Aufgabe 1: Eingangsfragen
- Wo begegnet Gott Menschen / uns im Alltag?
- Wie begegnet Gott Menschen / uns im Alltag?
- Wie beschreiben wir Gott, welchen Namen geben wir ihm?
- Welche Sinne haben wir? Wofür sind die jeweiligen Sinne zuständig? Können Sinne mehr als Innerweltliches erfassen, als das, was für den Menschen lebenswichtig ist.
- Welche Gottesbilder gibt es im Alten und Neuen Testament? Es gibt unterschiedlichste Gottesbilder: Schöpfer, Hirte, Vater… – kennst Du weitere?
1. Gottesbeweise / der Begriff „Beweis“
Der Mensch versucht, Gott zu denken, seine Realität mit dem Verstand zu erfassen und entwickelte Gottesbeweise: Menschen versuchten das, was sie sehen, erfahren, glauben zu verstehen. Sie wissen: Aus sich selbst heraus kann nichts entstehen – nun ist aber etwas. Wie kommt das? Und diese Macht, die dieses Etwas ermöglicht, verursacht, wird Gott genannt. Die Frage stellt sich: Und wer hat Gott gemacht, woher kommt Gott? Diese Frage wird so beantwortet: Jedes Wort hat eine Definition, eine ihm zugedachte Bedeutung. Die Bezeichnung „Gott“ hat die Bedeutung: Er war schon immer und hat alles erschaffen, er erhält und vollendet. Das können wir Menschen nicht denken – aber wir können im Grunde mit dem Verstand auch nicht erfassen, dass überhaupt etwas ist. Wir können nicht erfassen: Was war vor dem so genannten Urknall, was ist außerhalb des Universums? Das kann nicht beantwortet werden, weil es vor dem Urknall keine Zeit gab, also kein „Vorher“. Was ist „Nichts“? Wir können nicht erfassen, dass es Bewegung gibt, denn aus sich selbst heraus kann sich nichts bewegen, wir können nicht denken, dass Materie lebt, denkt, liebt, atmet… Wenn Gott als eine Macht definiert wird, die schon immer war, man diese Macht aber ablehnt und durch die Natur ersetzt, dann ist die Natur Gott, bzw. anders gesagt: die Welt ist Gott, weil sie schon immer war.
Das Wort „Beweis“ bringt Probleme mit sich. Ursprünglich wurden die Versuche, Gottes Existenz plausibel zu machen, als „Argumente“ bezeichnet. Der Glaube versucht, seine Sicht rational zu durchdringen. Blinder Glaube soll überwunden werden. Der Mensch ist nicht nur emotionales Wesen, sondern hat von Gott auch den Verstand bekommen, darum versucht er auch, sich mit dem Verstand Gott zu nähern. Bei Anselm von Canterbury, der gleich genannt werden wird, geht das nur betend und meditierend: Fides quaerens intellectum: Der Glaube sucht Einsicht / Begründung. Also erst ist der Glaube da, dann folgt das Argumentieren. Oder Thomas von Aquin, der auch unten genannt werden wird, spricht von den „Fünf Wegen“, sich der Gotteserkenntnis zu nähern. Im 17. und 18. Jahrhundert versuchten Philosophen (z.B. Leibniz) die Philosophie mathematischer zu gestalten und verwendeten Begriffe wie probatio / demonstratio. Kant hat 1781 diese Argumentation als „Beweise“ kritisiert und den rein begrifflichen Gottesbeweis abgelehnt. Denn aus reinen Begriffen kann die Existenz Gottes nicht bewiesen werden.
Zu bedenken ist auch: In Zeiten, in denen Gott und Götter einfach als Realität wahrgenommen werden, sie keiner infrage stellt, so lange benötigt der Mensch auch nicht die Frage nach der Beweisbarkeit von deren Existenz. Dass Platon und Aristoteles schon vorgedacht haben, liegt nicht daran, dass sie Gott beweisen wollten, sondern dass sie sich staunend darüber Gedanken gemacht haben, wie das alles so existieren kann: die Natur, das Denken. Auch im Mittelalter diente das Staunen der Selbstvergewisserung der Vernunft. So richtig bricht also die Frage danach, wie die Verwendung des Wortes „Beweis“ zeigt, in der Moderne auf: Mit René Descartes (1596-1650) wurde der Zweifel Grundlage der Wissenschaft, es wurde versucht, die Welt ohne Gott zu sehen, als Maschine usw.
