WUNDER JESU
1. Einleitendes
Die Wundertaten Jesu sind nicht zu lösen von dem Hauptthema seiner Botschaft: die kommende Herrschaft Gottes, das Reich Gottes, das im Anbruch ist. Ausdruck dieser kommenden Herrschaft ist, dass Menschen schon in ihrem irdischen Dasein von Leiden befreit werden. Gott möchte den Schalom des Menschen, den Frieden, die Freiheit, die Gesundheit, das Wohlergehen, die Freude. Entsprechend wird im Neuen Testament im Kontext von Wundern vielfach von „Zeichen“ gesprochen. Die besonderen Taten Jesu sollen auf diese Herrschaft, diesen Schalom Gottes hinweisen.
Von Wundertaten Jesu wird in den Evangelien berichtet. Es handelt sich überwiegend um Heilungswunder: Jesus heilt Menschen, erweckt sie von den Toten. Wesentlich an der christlichen Form der Wunderberichte ist, dass sie überwiegend mit theologischen Themen verbunden wurden: Heilung des Gelähmten + Sündenvergebung, Heilung des Blinden + Nachfolge, Heilung am Sabbat + Mensch hat auch am Sabbat Liebe zu zeigen usw. Neben den Heilungswundern wird von Exorzismen berichtet: Jesus befreit Menschen von Mächten, die den Menschen knechten, versklaven. Die theologische Bedeutung: Gott möchte den Menschen von dem befreien, was ihn bindet. Der Mensch ist gegen diese Mächte machtlos – Gott kann jedoch befreien. Exorzismen werden wissenschaftlich heute so eingeordnet, dass sie dazu dienten, soziale Probleme zu bewältigen. Ebenso gibt es Naturwunder. Auch sie werden überwiegend mit theologischen Fragen verbunden: Sturmstillung + Jesus beherrscht die Chaosmächte; Wasser zu Wein: Deutung des Todes Jesu usw.
Jesus war kein Magier, der mit seinen Mitteln und Kräften versucht, die Energie der Gottheit anzuzapfen. Er selbst handelte in der Kraft Gottes, bzw. aus anderer Perspektive gesagt: Er hatte von Gott die Gabe, entsprechend eigenständig zu handeln. Und einzelne Menschen, die sich ihm zuwenden, profitieren von dieser Gabe. Denn Ausgangspunkt seines Handelns ist wie oben beschrieben die Botschaft von der Herrschaft Gottes / dem Reich Gottes. Unter dieser wird der Mensch Schalom (Frieden, Gesundheit, Geborgenheit, Gemeinschaft…) bekommen. Diesen Schalom gilt es jetzt schon weiterzugeben, bis Gott selbst den vollendeten Schalom herbeiführen wird.
Im Kontext von Wundern ist manchmal vom „Glauben“ die Rede. Jesus sagt den Geheilten: Dein Glaube hat dir geholfen. „Glaube“ ist in diesem Kontext zu verstehen als Überwindung von Hindernissen zu Jesus. Sich nicht unterkriegen lassen, wenn es darum geht, den Weg zu Jesus zu finden. Damit werden die Wunder auch als etwas angesprochen, die Beziehung ausdrücken. Der Glaubende steht in Beziehung zu Jesus Christus. Wunder sind mit Dialog verbunden. Zudem weist Jesus mit diesem Zuspruch, dass der Mensch selbst zu seiner Heilung durch den Glauben beigetragen hat, vielleicht auch auf Zukunft hin: In deiner Beziehung zu mir wurdest du geheilt – bleibe in der Beziehung.
2. Beurteilung in der Forschung
Es ist Konsens, dass Jesus Wunder gewirkt hat bzw. Taten vollbracht hat, die in den Augen seiner Zeitgenossen als Wunder interpretiert wurden. Der Mensch kann nur verstehen, wenn er gelernt hat zu verstehen. In Völkern, in denen wunderhafte Taten vorkommen, versteht man die Wunder Jesu leichter als wir mit unserem Weltbild, weil wir stärker in der philosophischen Tradition des „Rationalismus“ stehen. Um die Wunder auch gegenwärtig in Mitteleuropa und Nordamerika zu verstehen, gibt es die psychologische Wunderauslegung: Vertrauen in Gottes Wunderkraft ist eine Art Selbstvertrauen usw. Grundlegend ist jedoch: Der Mensch ist ein offenes Wesen – insofern ist auch die Frage nach den Wundern davon abhängig, wie der jeweilige Mensch Erlebnisse erschließt, interpretiert: Rechnet er mit Gottes Handeln, dann rechnet er mit Wundern – oder rechnet er nicht damit, dann kann er auch Wunder nicht als solche einordnen, interpretiert sie als Zufall, als Fehlinterpretation usw. Es handelt sich um die Frage nach dem Weltbild des jeweiligen Menschen: Wie deutet er Erfahrungen.
Die Naturwunder werden im Wesentlichen nachösterlich eingeordnet – sie haben damit auch nachösterliche Botschaften (z.B.: Speisung der 5000 weist auf das Abendmahl und darauf hin, nicht in der Armut zu verzagenb, sondern dennoch zu teilen). Anders gesagt: Die Gemeinde hat diese Naturwunder formuliert, um der Gemeinde zu helfen, in Notlagen klarzukommen. Zum Beispiel auch die Sturmstillung: Ihr lebt in stürmischen, in chaotischen Zeiten – habt keine Angst, Christus kann Stürme stillen.
3. Offenes oder geschlossenes Weltbild?
Es liegt in der Natur der Sache, dass Wunder unterschiedlich interpretiert werden. Zudem werden sie heftig kritisiert – nach allen Regeln der jeweiligen Logik der Zeit. Welches Weltbild hat der Mensch, der mit den Wundern konfrontiert wird? Hat er ein geschlossenes Weltbild, das heißt eines, das die Frage der Kausalität sehr eng interpretiert (Gott kann und will nicht in die Welt, in die von ihm geschaffene Ordnung eingreifen)? Oder hat er ein Weltbild, das offener ist für alles, was so geschehen kann (Gott handelt in Wundern für Menschen unerwartet – aber auch das liegt im Rahmen der Schöpfung und ihrer von Gott gegebenen Ordnung)?
- Wenn ich glaube, dass es keine Wunder gibt, dann versuche ich auch Interpretationen zu finden, die ein erlebtes Wunder unabhängig von Gott verstehen lassen – oder das Erlebte verdränge, weil es rational nicht interpretierbar ist.
- Hat der Mensch Zutrauen zu Gott – dass Gott ihn auch in Zukunft überraschen wird?
- Interpretiert ein Mensch Erlebnisse der Vergangenheit als Wunder – und ist somit offen für weitere Wunder?
- Menschen haben Sehnsucht nach Gottes wunderbaren Taten – und handeln selbst „wunderbar“.
- Wunder offenbaren das Weltbild des jeweiligen Menschen, der mit ihnen konfrontiert wird. Er wird zu einer persönlichen Stellungnahme herausgefordert.
- Wunder verwickeln den Menschen mit dem Weltbild Jesu Christi und dem der frühen Gemeinde.
- Wunder sind abhängig von den Vorstellungen der jeweiligen Zeit.
4. Unterschiedliche Interpretationsmuster im Laufe der Kirchengeschichte
- Kritisch: Wunder gab es nicht: (a) Wundergläubige haben aus ihrer beschränkten Weltsicht Taten, Zufälle entsprechend interpretiert; was früher als Wunder galt, ist gegenwärtig rational zu erklären. (b) Gott hat es nicht nötig, mit Wundern Menschen zu ködern bzw. Naturgesetze zu durchbrechen. (c) Wunderberichte sind Propaganda, die dazu dienen, Leichtgläubige in die junge Gemeinde zu führen. (d) Wunder sind einfach lächerlich – es lohnt sich nicht, darüber zu reden. (e) Wunder sind Wort gewordene Wunschvorstellungen. (f) Menschen, die heute Wunder erleben, sind einfach religiös überdreht. (g) Wunderglaube ist gefährlich, weil es hoffen lässt, wo es keine Hoffnung mehr gibt – also Selbstbetrug. (h) Gott kann keine Wunder tun, weil es ihn nicht gibt. (i) Nur die Zeugen sind vertrauenswürdig, die meinem Weltbild entsprechen.
