Das Folgende ist aus einer Blog-Diskussion entstanden. Die jeweiligen Abschnitte sind nicht an einem Tag entstanden, sondern in einem längeren Zeitraum (Dezember 2017-Januar 2018). Ich habe im Folgenden hauptsächlich die Rechtschreibung korrigiert.
1. Einleitung der Bergpredigt
Die Bergpredigt ist ein ganz besonderer Text im Matthäusevangelium – die Kapitel 5-7 – und sie wurde durch die Jahrhunderte hindurch auch als ein solcher empfunden. Nichtsdestotrotz ist sie schwer verdaulich – wahrscheinlich wird sie auch darum als besonderer Text empfunden – sie ist ein Text, nicht von dieser Welt. Widerspenstig…
Um sie verstehen zu können, muss man erst einmal die Grundlage der Lehre Jesu beachten. Jesus geht davon aus, dass Gott seine Herrschaft errichten wird. Und diese Herrschaft wird eine gute Herrschaft sein. Es wird kein Leiden mehr geben, keine Krankheiten, keine Sorgen. Im Gegenteil, es herrscht der Schalom: Glück, Frieden, Wohlergehen, Freiheit, Gerechtigkeit, Gemeinschaft… Diese Herrschaft Gottes wird in der Zukunft kommen – das erwartet er mit seinem Volk. Er hat jedoch zwei neue Ansätze: Das, was wir von der Herrschaft Gottes erwarten, sollen wir schon jetzt umsetzen und: Diese Gottesherrschaft ist mit seiner Lehre und seinem Handeln schon im Anbruch. Es geht also nicht darum, zu warten – es geht darum: Handelt!
Die Bergpredigt gibt keine Rede Jesu wieder. Wenn wir das Lukasevangelium ansehen, finden wir die Feldrede (6,20ff). Feldrede wie Bergpredigt basieren auf einer Zusammenstellung von Worten Jesu. Wir finden sie in der so genannten rekonstruierten Logienquelle – das heißt, es gab vor den Evangelien Sammlung(en) von Worten Jesu.
Diese Vorevangelien-Sammlung haben Matthäus und Lukas aufgenommen. In einem Vergleich beider kann man schön erkennen, wie Matthäus als Redaktor diese Sammlung ergänzt, gekürzt – kurz: bearbeitet hat. Um die Form, die Matthäus bietet – also die Bergpredigt –, wird es jetzt gehen.
Matthäus hat sie sehr sorgfältig aufgebaut. Sie wird eingeleitet mit Seligpreisungen und anderen Texten – sie geht über in die Antithesen – dann werden religiöse Verhaltensweisen angesprochen – mit dem Zentrum der Bergpredigt: das Vater Unser – und es folgen weitere Texte zu unterschiedlichen Themen, dann wird der Schluss vorbereitet und mit einem Bildwort abgeschlossen. Ich sehe die Bergpredigt als eine Art Kommentar zum Vater Unser an. Was ich an dieser Stelle jetzt nicht vertiefen möchte, denn es geht in unserer Diskussion um Themen, die als anstößig empfunden werden, bzw. es geht um die Frage: Was stammt von Jesus und was nicht. Wobei ich vorweg schicken möchte, dass ich hier nicht einen umfangreichen Kommentar abliefern kann und möchte, sondern nur ein paar Aspekte anreißen kann. Es gibt Kommentare – wer mag, kann sich einen bestellen und alles intensiv durcharbeiten.
Die Bergpredigt beginnt mit den Seligpreisungen. Wenn wir sie mit denen des Lukasevangeliums vergleichen, erkennen wir, dass sie spiritualisiert sind. Es geht nicht um die Armen – als Arme, sondern Matthäus sieht Arme weiter gefasst: Es geht um die „geistlich“ arm sind. Was das bedeutet, wird viel interpretiert – aber ich sehe das so: Es sind Menschen, die sich vor Gott als arm ansehen. Es werden die Menschen selig gepriesen, die traurig sind, die auf Gewalt verzichten, die sich nach Gerechtigkeit sehnen, die barmherzig sind, die ein reines Herz haben, die Frieden stiften, die verfolgt werden. Und diesen Menschen wird jeweils eine Verheißung mitgegeben: sie werden getröstet werden, ihnen wird die Erde übergeben – das Weitere möge jeweils selbst gelesen werden. Das heißt: Diejenigen, die in der Welt der Macht und Politik nichts zählen, auf die herumgetrampelt wird – die rücken die Seligpreisungen in den Fokus. Es wird nicht der Caesar selig gepriesen, nicht die Herrscher in Jerusalem und Rom und sonstwo, nicht die Tempeloberhäupter, auch nicht die Widerstandskämpfer. Uns mag das alles schon normal vorkommen – aber das ist ein Paukenschlag. Nietzsche hat das im 19. Jahrhundert gespürt.
Und dieser Paukenschlag geht weiter: Nicht die Herrscher, die Eliten, die Priester sind Salz der Erde und Licht der Welt. Es sind diejenigen, die um Jesus herum sind. Kurz gesagt: die Armseligen. Und hier wird den Armseligen deutlich gemacht: Ihr seid das Salz der Erde, das Licht der Welt! Lasst es euch nicht ausreden, verhaltet euch als solche, damit die Menschen Gott loben. Nun kann man kritisieren, dass Jesus das Salzwort mit einer Drohung begleitet: Wenn Salz salzlos geworden ist – wird man es zertreten – also: Wenn ihr euch nicht als Salz anseht, als wichtig, wird man auf euch herumtreten, wie man es jetzt tut. Man hat überlegt: Wie kann Salz salzlos werden, das geht doch gar nicht – war Jesus so dumm, es nicht gewusst zu haben? Hat man es damals, weil es so wertvoll war, gestreckt, sodass es verdorben ist? Ich sehe das so: Wie man kein Licht anzündet, um es zu verbergen, so ist man auch nicht Salz, um salzlos zu werden. Es ist unmöglich. Licht, das verborgen wird, ist kein Licht. Salz, das vergehen kann, ist kein Salz. Ihr aber seid Licht und Salz – und Gott wird durch euer Verhalten geehrt. Und eben: Wenn man sich dessen nicht bewusst ist und nicht entsprechend lebt, dann wird man wieder einer, auf dem die anderen herumtrampeln, einen zertreten.
Dann kommt ein weiterer Eingangstext, der soll darlegen, dass Jesus nicht, wie man ihm vorgeworfen hat, gesetzlos ist, das alttestamentliche Gesetz aufhebt. Im Gegenteil: Er bringt es zur Erfüllung.
Welche dieser soeben dargelegten Worte sind direkt auf Jesus von Nazareth zurückzuführen? Es geht um den irdischen Jesus. Die Trennung sei noch kurz erklärt: In der frühen Gemeinde gab es auch Propheten, die im Namen des auferstandenen Jesus Christus gesprochen haben. Und so können auch Worte eben solche prophetischen Worte sein. Und die Frage stellt sich dann: Welche entsprechen der Botschaft Jesu, welche tun es nicht?
Wenn in der Feldrede des Lukas Menschen glücklich gepriesen werden, die kein Geld haben – also finanziell Arme –, oder Menschen, die wirklich hungern, die weinen – und Matthäus manches spirituell erweitert, hat er es im Sinne Jesu erweitert? Oder eine andere Frage: Ist es möglich, dass Jesus häufiger Menschen selig gepriesen hat – und Matthäus eben von anderen Seligpreisungen wusste und sie aufgegriffen und erweitert hat? Warum haben sich solche wunderbaren Texte gerade an den Jesus von Nazareth angerankt? Weil er selbst solche formuliert hat – andere angeregt hat, entsprechende Worte zu formulieren? Weil er erniedrigte Menschen verändert hat – und sie ihre Veränderung ins Gute – als Salz und Licht – selbst kundtun?
Darüber kann man viel nachdenken. Nachdenken kann man auch darüber: Was haben alle Texte gemeinsam? Und was ist auf Jesus zurückzuführen? Jesus erhebt die Menschen aus dem Staub, auf denen andere herumtrampeln. Warum? Um den Eingangsteil aufzugreifen: Um das Reich Gottes schon anbrechen zu lassen, das, was man in der Zukunft erwartet, das soll der Mensch schon jetzt mutig leben.
2. Erste und zweite Antithese
Nach der Einleitung beginnt der erste große Abschnitt der Bergpredigt. Auch wenn der Begriff „Antithesen“ nicht ganz glücklich ist, so hat er sich doch eingebürgert. Es folgen die Antithesen. Die Antithesen haben ihren Namen daher, dass sie paraphrasiert so eingeleitet werden: Im Gesetz heißt es – ich (Jesus) aber sage euch. Und dieses „Ich aber sage euch“ verschärft die Auslegung der Tradition. Durch diese Zusammenstellung und die Formulierungen lässt Matthäus ein großes Selbstbewusstsein Jesu aufleuchten: Jesus tritt traditionellen Missständen selbstbewusst entgegen.
Die Antithesen nennen ein paar Themen, die für die Ethik in der Nachfolge Jesu aus der Sicht des Matthäus besonders wichtig sind. Alle haben als Roten Faden das Thema: Gelingende Gemeinschaft.
1. Antithese: Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten, wer aber tötet, der ist des Gerichts schuldig. Ich aber sage euch: Wer seinem Bruder zürnt ist des Gerichts schuldig, wer aber zu seinem Bruder sagt: Narr!, der ist des Hohen Rats schuldig, wer aber sagt: Einfältiger!, der ist des höllischen Feuers schuldig.
Allein angesichts dieser Aussage stellen sich schon viele Fragen. Wo ist der Unterschied zwischen den Beschimpfungen? Ob ich nun dieses sage oder jenes – warum ist das eine dem Hohen Rat (der die Kapitalgerichtsbarkeit innehatte) vorzulegen und das andere ist: Man ist der Hölle / Gehenna schuldig?
Nun: Die Aussage wird begründet: Versöhne dich mit deinem Bruder möglichst schnell. Angeschlossen wird noch eine Klugheitsregel: Wenn man erst vor Gericht landet, kommt man nicht ungeschoren davon.
Wir haben hier also eine rhetorische Formulierung. Sie übertreibt maßlos – und das werden wir gleich häufiger sehen – um dann dem Hörer zu sagen: Sei klug. Wenn du zürnst oder schimpfst, vertrage dich schnell. Nicht nur physisch töten ist schlimm, sondern auch Überheblichkeit bzw. den anderen klein zu machen ist schlimm, es „tötet“ ihn.