Das bedeutet also: Das Wort „Beweis“ bringt Probleme mit sich. Es ist sinnlos, sie als mathematisch-naturwissenschaftliche „Beweise“ anzusehen. Zudem sollte immer bewusst sein, dass es unterschiedliche Formen von „Beweise“ gibt: juristische „Beweise“ unterscheiden sich von naturwissenschaftlichen „Beweisen“, es gibt logisch-sprachliche „Beweise“, historische-geschichtswissenschaftliche, hermeneutische „Beweise“. Nicht jeder statistische „Beweis“ muss durch ein reales Individuum bestätigt werden usw. usw. usw. Das heißt, augenzwinkernd gesagt: Eine Engfassung des Wortes „Beweis“ mit Blick auf Mathematik oder Naturwissenschaft, beweist nicht, dass der Engfassende Weitblick hat.
Im folgenden Abschnitt seien kurz einige Versuche, Gott zu „beweisen “, vorgestellt.
Aufgabe 2: Merke Dir die Fachbegriffe!
1.1 Der Ontologische Gottesbeweis:
Mit diesem Gottesbeweis ist der Name des Anselm von Canterbury (1034-1109) verbunden. Ursprünglich wurde es das „Argument des Anselm“ genannt, also noch nicht „Gottesbeweis“. Er definiert Gott so: Über Gott hinaus kann nichts Größeres gedacht werden. Das kann jeder sehen, selbst wenn er nicht an Gott glaubt. Gedacht werden kann alles mögliche Größtes – aber das existiert nur im Verstand. Gott ist das Größte, weil er nicht nur eine Verstandesgröße ist, sondern das Größte in der Wirklichkeit ist. Die Voraussetzung dieses Denkens liegt in der Philosophie Platons (428/7-348/7): die materielle Welt ist nur „Schatten“ der realen, unsichtbaren Welt. Die Welt der Ideen ist realer als die materielle Welt. Und diese Welt der Ideen zeigt, dass das Gute, Schöne, Vollkommene realer ist als das, was der Mensch so sieht. Wenn also die Idee realer ist, dann ist auch die Idee des vollkommenen Gottes realer als das, was wir so wahrnehmen. Anselm hat aber mit Blick auf die Bedeutung des „Denkens“ („Gott ist das, worüber nichts Größeres gedacht werden kann“) nicht die platonische Weltsicht insgesamt aufgegriffen, sondern gezeigt, dass Gott zu denken logisch ist, anders zu denken ist unlogisch. Weiter geführt – mit Blick auf die christlich-theologische Basis, die von Augustinus (354-430) her beeinflusst wurde: Gott ist das Seiende an sich – und das kann nur gedacht werden, wenn es das auch gibt, wenn dieses Seiende, der Urgrund allen Seins, das Prinzip allen Seins sich selbst denken lässt. Der Mensch, der nur das erfassen kann, was für ihn unmittelbar lebensnotwendig ist, was seine Sinne ihn erkennen lassen, ist überfordert, von sich aus das Seiende schlechthin zu erkennen. Dass wir also Gott denken können, liegt daran, dass Gott den Menschen ermöglicht, Gott zu denken. Wenn dem nicht so wäre, würden wir nur an das denken, was mit den Sinnen erfasst werden kann. (Der Ontologische Gottesbeweis wurde von Thomas von Aquin [1225-1274] abgelehnt, weil er nur auf Begriffe und dem Denken beruht, nicht auf Beobachtung der Schöpfung. Der Theologe und Philosoph Thomas von Aquin wird immer wieder genannt werden, weil er in dieser Frage sehr einflussreich wurde. Zur Zeit des Thomas von Aquin war Aristoteles der Star – während in der Zeit des Anselm von Canterbury noch die Philosophie Platons im Vordergrund stand. Das macht sich auch in dieser Frage bemerkbar.)
