ist zu sehen: Es wird immer besser – die (wahre) Gemeinde wird sich ausbreiten, ihre Sichtweise von einer guten Welt wird auch andere anstecken. Pessimismus ist nicht angesagt. Aber: Der Mensch wird es alleine nicht hinbekommen. Er wird immer wieder in seine aggressiven Muster zurückfallen. Nicht unbedingt, weil Menschen bösartig sind, sondern weil sie meinen, dadurch das vermeintlich Gute durchzusetzen. Die Ambivalenz des sündigen Menschen wird deutlich, der nicht immer unterscheiden kann, was ist gut, was ist böse, wenn er von Gott gelöst ist. Erst Gott wird die Menschheit zu dem führen, wonach sie sich sehnt. Dazu gehört auch die Überwindung des Todes.

Punkt B) zeigt übrigens auch, wie wirkmächtig unter anderem die biblische Sicht geworden ist, dass Geschichte auf eine gute Zukunft hinlaufen wird. Den säkularen Fortschrittsoptimismus gab es schon häufig. So zum Beispiel vor dem Ersten Weltkrieg – bis dann diese Sicht zusammenbrach. Den gab es mit Blick auf die Aufklärung, den Kommunismus, den Nationalsozialismus, dann mit Blick auf die Wissenschaft… Aber jedes Mal kam der Zusammenbruch, es sei nur an die Atombombe erinnert, die Zweifel an der Wissenschaft aufkommen ließ (man beachte, dass Oppenheimer das Atombombenprojekt „Trinity“ [Trinität] nannte. Wir vergessen nur so schnell und denken immer: Mit uns fängt alles neu an, endlich kommt die neue (heute: digitale) Welt. Das ist auch wichtig, weil Menschen diesen Optimismus benötigen, um weiterzukommen. Bis sie dann wieder in die Barbarei zurückfallen – und sich wieder zu neuem Optimismus aufrappeln.

6. Perspektive der Bibel

Sieht man nicht, dass Gott keine Rolle spielt, sondern nur menschliche Interpretation? Gott spielt in der Interpretation durch die Menschen eine Rolle. Gott verhilft der Menschheit in dem Rahmen, wie sie es jeweils auffassen kann, zum Verständnis von Geschichte. Von daher wird auch die Interpretation immer weiter gehen. Die (begrenzte) Vielfalt der Bibel lehrt uns, dass wir alles Starre, Verkrampfte abwerfen können und uns auf das einlassen können, was Gott uns jeweils zu unserer Zeit – unter Berücksichtigung der Vergangenheit und besonders der Worte der Bibel – zeigt: Christen können in Zeiten des Optimismus vor Fehlentwicklungen warnen – und sie können in schlechten Zeiten dem Pessimismus dadurch begegnen, dass man auf Gott vertrauend Mitmenschen hilft. Wie wir es aus der Bibel durch den Geist Gottes gelernt haben und lernen.

Das alles kann man freilich nur sagen, wenn man von der Größe „Gott“ ausgeht. Wenn man nicht von ihr ausgeht, dann ist alles in menschlicher kultureller Evolution eingebettet.

7. Geschichtsinterpretation in der jeweiligen Zeit

Wovor Christen sich aber scheuen sollten, ihre jeweilige Zeit als Zeit Gottes einzuordnen. Viele lassen sich einfach von Euphorien des jeweiligen Volkes und der Gruppen anstecken, sodass manches als Zeit Gottes interpretiert wird, das in den Untergang führt – schlicht und ergreifend, weil auch Christen verblendet sein können. Nicht zuletzt die Zeit unter dem Nationalsozialismus wie des Kommunismus hat das gelehrt.

Und wie interpretieren wir unsere Geschichte heute? Ich tue es so: Wir sind dankbar, dass es vielen von uns in Mitteleuropa so gut geht – auch aufgrund dieser unserer christlichen Tradition. Aber: Dankbarkeit ist Arbeit für die Menschen, denen es nicht gut geht. Weltweit. Christen gestalten Geschichte eben durch diese soziale Arbeit. Bis die Geschichte durch Gott beendet werden wird.

