1. Leben des Ernesto Cardenal und der Kommunismus

Auch Christen haben die nationalsozialistische Ideologie unterstützt. Entsprechend gibt es auch Christen, die den Kommunismus unterstützt haben. Ein berühmtes Beispiel ist der Priester, Mönch, Dichter, Politiker Ernesto Cardenal.

Ernesto Cardenal wurde 1925 geboren, er hat sich als Priester an den Aufständen gegen die Diktatur in Nicaragua beteiligt. Er wurde des Landes verwiesen. In einem Kloster kam er mit christlichen mystischen Traditionen in Kontakt. Auf einer Insel der Inselgruppe „Solentiname“ hat er 1965 eine Kommune gegründet auf der er eine genossenschaftliche Arbeit ausprobierte. Sein Buch, Das Evangelium von Solentiname, gab den Traum vieler Theologiestudierender und anderer Christen wieder und beeinflusste sie. Mit den Mitgliedern seiner Genossenschaft hat er eine Kaserne besetzt, daraufhin wurde die Einrichtung zerstört. Er ging ins Exil und schloss sich Revolutionären an. Nachdem der Diktator besiegt war, wurde er Kulturminister der Regierung. Er war vor allem in Deutschland das Aushängeschild für die Verbindung eines marxistischen Revolutionärs mit dem christlichen Glauben. Er besuchte wiederholt Chomeini, war befreundet mit dem venezolanischen Linkspolitiker Chavez, wurde 1984 als katholischer Priester durch Johannes Paul II. suspendiert, wurde aber 2019 wieder eingesetzt durch Franziskus. Er kritisierte den Machtmissbrauch seines ehemaligen Mitkämpfers, des revolutionären Herrschers von Nicaragua. Somit konnte er zunächst nach einer lyrischen Europatournee nicht wieder in Nicaragua einreisen. Er starb 2020 in Nicaragua. Der Gottesdienst wurde von den Anhängern des nachtragenden neuen Diktators durch Geschrei gestört, indem sie Cardenal als Verräter bezeichneten und sich zu dem Diktator bekannten: „Es lebe Daniel“ (Ortega). Dieser Herrscher regiert immer autoritärer und antichristlicher noch 2026. (1)

2. Theologie des Ernesto Cardenal

In seiner Theologie sah er den alttestamentlichen Gott als grausamen Gott, und Jesus zeigte einen anderen Gott, einen zärtlichen. Und das brachte Cardenal dazu, sich als Revolutionär zu engagieren. Die ersten Christen sah er mit der Apostelgeschichte als Kommunisten an. Der Sozialismus bringt das Reich Gottes auf Erden, die perfekte Gesellschaft, in der alles allen gehört. Der Sozialismus ist nicht gescheitert, er wurde nur nicht richtig umgesetzt. Und so ist die Befreiungstheologie, die eigentlich Revolutionstheologie heißen müsste, eine neue Theologie. Sie führt in den Pluralismus hinein. Das heißt für Cardenal: Die Religion der Armut steht über den dogmatischen Religionen der Menschen. Sogar Kannibalen seien zu respektieren. Keine Religion kann sagen, sie sei die Wahre, alle seien zu respektieren, um die Armen zu vereinigen. (2)

Er legte seine Theologie vielfach in Gedichten vor. In Psalmen und Gesängen verkündete er seine Weltanschauung. Theologie war eng verknüpft mit politischer Überzeugung. In ihnen wird allerdings deutlich, dass er nicht so sehr Gott als grausamen Herrscher ansah, sondern die alttestamentlichen Herrscher wurden in seinen texten durch die Unterdrücker der Gegenwart ersetzt. Deutlich wird, dass für ihn diese Reihenfolge bedeutsam war: Erst der christliche Glaube führte ihn zum Einsatz für die Armen, der Sozialismus bot das weltanschauliche Instrumentarium dazu. Die christliche mystische Tradition brachte ihn dann dahin, dass er alle Menschen als Einheit ansah – und verband das später auch mit der Einheit der gesamten Schöpfung.

Auch wenn für ihn diese Reihenfolge wichtig war, für die Beobachter wird deutlich, dass er den christlichen Glauben auch von seiner kommunistischen Ideologie her interpretierte. Diese war vielfach der hermeneutische Schlüssel. Das wird zum Beispiel daran ersichtlich, dass er die Gemeinschaft wichtiger nahm als die Betonung des Individuums. Im christlichen Glauben muss sich beides die Waage halten. Der einzelne Mensch und die Gemeinschaft gehören zusammen, aber die Gemeinschaft hat nicht allein Wert, sondern der einzelne Mensch behält seine Würde, er ist Person, geht nicht in der Gemeinschaft auf. Jesus Christus half den Individuen, gab ihnen Würde, ließ sie erfahren, dass sie nicht nur leidende Individuen sind, sondern Person. Er führte sie, wenn sie wollten als Personen, in die Gemeinschaft. Er führte sie in die Gemeinschaft, weil sie dem Individuum gut sein kann, das Bewusstsein um sein Personsein vertiefen kann. Und diese Gemeinschaft ist die Gemeinschaft der Kinder Gottes, das heißt: Sie lebt – wie das betende Individuum – aus der Beziehung zu Gott.