1.2 Der Kosmologische Gottesbeweis gliedert sich in:
1.2.1 Kausalitätsbeweis:
Alles hat eine Ursache – irgendetwas / irgendjemand muss die Welt verursacht haben: die anfangslose Ursache, der „Unbewegte Beweger“ ist also Gott. Dieser Ansatz ist mit dem griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v.Chr.) verbunden. Sein Lehrer Platon (428/7-348/7) hat schon von einer „Urseele“ gesprochen, die alles andere bewegt. Aber Aristoteles versteht unter „Gott“ etwas anderes als christliche Theologen. Gott ist für Aristoteles der größte der Denker, Philosoph. Dieser Denker bewegt alles auf ein vollkommenes Ziel hin, denn als vollkommenes, in sich selbst genügsames Wesen denkt es nur sich selbst. Den Kausalitätsbeweis hat mit einem christlichen Gottesbild der Theologe und Philosoph Thomas von Aquin (1225-1274) verbunden. Es geht also darum: Wie ist Welt entstanden.
1.2.2 Kontingenzbeweis:
Wenn etwas existiert, dann muss es etwas geben, das diese Existenz ermöglicht – und es muss außerhalb der ermöglichten Existenz stehen. Der Gottesbeweis wird vom islamischen Gelehrten Avicenna (um 1000 n.Chr.) aufgegriffen: Es gibt zwei Arten des Seins: mögliches Sein und notwendiges Sein. Ein in sich selbst und aus sich selbst heraus existierendes notwendiges Sein – dieses ist Gott. Alles andere Sein ist nur aus diesem Sein heraus denkbar. Während Aristoteles im Kausalitätsbeweis von Naturbeobachtung ausgeht, und denkt: Es muss alles eine Ursache haben, außer eben den selbst unverursachten Verursacher, geht Avicenna vom Denken des Seins aus hin in die Wirklichkeit. Er kann also auch dem „Ontologischen Gottesbeweis“ zugeordnet werden. Es geht hier darum: Warum ist etwas entstanden. (Der „Beweis“ wurde auch von Thomas von Aquin [1225-1274] aufgenommen.)
1.2.3 Kinetischer Beweis:
Es geht um die Beobachtung, dass sich etwas bewegt. Wie kommt das, dass sich etwas bewegt? Materie, Raum, Zeit können sich nicht selbst begründen und verändern – es muss etwas vorhanden sein, das diese Veränderungen verursacht. (s. auch 1.2.2; der wurde auch von Thomas von Aquin [1225-1274] aufgenommen.)
1.2.4 Teleologischer Gottesbeweis (Fine-Tuning / Designer):
Jeder Plan hat einen Planer – das Universum muss geplant sein. Warum herrscht nicht – was wissenschaftlich klar wäre: Chaos, sondern warum herrscht Ordnung? Warum kann so etwas Komplexes entstehen wie das Auge, die Zelle? Gegenwärtig wird dieser Beweis von vielen Menschen bevorzugt, die Folgendes sehen: die Naturkonstanten sind so fein aufeinander abgestimmt, dass Leben auf der Erde erst ermöglicht wird – nicht nur Leben auf der Erde wird ermöglicht, sondern auch Leben, das über all das nachdenken und forschen kann. Eine minimalste Abweichung hätte nie zum Leben geführt (z.B. Abstand der Erde von der Sonne, Bedeutung des größten Planeten Jupiter für das Leben auf der Erde, Achsenneigung der Erde, der Mond als Begleiter der Erde usw.). Es kann kein Zufall sein, es muss also einen Designer geben, der das alles geplant hat. (Die Ordnung trotz der Komplexität der Welt wurde schon vorchristlich auf göttliche Ursache zurückgeführt, die Sicht weist zum Beispiel Cicero [106-43 v. Chr.] einem Stoiker zu, sie geht auf Platon zurück. Der Beweis wurde auch von Thomas von Aquin [1225-1274] aufgenommen.)
1.3 Moralischer Gottesbeweis:
Dieser Gottesbeweis wird mit dem Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) verbunden: Der Mensch besitzt ein Bewusstsein von gut / böse, gerecht / ungerecht. Und er besitzt das Bewusstsein, dass gutes und gerechtes Handeln letztlich Sinn machen. Wir verhalten uns nur sittlich, weil Gott uns das Gewissen gegeben hat – Gott ist die Triebfeder des Gewissens und der Sittlichkeit. Weiter geführt: Dass der egoistische Mensch selbstlos lieben kann, dass er (auch gegen die These vom “Survivel of the Fittest“) nach Gerechtigkeit strebt – und dass er, wenn er Liebe und Gerechtigkeit nicht übt, ein schlechtes Gewissen hat (Ausnahmen bestätigen die Regel bzw. lassen sich kulturell hin und wieder erklären) – das weist auf Gott als liebenden und gerechten Schöpfer des Menschen.