Diese und andere Antithesen haben aber noch eine Besonderheit, die das Religiöse betreffen. Denn hier heißt es: Wenn du dann in Jerusalem bist und opferst, dir aber einfällt, dass einer etwas gegen dich hat, lasse alles stehen und liegen, versöhne dich, dann opfere. Das klingt für uns banal. Aber stellen wir uns vor: Jesus sagt das in Galiläa. Einer geht nach Jerusalem, ist mitten im Opfervollzug – und dann fällt ihm das Malheur ein – er muss zurück gehen nach Galiläa und wieder zurück nach Jerusalem, um das Opfer fortzusetzen. Das sind von Jerusalem nach Nazareth 146 km = 29 Stunden (so ein moderner Entfernungsrechner) aber damals mied man Samaria, sodass man noch weiter laufen musste. Also: Es war nicht mal kurz hin und zurück. Auch das ist eine vollkommen absurde Äußerung. Warum wird das gesagt? Es wird für die Antike Ungeheuerliches gesagt: Die Versöhnung mit dem Bruder hat Vorrang vor dem Opfer. Die Götter konnten unheimlich sauer werden, wenn man sie missachtet (Krankheiten, Unfälle, Armut usw. konnten die Folge sein). Was sagt also Jesus? Gott ist es wichtiger, dass du dich versöhnst, als dass du das Opfer bringst. Gott wird nicht sauer wegen eines liegengelassenen Opfers. Er wird sauer, wenn du dich nicht versöhnst.
Hiermit haben wir eine Intention, die alle Antithesen durchzieht: Gemeinschaft. Gott will Gemeinschaft – und er setzt sie äußerst hoch an.
Manche stören sich an dem „Höllischen“. Gut. Ist auch nicht schön. Diese Vorstellung macht Angst, ist brutal – die Kirchengeschichte kann ein garstig Lied davon singen. Warum kommt überhaupt die Hölle ins Spiel und nicht einfach ein: Mach es so – das ist gut? Denn es wird ja schon rational begründet. Muss die Hölle noch dazukommen? Dazu gleich mehr. Erst einmal die
2. Antithese: Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch, Wer eine Frau begehrlich ansieht, hat schon in seinem Herzen mit ihr die Ehe gebrochen.
Es folgt wieder die bekannte Drastik – rhetorisch interessant:
- Wenn dich dein rechtes Auge zum Abfall verführt, reiß es aus – wirf es weg.
- Es ist besser für dich, eins deiner Glieder verderbe
- Und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.
- Wenn dich deine rechte Hand zum Abfall verführt, hau sie ab – wirf sie weg.
- Es ist besser für dich, eins deiner Glieder verderbe
- Und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre.
Einmal sind wieder massive Übertreibungen erkennbar, und es stellen sich Fragen: Was sieht das rechte menschliche Auge, was das linke Auge nicht sieht? Absurd! Also müsste man beide Augen ausreißen und fortwerfen. Warum die rechte Hand? Die rechte Hand dürfte erwähnt sein, weil es eben bei Rechtshändern die aktive Hand ist. Und ich vermute, dass die Männer damals mit ihrer rechten Hand genauso Frauen erniedrigen konnten wie in unserer Zeit.
Im ersten Teil geht es um die Gesinnung: Es wird das Gesetz verschärft. Man soll die Frau nicht mit Blicken erniedrigen und auch in seinem Herzen rein bleiben. (Wenn die Hand hinzugefügt wird: Man soll nicht nur seine Augen in Zucht halten, sondern auch seine Hand, denn auch diese erniedrigt Frauen.)
In der Weiterführung geht es dann wieder um die religiöse Frage. Was hat die Hölle damit zu tun? Wer kommt ins Paradies? In der traditionellen Vorstellung kommen körperlich unversehrte, gesunde, tolle Menschen ins Paradies. Was sagt dieser Text? Nein, du kannst noch so makellos sein, du kommst nicht ins Paradies, wenn deine Gesinnung nicht stimmt. Du kommst eher als versehrter Mensch ins Paradies als einer mit schlechter, die Frau erniedrigender Gesinnung.
Nun mag man als Mann (oder Frau) sagen: Man muss doch gucken, das gehört zur Natur. Aber, die Diskussion haben wir ja zurzeit: Wie schaut man als Mann eine Frau an, wie schaut man als Frau einen Mann an. Ich möchte nicht die ganz #MeToo Diskussion aufrollen. Aber es gibt hier einen gravierenden Unterschied, wie wir miteinander umgehen – auch: Wie wir einander anschauen.
Also auch hier wieder: Es geht darum, die Frau nicht zu erniedrigen, darum, selbst reiner Gesinnung zu werden. Die alte religiöse Vorstellung von körperlicher Reinheit / Unreinheit hat vor der Frage der Gesinnung zurückzustehen.
Und auch hier wieder: die Hölle. Musste das sein? Uns fortschrittliche Menschen gruseln solche pädagogischen Drohungen. Nun denn, mögen sie gruseln. Andere Zeiten, andere pädagogische Maßnahmen.
3. Dritte und vierte Antithese
Die dritte Antithese betrifft wieder wie die zweite das Verhältnis zur Frau, dieses Mal zur Ehefrau. Diese drei ersten Antithesen betreffen den engeren Lebensbereich. Die dritte Antithese ist sehr knapp, wird nicht – wie de anderen begründet – es wird nur konstatiert. Nichts destotrotz ist sie heute wohl mit eine, die am meisten Widerspruch hervorruft.
3. Antithese: Es wurde gesagt: Wer sich von seiner Frau scheidet, soll ihr den Scheidebrief geben. Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet, macht, dass sie die Ehe bricht.
Voraussetzung dieses Satzes, von dem ich etwas unterschlagen habe, was aber gleich nachgeholt wird: Gott bindet zwei Menschen zusammen. Sie werden ein Leib sein, wie es Genesis 2 heißt. Ein Leib bedeutet: Wenn man diesen trennt, dann zerstört man den Leib. Hier soll also dem Mann verboten sein, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, sie wegzuschicken. Denn eine Frau, die weggeschickt wurde, hat keine sozialen Chancen mehr. Sie ist abgeschrieben, sie ist genötigt, sich wie auch immer ihren Lebensunterhalt zu verdienen, im besten Fall durch erneute Heirat. Der sich scheidende Mann zwingt sie also zum Ehebruch. Entsprechend ist derjenige, der eine Geschiedene heiratet, Ehebrecher, weil er eben dazu beiträgt, dass der eine Leib getrennt wird.
Einen Satz habe ich unterschlagen: … es sei denn wegen Ehebruchs… – das heißt, laut Matthäus darf sich der Mann von seiner Frau trennen, wenn sie die Ehe gebrochen hat. Aber eben: nur trennen. Sie nicht töten. Wir finden diesen Beitrag zur Ehescheidung auch im Lukasevangelium 16,18. In einem Vergleich sehen wir, dass dieser Satz durch Matthäus hinzugefügt wurde. Jesus ist rigoroser: Ein Mann darf sich nicht scheiden lassen. Es sei denn wegen Ehebruchs ist nicht in seinem Blick. Warum auch immer. Diese Kurzform bedeutet für den Mann – und das ist für die Antike in Israel äußerst provokant: Er darf sich aus welchen Gründen auch immer nicht scheiden lassen.
Ehebruch ist Störung der Gemeinschaft, erniedrigt die Frau. Dem steht diese Forderung entgegen. Er dient dem Schutz der Frau. Die Macht des Mannes wird eingeschränkt, er soll sich beschränken. Es geht nicht an, dass er die Frau leiden lässt, nur weil er auf einmal andere Ziele hat.
Nun mag man aus heutiger Sicht die bekannten Einwände aussprechen: Aber wenn beide nicht zusammenpassen – und heute lassen sich mehr Frauen von Männern scheiden als Männer von Frauen – was ist, wenn sie sich nicht mehr lieben? usw. Paulus lockert diese rigorose Forderung schon auf: Ihm liegt die Forderung Jesu vor, dass keine Frau sich von einem Mann scheiden lassen dürfe – wenn aber, soll sie nicht wieder heiraten. Hier haben wir die griechischen Verhältnisse vor uns. Weiterführend: Wenn Mann oder Frau, die nicht an Gott glauben, sich vom glaubenden Partner trennen wollen, soll man in die Trennung einstimmen, „denn Gott will, dass ihr in Frieden lebt“. (1. Korintherbrief 7)
Liebe oder nicht Liebe ist kein Argument. Diese Begründung gab es in der Antike nicht, denn man heiratete nicht unbedingt aufgrund der Emotion, die man heute Liebe nennt. Die Heirat war ein Vertrag zwischen beiden Partnern / Familien – vor Gott geschlossen bedeutete er: Man schließt ihn, solange der Partner am Leben ist. Und man schließt nicht leichtfertig Verträge. Man muss also überlegen, was man tut, wenn man sich an einen bestimmten Partner bindet, denn vor Gott wird man eine Einheit. Diese religiöse Perspektive fällt heute in vielen Ehen weg. Es ist vielfach eine Liebesheirat, und wenn die Liebe schwindet oder wenn eine Liebe zu einem anderen Partner größer wird, dann lässt man sich scheiden. Die Liebe wird als einziges Band angesehen – aber es gibt für Ehen noch andere Bänder: zum Beispiel – was früher auch sehr wichtig war – Besitz zusammenführen, was noch wichtig ist: für die gemeinsamen Kinder da sein, ihnen eine möglichst gute Lebensbasis bieten und die religiöse Voraussetzung. Ob die Letztgenannte nun fehlt oder nicht: Verantwortungsloses Verhalten eines Partners kann für den anderen äußerst schmerzhaft sein – und diese Forderung Jesu regt an, über sein Verhalten nachzudenken. Für einen Jesus-Nachfolger-Paar jedoch ist es gravierender: Die Scheidung ist nicht angemessen – und man muss lernen, miteinander aus christlicher Perspektive umzugehen, respektvoll, freundlich, vergebend – vielleicht wächst ja die Liebe wieder. Die Ehe ist der Rahmen, der durch Liebe gefüllt werden kann – aber nicht muss. Vielleicht wächst ja die Liebe wieder zu etwas ganz Neuem: eine Erfüllung des Zusammenseins auf anderer Ebene. Die späteren Christen, wie zum Beispiel der Kolosserbrief, gehen auch gegen die Gewalt in den Ehen vor: Männer sollen ihre Frauen lieben und nicht rücksichtslos sein (Kol. 3,19; vgl. die ausführliche Darlegung Epheser 5,28-33). Maßstab ist Christus. Das heißt, dass Scheidung nicht im Blick ist, weil die Menschen innerlich neu gemacht wurden durch Gott.
Eins muss man wohl festhalten: Eine feste Ehe ist Sehnsucht vieler Menschen. Wenn diese Sehnsucht zerstört wird, ist es schmerzhaft, weil man lernen muss, mit der Zurückgestoßenheit umzugehen.
4. Antithese
Mit der vierten Antithese gehen wir über den (weiteren) familiären Bereich hinaus zum Beispiel in die Welt des Handels.
