Jesus Christus / Jeschua ha-Meschiach – Christologie
Im folgenden Kapitel sei ein grober Überblick über Aussagen über Jesus Christus gegeben und seine Bedeutung für die Menschen. In den jeweiligen Glaubenden überschneiden sich vielfach die unterschiedlichen Vorstellungen. Das Folgende zeigt nur an, dass es verschiedene Strömungen gibt und gab.
Im Abschnitt 6 werden zwei Themen intensiver dargelegt. Der Grund: Sie bestimmen heute weite Teile der Christenheit, wobei die traditionelle Sicht soweit ich das beobachte, immer noch am weitesten vertreten wird:
Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch, Gottes Sohn,
für mich gestorben zur Vergebung der Sünden,
auferstanden, damit ich ewiges Leben bekomme, also ewig bei ihm Leben kann.
Dazu gehört nicht nur das „Ich“, das Jesus „für mich“ viel getan hat,
sondern es gehört auch sein Tun für die Gemeinschaft der Kirche, der Gemeinde,
der – wie Christen auch sagen – Schwestern und Brüder in Christus.
Er ist zu allen Zeiten durch seinen Geist wirksam.
Die Basis sind die biblische Botschaft, die Verkündigung, die Sakramente wie sie der Geist Gottes erschließt.
1. Jesus Christus und frühe christologische Ansätze
Der Mensch Jesus hatte gewirkt, er wurde hingerichtet – er wurde als einer erfahren, der auferweckt wurde. Das führte dazu, dass man über das Verhältnis von Jesus von Nazareth zu Gott nachdachte. Denn es ist undenkbar, dass ein ganz normaler Mensch erfahrbar und vielen sichtbar von den Toten aufersteht. Die Frage nach der andauernden Bedeutung des auferstandenen Jesus wird Christologie genannt: die Lehre über Jesus den Christus.
2. Implizite Christologie (vor Ostern)
Jesus sagte nicht: Ich bin der Messias usw., sondern man erkannte nach Ostern, dass er indirekt zeigte, dass er der Messias war/ist. Das bedeutet: Während seines Lebens war die wahre Bedeutung Jesu verborgen. Aber diejenigen, die ihm nachfolgten, die ihn bewunderten, spürten in ihm eine Größe, die sie be-Geist-erte. Jesus verwandte für sich vermutlich nur den doppeldeutigen Hoheitstitel „Menschensohn“. Dieser kann einmal interpretiert werden als „Mensch“, zum anderen aber aus der jüdischen Tradition als der von Gott gesandte besondere Mensch. Die Frage stellt sich, ob Jesus mit „Menschensohn“ sich selbst meinte oder einen erwartet hat. Deutet die Tafel am Kreuz „INRI“ (Jesus von Nazareth, König der Juden – Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum) darauf hin, dass seine Anhänger messianische Erwartungen mit ihm verbunden haben? Die Inschrift diente somit der Verspottung.
3. Explizite Christologie (nach Ostern konnte man Jesus eindeutig als Messias wahrnehmen)
Das Wirken des Geistes Jesu, der Kraft und Mut in Menschen hervorrief, Gutes zu tun, erstaunte, war äußerst innovativ: „Die Sache Jesu geht weiter“ (Willy Marxsen). Und so kam es, dass man sich nach Jesu Auferstehung der Worte und Taten Jesu erinnerte, und man erkannte in ihm Besonderes. In den Evangelien wird dieses Besondere noch erkennbar in der Erfahrung Jesu bei der Taufe, es wird erkennbar in der Aussage, dass Jesus „mit Vollmacht“ sprach, dass er es wagte, eigenständig zu alttestamentlichen und traditionellen Sachverhalten Stellung zu nehmen: Ich aber sage Euch…, heißt es im Matthäusevangelium; zudem wurden seine Wundertaten aus dieser Perspektive der Auferstehung gedeutet. Gott hat sich durch die Auferweckung zu Jesus bekannt, ihn legitimiert.
Entsprechend wurden Jesus Hoheitstitel zugelegt, um seine Nähe zu Gott darzulegen:
Er wurde als Sohn Gottes erkannt, womit auch eine jüdische Sicht aufgegriffen wurde: Ein von Gott erwählter König konnte als Sohn Gottes bezeichnet werden. Jesus war zwar kein normaler König – aber eben Sohn Gottes. Aufgrund seiner Auferstehung war Jesu andauernde Existenz eindeutig. Und so bekannte man, dass er zur Rechten Gottes sitzt, also herrscht. Er ist somit – und als Nachkomme Davids – „König“. Der von Gott eingesetzte König ist laut alttestamentlicher Formulierungen der „Gesalbte“, auf Hebräisch der „Messias“, auf Griechisch der „Christus“. Als solcher ist er der von Gott versprochene Retter / Erlöser / Heiland. Laut Johannes-Evangelium ist Jesus der „Logos“ – das „Wort“, die alles durchdringende und erhaltende Schöpferkraft, die in Jesus Christus Mensch wurde, womit er die philosophische Tradition der Stoiker mit Genesis 1 verband. Jesus Christus wurde als der erkannt, der vor aller Schöpfung war (Präexistenz).
Im jüdisch-christlichen Glauben gibt es freilich nur einen Gott – und so musste in der Folgezeit das Verhältnis von Jesus Christus und Gott geklärt werden, was im Beitrag über die Trinität vertieft wurde und hier nicht noch einmal dargelegt werden wird.
4. Die Christologie in den folgenden Jahrhunderten
4.1. Betonung Jesu Christi als Herrscher
In den ersten Jahrhunderten des Christentums, als Jesus Christus in der heidnisch-philosophischen Welt verkündigt wurde, war diese Frage der Auferstehung interessant: Die Einheit Gottes (Antwort: Trinitätslehre), das Wesen Jesu (Wahrer Gott und wahrer Mensch). Das heißt Jesus wurde als Herrscher betont (z.B. Byzanz: Jesus als Kaiser). Der Mensch wusste sich geborgen bei diesem Herrscher, dem Hirten, Gott – und letztlich wird der Mensch nach seinem Sterben von diesem Herrscher empfangen werden (eine Art Erhöhung / “Vergottung“ / Vergöttlichung [Theosis] des Menschen findet statt). Jesus Christus rettet den Menschen in die Ewigkeit, in den Sieg über alles Negative hinein. Aber es konnte auch sein: Jesus Christus ist der Herrscher – er ist wie diese distanziert, kümmert sich nicht um die kleinen Leute. Diese Sicht wird modifiziert: Der Herrscher Jesus Christus ist auch der Mensch Jesus von Nazareth, der Gekreuzigte. Aber bevor das so war, haben sich Christen der mütterlichen Maria zugewendet oder Heiligen. Christus der Herrscher rückte immer weiter weg, Maria und Heilige kamen dem Menschen immer näher.
4.2 Betonung Jesu als Leidender
Im Mittelalter wurde immer wichtiger: Gott wurde in Jesus Christus Mensch, bis zum Tod am Kreuz. Der leidende Jesus. Das wurde in einer Zeit besonders relevant, als Menschen an Gewalttaten litten, an Epidemien, an Erniedrigungen und Krankheiten. Der Mensch wusste und spürte sich getröstet und gerettet durch die Erlösung durch Jesus Christus, der am Kreuz für den Menschen gestorben ist (z.B. Luther / Reformation). Aber auch: Jesus Christus litt, um Gott zu versöhnen, der Mensch Jesus bringt sich Gott als Opfer dar (Satisfaktion) (Anselm von Canterbury). Hier passierte Ähnliches wie in der Antike: Gott rückte immer weiter weg als Herrscher – und forderte vom Menschen Opfer. Diese Sicht wird heute nicht mehr allgemein anerkannt, da Gott selbst in Jesus Christus gehandelt hat und den Menschen versöhnen will. Nicht Gott muss versöhnt werden – der Mensch muss versöhnt werden. Gott offenbart sich im Kreuz Jesu, er offenbart sich als Leidender, ermöglicht damit solidarisches Handeln mit Leidenden (z.B. im 20. Jh.: Moltmann: Der gekreuzigte Gott).
4.3 Betonung Jesu als am Menschen Handelnder
Besonders Mystikerinnen und Mystiker (Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz), aber auch rationale Theologen (Augustinus und Thomas von Aquin) sehen, dass Jesus Christus den Menschen sucht – und wenn der Mensch sich als Gefundener wahrnimmt, gelangt er zu dem Leben, der Fülle, der Ruhe, der Stillung der Sehnsucht, die Gott ihm zugedacht hat. Bei den Mystikern steht die Vereinigung des Menschen mit Jesus Christus im Vordergrund. Es geht um die emotionale Bindung. Jesus ist als Mensch das Tor, um sich / die Seele mit Gott zu vereinen.