1.4 Ethnologischer Gottesbeweis:
In allen Kulturen gibt es eine Gottesahnung. Wie kommt das? Diese muss von Gott in den Menschen hineingelegt worden sein. (Schon vorchristlich, so von Cicero Stoikern und Epikur zugeschrieben, selbst ist er aber skeptisch.) (Aus christlicher Perspektive: Gott hat durch seinen Geist die Welt geschaffen. Der Geist Gottes ist die Spur Gottes in der Welt, er erhält sie und lässt den Menschen Gott erkennen. Durch die Begrenztheit des Menschen, durch seine Sünde, kann der Mensch Gott allerdings nie ganz erkennen, von daher gibt es unterschiedlichste Religionen.)
1.5 Eudämologischer Gottesbeweis:
Es gibt immerwährende Sehnsucht nach Glück – es wird irdisch nie gestillt, es muss eine Erfüllung der Sehnsucht nach Glück geben = Gott. Entsprechend die Sehnsucht nach vollkommener Liebe, Gemeinschaft. Durch diese Sehnsucht lockt Gott den Menschen, sich Gemeinschaft fördernd, liebend zu verhalten. Dieser Ansatz ist inspiriert vom Kirchenvater Augustinus (354-430).
1.6 Sinnfindung als Gottesbeweis:
Normalerweise gibt sich der Mensch nicht damit zufrieden, einfach nur sein alltägliches Leben zu leben: essen, schlafen, sich vermehren, sich wohlfühlen. Er sucht nach mehr, nach dem Sinn des Lebens. Ist die Frage nach dem Lebenssinn im Menschen von Gott angelegt worden, damit er nicht müde wird, nach Gott zu fragen? Sehnsucht nach Gott? Hier können wir wieder Augustinus erkennen. Der Psychiater Frankl (1905-1997) hat diesen Aspekt psychologisch weiter geführt und verbindet diese Suche nach Sinn auch mit Transzendenz. Das heißt: Die Suche kann religiöse Konsequenzen haben.
1.7 Mathematischer Gottesbeweis
Dieser Gottesbeweis ist mit dem Namen des Mathematikers und Logikers Kurt Gödel (1906-1978) verknüpft. Sein Axiom: Mit Gott werden alle positiven Eigenschaften (Allmacht, Allwissenheit, Vollkommenheit) verbunden. Eine positive Eigenschaft kann nicht negativ sein. Auch die notwendige Existenz ist eine solche positive Eigenschaft. Die Existenz eines göttlichen Wesens ist möglich. Wenn ein Wesen mit notwendiger Existenz möglich ist, dann folgt daraus, dass es notwendig existiert. Kurz: Wenn Grundannahmen akzeptiert werden, kann mit Hilfe dieser Logik auch die Existenz Gottes erklärt werden. Damit hat dieser Gottesbeweis Parallelen zum Ontologischen Beweis: Es werden Voraussetzungen gemacht und von diesen Voraussetzungen aus wird „bewiesen“.
1.8 Mathematischer Gottesbeweis hinsichtlich der Anwendbarkeit der Mathematik
Mathematiker staunten darüber, dass das Universum mathematisch strukturiert ist. Alles ist berechenbar, es ist nach mathematischen Gesetzen strukturiert, sodass der Mensch es berechnend erfassen kann. So hat Galileo Galilei (1564-1642) gesehen, dass der Schöpfer Mathematiker sei, ähnlich Kepler (1571-1630). Von Naturgesetzen schloss auch Newton (1643-1727) auf rechnende Intelligenz. Und es wurde weitergedacht: Gott hat den Menschen mit Geist / Verstand ausgestattet, damit ermöglicht er den Menschen, alles mit Geist / Verstand zu erfassen. Während der Nobelpreisträger Eugene Wigner (1902-1995) über die mathematische Struktur der Welt und der Erkenntnisfähigkeit des Verstandes nur staunte, haben andere (Mark Steiner [1942-2020] und William Lane Craig [*1949]) diese Beobachtung mit Gott verbunden.