Wiederum habt ihr gehört, dass den Alten gesagt wurde: Du sollst keinen Meineid schwören. Und: Du sollst halten, was du dem Herrn (Gott) geschworen hast. Ich aber sage euch: Ihr sollt überhaupt nicht schwören… – und das wird begründet: Wir können keine Mächte als Zeugen anrufen, weil wir nicht über sie herrschen; wir können ja nicht einmal über das bestimmen, was unseren Körper betrifft. Darum fordert Jesus: So seien eure Wort: Ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, ist von Übel.
Heute hat diese Forderung keine große Relevanz. Manchmal taucht die Frage noch auf mit Blick auf die Vereidigung im Bundestag. Aber sonst… In der Antike war es ganz anders. Man musste schwören – der Schwur war ein Teil des Vertrages, wie heute die Unterschrift. Man wusste ja nicht, ob man dem anderen vertrauen kann – und darum berief man sich auf die Götter als Zeuge. Sie würden den Vertrauensbruch ahnden. Und hier macht Jesus wieder etwas, was auch schon in der ersten und zweiten Antithese aufgefallen ist: Er „säkularisiert“ diese Sitte. Er wirft den Menschen auf den Menschen. Der Mensch soll vertrauenswürdig sein. Man soll sich auf Menschen, die ihm folgen, verlassen können. Auch hier geht es wieder um die Basis der Gemeinschaft: Sie kann nur gut sein, wenn Menschen einander vertrauen.
*
Beiden Antithesen geht es um Zuverlässigkeit, darum, Gemeinschaft herzustellen. Menschen sollen einander vertrauen können, sollen einander nicht erniedrigen.
Fortsetzung kommt morgen.
4. Fünfte und sechste Antithese
5. Antithese
Diese Antithese ruft auch wieder Kopfschütteln hervor: Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Dem stellt Jesus entgegen: Ich aber sage euch: Nicht widersteht dem Bösen.
Das wird dann vertieft:
- Wenn jemand auf deine rechte Wange schlägt – biete die Linke.
- Wenn jemand dir die Kleidung nehmen will – gib ihm den Mantel.
- Wenn jemand dich zwingt, eine Meile zu gehen – gehe zwei mit ihm.
Dem wird dann noch eine Abmilderung beigefügt:
- Gib dem, der dich bittet,
- wende dich nicht ab, wenn jemand von dir leihen will.
Auge und Auge, Zahn um Zahn war eine wichtige juristische Erneuerung, sie sollte die Gewaltspirale unterbrechen. Man darf dem anderen nicht mehr schaden, als er mir geschadet hat. Dieser Satz geht davon aus, dass Recht herrscht. Dass man also auch die Möglichkeit bekommt, sich angemessen zu rächen. Aber das war in der Regel für den kleinen Mann, die kleine Frau nicht möglich. Man war allen Gewalttätern hilflos ausgeliefert. Dem wird nun etwas Neues entgegengesetzt, die Reaktion des Hilflosen, des Opfers. Wer konnte einen Juden zwingen, eine Meile zu gehen und das Gepäck für ihn zu tragen? Die Besatzungsmacht, so habe ich mal irgendwo gelesen. Was passiert nun, wenn der Zwinger mich zwingt, das Gepäck von A nach B zu tragen, ich aber nach C weiterlaufe? Er muss hinter mir her rennen, wenn ihm sein Gepäck lieb ist. Ich erweise mich also zwar als gehorsam – aber dann doch als stärker als der Zwingende. Oder: Wenn einer mir auf die rechte Wange schlägt… – die Rechte? Mit der linken Hand? Nein, mit dem Handrücken der rechten Hand – als Zeichen der Verachtung, dann soll ich ihm auch die linke Wange hinhalten. Was mache ich damit? Er wollte mich erniedrigen – aber ich erweise mich als stärker. Mag er auch noch stärker zuschlagen – aber vielleicht wird auch ein Überraschungsmoment ausgenutzt, um das Gegenüber zum Einlenken zu bewegen. Auf jeden Fall wird auf diese Weise die Gewaltspirale durch Opfer, durch Unterlegene abgebrochen. Diese Verhaltensweise wurde dann aufgrund von Gandhi oder Martin Luther King weiter geführt zur so genannten „intelligenten Feindesliebe“. Es geht nicht darum, sich verprügeln zu lassen, sondern auf intelligente Art und Weise zu überlegen, wie man aus der Opferrolle rauskommt. Man widerstrebt dem Übel nicht, indem man gleiches mit gleicher Münze heimzahlt – man widerstrebt dem Übel, indem man es zu unterlaufen versucht.
Vers 42 geht dann darauf ein, dass, wenn einer einem etwas gewaltlos nehmen will, also etwas erbittet, dann soll man freizügig geben und verleihen. Was fehlt hier? Gott. Oh Gott, gehe gegen den Gewalttäter an, vernichte du ihn… – das gilt nicht; wir kommen in der sechsten Antithese darauf zu sprechen – und fassen sie gemeinsam zusammen.
6. Antithese
Die sechste Antithese (wer mag, kann den Text mit Lukas 6,27-36 vergleichen und selbst sehen, wie Matthäus die Tradition verarbeitet hat – siehe unten):
Ihr habt gehört, dass gesagt wurde:
Du sollst deinen Nächsten lieben – und deinen Feind hassen.
Dem stellt Jesus entgegen:
- Ich aber sage euch:
- Liebt eure Feinde,
- betet für die, die euch verfolgen.
Das wird dann begründet:
Damit ihr Söhne/Kinder seid eures Vaters im Himmel.
Das wird ausgeführt – Nachahmung des Verhaltens Gottes:
Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute,
er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
Weitere Begründung – besser sein als andere Menschen, die nicht zum Volk Gottes (Israel) gehören:
Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben – tun das nicht auch die Zöllner?
Und wenn ihre nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes – tun nicht dasselbe auch die Heiden?
Zusammenfassung – auch der Antithesen insgesamt:
Seid nun vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. (Lukas 6,36: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.)
Die Frage, die sich inhaltlich stellt: Im Alten Testament ist die Rede davon, dass man den Nächsten lieben soll (Levitikus 19,18) – aber es wird nicht gesagt, dass man ihn hassen solle. Das finden wir in Schriften, die die Qumran-Gemeinschaft überliefert hat. Aber ich denke, dass es hier auch nicht darauf ankommt, ob es irgendwo zu finden ist. Es ist die allgemeine menschliche Haltung, Menschen die einem feindlich gesonnen sind, nicht zu lieben, ihnen gegenüber nicht freundlich gesonnen zu sein. Und dieser allgemeinen Haltung setzt Jesus etwas anderes entgegen: Liebe. Natürlich kann man Liebe nicht befehlen – zumindest Liebe in dem Sinn, wie wir sie heute interpretieren. Aber Liebe ist keine besondere Emotion usw., sondern zeigt sich darin, dass man Gemeinschaft fördernd handelt – eben auch dem Feind gegenüber. Wer zu Gott gehört, handelt so. Warum? Weil auch Gott so handelt: Er bevorzugt weder Gute noch Böse – er behandelt alle gleich. Und diese Aussage ist ein Ärgernis, die wir schon als Ärgernis in manchen alttestamentlichen Texten wahrnehmen und auch bis heute die Theodizee-Frage bestimmt: Warum lässt Gott es mir, der ich doch gut bin, schlecht ergehen und denjenigen, der übel ist, dem lässt er es gut gehen? Jesu Antwort: Weil Gott eben alle gleich behandelt. Die Antwort mag äußerst unbefriedigend sein. Aber das Thema ist ja auch ein anderes: Ich soll mich allen Menschen gegenüber gleich gut verhalten, weil Gott es auch tut. Menschen verhalten sich im Allgemeinen nur gegenüber denen gut und freundlich, von denen sie gut und freundlich behandelt werden. Aber Kinder Gottes sollen sich anders verhalten. Sie sollen sich allen gegenüber – auch dem Feind – gut und freundlich verhalten. Noch einmal: Warum? Gott verhält sich mir gegenüber ja auch freundlich – Beispiel das Gleichnis vom Verlorenen Sohn (Lk 15).
Maßstab für gutes Verhalten, für Gott angemessenes Verhalten ist Gott selbst. Gott ist vollkommen – also seid auch ihr Gemeinschaft fördernd: beschimpft nicht, erniedrigt keine Frau, seid zuverlässig, überlegt, wie ihr die Spirale der Gewalt mit klugen Mitteln kappen könnt.
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Es geht heute auch immer um die Frage, was hat Jesus gesagt, was hat Matthäus verändert. Hier ist das sehr schön zu sehen. Im Lukasevangelium heißt es:
- Liebt eure Feinde.
Und diese Aufforderung wird erläutert:
- Tut wohl denen, die euch hassen,
- segnet, die euch verfluchen,
- bittet für die, die euch beleidigen.
Matthäus hat, so wird auch im gesamten Evangelium deutlich, die Situation der Verfolgung der Gemeinde im Blick – was Lukas bzw. auch Jesus wohl so nicht hatte. Matthäus legt also Worte mit Blick auf die Situation der Gemeinde aus. Auch wenn er sie auslegt, so wird doch die Intention Jesu deutlich: Lieben heißt, dem anderen wohltun, ihn segnen (also ihm die Nähe Gottes zusagen, der sie mir abspricht! – darüber lohnt es, sich nachzudenken), für ihn beten – also vergebend eintreten vor Gott gegenüber dem, der mich beleidigt. Auch wenn Matthäus die Grundlage verändert hat, so ist doch noch deutlich, welche Intention Jesu vertritt. Das mag nicht immer so sein, aber es ist gut, wenn es manchmal deutlich wird.
Matthäus geht es auch um gerechtes, das heißt Gott angemessenes Verhalten. Und von daher interpretiert er den Satz, der ursprünglich sagte, man solle barmherzig sein wie Gott barmherzig ist, weiter, indem er davon spricht, „vollkommen zu sein“. Wer nun sagen sollte: Das ist etwas ganz anderes, kann natürlich nun versuchen, barmherzig zu sein, wie Gott es ist. Und wird merken: Nun denn, so einfach ist das nicht! Sicher, es ist etwas anderes, weil Matthäus das nicht nur auf „Barmherzigkeit“ selbst bezieht, sondern als Abschluss der Antithesen vermutlich auf alle Beispiele, aber es wird von beiden, Matthäus und Lukas, betont, dass im Grunde etwas Unmögliches verlangt wird.
Man muss die Situation berücksichtigen: Jesus hat die Jünger mit einer besonderen Botschaft ausgeschickt – und die Reaktion der Leute war nicht immer freundlich – bis hin zur späteren Verfolgung, wie Matthäus es erlebt hat. Wie soll man als Menschen, die Jesus folgen, die sich Gott angemessen verhalten wollen, verhalten? Das wird an dieser Stelle gesagt: Angemessen ist es nicht zu sagen: Gott, vernichte sie.
Nun haben wir jedoch ein Problem. Das Problem finden wir in einem anderen Text der Logienquelle, die Matthäus 11,21ff./Lk 10,12ff. aufgenommen wurde.
Worum geht es? Die heidnischen, sündigen Städte (Sodom, Tyrus, Sidon) sind ein abschreckendes Beispiel dafür, wie man sich nicht verhalten soll. Und jüdische Fromme (aus Chorazin, Bethsaida und Kapernaum) wissen das und sind stolz, dass sie sich nicht so verrucht verhalten. Aber Jesus hält diesen Frommen seines Volkes entgegen, dass ihr Stolz und Hochmut Zeichen des Falls ist. Nicht Überheblichkeit über die Heiden rettet, sondern Umkehr. Und das finden wir auch in der so genannten „Antrittspredigt“ in Nazareth. Statt die Botschaft anzunehmen, überhaupt Jesus zuzuhören, regen sich die Menschen von Nazareth furchtbar auf (Mt 13,53ff.) und versuchen, ihn zu beseitigen (Lk 4,16ff.). Auch hier werden heidnische Städte und Menschen dem jüdischen Volk als Vorbilder vor Augen gestellt. Ebenso Mt 12,11ff. Das fördert natürlich den Zorn derer, die meinen, sie seien besser als die anderen, aber es kann auch zum Nachdenken anregen: Was tun wir eigentlich, wenn wir nicht wahrnehmen, was unter uns geschieht? Warum lehnen wir kollektiv ab – sollten wir nicht vielmehr nachdenken? Es sind (apokalyptische) Drohungen, in der Tradition der Propheten (da ging es allerdings um politische Folgen), die das Volk zur Besinnung / Umkehr führen sollen. (Die folgende Zusammenstellung der Texte – nach Matthäus 11,21 ff. par. – zeigt: Es wurde nicht den Klugen und Weisen gegeben, die wahre Dimension Jesu zu verstehen, sondern die Unmündigen verstehen – und daraufhin wird gesagt: Kommt, die ihr Mühselig und beladen seid… – das heißt, dieser gesamte Komplex ist der Frage gewidmet: Warum folgen manche Jesus, warum nicht… Aber darauf kann ich hier nicht eingehen – sie sprengt das Thema.)
Man kann nun fragen: Ist das „Modell“ der Feindesliebe von Jesus? Oder war Jesus ein verbiesterter drohender Apokalyptiker? Ist er ein enttäuschter, die Menschen Liebender, dessen Liebe zurückgewiesen wurde? Ist er einer, der die Gefahren kennt, die Menschen warnt und sich wundert, dass die Menschen lieber in ihr Verderben rennen, als sich vor dem Verderben zu schützen? Alles Gute – beim Überlegen, wünsche ich.
Was das Thema „Gott“ betrifft – er wird hier nicht als Problemlöser angesehen: Gott, mache, dass der Feind aufhört… oder ähnlich. Der Mensch selbst ist gefordert – und zwar in Menschen übersteigender Weise zu handeln. Vielleicht darf man das so sehen: Jesus fordert – weil er das dem Menschen zutraut. Aber dazu gehört noch etwas anderes:
Diese Texte, die vom Gericht / Hölle sprechen, sprechen von Umkehr. Es ist eine Erneuerung des Lebens notwendig. Und wenn diese nicht kommt, dann wird weder das eigene Leben besser noch der Riss, der durch die Gemeinschaft geht. Die Menschen in Israel – denn diese hatte Jesus im Blick – müssen sich ändern, sonst wird das nichts mit Schalom, mit Wohlergehen, Frieden, Gerechtigkeit, Gemeinschaft, Gleichheit…. Sie dürfen sich nicht halbherzig ändern, sondern die Gesinnung muss eine ganz Neue werden, eine, die Gott gemäß ist. Diese Botschaft an Israel gilt allen Menschen. Das haben dann die Jünger erkannt und weltweit weitergeführt: Diese Botschaft kann die Gemeinschaft zwischen den Menschen fördern, wo auch immer sie verkündigt werden wird. Denn zerrissen ist nicht nur das jüdische Volk der damaligen Zeit. Sozial zerrissen sind sie alle.
Die Umkehr zu Gott ist die Voraussetzung für die Bereitschaft, die Antithesen im eigenen Leben zu integrieren. Die Antithesen sind nicht zu verstehen ohne Jesus Christus, der eben auch von Matthäus als Sohn Gottes geglaubt wird.
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Damit habe ich die Antithesen angesprochen. Morgen folgt eine Zusammenfassung. Ich hoffe, ich kann dann in den folgenden Tagen weitere Texte der Bergpredigt darlegen.
5. Zusammenfassung: Antithesen
Mit diesen bisherigen Teil der Bergpredigt (Matthäusevangelium Kapitel 5) haben wir gesehen:
Ebene 1: Es geht einmal um die groben Züge: Jesus, wie Matthäus ihn schildert, richtet den Fokus auf erniedrigte Menschen. Er versucht die Aufmerksamkeit auf sie zu richten – die Erniedrigten sollen selbst Aufmerksamkeit auf sich richten. Sie sind groß. Licht der Welt. Diese Größe zeigt sich auch in einem Gemeinschaft-bildenden Verhalten. Einem Verhalten, das ganz anders sein soll, als man es üblicherweise kennt.
Ebene 2: Dann kann man schon Details erkennen: Man soll sich selbst beherrschen, den Mitmenschen nicht erniedrigen, man ist zuverlässig, schlägt überraschende Wege ein in Auseinandersetzungen.
Ebene 3: Wenn man das noch konkreter fassen möchte: Nicht Mitmenschen durch Beschimpfen erniedrigen, nicht Frauen erniedrigen durch begehrlichen Blick, nicht ehebrechen und scheidenlassen, nicht schwören, sich nicht rächen…
Und an diesen drei Ebenen können wir unser Verhalten ausrichten, können wir unser Menschenbild messen.
Die Frage ist nun: Ist jedes dieser Worte jesuanisch, ist es genauso jesuanisch, wie es gesprochen wurde? Wie sind Widersprüche zu klären? (Liegt das zum Beispiel daran, dass die Kontexte, in denen die Worte gesprochen wurden, fehlen?) Das sind die Fragen der historisch-kritischen Exegese. Sie werden diskutiert, es wird heftig argumentiert. Auch wenn nicht jedes Wort von Jesus gesprochen wurde, oder nicht ganz so von ihm gesprochen wurde, gibt es dann doch seine Intention wieder?
Diese Frage kann hier nicht detailliert dargelegt werden. Dazu müssten nämlich sämtliche Worte, die Jesus zugeschrieben werden, diskutiert und dann beleuchtet werden. Das wird in der Wissenschaft geleistet. Deutlich wird: Es wird ein besonderer Mensch in den Evangelien erkennbar. War Jesus so ein Mensch? Ist dieses Bild nur eine Erfindung der Logienquelle? Ist es eine des Markus? Eine des Lukas, Matthäus, Johannes, Paulus? Diese Frage zeigt schon, dass es nicht das Werk eines Menschen sein kann. Es kann auch nicht das Bild vieler sein. Die Grundkonstante ist in jedem Evangelium gleich – und auf einer anderen Ebene auch in den Paulusbriefen. Das heißt: Es hat einen Mann namens Jesus von Nazareth gegeben, der sich in besonderer Weise geäußert hat – so geäußert hat, dass seine Worte und Taten übereinstimmten, den Menschen bewundert haben. Dann hat sich manches an ihm angelegt, manches herumgerankt.
Das zu untersuchen ist eine Aufgabe historischer Wissenschaften. Die Konsequenzen, die man daraus für das eigene Leben zieht – zum Beispiel: Hat das weitere Konsequenzen als die Beschäftigung mit Caesar oder auf einer anderen Ebene die Beschäftigung mit Sokrates – das ist dann nicht nur eine des Glaubens. Denn dass man Jesus als großen Menschen, als Vorbild ansehen mag, wie Sokrates, das ist ja noch kein Glaube. Das kann aber eine Frage des Glaubens werden – und zwar dann, wenn man sagt: Der Mensch Jesus ist Gottes Ebenbild, mit ihm greift Gott in einem ganz besonderen Maße in die Welt ein, um Korrekturen anzubringen. Das wäre eine Glaubenssicht. Auch Glaube ist nicht statisch, sondern es gibt unterschiedliche Glaubenstiefen. Eine Weiterführung würde zum Beispiel bedeuten: In Jesus von Nazareth, dem Christus, ist Gott selbst unter den Menschen aktiv geworden.
Die Frage ist übrigens: Ist das, was sich an Jesus angerankt hat – zu vergessen, abzulehnen, zu übergehen? Manches empfinden wir als sehr wertvoll, als Ausdruck tiefer Menschlichkeit und tiefen Glaubens. Manches ordnen wir eher als oberflächlich, missglückt ein. Aber auch hier gibt es die Ebenen des Glaubens: Wie sind sie aus der Perspektive des Geistes Gottes zu deuten?
Aber damit ist die Bergpredigt ja noch nicht abgeschlossen. Es folgen weitere Texte.
6.1 Matthäus 6 und 7
1. Regel: Nicht heucheln beim Spenden
Es geht in den folgenden Texten erst einmal um Fragen des religiösen Handelns: um die Spende, um das beten, um das Fasten. Man soll aufpassen, dass man sein frommes Handeln nicht zur Schau stellt. Da mag man nun Mt 5,13ff. im Blick haben und fragen: Wurde dort nicht das Gegenteil gesagt? Nein: Denn hier geht es darum, dass man sich und seine Frömmigkeit zur Schau stellt, das heißt, damit man selbst Ruhm und Ansehen erwirbt. Aber den Menschen, die Jesus nachfolgen, soll es nicht darum gehen selbst Ansehen zu bekommen, sondern so zu handeln, dass Gott gelobt wird. Diese Differenz muss man auch im Tun Jesu beachten. Es kann hier nicht vertieft werden, aber Jesus versucht nicht aufgrund seiner Wunder die Menschen zu „überzeugen“, sondern aufgrund seiner Worte. Das so genannte Schweigegebot, das Messias-Geheimnis – das wird in der Forschung intensiv diskutiert – aber ich möchte zur Bergpredigt zurückkehren.
Der erste Abschnitt handelt davon, dass man nicht spendet, damit alle Leute es sehen und man darum geehrt wird. Er wendet sich also gegen das, was wir auch heute vielfach finden: Wer spendet posaunt es in die Welt hinaus, damit man sieht: Wow, so sozial engagiert – und vielleicht gibt es dann auch neue Kunden. Wir hören hier, dass man das nicht tun solle. Im Gegenteil: Die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte Hand tut.
