GEBURTSGESCHICHTEN JESU VON NAZARETH: MATTHÄUS (Mt)

Wir haben zwei Evangelien im Neuen Testament, die von Ereignissen um die Geburt Jesu herum berichten. Diese beiden Geburtsgeschichten bilden das Vorzeichen, aus dem die Geschichte Jesu von Nazareth gelesen werden soll. Hier sei erst einmal das Vorzeichen genannt, das Matthäus seinen Leserinnen und Lesern bietet. Es ist sozusagen der programmatische Auftakt. In der Zeit des Matthäus dürften es die Hörerinnen und Hörer gewesen sein, denn die Evangelien dürften den Menschen in Gemeindeversammlungen vorgelesen worden sein.

1. Gott ist Herr der Geschichte – Menschen sind frei, Geschichte zu gestalten

Das Matthäusevangelium wurde, so vermutet die Mehrheit der heutigen Forschung, um ca. 80 n.Chr. geschrieben. Es beginnt mit der Darlegung des Stammbaumes Jesu im 1. Kapitel. Dieser Stammbaum hat zwei Besonderheiten. Die erste Besonderheit:

Vers 17: Alle Glieder von Abraham bis zu David sind vierzehn Glieder. Von David bis zur babylonischen Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus sind vierzehn Glieder.

Wenn wir diesen Stammbaum mit dem von Lukas vergleichen, sehen wir, dass die Zahlenangaben hinzugefügt worden sind. Es handelt sich um einen stilisierten Stammbaum – und der soll uns auf etwas hinweisen: Gott ist Herr der Geschichte. Die Zahl 14 ist: 7+7 – also die vollkommene Zahl verdoppelt, zudem sind die hebräischen Buchstaben gleichzeitig Zahlen. Und so ist der Zahlenwert des Namens von David 14 (4+6+4).

Die jüdische Geschichte wird in Zeiteinheiten unterteilt. Diese Zeiteinheit hebt vier Ereignisse bzw. Personen hervor: Abraham – David – Babylonische Gefangenschaft – Jesus Christus. Wir sehen daran: Für Matthäus ist Gott der Herr der Geschichte. Jesus von Nazareth ist in die Linie dieser großen Ereignisse und Personen zu stellen und auf ihn läuft die Geschichte zu. Aber Gleichzeitig hat sie eine zweite Besonderheit, die diesem zu widersprechen scheint. Das wird deutlich, wenn wir die wenigen Frauen im Stammbaum näher betrachten: (a) Tamar (1,3) – (b) Rahab, (c) Ruth (1,5) – (d) die Frau des Uria / Bathseba (1,6) – (e) Maria. Frauen in Stammbäumen zu erwähnen war nicht besonders verbreitet. Vor allem Skandalfrauen nicht.

Von (a) Tamar ist in Genesis 38 die Rede. Juda, ihr Schwiegervater, hätte sie nach dem Tod ihres Mannes versorgen müssen. Er tat es nicht. Darum, als sie hörte, dass Juda ins Dorf kam, verhielt sie sich wie eine Prostituierte. Juda schlief mit ihr. Als ihre Schwangerschaft bekannt wurde, sollte sie getötet werden. Doch sie hatte von Juda ein Pfand genommen, das sie nun zeigte. Juda ließ sie am Leben und sah seine Schuld ein. (b) Rahab ist eine Gastwirtin, auch oft als Prostituierte angesehen, die nicht jüdischen Ursprungs war. Sie half dem Volk Israel bei der Eroberung Jerichos. (c) Rut(h) (Buch Ruth) war eine Heidin. Sie kam mit ihrer jüdischen Schwiegermutter nach Israel. Dort legte sie sich auf das Lager des Mannes, den sie sich zum Ehemann auserkoren hatte. Er ließ sich betören und heiratete sie. (d) Die Frau des Uria / Bathseba (2. Samuel  11) gefiel König David besonders gut. Er ließ sie zu sich kommen und zeugte ein Kind mit ihr. Als das bekannt wurde, ließ er ihren Ehemann aus dem Krieg zurückkommen, damit dieser mit seiner Frau schlafe und so das Verhältnis nicht bekannt würde. Doch Uria war ein ehrenhafter Mann, der nicht mit seiner Frau schlafen wollte, während seine Kameraden im Krieg sind. Das war sein Todesurteil: David ließ ihn in die erste Kampfreihe stellen. Dort kam er um. Gott strafte das Verhalten des David, aber der nächste Sohn, den er mit der Frau zeugte, war sein Nachfolger Salomo. (d) Diese drei anrüchigen Frauengeschichten laufen auf (e) Maria zu, die Mutter Jesu. Ihre Geschichte ist auch anrüchig wie die der genannten Frauen: Sie wurde schwanger, ohne verheiratet gewesen zu sein (dazu s. unten).

Diese Geschichten zeigen: Gott ist zwar Herr der Geschichte, aber er plant nicht jedes Detail, sondern Menschen machen ihre eigene Geschichte, verstrickt in Schuld und Versagen. Doch Gott verfolgt sein Ziel: Er wird seinen Retter schicken, um sein Volk von seinen Sünden zu befreien (1,21). Es ist die im Alten Testament beschriebene „Miteinander-Geschichte“:  Gott achtet das Handeln des Menschen, auch wenn es ihm zuwider ist. Er hat den Menschen Freiheit geschenkt, die Voraussetzung für verantwortliches Handeln. Der Mensch ist nicht Gottes Marionette – aber gleichzeitig setzt Gott seine Akzente, sichtbar am gesamten Geschichtsverlauf.

2. Junge Frau – Jungfrau

Es wird gesagt, dass Josef aus dieser David-Linie abstammt, erstaunlicher Weise: nicht aber Maria, die Mutter Jesu. Das ist freilich auffällig, da ja in 1,1 gesagt wird, dass Jesus Davids Nachkomme sei. Das hieße, dass Maria eigentlich aus dieser Linie Abraham-David-Maria kommen müsse. Das kann man unterschiedlich deuten: (a) Ungereimtheit im Mt, (b) Jesus wurde auf natürlichem Weg gezeugt, was dann aber später theologisch gedeutet wurde, (c) Maria gehörte durch die Heirat mit Josef zu Josef und seinem Stammbaum, (d) auch Maria gehörte zu der Nachkommenschaft Davids, da aber nur die männliche Linie gezeigt wurde, wurde das nicht weiter vertieft (vgl. aber Lukasevangelium). Zur Abstammung von David ist interessant: Auch der berühmte Hillel, der im Jahr 5 v.Chr. gestorben ist, wusste sich mütterlichseits als Nachfahre Davids (JT Taanit IV p.68).

Wie auch immer das zu erklären ist, deutlich wird, dass im weiteren Verlauf Gott Maria und Josef sehr viel zumutet: Maria wird in der Verlobungszeit schwanger – nach dem Willen Gottes. Mit Mt gesagt: Maria erwartete ein Kind, das aus dem Geist Gottes hervorgegangen ist. Gott hat sich nicht wie Zeus in der griechischen Mythologie ein schönes Mädchen ausgesucht, mit der er einen Halbgott zeugt, sondern: Der Geist Gottes ist Gottes Schöpfungskraft. So erfahren wir in Genesis 1: Finsternis herrschte und der Geist Gottes schwebte über den Wassern – und dann beginnt die Erschaffung der Welt. In der Geburtsgeschichte liegt der Akzent jedoch auf etwas anderem: Der Geist Gottes ist Gottes Schöpfungskraft und zeugt nicht im biologischen Sinn, sondern wirkt / schafft in Maria Jesus (Inkarnation = Menschwerdung). Damit hat Gott der Maria viel zugemutet, denn darauf konnte die Verstoßung bzw. sogar die Todesstrafe stehen. Darum muss Gott auch ein Wörtchen mit Josef reden, damit er Maria nicht verlässt – und er redet durch seinen Boten, einen Engel mit Josef im Traum. Josef entschließt sich, bei Maria zu bleiben – aber damit mutet Gott diesem Mann äußerst viel zu: Er setzt sich dem entehrenden Gespött der Mitmenschen aus.