1.9 Argument from Consciousness
Dieser Ansatz hat auch verschiedene Vorläufer, wird soweit ich sehe neuestens vom Philosophen David Chalmers (*1966) aufgegriffen und vertieft. Naturwissenschaft kann beschreiben, wie das Gehirn funktioniert. Sie kann nicht beschreiben, wie das alles, also Materielles, zu einem subjektivem Erleben wird. Das Geistige lässt sich nicht auf chemische usw. Prozesse reduzieren. Das heißt: Geist / Bewusstsein ist eine besondere Größe, was darauf schließen lässt, dass es eine Größe als Ursprung des Universums geben muss, das selbst geistiger Natur ist und somit Bewusstsein hat.
Aufgabe 3
Bevor Du den nächsten Abschnitt liest: Wie findest Du diese Gottesbeweise. Findest Du Gegenargumente? Gegenargumente spielen in Büchern gegen den christlichen Glauben eine große Rolle. Schreibe Deine Überlegungen auf.
2. Glaube und Gottesbeweise
Gegen alle Gottesbeweise gibt es Argumente. Gottesbeweise sind nur Glaubenden ein Beweis. Genauso: Gegenbeweise gegen Gott sind nur Atheisten ein Beweis, weil für Glaubende Gott real ist. Christlichem Glauben geht es von Anfang an nicht darum, Gott zu beweisen. Das Wort „Glaube“ bedeutet „Vertrauen“ – und ist ein Ausdruck der Beziehung (Gott als „Vater“ – ist im Gebet ansprechbar). Gottesbeweise sind relativ, sie berücksichtigen, wenn sie von Glaubenden formuliert werden, auch immer die „Unfassbarkeit“ Gottes. Von daher geht die Kritik an ihnen („Sie sind ja keine Beweise!“) immer ins Leere. Vielleicht ist die Bezeichnung „Gottesbeweis“ auch Schuld an dem Missverständnis. Sie können allerdings in ihrer jeweiligen Zeit, für das jeweilige Individuum so plausibel sein, dass der jeweilige „Beweis“ wirklich als Gottesbeweis gilt. Andere Menschen sehen Erfahrungen, die sie im Leben gemacht haben, als Gottesbeweis an. Entsprechend ist es im Islam. Man bedarf keines philosophischen Beweises, dass es Allah gibt, da der Koran ja der Beweis schlechthin ist. Aus dem Koran heraus werden die Beweise für Allah / Gott erhoben. Somit sind auch einige der oben genannten Gottesbeweise kompatibel mit dem Koran.
Das Wort „Glaube“ ist ursprünglich ein Wort, das die christliche Religiosität definiert – eben als Vertrauen, trauen, überzeugt sein, sicher erwarten. Andere Religionen definieren ihre Gottesbeziehung anders. Der Islam zum Beispiel als Unterwerfung unter Allah bzw. mit Iman wird „Gewissheit“ ausgesprochen, Hindus als „sich – auch magisch – in das rechte Verhältnis zu den Göttern, zu den Kosmischen Ordnungen zu setzen“. Die alten Griechen sprechen vom „Ehren“ der Gottheiten, die alten Ägypter von kultischem „Wissen“. Das eigentlich für Christen reservierte Wort „Glaube“ wurde auf alle Religionen übertragen. So kann man dann vom Glauben der Muslime genauso sprechen wie vom Glauben der alten Griechen. Damit wird die christliche Definition verschüttet und Glaube wird zu einem Allerweltswort für „Religion“. Heute wird auch gesagt: „Glauben“ ist nicht wissen, Glaube sei Vermutung. Damit wird Wahres und Falsches ausgesprochen. Glauben ist Vertrauen – weil Gott für Glaubende aber eine Wirklichkeit ist, ist er aus dieser Vertrauensperspektive gesehen auch Wissen. Es geht nicht um mathematisches Wissen, es geht um ein „Beziehungswissen“.