Wir hatten schon häufiger das Thema „Übertreibung“. Auch hier übertreibt Jesus. Man mag ihm zurufen: Ei, Jesus, was soll das denn? Hast du denn keine Ahnung vom Menschen? Nun denn, dass kann man Jesus sicher kaum vorwerfen, dass er nicht wüsste, dass die linke nicht immer weiß, was die rechte tut. Aber warum sagt er das? Vermutlich auch hier aus rhetorischen Gründen: Das bleibt durch den Widerspruch, den man empfindet, im Kopf hängen! Alles andere geht ins eine Ohr rein und durchs andere wieder raus, wie man sagt – was ja biologisch auch nicht geht. Aber so etwas bleibt hängen.
Jesus bezeichnet die Menschen, die ihre Spenden hinausposaunen als Heuchler. Warum als Heuchler? Weil sie nicht geben aus reiner Gesinnung, sondern darum, weil sie damit Ansehen verbinden. Aber dann folgt eine Aussage, die auch Heuchelei sein kann: Man soll nicht geben, damit die Menschen einen sehen, sondern damit Gott einen sieht und ihm dann auch Gutes tut? Ist das reine Gesinnung? Vermutlich will Jesus damit nicht sagen, dass man gibt, damit Gott einem Gutes gibt, sondern dass man gibt, weil man sowieso Gutes geben möchte, und Gott sieht es. Aber wie dem auch sei: Deutlich wird wieder etwas: Jesus will Ehrlichkeit und nicht Heuchelei unter den Menschen. Wie das Verhältnis zu Gott aussieht, bleibt sowieso Geheimsache – aber unter Menschen soll es ungeheuchelt zugehen. Wenn einer vor Gott heuchelt, dann hat das sowieso keine Chancen, weil Gott ja das Herz sieht. Aber Menschen können nicht unterscheiden zwischen Heuchelei und reiner Gesinnung.
Eine Frage bleibt noch: Sollen Menschen nicht heucheln – sie tun doch damit etwas Gutes! Einer würde nichts geben, wenn er davon keinen Nutzen hat – gibt aber, damit er selbst und andere Nutzen hat. Ist das so schlecht? Diese Antwort sollte sich jeder und jede selbst geben.
2. Nicht heucheln beim Beten
Nach dem Almosengeben folgt das Thema Gebet in drei Abschnitten.
(a) Man solle nicht beten wie die Heuchler, um als besonders fromm zu erscheinen in der Öffentlichkeit – also das zuvor angesprochene Thema wird weitergeführt. Und auch hier: Soll man nicht öffentlich beten, um Menschen dazu zu animieren, auch öffentlich zu beten, damit dann das Gebet eine allgemeinere Akzeptanz bekommt, ein natürlicher Ausdruck einer Gesellschaft? Auch das möge jede und jeder für sich beantworten.
Deutlich wird aber noch etwas: Man betete in der Antike überwiegend laut, denn die Götter haben Ohren und können nicht ins Herz sehen. Aber Jesus sagt, dass Gott hört – und zwar auch im Häuschen, das man bewohnt. Nicht nur am Tempel, nicht nur, wenn man laut spricht usw. Gebet ist etwas zwischen mir und Gott, an jedem Ort, ein Herzensgebet. Also das leise Gebet – es ist nicht für menschliche Ohren bestimmt, sondern nur für Gott.
Man solle aber nicht nur nicht öffentlich beten, sondern auch nicht viel herumreden. Gott weiß ja, was man benötigt. Also nicht versuchen, Gott durch Geplapper rumzukriegen usw. Aber warum dann überhaupt beten? Gott möchte, dass man mit ihm spricht, sich ihm auch verbal zuwendet. Das Gebet ist für Jesus wichtig. Aber eben: Richtig beten, aus einer guten Beziehung zu Gott. Was hier freilich auch nicht vertieft dargelegt werden kann. Als Beispiel für ein kurzes Gebet wird von Matthäus das Vaterunser angefügt:
(b) Es folgt das Vaterunser. Über dieses Gebet gibt es Bände – und man selbst könnte Bände schreiben. Ich beherrsche mich.
Matthäus hat das Vaterunser ins Zentrum seiner Bergpredigt gestellt. Es stammt von Jesus – aber zu beachten ist, dass wir im Lukasevangelium eine etwas andere Form haben. In der Version des Lukas fehlt unter anderem: Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden und erlöse uns von dem Bösen (Lukas 11,2-4). Es ist natürlich nicht auszuschließen, dass Jesus es häufiger auch in Variationen gesprochen hat. Aber diese Diskussion soll jetzt nicht geführt werden. Das Gebet als solches ist schon spannend genug. Ich lege es mit Blick auf die Bergpredigt aus – nicht isoliert von ihr.
Vater = Abba = Väterchen. Auch wenn Gott als „Väterchen“ angeredet wird, so bedeutet das nicht, dass er in der Hand des Menschen ist, sondern er ist und bleibt dem Menschen entzogen (im Himmel) und der Mensch ordnet sich ihm in Demut unter, indem er Gott heiligt, das heißt: ihn nicht profanisiert, missbraucht. Gott möge seine Herrschaft aufrichten – eine zentrale Botschaft Jesu – aber bis Gott das vollbringt, soll der Mensch entsprechend handeln – also Gottes Willen tun und die Bitte spricht aus, dass Gott seinen Willen auf der Erde durchsetzen möge. Damit verbunden ist: Gott setzt seinen Willen noch nicht durch. Menschen wüten, leiden, zerstören. Wenn Gott seinen Willen durchsetzen würde, würde es nicht nötig sein, die leidenden Menschen selig zu preisen, die Erniedrigten in den Fokus zu rücken. Mit dieser dringend Bitte, sein Reich aufzurichten und seinen Willen durchzusetzen, ist noch etwas verbunden: Menschen, die Gott ehrlich darum bitten, werden alles dazu tun, den Willen Gottes schon umzusetzen. Dazu gehört eben auch das zu tun, was in den Antithesen formuliert wurde und nicht zu heucheln.
In der nächsten bitte geht es um körperliche Belange: darum, dass Gott einen nicht hungern lassen möge (ich fasse die Bitte eher eng). Wenn ich in der Gemeinde das Gebet spreche, dann weiß ich: Wenn ich Brot habe, teile ich es mit dem, der kein Brot hat.
Der daran anschließenden Bitte geht es um seelische Belange: Gott möge mir die Schuld vergeben – denn Schuld, die einem bewusst wird, fesselt, hindert freies Wirken. Und wer wird sich angesichts der Antithesen nicht großer Schuld bewusst (Beschimpfung, Erniedrigung…).
Zudem geht es um soziale Belange: Wir vergeben allen, die an uns schuldig wurden. Das heißt: ich fessele auch andere nicht an ihrer Schuld und sage: Du hast mich aber beschimpft! (siehe zur ersten Antithese.) Indem ich in der Gemeinde mit anderen das Gebet spreche, weiß ich, dass mir auch von den anderen vergeben wurde. Wir neu anfangen können. Das Thema „Vergebung“ ist für Jesus sehr wichtig – und es begegnet gleich noch einmal. Dieser Bitte folgt die sehr schwer zu verstehende Bitte: Und führe uns nicht in Versuchung – sondern erlöse uns von dem Bösen. Wie versteht Matthäus evtl. die Bitte?
Ich sagte, dass das Vaterunser die Mitte der Bergpredigt darstellt.
- Die Bitte: dein Wille geschehe usw. korrespondiert mit den Antithesen,
- die Bitte um das Brot wird von Matthäus mit dem noch zu besprechenden Abschnitt 6,19-34 erläutert,
- vergib uns unsere Schuld… korrespondiert mit 7,1-5 und
- führe uns nicht in Versuchung korrespondiert mit dem Text, der von der Entweihung des Heiligen spricht, 7,6: man solle das Heilige nicht den Säuen vorwerfen – was so verstanden werden kann: Verrate die gute Botschaft Jesu nicht in der Verfolgung (vgl. Mt 5,12-14) – Gott bewahrt mich vor der Versuchung; vor allem aber, es ist ja ein Gemeindegebet: Ich verrate die Gemeinde nicht in der Verfolgung – eben: Gott bewahrt mich vor der Versuchung.
- Sondern rette uns vor dem Bösen – korrespondiert mit: 7,7-11, das heißt: Erlösung vom Bösen dadurch, dass man Gott sucht – Gott sich finden lässt, die Tür zu sich öffnet. Suchen bedeutet: Hinwendung zu Gott, Abwendung vom Bösen.
Vielleicht hat Matthäus das alles so verstanden. Aber wie hat es Jesus verstanden? Das bleibt offen. Ich denke an das Buch Hiob, das Jesus auch bekannt war: Der Satan bittet Gott, Hiob versuchen zu dürfen, zu schauen, ob Hiob Gott auch treu bleibt, wenn es ihm schlecht geht. Gott ermöglicht es dem Satan – und der zieht alle Register. Gott möge uns Menschen das ersparen. Hiob hat durchgehalten, klagend und in einer äußerst heftigen Form Gott – nicht den Satan – anklagend. Gott gibt Hiob Recht. Aber als Mensch möchte man doch von solchen Erfahrungen verschont bleiben. Weiter geführt: Die Bitte, dass Gott vor Versuchung schützen möge, hat keinen Anhaltspunkt an dem, was uns sonst von der Lehre Jesu bekannt ist. Ich verstehe sie so: Glaubende stehen unter der Macht Gottes, des „Abba“, nicht unter bösartigen Mächten, welcher Art auch immer. Und das ist auch das, was das gesamte Gebet erkennen lässt: Die Betenden stehen unter Gottes Herrschaft und Liebe.
Wir stoßen hier aber wieder auf ein Problem, das wir schon einmal hatten: Jesus übertreibt, er sagt etwas, das man nicht versteht, über das man nachdenken muss. Und durch das Nachdenken erarbeitet man sich eine Lösung (vgl. Gleichnis vom Verlorenen Sohn).
Das Vaterunser zusammengefasst: Es zeigt uns einen Jesus, der in einer außerordentlichen Beziehung zu Gott steht (Väterchen), der den Nachfolgern ein Gebet lehrt, das sie in diese außerordentliche Beziehung hinein nimmt. Es entspricht seiner Reich Gottes Botschaft: Gott möge seine gute Herrschaft herbeiführen – aber ich als Beter werde schon jetzt entsprechend wirken, Gott möge den Menschen, die das tun, mit Brot versorgen – weil sie teilen (Körper), möge durch Schuldvergebung befreien (Seele) – ich weiß: er befreit mich und kitte im Sprechen das soziale Verhältnis (wie auch wir vergeben). Zudem möge er den Beter nicht in eine so schwere Zeit hineinführen, in der die Gefahr besteht, Gott / die Botschaft Jesu bzw. der Gemeinde untreu zu werden. Und ich weiß, er führt mich nicht in Versuchung, er stärkt mich. (Vielleicht ist das so zu verstehen, wie eben gesagt.) Gott erlöst mich von dem Bösen – was auch immer das für mich heißt.
Spannend ist: Dieser kurze zusammenfassende Absatz zum Vaterunser ist länger als das Vaterunser selbst. Wer es betet – ernsthaft betet – benötigt solche Erklärungen nicht. Es ist aus der Beziehung zu Gott selbstredend.
Übrigens: Wenn alle das gleiche Gebet sprechen, kann man sich damit nicht in der Öffentlichkeit beweisen – es sei denn, man spricht es prahlerisch laut.
Das Gebet schließt sehr abrupt. Mit der Bitte um Erlösung vor dem Bösen. Wie kommt es, dass es so abrupt endet? Wir wissen es nicht mehr. Ist etwas weggefallen? Hat Jesus eine Lehre angeschlossen? Das bleibt im Dunkeln. Dass sie sehr abrupt endet, hat man dann später so empfunden und dem noch die traditionell klingende Bitte angefügt: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
(c) Matthäus fügt dem Gebet noch eine harte Lehre zum Thema Vergebung an, die er aus dem Markusevangelium (11,25f.) entnommen hat. Matthäus 18,21ff. betont noch einmal das Thema.
3. Nicht heucheln beim Fasten
Als dritter Text folgt dann die Ermahnung, dass man beim Fasten nicht heucheln solle – also auch hier: Man solle sich der Öffentlichkeit nicht als besonders fromm präsentieren, indem man sich zum Fasten herausputzt. Man solle Selbsterniedrigungsriten nicht durchführen, um sie allen zu zeigen. Im Gegenteil: Man soll frei und offen den Menschen begegnen. Auch eine Zumutung, die uns heute kaum mehr so bewusst ist, weil wir diese alten wichtigen Fastenregeln nicht mehr ausüben. Die Zumutung besteht darin, dass man sich, statt durch Fastenriten, in denen man sich zerlumpt und verdreckt, erniedrigt – wäscht und sauber strahlt. Vielleicht vergleichbar: Statt schwarze Trauerkleidung anzuziehen, wenn ein nahestehender Mensch gestorben ist, sich weiß kleiden und feiern.
Aber auch hier die Frage: Aber was ist, wenn dem Fastenden wirklich sehr traurig zumute ist? Wenn er wirklich zeigen möchte: Meine Schuld, meine große, große Schuld… Auch das möge jede und jeder für sich selbst beantworten.
*
Ich verweigere keine Antwort, wenn ich das drei Mal formuliert habe: „Das möge jede und jeder für sich selbst beantworten“. Es soll zeigen: Jesus meint, wir sind für unseren Glauben selbst verantwortlich – darum die Umkehr, die kann man nur als Individuum vollziehen – Heuchelei hat darin keinen Platz. Was letztlich dann wirklich Heuchelei ist, das wird jeder selbst erkennen. Man kann ja auch vor Stolz platzen, wenn man gespendet hat – weil man eben nichts sagt, wenn man leise gebetet hat – aber stolz darauf ist, es anderen verheimlicht zu haben, wenn man fastet – aber seine Traurigkeit verstellt und stattdessen eben stolz lacht.
Jesu Worte sind eine herausfordendernde Zumutung. Und damit stehen die Texte der Bergpredigt nicht allein – das ist also auf Jesus zurückzuführen, ob nun jedes einzelne Wort von ihm gesprochen wurde oder nicht, ist wissenschaftlich relevant, aber die Antwort ist nicht so dringend. Dringend ist eher: Wie begegne ich den Herausforderungen? Spenden – beten – fasten – grundsätzlicher: Heuchelei? Wer bin ich? Als wer zeige ich mich?
Die Herausforderungen werden heftig weitergehen. Wann ich zu weiteren Darlegungen der Bergpredigt komme, weiß ich noch nicht.
6.2 Matthäus 6,9-14
Matthäus 6,19-24
In diesem folgenden Abschnitt haben wir unterschiedliche Entweder-Oder-Bildworte aneinandergereiht:
Bildwort 1 kann man so zusammenfassen: Man soll keine Schätze auf Erden sammeln. Warum nicht? Begründung (a): Schätze auf Erden vergehen – Schätze im Himmel bleiben bestehen. Dieses Bildwort finden wir auch Lukas 12,33 – verbunden mit dem Auftrag, alles zu verkaufen – und das Geld zu spenden. Beide Evangelisten schließen diese Forderung mit einer weiteren Begründung (b) ab: Wo dein Schatz ist, ist dein Herz. Und wo soll das Herz sein? Das wird hier nicht gesagt – ist aber allen Jesaus-Nachfolgern klar: Bei Gott, dem wahren Schatz.
Jesus ist sehr Geld kritisch eingestellt. Von daher passt dieses Entweder-Oder zu ihm.
Bildwort 2: Dieses ist schwer zu verstehen:
Das Auge ist das Licht des Menschen d.h.:
(a) es lässt das Licht in den Menschen bzw.
(b) kann auch mit alter Tradition bedeuten: das Licht geht vom Auge aus – und ermöglicht dem Menschen das Sehen.
Wenn das Auge aufrichtig ist – wird der ganze Mensch hell, wenn das Auge unaufrichtig ist, wird der ganze Mensch finster.
Mit Blick auf (a) Wenn also das Auge ein gutes Auge ist und auf das Gute ausgerichtet ist, wird der Mensch hell – wenn das Auge allerdings davon bestimmt wird, Übles zu sehen… – wird der Mensch übel. Oder,
mit Blick auf (b) – also das Licht vom Auge ausgeht – dann signalisiert das Auge Licht – und die Umwelt und der Mensch selbst werden licht. Oder das Auge signalisiert Finsternis, Abgeschlossenheit… – dann werden Umwelt und Mensch finster.
Dann folgt noch ein sehr sonderbarer Satz: Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist – wie groß wird dann die Finsternis sein?
Kann Licht Finsternis sein?
Wenn man das auf den Aspekt (b) bezieht, dass das Licht des Auges vom Menschen ausgeht, dann aber im Menschen kein Licht ist, da wo es sein sollte, also Finsternis ist, so geht von dem Auge und damit vom Menschen nur Finsternis aus.
Konkret gesagt: Wenn ich eine finstere Person bin, dann halte ich Ausschau nach Finsterem, Bösem, Üblem – und während ich danach Ausschau halte, wird das Licht, das in mir ist, immer finsterer. Wenn ich also mich an Gewalttaten (PC, real…) erfreue – so werde ich immer gewalttätiger.
Das ist eine mögliche Interpretation. Vielleicht haben wir es aber auch damit zu tun, dass es ein Rätselwort ist, das jeder bedenkt, wie wir schon häufiger entsprechende Worte hatten. Durch das Bedenken kommen die Worte einem näher – und ich komme für mein ganz persönliches Leben zu Erkenntnissen, die ein anderer so nicht übernehmen kann, es dafür aber mit seinem eigenen Leben verweben wird.
Was Jesus damit meinte, ist also nicht mehr ersichtlich, weil der Kontext fehlt. Matthäus verbindet es mit dem Schatz. Um beide Interpretationen salopp zu verbinden: Wer auf den irdischen Schatz schaut – verfinstert, wer das göttliche Licht in sich hat, schaut auf den wahren Schatz.
Bildwort 3 passt in dem Rahmen zu Bildwort 1: Man kann nicht Gott und gleichzeitig dem Geld dienen. Wenn man Gott dient, hasst man das Geld. Wenn man dem Geld dient, hasst man Gott.
Fazit:
Im Kontext des Vater-Unsers habe ich zur Brotbitte geschrieben: Wer diese Bitte ausspricht (Unser tägliches Brot gib uns heute) – der teilt. Das ist Jesu Sicht. Dass sich die Kirchen im Laufe der Kirchengeschichte wie auch einzelne Christen nicht daran gehalten haben, das ist keine Frage, die Jesus anzulasten ist, das ist etwas, für das sich die jeweiligen Menschen verantworten müssen. Aber: Jesus ist kein Gesetzgeber. Er überträgt die Verantwortung dem jeweiligen Menschen, der ihm nachfolgt. Diese Bildworte lassen nur wenig Raum. Geld muss verantwortlich eingesetzt werden. Daran kommt kein Christ vorbei (siehe unten).
*
Zu dieser Fragestellung passt auch der nächste Text, der in seiner Radikalität wie die oben genannten Entweder-Oder-Bildworte eine Provokation für die moderne bürgerliche Welt ist.
Er zeigt einen Jesus, der die Schönheit der Natur wahrnimmt: die Spatzen und die Mohnblumen. Sie dienen als Gleichnis für Gottes Handeln: Gott ernährt Spatzen und „kleidet“ die schnell vergänglichen Mohnblumen wunderschön. Zudem: Durch Sorge kann man sein Leben nicht verlängern. Darum soll sich auch der Mensch nicht sorgen. Gott sorgt für ihn.
Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen:
- Was werden wir essen?
- Was werden wir trinken?
- Womit sollen wir uns kleiden?
- Darum sorgen sich diejenigen, die Gott nicht kennen.
- Gott weiß, was ihr benötigt.
Der folgende Satz darf zum Verstehen nicht übergangen werden!:
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
Wen spricht Jesus an? Jesus spricht die an, die ihm nachfolgen. Und das werden im Wesentlichen Menschen gewesen sein, die er losgeschickt hat: Nehmt euch nichts mit auf dem Weg – es gibt Menschen, die für euch sorgen, die euch aufnehmen. Die Jünger sollen sich also um die Verbreitung der Botschaft kümmern – und es gibt immer Menschen in der Gemeinde, die sie aufnehmen werden, Menschen, die sie versorgen werden. Warum? Gott wird ihnen die Herzen öffnen und die Hand und die Tür. Es geht also um eine ganz bestimmte Zielgruppe. Eine Gruppe, die mit Jesus umherzieht und sich um die Verkündigung der Reich-Gottes-Botschaft kümmert. Es geht um das Verhalten auf dem Weg der Evangeliums-Verkündigung.