Es wird gesagt, dass der Prophet Jesaja 7,14 nicht von einer „Jungfrau“ spricht, sondern von einer „jungen Frau“, denn das Wort „Almah“ bedeutet „junge Frau“ / „Frau im gebärfähigen Alter“. Dieses wird von den Übersetzern ins Griechische aber mit „Parthenos“ – also „Jungfrau“ – übersetzt und Matthäus hat diesen „missverständlichen“ griechischen Text als Vorlage gehabt. Das kann sein, dagegen spricht freilich, dass der Prophet wohl kaum eine „junge Frau“ im Blick gehabt haben wird, sondern etwas Wunderhaftes prophezeit, und dass eine junge Frau ein Kind bekommt, das ist normaler Alltag. Es sei denn, der Prophet spricht von einer ganz bestimmten jungen Frau, die einen Jungen empfangen und gebären wird. An diesen 9 Monaten Schwangerschaft und den folgenden Jahren schließen sich politische Zeitaussagen (3-5 Jahre) an. Wenn die junge Frau also noch nicht schwanger ist, dann stimmt der politische Countdown nicht mehr. Der Prophet hatte also mit seiner Prophezeiung anderes im Sinn, als es die Übersetzer (durch Gottes Geist vorbereitend?) verstanden haben und dann Matthäus aus den Jesuserfahrungen heraus (durch Gottes Geist) interpretiert hat.

Der weitere Aspekt: Es könnte sein, dass Jesus nachträglich als Kind einer Jungfrau dargestellt wurde, weil, wie immer wieder behauptet wird, auch sonst Jungfrauen als Mütter großer Menschen dargestellt werden. Dem ist allerdings nicht so. Die anderen Großen der Weltgeschichte, Alexander der Große, Augustus, Buddha – sie werden von Göttern gezeugt, das heißt, die Frau war und blieb keine Jungfrau mehr, sondern das geborene Kind war eine Art Halbgott.

Das einzigartige Bekenntnis, dass Maria Jungfrau war, spricht aus, dass Jesus also nicht eine Art Halbgott war, sondern durch Gottes Geist in Maria erschaffen wurde. Er ist also ein ganz besonderes Wesen. Gottes Geist ist Gott selbst – Gott bildet also sich selbst, so der christliche Glaube, in die Jugendliche nach ihrer Zustimmung (lat.: „Fiat mihi“; gr. „génoito moi“) hinein. (Christen bekennen: Jesus Christus: wahrer Gott und wahrer Mensch.) Maria stimmt zu, sie wird also nicht von irgendwelchen Göttern überrascht, überwältigt, getäuscht, verführt. Sie gibt frei dem Handeln Gottes Raum.

Und auch sie hat theologische Bedeutung wie es das Johannesevangelium versteht: Jesus ist nicht nach dem Willen eines Mannes geboren worden, sondern zu der Zeit, als es Gott für relevant ansah. Gott ist Herr der Geschichte – und er greift in die Menschen-Geschichte ein.

3. Immanuel

Gott gab Josef nicht nur den Auftrag, bei Maria zu bleiben, sondern es wird gesagt, dass „sie“ ihn „Immanuel“ nennen – das heißt: „Gott ist mit uns“. Josef nannte den Säugling also Jesus / Jeschua – das heißt: Jahwe rettet. Das Wort Immanuel spielt auf eine alttestamentliche Verheißung aus dem Buch Jesaja (7,14) an, die nun erfüllt wird. Man spricht von einem Reflexionszitat oder von einem Erfüllungszitat. Dieses lautet:

1,23. Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns.

Das mag eine weitere Inkonsequenz des Mt sein, doch muss man die Auslegung der damaligen Zeit beachten, die andere Maßstäbe hatte als unsere heute – wie vor allem auch an rabbinischen Schriften bzw. am zeitgenössischen Philo von Alexandrien sichtbar wird. Der Name Immanuel zeigt an, dass es Matthäus nicht um das gleiche Wort geht, sondern um die Bedeutung. Das erkennt man daran, dass er das Immanuel übersetzt, die Bedeutung mitliefert. Der Name Immanuel bedeutet also: Gott mit uns und der Name Jesu: Gott rettet. Matthäus hörte den interpretativen Gleichklang. Es geht nicht um dasselbe Wort, es geht um die Bedeutung. Das zeigt übrigens auch, dass „Jesus“ keine literarische Erfindung ist, sonst hätte die frühe Gemeinde ihn „Immanuel“ genannt. Das wird auch daran deutlich, dass Matthäus am Schluss seines Evangeliums darauf zurückgreift, wenn er als Worte des auferstandenen Jesus wiedergibt: Ich bin bei euch alle Tage. Hier wird also das Versprechen in der Geburtsgeschichte („Gott mit uns“ / „Jahwe rettet“) eingelöst.