Gott ist nicht mit dem Verstand und den Sinnen erfassbar. Nun versucht der eine oder andere in der Wissenschaft, Glauben als Gehirnaktivität sichtbar zu machen: Glaube ist, so die Interpretation, dem Gehirn entsprungen. Wenn der christliche Glaube bekennt, dass Gott für den Verstand nicht erfassbar ist, dann heißt das nicht, dass Gott sich dem Menschen außerhalb des menschlichen Gehirns zu erkennen gibt. Denn das ist unmöglich. Das Gehirn ist bekanntlich zumindest in unserem westlichen Denken das Zentrum, in dem Sinneseindrücke empfangen werden, Zentrum sämtlicher Erfahrungen, des Erfassens, somit auch des Glaubens. Wenn man die Technik eines PC/Internet kennt, kommt man nie auf die Idee zu denken, der PC erfindet selbst die Inhalte, die er aus dem Internet empfängt. Das christliche Bekenntnis bedeutet nur, dass der Mensch nicht von sich aus Gott mit dem Verstand erfassen kann, nicht von sich aus glauben kann, sondern von Gott zum Glauben gerufen werden muss: Worte und Taten von Jesus rufen in seinem Verstand Vertrauen zu Gott hervor. Glauben ist somit nicht nur Gefühl. Christlicher Glaube betont von Anfang an beides: liebendes, vertrauendes Gefühl zu Gott – und gleichzeitig das Nachdenken über alles, was mit Gott zu tun hat. Manchmal kann freilich das Gefühl überwiegen, manchmal der Verstand.
Aufgabe 4
Fasse zusammen: Was bedeutet aus christlicher Perspektive das Wort „Glaube“?
3. Bedeutung von Gottesbeweisen
Über Gottesbeweise nachdenken, ist nicht sinnlos, denn sie führen das Denken immer weiter. Wie kann der Mensch etwas, das eigentlich nicht beweisbar ist, dennoch beweisen? Das führt zu verstandesmäßigem Hochleistungssport, vergleichbar mit Fragen der Physik, der Mathematik und Kosmologie. Das führt auch zu der Frage nach unserer Sprache: Was kann Sprache eigentlich leisten? Sprache kann viel leisten, aber setzt auch den Rahmen des Verstehens. Der Philosoph Wittgenstein schrieb: „Die Grenze meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Dieser wird in der Philosophie, in der Lyrik immer weiter ausgedehnt. Das heißt aber gleichzeitig: Sprache begrenzt das Denken, das Ausdrücken dessen, was der Mensch fühlt. Es führt dazu, sich selbst zu hinterfragen: Welches Vorverständnis habe ich – kann ich als Mensch aus meinem Vorverständnis herauskommen? (https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/mensch/glaube-und-naturwissenschaft-1/)
Gott kann nicht bewiesen werden. Man kann sich aber fragen: Was ist für mich plausibel? Kann es Weltentstehung aus dem Nichts geben? Kann es Zufall (kein wissenschaftlicher Begriff!) sein, dass die Welt und damit auch die Erde so sind wie sie sind? Kann Leben aus Materie entstanden sein – aus Zufall? Ist es wissenschaftlich denkbar, dass äußerst viele Komponenten auf einmal zusammengefügt wurden, um im Mikrokosmos wie im Makrokosmos das entstehen zu lassen, was sichtbar vor Augen ist? (Z.B. die Zelle, Gravitation) Warum ist Natur – berechenbar, wird von einer mit Zahlen berechenbaren Ordnung bestimmt?
Aufgabe 5:
Wenn Du den Abschnitt 1 aus der Perspektive der Plausibilität liest: Ist einer der „Beweise“ für Dich plausibel?
4. Staunen
Der griechische Philosoph Aristoteles sah wie sein Lehrer Platon Staunen als Beginn des Philosophierens, das bedeutete damals: als Beginn der Wissenschaft. Staunen angesichts der Schöpfung, des Menschen, der Geschichte usw. öffnet den Menschen – öffnet ihn auch für Glauben, bzw. erst einmal für das Ahnen, dass es so etwas wie eine Macht, etwas Göttliches gibt, etwas, das über dem Menschen steht, etwas Transzendentes. Nach dem Staunen folgt für den Menschen das Interpretieren: Wie ordne ich das, worüber ich gestaunt habe, ein?
Aufgabe 6
Kennst Du das „staunen“? Worüber staunst Du?
