Philanthropie und Nächstenliebe

1. Philanthropie

Nächstenliebe ist ein spezifisch jüdisch-christliches Konzept, was nicht heißen soll, dass es praktizierte Mitmenschlichkeit nicht auch sonst gegeben hat. In der griechisch-römischen Antike gab es freilich ein ähnliches Verhalten, eine ähnliche Forderung: Philanthropie genannt. Der Philanthrop ist ein: „Menschenfreund“. Die Philanthropie bezeichnete zunächst die wohlwollende, anständige Zuwendung der Elite zu den Massenmenschen. Menschenfreundlich waren vor allem, so dachten die Athener, die Athener. Alle anderen waren eher Barbaren. Es war also eine ausschließende Menschenfreundlichkeit.

Das wandelte sich dann und man meinte, dass alle Menschen menschenfreundlich sein können. Dieser Meinung war vor allem der Philosoph Seneca (4 vor Christus bis 65 n.Chr.) und dann der historische Schriftsteller Plutarch (45-127n.Chr.). Beide waren Stoiker, denen es auf die Geisteshaltung ankam, nicht auf konkrete gesellschaftliche Änderungen. Was nicht negativ gemeint sein soll, denn es dauert immer lange Zeit, bis ein guter Ansatz realisiert wird.

Philanthropie hatte überwiegend im Hintergrund: Durch Wohltaten, die man anderen gibt, bekommt man unterschiedlichste Arten von Anerkennung und Gefolgschaften und Stimmen bei Wahlen (Klientel-Patronat) usw. So konnten selbst die Stiftungen von (grausamen) Zirkusspielen (Kolosseum) als solche Wohltat / Philanthropie angesehen werden. Es ging in der Philanthropie auch darum, den gesellschaftlichen Zusammenhalt einer Stadt zu fördern, es ging um die Zuwendung zu Menschen, die unverschuldet in Armut geraten sind und nicht um die Zuwendung zu Armen, Notleidenden insgesamt, es ging nicht darum, deren Situation zu ändern.

2. Nächstenliebe

Nächstenliebe, griechisch „Agape“ / latein „Caritas“ wie sie Jesus aufgrund seiner jüdischen Tradition prägte, hat eine andere Intention. Es geht hier nicht von oben nach unten, sondern jeder Mensch hat die Aufgabe, sich für den anderen einzusetzen (ihm zu dienen). Somit geht die Hilfe nicht von oben nach unten, sondern findet auch auf gleicher Ebene statt. Es geht auch nicht nur um Wohltaten, sondern um Nothilfe, die allen gilt, und nicht nur den Menschen der eigenen Stadt, der eigenen Familie usw., es geht auch nicht nur um unverschuldet Verarmte, sondern um alle.

Die Motivation ist nicht, dass man Lohn und Anerkennung bekommt, Klientel-Macht, sondern es geht um den Mitmenschen, dem man sich im Auftrag Gottes zuwenden muss, weil Gott in ihm anwesend ist (Mt 25,31ff.).

Dank bekommt man von Gott – und erwartet diesen nicht von Menschen. Aber: Mt 25,31ff. spricht Jesus davon, dass nicht nur Menschen mit einem bestimmten Glaubensbekenntnis voller Mitleid anderen zugewandt sind, sondern alle, die sich so verhalten, werden von Gott anerkannt.

„Vorbild“ dieser Liebe ist Gott selbst, der sich Menschen zuwendet und für den Menschen in Jesus Christus aus Liebe gestorben ist. Mt 25,31 und anderen Texten intendiert die alttestamentliche Begründung: Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes, hat Würde von Gott bekommen. Entsprechend ist er auch als Ebenbild Gottes zu behandeln. Das wird von Jesus präzisiert: Was ein Mensch dem anderen tut, wird Gott angetan, da Gott im anderen ist.

Weil Agape und Philanthropie so unterschiedlich sind, haben Christen des Westens diese beiden Konzepte auch getrennt und nicht zusammen geführt.

3. Zusammenwachsen von Philanthropie und Nächstenliebe

Die Philanthropie und die Agape wuchsen dann jedoch zusammen – deutlich im 3.-4. Jahrhundert nach Christus. So wurde die Philanthropie mit Frömmigkeit verbunden (durch den Christenkritiker und Neuplatoniker Porphyrius: ca. 233-301), sodass der Philosoph und Redner Themistios (317-387) sagen konnte, Gott ist als mächtigstes Wesen der größte Menschenfreund (mit Blick auf den Kaiser, der entsprechend menschenfreundlich sein soll wie Gott). Das heißt, die christliche Botschaft, dass Gott den Menschen liebt und der Mensch diese Liebe weitergeben soll, wurde heidnisch aufgegriffen und uminterpretiert. Entsprechend sollte dann unter dem Kaiser Julian (Herrschaft 360-363), der die alte römische Frömmigkeit wieder einführen und das Christentum zurückdrängen wollte, eine christlich veränderte Definition von Philanthropie die Agape ersetzen. Philanthropie im alten Sinn konnte nicht mehr wiederbelebt werden. Die christliche Intention hatte diese schon zu sehr umgeprägt. Zudem hatte Kaiser Julian nur eine kurze Amtszeit, sodass Christen Nächstenliebe in ihrem Sinn weiterführen konnten. Mancherorts allerdings wurde dann Nächstenliebe immer wieder durch Philanthropie ersetzt – was man bis heute erkennen kann.

