JESUS-FORSCHUNG
Seit einigen Jahrhunderten versucht man, Jesus auf wissenschaftlicher Basis zu erforschen. Ansätze gab es schon vorher. Eher neu war der Ausgangspunkt: Einmal wollte man zeigen, dass die Kirche mit ihrem Glauben falsch liege, dann wollte man zeigen, dass Jesus selbst im Grunde keine Relevanz hat. „Eher neu“ darum, weil solche Ansätze auch schon in der Antike von Kritikern der Christen geäußert wurden (Celsus, Porphyrius). Dass die moderne Jesusforschung trotz ihrer Methoden auch immer den Forscher widerspiegelt, das hat vor ca. 100 Jahren Albert Schweitzer gezeigt, was sich bis jetzt wenig geändert hat.
Was jedoch deutlich ist: Die Jesusforschung trennt zwischen:
- irdischer Jesus (den man nicht mehr richtig erfassen kann)
- historischer Jesus (den irdischen Jesus, soweit man ihn [vermeintlich] aus den Quellen erarbeiten kann)
- biblischer Jesus (Vermischung des irdischen Jesus mit dem Jesus des Glaubens)
- Jesus des Glaubens (Jesus im Wesentlichen als Christus aufgrund seiner Auferstehung und der Geistgabe).
Das bedeutet, dass wir nur einen kleinen Bereich des irdischen Jesus historisch untersuchen können, diesen Bereich können wir aufgrund der Wirkungsgeschichte Jesu, also durch die Brille anderer sehen. Das Problem besteht darüber hinaus wie im Kontext einer jeden Biografie: Der Mensch ist nicht als Gesamtwesen zu erfassen, sondern nur ausschnittartig. Und so legt jeder seine eigenen Schwerpunkte. Das Problem ist damit nicht der historisch betrachtete Mensch, sondern der Forscher als Mensch. Um ein genaues, möglichst neutrales Bild zu bekommen, entwickelte man Methoden. Sie helfen weiter. Sie dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch derjenige, der sie anwendet, weltanschaulichen Prämissen unterworfen ist, ob er nun an Jesus Christus glaubt, ob er den Menschen Jesus bewundernd in den Blick nehmen will oder ihn aus welchen Gründen auch immer destruierend ablehnt. Zudem sind die jeweiligen Methoden auch Ausdruck ihrer Zeit.
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Im Folgenden versuche ich eine Einordnung, wobei freilich bewusst sein muss, dass ein reines Schubladendenken auch hier nicht angemessen ist. Es gibt Übergänge, Wandlungen, vorsichtige Formulierungen. Eine Grundtendenz, wie ich sie zu erkennen meine, sei hier wiedergegeben.
1. Ansatz: Trennung des eigentlichen Jesus von der Christus-Verkündigung der Kirche (Trennung irdischer Jesus und Jesus des Glaubens/biblischer Jesus) (Glaube = Erfindung der Jünger)
- Jesus wollte ein weltliches Reich aufrichten – nachösterlicher Glaube = Betrug (Reimarus)
- Jesus war ein reiner Mensch – er ist nicht nur von Christen/Kirche, sondern auch vom Judentum zu trennen (Renan)
- Trennung Jesu vom christlichen Glauben: Jesus lehrte im Grunde nur Vertrauen in Nächsten und Schöpfung (Funk)
- Jesus hat nichts Neues gebracht, er hat alttestamentliche und hellenistische Gedanken auf Wesentliches konzentriert und Gott gelehrt (nicht sich selbst): Vaterliebe Gottes und Wert der Seele (von Harnack)
2. Ansatz: Untersuchung der Bedeutung der frühchristlichen Autoren (Redaktionskritik) und der Gemeinde (Formgeschichte) für die Jesusüberlieferung
- Bewunderer Jesu haben ihre Idee von göttlicher Menschlichkeit in Jesus hineinprojiziert (Strauß)
- Jesus ist die Personifizierung eines Mythos (Drews)
- Auseinandersetzung in der frühen Christenheit – These-Antithese-Synthese = Jüdisch: Gesetzeskirche – Paulus: Geistkirche – Johannesevangelium: frühkatholische Kirche (Ferdinand Christian Baur)
- Evangelisten verbanden Jesus mit ihrer eigenen theologischen Intention (Wrede)
- Evangelisten waren Ausdruck ihrer Gemeinde (Formgeschichte: Bultmann)
3. Ansatz: Zusammenführung Jesus Christus und Evangelisten / Gemeinde (Glaube geht auf Jesus zurück)
- Die Evangelisten haben auf der Botschaft Jesu aufgebaut, sie haben nicht unbedingt nur Neues gebracht (F.Ch. Baur, Käsemann)
- (Manche Ansätze von 2.)
