KURZÜBERBLICK: CHRISTLICHE DIAKONIE

Antike

„Krankenhäuser“ gab es in Rom seit ca. 100 v. Chr. für Angehörige der Armee und von manchen Großgrundbesitzern für ihre Sklaven (Valetudinarien). Weil manche Sklaven sehr teuer waren, ließ man diese Auserwählten besonders behandeln. Schon bei den Ägyptern und im griechischen Bereich gab es am Tempel mancher Heilgötter Räume, in denen Kranke Heilung suchten, dort auch eine Zeit lang lebten, wobei Tempelpriester ihnen die Träume auslegten, weil man glaubte, dass durch diese der Gott Asklepios sprechen würde (Asklepieia). Berühmt war der Tempel von Epidauros, von dem noch Votivtafeln Geheilter existieren. In Epidauros gab es eine Herberge mit 160 Zimmern. Vermutlich wurden all diese Menschen von Angehörigen mit Lebensmitteln versorgt. Ob die so genannte Theodotosinschrift in Jerusalem – möglicherweise vor 70 n.Chr. – auf eine Herberge weist, in der besonders kranke Pilger gepflegt worden sind, ist eher unwahrscheinlich:

»Theodotos (…) baute die(se) Synagoge zur Vorlesung des Gesetzes und zum Unterricht in den Geboten, ebenso auch das Fremdenhaus und die Kammern und die Wasseranlagen für die (Pilger) aus der Fremde, die eine Herberge brauchen. (…)« (Ü.: Barrett/Thornton: Texte zur Umwelt des NT, UTB 1591, Nr. 57).

Fassbarer werden Krankenhäuser erst in christlicher Zeit. Sie sind ab jetzt für alle geöffnet. Das älteste bisher bekannte Gebäude stammt aus der Zeit um 350 in Antiochia; Basilius der Große hat (gemeinsam mit seiner Schwester Makrina) 370 einen Ort für Pilger, Arme, Arbeitsunfähige  und Kranke („Basilias“ / Xenodochien) in Caesarea bauen lassen, an dem auch medizinische Untersuchungen und Arzt- wie Pflegerausbildungen stattfanden. Dieses Krankenhaus wuchs dann im Grunde zu einer Art Bethel des 4. Jahrhunderts an. 397 gab es ein Krankenhaus in Rom. Um 400 wurde in Edessa ein Frauenkrankenhaus eröffnet und 650 in Konstantinopel ein Krankenhaus für Augenkrankheiten. Im Jahr 420 hatte das Krankenhaus in Ephesus über 75 Betten. Ca. hundert Jahre später hatte das Krankenhaus in Jerusalem 220 Betten – was einen enormen logistischen Kraftaufwand benötigt haben muss. In der Gebetssammlung der altsyrischen Kirche wurden Gemeinden an ihre Pflicht erinnert, Krankenhäuser zu errichten.

Kaiserin Theodora I. (497 [?]-548) von Byzanz hat, soweit bekannt ist, die ersten Frauenhäuser gegründet und sich massiv für Frauenrechte und gegen Zwangsprostitution eingesetzt. (Darum nennen sich Beratungsstellen für Prostituierte heute unter anderem „Theodora“.) Ebenso gehen „Tafeln“ (Hilfe für Menschen, die hungern) auf das Handeln von Christen im Rom der ersten Jahrhunderte zurück.

Nachdem islamische Heere die christlich geprägten Gebiete besiegt hatten, wurden Krankenhäuser übernommen. Antike Standardwerke (Hippokrates [ca. 460-375 v.Chr.], Galenos [ca. 129-um 200], Oreibasios [325-403]) wurden ins Arabische übersetzt und inspirierten berühmte Mediziner (den Perser/Usbeke Avicenna [ca. 980-1057] und den Perser Rhazes [864-930]) zu eigenen Arbeiten.

Mittelalter

Der Hospitaliter-Orden (der Vorläufer des Johanniterordens) arbeitete schon vor den Kreuzzügen in einem Krankenhaus (Hospital zum Heiligen Johannes), das italienische Kaufleute in Jerusalem errichtet hatten. Es wird 1048 erstmals erwähnt und konnte hunderte von Pilgern aufnehmen. Kleinere Stationen und Krankenhäuser wurden in Europa an den Pilgerwegen errichtet. Zur Pflicht machte Benedikt von Nursia mit der Benediktinerregel 37 im Jahr 529 den Mönchen die Pflege der Kranken und begründete damit die „Klostermedizin“. Klöster wurden mit Apotheken und Pflegezimmer ausgerüstet. Die Klostermedizin basierte auf Galenos Werk. Der Nachfolger Benedikts, Cassiodor († um 580), empfahl den Mönchen unter anderem Hippokrates zu lesen (diese Werke kamen also nicht erst über den Islam nach Europa!). Darüber hinaus: Schon der Sachsenkönig Ina (aus England) ließ 727 in Rom ein Krankenhaus errichten, das sächsischen Pilgern helfen sollte. Es wurde 1024 von Papst Innozenz III. wieder hergestellt (Santo Spirito). Angeschlossen war auch ein Haus für Findelkinder. Die Schwierigkeit im Umgang mit Findelkindern liegt auf der Hand: Es mussten Ammen vorhanden sein, die das Kind ernährten, da künstliche Ernährung noch nicht möglich war.