5. Perspektiven, die Lebensereignisse einzuordnen
Ihr nennt es Schicksal / Wir nennen ihn Gott. / Ihr nennt es Glück gehabt, / wir nennen es vom Geist geführt. / Ihr nennt es Veranlagung / wir sagen: Geistes Gaben. / Ihr nennt es der Mühe Frucht, / wir bekennen: Gottes Geschenk… (WF)
Es kommt darauf an, wie ein Mensch sein Leben, das, was er sieht und erfährt, interpretiert: eine Aneinanderreihung von Zufällen – eigenes Können – Glück – Vorherbestimmt von …? – oder: planvolles Wirken Gottes.
So versteht der Kapitän John Newton (1725-1807) (der vom atheistischen Sklavenhändler zu einem wurde, der als Christ Sklaverei massiv bekämpfte) als einen Gottesbeweis, dass Gott ihn in einem Sturm auf See beschützte und er das als Gottesbeweis sehen lernte. Von John Newton stammt das berühmte, wohl weltweit meist gesungene Lied: Amazing Grace.
Aufgabe 7:
Suche im Internet nach dem Lied. Fasse den Inhalt der Strophen zusammen.
6. Woher wissen Menschen von Gott? Stimme Gottes – Gott hören
6.1 Selbstvorstellung – Offenbarung Gottes
Gott offenbarte sich dem Abraham (1. Buch Mose [Genesis] 12), indem er ihn aus seiner alten Religion herausrief. Gott beauftragte Moses (2. Mose [Exodus] 3,14), sein Volk zu befreien, zeigte sich in Machttaten, die er durch Moses ausführte und durch die Gebote; Gott begleitete sein Volk, indem er Propheten sein Wort in den Mund legte: Elia (1 Könige 19); Propheten (z.B. Jeremia). Letztendlich wurde Gott in Jesus Christus Mensch. Heidenchristen verstehen durch Jesus Christus: Wer seinen Worten und seinen Taten vertraut, der deutet die alttestamentlichen Überlieferungen als Gotteserfahrungen. Für Judenchristen ist das anders: Sie glauben ihrer Tradition (Moses, Propheten, weisen Menschen) und erkennen darum in Jesus Christus den, der von Gott kam. Menschen bekennen / bezeugen, dass sie Gott „gehört“ haben.
6.2 Gottes Stimme heute hören, Gottes Wirken heute sehen
Im Grunde führt uns dieser Abschnitt wieder zu dem oben genannten Punkt: Es kommt darauf an, wie Erfahrungen, Erlebnisse, Ereignisse interpretiert werden. Die Sonne – wenn sie zu hell scheint – können wir nur spüren oder sie in der Pfütze betrachten. Sie ansehen wäre schädlich. Auch Gott ist vielfach nur indirekt zu sehen und zu spüren: so in seinen Boten, im Glauben, im Denken … (s. https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/gott/spuren-gottes/).
7. Menschen handeln für andere Menschen durch Gottes Geist (den Heiligen Geist)
Christen sagen, dass Gott nicht allein der Schöpfer ist, sondern dass er auch seine Schöpfung erhält. Damit dann die Menschen sich nicht ganz auslöschen, schenkt er ihnen von sich selbst: seinen Heiligen Geist. Und dieser Heilige Geist wird an all den Orten sichtbar, an denen Menschen einander helfen, das Leben gut und richtig zu gestalten.
Aufgabe 8
Lies und fasse die Aussagen zusammen: Wichtige Texte in der Bibel: (a) 2. Mose / Exodus 20,4-5; (b) 3,1-15; (c) 5. Mose / Deuteronomium 10,17-20; (d) Verborgenheit Gottes: Psalm 22 und (e) Markus 15,34; (f) Jesus – Sohn Gottes: Mk 1,9-11; (g) Joh 12,45, (h) Philipperbrief 2,6-11
8. Zielführender Gottesbeweis
8.1 Glaubens-Anmerkungen
Es ist für den christlichen Glauben angemessen, über Gott nachzudenken – und vielleicht auch den einen oder anderen Gottesbeweis für plausibel zu halten. Aber ein Gottesbeweis kann nie zu Gott führen. Wenn er aus dem Glauben heraus kommt, ist er der Versuch, Gott auch rational zu erfassen.
Was kann zu Gott führen? Das Gebet: Gott, wenn es dich gibt, dann zeige dich mir. Ermögliche es mir, dich zu erkennen.
