GRUNDANSÄTZE PHILOSOPHISCHER ETHIK

Aufgabe 1: Überlege

Die Aufgabe der Ethik besteht darin, über Moral, Normen, Werte, Regeln nachzudenken. Die Ethik nimmt jedoch das Gegebene nicht einfach so hin, sondern beschreibt Normen (deskriptive Ethik) und schreibt Normen vor (normative Ethik): Warum gelten die einzelnen Normen, warum sollten sie gelten – und vor allem: Wann ist eine Handlung als moralisch gut zu bezeichnen? Was bedeutet: gut?

Aufgaben 2:

Die Philosophen geben unterschiedliche Antworten.

  • Manche Antworten orientieren sich an dem Individuum,
  • manche Antworten orientieren sich an der Gemeinschaft,
  • manche versuchen einen Ausgleich zwischen Individuum und Gemeinschaft zu finden.

Dazu ein paar Grundlagen:

  1. Egoismus: Gut ist, was mir nützt,
  2. und aufgeklärter Egoismus: gut ist, was mir und dem anderen nützt.
  3. Positiver Hedonismus: Was meine Lust steigert, das ist gut,
  4. und negativer Hedonismus: was meinen Schmerz zurücknimmt, das ist gut,
  5. und Utilitarismus: was meinem und der anderen Glück/Nutzen/Vorteil dient, ist gut.
  6. Quantitativer Utilitarismus: Menge des Glücks ist relevant
  7. Qualitativer Utilitarismus: Unterscheidung zwischen niederem Glücksgefühl (körperlich) und höherem Glücksgefühl (gesitig)
  8. Handlungsutilitarismus = fördert die Handlung das Allgemeinwohl?
  9. Regelutilitarismus = stimmen Handlungen mit moralischen Regeln überein und fördern sie das Allgemeinwohl?
  10. Präferenzutilitarismus = nicht das Glück steht im Mittelpunkt, sondern die Erfüllung der Wünsche – auch der Tiere (z.B. auch Bildung).

Weitere Grundpositionen:

  • Tugendethik: Es gibt Tugenden, an die der Mensch sich zu halten hat, damit das Zusammenleben gelingt, er sich selbst „findet“. 4 Kardinaltugenden (Platon und andere): Gerechtigkeit, Maß halten / Besonnenheit, Tapferkeit, Klugheit / Weisheit; christlich ergänzt durch: Glaube, Hoffnung, Liebe – damit hat man die 7 Kardinaltugenden. Die Tugenden wurden in der Moderne weitergeführt, z.B. 7 Management-Tugenden. Den 7 Primärtugenden werden Sekundärtugenden zugeordnet. Sie helfen nur dazu, die Kardinaltugenden umzusetzen, haben also keinen moralischen Eigenwert – dazu gehören die so genannten (neutralen) „Bürgerliche Tugenden“: Fleiß, Pünktlichkeit, Disziplin, Pflichtbewusstsein, Sauberkeit und Sparsamkeit, Ehrlichkeit usw. („Neutral“ darum, weil ein Dieb auch sehr fleißig sein kann – aber sein Handeln ist unmoralisch.) Modern ist Ethify Yourself – was sich massiv von allen Religionen abgrenzt, dann aber doch weitgehend die Werte anführt, die in der christlichen Religion galten – mit Blick aber auch auf Umwelt: Gerechtigkeit, Umsicht, Balance, Selbstbestimmung, Kooperation, Fairness, Zufriedenheit, Güte, Geduld. Jede Zeit hat ihre Tugendkataloge – beachte auch die mittelalterlichen „Rittertugenden“ (Maßhalten, Anstand, Freigebigkeit, Treue).

Recherchiere – vertiefe: Was sah Platon als Tugenden an? Was sind Rittertugenden, bürgerliche, christliche Tugenden?

  • Güterethik: Menschen streben nach den höchsten Gütern/Werten. Für Aristoteles ist es das Glück. Manche erstrebt man um ihrer selbst (Gesundheit) manche erstrebt man wegen der Folgen (medizinische Behandlung). Diese Güter, die handlungsleitende Ziele sind, gilt es zu schützen, zum Beispiel das Gut: „Menschenwürdiges Leben“, Gesundheit, Bildung, Gott, Ideale, Umwelt, Frieden, Freiheit usw.

Kennst Du weitere schützenswerte Güter? Sieht das jeder so?

  • Pflichtethik: Der Mensch hat sich an Vorgegebenheiten auszurichten: soziale Pflicht, göttlichem Willen (Gehorsamsethik) unabhängig von seinem eigenen Glück. Ein Beispiel – freilich von Gott und Natur gelöst – ist der Kategorische Imperativ von Kant: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

Stimmst Du dem zu? Warum? Welche Schlussfolgerungen können Ideologien daraus ziehen?: Was ich denke ist gut – also müssen alle so handeln? Oder die Mehrheit sagt: Es ist Pflicht so und so zu handeln – also tu das. Muss man dann zustimmen?