Er kann von einem reichen jungen Mann verlangen, dass er alles aufgibt. Er heilt ihn damit von einer falschen Jesus-Schwärmerei: Jesus, ich will dir folgen… – Jesus sagt: Verkauf alles und gib das Geld den Armen. Und der Reiche geht davon. Es geht um Prioritäten. Jesus ist komplizierter, nicht plakativ, oberflächlich. Jesus geht es nicht um Enteignung der Kapitalisten. Es geht ihm darum, dass der Mensch, der Geld hat, verantwortlich damit umgeht – und zwar Gemeinschaft fördernd. Wenn ein Reicher meint, dass Jesus Christus von ihm verlangt, alles aufzugeben – dann ist das auch richtig, weil Jesus das für dieses Leben eben vorgesehen hat. Dass Jesus aber nicht plakativ einzuordnen ist, zeigen zahlreiche Texte: Die Frau, die ihn mit kostbarem Öl salbt, und die Jünger sagen, als gute Schüler Jesu: Sie hätte das Geld lieber den Armen geben sollen – doch Jesus verteidigt sie. Der reiche Mann in der Arme-Lazarus-Geschichte wird nicht verurteil, weil er reich ist, sondern weil er den Armen nicht beachtet hat, auch der reiche Kornbauer ist stolz wegen seines Reichtums – aber er ist eben geizig, denkt nicht ans Geben. Ich denke nicht, dass diese meine Deutung eine Verharmlosung Jesu ist. Das würde auch gar nicht zu Jesus passen, denn er steckt den Rahmen ab, den jeder verantwortlich – aus der Beziehung zu ihm – füllen muss.
Das bedeutet zudem nicht, dass Jesus rät, planlos durch das Leben zu gehen. Der Plan ist: Verbreitung des Gottesreiches durch ein entsprechendes Leben, das auch in den vorangegangenen Antithesen und den Kulttexten Ausdruck gefunden hat: nicht beschimpfen, nicht erniedrigen, vertrauenswürdig sein, Gewaltspirale durchbrechen, nicht heucheln – also insgesamt ein Gemeinschaft förderndes Leben leben und mit diesem Leben das Evangelium zu verkündigen.
Nun stellt sich die Frage: Sagt Jesus das allen Armen? Romantisiert Jesus die Armut in dem Sinne: Klasse, dass du arm bist, freu dich daran! Arm sein ist wertvoller als reich sein! Werde arm, dann bist du ein besserer Mensch! Wenn Jesus Arme insgesamt meinen sollte, dann aber auch unter dem Aspekt: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles zufallen – das hieße wie oben: Kinder Gottes teilen, beschimpfen nicht, erniedrigen nicht… Es kann aber nicht als Gesellschaftsmodell missbraucht werden.
Der Vers 34 wurde an den Text angehängt, er soll noch eine einsichtige Begründung geben, kommt wohl aus dem Bereich der Weisheit, nach dem Motto: Heute ist heute, morgen ist morgen. Schaffe erst mal den heutigen Tag, der morgige Tag sorgt für sich. Die Intention aufgreifend: Auch Spatzen und Mohnblumen sorgen nur für das Jetzt. Das kann natürlich hilfreich sein, wenn man sich hektisch verzettelt – aber das menschliche Leben ist normalerweise anders gestrickt und man plant. Was an diesem weisheitlichen Satz auffällt: Er blendet Gott aus. Darin unterscheidet er sich massiv von den vorangegangenen Texten. Aber der Leser kann mit dem vorangegangenen Text auch diesen beleuchten – das hieße dann: Gottvertrauen soll im Zentrum stehen. Und wer die Priorität darauf legt, sich um die Durchsetzung des Reiches Gottes zu kümmern (des Schalom: Wohlergehen, Frieden, Gesundheit, Gemeinschaft, Glück, Liebe, Freiheit…), der wird versorgt werden. Nicht mit Reichtümern. Mit dem Notwendigsten, das er für den jeweiligen Tag benötigt. In der neutestamentlichen Wissenschaft wird dieser Satz weitgehend vom Kontext isoliert. Aber er kann aus meiner Sicht auch noch einen anderen Aspekt wiedergeben: Jesus ist nicht naiv. Er redet Probleme nicht einfach weg. Der jeweilige Tag hat seine Probleme, sie sind nicht wegzuleugnen. Aber lass dich von den Problemen der Zukunft nicht unterkriegen, kümmere dich um deine Gottesbeziehung heute.
*
Damit haben wir die Hauptabschnitte der Bergpredigt angedacht. Sie endet mit Texten, die in den nächsten Tagen auch noch dargelegt werden sollen.
6.3 Matthäus 6,15-7,12
Bislang hatten wir in der Bergpredigt, dass Jesus Menschen, die erniedrigt wurden, sich nicht klein machen dürfen. Gott erhebt sie. Dann sahen wir, dass Jesus eine neue Verhaltensweise forderte, die die Gemeinschaft stärkt, indem man andere nicht beschimpft, nicht erniedrigt, dass man zuverlässig sein soll, die Gewaltspirale unterbricht, nicht heuchelt, Gott vertraut in seinem Alltagsleben.
Dann liegt es nahe, wenn man das alles liest, dass man denkt: Oh, XY hält sich nicht daran!
Wohl darum fügt Matthäus diesen Ausführungen folgende Texte an:
Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet…
Der Mensch, der den anderen richtet, der wird gerichtet werden – und zwar von Gott. Er spricht sich selbst im Grunde das Urteil. Wenn er freundlich ist, gerecht, dann wird er entsprechend gerichtet werden.
Und der Forderung, die eine Gruppe anspricht, folgt wieder eine massive Übertreibung, die wir bei Jesus schon häufiger beobachtet haben, die ein Individuum anspricht:
Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders,
aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?
Wie kannst du zu dem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen –
Und dabei steckt in deinem Auge ein Balken?
Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.
Wir müssen also die Drastik in vielen Worten Jesu beachten, damit man sie nicht wörtlich nimmt. Es sind rhetorisch bedingte Übertreibungen, damit man sich das alles besser merken kann. Und man kann ja mit sich selbst den Versuch machen: Welche Worte Jesu merkt man sich? Beschimpfen -> Hölle, Hand abhacken, Auge rausreißen, Wange zum Schlag hinhalten, Balken im eigenen Auge haben, Kind einen Stein bzw. eine Schlange zur Nahrung geben… Alles ist schmerzhaft, man assoziiert äußerst Negatives. Man sieht daran: die „Werbung“ funktioniert. Nach dem Muster geht eben auch die Werbung vor: Der Mensch soll nach dem A.I.D.A.-Prinzip in diesen Texten nicht zum Kaufen angeregt werden, sondern zum sozialen Handeln: Aufmerksamkeit hervorrufen (A), Interesse wecken (I), Wunsch, sich zu ändern (D-Desire), dann Umsetzung (A – Action).
Zum Text: Man soll also nicht sagen, mein Bruder verhält sich nicht, wie er es soll, sondern soll fragen: Verhalte ich mich so? Und bis ich dann den Balken aus meinem Auge gezogen habe – wird es eine ganze Weile dauern.
Den Text 7,6 habe ich schon angesprochen. Es geht um das Heilige, das man nicht den Hunden geben und die Perlen, die man nicht vor die Säue werfen soll, damit sie es nicht zertreten. Wieder AIDA – aber leider wissen wir nicht mehr, in welchem Kontext Jesus das gesprochen hat, was er meinte. Aus matthäischer Sicht könnte gemeint sein, dass man in der Situation der Verfolgung nicht die Botschaft Jesu preisgibt.
Es folgt das Thema Gebet (7,7-11). Es beginnt mit dem Bettlerspruch:
Bittet, so wird euch gegeben,
sucht, so werdet ihr finden,
klopft an, so wird euch geöffnet.
Dem folgt die Zusage.
Dieser Zusage schließt sich ein Bildwort an – das auch wieder drastisch ist: Selbst Menschen, die böse sind, geben ihren Kindern keinen Stein, wenn sie um Brot bitten, oder eine Schlange, wenn sie um Fisch bitten. Entsprechend folgt auch diesem Bildwort eine Zusage: Gott wird Gutes geben, wenn man ihn bittet. Im matthäischen Kontext bedeutet das: Wenn ich Gott bitte, die Verhaltensanweisungen ausführen zu können, nach seinem Willen leben zu können, dann ermöglicht er es mir. Diese Argumentation finden wir auch Lukas 11,1-28: Es werden Texte hintereinander geschaltet, die insgesamt gesehen einen Argumentationszusammenhang bilden. Das ist eben die große Leistung der Evangelisten, das zu bewerkstelligen. Dadurch wird zwar den einzelnen Texten die eigentliche Intention genommen, aber sie dürfte noch darin erkennbar sein: einmal an den Worten, die sie verwenden, dann eben auch an dem Kontext, in dem sie eingefügt wurden. Was aber jeweils zu untersuchen ist.
Zurück zum Text: Es geht in dem Bettlerspruch um Nahrung. Damit wird auch der Text 6,25ff. aufgegriffen: Man soll sich nicht um diese elementaren Dinge sorgen – auf seinem Weg, die Gottesherrschaft zu verkündigen.
Die Texte sind also multidimensional eingesetzt worden:
- sie haben Bedeutung in der Gesamtkomposition – hier am Beispiel Bergpredigt
- sie haben Bedeutung in einem Teil der Komposition – hier am Beispiel der Bergpredigt
- sie haben in sich Bedeutung durch die Zusammenstellung unterschiedlicher Aussagen
- sie haben in ihren kleinsten Einheiten Bedeutung – und diese sind dann zum Teil mit Jesus in Verbindung zu bringen.
- Wenn man dann die kleinste Einheit, wenn sie von Jesus ist, von Jesus her interpretiert hat, dann kann man wieder zurückgehen und jeweils die vorangehenden Dimensionen befragen:
- Entsprecht ihr noch der Intention Jesu?
Was Jesus betrifft: Es wird ein großes Vertrauen auf Gott deutlich. Und: Das Vertrauen, dass Gott Gutes gibt. Und an dieser Stelle kann man nun viel nachdenken – weil sich automatisch die Theodizee-Frage einstellt: Gott gibt Gutes? Warum erhört er „meine“ Gebete nicht? Dieses Thema ist aber keines das Matthäus in der Bergpredigt behandeln will. Ihm geht es hier um unsere Verhaltensweisen. Von daher verlassen wir erst einmal diese spannende Frage nach der Gebetserhörung und kehren uns wieder der Bergpredigt zu. (Ich vermute nicht, dass es darum geht, Gott zu finden. Diese Frage war in der Zeit Jesu keine Frage. Gottes Existenz war den Menschen so sicher wie alles, was wir in der Schöpfung wahrnehmen.)
Es folgt die Goldene Regel.
Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen.
Das ist das Gesetz und die Propheten.
Jesus fasst die alttestamentlichen Weisungen in dieser Goldenen Regel zusammen. Sie ist typisch Jesus: Man soll in Vorleistung gehen. Man soll also den anderen Gutes tun (Masochisten sind hier wahrscheinlich nicht im Blick: Anderen Schlechtes tun, damit sie mir Schlechtes tun, weil ich gerne leiden will) – aber man ist sich nicht sicher, dass sie einem auch etwas Gutes tun.
Wir kennen die negative Form der Goldenen Regel:
Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.
Diese negative Form hat einen ganz anderen Duktus: Man unterlässt etwas, man unterlässt es, anderen zu schaden.
