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Prozess / Weg-Theologie

 

Einige vorangehende Anmerkungen

 

Geschichte stellt sich mir als ein Prozess, als ein Weg dar: Gott wirkt den Anfang – und in einer Wechselbeziehung mit dem Menschen geht es weiter - aber nicht allein in der Wechselbeziehung mit dem Menschen, sondern mit der gesamten Schöpfung. Die Geschichte Israels wie die der damit verbundenen Christen bekennt Gott als einen, der in Bewegung ist. Er ist kein starres Etwas. Er ist in Bewegung – somit ist er mit den Menschen eine Beziehungsgeschichte eingegangen. In dieser Beziehungsgeschichte erweist sich Gott in seinem Handeln immer wieder neu. Neu heißt freilich nicht, dass er willkürlich, chaotisch, anarchisch ist. Die Basis bleibt: Gott selbst, sein Bundesschluss, sein Wille, wie er dann letztlich in Jesus Christus sichtbar wurde bzw. im Geist Gottes sichtbar wird.

 

Die Kontinuität des Handelns Gottes in der menschlichen Chaos-Geschichte ist die treibende Kraft dieser Geschichte auf ihr Ende hin. Wir können in der Menschheitsgeschichte als Glaubende ein paar Goldfäden erkennen – aber wie diese paar Goldfäden mit dem autonomen, freien Handeln der Menschen zusammenhängen, das wird erst am Ende der Zeiten offenbar. Aber diese Goldfäden zeigen schon die Richtung an, in die die Menschheit durch Gott gedrängt wird.

Wir Menschen sind nicht in der Lage, Geschichte auf ein gutes Ende hin zu gestalten. Der Mensch steht sich selbst immer im Weg: seine Arroganz, seine Machtgelüste, die Tendenz – auch die des Guten – seine Sicht für alle verbindlich zu machen –, der Mensch baut auf, dreht sich um und zerstört. Es ist eine immer wiederkehrende Tragödie, eine Prometheus-Geschichte. Chaostheorie auf die Geschichte hin angewendet: Viele, viele chaotische Einzelheiten ergeben letztlich doch eine sinnvolle erkennbare Einheit. Das können wir allerdings nicht erkennen – Anhaltspunkte geben nur die Goldfäden Gottes.

 

Geschichtszusammenhänge können wir manchmal erst aus dem Rückblick erkennen. Menschen in der jeweiligen Zeit können nicht sehen, was aus ihrem Reden, Tun, Denken usw. werden wird. Wir können gegenwärtige Momente der Geschichte nicht aus der Gegenwart einordnen – das wird erst aus der Zukunft möglich sein. Von daher wird erst die Herrschaft Gottes den Gesamtzusammenhang der Menschheitsgeschichte einschließlich des Handelns Gottes erkennen lassen. Vorher ist das nicht möglich.

 

Dass die Geschichte Gottes und des Menschen eine Beziehungsgeschichte ist, ist aus meiner Perspektive an dem Satz des Vater-Unsers auch deutlich:

Dein Wille geschehe = durch Menschen - Gott selbst möge ihn durchsetzen.

Wir leben in einem Zustand, in dem Gott versucht, mit dem Menschen die Zukunft, die er will, zu erreichen.

 

Die Bibel zeigt uns, dass es in wichtigen Themen einen Prozess der Beziehung zwischen Gott und Mensch gibt, einen Weg, auf dem sich Gott  - bzw. Gott seinen Willen - immer stärker durchsetzt. Direkt ausgesprochen von den Propheten – aufgenommen von den frühen Christen (Verheißung – Erfüllung), auch ausgesprochen zum Beispiel in dem Gleichnis vom wachsenden Senfkorn bzw. in dem vom Sauerteig. Es geht hier nicht darum zu sagen, dass der Mensch das Reich Gottes herbeiführen kann. Das kann ich in biblischen Texten nicht erkennen, sondern Gott setzt den Menschen mit dem Gleichnis Jesu auf den Weg, für das Reich Gottes zu wirken, das er dann selbst wunderbar vollenden wird. Dass das Wirken im Sinne des Reiches Gottes der Weg der Gemeinschaft und der Liebe ist, ist an Jesus Christus, der diese Gleichnisse erzählt hat, erkennbar.