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(1) Biografische Hinweise aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Ernesto_Cardenal

(2) Zusammenfassung des Interviews: „Gottes Reich ist der Kommunismus“ in: https://www.nd-aktuell.de/artikel/171691.gottes-reich-ist-der-kommunismus.html

3. Katholische Kirche gegen Kommunismus

Hier sind 5 Gründe aus einer langen Liste möglicher Punkte, warum die Kirche kategorisch gegen den Kommunismus ist:

1) Privateigentum ist ein natürliches Menschenrecht („Privateigentum ist die natürliche Frucht der Arbeit und schützt den Menschen in seiner Würde, denn es vermittelt „den unbedingt nötigen Raum für eigenverantwortliche Gestaltung des persönlichen Lebens jedes Einzelnen und seiner Familie“.)

2) Kommunismus verstößt gegen die Subsidiarität („was der Einzelmensch aus eigener Initiative und mit seinen eigenen Kräften leisten kann, (darf) ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen werden.“)

3) Verfolgung der Kirche

4) Atheismus

5) Klassenkampf ist falsch und vermeidbar („Der Klassenkampf ermutigt die Todsünde des Neids und arbeitet mit dem Schema „Wir gegen die anderen“. Menschen sollten aber, egal welchen Standes, in Solidarität und Nächstenliebe miteinander zusammen arbeiten.“)

Texte aus – und siehe die Erläuterungen der 5 Gründe, warum die Kirche den Kommunismus kategorisch ablehnt -:  https://de.catholicnewsagency.com/story/5-grunde-warum-die-kirche-den-kommunismus-kategorisch-ablehnt-und-verurteilt-1375 (2019)

4. Weitere Sichtweisen zu dem Verhältnis von christlichem Glauben und Kommunismus / Sozialismus

1. Christen und Sozialismus

  1. Wie an Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) zu sehen, wurde der Kommunismus / Sozialismus dahingehend gewürdigt, dass er Christen die Dringlichkeit des sozialen Engagements wieder vor Augen geführt hat. Armut und Unrecht sind strukturell bedingt. Das Problem ist aber für Christen, dass Sozialisten versuchen, das Reich Gottes auf der Erde durchzusetzen, denn das ist für Menschen unmöglich.
  2. Der große Theologe Karl Barth (1886-1968) hat mit dem Sozialismus geliebäugelt, aber eben mit Blick auf das Reich Gottes die Grenze gezogen. Zudem darf ein Christ den Glauben nicht politisieren, darf ein politisches System nicht absolut setzen. Das sei Götzendienst.
  3. Stärker für den christlichen Sozialismus hat sich Paul Tillich (1886-1965) eingesetzt. Er war der Meinung, dass der Kapitalismus dem Menschen seine Würde raube, antichristlich sei, weil er den Menschen zur Ware mache, ihn von Gott entfremde. Beide, Kommunismus wie Christentum, sollten aufgrund des gemeinsamen Einsatzes für den Menschen das Gespräch suchen, um eine gerechte Kultur zu errichten.
  4. Noch stärker sah Leonhard Ragaz (1868-1945) die Gemeinsamkeit von Christentum und Sozialismus: Christsein bedeutet nicht, Seelen retten, während die ungerechte Gesellschaft unangetastet bleibt. Das Reich Gottes ist dort zu erkennen, wo Menschen von Ausbeutung befreit werden.
  5. Der Kommunist Ernst Bloch (1885-1977) war kein Christ, aber er hat mit seiner Untersuchung zu dem „Prinzip Hoffnung“ viele Christen seiner Zeit beeinflusst. Christen leben von der Verheißung, dass die Zukunft besser wird, und wirken auf eine solche Zukunft hin. Das hätten sie mit dem Marxismus gemeinsam.
  6. Viele Christ-Sozialisten-Marxisten aus dem Bereich der „Befreiungstheologie“ wären hier zu nennen, die je nach Couleur eine Verbindung von christlichem Glauben mit dem Kommunismus suchten: Gustavo Guttiérrez (1928-2024), Lenardo Boff (*1938), Jon Sobrino (*1938) möchte ich hier stellvertretend erwähnen. Der Marxismus war für sie ein Instrument, um die strukturell organisierte Ausbeutung wahrzunehmen. Ihr Glaube wurzelt nicht im Marxismus, sondern eben im Christentum, das sich für Arme einsetzt. Aus dieser Perspektive heraus engagiert sich Boff auch stark für den Umweltschutz. Sobrino, der selbst ein Massaker als Opfer miterlebte, betont den gekreuzigten Christus als Hoffnungsanker für Verfolgte. Kirche dürfe sich nie auf die Seite der Mächtigen, sondern auf die Seite der Leidenden stellen.

