Ästhetik des Kults

Schönheit ist auch eine Form der Sprache des Glaubens. Aus einer anderen Perspektive betrachtet: Mit Religion verbinden Menschen seit alten Zeiten immer auch das Schöne. Also: Dichtung, die angenehm ist, Musik, die der Mensch als schön empfindet, Gebäude / Tempel / Kirchen, Kleidung, Gegenstände, hinzu kommen besondere Werte und Aufwertung von allem durch besonderes Verhalten – alles muss besonders sein, also darum auch schön. Was mit Gott zu tun hat, ist nicht gewöhnlich, es verlangt nach dem Besten und dem Schönsten. Der Alltag wird von der Sprache des Zweckmäßigen bestimmt. Dazu reicht die Sprache des Glaubens nicht aus. Er muss neu zur Sprache gebracht werden, mit einer eigenen Ästhetik. Das wird sehr schön an der Geschichte vom brennenden Dornbusch deutlich: Der Boden, auf dem der Dornbusch wächst, ist normaler Boden. Moses geht auf diesem Boden wie er immer auf normalen Böden geht. Als Gott aber mit ihm spricht, zieht er seine Schuhe aus, wahrt Distanz, verhüllt sein Gesicht. Es wird ein besonderer, ein sakraler, heiliger Boden (Genesis 3).

Im christlichen Glauben sei an die Architektur der Kirchen erinnert, die Farben der Fenster, die Malereien. Der Mensch sollte aus dem Alltäglichen herausgehoben werden, die Gebäude dienen als Gleichnis, als Vorgeschmack für die Herrlichkeit Gottes. Dichtung – poetische Sprache, gefüllt mit Metaphern, die einen Bedeutungsüberschuss bieten, Resonanzboden für die Ansprache Gottes. In der Musik soll das Unsichtbare hörbar gemacht werden, voller Sehnsucht, seelischer Erschütterung. Die transzendente Dimension soll emotional gespürt werden.

Im Vollzug religiöser Handlungen soll das Schöne Heimat finden, weil es mit dem unvorstellbaren Schönen korrespondiert. Das Schöne ist die Muttersprache des Glaubens, macht sprachlos, lässt staunen. Gott spricht durch das Schöne zum Menschen – seine Seele reagiert dadurch, dass sie sich Gott öffnet.

Es geht nicht um Reichtum. Eine von Gott entfremdete religiöse Ästhetik kann Menschen erniedrigen und entwürdigen. Es geht darum, das Beste zu geben, was ein Mensch geben kann. Für Jesus ist damit auch verbunden: Das Beste zu geben, damit die Würde des anderen Menschen gewahrt wird.

Warum haben Menschen eine allgemeine Fähigkeit, Schönheit wahrzunehmen?

Schönheit aufgrund von Weltbeobachtung

Formen, Proportionen, Bewegungen, Farben, das Zusammenspiel der Farben mit Licht und Schatten: Blumen, glitzernde Wasseroberflächen, Gebirge, Steine, Tiere, Kunst, gehört Musik auf anderer Ebene auch dazu. Nicht nur mit Blick auf Menschen, nimmt er Schönheit wahr, sondern überhaupt. Warum? Schönheit hat doch beim ersten Hinsehen keinen praktischen Nutzen. Der Pfau sieht für uns Menschen schön aus. Das heißt: Was für die Tiere eine biologische Funktion erfüllen mag – wobei wohl noch nicht bekannt ist, warum der Pfau so schön für die Frauendame ist – bringt Menschen zum Staunen über die Schönheit als solche. Betrifft auch Schmetterlinge und Käfer usw. Vieles ist so schön – aus biologischen Gründen, weist aber über das Biologische hinaus, wie unten zu sehen sein wird.

Der Mensch vergleicht. Er erkennt Unterschiede. Er muss es, um überleben zu können. Welche Blätter sind essbar, welche nicht? Welche Früchte sind gut, welche schlecht? Welches Tier ist gefährlich, welches nicht? Welches Wetter ist angenehm, welches unangenehm? Dazu ist es wichtig, Konturen zu erkennen, Bewegungen, Farben, Regelmäßiges und Abweichungen. Das ist alles wichtig – aber warum Schönheit wahrnehmen?

Es wird gesagt: was symmetrisch ist, was Ordnung ausstrahlt, das ist schön. Aber das kann auch schnell langweilig werden. Schön ist also auch der ungeordnete Wald, er lässt Überraschendes entdecken. So sind die modernen Häuser auf den ersten Blick in ihrer Ordnung schön (wenn sie neu sind), dann verlieren sie aber diesen Eindruck: Langeweile kehrt ein. Eine Schönheit ständig erleben kann dazu führen, sie nicht mehr wahrzunehmen. Von daher ist ständig schönes Wetter irgendwann Alltag.

Schönheit und Erfahrungen

Schönheit empfinden können ist mit Erinnerung und Emotionen verbunden, mit Erwartungen. Das heißt: wir unterscheiden nicht nur das Aussehen, sondern verbinden mit manchen Farben, manchem Aussehen usw. angenehme Erinnerungen: die freudig sind, beruhigen.

Und dann sind auch die gegenteiligen Emotionen aufgrund von Erfahrungen zu nennen. Etwas ist zu meiden, bedeutet Gefahr oder auch traditionell gelehrte,geforderte Distanz. Tja, und dann kommt noch hinzu: Was schön scheint – kann täuschen, was äußerlich schön ist, kann den anderen besser reinlegen. Und so ist Schönheit auch mit Charakter verbunden – was manche aber erst zu spät bemerken.