- Historisch: Was ist damals wirklich geschehen, wie lief die Tradierung solcher Geschehnisse ab, in welche Gattung wurden die Berichte eingebettet…
- Theologisch: Jesus hat, historisch gesehen, Wunder gewirkt, aber es kam ihm nicht darauf an, den Schwerpunkt auf die Wunder zu legen, sondern sie als Zeichen für Gottes Wirken zu verstehen, als Zeichen für den Anbruch des Reiches Gottes mit ihm.
- Rationalistisch: Wunder können erklärt werden. Zum Beispiel: Jesus konnte auf dem See wandeln, weil das Wasser in der Nähe des Ufers sehr niedrig stand, gefroren war usw…. Die rationalistische Interpretation war in der vorpsychologischen Zeit relevant. Nachdem Psychologie als Wissenschaft anerkannt war, hat man Wunder auch wieder aus einer anderen Perspektive interpretieren gelernt.
- Kerygmatisch / hermeneutisch: Was möchte dieses Wunder uns in der Gegenwart sagen. Zum Beispiel: Das Wunder von der Sturmstillung soll sagen, dass Jesus nicht nur die Chaosmächte der Natur (Wasser und Sturm) stillen kann, sondern auch die Chaosmächte in den Menschen. Oder: Jesus möchte, dass Menschen sich Reich-Gottes-konform verhalten und gegenwärtig helfend tätig werden – wie er selbst tätig geworden ist. Oder: Es gilt, Menschen, die isoliert waren, in die Gemeinschaft zurückzuführen.
- Fundamentalistisch: Die Wunder sind so geschehen – wie sie berichtet werden.
- Wunder Jesu sind psychologisch zu erklären: Der Glaube an Jesu Kraft setzt eigene Kräfte frei (darum sagt Jesus: Dein Glaube hat dir geholfen). Weitergehend: Der Glaube daran, dass Jesus Wunder tun konnte, führt weiter: Als Auferstandener kann er auch gegenwärtig noch Wunder tun – womit wiederum bis in die Gegenwart durch den Glauben die Selbstheilungskräfte aktiviert werden können.
- Überschneidungen: Die jeweiligen Interpretationen können sich auch überschneiden. So sind rationalistische und fundamentalistische Interpretation nicht selten zwei Seiten einer Medaille: Das Wunder geschah so wie es beschrieben wird. Die Rationalisten erklären freilich das, was da beschrieben wird, nicht als Wunder – also als Bruch der Naturgesetze –, sie erklären es „naturwissenschaftlich“ – in Übereinstimmung mit den Naturkonstanten. Die psychologische Interpretation kann auch mit der engen christlichen Interpretation zusammengeführt werden: Man muss nur fest glauben, dann geschieht es schon.
- Die eigentliche christliche Interpretation geht einen anderen Weg: Glauben ist eine Beziehung – und Beziehungen lassen dem Gegenüber Freiraum. Glaube ist keine psychologische Selbstaktivierung – er ist Hingabe an Gott, Vertrauen darauf, dass Gott mein Leben in der Hand hält. Glaube ist gleichzeitig (!) Vertrauen darauf, dass Gott mir im Kampf gegen negative Erlebnisse hilft – wie Jesus sich gegen Krankheiten usw. gewendet hat. Wundertexte sprengen Rahmen. Sie sind Freiheitstexte. Sie verhindern, dass der Mensch in dem verharrt, das ihn knechtet, einschüchtert, lähmt. Sie weisen nach vorne – in der Kraft Gottes. Wunder und Wundertexte dürfen nicht durch Definitionen und Erklärungen entkernt werden.
Was Wunder betrifft, darf man sie nicht von Jesus Christus und seiner Reich-Gottes-Lehre abkoppeln, sondern muss bedenken, dass Wunder auch in weiteren Dimensionen im Glauben vorkommen: Wie kommt es, dass es Leben gibt? Wie geht das, dass Materie lebt? Warum kann dieses Leben: denken, lieben, Welt interpretieren? Warum folgt die Natur Gesetzmäßigkeiten? Es geht also um Gott als Schöpfer und Erhalter der Welt. Darüber hinaus sind weitere wesentliche Sachverhalte im christlichen Glauben wunderbar: Gott wird Mensch, die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, Leben nach dem Sterben. Wenn diese Handlungen als Handlungen Gottes geglaubt werden, ist der Glaube, dass Jesus Christus wunderbar gewirkt hat, leichter zu verstehen. Kurz: Jesus Christus selbst ist das eigentliche Wunder.