- Kriterien der Jesusforschung: Differenz-, Kohärenz-, Plausibilitäts-Kriterium usw., um genauer sagen zu können, was jesuanisch, was gemeindlich ist (z.B. Käsemann)
- Kriterien sind anzuwenden (J. Becker, Strecker und J.P. Meier in unterschiedlicher Intension). Radikaler Skepsis wird nicht gefolgt. Jesus wird im Judentum verankert (ebenso: E.P. Sanders; Geza Vermes)
4. Ansatz: Deutungen Jesu (psychologisch und sozialgeschichtlich)
- Psychische Entwicklung Jesu (Holtzmann)
- Er gehört Gruppen seiner Zeit an: Apokalyptikern (Weiß, Schweitzer), Wandercharismatikern (Theißen), war jüdischer Reformer (Sanders), gehörte verschiedenen anderen jüdischen Gruppen an (z.B. Essenern [Thiering], Pharisäern [Leon da Modena]), Weisheitslehrern (Ebner); hinzu kommen: feministische Exegese (Schüssler-Fiorenza, Schottroff) und weitere soziologische Einordnungen der Neuzeit. Dass Jesus als Jude seiner Zeit – in Auseinandersetzung mit Strömungen seiner Zeit – zu verstehen ist, ist eine gesicherte Grundlage der historisch-kritischen Exegese (vgl. auch Flusser, Lapide, Schalom Ben Chorin).
- Thematische Ausgangspunkte (z.B. Gerechtigkeit) zur Deutung Jesu.
5. Ansatz: Irdischen Jesus kann man nicht vom Jesus des Glaubens trennen (kerygmatisch)
- Im NT finden wir den verkündigten Jesus – den historischen Jesus kann man davon nicht isolieren (Kähler)
- Die eigentliche Botschaft Jesu ist vom Mythos zu lösen und existentiell zu ergreifen – entsprechend versuchten die frühen Christen Jesus aus ihrer Zeit heraus zu verkündigen, damit er in ihrer Zeit existentiell ergriffen werden kann (Bultmann). Während für Bultmann der „historische Jesus“ nicht so relevant war, war er das für Bornkamm und Käsemann.
- Theologische und historische Sicht bedingen einander (Wright)
- Theologische Sicht wird durch die historisch-kritische Interpretation bestätigt (Craig)
- Die Aussagen der Evangelien sind plausibler als die der Rekonstruktionen durch Skeptiker; der historische Jesus ist nicht vom Bekenntnis der Apostel und Evangelisten trennen (Ratzinger – Benedikt XVI.; Ansatz: Gnilka)
6. Ansatz: Radikale Skeptiker
- Von Jesus weiß man so gut wie nichts (Jesus-Seminar: Crossan, Borg)
- Von Jesus kann man nichts wissen (Deschner, Detering)
- Jesus sei literarisches Produkt (Bruno Bauer, Kalthoff)
- Von Auferstehung kann keine Rede sein (Lüdemann)
7. Ansatz: Erinnerungskultur
Im Augenblick versucht man mit Hilfe der „Erinnerungskultur“ unterschiedliche Aspekte des Lebens Jesu bzw. der Forschung zusammenzufassen, neue Nuancen zu erkennen (Dunn). Dazu gehört aus meiner Perspektive auch: Jesus ist mit Hilfe des Landes, in dem er wirkte, zu verstehen (Pixner: Galiläa/Israel als fünftes Evangelium). In anderer Intention ist Schröter mit der Gedächtnisforschung zu verbinden.