4. Was ist Geschichte, Geschichtsschreibung?

Wir sagen heute: Geschichte ist das, was Menschen im Laufe der Zeit gewirkt haben und was somit wirklich war. Doch das, was wirklich war, das können wir kaum mehr herausarbeiten. Einzelne Daten und Kausalzusammenhänge können herausgearbeitet werden, man kann versuchen, geschichtliche Ereignisse in bestimmte Situationen einzubetten. Aber allein das Beispiel des ersten Weltkrieges zeigt, wie kompliziert das ist: Die einzelnen Schlachten sind kaum mehr umstritten. Umstritten ist: Wie kam es zu dem Krieg? Welche Ereignisse führten dazu? Und so ist Geschichte auch immer mit Interpretation verbunden, die diskutiert wird, wenn neue Argumente gefunden werden. Man kann aber nie jedes Ereignis, jeden Gedankensprung, jede zeitgenössische Interpretation der Ereignisse in den Blick bekommen. Diese Art von Geschichtsschreibung der Gegenwart haben wir zur damaligen Zeit noch nicht. Sondern: Im heidnischen Bereich konnte man ohne zögern berühmten Menschen Reden in den Mund legen – denn er hätte sie ja halten können. Verpönt war nur, einem Menschen eine Rede in den Mund zu legen, die dem Charakter des Menschen widersprochen hätte. Im jüdischen Bereich kam hinzu, das ist auch im heidnischen Bereich zu finden, dass Geschichte immer auch von Gott mitgestaltet wird. Der Mensch ist in gewisser Weise frei, wie oben gesehen, aber Gott greift doch immer wieder ein. Und das bedeutet: Menschengeschichte ist auch immer Geschichte Gottes mit den Menschen. In den geschichtlichen Ereignissen ist Gott sichtbar, Gottes Handeln, Gottes Fordern. Und von daher gesehen kann man natürlich fragen: War das alles so, wie es hier geschildert wird? Aber man muss beachten, dass es darum ging, Gottes Handeln adäquat wiederzugeben – wie man in antiken Geschichtswerken Reden großer Menschen ihrem Geist nach adäquat wiedergegeben hat. Entsprechend zeigt Matthäus durch Ansätze, die hier genannt werden, dass er die Geschichte interpretiert und auch als eine solche theologische Geschichte gelesen haben will. (Weiter s. unten: Reflexionszitate.)

5. Weitere Themen: Gott ist Herr über die Sterne und kümmert sich nicht um weltliche Herrscher

5.1 Gott kommuniziert mit Menschen

Nun redet Gott nicht allein im Traum bzw. durch einen Engel, sondern hat noch weitere Möglichkeiten, mit Menschen zu kommunizieren: In diesem 2. Kapitel des Matthäus redet er durch Sterne. Götter und Sterne sind in der Antike vielfach eng miteinander verbunden, so dass diese Sicht keine spezifisch jüdische oder christliche Sicht wiedergibt, sondern eine in der Antike gängige Vorstellung: Gott benutzt die „Sprache“, die Kommunikationsmittel, die die Menschen der jeweiligen Zeit verstehen können.

Bei Matthäus kommen neben Maria und Josef „Weise (Magoi) aus dem Osten“ in den Blick. Sie zeigen an: Auch die Heiden kommen in Berührung mit dem Jesuskind. Diese drei sind Vertreter der Völker. Lukas legt in seinem Evangelium durch Aufnahme jüdischer Traditionen mehr Gewicht auf das Volk Israel, während der Judenchrist Matthäus Jesus auch als Hoffnung für die Völker ansieht. Und entsprechend sind für Matthäus auch die Geschenke der Weisen Zeichen: Es werden keine Kamele, Sklaven usw. geschenkt, sondern Gold – einem Welten-König entsprechend –, Weihrauch – einem Gottessohn entsprechend – und Myrrhe – einem Heiler an Leib und Seele entsprechend, aber dieses Geschenk ist auch schon Hinweis auf seinen Tod, denn Myrrhe dient auch dazu, einen Toten einzubalsamieren. Aufgrund dieser drei Geschenke schloss die Tradition, dass es auch drei Weise gewesen seien.

Sternendeuter waren Weise, Forscher, Priester – alles in allem, also einflussreiche Menschen. Und diese einflussreichen Menschen aus dem heidnischen Bereich erkennen in den Sternen die Botschaft Gottes, sie erkennen etwas, was der große König Herodes mit all seinen Beratern von Judäa nicht weiß: Der König der Juden wird geboren. Und zwar in der Stadt, die dem Nachfahren Davids angemessen ist: in Bethlehem. Ein weiteres Reflexionszitat verdeutlicht dieses (2,6). Sie folgen einem Stern – und auch das ist ein Wunder – und finden den neugeborenen König der Juden, ehren ihn mit kostbaren Schätzen und ziehen wieder zurück, erneut von Gott im Traum dazu ermahnt, dem König Herodes nichts mitzuteilen. Bevor sie das Kind gefunden hatten, dachten sie, das Kind muss im Palast geboren sein – sie „gehorchten“ also nicht dem Stern, sondern ihrer Vorstellung. Und durch diesen Ungehorsam beschworen sie eine Katastrophe herauf: den Amoklauf eines Herrschers an kleine Kinder. Wir haben hier auch massive Herrschaftskritik vorliegen: Wer mit Jesus Christus in Kontakt kommt, gehorcht Herrschern nicht mehr. Sie werden umgangen, sie gehen nicht mehr zu Herodes zurück, sie meiden ihn. Aber der Herrscher lässt sich so schnell nicht in seinem Machtwahn unterkriegen. Und so erscheint dem Josef wieder ein Engel im Traum, der ihn auffordert, nach Ägypten zu ziehen. Warum? Ein Reflexionszitat klärt auf: um das Kind zu retten. Nachdem der mächtige König Herodes, den man den Großen nannte, gestorben war, ließ Gott Josef wieder im Traum durch einen Engel mitteilen, dass er zurückgehen könnte – er ging allerdings, weil er den Nachfolger des Herodes fürchtete, nach Nazareth – was Gott ihm ebenfalls im Traum angewiesen hatte. All das wird wieder mit Reflexionszitaten begründet.

5.2 Ägypten

Diese Erzählung von der Rettung des Kindes in Ägypten lässt Juden aufhorchen, denn hier wird alte Tradition aufgegriffen: Moses wurde als Säugling vor dem gewaltsamen Tod gerettet – und er befreite als Erwachsener sein Volk. Jesus wird ebenfalls einer Gefahr ausgesetzt, er wird gerettet und wird, wie 1,21 gesagt hatte, das Volk von Sünden befreien. Daran, dass Mt den Hauptteil seines Evangeliums mit der Bergpredigt beginnen lässt (5-7), kann man erkennen, dass Jesus als Christus, als Immanuel, als König der Juden sozusagen ein zweiter Moses ist. Aber: Nazareth lag vier Kilometer von der großen Stadt Sepphoris entfernt; nach dem Tod des Herodes im Jahr 4 vor Christus eroberten Rebellen Sepphoris und der Legat der Römer, Varus, hat die Stadt zurückerobert, massenhaft Menschen hinrichten lassen, die Stadt malträtiert, Menschen versklavt. Was geschah in dieser Zeit mit Nazareth? Wie hat Jesus diese Katastrophe überlebt? Laut Matthäus war seine Familie mit ihm in der Zeit in Ägypten.

5.3 Herodes

Dass Herodes in Bethlehem einen Kindermord befohlen hat, lässt sich nicht aus anderen Quellen belegen. Freilich war Herodes, ein Idumäer, grausam. Er ließ nicht nur seine Gegner, wie auch die letzten Hasmonäer / Makkabäer – Kämpfer für die Befreiung Israels – hinrichten, sondern auch seine Frauen und Söhne und Jugendliche und ihre Lehrer, weil er Aufruhr befürchtete. Vor allem eben ließ er seine Kinder hinrichten, weil er Angst hatte, sie nähmen ihm die Macht. Und darin stimmt der wahre Herodes mit dem Herodes des Matthäus überein: Er befürchtet, ein „Kind“ könne ihm die Macht rauben. Herodes spielt im Matthäusevangelium nur in seiner Grausamkeit eine Rolle, in seiner immensen Anmaßung – doch Gott lässt sich dadurch nicht aus seinem Konzept bringen. Er geht seinen Weg zum Wohl der Menschen, ob die Herrscher zustimmen oder nicht. Darin liegt eine Herrscherkritik verborgen, die jüdisches und christliches Denken immer mit bestimmt. Von daher gab es auch Zeiten, in denen in christlicher Geschichte nicht gerne gesehen wurde, wenn Menschen die Bibel lasen. (Herodes hatte übrigens auch vor, nach seinem Tod zahlreiche Menschen ermorden zu lassen, damit sich das jüdische Volk nicht über seinen Tod freuen kann, sondern weint. Das wurde dann aber durch die Schwester des Herodes, Salome, nicht umgesetzt. Dennoch: Vermutlich dürften das Vorhaben, das Gerücht manche zur Flucht veranlasst gesehen haben – nach Ägypten?)

5.4 Stern von Bethlehem

Es gab um die Zeit der Geburt Jesu verschiedene auffällige Himmelsphänomene (Halleysche Komet [?] 12 v.Chr.; verschiedene Konstellationen von Sonne und anderen Planeten bzw. Sternen 7-2 v.Chr.: Jupiter und Saturn, eine Supernova, darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Erklärungsversuche). Was allerdings an der Geschichte auffällig ist, ist, dass es sich um ein Wunder handelt – denn der Stern zieht vor den Sternendeutern her und bleibt über dem Geburtsort stehen. Dieser Text, ob nun irgendeine reale Sternenkonstellation Ausgangspunkt ist oder nicht, hat Teil an den großen Wundern dieser Geburtsgeschichte. Alles dient im Grunde dazu, Gottes Macht darzustellen – und damit Gott zu ehren. Der Stern hat aber noch eine andere Bedeutung. Mit einem Stern über dem Haupt zierten sich Herrscher, um ihre Macht zu symbolisieren. Das war auch im Judentum bekannt, so soll es eine Münze aus dem Jahr 37 v.Chr. geben, die das zeigt. Das Matthäusevangelium stellt somit dar: Der Stern Gottes bleibt nicht über dem Königshaus des Herodes stehen, er ist ein König, der zu Unrecht den Thron besetzt hat. Der Stern bleibt über dem wahren König stehen, Jesus, dem Nachfahren Davids, über einer Hütte oder ähnlichem. Es handelt sich also um Königskritik. Dennoch: Johannes Kepler berechnete (ca. 1603), dass im Jahr 7 v.Chr. Saturn (Israel) und Jupiter (König) im Sternzeichen Fisch (Westland) zusammenkamen. Das bedeutet, dass ein spannendes Himmelsereignis der damaligen Zeit in die Geburtsgeschichte Eingang gefunden hat. Wir sehen, dass ein astronomisches Ereignis durch die wunderbare Begebenheit mit einer theologischen Deutung zusammenfällt.

5.5 Bethlehem

Vielfach wird aus historischer Sicht abgelehnt, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde. Dass Jesus hier geboren wurde, wird als nachträgliche Perspektive christlichen Glaubens gesehen: David war Vorfahre Jesu – und so musste dann der Nachfahre Davids, also Jesus, auch hier geboren werden. Als König der Juden geziemt es sich so. Deutlich wird, dass Matthäus und Lukas unterschiedliche Traditionen verwenden, aber beide verbinden Jesu Geburt mit Bethlehem. Beide sehen ihn in Nazareth aufwachsen. Wie Jesus nun mit beiden Orten in Verbindung zu bringen ist, das wird unterschiedlich begründet. Da beide unterschiedlichen Traditionen / Quellen Bethlehem als Geburtsort benennen, muss diese Tradition und die damit verbundenen erklärenden Geschichten älter sein als die beiden Evangelisten Matthäus und Lukas. Darüber hinaus: Die Tradition, die Lukas aufgreift, ist sehr alt – so dass eben auch die Bethlehem-Tradition schon sehr alt sein muss.

5.6 Nazareth / Nasoräer

Matthäus schreibt, dass Jesus in Nazareth aufgewachsen ist, somit Nazarener ist, und darum Nasoräer genannt wurde. Im Hebräischen zählen die Vokale. Das hieße NSR. NSR bedeutet auch Zweig, Spross. Da Matthäus vielleicht ein Schriftgelehrter war, zumindest das Buch des Propheten Jesaja liebte, hat er mit NSR Jesaja 11 assoziiert. Dort ist vom messianischen Spross die Rede. Er zeigt also seinen jüdischen Lesern damit, dass Jesus der verheißene Messias ist. Dass er dabei allgemein von Propheten spricht, statt Jesaja beim Namen zu nennen, das hängt wohl damit zusammen, dass im AT nur an dieser Stelle das Wort NSR im messianischen Kontext vorkommt. Die anderen Stellen, die Spross / Zweig im messianischen Kontext erwähnen, verwenden ein anderes hebräisches Wort. Als Nasoräer wird eine Gruppe asketischer Menschen bezeichnet. Ob Matthäus auch sagen will, dass Jesus dieser Gruppe angehört hat? Das ist allgemein gesehen unwahrscheinlich, weil das Leben Jesu, wie es sonst geschildert wird, mit diesen Menschen nichts zu tun hat.