(entnommen aus: https://glaubensdiskussion.wolfgangfenske.de/sites/18_02/18_02_12_gott_und_geschichte-1.html )

8. Zu überlegen:

Für die alten Griechen und Römer machten Menschen Geschichte. Götter wurden integriert, aber die Macher waren Menschen.

Für die Schreiber des Volkes Israel und die Propheten machen auch Menschen Geschichte, aber Gott funkte immer wieder herein, nahm, wenn es sein musste, das Heft selbst in die Hand.

Für uns heute sind die alten Heiden die Vorbilder: Mensch macht Geschichte. Wir haben auch als Christen Angst vor der alttestamentlichen Sicht. Warum? Sie wurde zu oft von falschen Propheten vereinnahmt, auch gut meinende Menschen irrten sich. Sie sahen Gott wirken, doch war er es nicht.

Doch das Problem war auch schon im Alten Testament bekannt: Wer deutet die Gegenwart richtig? Der Prophet Gottes oder der falsche Prophet? Die Lösung war, soweit ich sehe nie: Gott macht keine Geschichte – da Menschen sich irren können. Die Frage ist: Wen hat Gott berufen, die Geschichte richtig zu deuten?

Und so gab es auch zu Beginn der Zeit des Nationalsozialismus Christen, die die Zeit schon richtig gedeutet haben, gesehen haben, wo alles hinauslaufen wird. Sie wurden missachtet, weil man aus der Zeit heraus lieber den falschen Propheten nachlief. Und dann kam, was die wahren Propheten schon angesprochen hatten: Die wahre Niederlage. Eben, wie Heinrich Vogel mit der Bibel sah: Gott lässt sich nicht spotten.

Und dann? Dann sagte man, das könne man so nicht sehen, das habe mit Gott nichts zu tun, lassen wir Gott aus dem Spiel der Geschichte, Männer machen Geschichte und seit ein paar Jahren dürfen auch Frauen mitspielen. Aber Gott?

Und so machen Männer und Frauen Geschichte. Und Glaubende sehen noch immer Gott in ihr wirken. Aber: Pssst, nicht weitersagen, man könnte sich blamieren.

9. Überblick über das Geschichtsverständnis anderer Religionen

Zu beachten ist, dass es im Islam unterschiedliche theologische und rechtliche Strömungen gibt, die den einen oder anderen Aspekt anders akzentuieren und beurteilen würden. Es werden nur Grundzüge dargelegt.

  1. Der Islam steht in jüdisch-christlicher Tradition – gehört zu den so genannten abrahamitischen Religionen. Gemeinsam mit diesen Traditionen hat er die linearen Vorstellung, das heißt, dass die Geschichte mit der Schöpfung beginnt und auf das Gottesgericht zuläuft. Er greift auch auf die biblischen Personen zurück.
  2. Mohammed meinte, Allah würde die Bibel, die von Juden und Christen im Laufe der Geschichte verfälscht worden oder falsch ausgelegt worden sei, nun wieder von den Fälschungen reinigen, damit Muslime den Willen Allahs tun können. Das heißt: der Koran ist die Korrektur biblischer Texte.
  3. Der Aspekt der Freiheit wird anders aufgegriffen. Der Mensch trägt Verantwortung dafür, das Gesetz Allahs zu erfüllen. Es handelt sich nicht um eine Beziehungsgeschichte zwischen Gott und Mensch, wie im Verständnis christlichen Glaubens. Es ist eine von Allahs Forderungen – verbindliche Rechtleitung – bestimmte Geschichte, in der allerdings auch Gebet, Reue des Menschen und die Barmherzigkeit Allahs eine Rolle spielen. Das Zusammenleben ist geregelt, von daher kommt auch ein dynamischer Prozess in Gang, der sich in verschiedenen Schulen ausdrückt, die um eine Exegese / Interpretation des Koran kreisen.
  4. Nicht Jesus Christus ist das Ziel der Geschichte, nicht die Heimführung des Volkes nach Israel und die Errichtung des Tempels in Jerusalem, sondern Mohammed ist der Wendepunkt der Geschichte, weil er von Allah die wahre Offenbarung des Koran bekommen hat. Dieser letzte Prophet weist dann auf das Ziel der Geschichte hin: das jüngste Gericht. Und so ist, um es christlich auszusprechen, nicht Jesus Christus die Mitte der Zeit, sondern die Offenbarung des Koran ist die letztgültige Offenbarung.
  5. Weil Jesus Christus laut Mohammed nicht am Kreuz gestorben ist, sondern einer, der mit Jesus verwechselt wurde, spielt auch das Leiden Gottes (für Mohammed undenkbar) als prägende Geschichtskraft keine Rolle. Der fehlbare Mensch benötigt die „Rechtleitung“ – er ist also von sich aus dazu fähig, Gutes zu tun, die Gesetze einzuhalten. Allerdings spielt auch immer die Barmherzigkeit Allahs eine Rolle, die nicht so recht zu durchschauen ist, weil Allah als umfassende Macht, als alles umfassender Souverän alles bestimmt und nicht vom Menschen und seinem Verhalten abhängig ist. So war sich auch Mohammed laut Koran nicht ganz eindeutig sicher, das Gericht Allahs zu bestehen bzw. anders gesagt: Er bleibt ganz auf Allahs Urteil angewiesen.
  6. Dennoch bleibt der Mensch für sein Handeln laut der Vorgaben Allahs verantwortlich. Entsprechend muss die Ummah / die Gemeinschaft das Einhalten der Gesetze einfordern und das Zusammenleben entsprechend zu ordnen. Und da laut Koran / Hadith alle Menschen als Muslime geboren sind (in der Hingabe an Allah), müssen alle Menschen sich diesem Gesetz unterwerfen, also recht geleitet werden. Somit gibt es kein auserwähltes Volk, sondern diejenigen, die sich recht leiten lassen, stehen über denen, die sich nicht recht leiten lassen.