8. Ansatz: Gegenwärtige Interpreten kommen in den Blick: Jesusbild Produkt der Interpreten
Alle Interpreten legen ihre eigene Intention in die Jesus-Deutung hinein – aber es gibt einen wahren Kern. Wer sich mit der Botschaft Jesu beschäftigt, wird von ihm (dem Christus) ergriffen (Schweitzer)
9. Anmerkungen zu Jesusdestruktionen
- Der Kampf gegen Jesus ist darin begründet, dass man den Kirchen den Boden entziehen möchte – und das mit Hilfe verschiedener Überlegungen:
- Jesus war ein Mensch seiner Zeit, der für heute keine Relevanz hat, im Gegenteil, sehr unangenehm ist (und es werden Aspekte aufgegriffen, die heute unangenehm sind: Dämonen, Hölle…)
- Jesus hat gar nicht gelebt (er ist ein Mythos, Literarisches Produkt, …)
- Man weiß von Jesus nichts mehr
Alle klugen Jesus-Kritiker können allerdings nicht sagen, sondern nur vermuten, warum ausgerechnet der aus dieser Perspektive üble, nichtssagende Mensch Jesus von Nazareth heute noch rezipiert wird. Wenn der Glaube keinen Anhaltspunkt an diesem Menschen hat – liegt es dann am lebendigen Jesus Christus? Für Jesus-Kritiker nicht. Denn er ist nicht lebendig, sondern eben gestorben wie jeder Mensch. Aber wie konnte sich das alles an diesen Menschen anranken?
- Paulus war der Grund. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er Christen verfolgt hatte – dann wurde er aufgrund seines schlechten Gewissens Christ, so eine Deutung.
- Der Mythos rankte sich an diesen Menschen an – doch warum gerade an Jesus von Nazareth, wenn er doch keine wirkliche Relevanz besaß?
- Und so gibt es unterschiedliche Antworten:
- Jesus war ein Betrüger, der Menschen die Augen vernebelte (schamanistische Kräfte, Drogen),
- die Jünger waren Betrüger, weil sie Arbeitsscheu waren, recht behalten wollten mit ihrem Messias,
- die Jünger waren psychisch labil und haben sich selbst irgendwie psychisch wieder aufgepäppelt – womöglich war es Maria von Magdala, Petrus…
- Jesus war gar nicht gestorben – was die Jünger nicht gemerkt hatten – und glaubten, er sei auferstanden, und dadurch, dass er nach Kaschmir ausgewandert ist, hörten die Jesus-Erscheinungen auf, was die Jünger aber irgendwie alles nicht bemerkt haben… – kurz: viele Theorien gehen von einer unermesslichen Beschränktheit der Jünger aus.
- Es gibt eine sehr große Menge an Versuchen (ein paar habe ich in meinem Buch: … und noch ein Jesus dargestellt, bzw. auch in meinem Buch: Wie Jesus zum Arier gemacht wurde) Jesus zu destruieren. Hierzu ist im Wesentlichen zu sagen: Man kann viel Herumspekulieren. Doch die Frage steht immer am Ausgangspunkt: Warum sollte sich all das an den Menschen Jesus von Nazareth anranken? Die Antwort wird immer lauten: weil er aus der Perspektive seiner Anhänger etwas Besonderes war/ist. Das aus meiner Perspektive einzige Argument gegen den historischen Jesus wäre: Jesus ist ein literarisches Produkt. Aber. Das lässt sich in keiner Hinsicht nachweisen. Im Gegenteil, wie am Markusevangelium zu sehen ist, greift er Besonderheiten der Jesusüberlieferungen der jeweiligen von ihm bereisten Ortschaften auf. Das heißt: Auch diese Kritiken müssen sich einer historischen Kritik unterziehen lassen.
Kurz zusammengefasst:
Heute ist man weniger skeptisch mit Blick auf Jesus, sondern ist vielmehr skeptisch mit Blick auf die Jesus-Forschung. Nicht dass die Methoden übergangen werden.
Sie werden neu beurteilt und eingeordnet – eben auch als Teil der Forschungsgeschichte, die ja nie endet.
Es wird weniger „ideologisch“ darüber gestritten, ob Jesus existierte, ob er eine Erfindung der Kirche / der frühen Gemeinde ist usw., sondern es geht heute eher um die Frage:
Was war dieser Jesus aus Nazareth für ein Mensch, an dem sich Menschen erinnerten, der sie dazu führte, eine weltweite Bewegung auszulösen.
10. Mein Ansatz
All das wird auf den folgenden Seiten entfaltet. Was wissen wir von Jesus Christus?
10.1 Biografie
Es gibt immer wieder versuche, das, was wir von Jesus Christus wissen, zu minimieren. Dabei wissen wir eine ganze Menge, auch wenn wir erst einmal nur die historisch-kritische Exegese beachten.