Aber auch die Philanthropie beeinflusste die Nächstenliebe: Die ersten Krankenhäuser wurden von Christen entwickelt. Diese wurden von reichen Christen unterstützt. Hieran kann man vielleicht die Mischung von Nächstenliebe und Philanthropie erkennen: Nächstenliebe – es geht um die durch Gott veränderte Gesinnung, die den Menschen dazu bringt, sich anderen zuzuwenden, ihnen zu dienen. Philanthropie – es ging darum, dass die soziale Elite andere unterstützen muss. Die Gemeinden haben auf diese Weise Armenspeisungen finanziert, Schulen, Aufnahme von Findelkindern… Wir sehen freilich schon in der Apostelgeschichte und in Briefen des Apostels Paulus, dass die frühesten Gemeinden schon organisatorisch tätig waren.

Diese Basis wurde dann, weiter entwickelt, vom Staat übernommen und führte dann zu unserem Sozialsystem.

4. Bedeutung der christlich verstandenen Liebe und Hilfe für andere

Männer und Frauen heiraten einander. Das aus unterschiedlichsten Gründen. In der Antike war es üblich, dass die Familienoberhäupter die jeweiligen jungen Menschen zusammenführten.

Das hatte zur Folge, dass es manchmal in der Ehe klappte, manchmal nicht. Das System war patriarchalisch ausgerichtet, das heißt, die Frau gehörte dem Mann. Der Mann kann sein sexuelles Leben auch außerhalb der Ehe regeln, Ehe diente im Wesentlichen dem Erhalt der vom Mann / der Familie gewünschten Nachkommenschaft bzw. auch höherer Ebene der Mehrung des Besitzes. Für die Frau war das freie Leben normalerweise nicht möglich. Allerdings muss man unterscheiden: Oberschicht – Unterschicht und die jeweiligen Regionen.

Nun kommt der christliche Glaube ins Spiel:

So heißt es im Epheserbrief 5,21ff.: Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi.

  1. Ihr Frauen ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist – er hat sie als seinen Leib gerettet. …
  2. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Gemeinde geliebt hat und hat sich für sie dahingegeben, um sie zu heiligen… So sollen die Männer ihre Frauen lieben, lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst…

Solche Aussagen gehören zu den sogenannten Haustafeln. In ihnen wird die Hierarchie der Gesellschaft festgeschrieben. Wir finden hier diese Gattung aufgegriffen, aber aus christlichem Geist heraus verändert. Das patriarchalische System wird unterlaufen – gleichzeitig aufrechterhalten. Aber die Liebe bekommt nun einen anderen Stellenwert. Die Partnerschaft bekommt eine neue Bedeutung. Die Konzentration beider Ehepartner aufeinander und die Unterordnung untereinander – allerdings im Rahmen der patriarchalischen Gesellschaft. Aber die patriarchalische Gesellschaft bleibt nicht mehr wie sie war, auch wenn sie in den späteren Jahrhunderten weiterhin den Text aus der patriarchalischen Perspektive ausgelegt hat und sich entsprechend auf die Unterordnung der Frau konzentriert hat. Der Mensch konstruiert, wie so oft, aus dem göttlichen Anspruch, sich einander unterzuordnen, neue Herrschaftsstrukturen.

Auch daran sieht man die ständige Auseinandersetzung zwischen Gott und Mensch: Gott will den Menschen in eine mitmenschliche Richtung lenken – aber der Mensch lässt das immer wieder ins Leere laufen (vgl. Frieden, Sklaverei…). Der Kolosserbrief (Kapitel 3) gibt den Text, den wir im Epheserbrief vorfinden, in einer kürzeren Version wieder mit Blick auf Unterordnung der Frau und dem angemessenen Verhalten des Mannes ihr gegenüber. Das ist kein Rückfall, denn man muss diese kurzen Aussagen in den gesamten Kontext einordnen. (Siehe Kolosserbrief Kapitel 3.)