Aufgabe 1: Überlege:
a) Warum haben sich Berichte von Wundertaten gerade mit dem Menschen Jesus verbunden? Welche Fähigkeiten hatte er, dass das geschehen konnte?
b) Wunder sind übrigens davon abhängig, dass man nach dem „Warum“ fragt – dem Kausalzusammenhang. Warum fragen wir Menschen nach dem Kausalzusammenhang? Das ist als solches ein Wunder, mit dem Gott den Menschen für Wunder öffnen möchte.
c) Sind Wunder keine Durchbrechungen von Naturgesetzen, sondern einfach: Unsere festen Erwartungen werden unerwartet gut durchbrochen? Und zwar: als Zeichen Gottes. Naturgesetze waren den Menschen damals nicht bewusst. Entsprechend sahen sie die Wunder nicht als eine Durchbrechung der Naturgesetze an, sondern als Zeichen Gottes. Können bestimmte Erlebnisse als solche auch heute wahrgenommen werden?
d) In der Antike mussten Worte, die man den Helden zuschrieb, dessen Wesen und dessen Handeln entsprechen. So war es zum Beispiel nicht unangemessen, wenn man Caesar ein Wort in den Mund legte,sondern unangemessen, wenn man ihm ein Wort in den Mund legte, das nicht seinem „Charakter“ entsprach. In der Antike herrschte also ein anderes Verständnis vor als in der Gegenwart. Wie gehen wir damit um?
e) Wie können wir mit dem umgehen, was uns fremd erscheint? Gelten an dieser Stelle auch einige Regeln des „interreligiösen Dialogs“? https://evangelische-religion.de/dialog-pluralismus.html
5. Vertiefung
Es sieht so aus, als würden zumindest die Naturwunder Erfahrungen mit Jesus Christus wiedergeben, die als Geschichten erzählt werden. Die Oberflächenstruktur zeigt: ein Wunder. Die Tiefenstruktur zeigt die Erfahrung. Zum Beispiel: Jesus stillt den Sturm = Oberflächenstruktur. Jesus stillt die Bedrohungen des Lebens = Tiefenstruktur. Eine Menschengruppe hat die Erfahrung gemacht, dass Jesus ihnen in ihren Sorgen, Nöten geholfen hat. Es schien, als würde Jesus Christus sich nicht um sie kümmern. Doch dann kam Hilfe. Und das versucht diese Gruppe nun mit Hilfe einer Geschichte, die vielleicht Anhaltspunkte an umlaufenden Jesus-Überlieferungen hatte, zu erzählen. Warum als Geschichte? Eine Geschichte sagt mehr, als die Aussage: Jesus hat geholfen. Sie bringt im Hörer und Leser etwas zum Schwingen, sie wird so zu einer Geschichte, die mir gilt, die mich etwas angeht. Insgesamt sagen diese Wunder (samt der Heilungswunder und Exorzismen): Jesus will, dass Menschen leben können, dass sie befreit leben können, dass sie keine Angst haben müssen, als Gemeinschaft überleben, wenn sie teilen usw. Wundertexte öffnen eine neue Sicht auf das Leben, schenken neue Perspektiven auf die Welt, die geschlossen scheint, in der Chaos herrscht, die von irgendwelchen Gesetzlichkeiten geprägt ist und in diesen hoffnungslos erstarrt. Gesetzlichkeiten sind nur ein Teil des menschlichen Lebens. Der Mensch kann darüber hinaus schauen, kann handelnd Übles bekämpfen, hat Hoffnung, gegen allen Schein, Sehnsüchte gegen alle Realitäten, er versucht den engen Rahmen, der vorgegeben zu sein scheint, zu dehnen. Im Glauben dehnt er ihn mit Hilfe Gottes.
Auch in dieser Hinsicht hat Jesus den Menschen weiter geführt. Er regt in ihm an, nicht zu erstarren, sich nicht mit den scheinbaren Realitäten zufrieden zu geben, sondern mit seiner Hilfe gegen sie anzugehen. Das nennt er „Glaube“.
Das bedeutet: Die Oberflächenstruktur des Textes ist nicht unwichtig. Es kommt nicht nur auf die Tiefenstruktur an, nicht nur auf den Kern, die Grundlage des Textes. Alle Ebenen stehen in Beziehung zueinander.
Aufgabe 2:
a) Überlege: Wie kann man diese Interpretation vom Abschnitt „5. Vertiefung“ einordnen? Füge sie den oben genannten Interpretationsmustern bei.
b) Auszug aus einer Predigt zu dem Text Mk 1,32-39. Bevor Du den Auszug liest, mache Dir selbst Gedanken zu dem Evangelientext. Welchen der oben genannten Interpretationen ist dieser Auszug zuzuordnen? Ist das die einzig richtige Interpretation?
„Jesus war sehr realistisch. Er wusste: Die Not der Menschen übersteigt sein menschliches Dasein. Er wusste aber noch etwas: Seine Aufgabe bestand nicht allein darin, die Menschen körperlich zu heilen, sondern sie bestand auch darin, seelisch zu heilen. Sie bestand darin, sie durch seine Botschaft von Gottes Reich, der Nähe Gottes aufzurichten, Hoffnungskörnchen in die Herzen und Gedanken zu pflanzen und Liebe. Das war seine eigentliche Aufgabe – und diese Aufgabe vollbrachte er nicht auf eigene Vollmacht hin – sondern er zog sich immer wieder zurück zum Gebet. Diese kleine Notiz zeigt, dass Jesus im Einklang mit seinem himmlischen Vater lebte und handelte. Und im Einklang mit dem himmlischen Vater entzog er sich den Kranken, die in Kapernaum all ihre Hoffnungen auf ihn setzten – und er zog weiter. Und die Kranken? Sie zogen hinter ihm her. Eine unendlich lange Schlange folgte Jesus. Immerzu auf seinen Spuren suchten sie ihn, rutschten auf dem Boden, humpelten, fielen blind immer wieder auf den unebenen Wegen hin, eine endlos lange Schlange des Leids folgt Jesus seit er auf der Erde lebte, folgt und folgt ihm. Und Jesus? Manche heilt er, weil sie auf seinem Weg gerade da sind, doch die vielen, vielen nicht Geheilten suchen ihn. Und auf ihrem Weg hinter Jesus her, finden manche der Notleidenden Freunde. Sie helfen sich gegenseitig. Der Blinde wird vom Lahmenden geführt, der Gelähmte wird vom Starken getragen, auch andere Menschen treffen ein, die allein Jesus sehen und hören wollen, auch sie erbarmen sich über die Menschenmenge und lernen Liebe zu üben. Auf dem Weg hinter Jesus her lernen sie teilen, nicht nur Leid und Schmerz, Freude und Lachen, sondern auch ihr Brot, ihr Geld. Manche Menschen geben auf diesem schweren Weg auf – aber manche geben nicht auf und darum wird ihr Herz verändert, ihre Gesinnung wird neu: Auf dem Weg hinter Jesus her wächst ihre Liebe zu den anderen Menschen, den Not Leidenden, wächst ihre Offenheit, ihre Hilfsbereitschaft. Menschen, die sie vorher verachtet haben, wachsen ihnen ans Herz, Menschen, die sie vorher überhaupt nicht wahrgenommen haben, kommen ihnen ganz nahe. Und sie tun Dinge, die sie sich vorher nie zugetraut haben: Sie können pflegen, sie können gute Worte sagen, sie können warmherzig schauen und zuhören, ihre Hände entwickeln Segenskräfte – auf dem Weg, dem langen Zug der Notleidenden hinter Jesus her geschehen Wunder über Wunder, weil sich die Herzen der Menschen verändern. Jesus ist weg – einfach weg. Doch an seiner Stelle treten Menschen, die nicht das tun können, was Jesus tat, aber sie können etwas, das sehr, sehr wichtig ist: sie lernen, liebender Mensch zu sein. Sie lernen, für andere da zu sein, empfindsam zu werden nicht nur für die eigenen Nöte, sondern für die Nöte anderer.“ (Wolfgang Fenske: https://predigten.wolfgangfenske.de/markus-1/ )
c) Nimm Stellung zu den Aussagen und beantworte die Fragen:
- Was verstehst Du unter „Wunder“?
- Ist das Wachsen und Blühen einer Blume genauso als Wunder einzuordnen wie überraschende Wendungen – zum Beispiel – in Krankheiten? Wenn ja: Warum? Wenn nein: Warum nicht?
- Gehört zu einem Wunder ein Wundertäter (z.B. Gott oder Mensch)?
- Wie interpretierst Du das Wort, das der Kirchenvater Augustinus (354-430) gesagt haben soll: „Das Wunder ist nicht ein Widerspruch zu den Naturgesetzen, sondern ein Widerspruch zu dem, was wir von diesen Gesetzen wissen.“
- Das Wunder der Sturmstillung (Mk 4,35-41) steht im Markusevangelium zwischen dem Gleichnis-Kapitel (Kapitel 4) und dem Kapitel mit den Wundern (Kapitel 5,1-6,6). Warum könnte Markus dieses Wunder hier eingeordnet haben?
- Hast Du selbst Erlebnisse gehabt, die Du als Wunder interpretierst? Wunder sind?
- Welches (a) Weltbild, (b) Menschenbild, (c) Gottesbild haben die Wunderkritiker und die Wunderbefürworter?
d) Nimm Stellung zu den Aussagen:
1. Ich bin offen für Gottes Wunder. Ich selbst hatte Erlebnisse, die ich als solche interpretiere. Gott kann wunderbar wirken – aber der Mensch hat auch wunderbar Phantasie. Nicht böse gemeinte Phantasie, sondern eine – wunderbare Phantasie.
2. Ich bin offen für Gottes Wunder. Dennoch, wenn ich von Wundern höre, bin ich eher ein zweifelnder Thomas. Gelassenheit ist auch meine Glaubensdevise: Wenn Gott will, ändert er meine Sicht. Verkrampft glauben zu müssen, ist das Gegenteil von freudigem Herzen, offenem Glauben.
3. Eric Metaxas hat neben vielen anderen Büchern (z.B. Biographien) ein interessantes Buch zum Thema Wunder geschrieben (Wunder – Entdeckungen eines Skeptikers) – und wie viel Menschen solche erleben und erlebt haben. Nur wagt man es kaum auszusprechen.
4. Das wohl auch darum, weil man befürchtet, gefragt zu werden und sich auch selber fragt:
Warum ich? Warum nicht die vielen, vielen Menschen, die ein Wunder nötiger hätten? Das gehört mit zu den großen Fragen der Theodizee. Nicht nur: Warum trifft gerade mich das Leid – sondern auch: Warum trifft gerade mich das Wunder?
6. Wundergeschichten im Alten Testament, bei den Rabbinen und im heidnischen Bereich
Wunder werden verhältnismäßig wenig überliefert aus der vorjesuanischen Zeit. Wir finden ein paar in alttestamentlichen Schriften. Dann mit Jesus um 30 n.Chr. – und dann explodieren sozusagen die Wunderberichte im 2. / 3. Jahrhundert und später. Es ist zu vermuten, dass die Menschen sehr wundergläubig gewesen sind, aber manche Wunderberichte zeigen doch eine gewisse Skepsis. Das ändert sich dann eben ab dem 2. / 3. Jahrhundert. Man könnte fast glauben, dass die Wunderberichte der Evangelien eine Art Wunderhype zur Folge hatten.
Man kann durch die Vergleiche mit anderen Wundertexten Besonderheiten erkennen. Normalerweise sind Wundertexte in der Regel so aufgebaut, wie es gleich dargestellt wird. Es handelt sich um die „reine Form“, das heißt nicht, dass alle Elemente immer vorkommen. Hier geht es um Heilungswunder. Exorzismen und Naturwunder haben noch mal ihre Besonderheiten:
1. Der Wundertäter kommt / der Kranke kommt.
2. Die Schwere der Krankheit wird geschildert.
3. Die Begegnung zwischen Wundertäter und Krankem wird erschwert.
4. Der Kranke bittet – oder andere bitten für den Kranken.
5. Der Wundertäter tut etwas Besonderes, spricht etwas Besonderes.
6. Die Heilung geschieht.
7. Der Geheilte demonstriert seine Heilung.
8. Die Zuschauer staunen.
a) In alttestamentlichen Schriften finden wir so manches Wunder. Diese Wunder werden vor allem verbunden mit den Namen Elia und Elisa. Elia hat das Kind einer alleinstehenden Mutter auferweckt (1. Könige 17). Das Wunder schließt damit, dass die Mutter ausruft, dass sie nun erkennt, dass Elia ein Mann Gottes ist. Elia handelte mit einem Wort Gottes bzw. mit Körperkontakt, vielleicht einer Art „magischer Handlung“. Es geht also darum, dass Elia als ein Mann Gottes dargestellt wird – der auch gegen üble Könige und ihren Götzenkult kämpfte. Wunder des Elisa werden wie Anekdoten aneinander gereiht (2. Könige 2; 4-6): Naturwunder, Strafwunder usw. Sie werden geschildert, um die besonderen Fähigkeiten hervorzuheben. Bekanntlich werden zahlreiche Naturwunder mit Moses verbunden (Teilung des Meeres, Wasser aus Felsen usw.). Diese Wunder sind hauptsächlich Rettungswunder. Manchmal ist Moses dominant, manchmal der Beter, auf dessen Gebet hin dann das jeweilige Wunder erfolgte. Diese Wunder unterscheiden sich, wie die Wundererzählungen von Elia und Elisa von den Wundererzählungen um Jesus.
b) In rabbinischen Schriften erfahren wir von einer Fülle an Wundern. Aber sie sind erst später (3-6. Jh.) zu datieren, hatten keinen Einfluss auf die Berichte über die Wundertätigkeit Jesu. Manche Traditionen reichen in das 1./2. Jahrhundert zurück. Vorchristlich ist das Wunder von Honi dem Kreiszieher, der durch Gebet auf Dürre Regen folgen ließ. Aber die rabbinischen Erzählungen atmen sehr stark den Geist späterer Jahrhunderte.
c) Im heidnischen Bereich spielen Wunder vor allem in nachjesuanischer Zeit eine große Rolle in Überlieferungen und in der Literatur. Zu nennen sind die Wunder, die mit dem Asklepiostempel in Epidauros aus dem 5./4. Jh. v. Chr. verbunden sind. Menschen legten sich in den Tempel und erfuhren durch Träume Heilungen. Aus Dankbarkeit haben sie den Tempeln dann etwas gestiftet. Ziel ist es, werbewirksam darauf hinzuwesien, dass der Gott durch heilschlaf im Tempel Menschen heilt. Das hat mit Jesus-Wundern nichts zu tun.
230 n.Chr. vollendet der Philosoph Philostrat eine Biografie über Apollonius von Tyana und das im Auftrag der Kaiserin Domna (160-217)(*). Dieser hat im 1. Jahrhundert gelebt (Vermutungen: 3 v.Chr.-97.n.Chr / 40 n.Chr-120 n.Chr.). Von diesem Apollonius werden viele Wunder berichtet. Allerdings herrscht die Vermutung, dass Philostrat diesen Apollonius als einen philosophischen Gegenjesus aufbauen wollte. So befreit Apollonius einen Jungen von einem Dämon und dann heißt es, dass der Junge Philosoph wurde und Apollonius folgte. Oder Apollonius erweckte ein Mädchen von den Toten, die Leute wollten ihn mit Geld überschütten, er lehnte ab – und es wird reflektierend angefügt: Ob noch ein Lebensfunke in ihr war, wisse man nicht. Es sind zum Teil atemberaubende Wunder: es geht um dämonische Ungeheuer, gegrillte Fische, die schwimmen usw. Solche Art Wunder werden in diesem Zeitraum auch von Jüngern Jesu berichtet. Petrus zog, so solche kuriosen Wundertexte, durch die Gegend, ließ seine Tochter immer sterben, damit er sie dem staunenden Publikum als Auferweckte zeigen konnte. Manche vermuten, dass Apollonius wirklich wundertätig unterwegs war, somit tatsächlich eine Parallele zu Wunderberichten über Jesus bieten. Es muss allerdings beachtet werden: Philostrat schrieb sie ca. 100 Jahre später auf und Apollonius wurde, wenn die zweite Vermutung stimmt, erst 10 Jahre nach Jesu Hinrichtung geboren.