Wir wissen von seinen jüdischen Eltern (Maria und Josef), seinen Geschwistern (Jakobus, Joses, Judas, Simon – die Schwestern werden nicht mit Namen genannt) – es war eine große Familie, der Vater dürfte vor seinem öffentlichen Auftreten verstorben gewesen sein. Wir wissen wo er geboren wurde (Nazareth) und wo er gestorben ist (Jerusalem). Wir wissen ungefähr das Jahr seiner Geburt (7-4v.Chr.) – als Augustus in Rom und sein Vasall Herodes in Jerusalem herrschte – und ungefähr das Jahr seines Todes (30 / 33 n.Chr.). Wie er gestorben ist, das wissen wir auch: Durch politische Hinrichtung am Kreuz, an der ein Präfekt / Statthalter beteiligt war, der 26-36 regierte und Pontius Pilatus hieß. Jesus war von Beruf Zimmermann wie sein Vater Zimmermann war (die Frage ist nur – wie der Holzberuf konkret aussah). Das ist für antike Verhältnisse nicht wenig. Diese historischen Bezüge kennen wir alle aus den neutestamentlichen Schriften, es ist also nichts eingelesen worden.
Wir müssen also unterscheiden: Es gibt ganz genau historische Angaben – und es gibt Angaben, die wir heute nicht verifizieren können bzw. auch solche, die wir als falsch ansehen müssen, weil sie zum Beispiel nicht ganz passen, also nachträglich nicht ganz korrekt rekonstruiert wurden. Google bzw. Wikipedia gab es damals noch nicht – so dass man schnell nachschauen konnte: Wann fand zum Beispiel die Steuerschätzung statt? Überwiegend wird das Jahr 6 n.Chr. angenommen (wenn es denn nicht die langgezogene „weltweite“ Schätzung war, die vor Christus begonnen worden sein soll. Oder wenn Jesus 6 n. geboren worden sein sollte, dann ist der Bezug zu Herodes dem Großen nicht korrekt, der 4 vor Christus starb. Wir finden also Angaben, die heute eindeutig historisch eingeordnet werden können und Angaben, die wir nicht präzise bestimmen können. Und das trifft auch auf das gesamte Leben Jesu zu. Das ist nun die Aufgabe der historisch-kritisch Arbeitenden, das jeweils zu diskutieren – und wenn neue Funde usw. hinzukommen, neu einzuordnen.
Dann kam dieser Zimmermann nach Kapernaum. Warum gerade Kapernaum? Denkbar ist: Jesus von Nazareth – jetzt stelle ich ein wenig meine Recherchen dar – ging als Zimmermann nach Tiberias, das ab dem Jahr 17 n.Chr. gerade aufgebaut wurde. Weil er als Zimmermann tätig war, gab es also dort Arbeit – und der Mitte 20 jährige – wohnte in Kapernaum, nicht weit weg von der Baustelle Tiberias.
Dann gibt es eine zeitliche Lücke von ca. 10 Jahren. Dann: Der junge Mann aus Galiläa hörte von einem Johannes, der in Judäa / Peräa taufte (26/27). Ein apokalyptischer Prediger, der das Volk dahin bringen wollte, sich wieder dem Gesetz Gottes zuzuwenden und das Kommen eines von Gott Gesandten angekündigt hat. Jesus selbst wurde also von ihm angezogen, ließ sich von ihm taufen. Diese Taufe mag für ihn ein Schlüsselerlebnis gewesen sein. Herodes Antipas – so der Herrscher – ließ Johannes ca. 28 / 29 hinrichten. Jesus begann wohl direkt nach seiner Taufe zu wirken – und zwar in einem anderen Sinn als Johannes der Täufer. Beiden gemeinsam ist die Ankündigung der nahen Gottesherrschaft. Beiden gemeinsam ist, dass man sich entsprechend der Gottesherrschaft sozial verhalten solle. Dieses soziale Verhalten zu leben und zu verkünden, das war dann der Mittelpunkt der Wirksamkeit des Jesus von Nazareth. Die Frage, die heute intensiv gestellt wird ist die: Jesus war Jude seiner Zeit. Das Judentum ist keine starre Größe, sondern bestand auch damals aus einer großen Bandbreite an Strömungen. In welcher ist Jesus einzuordnen? Aus welchen hat er seine Botschaft zusammengestellt?