Und es geht weiter: Dieses liebende Ehepaar soll sich um andere Menschen kümmern – also die Nächstenliebe im Rahmen der christlichen Gemeinde leben. Sie üben das ein, das sich einander unterordnen, was Prinzip der gesamten Gemeinde sein soll. Und wenn der Ehepartner gestorben ist, dann ist das soziale Engagement nicht vorbei. So sind in den Briefen, die Paulus zugeschrieben werden, vor allem Witwen diejenigen, die im Mittelpunkt des Dienens stehen. Auch die Gemeindeleiter. Sie sind für das Wohlergehen anderer Gemeindeglieder mit verantwortlich. Die Gemeinde wird zur neuen Familie.

Das war auch das Idealbild im 16.-19. Jahrhundert. Pfarrer und ihre Frauen sorgten sich im Dorf, wenn sie gut waren, um die Menschen ihrer Gemeinde. Weil die Menge der Aufgaben durch das Bevölkerungswachstum und das Massenelend den Einzelnen Helfer und auch die Dorf- / Stadtgemeinde überstieg, wurden eben Diakonie und Caritas gegründet. Aus der individuellen Nächstenliebe wurde organisierte, funktionalisierte Nächstenliebe. Das löste sich dann von „Liebe“ und diente dazu, den Menschen in die Gesellschaft einzugliedern, damit er ein produktives Wesen werden / bleiben kann. Das heißt Caritas und Agape werden zur Sozialarbeit, abhängig von Paragraphen und Budget. Aus Nächstenliebe wurde „Rechtsanspruch“. Das soll nicht heißen, dass die einzelnen Menschen, die sich um andere kümmern, heute nicht vom Geist der Caritas und Agape bestimmt sind. (1)

5. Zusammenführung der Themen: Dienen

Die christliche Nächstenliebe hat mit dem Wort „dienen“ zu tun. So ist auch das Wort „sich einander unterordnen“ zu verstehen. Menschen werden Diener des anderen. Nicht Sklaven. Sklaven werden untergeordnet, sie haben keine eigene Freiheit, ihr Verhalten selbst zu bestimmen. Maßstab für das Dienen ist Jesus selbst, der sich in Freiheit und als Herr dazu entschieden hat, eine Sklavenarbeit zu verrichten: er hat den Jüngern die Füße gewaschen. Auch sein Leben bis hin zur Kreuzigung wird als ein Dienen zur Rettung der Menschen verstanden.

Martin Luther hat die Spannung in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (1520) sehr gut formuliert: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan“ – „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Der Philanthrop „dient“ nicht. Er ist der Gönner. Er steht auf einer höheren Stufe. Er hat das Geld, das Ansehen, die Macht, er bestimmt. Er wird bewundert. Vor dieser Haltung sind auch Christen nicht gefeit. Sie vergessen, dass sie dienen sollen. Nicht von oben herab, einfach für andere da sein, weil Gott in Christus für andere da ist. Andererseits gibt es Christen, die sich nur unterordnen, weil sie meinen, das sei richtiges Dienen. Und: Es gibt Nichtchristen, die, wenn sie von Christen etwas wollen, sagen: Das ist deine Aufgabe als Christ, dies und das zu machen, mir zu helfen usw. Der Christ wird mit „Nächstenliebe“ moralisch erpresst.

Daher ist es wichtig, beide Aussagen möglichst gut miteinander auszuwägen. Der Christ gehört nur Gott – ist also Herr und niemandem untertan. Gleichzeitig aber im Auftrag Gottes (!) Diener. Dienen ist souveränes Handeln, weil der Geist Gottes das Fühlen und Denken bestimmt: Gott liebt mich – er befreit mich – zum handeln.

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(1)

Die islamische Form, die Spende („Zakat“) ist nicht als Nächstenliebe anzusehen. Sie ist eine religiöse Forderung (ähnlich dem 10. der bei Juden und Christen gegeben werden sollen). Sie ist auch nicht als Philanthropie zu bezeichnen, da sie dem Individuum keine Ehre und Vorteile geben sollte. Sie ist im Grunde „Steuer“, 2,5% des überschüssigen Vermögens. Anders als die uns bekannte Steuer ist es jedoch ein religiöser Akt, der dient dazu, den sozialen Frieden zu sichern.

Auch im Buddhismus gibt es das Tun des Guten, um gutes Karma zu bekommen – Ziel ist es, selbstlos aus Mitleid geben zu können.

Im Hinduismus gibt es die Pflicht der eigenen Kaste Gutes zu tun, eben in diesem Rahmen auch Schwache zu unterstützen und Gastfreundschaft zu üben.

Im Konfuzianismus kümmert sich der edle Mensch auch um Schwache, um in der Gesellschaft Harmonie herzustellen. Die Gesellschaft ist im Grunde eine hierarchisch strukturierte Familie. So haben die Höherstehenden die Pflicht, sich um die Untenstehenden zu kümmern, und ebenso haben die Untenstehenden die Pflicht, respektvoll mit den Oberen / Älteren umzugehen, eben auch für sie zu sorgen.