5.7 Reflexionszitate / Erfüllungszitate

Reflexionszitate sollen zeigen, dass die Geschichte Gottes mit Jesus schon im Alten Testament verheißen wurde. Damit greift Mt jüdische Schriftexegese auf. Es wird die Bedeutung der prophetischen Worte für die Gegenwart gesucht und freilich auch gefunden. Es muss immer gefragt werden: (a) Wurden Geschichten erfunden und dann mit alttestamentlichen Texten verbunden? (b) Haben alttestamentliche Texte diese Geschichten erst angeregt? (c) Liegt dem Ganzen ein historischer Kern zugrunde, der dann mit Geschichten und Zitaten vertieft wurde? Das hieße zum Beispiel: Maria wurde als Jungfrau angesehen und dann hat man diesen oben genannten sonderbaren Jesaja-Text gefunden, um das mit dem Alten Testament als verheißenes Geschehen zu verstehen. Oder hat man von dem alttestamentlichen Text ausgehend Maria als Jungfrau bezeichnet? Es gibt keine Antwort, die für alles gilt. Deutlich wird: Es handelt sich um eine Verschränkung. Aus dem Glauben an Jesus Christus haben jüdisch-christliche Schriftgelehrte erkannt, dass das Leben und Wirken Jesu kein Zufall war, sondern schon von Propheten angekündigt wurde. Gott als Herr der Geschichte ist in Jesus am Wirken. Es liegt eine theologische Geschichtsschreibung vor. Geschichte wird aus der Sicht von gläubigen Judenchristen interpretiert. Diese haben die Erfahrung gemacht, dass Jesus von den Toten auferweckt wurde. Wie Gott aus dem Tod Leben schafft, kann er auch in einer jungen Frau Leben schaffen. Gott ist Herr über Leben und Tod.

Aufgabe:

a) Warum wurde aus der riesen Fülle alttestamentlicher Texte gerade diese speziellen Zitate ausgesucht? Haben die frühen Christen erst im Rückblick auf das, was sie mit Jesus erlebten, die alten Texte völlig neu verstanden und entdeckt? Auch Texte, die vorher nicht im Mittelpunkt standen? Anders gesagt: Das reale Erlebnis mit Jesus warf ein Scheinwerferlicht auf bestimmte Texte. Oder siehst Du das andersherum: Juden kannten ihre Texte und passten Jesus nachträglich diesen Texten an. Warum gerade diesen aus der Fülle der Verheißungen? Begründe Deine Sicht.

b) Hast Du bemerkt, wie aufrührerisch die frühe Christenheit war? Erst werden anrüchige Frauen dargestellt im Stammbaum – und Maria wird schwanger, bevor sie verheiratet war, entgegen traditioneller Gesetze? Dann wird die Familie Jesu als eine dargestellt, die den Herrscher missachten, ebenso missachten die Weisen den Herrscher. Aber auch der Name bedeutet Gott mit uns / Gott rettet, und steht im krassen Gegensatz zum Herrscheranspruch. Der Herrscher wird als einer dargestellt, der gegen Gott kämpft, also für Christen als einer, dem nicht zu trauen ist, dem man möglichst klug aus dem Weg gehen sollte. Gott ist nicht auf der Seite des grausamen Herrschers. Nimm Stellung zu diesem aufmüpfigen, ja rebellischen Beginn der Christen.

6. Schlussgedanke

Unser Denken in Mitteleuropa und Nordamerika ist nicht Maßstab für das Denken anderer Kulturen und anderer Zeiten. Wir müssen erkennen, dass das alles mit unserem Denken und Geschichtsverständnis vielfach nicht übereinstimmt, aber das ist eben alles, was wir sagen dürfen, ohne intellektuell hochmütig zu sein.