Sueton und Tacitus (beide sind 120 n.Chr. gestorben) berichten davon, dass Kaiser Vespasian in Ägypten zwei Wunder vollbracht haben soll. Es geht um einen Blinden und um einen Gelähmten. Auf das Auge des Blinden solle er spucken, auf die Glieder des Gelähmten solle er treten. Vespasian war skeptisch, tat es aber und hatte Erfolg. Das wird als „göttliche Legitimierung“ des Kaisers interpretiert. Vespasian war übrigens der Kaiser, der im Jahr 70 Jerusalem eroberte.
Magie war im heidnischen Bereich weit verbreitet und das zu alter Zeit. Mit Magie sind Riten verbunden. Es geht also nicht allein um ein Wort, sondern Handlungen werden damit verbunden, um die Mächte zu fesseln, sie dazu zu bringen, das Gewünschte – besser: das Geforderte – auch zu wirken. Das einzige Wunder Jesu, das irgendwie magischen Ritus vermuten lässt, ist eine Erzählung aus heidnischem Bereich, in dem Jesus auf die Erde spuckt und den Sand auf die Augen schmiert usw. Das kann zweierlei bedeuten: a) im heidnischen Bereich wurde eben heidnisch erzählt, oder b) Jesus hat sich da angepasst, weil dem Kranken aufgrund seiner Kultur nur so Heilung ermöglicht werden konnte. In der Apostelgeschichte (19) wird berichtet, dass Exorzisten den Namen Jesu verwendet haben, dann aber der Dämon diese Exorzisten, die ohne Vollmacht gehandelt haben, durch den Besessenen verprügelt hat. Christliche Aktionen sind begründet in der Vollmacht durch Christus, nicht in Magie, nicht mit irgendwelchen fromm klingenden Scheinwörtern.
Lucian (120-190) schrieb ein Buch „Der Lügenfreund oder der Ungläubige“, in dem er Wundersucht lächerlich machte. Sein Werk passt genau in die Zeit, in der die kuriosesten Wundererzählungen Hochkonjunktur hatten. In diesem Werk geht er gegen Wundergläubigkeit insgesamt vor. In seiner Schrift „Der Tod des Peregrinus“ verspottet er Christen wegen ihrer Gutgläubigkeit, jedem Wanderprediger alles zu glauben.
d) Der jüdische Historiker Josephus (37-100 n.Chr.) beschreibt auch das eine oder andere Wunder. Er bestätigt auch, dass Jesus unglaubliche Taten vollbracht habe, ohne sie auszuführen. Ein Wunder ist die Dämonenaustreibung durch einen Exorzisten namens Eleazar. Spannend ist hier wieder ein Blick ins Neue Testament. Markus berichtet, dass die Jünger sich bei Jesus beschweren, weil in seinem Namen ein Exorzist durch die Gegend zieht, der nicht zu Jesus und dem Jüngerkreis gehört. Jesus reagiert darauf: „Wer nicht gegen uns ist, ist für uns“ (Mk 9).
(*) Domna war Tochter eines syrischen Oberpriesters, Priester eines Sonnengottes. Sie war Ehefrau des späteren Kaisers Septimius Severus, Mutter der Kaiser Caracalla und Geta. Sie war sehr gebildet, scharte in ihrem Literatenkreis Philosophen, Gelehrte so auch Philostrat um sich. Was sie mit der Beauftragung des Philostrat, diese Biografie zu schreiben, bezweckte, wird diskutiert. Sie soll Philostrat Aufzeichnungen des Apollonius-Begleiters Damis zur Verfügung gestellt haben, was allerdings historisch sehr umstritten ist. Ihr Sohn Caracalla hat übrigens laut Überlieferung sehr brutal agiert, war grausam und unberechenbar, er ließ seinen Bruder Geta im Beisein seiner Mutter ermorden. Er sagte der Mutter, dass sie seinen Bruder einladen solle, damit sie Frieden schlössen, so die Überlieferung. Und dann fiel er über den Bruder her und ermordete ihn. Auch Tausende seiner Anhänger wurden ermordet. Ein Trauern über den ermordeten Sohn wurde ihr und der Bevölkerung und der Mutter laut Überlieferung verboten (damnatio memoriae). Caracalla wurde dann später auch ermordet. Nach dessen Tod brach sie, schwer erkrankt und politisch nicht erfolgreich, zusammen, verweigerte die Nahrungsaufnahme und starb.