4.4 Betonung Jesu als Mensch (Jesulogie) (Willenseinheit)
In der Gegenwart ist seit ca. 200 Jahren im verhältnismäßig reichen Norden besonders wichtig: Wer war Jesus als Mensch. An ihm ist erkennbar, was „menschlich“ ist, was es bedeutet „wahrer Mensch“, „Urbild des Menschen“ zu sein. Gott verschwindet manchmal mehr, manchmal weniger. Er verschwindet mehr, wenn sich der säkulare Mensch, der nicht mehr an Gott zu glauben vermag, mit Jesus identifiziert (manche Sozialisten und Kommunisten waren Bewunderer Jesu, z.B. Milan Machovec). Dann handelt es sich um eine Art Jesulogie. Wenn Jesu Menschsein betont wird, dann vor allem seine hohe Moral, seine Perfektion. Seine Bedeutung liegt in der Vermittlung von Werten. Aber diese können eher abschreckend wirken: Jesus ist dann als Vorbild ungeeignet, weil er nicht mehr richtig menschlich zu sein scheint. Andererseits weisen die Geschichten darauf hin, wie menschlich er mit Menschen umgegangen ist in seiner Liebe und Vergebung, seinem Aufrichten und Leiden mit und für sie. Sie weisen darauf hin, wie er Gott erlebt und erfahren hat, wie er sich Gott vertrauensvoll zugewendet hat und damit einen Weg zur Gottesbeziehung weist, auch das Leiden durchzustehen. Es handelt sich nicht mehr um eine Wesenseinheit mit Gott, sondern um eine Willenseinheit (Troeltsch). Der Mensch Jesus ist ein Mensch der Vergangenheit, der uns aber gegenwärtig noch etwas über die Bedeutung des Menschen zu sagen hat. Die Frage, warum er gegenwärtig nicht mehr als Auferstandener / Herrscher wirksam ist, ist damit verändert beantwortet worden: Er lebt im Herzen der Menschen weiter. (Siehe unten)
4.5 Betonung der Einheit des Menschen Jesus mit Gott (Wesenseinheit)
Gott wird christologisch stärker in den Blick genommen, wenn Christen in Jesus Christus den wahren Menschen erkennen. Denn dieser kann es nur sein, wenn Gott in ihm wirkt, sich in ihm selbst offenbart (Selbstoffenbarung Gottes), es handelt sich also um eine Wesenseinheit nicht um eine Willenseinheit. Der Mensch Jesus, der der Christus ist, ist heute noch wirkmächtig. Die Frage stellt sich: Wie ist er gegenwärtig als Lebender zu erfahren? Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer ist es wichtig, dass Gott selbst in Jesus Christus Mensch wurde.
- Wäre nicht Gott selbst in Jesus Christus Mensch geworden, gäbe es keine Versöhnung des Menschen,
- gäbe es keine Vergebung, der Mensch wäre weiterhin an seine Schuld geheftet oder müsste sein Gewissen abtöten,
- es gäbe kein Leben nach dem Tod, der Mensch wäre Opfer des Todes,
- wäre die Lehre Jesu nicht bedeutender als die irgendeines Weisheitslehrers, der im Leben an den Mächtigen gescheitert ist,
- gäbe es keine wahre Freiheit, weil der Mensch immer Selbstbestätigung sucht,
- gäbe es keine Sicherheit mit Blick auf Würde, weil immer andere oder ich selbst mir die Würde absprechen können,
- wäre der Mensch in der Selbstgesetzgebung ein irrendes Wesen, das nicht weiß, was gut und böse ist,
- wäre Geschichte ziellos, damit sinnlos.
- Zudem könne man sich als Christ aussuchen, ob man das tun wolle, was Jesus lehrt oder nicht. Es gäbe also keine Nachfolge im strengen Sinn, keine notwendige Hinwendung zu den Leidenden.
- Nachfolge ist kein neues Gesetzesleben, keine eigene Motivation (wie bei Jesus als Vorbild), sie hat Teil an Jesus Christus durch den Heiligen Geist.
4.6 Betonung der Relevanz Jesu für den Menschen
- Wird Jesus Christus für einen Menschen wichtig, weil er Gott ist? (Karl Barth) Oder:
- wird Jesus Christus für einen Menschen Gott, weil er ihm als Mensch wichtig ist? (Bultmann) Oder:
- wird Jesus dem Menschen wichtig, weil der Mensch sich selbst in Jesus wiedererkennt und damit die Einheit mit Gott / der Tiefe des Seins erlebt? (Tillich). Oder:
- Menschsein gelingt, weil der Mensch in Jesus Christus die Sehnsucht nach Liebe, Hoffnung, Leben erfüllt sieht (Rahner). Oder:
- Wird Jesus dem Menschen wichtig, weil der Mensch sich in ihm selbst wiedererkennt und damit die Einheit mit sich selbst erlebt? (Alt) Oder:
- Vertritt Jesus den abwesenden Gott – ist er somit die Hoffnung, die unser Verhalten zum Menschlichen ändert? (Sölle) Oder:
- Ist Jesus Christus (als Gott?, als Idee?, als Tat?) anwesend, wenn Menschen einander Gutes tun? (Vielfach geäußerte zeitgenössische Sicht.)