Der „St. Gallener Klosterplan“ von 830 zeigt Arzthaus und Spital. Das hängt auch damit zusammen, dass auf der Aachener Synode 816 verfügt wurde, dass jedes Kloster in Franken ein Spital haben sollte zur Pflege der Kranken und Alten, zur Speisung der Armen, Beherbergung von Fremden usw. Die Versorgung der Bettler und die Hilfe für Kranke war Aufgabe der Klöster bis in die Reformationszeit hinein. In der Reformationszeit wurde gefordert, dass Kirchengut usw. den Armen zur Verfügung gestellt wurde. Das war nicht besonders hilfreich, weil letztlich den Armen damit nicht geholfen war. Was in allen mir bekannten Äußerungen jedoch nicht deutlich wird, ist der Versuch, die Grundlage der Armut zu bekämpfen.

Die Heerscharen der Armen ist bedingt, durch die Landwirtschaft, die ganz von der Natur abhängig war. Zudem war medizinische Versorgung im modernen Sinn nicht möglich. Hilfen waren im Wesentlichen auf persönliches Engagement beschränkt, wie zum Beispiel die Aufnahme eines Menschen durch Begüterte, die Aufnahme in Klöstern, die allerdings auch abhängig waren von den Kapriolen der Natur. Die Reichen wurden immer wieder aufgefordert, Gelder zur Verfügung zu stellen. Armut war ein Teil des Lebens, die man nicht nachhaltig bekämpfen konnte. Durch Erfindungen konnte jedoch ein wenig mehr etwas gegen den Hunger getan werden: Windmühlen, Stallhaltung zur Erhaltung von Dünger usw. Armut wurde in Armutsbewegungen insofern positiv konnotiert, als es Orden gab, in denen Menschen freiwillig arm leben konnten. Der Arme ist Ebenbild Gottes, in ihm ist Gott gegenwärtig – zudem: Jesus lebte auch in Armut. So die Begründungszusammenhänge.

Dann begann man im 15./16. Jahrhundert Armut nicht mehr als positiv anzusehen. Städte waren für die Versorgung verantwortlich. Und so wurde unterschieden zwischen wirklich Bedürftigen und denen, die arbeiten konnten. Die Städte versuchten Letztgenannte mit Blick auf das Arbeitsleben zu erziehen, sie zu integrieren (allerdings mit mittelalterlichen bzw. frühneuzeitlichen Mitteln recht robust).

Als Brücke zwischen Mittelalter und Neuzeit sei auf Vinzenz von Paul (1581-1660) hingewiesen, der ab 1617 auf vielen Ebenen caritativ tätig wurde: Schwererziehbare Jugendliche, Psychiatrien, hatte viele Helferinnen und entsprechend auch Gruppen, z.B. „Töchter der christlichen Liebe“, mitbegründet von Luise von Marillac († 1660) denen er mit auf den Weg gab: Ihr habt als Kloster die Häuser der Kranken, als Zelle eine Mietkammer, als Kapelle die Pfarrkirche, als Kreuzgang die Straßen der Stadt, als Klausur den Gehorsam, als Gitter die Gottesfurcht und als Schleier die heilige Bescheidenheit. (1)

Neuzeit

Die Diakonie (Innere Mission) begann vor allem in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts ihre Wirksamkeit (Theodor Fliedner, Johann Hinrich Wichern). Sie bündelte viele einzelne Versuche, Menschen zu helfen. Zu diesen einzelnen versuchen gehören zum Beispiel:

das Haus für die verwahrloste Jugend durch Johannes Daniel Falk (1813; Weimar) oder das Waisenhaus, 1698 gegründet von August Hermann Francke (Franckesche Stiftungen: Wohnhaus, Schule, Werkstätte; eine Weiterentwicklung der so genannten Armenspitäler und niederländischer Waisenhäuser), als Folge wurde 1747 von dessen Schüler Johann Julius Hecker die erste Realschule gegründet, die praxisorientierte Lehre anbot. Aber auch weitere soziale Einrichtungen können genannt werden, in denen Christen die Not der Mitmenschen aufgenommen haben und zu helfen versuchten: im 17. Jahrhundert forderte der Pfarrer der Brüdergemeine Johann Amos Comenius (+1670) die allgemeine Schulpflicht für Jungen und Mädchen, Ende des 18. Jahrhunderts gründete der Pfarrer Johann Friedrich Oberlin mit Louise Scheppler die „Kleinkinderschule“ – Vorgänger des Kindergartens. 1897 gründete der Prälat Lorenz Werthmann den Caritasverband. 1917 drängte Friedrich Siegmund-Schultze Berlin das erste Jugendamt in Deutschland einzurichten.