Schönheit – ein Zusammenspiel

Schönheit ist immer ein großes Zusammenspiel: Ich und Du, Farben und Licht, Kontraste und Ordnung, Sinne und Gehirn, Erfahrung, Tradition und gegenwärtiges Erleben, Erinnerung und aktuelles Betroffenwerden. Begegnung von Ich und Welt. Schönheit ist also nicht nur ausgehend von dem, was ich als schön ansehe, sondern es ist meine Beziehung zu dem, was ich als schön empfinde.

Schönheit empfinden – eine Gabe

Insofern ist die Fähigkeit, Schönheit zu erkennen, eine Gabe. Nicht jeder Mensch vermag das. Nicht jede Kultur vermag das. Nicht, weil die Grundlage nicht da ist, sondern weil das Empfinden für Schönheit verloren gegangen ist. Ein kleines Kind, das die Welt entdeckt, staunt. Wenn es erwachsen wird, staunt es nicht mehr. Noch staunen zu können, auch als Erwachsener, ist eine Gabe.

Schönheit weist über sich hinaus

Wir erleben Schönes und sehnen uns nach Vollkommenheit, die wir in der Welt nur unvollkommen finden. Im Augenblick des Empfindens wird es als vollkommen wahrgenommen, aber der Moment wechselt zum nicht mehr Erleben des Schönen (ein Sonnenuntergang ist schnell vorbei, die schönste Rose ist verblüht…).

Schönheit ein Teil der Sehnsucht

Das Schöne ist somit ein Aspekt der Sehnsucht, der Sehnsucht nach dem, was über diese Welt hinausgeht. Das Vergehen dessen, was als schön empfunden wurde, und die Erwartung, es immer wieder und ununterbrochen erleben zu dürfen, weist über das Irdische hinaus.

Staunen über Schönheit

Das Erkennen von Schönheit selbst wurde von Gott in uns gelegt. Das Staunen über etwas, das uns begegnet. In der Schönheit berührt uns etwas, was uns bis ins Tiefste unseres Wesens nahekommt, aber gleichzeitig: unbegreiflich bleibt.

Schönheit und Schönheit wahrnehmen: Werk des Heiligen Geistes

Und dann kommt für mich der Heilige Geist ins Spiel. Er ist die Schöpferkraft Gottes, die Kraft, die die Welt erhält. Die Schöpferkraft Gottes hat Freude daran, in der Natur alles Mögliche erscheinen zu lassen, an dem der Mensch Freude hat, weil es so schön ist. Sie ist die Kraft, die das „paradiesische Empfinden“ in uns Menschen wachhält. Die Sehnsucht nach Harmonie, nach Schönheit, nach Vollkommenheit – aber eben in der Überraschung und Vielfalt. Das Staunen über die Vielfalt der Schöpfung wird in der Bibel in den ersten Kapiteln (Genesis 1 und 2; Psalm 104) beschrieben. Wir finden also auch in Genesis 1 und 2 das, was oben beschrieben wurde: Zuordnungen, wir finden Licht und Finsternis und das Staunen über die abwechslungsreiche Vielfalt. Und Gott sieht das, was er erschaffen hat und sagt: Es ist gut. Also auch neben der Vielfalt gleichzeitig: Ordnung, systematischer Ablauf.

Und dieses Staunen, dieses Schönheitsempfinden wird mit Blick auf die Herrlichkeit Gottes immer wieder wachgehalten. Aber die Sehnsucht nach Vollkommenheit und Herrlichkeit Gottes bekommt mit der Schönheit eine neue Nuance: Schönheit ist verbunden mit der irdischen Gegenwart, dem Empfinden des Jetzt.

Zusammengefasst: Im Empfinden von Schönheit, durch den Geist Gottes hervorgerufen, spürt der Mensch seine Sehnsucht nach Vollendung. Und die Bibel lehrt, warum dem so ist. Der Mensch wurde von Gott auf die Vollendung hin erschaffen, aber ohne das Wissen durch die Offenbarung rätselt der Mensch und versucht es wissenschaftlich zu ergründen, warum er etwas als schön empfindet.

Kampf gegen Schönheit

Nun muss ich leider auch noch ansprechen, was traurig macht: Menschen, die Schönheit nicht nur anders empfinden – das ist normal. Aber es gibt Menschen, die erniedrigen, demütigen, zerstören, verletzen. Das Schöne wird angegriffen, die Sehnsucht wird verspottet, Hoffnungen werden zerstört, weil Menschen in sich selbst und ihrer Nichtschönheit verkrampft und verbittert sind, aufgrund welcher Erfahrungen und psychischen Bedingungen auch immer. Dieser Kampf hat nichts mit Ästhetik zu tun, sondern mit dem Kampf gegen Gott und Mensch. Also: Sünde.

Dazu gehört auch, hässliche Handlungen aus ideologischen Gründen als Schön zu bezeichnen. Zerstörung kann als Befreiung, Fortschritt, Schönheit bezeichnet werden in der Umkehrung der Werte. Es geht natürlich nicht darum, dass von mir das Zerstören einer falschen Harmonie abgewertet werden soll. Das sind weitere Aspekte, die ich nicht vertiefen möchte.

Kampf für Schönheit, Kampf für Würde des Menschen

in Kampf gegen Menschen, die andere zerstören wollen, ein Kampf für die Schönheit hat also nichts mit Ästhetik zu tun, sondern mit Einsatz für das Gute, das uns Menschen weiterbringt. Die Sehnsucht nach Schönheit ist zu schützen, zu bewahren, für das Staunen, das damit zusammenhängt, sind die Augen zu öffnen. Schönheit hat mit Würde und Fülle des Lebens, mit dem Ebenbild-Gottes-Sein des Menschen zu tun. Und damit sind wir wieder bei dem Heiligen Geist: Er hilft, dem Zerstörerischen zu widerstehen, Hoffnung zu bewahren und an der Welt mitwirken zu können, wie Gott sie will.