4.6.1 Betonung Jesu als Erfolgscoach / CEO
Es gibt ein so genanntes Wohlstandsevangelium. Das bedeutet, dass Gemeinden Jesus Christus mit Erfolg und Reichtum verbinden. Dieses „Prosperity Gospel“ / „Health and Wealth Gospel“ hat von den USA aus auf afrikanische und asiatische Gemeinden übergegriffen: Wer an Gott glaubt, wird Reichtum, Gesundheit und Erfolg haben. Das passt zu Teilen afrikanischer / asiatischer Tradition: Geister / Götter, wenn man sie richtig anbetet, brechen den Fluch der Armut, der Krankheit. Sie kann auch mit der so genannten „Blessing Theology“ der reformierten Kirche zusammen gebracht werden. Jesus Christus ist der große CEO, der Geber des Erfolges und des Geldes. Zu dieser und ähnlichen Glaubensvorstellungen hat Kosuke Koyama ein Buch geschrieben (Das Kreuz hat keinen Handgriff, 1978), mit dem er zeigt, dass der christliche Glaube kein Instrument mit Handgriff ist, mit dem Christen einfach Gott kontrollieren und für sich nutzbar machen kann. Das Kreuz bedeutet Verwundbarkeit, Solidarität mit Leidenden.
4.6.2 Betonung Jesu als Befreier
Eine ganz andere Richtung als 4.6.1 schlägt die Theologie der Befreiung mit ihren Unterströmungen (Lateinamerikanische Befreiungstheologie, Black Liberation Theologie, Feministische Theologie) ein. Sie wachsen in Gruppen, die für Strukturen der Unterdrückung sensibel sind, selbst unter diesen leiden: ökonomisch, rassistisch, patriarchal. Es wird gefragt: Was sagt Jesus zu der ganz konkreten schlimmen Situation in der wir als Gemeinschaft (es geht nicht um Individuen) leben. Er ist auf der Seite der Ausgebeuteten, nicht auf der Seite der Ausbeuter, auf der Seite der Schwarzen, nicht auf der Seite der Weißen, auf der Seite der Frauen, nicht auf der Seite der Männer – und neuer: er ist auf der Seite der kolonisierten Völker, nicht auf der Seite der kolonialen Unterdrücker. Jesus Christus solidarisiert sich mit den Opfern. Er wirkt durch die Seinen als Befreier. Er gibt den Menschen Würde – so können sie ihre Würde kraftvoll durchsetzen. Dieser kollektive „Blick“ hat diese Theologie vom Sozialismus übernommen.
4.7 Betonung Jesu in Verbindung mit dem (Heiligen) Geist
Philosophen konnten in dem Menschen Jesus den „absoluten Geist“ (Hegel) den Weltgeist wiederfinden, den, der alles durchdringt, der alles erhält (vgl. Johannes-Evangelium: Logos) und von dem man sich in seinen tiefsten Gefühlen abhängig weiß, Jesu Sein wird Bewusstsein des Menschen (vgl. Schleiermacher), der allerdings auch in anderen Kulturen und Religionen wirksam ist. Diese Sicht wird auch mit dem Buddhismus verknüpft: In Jesus Christus wurde die kosmische Seele (Buddha) inkarniert (was bedeutsam ist für diejenigen, die philosophisch-theologisch intensiv den interreligiösen Dialog betreiben, z.B. Hick). Im Grunde wird die Pneumatologie (die Lehre vom Heiligen Geist) sehr eng mit Jesus verknüpft.
4.8 Fazit
Das bedeutet, dass die christologische Frage sich verlagern kann: Von einer traditionellen Christologie von oben (Deszendenz-Christologie: Gott wurde in Jesus Mensch, Jesus Christus ist Gott) zur Christologie von unten (Aszendenz-Christologie: Jesus ist Mensch – und in ihm ist Gott erkennbar).
Was auch immer über Jesus Christus zu sagen ist: Gott selbst provoziert uns damit, über Gott nachzudenken, wenn wir über Jesus Christus nachdenken. Und Gott provoziert uns damit, über uns selbst nachzudenken, wenn wir über Jesus Christus und Gott nachdenken. Gott sucht im Kerygma (der Verkündigung) den Dialog mit uns, provoziert uns zu Reaktionen: Gott verbal und aktiv ablehnend, Gott aufnehmend.