 

In der folgenden Aufzählung nenne ich ein paar Punkte, in denen ein Denk- und Erfahrungsprozess deutlich wird. Meine Intention zusammengefasst: Gott handelt an und mit dem Menschen – er ist dabei, den Menschen in seine Richtung zu lenken. In biblischen Texten finden wir Samenkörner, die sich im Laufe der Geschichte entfalten.

 

1. Krieg und Frieden

Ich habe das intensiver ausgearbeitet am Beispiel von Krieg und Frieden: https://evangelische-religion.de/krieg-friedenbibel.html

 

2. Sklaverei

Am Beispiel der Sklaverei: https://evangelische-religion.de/sklaverei.html

 

3. Opfer

Es kann auch am Beispiel des Opfers dargelegt werden:

  • Der Mensch hat soweit wir es nachvollziehen können, immer in seiner Geschichte Opfer dargebracht: Menschen, Tiere, Pflanzen. Die Opferung von Menschen wurde im jüdischen Bereich dadurch beendet, dass man sich die Geschichte von Abraham und Isaak erzählt (Genesis 22). Es muss übrigens Gott gewesen sein, der die Opferung Isaaks befahl, denn die Opferung von Menschen wurde wohl als Befehl  von den traditionellen Göttern bzw. dann in Israel von Gott verstanden und nicht einfach als eigenwillige Handlung der Menschen. Entsprechend muss der Gegenbefehl auch von Gott kommen. Als Gegenbefehl von Gott kam dann, das Menschenopfer nicht mehr zu vollziehen, statt dessen Tiere zu nehmen.
  • Menschen haben auch Tiere geopfert – und die Opferung von Tieren wurde immer stärker kritisiert: sowohl im griechisch-römischen paganen als auch im jüdischen Bereich (Stoa und Psalmen/Propheten). Die Tieropferung wurde dann dort abgeschafft, wo das Christentum Fuß fasste, weil die Kreuzigung Jesu sowohl als letzte Menschen- als auch als letzte „Tieropferung“ verstanden wurde. Entsprechend versiegte das Opfer. Warum das Menschenopfer im paganen Bereich Asiens (zumindest dort, wo es das nicht mehr gibt) als auch Griechenlands/Roms abgeschafft wurde, muss ich noch eruieren. In Amerika war es noch üblich, bevor Christen kamen. Wie war es in Afrika?

 

4. Umgang mit Tieren

Anmerkungen s.: https://evangelische-religion.de/tierethik.html

 

5. Würde

Prozess ist auch mit Blick auf Würde anzusprechen https://evangelische-religion.de/menschenw%C3%BCrde.html  Es wurde schon vorher darüber nachgedacht, so von Solon, Cicero… aber einen Innovationsschub bekam dieses Denken durch Jesus und seinen Nachfolgern. Naturrecht ist vielfach deutbar. Aber dann hat sich Jesus allen Menschen zugewendet, gerade den unteren Schichten Selbstbewusstsein gegeben. Dass das Christentum in dieser Hinsicht innovativ war, das hat Nietzsche erkannt. Würde aller Menschen wurde mit Jesus begründet: Gott wurde Mensch, das heißt: Menschen als Menschen haben Würde. Später kam in der christlichen Theologie die Begründung mit Hilfe von Genesis 1 dazu. der Mensch ist Ebenbild Gottes - jeder Mensch. Und wir sind gesellschaftspolitisch auf dem Weg dahin, zumindest theoretisch festzustellen, dass alle Menschen Würde haben. Allerdings sehen wir massives Rückschritt -Potential durch diejenigen, die das Kollektiv dem individuum vorziehen: Islam (Scharia) und China (Konfuzianismus/Kommunismus) bzw. einem Teil der Utilitaristen (https://evangelische-religion.de/singers-pr%C3%A4ferenzutilitarismus.html). Wir Menschen sind immer noch auf dem Weg. Wenn wir an Jakobus (s. Jakobusbrief im NT) denken: Er war schon weiter, was er fordert, ist heute noch nicht realisiert: Dass der Arme genauso Würde hat wie der Reiche – man denke an die öffentlich wirksamsten Medien. In ihnen ist Gleichberechtigung noch immer nicht in Sicht. Das Sagen haben die Oberen 100.