Nicht nur im Islam gibt es unterschiedliche Strömungen und Interpretationen. Aber grob umrissen kann folgendes gesagt werden:

Asiatische Religionen haben ganz andere Ansätze: Hinduismus hat ein zyklisches Geschichtsverständnis. Das bedeutet: Welt ist immer: Universen entstehen, bestehen, verfallen, kommen wieder. Auch das menschliche Leben ist von diesem Kreislauf bestimmt. Der Mensch kann, so hinduistische Ansätze, aus diesem Kreislauf befreit werden und mit Brahman, die kosmische Kraft, vereinigt werden.

Auch der Buddhismus hat eine zyklische Vorstellung. Im Buddhismus spielt das Nirwana eine Rolle, die Befreiung vom Leiden, Befreiung der Wiedergeburten, hinein in das gefüllte Nichts – als Ziel des Lebens. Es ist schwer, für die Nirwana-Erwartung die richtigen Wörter zu finden. Während im traditionellen Hinduismus die Kastenregeln das Leben auf der Erde und die Wiedergeburt bestimmen, kann laut Buddhismus die Erwachung als Ausbruch aus dieser irdischen Geschichte des Leidens früher erreicht werden, nicht erst, wenn die höchste Stufe der Kasten durch Wiedergeburten erklommen wurde.

Afrikanische Ansätze sind bestimmt von der Vorstellung, dass die Vergangenheit – die Ahnen – die Gegenwart beeinflussen. Und die Zukunft ist ewige Gegenwart, in dem Sinn, dass sie von der Ordnung der Ahnen bestimmt sein wird. Der christliche Theologe John Mbiti aus Kenia hat versucht, diese Sicht herauszuarbeiten. Allerdings dürften auch andere Ansätze für andere Stämme und Gebiete relevant gewesen sein.

Ähnlich auch der chinesische Konfuzianismus: Tradition und Ahnen spielen eine Rolle. Es geht um die Bewahrung der überlieferten Ordnung, die eine Unterordnung unter Ahnen und Hierarchien beinhaltet. Moralisches Verhalten, das durch die Weisheit der Ahnen vermittelt wurde, hat positive Auswirkungen auf die Zukunft. Aber Geschichte als solche ist nicht im Blick.

Wenn ich das richtig sehe, haben Azteken die Sicht, dass das Leben ein ständiges Ringen mit den Göttern ist, damit die Welt nicht untergeht. Damit sie nicht untergeht, müssen Opfer gebracht werden, Rituale vollzogen werden.