10.2 Lehre
In seiner Lehre verwendete er prägnante Bildworte, er verwendete Gleichnisse, in denen er den Menschen verdeutlichen wollte, was er glaubte. Im Zentrum stand jedoch nicht das Gericht, im Zentrum stand die Vergebung – und zwar unabhängig vom Tempel. Das Gericht Gottes war im Denken vorhanden – es war ein drohender Unterton, aber das Bedeutsame war, dass er einen anderen Lehr-Weg beschritt. Nicht drohen, sondern im Namen Gottes einzuladen. Dazu war er – anders als Johannes – ein sehr geselliger Mensch, der sich einfach bei anderen Menschen eingeladen hat – und zwar nicht allein, sondern mit einer Schar von 12 Männern, die er auswählte – was damals unüblich war.
10.3 Wunder
Neben seiner Lehre hat er das getan, was aus seiner Sicht dem Reich Gottes entsprach: Menschen leben ein angenehmes Leben, befreit von Krankheiten und von Mächten. Dass Jesus in den Augen seiner Zeitgenossen heilen konnte, das ist unbestritten – auch dass er geheilt hat. Die Frage ist nur: Welche Berichte gehen auf Taten von ihm zurück, welche haben sich an ihm angerankt. Und da kann man eine ganze Menge erkennen, wenn man sie detailliert untersucht. So kann man erkennen, dass die Wunder im Sinne der damaligen Zeit erzählt wurden (Gattung), aber auch spezifische Neuerungen hatten, z.B. Thema Vergebung, Sabbat und: Glauben. Glauben ist die Beharrlichkeit, auf dem Weg zur Heilung zu Jesus Hindernisse zu überwinden. In seiner Zeit war auch nicht die Frage, ob er Menschen, die in der Gewalt von Dämonen war, befreite. Die Frage war nur: Wie macht er das. Das wissen wir heute auch nicht. Heute wird als plausibelste Antwort das gegeben, was die Psychologie erarbeitet hat. Er hatte – und das ist auch schon großartig –, die Fähigkeit, den Menschen so zu begegnen, dass sie psychisch befreit, gesund wurden. Und wie ist es mit den Naturwundern? Die Naturwunder werden schon von den Evangelisten schillernd als Wunder und „Gleichnis“ verstanden. Sie weisen auf etwas hin. Das Weinwunder zum Beispiel weist auf das Abendmahl (meine Stunde ist noch nicht gekommen).
Ich kann hier nicht alles detailliert darlegen – aber man weiß sehr viel und zwar mit Hilfe von Methoden, die die historisch-kritische Exegese samt der anderen Geschichtswissenschaften herausgearbeitet haben.
10.4 Selbstbewusstsein
Historisch-kritisch wurde herausgearbeitet, dass er sich selbst nur den Hoheitstitel „Menschensohn“ gegeben hat – wenn er die Bezeichnung denn als Hoheitstitel verwendet hat –, wobei manche fragen, ob er sich selbst meint oder einen anderen als kommenden Menschensohn erwartete. Was auch immer war: Er hatte ein immenses Selbstbewusstsein, das in der Formulierung deutlich wird: Ich aber sage euch…, aber auch darin, dass er Menschen vom Opfer / Tempel löste (Vergebung), dass er das Thema rein-unrein anders verstand (ein Unreiner macht keinen Reinen unrein, sondern er als Reiner macht den Unreinen rein). Das hatte Auswirkungen auf den Umgang mit Aussätzigen (Leprösen?) und mit Frauen, ebenso mit solchen, die als Gesetzesübertreter angesehen wurden. Diese Menschen nun, die sich von ihm angesprochen fühlten, die hat er dann zusammengeführt zur Familie der Kinder Gottes. Diese sollten sich so verhalten, wie es Gott – aus seiner Sicht verlangt: zum Beispiel teilen. Aber nicht nur Geld teilen, sondern: Gefangene besuchen, Obdach geben, Kleidung und Nahrung geben… – weil Gott sich mit ihnen sagen wir es modern „solidarisiert“.