 

6. Schöpfung

Prozess auch mit Blick auf Schöpfung:

Gott erschuf laut Genesis 1 die Gattungen der Lebewesen. Den Gattungen gab er den Befehl, sich fortzupflanzen. Genesis 1 hat in der Abfolge der sieben Tage schon einen Prozess im Blick – eine Höherentwicklung der Lebewesen: Pflanzen – Fische (Schwimmer im Wasser) – Vögel (Schwimmer der Lüfte) – Landtiere – Mensch. Natürlich ist Evolution im heutigen Sinn nicht im Blick. Es ist eher statisch die Gattung im Blick, heute eher dynamisch. (Auch der Darwinismus entwickelte sich: Neo-Darwinismus [Erbmischung: mütterliche und väterliche Gene – Rückgriff auf Mendel], synthetische Evolutionstheorie [Entdeckung der DNS und die Variationen], Epigenetik [Umwelteinflüsse schalten Gene an bzw. aus, wird vererbt, aber ob Auswirkung auf Evolution ist offen]). Allerdings hat sich heute in dieser Frage etwas getan.

In der Bibel Prozess im Umgang mit der Natur (Matthäus 6) und dem Leiden der Tiere (Römer 8).

 

7. Bibel

Die Bibel ist ebenfalls in einem Kanonisierungs-Prozess entstanden. Das heißt, dass sie nicht von vornherein da war, sondern dass die im Umlauf befindlichen Schriften gesichtet und dann zusammen gestellt wurden: Dieser Aspekt ist  historisch-kritisch erschlossen, müsste aber noch einmal mit Blick auf Gottes Wirken durch den Heiligen Geist, der diesen Prozess lenkte, präzisiert werden. Zu unterscheiden sind die Prozesse der Entstehung des AT wie des NT.

 

8. Mission/Offenbarung

Am Beispiel des Erkenntnisprozesses Gottes mit Blick auf die Menschheit in ihrer Entwicklung ist erkennbar:

  • Weltweit: Ahnungen von Transzendenz: Geister – Götter…
  • Dann die Offenbarung an Abraham, einem Stammes-Führer, schon mit Blick auf ein Volk. Zudem: Die Offenbarungs-Erfahrungen des Isaak, des Jakob (der Gott der Väter/Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs),
  • dann die Offenbarung vermittelt an das Volk durch Moses und Propheten (auch in der modernen historisch-kritischen Version, dass sich das Volk Israel erst langsam konstituierte und unter diesen Gotteserfahrungen sammelte),
  • dann die Einbeziehung der Völker durch Jesus Christus und die nachkommenden Christen-Generationen – ausgesprochen wird der Prozess im Gleichnis vom wachsenden Senfkorn,
  • erst durchdrang der Glaube Nordafrika (wurde dort zurückgedrängt), hinterließ Spuren in Asien und wurde dann in Europa intensiv weiter geführt, gelangte dann auf alle anderen Kontinente durch Mission.
  • Wie es im Augenblick aussieht, verlagert sich der christliche Glaube von Europa nach Afrika, Asien, Amerika, wohl um von dort aus in Europa wieder neue Impulse zu bekommen.

 

9. Ethik

Prozess auch mit Blick auf die Werte https://www.evangelische-religion.de/christliche-ethik.html : Sie werden weiterentwickelt gleichzeitig heute vielfach vernachlässigt. Und dann kommen Kulturen und Unkulturen, die sich breit machen, weil die Gesellschaft die mühsam errungenen Werte missachtet, gegen sie argumentiert, und damit eben die Gesellschaft einen Rückschritt erfährt. Und wenn es dann wieder ganz übel ist, besinnt man sich und kehrt zu ihnen zurück und der Prozess geht zum Positiven weiter.

Großer Fortschritt im NT: Dass überhaupt über Gewalt nachgedacht wird – dass sie abgelehnt wird. Natürlich nicht in der Terminologie, die sich seitdem entwickelt hat. (Dazu s. nicht nur den folgenden Link zum Thema Krieg und Frieden: https://www.evangelische-religion.de/krieg-friedenbibel.html)

 

10. Auferstehungsglauben

Das frühe Israel kennt keinen spezifischen Auferstehungsglauben. Er hat sich erst langsam durchgesetzt – über den Weg: Gott ist ein Gott der Lebenden. Dieser Ansatz wurde dann von den frühen Christen durch die Erfahrung des auferstandenen Jesus Christus bestätigt. https://www.evangelische-religion.de/auferstehung.html