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Krieg und Frieden: Altes und Neues Testament

 

Gewalt im Alten Testament

 

Voraussetzung des Verstehens:

Israel lebte geopolitisch in einer ungünstigen Lage (zwischen Assyrien/Babylon… und Ägypten). Mit seiner Verbindung von Krieg mit Gott steht es in altorientalischer Tradition. Kriege sind aus damaliger Sicht notwendiger als Friede, um die Chaosmächte zu besiegen – das heißt: alles, was dem jeweiligen Herrscher, damit der Gottheit/den Göttern entgegensteht. Vernichtung und Demütigung der Eroberten diente dazu, Widerstand im Keim zu ersticken.

 

1.

Schöpfungsgeschichten: Gott gab dem Menschen Freiheit und Verantwortung. Er missbrauchte seine Freiheit (Genesis 1-3). Genesis 4: Menschen töten einander.

 

2.

Die Völker sind grausam und kriegsgewaltig. Gott vernichtet sie, lässt aber Noah und Familie übrig. Menschen versuchen Gott aus dem Himmel zu stoßen (Turmbau zu Babel). Folge:

Gott beruft Abraham, damit es anders werde. Dessen Enkel sind gewalttätig (Jakob/Esau) – aber Gott ist mit Jakob, vergebend und verändernd. Jakob hat gewalttätige Söhne.

 

3.

Die Kinder Israels werden in Ägypten unter Gewalttaten bedrängt. Gott befreit das Volk durch Moses mit Hilfe von Warnung und Wundern.

Josua: massive Kämpfe. Gott als Kriegsherr. Bann als Auftrag Gottes (durch Priester?) (Josua 7f. [Ai=Trümmerhaufen]; Numeri/4.Mose 21; 31 [Horma=Bannstadt]). Historisch wohl eher Infiltration und keine Expansionskriege (z.B. Gideon in: Richter 6f.).

 

Wichtig: Die jetzige Darstellung des Josuabuches durch den Deuteronomisten ist keine Lüge, sondern Menschen leben als Menschen ihrer Zeit und interpretieren ihre Welt und ihre Vergangenheit aus dieser Sicht. In babylonischer Zeit wird aus der Sicht der Völker die eigene jüdische Vergangenheit als eine des siegenden Gottes dargestellt: Unser Gott war kriegsmächtig und unser Gott beherrscht auch die Sieger-Völker.

 

4.

Der Kampf gegen Kanaan wird mit der Opferung von Kindern begründet – d.h. es geht um Menschenrechte.

 

5.

Jahwe ist Krieg, heißt es 1Samuel 17,47. Gott Zebaoth = Gott der Heere/Heerscharen (Engel) – aber feminin.

 

6.

Es gibt gerechte und ungerechte Herrscher.

 

7.

Parallel dazu: Propheten treten auf, die Könige zurechtweisen. Eintreten für Moral – Ankündigung des strafenden Gottes – Gott führt auch Krieg gegen Israel, wenn es asozial ist, damit ist Gott auch Herr der Völker, der diese, ohne dass sie es wissen, für sich einsetzen kann. (Gott ist Schöpfer – nicht nur Stammesgott = Öffnung von Gott nach Außen, trotz religiöser Volks-Abgrenzung)

 

Gegen falschen Frieden: Sie rufen Schalom, Schalom – es ist aber kein Schalom (Jeremia 6,14).

 

 

Schalom im Alten Testament:

 

Schalom

Frieden als Prozess: Gott versucht den Menschen immer stärker auf seinen Weg des Friedens zu setzen, ihn dafür zu gewinnen.

 

Zu 1.

Paradies: Bild des Friedens. Grundlage der Schöpfung. Gott sah, dass es gut war. Das zeigt auch die Sehnsucht des Menschen. Das ist die Grundlage, die die Menschheit lenkt: sie hat in sich das Ziel, auf dieses Gute zuzugehen. (Entelechie: In sich das Ziel haben – Gott wird vollenden, Gewalt und Krieg beseitigen.)

 

Zu 2.

Gott erwartet von Kain, dass er seine Sünde / Aggression beherrscht – er traut es ihm auch zu.

 

Noah = Vorbild: Wandelt mit Gott…; Noah-Bund: Gott fordert Gewalttaten durch rechtliche Sanktionen einzuschränken (9,6)

Josef Muster an Moral und Vergebung, weil gottesfürchtig. Diese Menschen zeigen, wie man sich als Mensch Gottes angemessen (friedvoll) verhält.

 

Zu 3.

Kampf Gottes gegen Gewalt mit warnenden und sich steigernden Strafwundern. Sie waren angekündigt worden. Wenn Menschen sich Gott widersetzen, hat das Folgen.

 

Das Deuteronomistische Geschichtswerk legt in diese Zeit die Kriegsgesetze (Deuteronomium/5. Buch Mose 20) vor. Soweit wir wissen: Ein Fortschritt – auch wenn sie zum Teil nicht unseren Vorstellungen entsprechen): Menschen müssen nicht in den Krieg ziehen (wer ein Haus gebaut hat, geheiratet hat, Angst hat…), Schonung der Obstbäume, Unterscheidung zwischen Kriege gegen nahe Städte und ferne Städte, Aufruf zum „Frieden“/Kapitulation, Umgang mit Frauen (Trauerzeit einhalten, nicht als Sklavin verkaufen).

 

Zu 4.