10.5 Auseinandersetzungen
Das führte alles zu heftigen Auseinandersetzungen mit der religiösen Elite und deren Vertreter bzw. mit Konkurrenzströmungen, sodass er wohl zweimal floh, einmal nach Tyrus / Sidon, dann nach Caesarea Philippi. Und hier hat er dann aufgrund eines Erlebnisses gemerkt, er muss einen anderen Weg gehen, kehrte um und ging nach Jerusalem. Und jeder wache Mensch seiner Zeit konnte ahnen, dass es aufgrund der Auseinandersetzungen kein ruhiger Ausflug nach Jerusalem sein wird. Von daher sind Leidensweissagungen wie auch immer sie gelautet haben mögen, sehr wahrscheinlich. In Jerusalem gab es dann Auseinandersetzungen, in deren Zuge er hingerichtet worden ist.
10.6 Auferstehung
Nun geschah etwas, das die Jünger selbst nicht kapierten – und was historisch-kritische Exegese nicht eruieren kann. Sie kann nur sehen: Es musste etwas geschehen sein, das die Nachfolgerinnen und Nachfolger als außergewöhnlich angesehen habe. Sie nannten es „Auferstehung“. Und sie ringen um Worte, dieses Außergewöhnliche darzustellen. Historisch-kritisch ist natürlich nicht die Auferstehung zu beweisen, denn die kann es nicht geben (das ist die Voraussetzung, die man in der historisch-kritischen Exegese macht: Es kann nur etwas geschehen sein, das auch Parallelen hat, was im Erfahrungsbereich der Menschen liegt, das im Experiment wiederholbar ist. Und das alles ist die Auferstehung nicht) also kann man nur die Folgen dieses Ereignisses sehen. Was historisch-kritisch aber auffällig ist: Eine Frau, die als Zeugin in der damaligen Zeit nicht besonders hoch angesehen war, ist Erstzeugin. Hätte man das alles erfunden, hätte man Männer genommen. Was nun also stattgefunden haben kann, das wird vielfältig diskutiert, bis dahin, er sei gar nicht am Kreuz gestorben, sondern später – Jesu Grab liege in Kaschmir.
10.7 Folgen der Auferstehungserfahrung
Das Wesentliche ist, dass diese Erfahrung auch die Berichterstattung über Jesus veränderte. Die Anhänger konnten Jesus nicht mehr allein als Menschen, den sie kannten sehen, sondern eben: Der Mensch Jesus war durchleuchtet von dieser Erfahrung der Auferstehung. Das prägt nun auch die neutestamentlichen Berichte, prägt Paulus usw. Entsprechend finden wir dann sehr viel über Jesus, den Christus – bis dahin, dass er bis in die Gegenwart hinein wirksam ist. Nicht nur wirksam über seine Texte (NT) – sondern auch als Macht (Geist Gottes). Und diese neutestamentlichen Berichte werden – zum Glück für die historisch-kritische Exegese – nicht vereinheitlicht, sondern in vierfacher Form sogar kanonisiert.
Dieser Jesus von Nazareth prägt auch den Umgang mit den Worten des AT. Jesus stand in der alttestamentlichen Tradition – besser: In der Tradition seines Volkes – und hat aber daraus bestimmte Ansichten übernommen, andere hat er abgelehnt. So gibt es im AT verschiedene Strömungen, was den Umgang mit Nichtjuden betrifft. Engere und weitere. Jesus wusste sich seinem Volk verbunden – hat aber diese enge Sicht immer wieder durchbrochen (Barmherziger Samariter, Umgang mit Heiden). Was er vom Opfer hielt, wissen wir weniger. Zu vermuten ist: Er hat es nicht abgelehnt – aber er hat es auch nicht betont. Das FeindesliebeGebot ist sicher seine Sichtweise. Und das stimmt eben nicht, dass er es nur auf sein Volk bezogen hat, sondern er hat es ausgeweitet: Jeder, der einen Feind hat, soll ihn lieben – wobei Lieben keine Euphorisierung der Emotion ist (kann man ja auch nicht befehlen), sondern bedeutet: Ihm Gutes tun. Die Goldene Regel in ihrer positiven Form begegnet nur in der JesusÜberlieferung. Oder er war gegen Erniedrigungen anderer (gegen Beschimpfungen, gegen Erniedrigungen von Frauen) – und hat das auch mit harschen Worten deutlich gemacht. (Man darf auch bei Jesus die Rhetorik nicht übersehen – allerdings nicht die saubere, lehrschulenhafte Anwendung aristotelischer ciceronischer Rhetorik.) An manchen Stellen wird dann deutlich, dass die Wirkung dieser Worte auch auf die frühe Gemeinde ausgestrahlt hat: Grenzen überschreiten, Menschlichkeit, Vergebung… – es gab Auseinandersetzungen zwischen den (christlich) jüdischen Traditionalisten und denen, die Jesu Worte intensiviert haben. Jesus war nicht gesetzlich. Er forderte das Teilen – aber er hat zum Beispiel auch der Frau Recht gegeben, gegenüber den Anklägern, die für ihn viel Geld ausgegeben hatte – was seine Anhänger als Verschwendung angesehen haben. Was ich bei Jesus auch bemerkenswert finde: Er hat den Menschen, mit dem er es zu tun hatte, nicht nur als ein Teil des Volkes gesehen, sondern als Individuum, als Person. Was er auch gefördert hat: Das Wort „Menschen-Würde“ gab es noch nicht. Aber er hat durch Worte und Taten gezeigt, was es bedeutet, dass Menschen Würde haben.