Dass man sich auch immer festfahren konnte und Impulse von außen notwendig waren, versteht sich von selbst. Das ist vor allem vom Umgang mit Behinderten zu sagen. Dieser war geprägt von Hilflosigkeit und darum von viel Aberglaube und Gewalt – wie sie schon an der Heilung des Gewalttätigen in Mk 5 deutlich wurde. Fesselungen, Vernachlässigungen, Vertreibungen waren die Regel, selbst dann, als man dazu überging, Behinderte in Heimen unterzubringen, war die Stellung ambivalent. Erst die Erfindung und Anwendung von Psychopharmaka brachte im 20. Jahrhundert einen gewissen zivilisierten Umgang mit Behinderten. Je nach Schwere der Behinderung gab es freilich vorher schon Ansätze, so der Umgang mit „Taubstummen“ durch Abbe Charles-Michel de l´Epée und Samuel Heinicke im 18. Jahrhundert.

In diesen Zeiträumen sind in Großbritannien zu nennen: William Wilberforce († 1833) und seine Gruppe, die sich gegen den Sklavenhandel, für Tierschutz eingesetzt haben, Hannah More († 1833), seine Mitstreiterin gründete für verarmte Landkinder Sonntagsschulen (weil sie an Alltagen arbeiten mussten); oder Lord Anthony Ashley-Cooper, 7. Earl of Shaftesbury († 1885), der Kinderarbeit bekämpfte, William Booth († 1912) hat Suppenküchen eingerichtet, stand mit seiner Gruppe Obdachlosen und Alkoholkranken bei.

Mit diesen nur in Auswahl genannten Initiativen wirken christliche Gemeinden bereits auf allen Erdteilen und haben Nachahmer hervorgerufen bzw. wurden die Ansätze dann später von den Staaten übernommen.

In der Neuzeit seien genannt: Mutter Teresa gründete 1948 in Indien den Orden »Missionarinnen der Nächstenliebe«, der sich um Sterbende, Kranke und Waise kümmert. Pandita Ramabai († 1922) war indische Frauenrechtlerin, sie kämpfte gegen das Kastensystem und die Unterdrückung von Witwen, setzte sich für Schulen und Rettungsdienste ein. Von den »Barmherzigen Schwestern« im St. Josephs Hospital in London ging ab 1905 die Hospizbewegung aus: Cicely Saunders, Ärztin am genannten Krankenhaus, gründete dann 1967 das erste Hospiz: St. Christopher´s. (2)

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(1) Zitat nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Vinzenz_von_Paul#cite_note-5 29.8.2019

(2) Kurze Hinweise zu außerchristlichen Kulturkreisen:

In Afrika waren solche sozialen Verbände nicht notwendig, da die jeweiligen Stämme, Clans füreinander sorgten, wenn der jeweilige Mensch als Teil der Familie, des Dorfes anerkannt war.

Im Bereich des heutigen Indien ist Kaiser Ashoka (3. Jh. v. Chr.) zu nennen, der sich auch um das soziale Wohl kümmerte, nachdem er sich der Lehre Buddhas zugewandt hatte. Er hat Heilpflanzen anbauen, Brunnen errichten lassen für Mensch und Tier. Solche guten Taten konnten – wie auch im Hinduismus die Spenden an Arme bzw. Brahmanen, Tempel, Pilgern – dazu führen, gutes Karma anzusammeln. Wie nachhaltig die Taten Asokas waren, ist unbekannt.

In China waren es in der Tang-Dynastie (618-907) buddhistische Klöster, die Menschen halfen. In der chinesischen Song-Dynastie (960-1279), in der es wirtschaftlich, technisch boomte, war Sozialfürsorge ausgeprägt, da ging es nicht um Karma, sondern war eher staatlich im Sinne des Konfuzius organisiert: es ging im Neokonfuzianismus darum, die Gesellschaft zu harmonisieren.

In Japan hat sich der buddhistische Mönch Gyöki (gestorben 749) sozial hervorgetan vor allem durch Bau von Infrastruktur.

Im reichen islamischen Kulturkreis wurden ab dem 8./9. Jahrhundert in Städten große Krankenhäuser errichtet (Bimaristane). Im Grunde waren diese weiter ausgebildet als im armen Europa. Der islamische Kulturkreis war nicht so zersplittert wie Europa, zudem war er nicht allein durch die Eroberungszüge und die Menge der Sklaven aus Afrika und Europa reicher als die Menschen in Europa, sodass ein großes soziales Netzwerk errichtet werden konnte. Die islamischen Länder waren die Brücke vom Westen zum Osten (Amerika war bekanntlich noch nicht entdeckt, Europa war ein kleiner Zipfel am großen eurasischen Kontinent). Im Osmanischen Reich gab es auch große Suppenküchen, die an Moscheen angeschlossen sein konnten.