Amos 1-2: Krieg Gottes wegen Verletzung von Menschenrechten. Gott ist gerecht, setzt Gerechtigkeit durch.

 

Zu 6.

Herrscherspiegel (Samuel-, Königs-, Chronikbücher)

Regeln für sozialen Frieden z.B. 10 Gebote, umfassender: 3. Mose/Levitikus 19

 

Zu 7.

Friedensvisionen/-kriegskritische Texte – im Kontext kriegerischer Texte: Hosea 2,20, Jesaja 2,4/Micha 4,3-5; 9,1-6; 11; 30,15-17, Ezechiel 39,9f, Jesaja 42,13; 65,17-25, Sacharja 4,6; 9,9-17; Haggai 2,2; Psalm 46,10; 85,9ff.; 72,3. Frieden nach Sieg über Gegner – weil Gott Gegner bekämpfen wird.

Manche andere Texte sprechen auch die Hoffnung nach Schalom aus.

Gott ist nicht auf der Seite der Mächtigen, er ist auf der Seite der Opfer: Jesaja 52,13-53,12.

 

 

Krieg und Frieden im Neuen Testament

 

Jesus Christus

  • Mit Jesus Christus gab es ganz neue Impulse (Feindesliebe – als imitatio Dei / Nachfolge Gottes, Grenzen überschreitend…): innerer Friede – Friede mit Gott – sozialer Friede.
  • Der Gewaltwelt – die als selbstverständlich hingenommen wird (Mt 24,6; Lk 14,31) - wird eine andere entgegengestellt: Die Gemeinde soll als Kinder Gottes eine Enklave des Friedens werden, die nach außen ausstrahlt und Welt verändert.

 

  • Die Sehnsucht nach Schalom im Reich Gottes wird zum Antrieb für das Handeln in der gewalttätigen Welt.
  • Seligpreisungen (Mt 5,9): Selig, die Frieden stiften (pax facere > Pazifisten)
  • Grenzüberschreitend: Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lukas 10,25ff.)
  • Wunder am Sklaven des heidnischen Soldaten (Mt 8,5ff.).
  • Friedensstifter (Jünger – Mt 10,13/Lk 10,5f.) werden allerdings verfolgt (Mt 10,34), werden aber von Gott gerechtfertigt.
  • Exorzistische Tätigkeit: Menschen werden aus Gewaltstrukturen befreit.

 

Woher wissen Christen, dass es aus Gottes Perspektive auf Frieden ankommt und nicht auf Krieg und Gewalt? Jesus lebte und lehrte Frieden. Gott hat ihn dann auferweckt, das heißt, er hat sich zur Lehre und zum Handeln Jesu bekannt.

 

Frühe Gemeinde

Jesus Christus wird als „Gegenmodell“ zu Augustus (dem Vertreter des gewalttätigen römischen Reiches) gesehen:

Weihnachtsgeschichte des Lukas: Frieden auf Erden durch Gottes Menschwerdung/Kind – Akklamation Gottes durch Engel – statt Akklamation des Caesar durch Soldaten (Lukas 2,13f.). Jesus Christus als Licht, das allen Menschen leuchtet und sie auf den Weg des Friedens führen wird (Lukas 1,79).

 

Die Zugehörigkeit zu Jesus Christus bringt Frieden (Johannes 14,27; 16,33). Der atl. Aussage: Jahwe ist Krieg wird die Aussage entgegengesetzt: Jahwe/Gott ist Liebe (1. Johannes 4,8).

 

Das Thema Frieden in verschiedenem Sinn ist wichtig für den Apostel Paulus:

Frieden mit Gott als Voraussetzung für

Frieden mit sich selbst,

Frieden mit den Mitmenschen,

Frieden innerhalb der Gemeinde.

Gott wird als Gott des Friedens bezeichnet, der Heilige Geist wirkt Frieden.

 

Es wird deutlich: Es geht den frühen Christen nicht um Frieden zwischen Staaten. Dazu waren die kleinen verstreuten Gemeinden auch zu unbedeutend – bestanden zum Teil ja auch aus Sklaven und hierarchisch übersehenen Menschen. Zudem gab es noch keine Staaten im gegenwärtigen Verständnis. Der Versuch bestand darin, die Menschen im Sinne Gottes zum Frieden zu bewegen („Evangelium des Friedens“), sich als Gemeinden zu vernetzen, damit die Gesellschaft befriedet wird.

 

 

Zusammenfassung:

Gott begleitet den freien Menschen (der sich gegen Gott und gegen den Mitmenschen stellt, somit seiner Verantwortung nicht gerecht wird), indem er verschiedene Wege geht, um Menschen zu sozialen Wesen zu machen: Appell an seine Stärke gegenüber kriminelle Anwandlungen (Kain), Bestrafung und Rettung (Noah), Gebote (Mose/Deuteronomium), einfordern der göttlichen Gebote (Propheten), vor Augen malen einer Welt des Schalom (Schöpfungsgeschichte/Paradies, prophetische Friedenstexte). Im NT dadurch, dass die Gewaltwelt durch eine Parallelwelt des Schalom durchdrungen werden soll.

Geschichte, die die Bibel zeigt, ist eine Beziehungsgeschichte: Gott fordert vom Menschen – aber immer nur soweit der Mensch es überhaupt verstehen kann. Wenn der Mensch es verstanden hat, geht Gott weiter.

 

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