Aus dem christlichen Glauben heraus gesehen, ist es Gott selbst, der mir das Erkennen seiner selbst ermöglichen muss. Es ist nicht der Mensch, der das von sich aus kann – und so kann auch vom christlichen Glauben aus gesehen, nicht verlangt werden, dass ein anderer glaubt. Er wäre damit eben etwas, das der Mensch tut, somit in der Sackgasse endet. Welt- und Menschenbilder sind durch die Jahrhunderte verschieden – oder auch weltweit unterschiedlich kulturell geprägt. Die Verabsolutierung eines Weltbildes wird zur Ideologie. Wenn andere dazu gezwungen werden, eine Weltanschauung zu übernehmen, herrscht keine Freiheit mehr vor, sondern Totalitarismus. Der Mensch selbst kann sich und seine Welt nicht absolut sehen, er wandelt sich ständig (jüdisch-christlich gesprochen: Der Mensch ist als Ebenbild Gottes ein Geheimnis wie Gott ein Geheimnis ist). Mit Blick auf den Glauben gesagt: Gott schenkt den Glauben, darum ist Glaube, der von anderen erzwungen wird, kein Glaube. Auch die Zwingenden verwechseln ihre Ideologie / Weltanschauung mit Glauben.
„Ermögliche es mir, dich zu erkennen.„
Diese Bitte ist der Dreh und Angelpunkt. Denn es kann lange dauern, bis Gott mich so weit bereitet hat, dass ich ihn erkennen kann. Es kann vielleicht ein Leben lang dauern – wie lang es auch immer ist. Es kann sofort sein, dass ich bereit bin, ihn erkennen zu können. Von daher muss das Gebet die Grundmelodie meines Lebens werden, damit ich bereit bin, Gott erkennen zu können. Und wenn Gott sieht, dass ich bereit bin, dann gibt er sich mir auch zu erkennen. Wenn ich ihn glaubend erkennen kann, dann habe ich den wirklich angemessenen Gottesbeweis. Damit sind wir wieder am Beginn des Abschnitts, bei Anselm von Canterbury.
8.2 Aus dem Glauben heraus angemessenes Denken über Gott
Nicht sagen:
Es gibt keinen Gott.
Denn viele Menschen wissen, dass es ihn gibt.
Und diese Menschen sind nicht primitive Dummköpfe.
Viele sind große Denker, Philosophinnen, Naturwissenschaftler,
Politiker, Künstlerinnen, viele sind ganz normale Menschen,
sie kennen Gott, nehmen seine Hilfe in Anspruch,
freuen sich über ihn und folgen ihm in und mit ihrem Leben nach.
Sondern sagen:
Gott, wenn es dich gibt,
dann zeige dich mir bitte in meinem Leben.
Du hast dich so vielen Menschen zu erkennen gegeben –
bitte auch mir.
Wenn wir sagen:
Es gibt keinen Gott – und diese genannten Worte nicht sprechen,
dann verschließen wir uns selbst einer Wirklichkeit,
statt für alles, was es so gibt, offen zu sein.
Ein schlauer Mensch ist wie ein guter Forscher:
Beide wollen alles wissen und sagen nicht –
bevor sie alles untersucht und erforscht haben – :
Das interessiert mich nicht.
Menschen sagen:
Es gibt so viele schlimme Dinge auf der Erde –
also kann es keinen Gott geben.
Sie sagen: Ich habe für etwas gebetet und Gott hat nicht auf mich gehört –
also kann es keinen Gott geben.
Manchmal werden sie darüber traurig und ärgerlich.
Andere Menschen sagen:
Es gibt so viele schlimme Dinge auf der Erde –
darum wende ich mich Gott zu, er gibt mir Trost und Kraft, Schlimmes so gut es geht zu ändern.
Sie sagen: Gott hat mein Gebet nicht erhört –
muss ich also neu über das nachdenken, was das eigentlich ist: Gebet?
Und sie werden froh, weil sie ahnen, wissen, Gott liebt sie dennoch.
Aufgabe 9
Der letzte Abschnitt stellt dar, wie Menschen angemessen an Gott herantreten. Findest Du das plausibel, angemessen – oder sollten andere Wege beschritten werden. Oder denkst Du ganz anders darüber?