Freilich gab es auch viele, die je nach Schwerpunkt eine Verbindung kritisch sahen. Grundsätzlich herrschte wie gesehen die Sicht, dass der Mensch das Reich Gottes nicht herbeiführen kann. Aber dann auch: Der Sozialismus / Kommunismus verletzt durch seinen Kollektivismus die Würde des Individuums. Dieser kollektivistische Ansatz erfordert, dass sich das Individuum dem Kollektiv unterwirft, somit nicht mehr eigenständige Person ist. Dazu gehört, dass der Sozialismus / Kommunismus in seinem Ansatz gegen den christlichen Glauben bzw. die Religion insgesamt ablehnt und in seiner Extremform bekämpft. Er hat seine Basis in der Philosophie des Materialismus, das heißt, dass die Wirklichkeit auf Materie und physikalischen Prozessen beruht und auf ökonomische, wirtschaftliche Verhältnisse zurückzuführen ist. Gott, Seele usw. existieren nicht. Wenn also die Wirtschaft so geordnet ist, dass alle gleich viel besitzen, dann benötigt der Mensch auch keinen außerirdischen Tröster, also Gott mehr. Gott ist aus dieser Sicht nur ein Notkonstrukt des Menschen, um sich aus der Welt des Leids rauskatapultieren zu können.

An dieser Stelle ist Jan Milič Lochman (1922-2004) zu nennen. Er war Professor in der von Kommunisten beherrschten Tschechoslowakei, bevor er nach Basel wechselte. Er unterschied zwischen politischer Theologie, das heißt einer Theologie, die sich um gesellschaftliche Fragen kümmerte, und einer politisierten Theologie, das heißt, dass sich eine Weltanschauung / Politik der Theologie bemächtigt hat. Glaube wird der Weltanschauung unterworfen. Christen sollten in einer sozialistischen Gesellschaft nicht einfach nur opponieren, sondern an dem mitarbeiten, was gut ist für Menschen. Da aber der Sozialismus stark materialistisch denkt, in ihm die Menschenrechte mit Blick auf die Würde der Person dem Kollektiv untergeordnet werden, ist ein Zusammengehen beider nur begrenzt möglich. Sozialismus hat als Motto: Befreiung der Menschen – aber weil er die Personen / Individuen der Gemeinschaft unterwirft und die materialistische Weltanschauung erzwingt, nimmt er Freiheit und Würde.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass das strenge Sozialistische Menschenbild und das christliche Menschenbild sich aneinander reiben. Das ist auch im nächsten Abschnitt zu sehen. Es geht also nicht nur um dies und das – es geht um die Frage: Wer ist der Mensch? Wer interpretiert den Menschen in seinem wesen richtig – und was bedeutet das für das menschliche Handeln?

2. Sozialisten und Christen

Nicht nur einige Christen wandten sich gegen eine enge Verbindung mit Sozialisten, sondern auch einige Sozialisten, vor allem fundamentalistische / orthodoxe Marxisten, wandten sich gegen eine enge Verbindung mit Christen.

  1. Christen, die sich dem Sozialismus nahe fühlten, wurden von den Sozialisten vorgeworfen, sie würden diesen vereinnahmen, würden versuchen, ihn zu verwässern. Das dadurch, dass sie den Materialismus durch das Transzendente, den Glauben an Gott ersetzen.
  2. Christen setzen ihre Hoffnung nicht in die revolutionäre Veränderung der Gesellschaft, sondern in das Handeln Gottes.
  3. Christen würden die Notwendigkeit des Klassenkampfes relativieren mit ihrer Nächsten- und Feindesliebe. Es gehe nicht an, von Reichen Geld zur Unterstützung der Armen zu fordern, sondern es geht darum, das kapitalistische System zu zerstören. Es geht nicht um Reformen, es geht um Revolution.
  4. Christen sagen, dass Unterdrückung bekämpft werden muss – aber der Unterdrücker als Mensch geliebt werden soll. Dieser Ansatz, so Sozialisten, würde der Solidarität mit den Unterdrückten zerstören.
  5. Der Klassenkampf ist Realität, also geht es nicht an, dass in dieser Form, wie es Christen tun, differenziert wird.
  6. Es geht um Revolution, weil die gesellschaftliche kapitalistische / bürgerliche Struktur ja erst das Leiden verursacht.
  7. Christliche Sozialisten konnten als ein von Kapitalisten eingesetztes Trojanisches Pferd angesehen werden, das sie zur Schwächung des Sozialismus zu installieren versuchen.
  8. Christen, die sich in ihrer Form des Sozialismus auf das soziale Handeln von Jesus Christus beriefen, würden die marxistische Weltanschauung vereinnahmen. Erst waren die Sozialisten da und kämpften für die Arbeiter mit Marx und co. im Rucksack, und nun kommen die Christen und wollen ihnen den Rucksack mit Jesus füllen.
  9. Religion und Kommunismus sind unvereinbar, weil durch Religion die Ausbeutung und Unterordnung festgeschrieben werde.