Die positive Form der Goldenen Regel wird von manchen als eine Form des Egoismus interpretiert: Ich will was Gutes – darum tue ich dem anderen etwas Gutes: Ich gebe dem Nachbarn ein Stück Kuchen, damit er mir von seinem Kuchen abgibt. Diese egoistische Interpretation ist zumindest für Jesus nicht zu belegen (oder übersehe ich etwas?).
Es wurde im Kontext des VaterUnsers gesagt, dass die jeweiligen Bitten in der Bergpredigt durch Matthäus ausgelegt werden. Hier ist es so, dass der Text auf die Vergebung in 7,14-15 eingeht. Das hieße: ich soll vergeben – also in Vorleistung gehen, damit mir der Mitmensch auch vergibt?
Heutzutage wird die positive Form der Goldenen Regel von Jesus abgekoppelt und wird als eine allgemein menschliche Erkenntnis dargestellt. Schön. Aber können wir sie ohne den Urheber überhaupt richtig verstehen? Warum ist es Menschen möglich, in Vorleistung zu gehen? Weil sie so toll sind? Im Hintergrund steht auch das Ertragen von Leiden. Nachfolgerinnen und Nachfolger müssen Leiden ertragen können – und dazu gehören auch Enttäuschungen. Aber das wurde im Kontext der 5. und 6. Antithese vertieft.
6.4 Schluss der Bergpredigt
Der Schluss der Bergpredigt endet mit einem Text, der auf das hinweist, was wir schon immer beim Lesen der Bergpredigt gedacht haben: Das ist aber schwer zu tun! Nicht zu beschimpfen, Frauen nicht begehrlich anzusehen, sich nicht scheiden zu lassen, wenn einem danach ist, aufrichtig zu reden, seine Wange hinhalten, wenn einer einen schlägt, den Feind zu lieben, nicht zu heucheln – denn man möchte ja immer besser dastehen, damit man soziales Ansehen hat, nicht nach irdischen Schätzen zu trachten… – das ist unmenschlich!
Aber Jesus, so Matthäus traut es uns zu, diesen Weg Gottes zu gehen. Er ist schwer, aber er ist zu gehen. Und weil der Weg so schwer ist, werden viele den leichten, den normalen Weg gehen. Dieses Bild wiederum ist sehr drastisch, er prägte sich ein und war bei unseren Vorfahren ein beliebtes Bild. Nicht nur bei unseren christlichen Vorfahren. Herakles musste sich auch am Scheideweg zwischen dem leichten, genussvollen aber verwerflichen und den beschwerlichen Weg der Tugend entscheiden, denn der leichte Weg der Glückseligkeit ist nur eine Vorgaukelei. Diese Wege waren von Frauen bestimmt: Frau Laster (Glückseligkeit durch Laster, sie ist verstoßen worden von den Göttern und versucht den Menschen, den üblen, leichten Weg zu gehen) und Frau Tugend (Schönes und Gutes geben die Götter nur dem, der sich müht und fleißig ist). Beide reden, miteinander diskutierend, dem Herakles zu – der Held entscheidet sich für den moralischen Weg, den Weg, der zum Ruhm führt.
Auf weitere Parallelen und Unterschiede sei hier nicht eingegangen. Es sei nur angemerkt: beide weisen auf Vergänglichkeit und Ruhm hin. Der eine hat Vergänglichkeit und Ruhm bei Menschen im Blick, der andere bei Gott. Dass normale tugendhafte Menschen nach kurzer Zeit vergessen werden (anders als der Göttersohn Herakles), wird vom christlichen Glauben aufgefangen: Bei Gott wird er nicht vergessen – und im Zuge der Auferstehung wird er mit anderen Gemeinschaft haben. (Nachträglich kann man sagen: Was für ein Glück haben wir, dass wir im Matthäusevangelium keine Frauen als Gegenspielerinnen finden – das hätte heute ziemlich große Aufmerksamkeit auf sich gezogen.)
Nach diesem plastischen Bild geht es zu anderen Bildworten:
Bildwort 1: Falsche Propheten werden kommen, sie sind reißende Wölfe, haben aber Schafskleider angezogen (Wolf im Schafspelz).
Bildwort 2: An den Früchten sind „sie“ zu erkennen. Trauben findet man nicht im Dornstrauch, Feigen findet man nicht bei den Disteln.
Bildwort 3: Es gibt gut gedeihende (gute) Bäume und schlecht gedeihende (faule) Bäume. Der gute Baum bringt gute Früchte hervor, der faule Baum schlechte Früchte. Bäume, die schlecht tragen, die werden zu Brennholz verarbeitet.
Zusammenfassend: Gefährlich sind diejenigen, die als Schafe verkleidet, Menschen auf dem breiten Weg in die Verdammnis führen möchten. Man soll also aufpassen, dass man sich nicht verführen lässt.
Woran erkennt man aber den falschen und den guten Propheten? An ihren Früchten. Bei Menschen, die nicht den Weg Gottes gehen (Antithesen usw.) findet man keine guten Früchte. Dann gibt es aber auch Menschen, die ein und dieselbe Sorte Baum sind – aber die einen tragen gute Früchte, die anderen schlechte Früchte. Interessant ist, dass Matthäus diesen Satz aufgrund seiner ethisch geprägten Bergpredigt ethisch verstärkt, während die Parallele bei Lukas die Lehre im Blick hat: Ein guter Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens Gutes hervor; ein böser bringt hervor aus dem Bösen, das Böse. Wovon das Herz voll ist, spricht der Mund. (Lukas 6,43-45)
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Im Lukasevangelium haben wir noch einen Satz angeschlossen: „Was nennt ihr mich aber Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage?“
Dieser Satz wird von Matthäus ausgeführt: Auch wenn die „Herr, Herr“-Sager noch so tolle Sachen gemacht haben (weissagen in Jesu Namen, in Jesu Namen exorzistisch tätig sein, Wunder tun in Jesu Namen) – Jesus wird ihnen keinen Zugang ins Himmelreich gewähren, denn sie sind Übeltäter und werden von ihm weggeschickt. Wie kommt es? Im Sinne des Matthäus: Man kann wunderbare Wunder tun – und das sogar in Jesu Namen ! – aber man kann parallel dazu: seinen Bruder beschimpfen, Frauen begehrlich ansehen, die Gewaltspirale erhöhen, heucheln, Gott nicht vertrauen, sondern sich selbst. Matthäus ist also ein massiver Kritiker seiner Gemeinde und möchte mit der Bergpredigt seine Gemeinde ethisch korrigieren. Und ich denke mir, dass er aus diesen Gründen nicht zufällig die Themen zusammengeführt hat, die er in den Antithesen usw. darlegt. Das macht aber insgesamt diesen Text zu einem der heftigsten Texte im Evangelium: Menschen, die im Namen Jesu handeln sind nicht unbedingt „gute Bäume“, auch wenn sie in den Augen der Menschen noch so Großartiges tun.
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Abgeschlossen wird die Bergpredigt mit einem Text, den wir auch in der lukanischen Feldrede finden. Das heißt, er stammt nicht von Matthäus, er ist älter. Beide unterscheiden sich ein wenig im Wortlaut, was hier nicht vertieft werden soll. Es kommt darauf an zu sagen: Wer die Bergpredigt hört und entsprechend handelt, baut sein Leben auf eine gute Basis. Die Basis ist gut, weil sie trotz der Lebensstürme bestehen bleibt. Wer diese Basis nicht verwendet , den zerstören die Lebensstürme.
Ähnliche Worte gibt es bei den jüdischen Gelehrten, bei Buddha („So wie der Regen in ein schlecht gedecktes Haus eindringt, so dringt Leidenschaft in einen nicht gesammelten Geist. So wie kein Regen in ein gut gedecktes Haus eindringt, so dringt keine Leidenschaft in einen wohl entwickelten Geist.“) Man kann sie alle miteinander vergleichen. Was aber hier deutlich wird: Für Matthäus und Lukas (das heißt somit auch die Logienquelle) ist die Basis des Lebens diese Zusammenstellung der Worte Jesu. Und Jesus ist nicht einfach nur ein Weisheitslehrer unter Weisheitslehrern, so bekennen die Evangelisten, sondern er steht in einzigartiger Beziehung zu Gott, und die Nachfolger haben seinen Geist. Wenn auch manche dieser Worte so nicht von Jesus gesprochen wurden, nicht in dieser Reihenfolge und Zusammenstellung, so sind sie doch nicht zu übergehen. Was dann auch die Gemeinde – aus demselben Geist Gottes heraus – dadurch bestätigte, dass sie dieses Evangelium in den biblischen Kanon als Maßstab aufgenommen hat. Es geht – auch wenn ich das immer wieder wegen unserer Diskussion angesprochen habe – nicht nur um die Frage, was hat Jesus wirklich gesagt, es geht um die Frage: Was haben diejenigen, die dessen Geist haben, daraus gemacht, und wie haben andere Geistbegabte es aufgegriffen. Jesus ist Ausgangspunkt – aber als der Christus.
Damit habe ich das Thema Bergpredigt beendet. Bücher wurden über sie geschrieben – hätte ich auch schreiben können. Insofern sind es Nachdenkanstöße – weil sie meine Perspektive kurz und knapp wiedergeben.
7. Schlussgedanken
Wir lesen die Bergpredigt, wir lesen davon, dass man nicht beschimpfen darf, weil man einen anderen verletzt, so verstehen wir, dass man eine Frau nicht erniedrigen darf mit Blicken und Taten, dass wir zuverlässig sein sollen…
Und was machen wir? Wir sehen ein dass es falsch ist, was wir tun, aber wie trotzige Kinder sagen wir: Ich musste es tun!, das ist normal!, was ist schon dabei!, andere sind viel übler!…
Statt also in uns zu gehen und all die Menschen Revue passieren zu lassen, denen wir Übles angetan haben, um uns zu entschuldigen, sind wir verbockt, stellen uns stur und die Gemeinschaft leidet, die Menschlichkeit leidet, das Zusammensein leidet.
Das haben Menschen an der Botschaft Jesu begriffen:
Ich brauche mich nicht zu verbocken, ich kann vergeben, mir wird vergeben, ich kann neu anfangen. Ja, Jesus Christus, ich kann neu anfangen. Ich sehe durch dich Menschen und Welt mit anderen Augen. Den Augen derer, die ich verletzt habe und die ich auch in Zukunft verletzen könnte, weil ich einfach zu unachtsam bin.
Ich nehme nicht nur wahr, dass ich verletzt habe oder verletzen könnte, ich kann mich ändern, ich muss mich ändern, weil ich es erkannt habe. Das ist Freiheit. Frei zu seinen asozialen Versagen stehen zu können, neu durchatmen zu können und mit Gott in die mitmenschlichere Zukunft gehen.