Von hier aus gesehen ist Jesus für mich Maßstab. Menschlichkeit, gegen Gesetzlichkeit, Grenzen überwindend, Hindernisse überwindend, vergebend… – und das schließt vieles aus: Rassismus, Nationalismus, Todesstrafe (wegen Vergebung, Ermöglichung von Neuanfang)… Da er aber nicht gesetzlich war und auch im Grunde nur ein paar Maßstäbe, die es jedoch in sich haben, überliefert hat, wie das Leben nach Gottes Willen aussehen könnte, gibt es in der Gemeinde eben Diskussionen. Er selbst hat ja auch Diskussionen nicht gescheut.
10.8 Jesus-Kritik
Man kann Jesus kritisieren, man kann die Überlieferung kritisieren. Man kann die Christen weltweit und durch die Jahrhunderte kritisieren. Und das tun wir ja auch. Jesus hätte in dem einen Jahr (bzw. drei Jahren seines Wirkens) (!), die Sklaverei abschaffen sollen, er hätte, das waren die Erwartungen zu seiner Zeit: die Römer aus dem Land jagen sollen, er hätte das alttestamentliche Gesetz wieder zur Geltung bringen sollen, er hätte eine gerechte Herrschaft der Jünger als gerechte Könige aufbauen sollen… – der Wünsche durch die Jahrtausende gibt es kein Ende. Aber warum ist gerade dieser Jesus Christus so geschichtsmächtig geworden? Manche sagen: Wegen Paulus. Aber das ist dann wieder ein anderes Thema. Ich vermute: Er hat den Menschen etwas gegeben, wonach sie gesucht haben. Und wenn wir die Bergpredigt ansehen und sein Wirken, dann kann wohl kaum einer umhin kommen und sagen: Ja, wenn wir so leben würden, ohne Erniedrigungen, ohne Heucheleien, vergebend, einander annehmend – das wäre doch was. Dann wären wir schon viel weiter gekommen in der Welt. Und wenn man an ihn als Christus glaubt, dann hat er seine Hand weiterhin im Spiel der Geschichte.
Jetzt kann man freilich auch ein Gegenbild Jesu zeichnen. Die Texte, die dazu verwendet werden, müssen dann freilich genau untersucht werden. Da wären die Höllentexte, die man betrachten müsste und auch von der jeweiligen Redaktion lösen müsste (z.B. Matthäus liebt das Wort Heulen und Zähneklappern – ist das jesuanisch oder redaktionell? Paradebeispiel ist die Syrophönizierin-Geschichte, die Naherwartung – die jesuanisch ist, jeder wird so seine negativen Lieblingstexte haben, wie zum Beispiel das Schwertwort oder die Tempelaustreibung. Das Gleichnis von den 10 Brautjungfern, Jesu Umgang mit Maria… Es gibt unverständliche Texte, weil die Kontexte fehlen, usw. usw. Die Frage ist: Sind sie so dominant, dass sie das oben gezeichnete Bild umwerfen oder müssen sie in das gezeichnete Bild hineingewoben werden.
Literatur
Es gibt viele Werke von Theologinnen und Theologen, wie oben zu sehen, zu Jesus Christus. Es erscheinen ständig neue Überblicke, ausführliche Darlegungen. Hinweisen möchte ich nur auf das gut lesbare Buch von Jens Schröter: Jesus von Nazareth. Jude aus Galiläa – Retter der Welt, Leipzig 2017, Biblische Gestalten 15. Und: Jens Schröter: Jesus. Leben und Wirkung, C.H. Beck Verlag 2020.