  • Situationsethik: Jede Situation ist anders – und das Verhalten ist der jeweiligen Situation anzupassen.

Benötigt der Mensch keine festen Maßstäbe? Reagiert er angesichts unterschiedlicher Situationen vollkommen neu – oder aufgrund seiner ethischen Maßstäbe?

  • Liebesethik: Liebe – dann darfst Du alles… – Mit Liebe als Maßstab kann man auf die unterschiedlichsten Situationen flexibel reagieren. Liebe bedeutet nicht emotionale Wallungen – Liebe bedeutet, sich um das Wohl des anderen zu kümmern. Es gilt nicht zu warten, bis die Emotion der Liebe da ist, sondern sich dem anderen Menschen zuwenden.

Und wie ist das zu beurteilen, wenn man keinen Maßstab hat? Was ist „Liebe“?

  • Gesinnungsethik: Die gute Absicht gilt – nicht die Folge. Gut gemeint – das gilt; schlecht gemacht – ist zweitrangig.

Kennst Du Beispiele dafür? Überlege zum Beispiel: Um des lieben Friedens Willen Gewalttäter tun lassen, was sie wollen. Was würdest Du sagen, wenn einer sagt: Das zu denken ist sehr naiv.

  • Folgeethik: Das gute Ergebnis zählt, nicht der Weg dorthin, der kann grausam sein.

Gibt es Situationen, in denen diese Sichtweise stimmen könnte? Welche Ideologien/Weltanschauungen des 19./20. Jahrhunderts sind hier einzuordnen?

  • Verantwortungsethik: Nicht allein die Pflicht, nicht die Gesinnung, nicht die Tugenden, nicht die Güter zählen, sondern in Verantwortung abwägend handeln, das ist zentral. Verantwortung tragen kann auch vorrational sein, das heißt: ich sehe jemanden leiden – bevor ich nachdenke, helfe ich. (Unterschied zur unten genannten Mitleidsethik Schopenhauers: Bei Schopenhauer habe ich Mitleid, weil ich mich als ein Wesen sehe, das wie der andere ist; bei Levinas geht es darum, dass der andere der andere bleibt. Und ich trage Verantwortung – reagiere also nicht nur emotional. Und gerade in Zeiten, in denen Menschen aus ideologischen Gründen entmenschlicht werden und handeln, tragen sie Verantwortung, weil dieses ethische Handeln eben vorrational, ethisches Ursein ist.)

Verantwortung gegenüber wem? Mir selbst? Gegenüber Gott, den Menschen? Gegenüber den gegenwärtigen Menschen oder kommenden Generationen? Gegenüber Menschen der eigenen Familie, Nation, Kultur, weltweit?

  • Diskursethik: Alle Menschen guten Willens müssen miteinander um ethische Fragen ringen, miteinander diskutieren.

Wer entscheidet, welche Menschen „guten Willens“ sind? Was machen die Menschen „guten Willens“ mit den Menschen, die nicht guten Willens sind? Was machen die Menschen, die nicht guten Willens sind, mit den Menschen, die guten Willens sind?

  • Risikoethik: Man muss Schadensabwägung betreiben. Welche Technologien dürfen zugelassen werden, welche Medikamente…?

In welchen Bereichen unserer Gesellschaft spielt diese Frage eine große Rolle – werden die Themen unterschiedlich beantwortet – warum?

  • Mitleidsethik: Menschen erkennen im anderen sich selbst wieder und handeln entsprechend positiv.

Entspricht diese Beobachtung auch Deinen Erfahrungen? Sind das nur kurzfristige Mitleidshandlungen oder haben sie auch langfristige Folgen, zum Beispiel: ein ungerechtes politisches System ändern?

  • Schleier des Nichtwissens (Rawls): Gesellschaftspolitische ethische Entscheidungen müssen aus dem Bewusstsein heraus getroffen werden, dass die Folgen mich auch treffen könnten.

Ist es gut, Egoismus als Handlungsgrundlage zu machen? (Vgl.: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu bzw. in der jesuanischen Fassung, die allerdings von Jesus nicht egoistisch gemeint gewesen ist: Tue dem anderen das, von dem du willst, dass er es dir tue.

  • Tun-Ergehen-Zusammenhang: Sehr alt und sehr weit verbreitet ist der Gedanke des Tun-Ergehen-Zusammenhangs: Je nachdem ein Mensch sich verhält wird es ihm gut bzw. schlecht ergehen. Wir finden ihn von Gott gelöst (Schicksal) im Alten Testament, wir finden ihn im Hinduismus und Buddhismus (Karma), ebenso gibt es den Ansatz in Verbindung mit Gott. Aber das sagt nichts darüber aus, was eine Kultur als gut oder schlecht ansieht.

Fragen am Schluss: